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In "Gesammelte Werke: Psychoanalytische Studien, Theoretische Schriften & Briefe" präsentiert Sigmund Freud eine umfassende Sammlung seiner bedeutendsten Texte, die den Grundstein für die Psychoanalyse legten. Diese Sammlung vereint sowohl theoretische Abhandlungen als auch klinische Fallstudien, die Einblicke in Freuds revolutionäre Ansichten über das Unterbewusstsein, die Traumanalyse und den psychologischen Konflikt bieten. Freuds literarischer Stil vereint Präzision und Analytik, während der umfassende Kontext seiner Zeit – das Übergangszeitalter von Rationalismus zu Psychologie – spürbar wird. Diese Werke sind nicht nur Grundlagen der Psychologie, sondern auch wichtige kulturelle Dokumente des 20. Jahrhunderts. Sigmund Freud, geboren 1856 in Pöltschach, entwickelte seine Theorien in einer Zeit rasanter gesellschaftlicher Veränderungen. Als Arzt und Wissenschaftler war er stark beeinflusst von der Entwicklung der Neurologie, den Philosophien der Aufklärung sowie der zeitgenössischen Literatur. Sein Bedürfnis, das menschliche Verhalten zu entschlüsseln und die Komplexität der Psyche zu ergründen, führt zu bahnbrechenden Einsichten, die noch heute in der Psychologie und darüber hinaus nachwirken. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich ernsthaft mit der menschlichen Psyche auseinandersetzen möchte. Sicherlich wird es auch die Leser fesseln, die an der kulturellen und philosophischen Debatte des 20. Jahrhunderts interessiert sind. Die gesammelten Werke bieten tiefgreifende Einblicke und regen zur Reflexion über die eigene psychologische Verfassung und die menschliche Natur an. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung versammelt zentrale Schriften Sigmund Freuds aus allen Schaffensphasen und führt sie unter drei Blickwinkeln zusammen: psychoanalytische Studien, theoretische Schriften und Briefe. Sie spannt den Bogen von den klinisch-methodischen Grundlegungen bis zu kulturkritischen und biografischen Erkundungen. Mit Monographien wie Die Traumdeutung, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und Das Ich und das Es, mit Fallstudien, metapsychologischen Abhandlungen und ausgewählten Korrespondenzen bietet sie eine präzise Kartographie der Entstehung, Ausweitung und Revision der Psychoanalyse. Ziel ist es, die innere Entwicklung des Denkens sichtbar zu machen, ohne die Vielfalt der Gattungen und Anlässe zu nivellieren.
Der Weg zur Psychoanalyse beginnt bei Freud mit medizinisch-neurologischen Arbeiten. Zur Auffassung der Aphasien zeigt das Interesse an Sprachstörungen, Nachträge über Coca dokumentiert frühe pharmakologische Themen. In Zusammenarbeit mit Josef Breuer markiert Studien über Hysterie, mit einschlägigen Beiträgen wie Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene und Zur Psychotherapie der Hysterie, den Übergang zur psychischen Kausalerklärung. Daraus entwickelt sich das Verfahren der freien Einfälle, die Bedeutung der Übertragung und der Anspruch, Symptome als sinnvolle, wenn auch unbewusste Formulierungen zu lesen. Diese frühe Phase bleibt in der Sammlung als wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund präsent.
Die Traumdeutung eröffnet das Programm einer psychologischen Hermeneutik. Träume werden als Sinnträger behandelt, deren manifeste Oberfläche verschlüsselte Wünsche verbirgt. Mit Zur Psychopathologie des Alltagslebens weitet Freud die Methode auf Fehlleistungen, Vergessen und Versprecher aus und zeigt, wie sich unbewusste Regungen im Alltäglichen bemerkbar machen. Beide Texte verbinden klinische Beobachtung mit einem schrittweisen Analysieren von Formen und Funktionen. Sie bilden das methodische Fundament vieler folgenden Schriften, ohne die Vielfalt der Phänomene auf eine einzige Formel zu bringen. Die Sammlung stellt diese Grundlagentexte neben spätere Revisionen, um Kontinuitäten und Umbrüche erkennbar zu halten.
Die Sexualtheorie nimmt einen breiten Raum ein. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Über infantile Sexualtheorien, Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen und verwandte Beiträge konturieren die Entwicklung von Trieblehre, Entwicklungsstufen und Perversionen. Texte wie Charakter und Analerotik, Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne Nervosität sowie Zur sexuellen Aufklärung der Kinder knüpfen daran an und untersuchen gesellschaftliche Vermittlungen. Freud verknüpft biologische, psychologische und kulturelle Perspektiven, ohne das Klinische aus dem Blick zu verlieren. Diese Sammlung zeigt, wie sich Begriffe klären, verschieben oder neu justieren, wenn empirische Beobachtung und theoretische Modellbildung aufeinander reagieren.
Die Fallgeschichten eröffnen Einblicke in die Praxis der Deutung und in die narrative Form, mit der Freud klinische Erfahrungen mitteilt. Bruchstück einer Hysterie-Analyse, Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben und Aus der Geschichte einer infantilen Neurose zeigen unterschiedliche Konstellationen, Altersstufen und Konfliktlagen. Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia demonstriert die Technik der Textanalyse fremder Lebensberichte. In all diesen Studien werden Konzepte wie Symptom, Abwehr, Übertragung und Deutung nicht abstrakt behauptet, sondern in ihrer Anwendung entwickelt und zugleich kritisch auf ihre Reichweite geprüft.
Die theoretische Mitte bilden die metapsychologischen Schriften. Zur Einführung des Narzißmus, Das Unbewußte, Die Verdrängung, Triebe und Triebschicksale und Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre entwerfen Topik, Dynamik und Ökonomie des Seelenlebens. Hemmung, Symptom und Angst präzisiert die Angstlehre und ihre klinischen Folgen. Das Ich und das Es führt das Strukturmodell ein und ordnet Ich, Es und Über-Ich als Instanzen mit je eigenen Funktionen. Diese Texte zeigen Freuds Bemühen, klinische Erfahrung in begriffliche Klarheit zu überführen und zugleich offen zu bleiben für Revisionen, wo neue Beobachtungen eine Umstellung der theoretischen Perspektive verlangen.
Die klinische Technik wird in einer Reihe von praxisnahen Aufsätzen entfaltet. Zur Einleitung der Behandlung, Zur Dynamik der Übertragung, Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung, Bemerkungen über die Übertragungsliebe, Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten und Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse gehören dazu. Spätere Texte wie Die endliche und die unendliche Analyse, Konstruktionen in der Analyse, Die Ichspaltung im Abwehrvorgang und Die psychoanalytische Technik reflektieren Grenzen, Möglichkeiten und methodische Entscheidungen. Zusammen geben sie ein differenziertes Bild der analytischen Haltung, von Deutungsökonomie bis Setting, und der ethischen Zurückhaltung, die das Arbeiten mit Übertragung und Widerstand verlangt.
Mit Jenseits des Lustprinzips nimmt Freud eine grundlegende Neuakzentuierung vor, indem er Phänomene wie Wiederholungszwang und Aggression theoretisch fasst. Massenpsychologie und Ich-Analyse untersucht das Verhältnis des Individuums zur Gruppe und die Rolle des Führers. Kürzere Beiträge wie Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose, Neurose und Psychose und Der Untergang des Ödipuskomplexes zeigen, wie klinische Differenzen mit allgemeinen Entwicklungsfragen verschränkt sind. Diese Schriften markieren Freuds Bereitschaft, tragende Annahmen zu prüfen und gegebenenfalls zu erweitern, wenn klinische und kulturgeschichtliche Beobachtungen neue Problemfelder eröffnen.
Die kulturtheoretischen und religionspsychologischen Arbeiten verbinden Psychoanalyse mit Anthropologie, Soziologie und Geschichte. Totem und Tabu und Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker untersuchen kollektive Rituale und Verbote. Die Zukunft einer Illusion und Das Unbehagen in der Kultur entfalten eine kritische Diagnose moderner Zivilisation, während Der Mann Moses und die monotheistische Religion religiöse Überlieferung aus psychoanalytischer Perspektive befragt. Warum Krieg? dokumentiert den Austausch mit Albert Einstein über Gewalt und Politik. Diese Texte zeigen Freud als öffentlichen Intellektuellen, der psychische Kategorien auf gesellschaftliche Zusammenhänge anzuwenden wagt.
Auch die Beschäftigung mit Literatur und Kunst bildet einen festen Strang. Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva, Der Dichter und das Phantasieren, Der Moses des Michelangelo, Dostojewski und die Vatertötung und Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci demonstrieren, wie Freud psychische Motive in dichterischen, bildkünstlerischen und biographischen Konstellationen rekonstruiert. Ergänzt durch kürzere Studien wie Das Motiv der Kästchenwahl, Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung und Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit entfaltet sich eine analytische Poetik, die Deutung als Angebot versteht und die Eigenlogik des Kunstwerks respektiert.
Viele knappe, pointierte Aufsätze schärfen Begriffe und beleuchten Alltagsphänomene: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, Zwei Kinderlügen, Vergänglichkeit, Der Humor, Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens oder Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. Programmschriften wie Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung und Die Frage der Laienanalyse geben Einblick in fachliche Auseinandersetzungen, in Ausbildungsfragen und in Freuds Selbstverständnis. Beiträge wie Über »wilde« Psychoanalyse und Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia dokumentieren Streitpunkte und methodische Abgrenzungen. Das Stück Goethe-Preis zeigt die öffentliche Anerkennung seines Wirkens.
Die hier versammelten Texte repräsentieren Gattungen von der Monographie über Vorlesungen, Fallgeschichten und Essays bis zu ausgewählten Briefen. Verbindende Themen sind das Unbewußte, Konflikt und Abwehr, Sexualität, Sprache, Kultur und Erinnerung. Stilistisch verbinden sich klinische Nüchternheit, argumentative Sorgfalt und die Bereitschaft zu kühnen Hypothesen. Briefe wie Warum Krieg? und der Brief an Romain Rolland lassen eine persönliche, dialogische Stimme hören. Die anhaltende Bedeutung dieses Gesamtwerks liegt in der Verbindung von methodischer Genauigkeit und Offenheit für Revisionen, die Psychologie, Geistes- und Sozialwissenschaften, Kunstinterpretation und öffentliche Debatten bis heute prägt.
Sigmund Freud (1856–1939) war ein Wiener Neurologe und der Begründer der Psychoanalyse. Aus der Klinik heraus entwickelte er eine neuartige Theorie des Seelenlebens, deren Grundpfeiler er in Werken wie Die Traumdeutung, Zur Psychopathologie des Alltagslebens und Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie formulierte. Parallel erweiterte er den psychoanalytischen Blick auf Kultur, Religion und Gesellschaft, etwa in Totem und Tabu, Das Unbehagen in der Kultur und Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Mit Das Ich und das Es, Jenseits des Lustprinzips und Massenpsychologie und Ich-Analyse schuf er Modelle, die das 20. Jahrhundert prägten und weit über Medizin und Psychiatrie hinaus wirkten.
Freuds Methode der freien Einfälle, seine Deutung von Träumen, Fehlleistungen und Witzen sowie die Analyse von Übertragung und Widerstand wurden in Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und der Neuen Folge für ein größeres Publikum systematisch dargelegt. Seine Fallgeschichten – von Bruchstück einer Hysterie-Analyse bis Aus der Geschichte einer infantilen Neurose – verbanden klinische Beobachtung mit literarischer Darstellung. In Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung und Über Psychoanalyse reflektierte er die Genese des Verfahrens. So entstand ein Werk, das zugleich Theorie, Technik und Kulturinterpretation liefert und das Selbstverständnis des modernen Menschen tiefgreifend verändert hat.
Freud studierte ab 1873 Medizin an der Universität Wien und arbeitete im physiologischen Labor von Ernst Brücke, wo er ein strenges naturwissenschaftliches Denken erlernte. Früh zeigte sich sein Interesse an Sprache und Hirnfunktion in Zur Auffassung der Aphasien. Ein Studienaufenthalt bei Jean-Martin Charcot in Paris (1885/86) lenkte seinen Blick auf hysterische Phänomene als psychogen bedingt. Zurück in Wien vertiefte er mit Josef Breuer die klinische Arbeit, woraus Studien über Hysterie und einschlägige Beiträge wie Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene und Zur Psychotherapie der Hysterie hervorgingen – die Keimzelle der späteren Psychoanalyse.
Intellektuell speiste sich Freud aus Naturwissenschaft, klassischer Bildung und Kunst. Literatur und Bildende Kunst wurden für ihn zu Experimentierfeldern: Der Dichter und das Phantasieren formuliert den Brückenschlag zwischen ästhetischer Erfindung und Tagtraum; Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva untersucht Dichtung als psychologisches Dokument; Der Moses des Michelangelo und Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci verbinden Ikonographie und Psychoanalyse. Anthropologisches Denken prägen Totem und Tabu sowie Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Diese vielfältigen Einflüsse formten seinen charakteristischen, argumentierenden und zugleich essayistischen Stil.
Nach frühen neurologischen und klinischen Arbeiten legte Freud mit Die Traumdeutung das Fundament seiner Theorie des Unbewussten. Kurz darauf erweiterte Zur Psychopathologie des Alltagslebens die Deutung auf Fehlleistungen des Alltags, während Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten psychische Ökonomie am Beispiel des Komischen verhandelt. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie setzten die Provokation: Entwicklung, Perversion und infantile Sexualität wurden zum Zentrum der Neurosenlehre. Parallel klärte er die Position der Psychoanalyse in Ein Traum als Beweismittel und Über Psychoanalyse. Diese frühen Schriften begründeten Freud als klinischen Denker mit literarischer Ausdruckskraft und veränderten das Verständnis von Normalität und Krankheit.
Freuds Fallgeschichten sind paradigmatisch für seine Schreibweise. Bruchstück einer Hysterie-Analyse entfaltet an der sogenannten Dora die Dynamik von Übertragung und Deutung. Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose schildern den „Rattenmann“ und die Logik des Zwangs. Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben (der „Kleine Hans“) und Aus der Geschichte einer infantilen Neurose (der „Wolfsmann“) zeigen, wie frühe Konflikte Symptomformen strukturieren. Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia interpretiert den Fall Schreber textnah. Diese Studien verbinden klinische Präzision, theoretische Fortbildung und eine erzählerische Form, die den Leser in den Prozess des Verstehens hineinzieht.
Mit Totem und Tabu und Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker öffnete Freud sein Denken auf Ethnologie, Mythen und Religion. Zeitgemäßes über Krieg und Tod reagierte auf die Gewalterfahrung des Ersten Weltkriegs. Zugleich entstanden die metapsychologischen Schriften: Zur Einführung des Narzißmus, Triebe und Triebschicksale, Die Verdrängung, Das Unbewußte, Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre und Trauer und Melancholie. Ergänzt durch Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens und Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten verdichten sie Freuds Energielehre des Seelischen und seine Theorie der Abwehrprozesse zu einem kohärenten, wenn auch offenbleibenden System.
In Jenseits des Lustprinzips führte Freud Wiederholungszwang und Todestrieb ein; Massenpsychologie und Ich-Analyse untersuchte Identifikation und Führerbindung; Das Ich und das Es formulierte das Strukturmodell. Hemmung, Symptom und Angst klärte die Rolle des Ichs in der Symptomproduktion. Für ein breites Publikum systematisierten die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und die Neue Folge zentrale Konzepte. Technisch-programmatisch sind Die Frage der Laienanalyse, Ratschläge für den Arzt, Zur Einleitung der Behandlung und Zur Dynamik der Übertragung. Kulturkritische Zuspitzungen liefern Die Zukunft einer Illusion, Das Unbehagen in der Kultur, Warum Krieg?, Der Humor, Fetischismus, Notiz über den »Wunderblock«, Dostojewski und die Vatertötung und schließlich Der Mann Moses und die monotheistische Religion.
Freud vertrat den psychischen Determinismus und machte die Sexualität – besonders die kindliche – zum Schlüssel der Neurosenlehre. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Über infantile Sexualtheorien, Zur sexuellen Aufklärung der Kinder und Der Familienroman der Neurotiker stellen Entwicklung, Phantasie und Verbot in einen Zusammenhang. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik, Charakter und Analerotik, Über die weibliche Sexualität, Fetischismus und »Ein Kind wird geschlagen« zeigen, wie kulturelle Normen und individuelle Schicksale libidinöse Bahnungen formen. Freud plädierte für nüchterne Aufklärung und eine Sprache, die das Intime weder moralisiert noch verkürzt – ein Anliegen, das seine Kontroversen mitprägte.
Als Anwalt seiner Methode verteidigte Freud die Autonomie der Psychoanalyse. Die Freudsche psychoanalytische Methode, Psychische Behandlung und Über Psychotherapie markieren frühe Positionsbestimmungen. Gegen Fehlanwendungen wandte er sich in Über »wilde« Psychoanalyse; zur Technik äußerte er sich in Ratschläge für den Arzt, Zur Einleitung der Behandlung, Bemerkungen über die Übertragungsliebe und Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. Programmatisch sind Die Frage der Laienanalyse und Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung; späte Reflexionen liefern Konstruktionen in der Analyse und Die endliche und die unendliche Analyse. In Die »kulturelle« Sexualmoral und die moderne Nervosität sowie Warum Krieg? verband er klinische Einsicht mit gesellschaftlicher Diagnose und skeptischem Humanismus.
Seit 1923 litt Freud an einem Kieferkarzinom, unterzog sich zahlreichen Operationen und arbeitete dennoch unermüdlich weiter. Seine späten Jahre waren von politischer Bedrohung und geistiger Produktivität geprägt: Nach dem „Anschluss“ 1938 emigrierte er nach London. Kurz zuvor und danach erschienen programmatische Texte wie Die endliche und die unendliche Analyse und Konstruktionen in der Analyse; Der Mann Moses und die monotheistische Religion schloss eine lange kulturgeschichtliche Linie. 1930 wurde ihm der Goethe-Preis verliehen. Freud starb 1939 in London an den Folgen seiner Erkrankung; angesichts schwerster Schmerzen wurde sein Tod ärztlich begleitet, wie zeitgenössische Berichte dokumentieren.
Freuds Nachwirkung reicht in Psychotherapie, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Anthropologie, Sozial- und Kulturtheorie. Die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und ihre Neue Folge prägten Generationen von Lesern; Das Unbehagen in der Kultur und Die Zukunft einer Illusion gehören zu den einflussreichsten Diagnosen der Moderne. Massenpsychologie und Ich-Analyse, Das Ich und das Es und Jenseits des Lustprinzips bleiben zentrale Bezugspunkte theoretischer Debatten. Zugleich wirken die Fallgeschichten und Zur Psychopathologie des Alltagslebens als Schulen der Aufmerksamkeit. Freuds Begriffe – Unbewusstes, Verdrängung, Übertragung – sind in die Alltagssprache eingegangen und bilden ein dauerhaftes intellektuelles Erbe.
Die in dieser Sammlung versammelten Schriften Sigmund Freuds entstanden zwischen den 1880er Jahren und seinem Todesjahr 1939. Sie spiegeln den Übergang von der Spätherrschaft der Habsburgermonarchie über den Ersten Weltkrieg bis in die krisenhaften 1930er Jahre. Frühschriften wie Zur Auffassung der Aphasien und die Coca-Beiträge verorten Freud zunächst im neurologischen und experimentell-medizinischen Milieu. Spätere Arbeiten markieren den Aufbau einer neuen psychologischen Fachsprache, die sich von der Klinik bis in Kultur- und Gesellschaftsdiagnosen erstreckt. Der Zeitraum umfasst die technologische, urbane und intellektuelle Verdichtung der Moderne, deren Spannungen sich in Freuds Leitbegriffen des Unbewussten, der Triebe und der Konflikte niederschlagen.
Das Wien der Jahrhundertwende bot ein dichtes Netz aus Kliniken, Salons und wissenschaftlichen Vereinen. Hysterie, Aphasien und Nervenkrankheiten wurden im Spannungsfeld von Neurologie, Psychiatrie und Hypnose erforscht. Freuds Paris-Aufenthalt bei Charcot und die Zusammenarbeit mit Josef Breuer schufen die methodischen Voraussetzungen der Studien über Hysterie, einschließlich der Debatten über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Aus der Abkehr von Hypnose und der Hinwendung zur freien Assoziation ergab sich ein neues Verständnis von Symptombildung, Erinnerung und Abwehr. Dieses Klima einer sich modernisierenden Medizin prägte auch Freuds frühe therapeutische Reflexionen und seine Auseinandersetzung mit etablierten Lokalisationstheorien.
Um 1900 wenden sich Freuds Arbeiten den alltäglichen Manifestationen des Psychischen zu. Die Traumdeutung, Zur Psychopathologie des Alltagslebens und Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten versammeln Beobachtungen über Versprecher, Fehlleistungen, Witze und Träume. Sie reagieren auf eine urbane Kultur, in der Schriftverkehr, Bürokratie und Massenmedien neue Formen der Aufmerksamkeit und Zerstreuung erzeugen. Die methodische Pointe liegt darin, scheinbare Nebensächlichkeiten als regelhafte, sinnvolle Äußerungen unbewusster Prozesse zu lesen. Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse und weitere Aufsätze erläutern zugleich die praktische Nutzung dieser Deutungsregeln im Behandlungszimmer.
Die sexuelle Frage war um 1900 Gegenstand medizinischer, juristischer und moralischer Auseinandersetzungen. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen, Zur sexuellen Aufklärung der Kinder und verwandte Texte positionieren Freud in einer Debatte über Norm, Entwicklung und Pathologie. Gegen zeitgenössische Vorstellungen einer rein erwachsenen Sexualität betont er Entwicklungslinien, Verschiebungen und kulturelle Verbote. Schriften wie Zwangshandlungen und Religionsübungen sowie Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität verbinden individuelle Konflikte mit gesellschaftlichen Regelwerken. Die soziokulturelle Modernisierung erscheint darin weniger als Befreiung denn als Quelle neuer Spannungen zwischen Triebanforderungen und sozialen Erwartungen.
Die klinische Fallgeschichte etabliert die Psychoanalyse als Erfahrungswissenschaft des Einzelfalls. Bruchstück einer Hysterie-Analyse, Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben und Aus der Geschichte einer infantilen Neurose dokumentieren die Entwicklung der Technik: von der Beschreibung akuter Symptome über die Beobachtung der Übertragung bis zur Rekonstruktion früher Konflikte. Ohne die Intimität der Fälle auszubreiten, zeigen sie das Wechselspiel von Familienstrukturen, kulturellen Vorstellungen und psychischer Ökonomie. Parallel erläutern technische Texte wie Ratschläge für den Arzt, Zur Einleitung der Behandlung und Zur Dynamik der Übertragung die methodische Selbstbeobachtung der entstehenden Disziplin.
Die Psychoanalyse formierte sich in Vereinen, Kongressen und Zeitschriften. In Wien entstand ab 1902 die Mittwoch-Gesellschaft; 1909 verbreiteten die Clark-University-Vorträge Über Psychoanalyse die Lehre in den USA; 1910 wurde die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet. Die frühen Spaltungen mit Alfred Adler und Carl Gustav Jung markieren theoretische Fluchtpunkte innerhalb einer jungen Bewegung. Freuds Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung ordnet diese Konflikte historisch, verteidigt den methodischen Kern und reflektiert den Umgang mit Dissens. Zugleich begannen Übersetzungen, Kliniken und Ausbildungsstätten die internationale Institutionalisierung zu tragen, was neue Fragen nach Standards und Zuständigkeiten aufwarf.
Freuds kulturwissenschaftliche Exkurse stehen im Kontext einer europäischen Faszination für Mythologie, Ethnologie und Religion. Totem und Tabu sowie Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker greifen auf zeitgenössische anthropologische Literatur zurück, um Verwandtschaften zwischen Ritual, Verbot und Neurose zu diskutieren. Literaturanalysen wie Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva und Ein Leonardo-Essay zeigen, wie künstlerische Werke als Projektionsflächen seelischer Konflikte dienen. Diese kulturpsychologischen Anwendungen reagierten auf die Suche nach Gesamtdeutungen moderner Erfahrung, ohne die klinische Herkunft der Konzepte preiszugeben.
Zwischen 1911 und 1915 systematisiert Freud seine Grundbegriffe. Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Das Unbewusste, Die Verdrängung, Triebe und Triebschicksale und metapsychologische Ergänzungen erläutern Dynamik, Topik und Ökonomie. Gleichzeitig entsteht ein Kanon technischer Regeln: Empfehlungen für Ärzte, Beobachtungen zur Übertragungsliebe und das Konzept des Durcharbeitens akzentuieren Haltung, Abstinenz und Prozessualität der Behandlung. Diese theoretische Verdichtung fällt in eine Zeit intensiver Diskussionen mit Psychiatrie und Philosophie, in der Fragen nach Evidenz, Methode und Begriffsbildung die wissenschaftliche Öffentlichkeit bewegten.
Der Erste Weltkrieg verschob Problemhorizonte. Militärische Zensur, Mobilisierung und Massensterben prägten die Wahrnehmung von Angst, Trauer und Aggression. In Zeitgemäßes über Krieg und Tod und Trauer und Melancholie formuliert Freud Beobachtungen über Verlust, Entwertung des Lebens und innere Konflikte. Die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse vermittelten unter Kriegsbedingungen Grundzüge an ein breites Publikum, einschließlich Diskussionen über Hysterie, Träume und Fehlleistungen. Der politische Umbruch 1918/19, der Zerfall der Donaumonarchie und soziale Notlagen bildeten den Hintergrund, vor dem therapeutische Institutionen sich neu ordneten und Kriegsneurosen die Praxis erreichten.
In den frühen 1920er Jahren verschiebt sich der theoretische Schwerpunkt. Jenseits des Lustprinzips diskutiert Wiederholungszwang und postuliert einen destruktiven Antriebspol. Massenpsychologie und Ich-Analyse reagiert auf die neue Sichtbarkeit organisierter Massen, Propaganda und Führerfiguren, wie sie in Revolutions- und Nachkriegszeit hervortraten. Das Ich und das Es führt die Strukturgliederung von Ich, Es und Über-Ich ein und formt den später kanonischen Vokabelbestand. Diese Neukalibrierung der Theorie steht im Austausch mit klinischen Beobachtungen, juristisch-politischen Entwicklungen und der Ausweitung der psychoanalytischen Ausbildung in mehreren Ländern.
Die Professionalisierung der Analyse brachte juristische und standespolitische Konflikte. Die Frage der Laienanalyse entstand vor dem Hintergrund eines Wiener Strafverfahrens gegen den nichtärztlichen Analytiker Theodor Reik. Freud verteidigte die Möglichkeit qualifizierter nichtmedizinischer Praxis und reflektierte Ausbildung, Verantwortung und Grenzen des Verfahrens. Technische Arbeiten zur Einleitung der Behandlung, zur Übertragung und zu Widerständen konkretisierten Standards. Zugleich wurde in Aufsätzen über wilde Analyse und über neurotische Erkrankungstypen vor Verkürzungen und dogmatischer Anwendung gewarnt. Der Diskurs um Zuständigkeit spiegelte unterschiedliche Gesundheitssysteme und Professionstraditionen in Europa und den USA.
Religions- und Kulturkritik gewann in den 1920er und frühen 1930er Jahren an Gewicht. Die Zukunft einer Illusion diskutiert die psychische Funktion religiöser Vorstellungen; Das Unbehagen in der Kultur analysiert den Preis der Zivilisierung in Verzicht, Schuld und Aggression. Warum Krieg? dokumentiert einen Briefwechsel mit Albert Einstein im Rahmen eines Völkerbund-Instituts, der Möglichkeiten und Grenzen rechtlich-institutioneller Friedenssicherung thematisiert. Die Neue Folge der Vorlesungen bündelt diese Perspektiven für ein größeres Publikum. Freuds Goethe-Preis bezeugt zugleich die kulturelle Kanonisierung eines Ansatzes, der sich kritisch zur bürgerlichen Moral und zu kollektiven Idealen verhält.
Fragen der Geschlechtsidentität und sexuellen Entwicklung wurden in der Zwischenkriegszeit neu verhandelt. Über die weibliche Sexualität, Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds, Fetischismus und Der Untergang des Ödipuskomplexes greifen klinische und kulturelle Kontroversen auf. Debatten über Mutterschaft, Bildung, Strafrecht und Reformen der Sexualmoral bildeten den gesellschaftlichen Resonanzraum. Fallbesprechungen, etwa über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität, wurden zum Prüfstein für die Reichweite der Theorie. Gleichzeitig plädieren Arbeiten über libidinöse Typen und über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens für eine differenzierte Typenlehre statt moralischer Einordnungen.
Die Verbindung von Kunst, Erinnerung und Biographie gehört zum Markenzeichen der Freudschen Kulturarbeit. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Der Moses des Michelangelo, Dostojewski und die Vatertötung sowie Der Dichter und das Phantasieren zeigen, wie künstlerische Produktion, Motivwahl und Publikumserfahrung psychoanalytisch lesbar werden. Der Brief an Romain Rolland thematisiert eine Störung des autobiographischen Erinnerns und verbindet persönliche Beobachtung mit Theorie. Solche Aufsätze positionieren die Psychoanalyse als Hermeneutik moderner Kultur, in der individuelle Konflikte und kollektive Symbolik einander durchdringen, ohne die Maßstäbe empirischer klinischer Arbeit aus dem Blick zu verlieren.
Freud reagierte auch auf technische und mediale Innovationen. Die Notiz über den Wunderblock nutzt ein zeitgenössisches Schreibgerät als Modell für Gedächtnis und Einschreibung. Der Humor, Das Unheimliche und Bemerkungen zur Traumdeutung untersuchen ästhetische Effekte zwischen Lustgewinn, Angst und Erkenntnis. Traum und Telepathie zeigt Freuds Bereitschaft, populäre Themen kritisch zu prüfen, ohne das methodische Minimum der Analyse preiszugeben. Solche Reflexionen bezeugen die Auseinandersetzung mit neuen Kommunikationsformen, Apparaten und Wahrnehmungsweisen, die die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis und die soziale Interaktion der Moderne tiefgreifend veränderten.
Die politischen Verwerfungen der 1930er Jahre verschärften die Lage. 1933 wurden Freuds Schriften in Deutschland öffentlich verbrannt; 1938 zwang der Anschluss Österreichs ihn zur Emigration nach London. Bereits seit den frühen 1920er Jahren litt er unter Kieferkrebs, arbeitete aber weiter an Grundsatzfragen: Die endliche und die unendliche Analyse und Konstruktionen in der Analyse bilanzieren Möglichkeiten und Grenzen des Verfahrens; Die Ichspaltung im Abwehrvorgang radikalisiert Überlegungen zur Abwehr. Der Mann Moses und die monotheistische Religion greift Identitäts- und Traditionsdebatten im Zeichen wachsenden Antisemitismus auf und konfrontiert die Psychoanalyse mit religiöser Geschichte.
Die Sammlung dokumentiert ein Denken, das aus klinischer Praxis heraus kulturelle Diagnosen formuliert. Sie kommentiert die Beschleunigung der Moderne, ihre Regeln und Zumutungen, ohne in bloße Zeitkritik zu verfallen. Spätere Deutungen variierten die Akzente: In Großbritannien entwickelten Melanie Klein und andere Objektbeziehungstheorien; die Wiener Schule um Anna Freud profilierte die Ich-Psychologie; in Frankreich las Jacques Lacan Freud strukturalistisch. Parallel übten experimentelle Psychologie, Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie Kritik an Anspruch und Methode. Gerade in dieser pluralen Rezeption erweist sich die Sammlung als historisches Dokument einer Epoche, die das moderne Selbstverständnis nachhaltig verändert hat.
Freud entfaltet die Traumarbeit als Übersetzungsprozess vom manifesten zum latenten Trauminhalt und versteht Träume als psychische Erfüllungen, die sich in Verdichtung, Verschiebung und Symbolik verschlüsseln. Die Analyse folgt der freien Einfalle, nicht fertigen Deutungsschlüsseln, und verbindet Einzelfallvignetten mit einer allgemeinen Theorie des Wünschens. Der Ton ist forschend, systematisch und zugleich spekulativ.
Vergessen, Versprechen, Verlegen und Fehlleistungen werden als aussagekräftige Spuren unbewusster Absichten gelesen. Das Buch sammelt Beobachtungen aus Alltag und Praxis, um die Kontinuität zwischen normalem und neurotischem Seelenleben zu zeigen. Der Ton ist anschaulich, anekdotisch und didaktisch.
Die Schrift begründet die Lehre von der infantilen Sexualität, den psychosexuellen Entwicklungsphasen und der Vielfalt normnaher und sogenannter pervertierter Regungen. Sie rückt Triebmischung, Objektwahl und die Rolle der Kultur für Triebbildung in den Mittelpunkt. Der Ton ist programmatisch, thesenstark und bewusst kontrovers.
Anhand einer biographischen Reminiszenz entwickelt Freud ein psychologisches Porträt kreativer Sublimation und unbewusster Konflikte. Der Text verbindet Antriebstheorie, Deutung von Phantasien und kulturpsychologische Spekulation. Der Ton ist interpretativ, essayistisch und mit selbstreflexiven Vorbehalten versehen.
Freud verknüpft ethnologische Beobachtungen mit der Neurosenlehre und skizziert eine Urszene, in der Verbote, Schuldgefühle und Kultur entstehen. Tabus, Totemismus und Verwandtschaftsregeln werden als Abbild frühkindlicher Konflikte gedeutet. Der Ton ist weit ausholend, hypothetisch und kulturvergleichend.
In klar gegliederten Vorträgen erläutert Freud Traumdeutung, Fehlleistungen, Hysterie, Übertragung und die Technik der Behandlung. Er führt in Grundbegriffe wie Unbewusstes, Verdrängung und Symbolik ein und verbindet Theorie mit Fallvignetten. Der Ton ist didaktisch, zugänglich und argumentativ.
Die späteren Vorlesungen vertiefen und revidieren zentrale Positionen, erweitern die Metapsychologie und berichten über technische Erfahrungen. Themen wie Angst, Narzissmus und die Struktur des Psychischen werden systematisch aufgearbeitet. Der Ton ist reflektierend, bilanzierend und anwendungsnah.
Ein kompakter, allgemeinverständlicher Überblick über Methode, Ziele und Reichweite der Psychoanalyse. Freud skizziert das Setting, die Bedeutung der Übertragung und die Einsicht in unbewusste Konflikte als therapeutische Faktoren. Der Ton ist einladend, erläuternd und aufklärerisch.
Freud stellt das Prinzip der Lustmaximierung infrage, beobachtet Zwang zur Wiederholung und führt eine zweite, destruktive Tendenz im Seelenleben ein. Damit verschiebt sich die ökonomische und biologische Perspektive auf Triebe und Entwicklung. Der Ton ist kühn, spekulativ und selbstkritisch absichernd.
Die Dynamik der Masse wird aus Identifizierung, Idealisierung der Führerfigur und Ichprozessen erklärt. Freud zeigt, wie individuelle Strukturmechanismen soziale Bindungen und Kollektivaffekte formen. Der Ton ist sozialpsychologisch, analytisch und an aktuelle Phänomene angebunden.
Freud entwickelt das Strukturmodell von Es, Ich und Über-Ich und verortet Konflikte, Abwehr und Schuld im Zusammenspiel dieser Instanzen. Das Ich erscheint als Vermittler zwischen Triebanforderungen, Normen und Realität. Der Ton ist systematisch, konzentriert und begriffsprägend.
Die Schrift ordnet Angst, Abwehr und Symptom neu, indem sie die Signalwirkung der Angst und die Rolle des Ichs betont. Hemmung, Symptom und Phobie werden funktional unterschieden und an klinische Beobachtungen rückgebunden. Der Ton ist technisch und klärend.
Freud argumentiert für die sachkundige, aber nicht zwingend ärztliche Ausübung der Analyse und grenzt sie gegenüber medizinischer Behandlung ab. Ethik, Ausbildung und Verantwortung des Analytikers stehen im Zentrum. Der Ton ist polemisch, prinzipienfest und aufklärerisch.
Die Schrift diagnostiziert einen strukturellen Konflikt zwischen Triebeansprüchen und kultureller Ordnung, dessen Preis in Schuldgefühlen und Unlust liegt. Sublimierung und Verbote sichern Kultur, erzeugen aber Spannungen im Einzelnen. Der Ton ist kulturkritisch, weitblickend und nüchtern.
Religion erscheint als psychische Stütze angesichts von Ohnmacht und Angst, deren Wahrheitsanspruch kritisch geprüft wird. Freud diskutiert pädagogische und gesellschaftliche Folgen des Glaubens. Der Ton ist provokant, rationalistisch und argumentativ diszipliniert.
Freud entfaltet eine kulturpsychologische Hypothese zur Entstehung des Monotheismus, in der kollektive Erinnerung, Verdrängung und Trauma verknüpft werden. Der Text verbindet historische Rekonstruktion mit psychoanalytischer Deutung des Religiösen. Der Ton ist revisionistisch, essayistisch und selbstreflexiv.
An der berühmten Fallstudie zeigt Freud die Bedeutung von Übertragung, Deutung und Abbruch der Behandlung für das Verständnis hysterischer Symptome. Die Analyse macht auch die Grenzen des Vorgehens sichtbar. Der Ton ist klinisch-narrativ und selbstkritisch.
Die Beobachtung einer Kinderphobie wird als Ausdruck ödipaler Konflikte und Abwehr erklärt. Eltern, Angst und Symbolisierung spielen für Symptomwandel und Bewältigung zusammen. Der Ton ist pädagogisch zugewandt und theoriegeleitet.
Die komplexe Fallgeschichte arbeitet an der Grenze von Erinnerung, Phantasie und Deutung und zeigt die Persistenz früher Konflikte. Zentral ist die Frage, wie eine kindliche Szene psychisch wirksam wird. Der Ton ist detailreich, methodisch reflektiert und behutsam.
Die Analyse macht Ambivalenz, Magie des Denkens und penible Rituale als Kern der Zwangsneurose anschaulich. Übertragung und Schuldgefühle strukturieren den Verlauf. Der Ton ist präzise klinisch und entlang der Technik erläutert.
Am autobiographischen Material eines Patienten entwickelt Freud eine Theorie projektiver Mechanismen und paranoischer Systembildung. Sprache, Körpererleben und Grandiosität werden in ihrer inneren Logik verständlich. Der Ton ist textanalytisch und theoretisch zugespitzt.
Die gemeinsam mit einem Kollegen entstandene Schrift begründet die Methode des Sprechens über traumatische Erlebnisse als Heilweg. Konversion, Affektabfuhr und psychische Determiniertheit werden an Fallgeschichten entwickelt. Der Ton ist experimentell, grundlegend und klinisch-anschaulich.
Die technische Darlegung erläutert das Vorgehen der Aufdeckung und Bearbeitung affektbeladener Erinnerungen. Sie bildet eine Brücke zur späteren freien Assoziation und Deutungsarbeit. Der Ton ist methodisch und praxisorientiert.
Freud bilanziert frühe Hoffnungen und Grenzen eines Stimulans aus medizinischer Perspektive. Die Notiz reflektiert Nutzen, Risiken und Fehleinschätzungen. Der Ton ist sachlich-korrigierend.
Eine theoretische Frühschrift zur Sprache, die Repräsentation, Lokalisation und symbolische Verarbeitung diskutiert. Sie markiert den Übergang von neurologischer Modellbildung zu psychologischer Erklärung. Der Ton ist systematisch-analytisch.
Die Analyse zeigt Techniken des Witzes und ihre Affektökonomie, in der Entlastung, Aggression und List zusammenwirken. Kommunikation und soziale Bindung erhalten so eine psychische Tiefendimension. Der Ton ist gelehrt, spielerisch und präzise.
Diese Gruppe bündelt Kerntexte zu Unbewusstem, Verdrängung, Triebschicksalen, Prinzipien des psychischen Geschehens, Abwehr (Verneinung, Spaltung) sowie zu Realität, Trauer und Melancholie. Modelle wie das Gedächtnisbild des „Wunderblocks“ und Überlegungen zu Masochismus, Neurose/Psychose schärfen Dynamik, Topik und Ökonomie. Der Ton ist begriffsbildend, verdichtend und auf klinische Beobachtungen rückgekoppelt.
Praktische Leitfäden und Positionspapiere behandeln Indikation, Rahmen, Abstinenz, Deutungsarbeit, Übertragung/Übertragungsliebe und das Ende der Analyse. Sie reichen von Ratschlägen für den Arzt über Konstruktionen in der Analyse bis zu Debatten über Traumdeutung, Fehlidentifikationen und Grenzthemen wie Telepathie, inklusive Selbsthistorisierung der Bewegung. Der Ton ist anwendungsorientiert, normativ begründet und erfahrungsnah.
Aufsätze zur kindlichen Sexualtheorie, Analerotik, Wandlung von Triebzielen und Typen libidinöser Organisation zeichnen Entwicklungslinien und Varianten der Objektwahl nach. Befunde zu weiblicher Sexualität, Fetischismus, Fantasien („Ein Kind wird geschlagen“) und kultureller Sexualmoral verbinden Biographie, Kultur und Klinik. Der Ton ist thesenstark, differenzierend und konfliktsensibel.
Texte zu Hysterie-Mechanismen, Angstneurose, Zwangsdispositionen, Eifersucht/Paranoia/Homosexualität, Konversionssymptomen und Adoleszenz umreißen ein nosologisches Profil. Charakterstudien, Familienroman und Fallminiaturen zeigen, wie Abwehr, Symbolisierung und Beziehung die Symptomform prägen. Der Ton ist diagnostisch, typologisch und stets an Therapiefragen rückgebunden.
Essayistische Schriften verbinden klinische Motive mit Kultur, Krieg, Verlust und gesellschaftlichen Ritualen; sie markieren Analogien zwischen sog. ‚primitiven‘ Praktiken und neurotischer Logik. Briefe und Ansprachen verhandeln Krieg, Humanismus, Vergänglichkeit und künstlerische Anerkennung. Der Ton ist kulturkritisch, dialogisch und historisch sensibilisiert.
Auseinandersetzungen mit Dichtung, Bildhauerei und Bühnendarstellung beleuchten Phantasieren, das Unheimliche, symbolische Gegensinne und Wahlmotive. Eine literarische Falllektüre zeigt, wie Traum und Wahn poetisch Gestalt annehmen. Der Ton ist ästhetisch-analytisch, textnah und theorieverbindend.
Diese Gruppe versammelt kürzere, thematisch fokussierte Berichte, in denen Freud spezifische Mechanismen (z. B. in Paranoia oder besonderen biographischen Konstellationen) nachzeichnet. Sie ergänzen die großen Fallmonographien um Varianten und Grenzfälle. Der Ton ist fallbezogen, explorativ und jeweils an eine begrenzte Fragestellung gebunden.
Wiederkehrende Themen sind die psychische Determiniertheit, die Konflikthaftigkeit des Seelenlebens und die Bedeutung von Erinnerung, Fantasie und Sprache. Stilistisch wechseln klinische Narrative, didaktische Vorlesungen, begriffsbildende Essays und kulturkritische Diagnosen, die sich wechselseitig stützen. Über die Jahre verdichtet sich die Theorie von topischen Modellen zur Strukturlehre, die Technik wird präzisiert, und die Kulturkritik gewinnt an Reichweite.
1900
Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, glaube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psychologischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs-und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann der Traum – wie sich zeigen wird – Anspruch nicht erheben; um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs-und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen.
Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtigkeit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit verantwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Darstellung so reichlich finden wird, entsprechen ebenso vielen Kontaktstellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt werden konnten und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet werden sollen.
Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine Zwecke unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffnete, als mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, sondern22Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um nicht auf die Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt verzichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen Indiskretionen die Spitze abzubrechen; sooft dies geschah, gereichte es dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit mir zu üben, und ferner, daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen.
Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung des ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von Beruf, die nun einmal gewohnt sind, die Probleme des Traumlebens als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen – meist den nämlichen – Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von Neurotikern zu verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung verschafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit nach neun Jahren von neuem vorzunehmen.
Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat wenigstens subjektiv die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich bei meinen ersten Mitteilungen stehenbleiben. In den langen Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es immer wieder dieTraumdeutung, an der ich meine Sicherheit wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigenalso einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der Traumforschung nicht folgen wollen.
Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleichgültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und deuten lernt.
Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zusammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet.
Berchtesgaden, im Sommer 1908.
Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das Bedürfnis einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seite der Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann ich das nunmehr zutage getretene Interesse auch nicht als Beweis für seine Trefflichkeit verwerten.
Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch dieTraumdeutungnicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb, bestand25dieSexualtheorienoch nicht, war die Analyse der komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das vertiefte Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auflage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stekel und anderen habe ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume (oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt. So hat sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berücksichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten Rechnung zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rahmen der Darstellung zu sprengen drohen oder wenn es doch nicht an allen Stellen gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau unserer heutigen Einsichten zu heben, so bitte ich für diese Mängel des Buches um Nachsicht, da sie nur Folgen und Anzeichen der nunmehr beschleunigten Entwicklung unseres Wissens sind. Ich getraue mich auch vorherzusagen, nach welchen anderen Richtungen spätere Auflagen derTraumdeutung– falls sich ein Bedürfnis nach solchen ergeben würde – von der vorliegenden abweichen werden. Dieselben müßten einerseits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff der Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und der Folklore suchen, anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur Geistesstörung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln.
Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. Ich bin ihm und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen zu Dank verpflichtet.
Wien, im Frühjahr 1911.
Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. Brill in New York eine englische Übersetzung dieses Buches zustande gebracht. (The Interpretation of Dreams. G. Allen & Co., London.)
Herr Dr. Otto Rank hat diesmal nicht nur die Korrekturen besorgt, sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. (Anhang zu Kapitel VI.)
Wien, im Juni 1914.
Das Interesse für dieTraumdeutunghat auch während des Weltkrieges nicht geruht und noch vor Beendigung desselben eine neue Auflage notwendig gemacht. In dieser konnte aber die neue Literatur seit 1914 nicht voll berücksichtigt werden; soweit sie fremdsprachig war, kam sie überhaupt nicht zu meiner und Dr. Ranks Kenntnis.
Eine ungarische Übersetzung derTraumdeutung, von den Herren Dr. Hollos und Dr. Ferenczi besorgt, ist dem Erscheinen nahe. In meinen 1916/17 veröffentlichtenVorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse(bei H. Heller, Wien) ist das elf Vorlesungen umfassende Mittelstück einer Darstellung des Traumes gewidmet, welche elementarer zu sein bestrebt ist und einen innigeren Anschluß an die Neurosenlehre herzustellen beabsichtigt. Sie hat im ganzen den Charakter eines Auszugs aus derTraumdeutung,obwohl sie an einzelnen Stellen Ausführlicheres bietet.
Zu einer gründlichen Umarbeitung dieses Buches, welche es auf das Niveau unserer heutigen psychoanalytischen Anschauungen heben, dafür aber seine historische Eigenart vernichten würde, konnte ich mich nicht entschließen. Ich meine aber, es hat in nahezu zwanzigjähriger Existenz seine Aufgabe erledigt.
Budapest-Steinbruch, im Juli 1918.
Die Schwierigkeiten, unter denen gegenwärtig das Buchgewerbe steht, haben zur Folge gehabt, daß diese neue Auflage weit später erschienen ist, als dem Bedarf entsprochen hätte, und daß sie – zum ersten Male – als unveränderter Abdruck der ihr vorhergehenden auftritt. Nur das Literaturverzeichnis am Ende des Buches ist von Dr. O. Rank vervollständigt und fortgeführt worden.
Meine Annahme, dieses Buch hätte in nahezu zwanzigjähriger Existenz seine Aufgabe erledigt, hat also keine Bestätigung gefunden. Ich könnte vielmehr sagen, daß es eine neue Aufgabe zu erfüllen hat. Handelte es sich früher darum, einige Aufklärungen über das Wesen des Traumes zu geben, so wird es jetzt ebenso wichtig, den hartnäckigen Mißverständnissen zu begegnen, denen diese Aufklärungen ausgesetzt sind.
Wien, im April 1921.
In den Zeitraum zwischen der letzten, siebenten Auflage dieses Buches (1922) und der heutigen Erneuerung fällt die Ausgabe meinerGesammelten Schriften, veranstaltet vom Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien. In diesen bildet der wiederhergestellte Text der ersten Auflage den zweiten Band, alle späteren Zusätze sind im dritten Band vereinigt. Die in der gleichen Zwischenzeit erschienenen Übersetzungen schließen an die selbständige Erscheinungsform des Buches an, so die französische von I. Meyerson 1926 unter dem TitelLa science des rêves(in der »Bibliothèque de Philosophie contemporaine«), die schwedische von John Landquist 1927 (Drömtydning) und die spanische von Luis Lopez-Ballesteros y de Torres, die den VI. und VII. Band derObras Completasfüllt. Die ungarische Übersetzung, die ich bereits 1918 für nahe bevorstehend hielt, liegt auch heute nicht vor.
Auch in der hier vorliegenden Revision derTraumdeutunghabe ich das Werk im wesentlichen als historisches Dokument behandelt und nur28solche Änderungen an ihm vorgenommen, als mir durch die Klärung und Vertiefung meiner eigenen Meinungen nahegelegt waren. Im Zusammenhang mit dieser Einstellung habe ich es endgültig aufgegeben, die Literatur der Traumprobleme seit dem ersten Erscheinen derTraumdeutungin dies Buch aufzunehmen, und die entsprechenden Abschnitte früherer Auflagen weggelassen. Ebenso sind die beiden Aufsätze ›Traum und Dichtung‹ und ›Traum und Mythus‹ entfallen, die Otto Rank zu den früheren Auflagen beigesteuert hatte.
Wien, im Dezember 1929.
In 1909 G. Stanley Hall invited me to Clark University, in Worcester, to give the first lectures on psycho-analysis. In the same year Dr. Brill published the first of his translations of my writings, which were soon followed by further ones. If psycho-analysis now plays a role in American intellectual life, or if it does so in the future, a large part of this result will have to be attributed to this and other activities of Dr. Brill’s.
His first translation ofThe Interpretation of Dreamsappeared in 1913. Since then much has taken place in the world, and much has been changed in our views about the neuroses. This book, with the new contribution to psychology which surprised the world when it was published (1900), remains essentially unaltered. It contains, even according to my present-day judgement, the most valuable of all the discoveries it has been my good fortune to make. Insight such as this falls to one’s lot but once in a lifetime.
Vienna, March 15, 1931.
Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen-oder Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Material in Angriff genommen werden muß.
Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der gebildeten Laien übergegangen.
Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele genommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, daß ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange ausschließe. Ich30verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lubbock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß uns die Tragweite dieser Probleme und Spekulationen erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der »Traumdeutung« erledigt haben. Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Altertums zugrunde. Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Beziehung stünden und Offenbarungen von Seiten der Götter und Dämonen brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für den Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zukunft zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen, und nötigte zu mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, je nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philosophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natürlich nicht unabhängig von der Stellung, die sie derMantiküberhaupt einzuräumen bereit waren. In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristoteles ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir hören, der Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er schläft[1q].
Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins Große umdeutet (»man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder jenes Gliedes stattfindet«), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt verraten könnten.
31Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.
Gruppe (1906, Bd. 2, 930) gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius und Artemidoros wieder: »Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte dieåíõÌðíéá,insomnia, die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihrGegenteil wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die öáíôÜóìáôá, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der Alpdruck,ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1) die direkte Weissagung, die man im Traume empfängt (÷ñçìáôéóìüò,oraculum), 2) das Voraussagen eines bevorstehenden Ereignisses (üñáìá,visio), 3) der symbolische, der Auslegung bedürftige Traum (üíåéñïò,somnium). Diese Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.«
Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Aufgabe einer »Traumdeutung« im Zusammenhange. Da man von den Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht ein bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traums durch einen einsichtlichen und dabei bedeutungsvollen ersetzen konnte. Als die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren Altertum Artemidoros aus Daldis, dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen muß.
32Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung, welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traum empfängt, denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalte entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abgesehen – die ja recht daran tun, die Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind –, trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner, 1887). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philosophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nachklang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.
Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traumprobleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht zur33Bildung eines Unterbaus von gesicherten Resultaten gekommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert, so müßte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren anzuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme anführen, was an Material zur Lösung desselben in der Literatur niedergelegt ist.
Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr verstreute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstands zu bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner Darstellung verlorengegangen ist.
Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt gesehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhang abzuhandeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse (wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiet des Traumlebens zum Gegenstande zu nehmen. In dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunkeln Dingen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafs zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustands die Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat mit enthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafs hier außer Betracht.
Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen:
Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum – wenn er schon nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach, dem wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphänomene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem viel bemerkten Satze Ausdruck gegeben (1838, 499): »… nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstande erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert die Wirklichkeit.« – I. H. Fichte (1864, Bd. 1, 541) spricht im selben Sinne direkt vonErgänzungsträumenund nennt diese eine von den geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. – In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der mit Recht von allen Seiten hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der Träume (1887, 16): »Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt…« (Ibid., 17): »Im Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren…« (Ibid., 19): »Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traum von dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe des wachen Lebens…«
Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Beziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung vertreten. So Haffner (1887, 245): »Zunächst setzt der Traum das Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Beobachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte.« Weygandt (1893, 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung Burdachs, »denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns35davon zu befreien«. Maury (1878, 51) sagt in einer knappen Formel: »nous rêvons de ce que nous avons vu, dit, desire ou fait«; Jessen in seiner 1855 erschienenen
