Beschreibung

Freud gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts; seine Theorien und Methoden werden bis heute kontrovers diskutiert. Dieser Band beinhaltet folgende Schriften: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben Aus der Geschichte einer infantilen Neurose Bruchstück einer Hysterie-Analyse Das Unbehagen in der Kultur Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten

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Gesammelte Werke, Band 1

Sigmund Freud

Inhalt:

Sigmund Freud – Biografie und Bibliografie

Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben

I - Einleitung

II - Krankengeschichte und Analyse

III - Epikrise

1

2

3

Nachschrift zur Analyse des kleinen Hans

Aus der Geschichte einer infantilen Neurose

I - Vorbemerkungen

II - Übersicht des Milieus und der Krankengeschichte

III - Die Verführung und ihre nächsten Folgen

IV - Der Traum und die Urszene

V - Einige Diskussionen

VI - Die Zwangsneurose

VII - Analerotik und Kastrationskomplex

VIII - Nachträge aus der Urzeit – Lösung

IX - Zusammenfassungen und Probleme

Bruchstück einer Hysterie-Analyse

Vorwort

I - Der Krankheitszustand

II - Der erste Traum

III - Der zweite Traum

IV - Nachwort

Das Unbehagen in der Kultur

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten

A. Analytischer Teil

I Einleitung

II Die Technik des Witzes

III Die Tendenzen des Witzes

B. Synthetischer Teil

IV Der Lustmechanismus und die Psychogenese des Witzes

V Die Motive des Witzes Der Witz als sozialer Vorgang

C. Theoretischer Teil

VI Die Beziehung des Witzes zum Traum und zum Unbewußten

VII Der Witz und die Arten des Komischen

Gesammelte Werke 1, Sigmund Freud

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849614249

Coverdesign: Lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported. Urheber: Flybit43. Die Lizenzbedingungen zur Weitervernwendung sind zu finden unter http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de.

Sigmund Freud – Biografie und Bibliografie

Geb. 6. Mai 1856 in Freiberg (Mähren), gest. 23. September 1939 in London, Prof. der Nervenheilkunde in Wien, Herausgeber der »Schriften zur angewandten Seelenkunde«.

Unter Psychoanalyse versteht F. die Aufdeckung des »Verborgenen, Vergessenen, Verdrängten im Seelenleben«. In seinen »psychoanalytischen« Untersuchungen betont F. den Anteil des Sexuellen am Seelenleben, ferner die Rolle des Unbewußten. Triebe, die nicht befriedigt werden und nicht »abreagiert« sind, drängen nach Erfüllung, nehmen dabei oft eine andere Richtung (»symbolische« Befriedigung). Der Traum ist wesentlich »Wunscherfüllung«. Ein nicht zur Erledigung gelangter »Tagesrest«, ein »latenter Traumgedanke«, der während des Tages aufgebaut, aber nicht zur Erledigung gelangt ist, wird durch die Traumarbeit in einen Traum verwandelt. »Der uns den Traumgedanken hervorgehende Wunsch bildet die Vorstufe und später den Kern des Traumes.« Der »manifeste« Traum ist nach F. eine »verkappte Erfüllung verdrängter Wünsche«, eine Entstellung der »latenten Traumgedanken«. Der Witz beruht auf unbewußt hergestellten Vorstellungsverbindungen.

WICHTIGSTE WERKE:

1887 Studie Über Coca1893 Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene1895 Entwurf einer Psychologie1895 Studien über Hysterie.1896 Zur Ätiologie der Hysterie1900 Die Traumdeutung1904 Zur Psychopathologie des Alltagslebens1905 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie1908 Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität.1910 Über Psychoanalyse1910 Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci1913 Totem und Tabu1914 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung1915 Zeitgemäßes über Krieg und Tod1916 Trauer und Melancholie1917 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse1919 Das Unheimliche1920 Jenseits des Lustprinzips1921 Massenpsychologie und Ich-Analyse1923 Das Ich und das Es1925 Selbstdarstellung1927 Die Zukunft einer Illusion1930 Das Unbehagen in der Kultur1933 Warum Krieg? (Briefwechsel mit Albert Einstein)1933 Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse1937 Die endliche und die unendliche Analyse1939 Der Mann Moses und die monotheistische Religion

Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben

I - Einleitung

Die auf den folgenden Blättern darzustellende Kranken- und Heilungsgeschichte eines sehr jugendlichen Patienten entstammt, streng genommen, nicht meiner Beobachtung. Ich habe zwar den Plan der Behandlung im ganzen geleitet und auch ein einziges Mal in einem Gespräche mit dem Knaben persönlich eingegriffen; die Behandlung selbst hat aber der Vater des Kleinen durchgeführt, dem ich für die Überlassung seiner Notizen zum Zwecke der Veröffentlichung zu ernstem Danke verpflichtet bin. Das Verdienst des Vaters reicht aber weiter; ich meine, es wäre einer anderen Person überhaupt nicht gelungen, das Kind zu solchen Bekenntnissen zu bewegen; die Sachkenntnis, vermöge welcher der Vater die Äußerungen seines 5jährigen Sohnes zu deuten verstand, hätte sich nicht ersetzen lassen, die technischen Schwierigkeiten einer Psychoanalyse in so zartem Alter wären unüberwindbar geblieben. Nur die Vereinigung der väterlichen und der ärztlichen Autorität in einer Person, das Zusammentreffen des zärtlichen Interesses mit dem wissenschaftlichen bei derselben, haben es in diesem einen Falle ermöglicht, von der Methode eine Anwendung zu machen, zu welcher sie sonst ungeeignet gewesen wäre.

Der besondere Wert dieser Beobachtung ruht aber in Folgendem: Der Arzt, der einen erwachsenen Nervösen psychoanalytisch behandelt, gelangt durch seine Arbeit des schichtweisen Aufdeckens psychischer Bildungen schließlich zu gewissen Annahmen über die infantile Sexualität, in deren Komponenten er die Triebkräfte aller neurotischen Symptome des späteren Lebens gefunden zu haben glaubt. Ich habe diese Annahmen in meinen 1905 veröffentlichen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie dargelegt; ich weiß, daß sie dem Fernerstehenden ebenso befremdend erscheinen wie dem Psychoanalytiker unabweisbar. Aber auch der Psychoanalytiker darf sich den Wunsch nach einem direkteren, auf kürzerem Wege gewonnenen Beweise jener fundamentalen Sätze eingestehen. Sollte es denn unmöglich sein, unmittelbar am Kinde in aller Lebensfrische jene sexuellen Regungen und Wunschbildungen zu erfahren, die wir beim Gealterten mit soviel Mühe aus ihren Verschüttungen ausgraben, von denen wir noch überdies behaupten, daß sie konstitutionelles Gemeingut aller Menschen sind und sich beim Neurotiker nur verstärkt oder verzerrt zeigen?

In solcher Absicht pflege ich meine Schüler und Freunde seit Jahren anzueifern, daß sie Beobachtungen über das zumeist geschickt übersehene oder absichtlich verleugnete Sexualleben der Kinder sammeln mögen. Unter dem Material, welches infolge dieser Aufforderung in meine Hände gelangte, nahmen die fortlaufenden Nachrichten über den kleinen Hans bald eine hervorragende Stelle ein. Seine Eltern, die beide zu meinen nächsten Anhängern gehörten, waren übereingekommen, ihr erstes Kind mit nicht mehr Zwang zu erziehen, als zur Erhaltung guter Sitte unbedingt erforderlich werden sollte, und da das Kind sich zu einem heiteren, gutartigen und aufgeweckten Buben entwickelte, nahm der Versuch, ihn ohne Einschüchterung aufwachsen und sich äußern zu lassen, seinen guten Fortgang. Ich gebe nun die Aufzeichnungen des Vaters über den kleinen Hans wieder, wie sie mir zugetragen wurden, und werde mich selbstverständlich jedes Versuches enthalten, Naivität und Aufrichtigkeit der Kinderstube durch konventionelle Entstellungen zu stören.

Die ersten Mitteilungen über Hans datieren aus der Zeit, da er noch nicht ganz drei Jahre alt war. Er äußerte damals durch verschiedene Reden und Fragen ein ganz besonders lebhaftes Interesse für den Teil seines Körpers, den er als »Wiwimacher« zu bezeichnen gewohnt war. So richtete er einmal an seine Mutter die Frage:

Hans: »Mama hast du auch einen Wiwimacher?«

Mama: »Selbstverständlich. Weshalb?«

Hans: »Ich hab' nur gedacht.«

Im gleichen Alter kommt er einmal in einen Stall und sieht, wie eine Kuh gemolken wird. »Schau, aus dem Wiwimacher kommt Milch.«

Schon diese ersten Beobachtungen machen die Erwartung rege, daß vieles, wenn nicht das meiste, was uns der kleine Hans zeigt, sich als typisch für die Sexualentwicklung des Kindes herausstellen wird. Ich habe einmal ausgeführt , daß man nicht zu sehr entsetzt zu sein braucht, wenn man bei einem weiblichen Wesen die Vorstellung vom Saugen am männlichen Gliede findet. Diese anstößige Regung habe eine sehr harmlose Abkunft, da sie sich vom Saugen an der Mutterbrust ableitet, wobei das Euter der Kuh – seiner Natur nach eine Mamma, seiner Gestalt und Lage nach ein Penis – eine passende Vermittlung übernimmt. Die Entdeckung des kleinen Hans bestätigt den letzten Teil meiner Aufstellung.

Sein Interesse für den Wiwimacher ist indes kein bloß theoretisches; wie zu vermuten stand, reizt es ihn auch zu Berührungen des Gliedes. Im Alter von 3½ Jahren wird er von der Mutter, die Hand am Penis, betroffen. Diese droht :»Wenn du das machst, lass' ich den Dr. A. kommen, der schneidet dir den Wiwimacher ab. Womit wirst du dann Wiwi machen?«

Hans: »Mit dem Popo.«

Er antwortet noch ohne Schuldbewußtsein, aber er erwirbt bei diesem Anlasse den »Kastrationskomplex«, den man in den Analysen der Neurotiker so oft erschließen muß, während sie sich sämtlich gegen die Anerkennung desselben heftig sträuben. Über die Bedeutung dieses Elements der Kindergeschichte wäre viel Wichtiges zu sagen. Der »Kastrationskomplex« hat im Mythus (und zwar nicht nur im griechischen) auffällige Spuren hinterlassen; ich habe seine Rolle in einer Stelle der Traumdeutung (S. 385 der zweiten Auflage, 7. Aufl. S. 456) und noch anderwärts gestreift .

Etwa im gleichen Alter (3½ Jahre) ruft er in Schönbrunn vor dem Löwenkäfige freudig erregt aus: »Ich hab' den Wiwimacher vom Löwen gesehen.«

Die Tiere verdanken ein gutes Stück der Bedeutung, die sie im Mythus und im Märchen haben, der Offenheit, mit der sie dem kleinen, wißbegierigen Menschenkinde ihre Genitalien und ihre sexuellen Funktionen zeigen. Die sexuelle Neugierde unseres Hans leidet wohl keinen Zweifel, aber sie macht ihn auch zum Forscher, gestattet ihm richtige begriffliche Erkenntnisse.

Er sieht auf dem Bahnhofe, 3¾ Jahre alt, wie aus einer Lokomotive Wasser ausgelassen wird. »Schau, die Lokomotive macht Wiwi. Wo hat sie denn den Wiwimacher?«

Nach einer Weile setzt er nachdenklich hinzu: »Ein Hund und ein Pferd hat einen Wiwimacher; ein Tisch und ein Sessel nicht.« So hat er ein wesentliches Kennzeichen für die Unterscheidung des Lebenden vom Leblosen gewonnen.

Wißbegierde und sexuelle Neugierde scheinen untrennbar voneinander zu sein. Hans' Neugierde erstreckt sich ganz besonders auf die Eltern.

Hans, 3¾ Jahre: »Papa, hast du auch einen Wiwimacher?«

Vater: »Ja, natürlich.«

Hans: »Aber ich hab' ihn nie gesehen, wenn du dich ausgezogen hast.«

Ein andermal sieht er gespannt zu, wie sich die Mama vor dem Schlafengehen entkleidet. Diese fragt: »Was schaust du denn so?«

Hans: »Ich schau' nur, ob du auch einen Wiwimacher hast?«

Mama: »Natürlich. Hast du denn das nicht gewußt?«

Hans: »Nein, ich hab' gedacht, weil du so groß bist, hast du einen Wiwimacher wie ein Pferd.«

Wir wollen uns diese Erwartung des kleinen Hans merken; sie wird später zu Bedeutung kommen.

Das große Ereignis in Hansens Leben ist aber die Geburt seiner kleinen Schwester Hanna, als er genau 3½ Jahre alt war (April 1903 bis Oktober 1906). Sein Benehmen bei diesem Anlasse wurde vom Vater unmittelbar notiert:

Früh um 5 Uhr, mit dem Beginne der Wehen, wird Hans' Bett ins Nebenzimmer gebracht; hier erwacht er um 7 Uhr und hört das Stöhnen der Gebärenden, worauf er fragt: »Was hustet denn die Mama?« – Nach einer Pause: »Heut' kommt gewiß der Storch.«

Man hat ihm natürlich in den letzten Tagen oft gesagt, der Storch wird ein Mäderl oder Buberl bringen, und er verbindet das ungewohnte Stöhnen ganz richtig mit der Ankunft des Storches.

Später wird er in die Küche gebracht; im Vorzimmer sieht er die Tasche des Arztes und fragt: »Was ist das?«, worauf man ihm sagt: »Eine Tasche.« Er dann überzeugt: »Heut' kommt der Storch.« Nach der Entbindung kommt die Hebamme in die Küche und Hans hört, wie sie anordnet, man möge einen Tee kochen, worauf er sagt: »Aha, weil die Mammi hustet, bekommt sie einen Tee.« Er wird dann ins Zimmer gerufen, schaut aber nicht auf die Mama, sondern auf die Gefäße mit blutigem Wasser, die noch im Zimmer stehen, und bemerkt, auf die blutige Leibschüssel deutend, befremdet: »Aber aus meinem Wiwimacher kommt kein Blut.«

Alle seine Aussprüche zeigen, daß er das Ungewöhnliche der Situation mit der Ankunft des Storches in Zusammenhang bringt. Er macht zu allem, was er sieht, eine sehr mißtrauische, gespannte Miene, und zweifellos hat sich das erste Mißtrauen gegen den Storch bei ihm festgesetzt.

Hans ist auf den neuen Ankömmling sehr eifersüchtig und sagt, wenn irgendwer sie lobt, schön findet usw., sofort höhnisch: »Aber sie hat noch keine Zähne .« Als er sie nämlich zum erstenmal sah, war er sehr überrascht, daß sie nicht sprechen kann, und meinte, sie könne nicht sprechen, weil sie keine Zähne habe. Er wird in den ersten Tagen selbstverständlich sehr zurückgesetzt und erkrankt plötzlich an Angina. Im Fieber hört man ihn sagen: »Aber ich will kein Schwesterl haben!«

Nach etwa einem halben Jahre ist die Eifersucht überwunden, und er wird ein ebenso zärtlicher wie seiner Überlegenheit bewußter Bruder .

Ein wenig später sieht Hans zu, wie man seine einwöchentliche Schwester badet. Er bemerkt: »Aber ihr Wiwimacher ist noch klein«, und setzt wie tröstend hinzu: »Wenn sie wachst, wird er schon größer werden .«

Im gleichen Alter, zu 3¾ Jahren, liefert Hans die erste Erzählung eines Traumes. »Heute, wie ich geschlafen habe, habe ich geglaubt, ich bin in Gmunden mit der Mariedl.«

Mariedl ist die 13jährige Tochter des Hausherrn, die oft mit ihm gespielt hat.

Wie nun der Vater den Traum der Mutter in seiner Gegenwart erzählt, bemerkt Hans richtigstellend: »Nicht mit der Mariedl, ganz allein mit der Mariedl.«

Hiezu ist zu bemerken:

Hans war im Sommer 1906 in Gmunden, wo er sich den Tag über mit den Hausherrnkindern herumtrieb. Als wir von Gmunden abreisten, glaubten wir, daß ihm der Abschied und die Übersiedlung in die Stadt schwerfallen würden. Dies war überraschenderweise nicht der Fall. Er freute sich offenbar über die Abwechslung und erzählte durch mehrere Wochen sehr wenig von Gmunden. Erst nach Ablauf von Wochen stiegen öfter lebhaft gefärbte Erinnerungen an die in Gmunden verbrachte Zeit in ihm auf. Seit etwa 4 Wochen verarbeitet er diese Erinnerungen zu Phantasien. Er phantasiert, daß er mit den Kindern Berta, Olga und Fritzl spielt, spricht mit ihnen, als ob sie gegenwärtig wären, und ist imstande, sich stundenlang so zu unterhalten. Jetzt, wo er eine Schwester bekommen hat und ihn offenbar das Problem des Kinderkriegens beschäftigt, nennt er Berta und Olga nur mehr »seine Kinder« und fügt einmal hinzu: »Auch meine Kinder, Berta und Olga, hat der Storch gebracht.« Der Traum, jetzt nach 6monatlicher Abwesenheit von Gmunden, ist offenbar als Ausdruck seiner Sehnsucht, nach Gmunden zu fahren, zu verstehen.

So weit der Vater; ich bemerke vorgreifend, daß Hans mit der letzten Äußerung über seine Kinder, die der Storch gebracht haben soll, einem in ihm steckenden Zweifel laut widerspricht. Der Vater hat zum Glück mancherlei notiert, was später zu ungeahntem Werte kommen sollte.

Ich zeichne Hans, der in letzter Zeit öfter in Schönbrunn war, eine Giraffe. Er sagt mir: »Zeichne doch auch den Wiwimacher.«

Ich darauf: »Zeichne du ihn selbst dazu.« Hierauf fügt er an das Bild der Giraffe folgenden Strich (die

Zeichnung liegt bei), den er zuerst kurz zieht und dem er dann ein Stück hinzufügt, indem er bemerkt: »Der Wiwimacher ist länger.«

Ich gehe mit Hans an einem Pferde vorbei, das uriniert. Er sagt: »Das Pferd hat den Wiwimacher unten so wie ich.«

Er sieht zu, wie man seine 3monatliche Schwester badet, und sagt bedauernd: »Sie hat einen ganz, ganz kleinen Wiwimacher.«

Er erhält eine Puppe zum Spielen, die er auskleidet. Er schaut sie sorgfältig an und sagt: »Die hat aber einen ganz kleinen Wiwimacher.«

Wir wissen bereits, daß es ihm mit dieser Formel möglich gemacht ist, seine Entdeckung (vgl. S. 16) aufrechtzuhalten.

Jeder Forscher ist in Gefahr, gelegentlich dem Irrtume zu verfallen. Ein Trost bleibt es, wenn er, wie unser Hans im nächsten Beispiele, nicht allein irrt, sondern sich zur Entschuldigung auf den Sprachgebrauch berufen kann. Er sieht nämlich in seinem Bilderbuche einen Affen und zeigt auf dessen aufwärts geringelten Schwanz: »Schau, Vatti, der Wiwimacher.«

In seinem Interesse für den Wiwimacher hat er sich ein ganz besonderes Spiel ausgedacht.

Im Vorzimmer ist der Abort und eine dunkle Holzkammer. Seit einiger Zeit geht Hans in die Holzkammer und sagt: »Ich geh' in mein Klosett.« Einmal schaue ich hinein, um zu sehen, was er in der dunklen Kammer macht. Er exhibiert und sagt: »Ich mache Wiwi.« Das heißt also: er »spielt« Klosett. Der Spielcharakter erhellt nicht nur daraus, daß er das Wiwimachen bloß fingiert und nicht etwa wirklich ausführt, sondern auch daraus, daß er nicht ins Klosett geht, was eigentlich viel einfacher wäre, vielmehr die Holzkammer vorzieht, die er »sein Klosett« heißt.

Wir würden Hans unrecht tun, wenn wir nur die autoerotischen Züge seines Sexuallebens verfolgten. Sein Vater hat uns ausführliche Beobachtungen über seine Liebesbeziehungen zu anderen Kindern mitzuteilen, aus denen sich eine »Objektwahl« wie beim Erwachsenen ergibt. Freilich auch eine ganz bemerkenswerte Beweglichkeit und polygamische Veranlagung.

Im Winter (3¾ Jahre) nehme ich Hans auf den Eislaufplatz mit und mache ihn mit den beiden etwa 10 Jahre alten Töchterchen meines Kollegen N. bekannt. Hans setzt sich neben sie, die im Gefühle ihres reifen Alters ziemlich verächtlich auf den Knirps herabblicken, und schaut sie verehrungsvoll an, was ihnen keinen großen Eindruck macht. Hans spricht trotzdem von ihnen nur als »meine Mäderln«. »Wo sind denn meine Mäderln? Wann kommen denn meine Mäderln?« und quält mich zu Hause einige Wochen lang mit der Frage: »Wann geh' ich wieder auf den Eisplatz zu meinen Mäderln?«

Ein 5jähriger Cousin von Hans ist bei dem nun 4jährigen zu Besuch. Hans umarmt ihn fortwährend und sagt einmal bei einer solchen zärtlichen Umarmung: »Ich hab' dich aber lieb.«

Es ist dies der erste, aber nicht der letzte Zug von Homosexualität, dem wir bei Hans begegnen werden. Unser kleiner Hans scheint wirklich ein Ausbund aller Schlechtigkeiten zu sein!

Wir sind in eine neue Wohnung eingezogen. (Hans ist 4 Jahre alt.) Von der Küche führt die Tür auf einen Klopfbalkon, von wo aus man in eine vis-à-vis gelegene Hofwohnung sieht. Hier hat Hans ein etwa 7–8jähriges Mäderl entdeckt. Er setzt sich nun, um sie zu bewundern, auf die Stufe, die zum Klopfbalkon führt, und bleibt dort stundenlang sitzen. Speziell um 4 Uhr p. m., wenn das Mäderl aus der Schule kommt, ist er nicht im Zimmer zu halten und läßt sich nicht abbringen, seinen Beobachtungsposten zu beziehen. Einmal, als das Mäderl sich nicht zur gewohnten Stunde beim Fenster zeigt, wird Hans ganz unruhig und belästigt die Hausleute mit Fragen: »Wann kommt das Mäderl? Wo ist das Mäderl?« usw. Wenn sie dann erscheint, ist er ganz selig und wendet den Blick von der Wohnung gegenüber nicht mehr ab. Die Heftigkeit, mit der diese »Liebe per Distanz« auftrat, findet ihre Erklärung darin, daß Hans keinen Kameraden und keine Gespielin hat. Zur normalen Entwicklung des Kindes gehört offenbar reichlicher Verkehr mit anderen Kindern.

Dieser wird dann Hans zuteil, als wir kurz darauf (4½Jahre) zum Sommeraufenthalte nach Gmunden übersiedeln. In unserem Hause sind seine Spielgefährten die Kinder des Hausherrn: Franzl (etwa 12 Jahre), Fritzl (8 Jahre), Olga (7 Jahre), Berta (5 Jahre) und überdies die Nachbarkinder: Anna (10 Jahre) und noch zwei Mäderl im Alter von 9 und 7 Jahren, deren Namen ich nicht mehr weiß. Sein Liebling ist Fritzl, den er oft umarmt und seiner Liebe versichert. Er wird einmal gefragt: »Welches von den Mäderln hast du denn am liebsten?« Er antwortet: »Den Fritzl.« Gleichzeitig ist er gegen die Mädchen sehr aggressiv, männlich, erobernd, umarmt sie und küßt sie ab, was sich namentlich Berta ganz gerne gefallen läßt. Als Berta eines Abends aus dem Zimmer kommt, umhalst er sie und sagt im zärtlichsten Tone: »Berta, du bist aber lieb«, was ihn übrigens nicht hindert, auch die anderen zu küssen und seiner Liebe zu versichern. Auch die etwa 14 Jahre alte Mariedl, ebenfalls eine Tochter des Hausherrn, die mit ihm spielt, hat er gerne und sagt eines Abends, als er zu Bette gebracht wird: »Die Mariedl soll bei mir schlafen.« Auf die Antwort: »Das geht nicht«, sagt er: »So soll sie bei der Mammi oder dem Vatti schlafen.« Man erwidert ihm: »Auch das geht nicht, die Mariedl muß bei ihren Eltern schlafen«, und nun entwickelt sich folgender Dialog:

Hans: »So geh' ich halt hinunter zur Mariedl schlafen.«

Mama: »Du willst wirklich von der Mammi weggehen, um unten zu schlafen?«

Hans: »No, früh komm' ich doch wieder herauf zum Kaffeetrinken und Aufdieseitegehen.«

Mama: »Wenn du wirklich von Vatti und Mammi gehen willst, so nimm dir deinen Rock und deine Hose und – adieu!«

Hans nimmt wirklich seine Kleider und geht zur Treppe, um zur Mariedl schlafen zu gehen, wird natürlich zurückgeholt.

(Hinter dem Wunsche: »Die Mariedl soll bei uns schlafen«, steckt natürlich der andere: Die Mariedl, mit der er so gerne beisammen ist, soll in unsere Hausgemeinschaft aufgenommen werden. Zweifellos sind aber dadurch, daß Vater und Mutter Hans, wenn auch nicht allzu häufig, in ihr Bett nahmen, bei diesem Beieinanderliegen erotische Gefühle in ihm erweckt worden, und der Wunsch, bei der Mariedl zu schlafen, hat auch seinen erotischen Sinn. Bei Vater oder Mutter im Bette liegen, ist für Hans wie für alle Kinder eine Quelle erotischer Regungen.)

Unser kleiner Hans hat sich bei der Herausforderung der Mutter benommen wie ein rechter Mann, trotz seiner homosexuellen Anwandlungen.

Auch in dem folgenden Falle sagte Hans zur Mammi: »Du, ich möcht einmal so gerne mit dem Mäderl schlafen.« Dieser Fall gibt uns reichlich Gelegenheit zur Unterhaltung, denn Hans benimmt sich hier wirklich wie ein Großer, der verliebt ist. In das Gasthaus, wo wir zu Mittag essen, kommt seit einigen Tagen ein etwa 8jähriges hübsches Mädchen, in das sich Hans natürlich sofort verliebt. Er dreht sich auf seinem Sessel fortwährend um, um nach ihr zu schielen, stellt sich, nachdem er gegessen hat, in ihrer Nähe auf, um mit ihr zu kokettieren, wird aber feuerrot, wenn man ihn dabei beobachtet. Wird sein Blick von dem Mäderl erwidert, so schaut er sofort verschämt auf die entgegengesetzte Seite. Sein Benehmen ist natürlich ein großes Gaudium für alle Gasthausgäste. Jeden Tag, wenn er ins Gasthaus geführt wird, fragt er: »Glaubst du, wird das Mäderl heute dort sein?« Wenn sie endlich kommt, wird er ganz rot wie ein Erwachsener im gleichen Falle. Einmal kommt er glückselig zu mir und flüstert mir ins Ohr: »Du, ich weiß schon, wo das Mäderl wohnt. Dort und dort habe ich gesehen, wie sie die Stiege hinaufgegangen ist.« Während er sich gegen die Mäderl im Hause aggressiv benimmt, ist er hier ein platonisch schmachtender Verehrer. Dies hängt vielleicht damit zusammen, daß die Mäderl im Hause Dorfkinder sind, diese aber eine kultivierte Dame. Daß er einmal sagt, er möchte mit ihr schlafen, ist schon erwähnt worden.

Da ich Hans nicht in der bisherigen seelischen Spannung lassen will, in die ihn seine Liebe zu dem Mäderl versetzt hat, habe ich seine Bekanntschaft mit ihr vermittelt und das Mäderl eingeladen, nachmittags zu ihm in den Garten zu kommen, wenn er seinen Nachmittagsschlaf absolviert hat. Hans ist durch die Erwartung, daß das Mäderl zu ihm kommen wird, so aufgeregt, daß er zum erstenmal am Nachmittage nicht schläft, sondern sich unruhig im Bette hin und her wälzt. Die Mama fragt ihn: »Warum schläfst du nicht? Denkst du vielleicht an das Mäderl?«, worauf er beglückt »ja« sagt. Er hat auch, als er aus dem Gasthofe nach Hause kam, allen Leuten im Hause erzählt: »Du, heute kommt mein Mäderl zu mir«, und die 14jährige Mariedl berichtet, daß er sie fortwährend gefragt hat: »Du, glaubst du, daß sie mit mir lieb sein wird? Glaubst du, daß sie mir einen Kuß geben wird, wenn ich sie küß?« u. dgl.

Nachmittags regnete es aber, und so unterblieb der Besuch, worauf sich Hans mit Berta und Olga tröstete.

Weitere Beobachtungen noch aus der Zeit des Sommeraufenthaltes lassen vermuten, daß sich bei dem Kleinen allerlei Neues vorbereitet.

Hans, 4¼ Jahre. Heute früh wird Hans von seiner Mama wie täglich gebadet und nach dem Bade abgetrocknet und eingepudert. Wie die Mama bei seinem Penis, und zwar vorsichtig, um ihn nicht zu berühren, pudert, sagt Hans: »Warum gibst du denn nicht den Finger hin?«

Mama: »Weil das eine Schweinerei ist.«

Hans: »Was ist das? Eine Schweinerei? Warum denn?«

Mama: »Weil es unanständig ist.«

Hans (lachend): »Aber lustig!«

Ein etwa gleichzeitiger Traum unseres Hans kontrastiert recht auffällig mit der Dreistigkeit, die er gegen die Mutter gezeigt hat. Es ist der erste durch Entstellung unkenntliche Traum des Kindes. Dem Scharfsinne des Vaters ist es aber gelungen, ihm die Lösung abzugewinnen.

Hans, 4¼ Jahre. Traum. Heute früh kommt Hans auf und erzählt: »Du, heute nachts habe ich gedacht: Einer sagt: Wer will zu mir kommen? Dann sagt jemand: Ich. Dann muß er ihn Wiwi machen lassen.«

Weitere Fragen stellten klar, daß diesem Traume alles Visuelle fehlt, daß er dem reinen type auditif angehört. Hans spielt seit einigen Tagen mit den Kindern des Hausherrn, darunter seine Freundinnen Olga (7 Jahre) und Berta (5 Jahre), Gesellschaftsspiele, auch Pfänderauslösen. (A.: Wem gehört das Pfand in meiner Hand? B.: Mir. Dann wird bestimmt, was B. zu tun hat.) Diesem Pfänderspiele ist der Traum nachgebildet, nur wünscht Hans, daß derjenige, der das Pfand gezogen hat, nicht zu den usuellen Küssen oder Ohrfeigen verurteilt werde, sondern zum Wiwimachen, oder genauer: jemand muß ihn Wiwi machen lassen.

Ich lasse mir den Traum noch einmal erzählen; er erzählt ihn mit denselben Worten, nur setzt er anstatt: »dann sagt jemand« – »dann sagt sie«. Diese »sie« ist offenbar Berta oder Olga, mit denen er gespielt hat. Der Traum lautet also übersetzt: Ich spiele mit den Mäderln Pfänderauslösen. Ich frage: Wer will zu mir kommen? Sie (Berta oder Olga) antwortet: Ich. Dann muß sie mich Wiwi machen lassen. (Beim Urinieren behilflich sein, was Hans offenbar angenehm ist.)

Es ist klar, daß das Wiwimachenlassen, wobei dem Kinde die Hose geöffnet und der Penis herausgenommen wird, für Hans lustbetont ist. Auf Spaziergängen ist es ja zumeist der Vater, der dem Kinde diese Hilfe leistet, was Anlaß zur Fixierung homosexueller Neigung auf den Vater gibt.

Zwei Tage vorher hat er, wie berichtet, die Mama beim Waschen und Einpudern der Genitalgegend gefragt: »Warum gibst du nicht den Finger hin?« Gestern, als ich Hans auf die Seite gehen ließ, sagte er mir zum erstenmal, ich solle ihn hinters Haus führen, damit niemand zuschauen könne, und fügte hinzu: »Voriges Jahr, wie ich Wiwi gemacht habe, haben mir die Berta und die Olga zugesehen.« Ich meine, das heißt, voriges Jahr war ihm dieses Zuschauen der Mädchen angenehm, jetzt aber nicht mehr. Die Exhibitionslust unterliegt jetzt der Verdrängung. Daß der Wunsch, Berta und Olga mögen ihm beim Wiwimachen zuschauen (oder ihn Wiwi machen lassen), jetzt im Leben verdrängt wird, ist die Erklärung für dessen Auftreten im Traume, in dem er sich die hübsche Einkleidung durch das Pfänderspiel geschaffen hat. – Ich beobachtete seither wiederholt, daß er beim Wiwimachen nicht gesehen werden will.

Ich bemerke hiezu nur, daß auch dieser Traum sich der Regel fügt, die ich in der Traumdeutung (S. 283 f., 7. Aufl.) gegeben habe: Reden, die im Traume vorkommen, stammen von gehörten oder selbst gehaltenen Reden der nächstvorigen Tage ab.

Aus der Zeit bald nach der Rückkehr nach Wien hat der Vater noch eine Beobachtung fixiert:

Hans (4½ Jahre) sieht wieder zu, wie seine kleine Schwester gebadet wird, und fängt an zu lachen. Man fragt ihn: »Warum lachst du?«

Hans: »Ich lache über den Wiwimacher der Hanna.« –

»Warum?« –

»Weil der Wiwimacher so schön ist.«

Die Antwort ist natürlich eine falsche. Der Wiwimacher kam ihm eben komisch vor. Es ist übrigens das erstemal, daß er den Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Genitale in solcher Weise anerkennt, anstatt ihn zu verleugnen.

II - Krankengeschichte und Analyse

Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein Stückchen Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Krankengeschichte. Wie Sie daraus lesen, hat sich bei ihm in den letzten Tagen eine nervöse Störung entwickelt, die mich und meine Frau sehr beunruhigt, weil wir kein Mittel zu ihrer Beseitigung finden konnten. Ich erbitte mir die Erlaubnis, Sie morgen . . . zu besuchen, habe Ihnen aber . . . das verfügbare Material schriftlich aufgezeichnet.

Sexuelle Übererregung durch Zärtlichkeit der Mutter hat wohl den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung weiß ich nicht anzugeben. Die Furcht, daß ihn auf der Gasse ein Pferd beißen werde, scheint irgendwie damit zusammenzuhängen, daß er durch einen großen Penis geschreckt ist – den großen Penis des Pferdes hat er, wie Sie aus einer früheren Aufzeichnung wissen, schon zeitig bemerkt, und er hat damals den Schluß gezogen, daß die Mama, weil sie so groß ist, einen Wiwimacher haben müsse wie ein Pferd.

Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er irgendwo einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das Ganze nur an die Mutter an? Es ist uns nicht angenehm, daß er schon jetzt anfängt, Rätsel aufzugeben. Abgesehen von der Furcht, auf die Gasse zu gehen, und der abendlichen Verstimmung ist er übrigens ganz der Alte, lustig, heiter.

Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die ersten Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen, sondern uns zunächst das mitgeteilte Material beschauen. Es ist gar nicht unsere Aufgabe, einen Krankheitsfall gleich zu »verstehen«, dies kann erst später gelingen, wenn wir uns genug Eindrücke von ihm geholt haben. Vorläufig lassen wir unser Urteil in Schwebe und nehmen alles zu Beobachtende mit gleicher Aufmerksamkeit hin.

Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jännertagen dieses Jahres, 1908, stammen, lauten:

Hans (4¾ Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt der Mama auf die Frage, warum er weine: »Wie ich geschlafen hab', hab' ich gedacht, du bist fort und ich hab' keine Mammi zum Schmeicheln« (= liebkosen).

Also ein Angsttraum.

Etwas Ähnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden bemerkt. Er wurde abends im Bette meist sehr weich gestimmt und machte einmal die Bemerkung (ungefähr): wenn ich aber keine Mammi hab', wenn du fortgehst, oder ähnlich; ich habe den Wortlaut nicht in Erinnerung. Wenn er in einer solchen elegischen Stimmung war, wurde er leider immer von der Mama ins Bett genommen.

Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und sagte bei diesem Anlasse: »Weißt du, was Tante M. gesagt hat: ›Er hat aber ein liebes Pischl .‹« (Tante M. hatte vor 4 Wochen bei uns gewohnt; sie sah einmal zu, wie meine Frau den Knaben badete, und sagte Obiges tatsächlich leise zu meiner Frau. Hans hat es gehört und suchte es zu verwerten.)

Am 7. Jänner geht er mit dem Kindermädchen wie gewöhnlich in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu weinen und verlangt, daß man mit ihm nach Hause gehe, er wolle mit der Mammi »schmeicheln«. Zu Hause befragt, weshalb er nicht weiter gehen wollte und geweint hat, will er es nicht sagen. Bis zum Abend ist er heiter wie gewöhnlich; abends bekommt er sichtlich Angst, weint und ist von der Mama nicht fortzubringen; er will wieder schmeicheln. Dann wird er wieder heiter und schläft gut.

Am 8. Jänner will die Frau selbst mit ihm spazierengehen, um zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach Schönbrunn, wohin er sehr gerne geht. Er fängt wieder an zu weinen, will nicht weggehen, fürchtet sich. Schließlich geht er doch, hat aber auf der Straße sichtlich Angst. Auf der Rückfahrt von Schönbrunn sagt er nach vielem Sträuben zur Mutter: Ich hab' mich gefürchtet, daß mich ein Pferd beißen wird. (Tatsächlich wurde er in Schönbrunn unruhig, als er ein Pferd sah.) Abends soll er wieder einen ähnlichen Anfall bekommen haben wie tags vorher, mit Verlangen zu schmeicheln. Man beruhigt ihn. Er sagt weinend: »Ich weiß, ich werde morgen wieder spazierengehen müssen«, und später: »Das Pferd wird ins Zimmer kommen.«

Am selben Tage fragt ihn die Mama: »Gibst du vielleicht die Hand zum Wiwimacher?« Darauf sagt er: »Ja jeden Abend, wenn ich im Bett bin.« Am nächsten Tage, 9. Jänner, wird er vor dem Nachmittagsschlaf gewarnt, die Hand zum Wiwimacher zu geben. Nach dem Aufwachen befragt, sagt er, er hat sie doch für kurze Zeit hingegeben.

Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie. Wir merken ja, daß wir guten Grund haben, die beiden voneinander zu sondern. Das Material erscheint uns übrigens zur Orientierung vollkommen ausreichend, und kein anderer Zeitpunkt ist dem Verständnisse so günstig wie ein solches, leider meist vernachlässigtes oder verschwiegenes Anfangsstadium. Die Störung setzt mit ängstlich-zärtlichen Gedanken und dann mit einem Angsttraum ein. Inhalt des letzteren: Die Mutter zu verlieren, so daß er mit ihr nicht schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit für die Mutter muß sich also enorm gesteigert haben. Dies das Grundphänomen des Zustandes. Erinnern wir uns noch zur Bestätigung der beiden Verführungsversuche, die er gegen die Mutter unternimmt, von denen der erste noch in den Sommer fällt, der zweite, knapp vor dem Ausbruche der Straßenangst, einfach eine Empfehlung seines Genitales enthält. Diese gesteigerte Zärtlichkeit für die Mutter ist es, die in Angst umschlägt, die, wie wir sagen, der Verdrängung unterliegt. Wir wissen noch nicht, woher der Anstoß zur Verdrängung stammt; vielleicht erfolgt sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden Intensität der Regung, vielleicht wirken andere Mächte, die wir noch nicht erkennen, dabei mit. Wir werden es weiterhin erfahren. Diese, verdrängter erotischer Sehnsucht entsprechende, Angst ist zunächst wie jede Kinderangst objektlos, noch Angst und nicht Furcht. Das Kind kann nicht wissen, wovor es sich fürchtet, und wenn Hans auf dem ersten Spaziergange mit dem Mädchen nicht sagen will, wovor er sich fürchtet, so weiß er es eben noch nicht. Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama auf der Straße fehlt, mit der er schmeicheln kann, und daß er nicht von der Mama weg will. Er verrät da in aller Aufrichtigkeit den ersten Sinn seiner Abneigung gegen die Straße.

Auch seine, an zwei Abenden hintereinander vor dem Schlafengehen wiederholten, ängstlichen und noch deutlich zärtlich getönten Zustände beweisen, daß zu Beginn der Erkrankung eine Phobie vor der Straße oder dem Spaziergange oder gar vor den Pferden noch gar nicht vorhanden ist. Der abendliche Zustand würde dann unerklärlich; wer denkt vor dem Zubettgehen an Straße und Spaziergang? Hingegen ist es vollkommen durchsichtig, daß er abends so ängstlich wird, wenn ihn vor dem Zubettgehen die Libido, deren Objekt die Mutter ist, und deren Ziel etwa sein könnte, bei der Mutter zu schlafen, verstärkt überfällt. Er hat doch die Erfahrung gemacht, daß die Mutter sich durch solche Stimmungen in Gmunden bewegen ließ, ihn in ihr Bett zu nehmen, und er möchte dasselbe hier in Wien erreichen. Nebenbei vergessen wir nicht daran, daß er in Gmunden zeitweise mit der Mutter allein war, da der Vater nicht die ganzen Ferien dort verbringen konnte; ferner daß sich dort seine Zärtlichkeit auf eine Reihe von Gespielen, Freunde, Freundinnen, verteilt hatte, die ihm hier abgingen, so daß die Libido wieder ungeteilt zur Mutter zurückkehren konnte.

Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber sie ist nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung steht auch für etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll in Befriedigung verwandeln, wenn man ihr das ersehnte Objekt zuführt; bei der Angst nützt diese Therapie nichts mehr, sie bleibt, auch wenn die Sehnsucht befriedigt sein könnte, sie ist nicht mehr voll in Libido zurückzuverwandeln; die Libido wird durch irgend etwas in der Verdrängung zurückgehalten . Dies zeigt sich bei Hans auf dem nächsten Spaziergange, den die Mutter mit ihm macht. Er ist jetzt mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte Sehnsucht nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt sich ja doch zum Spaziergange bewegen, während er das Dienstmädchen zum Umkehren gezwungen hat; auch ist die Straße nicht der richtige Ort fürs »Schmeicheln«, oder was der kleine Verliebte sonst möchte. Aber die Angst hat die Probe bestanden und muß jetzt ein Objekt finden. Auf diesem Spaziergange äußert er zunächst die Furcht, daß ihn ein Pferd beißen werde. Woher das Material dieser Phobie stammt? Wahrscheinlich aus jenen noch unbekannten Komplexen, die zur Verdrängung beigetragen haben und die Libido zur Mutter im verdrängten Zustand erhalten. Das ist noch ein Rätsel des Falles, dessen weitere Entwicklung wir nun verfolgen müssen, um die Lösung zu finden. Gewisse Anhaltspunkte, die wahrscheinlich verläßlich sind, hat uns der Vater schon gegeben, daß er die Pferde wegen ihrer großen Wiwimacher immer mit Interesse beobachtet, daß er angenommen, die Mama müsse einen Wiwimacher haben wie ein Pferd u. dgl. So könnte man meinen, das Pferd sei nur ein Ersatz für die Mama. Aber was soll es heißen, daß Hans am Abend die Furcht äußert, das Pferd werde ins Zimmer kommen? Eine dumme Angstidee eines kleinen Kindes, wird man sagen. Aber die Neurose sagt nichts Dummes, so wenig wie der Traum. Wir schimpfen immer dann, wenn wir nichts verstehen. Das heißt, sich die Aufgabe leicht machen.

Vor dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem andern Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede Nacht vor dem Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem Penis beschäftigt. Nun, wird der Praktiker gerne sagen, nun ist alles klar. Das Kind masturbiert, daher also die Angst. Gemach! Daß das Kind sich masturbatorisch Lustgefühle erzeugt, erklärt uns seine Angst keineswegs, macht sie vielmehr erst recht rätselhaft. Angstzustände werden nicht durch Masturbation, überhaupt nicht durch Befriedigung hervorgerufen. Nebenbei dürfen wir annehmen, daß unser Hans, der jetzt 4¾ Jahre alt ist, sich dieses Vergnügen gewiß schon seit einem Jahre (vgl. S. 15) allabendlich gönnt, und werden erfahren, daß er sich gerade jetzt im Abgewöhnungskampfe befindet, was zur Verdrängung und Angstbildung besser paßt.

Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter müssen wir Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie, nicht ohne einen Schein von Recht, daß sie durch übergroße Zärtlichkeit und allzu häufige Bereitwilligkeit, das Kind ins Bett zu nehmen, den Ausbruch der Neurose herbeigeführt; wir könnten ihr ebensowohl den Vorwurf machen, daß sie durch ihre energische Abweisung seiner Werbungen (»das ist eine Schweinerei«) den Eintritt der Verdrängung beschleunigt habe. Aber sie spielt eine Schicksalsrolle und hat einen schweren Stand.

Ich verabrede mit dem Vater, daß er dem Knaben sagen solle, das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts. Die Wahrheit sei, daß er die Mama so gern habe und von ihr ins Bett genommen werden wolle. Weil ihn der Wiwimacher der Pferde so sehr interessiert habe, darum fürchte er sich jetzt vor den Pferden. Er habe gemerkt, es sei unrecht, sich mit dem Wiwimacher, auch mit dem eigenen, so intensiv zu beschäftigen, und das sei eine ganz richtige Einsicht. Ferner schlug ich dem Vater vor, den Weg der sexuellen Aufklärung zu betreten. Da wir nach der Vorgeschichte des Kleinen annehmen durften, seine Libido hafte am Wunsche, den Wiwimacher der Mama zu sehen, so solle er ihm dieses Ziel durch die Mitteilung entziehen, daß die Mama und alle anderen weiblichen Wesen, wie er ja von der Hanna wissen könne – einen Wiwimacher überhaupt nicht besitzen. Letztere Aufklärung sei bei passender Gelegenheit im Anschlusse an irgendeine Frage oder Äußerung von Hans zu erteilen.

Die nächsten Nachrichten über unsern Hans umfassen die Zeit vom 1. bis zum 17. März. Die monatlange Pause wird bald ihre Erklärung finden.

Der Aufklärung folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans ohne besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in den Stadtpark spazierenzugehen. Seine Furcht vor Pferden verwandelt sich mehr und mehr in den Zwang, auf Pferde hinzusehen. Er sagt: »Ich muß auf die Pferde sehen und dann fürchte ich mich.«

Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans Bett fesselt, verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß er nicht zu bewegen ist, auszugehen; höchstens geht er auf den Balkon. Sonntags fährt er jede Woche mit mir nach Lainz , weil an diesem Tage wenig Wagen auf der Straße zu sehen sind und er zur Bahnstation nur einen kurzen Weg hat. In Lainz weigert er sich einmal, aus dem Garten heraus spazierenzugehen, weil ein Wagen vor dem Garten steht. Nach einer weiteren Woche, die er zu Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht zwar auf den Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt, wenn er zum Haustor kommt, rasch wieder um.

Sonntag, den 1. März entwickelt sich auf dem Wege zum Bahnhofe folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder zu erklären, daß Pferde nicht beißen. Er: »Aber weiße Pferde beißen; in Gmunden ist ein weißes Pferd, das beißt. Wenn man die Finger hinhält, beißt es.« (Es fällt mir auf, daß er sagt: die Finger anstatt: die Hand.) Er erzählt dann folgende Geschichte, die ich hier zusammenhängend wiedergebe: »Wie die Lizzi hat wegfahren müssen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor ihrem Hause gestanden, das das Gepäck auf die Bahn bringen sollte. (Lizzi ist, wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in einem Nachbarhause wohnte.) Ihr Vater ist nahe beim Pferde gestanden und das Pferd hat den Kopf hingewendet (um ihn zu berühren), und er hat zur Lizzi gesagt: Gib nicht die Finger zum weißen Pferd, sonst beißt es dich.« Ich sage darauf: »Du, mir scheint, das ist kein Pferd, was du meinst, sondern ein Wiwimacher, zu dem man nicht die Hand geben soll.«

Er: »Aber ein Wiwimacher beißt doch nicht.«

Ich: »Vielleicht doch«, worauf er mir lebhaft beweisen will, daß es wirklich ein weißes Pferd war .

Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet: »Weißt du was? Die Dummheit« – so nennt er seine Phobie – »wird schwächer werden, wenn du öfter spazierengehst. Jetzt ist sie so stark, weil du nicht aus dem Hause herausgekommen bist, weil du krank warst.«

Er: »O nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die Hand zum Wiwimacher gebe jede Nacht.«

Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also darin, der Onanieangewöhnung die Hauptrolle in der Pathogenese des gegenwärtigen Zustandes zuzuschieben. Es fehlt aber auch nicht an Anzeichen für die Bedeutung anderer Momente.

Am 3. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten, das sein besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim Zimmerreinigen aufsitzen läßt, nennt er sie nur »mein Pferd« und hält sie immer am Rock, »Hüoh« rufend. Am 10. März etwa sagt er zu diesem Kindermädchen: »Wenn Sie das oder das tun, müssen Sie sich ganz ausziehen, auch das Hemd.« (Er meint, zur Strafe, aber es ist leicht, dahinter den Wunsch zu erkennen.)

Sie: »No, was ist da dran? So werd' ich mir denken, ich hab' kein Geld auf Kleider.«

Er: »Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch den Wiwimacher.«

Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen, und wie es den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer moralisierenden Tendenz verdeckt!

Am 13. März früh sage ich zu Hans: »Weißt du, wenn du nicht mehr die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die Dummheit schon schwächer werden.«

Hans: »Aber ich geb' die Hand nicht mehr zum Wiwimacher.«

Ich: »Aber du möchtest sie immer gern geben.«

Hans: »Ja, das schon, aber ›möchten‹ ist nicht ›tun‹, und ›tun‹ ist nicht ›möchten‹.« (!!)

Ich: »Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute einen Sack zum Schlafen.«

Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar, sagt aber, durch die Aussicht auf die Erleichterung des Kampfes sichtlich gehoben: »No morgen, wenn ich den Sack haben werde, wird die Dummheit weg sein.« Er fürchtet sich tatsächlich vor Pferden viel weniger und läßt Wagen ziemlich ruhig vorüberfahren.

Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen, mit mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich geht er doch mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da wenige Wagen fahren, sichtlich wohl und sagte: »Das ist gescheit, daß der liebe Gott das Pferd schon ausgelassen hat.« Auf dem Wege erkläre ich ihm, daß seine Schwester keinen Wiwimacher hat wie er. Mäderl und Frauen haben keinen Wiwimacher. Die Mammi hat keinen, die Anna nicht usw.

Hans: »Hast du einen Wiwimacher?«

Ich: »Natürlich, was hast du denn geglaubt?«

Hans: (Nach einer Pause) »Wie machen aber Mäderl Wiwi, wenn sie keinen Wiwimacher haben?«

Ich: »Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast du noch nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?«

Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten usw. Erst gegen Abend wird er wieder verstimmt und scheint sich vor Pferden zu fürchten.

Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach Schmeicheln schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten Tage wird er von der Mama in die Stadt mitgenommen, hat auf der Gasse große Furcht. Tags darauf bleibt er zu Hause und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen kommt er gegen 6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe, erzählt er: »Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwimacher gegeben. Da hab' ich die Mammi ganz nackt im Hemde gesehen und sie hat den Wiwimacher sehen lassen. Ich hab' der Grete , meiner Grete, gezeigt, was die Mama macht, und hab' ihr meinen Wiwimacher gezeigt. Dann hab' ich die Hand schnell vom Wiwimacher weggegeben.« Auf meinen Einwand, es kann nur heißen: im Hemd oder ganz nackt, sagt Hans: »Sie war im Hemd, aber das Hemd war so kurz, daß ich den Wiwimacher gesehen hab'.«

Das ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem Traume äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama tun läßt, dient offenbar zu seiner Rechtfertigung: »Wenn die Mammi den Wiwimacher zeigt, darf ich es auch.«

Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen, erstens, daß der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke Wirkung auf ihn geübt hat, zweitens, daß die Aufklärung, Frauen hätten keinen Wiwimacher, von ihm zunächst nicht akzeptiert wird. Er bedauert es, daß es so sein soll, und hält in der Phantasie an ihm fest. Vielleicht hat er auch seine Gründe, dem Vater fürs erste den Glauben zu versagen.

Wochenbericht des Vaters:

Geehrter Herr Professor! Anbei folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres Hans, ein ganz interessantes Stück. Vielleicht werde ich mir erlauben, Sie Montag in der Ordination aufzusuchen und womöglich Hans mitbringen – vorausgesetzt, daß er geht. Ich hab' ihn heute gefragt: »Willst du Montag mit mir zu dem Professor gehen, der dir die Dummheit wegnehmen kann?«

Er: »Nein.«

Ich: »Aber er hat ein sehr schönes Mäderl.« – Darauf hat er bereitwillig und freudig zugestimmt.

Sonntag, 22. März. Um das Sonntagsprogramm zu erweitern, schlage ich Hans vor, zuerst nach Schönbrunn zu fahren und erst mittags von dort nach Lainz. Er hat also nicht bloß den Weg von der Wohnung zur Stadtbahnstation Hauptzollamt zu Fuß zurückzulegen, sondern auch von der Station Hietzing nach Schönbrunn und von dort wieder zur Dampftramwaystation Hietzing, was er auch absolviert, indem er, wenn Pferde kommen, eiligst wegschaut, da ihm offenbar ängstlich zumute ist. Mit dem Wegschauen befolgt er einen Rat der Mama.

In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst furchtlos angesehen hat. So will er in das Haus, in dem sich die Giraffe befindet, absolut nicht hinein, will auch zum Elefanten nicht, der ihm sonst viel Spaß gemacht hat. Er fürchtet sich vor allen großen Tieren, während er sich bei den kleinen sehr unterhält. Unter den Vögeln fürchtet er diesmal auch den Pelikan, was er früher nie getan hat, offenbar auch wegen seiner Größe.

Ich sage ihm daraufhin: »Weißt du, warum du dich vor den großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen Wiwimacher, und du fürchtest dich eigentlich vor dem großen Wiwimacher.«

Hans: »Aber ich habe noch nie von den großen Tieren den Wiwimacher gesehen.«

Ich: »Aber vom Pferde doch, und das Pferd ist auch ein großes Tier.«

Hans: »Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der Wagen vor dem Hause gestanden ist, einmal vor dem Hauptzollamt.«

Ich: »Wie du klein warst, bist du wahrscheinlich in Gmunden in einen Stall gegangen . . .«

Hans (unterbrechend): »Ja, jeden Tag, wenn in Gmunden die Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall gegangen.«

Ich: »– und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du einmal den großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber davor brauchst du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben große Wiwimacher, kleine Tiere kleine Wiwimacher.«

Hans: »Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja angewachsen.«

Damit schloß das Gespräch. In den folgenden Tagen scheint die Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum vors Haustor, wohin man ihn nach dem Essen führt.

Hansens letzte Trostrede wirft ein Licht auf die Situation und gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein wenig zu korrigieren. Es ist wahr, daß er bei den großen Tieren Angst hat, weil er an deren großen Wiwimacher denken muß, aber man kann eigentlich nicht sagen, daß er sich vor dem großen Wiwimacher selbst fürchtet. Die Vorstellung eines solchen war ihm früher entschieden lustbetont, und er versuchte mit allem Eifer, sich dessen Anblick zu verschaffen. Dies Vergnügen ist ihm seither verleidet worden durch die allgemeine Verkehrung von Lust in Unlust, die – auf noch nicht aufgeklärte Weise – seine ganze Sexualforschung betroffen hat, und was uns deutlicher ist, durch gewisse Erfahrungen und Erwägungen, die zu peinlichen Ergebnissen führten. Aus seiner Tröstung: Der Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich größer werde, läßt sich schließen, daß er bei seinen Beobachtungen beständig verglichen hat und von der Größe seines eigenen Wiwimachers sehr unbefriedigt geblieben ist. An diesen Defekt erinnern ihn die großen Tiere, die ihm aus diesem Grunde unangenehm sind. Weil aber der ganze Gedankengang wahrscheinlich nicht klar bewußt werden kann, wandelt sich auch diese peinliche Empfindung in Angst, so daß seine gegenwärtige Angst sich auf der ehemaligen Lust wie auf der aktuellen Unlust aufbaut. Wenn einmal der Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die Angst alle anderen Empfindungen auf; mit fortschreitender Verdrängung, je mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden Vorstellungen ins Unbewußte rücken, können sich alle Affekte in Angst verwandeln.

Die sonderbare Bemerkung Hansens: »er ist ja angewachsen«, läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles erraten, was er nicht aussprechen kann, auch in dieser Analyse nicht ausgesprochen hat. Ich ergänze da ein Stück nach meinen Erfahrungen aus den Analysen Erwachsener, aber ich hoffe, die Einschaltung wird nicht als eine gewaltsame und willkürliche beurteilt werden. »Er ist ja angewachsen«: wenn das zum Trutze und Troste gedacht ist, so läßt es an die alte Drohung der Mutter denken, sie werde ihm den Wiwimacher abschneiden lassen, wenn er fortfahre, sich mit ihm zu beschäftigen. Diese Drohung blieb damals, als er 3½ Jahre alt war, wirkungslos. Er antwortete ungerührt, dann werde er aber mit dem Popo Wiwi machen. Es wäre durchaus das typische Verhalten, wenn die Drohung mit der Kastration jetzt nachträglich zur Wirkung käme und er jetzt, 1¼ Jahre später, unter der Angst stünde, das teure Stück seines Ichs einzubüßen. Man kann solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen in der Kindheit bei anderen Erkrankungsfällen beobachten, wo das Intervall ebensoviel Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich kenne Fälle, in denen der »nachträgliche Gehorsam« der Verdrängung den wesentlichen Anteil an der Determinierung der Krankheitssymptome hat.

Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat, daß Frauen wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur erschütternd auf sein Selbstvertrauen und erweckend auf den Kastrationskomplex gewirkt haben. Darum sträubte er sich auch gegen sie, und darum blieb ein therapeutischer Erfolg dieser Mitteilung aus: Soll es also wirklich lebende Wesen geben, die keinen Wiwimacher besitzen? Dann wäre es ja nicht mehr so unglaublich, daß man ihm den Wiwimacher wegnehmen, ihn gleichsam zum Weibe machen könnte!

In der Nacht vom 27. zum 28. überrascht uns Hans dadurch, daß er mitten im Dunkel aus seinem Bette aufsteht und zu uns ins Bett kommt. Sein Zimmer ist durch ein Kabinett von unserem Schlafzimmer getrennt. Wir fragen ihn, weshalb; ob er sich vielleicht gefürchtet habe. Er sagt: »Nein, ich werde es morgen sagen«, schläft in unserem Bette ein und wird dann in seines zurückgetragen.

Am nächsten Tage nehme ich ihn ins Gebet, um zu erfahren, weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist, und es entwickelt sich nach einigem Sträuben folgender Dialog, den ich sofort stenographisch festlege:

Er: »In der Nacht war eine große und eine zerwutzelte Giraffe im Zimmer, und die große hat geschrien, weil ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab'. Dann hat sie aufgehört zu schreien, und dann hab' ich mich auf die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.«

Ich, befremdet: »Was? Eine zerwutzelte Giraffe? Wie war das?«

Er: »Ja.« (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen und sagt mir:) »So war sie zerwutzelt.«

Ich: »Und du hast dich auf die zerwutzelte Giraffe drauf gesetzt? Wie?«

Er zeigt mir's wieder, setzt sich auf die Erde.

Ich: »Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?«

Er: »Das weiß ich selber nicht.«

Ich: »Hast du dich gefürchtet?«

Er: »Nein, bestimmt nicht.«

Ich: »Hast du von den Giraffen geträumt?«

Er: »Nein, nicht geträumt; ich hab' mir's gedacht – das Ganze hab' ich mir gedacht – aufgekommen war ich schon früher.«

Ich: »Was soll das heißen: eine zerwutzelte Giraffe? Du weißt ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann wie ein Stück Papier.«

Er: »Ich weiß' ja. Ich hab's halt geglaubt. Es gibt's ja eh net auf der Welt . Die zerwutzelte ist ganz gelegen auf dem Fußboden, und ich hab' sie weggenommen, mit den Händen genommen.«

Ich: »Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen nehmen?«

Er: »Die zerwutzelte hab' ich mit der Hand genommen.«

Ich: »Wo war die große unterdessen?«

Er: »Die große ist halt weiter weg gestanden.«

Ich: »Was hast du mit der zerwutzelten gemacht?«

Er: »Ich hab' sie ein bißchen in der Hand gehalten, bis die große zu schreien aufgehört hat, und wie die große zum schreien aufgehört hat, hab' ich mich drauf gesetzt.«

Ich: »Weshalb hat die große geschrien?«

Er: »Weil ich ihr die kleine weggenommen hab'.« (Bemerkt, daß ich alles notiere, und fragt: »Weshalb schreibst du das auf?«)

Ich: »Weil ich es einem Professor schicke, der dir die ›Dummheit‹ wegnehmen kann.«

Er: »Aha, da hast du's doch auch aufgeschrieben, daß sich die Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem Professor.«

Ich: »Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst, daß man eine Giraffe zerwutzeln kann.«

Er: »Sag' ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird er nicht fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe ist, kann er uns ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben wir gleich, ich weiß es selber nicht.«

Ich: »Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?«

Er: »Das weiß ich nicht.«

Ich: »Sag' mir halt schnell, woran du jetzt denkst.«

Er (humoristisch): »An einen Himbeersaft.

Ich: »Was noch?«

Er: »Ein Gewehr zum Totschießen.«

Ich: »Du hast es gewiß nicht geträumt?«

Er: »Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt.«

Er erzählt weiter: »Die Mammi hat mich so lange gebeten, ich soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen bin. Ich hab's aber nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor der Mammi geschämt hab'.«

Ich: »Weshalb?«

Er: »Das weiß ich nicht.«

Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag inquiriert, bis er die Giraffengeschichte erzählt hat.

Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung der Giraffenphantasie.

Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis (der lange Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau, respektive ihr Glied, was also der Erfolg der Aufklärung ist.

Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat er ein Bild einer Giraffe und eines Elefanten über seinem Bette hängen.

Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich fast jeden Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat. Hans kommt in der Früh immer zu uns, und meine Frau kann es dann nicht unterlassen, ihn für einige Minuten zu sich ins Bett zu nehmen. Daraufhin fange ich immer an, sie zu warnen, sie möge ihn nicht zu sich nehmen (»die große hat geschrien, weil ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab'«), und sie erwidert hie und da, wohl gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine Minute sei doch irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze Zeit bei ihr. (»Dann hat die große Giraffe aufgehört zu schreien und dann hab' ich mich auf die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.«)

Die Lösung dieser ins Giraffenleben transponierten Eheszene ist also: er hat in der Nacht Sehnsucht nach der Mama bekommen, nach ihren Liebkosungen, ihrem Gliede, und ist deshalb ins Schlafzimmer gekommen. Das Ganze ist die Fortsetzung der Pferdefurcht.

Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur hinzuzufügen: »Das Draufsetzen« ist wahrscheinlich Hansens Darstellung des Besitzergreifens. Das Ganze aber ist eine Trutzphantasie, die mit Befriedigung an den Sieg über den väterlichen Widerstand anknüpft. »Schrei, soviel du willst, die Mammi nimmt mich doch ins Bett und die Mammi gehört mir.« Es läßt sich also mit Recht hinter ihr erraten, was der Vater vermutet: die Angst, daß ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwimacher mit dem des Vaters nicht messen kann.

Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung seiner Deutung.

Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In der Tür verabschiede ich mich von meiner Frau scherzhaft: »Adieu, große Giraffe.« Hans fragt: »Warum Giraffe?« Darauf ich: »Die Mammi ist die große Giraffe«, worauf Hans sagt: »Nicht wahr, und die Hanna ist die zerwutzelte Giraffe?«

Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie, worauf er sagt: Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage, ich sei die große Giraffe, der lange Hals habe ihn an einen Wiwimacher erinnert, sagt er: »Die Mammi hat auch einen Hals wie eine Giraffe, das hab' ich gesehen, wie sie sich den weißen Hals gewaschen hat.«

Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und sagt: »Du, heut hab' ich mir zwei Sachen gedacht. Die erste? Ich bin mit dir in Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und dann sind wir unter den Stricken durchgekrochen, und das haben wir dann dem Wachmanne beim Eingang des Gartens gesagt, und der hat uns zusammengepackt.« Das zweite hat er vergessen.

Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen gehen wollten, war dieser Raum durch einen Strick abgesperrt, so daß wir nicht hingehen konnten. Hans war sehr verwundert, daß man einen Raum nur mit einem Stricke absperrt, unter dem man doch leicht durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm, anständige Menschen kriechen nicht unter den Strick. Er meinte, es ist ja ganz leicht, worauf ich erwiderte, es kann dann ein Wachmann kommen, der einen fortführt. Am Eingange von Schönbrunn steht ein Leibgardist, von dem ich Hans einmal gesagt habe, der arretiert schlimme Kinder.

Nach der Rückkehr von dem Besuche bei Ihnen, der am selben Tage vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen Gelüste, Verbotenes zu tun. »Du, heut früh hab' ich mir wieder etwas gedacht.« »Was?« »Ich bin mit dir in der Eisenbahn gefahren und wir haben ein Fenster zerschlagen und der Wachmann hat uns mitgenommen.«

Die richtige Fortsetzung der Giraffenphantasie. Er ahnt, daß es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu setzen; er ist auf die Inzestschranke gestoßen. Aber er hält es für verboten an sich. Bei den verbotenen Streichen, die er in der Phantasie ausführt, ist jedesmal der Vater dabei und wird mit ihm eingesperrt. Der Vater, meint er, tut doch auch jenes rätselhafte Verbotene mit der Mutter, das er sich durch etwas Gewalttätiges wie das Zerschlagen einer Fensterscheibe, durch das Eindringen in einen abgeschlossenen Raum, ersetzt.