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Sigmund Freud: Die Traumdeutung ist ein Meisterwerk der Psychoanalyse, das erstmals 1899 veröffentlicht wurde. In diesem Buch untersucht Freud die Bedeutung von Träumen und bietet eine tiefgründige Analyse der unbewussten Gedanken und Wünsche, die in Träumen manifestiert werden. Mit einem klaren und prägnanten Schreibstil präsentiert Freud komplexe psychologische Konzepte und führt den Leser in die Welt des Unbewussten ein. Die Traumdeutung ist ein wegweisendes Werk, das die Grundlagen der modernen Psychoanalyse gelegt hat. Freud revolutionierte die Psychologie und bot neue Einsichten in das menschliche Verhalten und die Psyche. Als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts hat Freud mit Die Traumdeutung ein Werk geschaffen, das auch heute noch relevant ist. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich für Psychologie, Traumdeutung und die Funktion des Unbewussten interessieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Träume sind die Bühne, auf der das Unbewusste seine Masken wechselt. Mit dieser Vorstellung führt Die Traumdeutung in eine Denkbewegung ein, die unser Verständnis von Innerlichkeit grundlegend verschiebt. Das Buch öffnet eine Tür zu verborgenen Motiven, Konflikten und Wünschen, die sich in nächtlichen Bildern verschlüsseln. Es lädt dazu ein, das scheinbar Zufällige als strukturiert und bedeutsam zu betrachten. Nicht als esoterisches Rätsel, sondern als psychologische Aufgabe: Wie lässt sich Sinn aus dem Stoff der Nacht gewinnen? Diese Frage bildet den roten Faden, der Theorie, Methode und Beispiele souverän miteinander verknüpft.
Der Autor, Sigmund Freud, war Wiener Neurologe und Begründer der Psychoanalyse. Die Traumdeutung erschien um 1900 in deutscher Sprache und entstand in den späten 1890er-Jahren im Umfeld medizinischer, philosophischer und kulturkritischer Debatten. Freud verbindet klinische Erfahrung mit einer systematischen Reflexion über die Psyche. Das Buch markiert einen Wendepunkt von einer rein physiologischen Traumforschung hin zu einer psychologischen Lesart. Es ist kein Roman, sondern ein theoretisches Werk mit Fallbeobachtungen, das dennoch erzählerische Kraft entfaltet. Damit steht es an der Schwelle der Moderne, die das Innere des Menschen neu zu erkunden beginnt.
Warum gilt dieses Werk als Klassiker? Weil es eine Methode bereitstellt, die den Traum als sinnhaftes Gebilde ernst nimmt, und damit das Denken über Subjektivität, Sprache und Kultur beeinflusst. Die Traumdeutung ist nicht nur Grundstein der Psychoanalyse, sie hat auch Geistes- und Kulturwissenschaften nachhaltig geprägt. Sie zeigt, dass psychische Prozesse Regeln folgen, die sich interpretieren lassen. Diese intellektuelle Zumutung – in Bildern Regeln zu erkennen – löst bis heute Debatten aus. Ein Klassiker ist, was immer neu gelesen werden kann; Freuds Buch erfüllt dieses Kriterium durch seine argumentative Tiefe und seinen methodischen Anspruch.
Im Zentrum steht eine Leitidee: Träume bringen verdeckte Wünsche und Konflikte in verschlüsselter Form zum Ausdruck. Das, was im Traum offen erscheint, ist nicht die ganze Geschichte; unter der Oberfläche wirken weitere Bedeutungen. Freud unterscheidet zwischen dem manifesten Trauminhalt, also dem, was erinnert wird, und einem latenten Sinn, der sich erst durch Deutung erschließt. Als Werkzeug dient die freie Assoziation, mit der Traumelemente an das persönliche Leben rückgebunden werden. So entsteht ein Verfahren, das individuelle Erfahrungen respektiert und dennoch allgemeine Mechanismen psychischer Verarbeitung sichtbar macht.
Die literarische Wirkung des Buches ist kaum zu überschätzen. Indem es Innenperspektiven, Brüche und Verdichtungen als sinnvolle Gestaltungsprinzipien beschreibt, liefert es Vokabular und Impulse für die Moderne: Monologe des Inneren, fragmentarische Erzählweisen und symbolische Ökonomien gewinnen an Schärfe. Auch die Künste jenseits der Literatur beziehen sich auf diese Sprachlehre des Traums. Bildende Kunst, Theater und Film – insbesondere das avantgardistische und surrealistische Experiment – finden in Freuds Analyse eine Matrix, um Logik, Zufall und Begehren neu zu komponieren.
Nachhaltig sind die Themen, die das Buch bündelt: die Macht der Erinnerung, die Rolle der Kindheit in der psychischen Organisation, die Dynamik zwischen Verlangen und Abwehr, sowie die kulturelle Einbettung individueller Fantasien. Die Traumdeutung zeigt, wie Sprache, Bilder und Affekte sich durchdringen und Bedeutungen wandern. Sie führt vor, dass das Ich kein souveräner Herrscher ist, sondern in Aushandlungen mit Unbewusstem und Normen steht. Diese Einsicht macht das Werk für Fragen der Identität, der Kreativität und der moralischen Selbstprüfung immer wieder anschlussfähig und regt zu produktiver Skepsis gegenüber eindeutigen Erklärungen an.
Freuds Text vereint analytische Strenge mit erzählerischer Bewegung. Er argumentiert, demonstriert und reflektiert; Fallvignetten stehen neben begrifflichen Klärungen, Exkurse neben präzisen Definitionen. Anleihen aus Mythologie, Sprachwissenschaft und Alltagsbeobachtung verschränken sich mit klinischer Erfahrung. Die Struktur des Buches ist darauf ausgerichtet, den Leser Schritt für Schritt von Beispielen zur Methode und von der Methode zur Theorie zu führen. So entsteht ein Leseraum, in dem man nicht nur erfährt, was Träume bedeuten können, sondern wie eine Deutung in nachvollziehbaren, wenn auch anspruchsvollen, Schritten erarbeitet wird.
Der historische Kontext ist wesentlich: Um 1900 verschieben sich wissenschaftliche Paradigmen. Psychologie löst sich vom rein physiologischen Denken, ohne die Naturwissenschaften zu verlassen. In dieser Übergangszone positioniert sich Freud. Er knüpft an medizinische Diagnostik an, erweitert sie aber um eine Hermeneutik innerer Vorgänge. Diese doppelte Loyalität – zur Beobachtung und zur Interpretation – macht die Traumdeutung fordernd und fruchtbar. Sie zeigt, wie eine Theorie empirische Hinweise, sprachliche Feinheiten und kulturelle Muster zusammenführt, ohne sie zu verwechseln. Darin liegt ihre Modernität ebenso wie ihr Risiko.
Die Aufnahme des Buches war zunächst verhalten, später wirkungsmächtig. Mit wachsender Sichtbarkeit der Psychoanalyse wurde Die Traumdeutung zu einem Grundtext, der Zustimmung, Kritik und Weiterentwicklungen provozierte. Kontroversen um Nachprüfbarkeit, Symbollexika und therapeutische Wirksamkeit begleiteten die Debatten. Zugleich zeigte sich, dass der Wert des Werks nicht allein an naturwissenschaftlichen Kriterien zu messen ist: Es eröffnet eine Methodik des Verstehens, die Subjektivität ernst nimmt. Diese Ambivalenz – zwischen Wissenschaft und Hermeneutik – ist Teil seines Erbes und erklärt seine beständige Präsenz in unterschiedlichen Disziplinen.
Wie lässt sich dieses Buch heute lesen? Als Einladung, das Fremde im Eigenen zu erforschen, und als methodische Schule der Aufmerksamkeit. Die Beispiele sind keine Rezepte, sondern Anlässe, Denkwege nachzuvollziehen. Wer der Argumentation folgt, lernt, wie Fragen an einen Traum gestellt werden können, ohne vorschnelle Deutungen aufzuzwingen. Dabei bleibt wichtig: Symbole sind keine festen Chiffren, sondern gewinnen Sinn im individuellen Kontext. Die Traumdeutung ist weniger Handbuch als Werkstattbericht – ein Text, der das Denken in Bewegung versetzt und dem Leser die aktive Rolle des Mitdeuters zuschreibt.
Das Buch zeigt zudem seine Grenzen, und gerade darin seine Größe. Manche Begriffe wurden später präzisiert oder diskutiert, manche Thesen weiterentwickelt oder korrigiert. Doch der Kern – dass psychische Vorgänge eine Form haben, die sich auslegen lässt – behauptet sich. Freuds Hartnäckigkeit, dem Alltäglichen Tiefendimensionen zu entlocken, lehrt intellektuelle Geduld. Wer die historische Bedingtheit anerkennt und die methodische Neugier bewahrt, gewinnt einen doppelten Nutzen: Einsichten in psychische Strukturen und Sensibilität für die Feinheiten der Sprache, in der wir über uns selbst sprechen.
Warum ist Die Traumdeutung heute relevant? Weil moderne Lebenswelten die Erfahrung innerer Zwiespälte nicht mindern, sondern zuspitzen. In Zeiten beschleunigter Kommunikation, quantifizierter Selbstbeobachtung und algorithmischer Vorhersagen erinnert das Buch daran, dass Sinn nicht nur gemessen, sondern verstanden werden will. Es plädiert für verantwortliche Selbstdeutung, die zwischen persönlicher Geschichte und kulturellen Mustern vermittelt. Seine zeitlosen Qualitäten liegen in der methodischen Klarheit, der intellektuellen Kühnheit und der humanistischen Grundhaltung, den Menschen ernst zu nehmen – mit all seinen Umwegen, Bildern und Wünschen, die im Traum zu Wort kommen.
Die Traumdeutung von Sigmund Freud ist ein grundlegender Text der Psychoanalyse, der Träume als sinnvolle psychische Produkte begreift. Freud verfolgt das Ziel, eine systematische Methode der Deutung zu entwickeln und zu zeigen, dass Träume nicht zufällige Hirnblasen sind, sondern eine strukturierte Form innerer Tätigkeit. Er verortet das Phänomen im Spannungsfeld zwischen bewussten Erlebnissen, unbewussten Wünschen und den Bedingungen des Schlafes. Die Schrift führt Schritt für Schritt von Alltagsbeobachtungen und klinischen Erfahrungen zu allgemeinen Prinzipien der Traumproduktion. Dabei verbindet sie methodische Anleitungen mit theoretischen Bausteinen und demonstriert, wie die Analyse einzelner Träume auf allgemeine psychologische Einsichten verweist.
Im Zentrum steht die Unterscheidung zwischen manifester Traumerzählung und latenten Traumgedanken. Das, woran man sich morgens erinnert, ist für Freud ein verschlüsseltes Endprodukt. Um die dahinterliegenden Gedanken freizulegen, empfiehlt er die freie Einfalletechnik: Von jedem Traumelement ausgehend werden spontane Assoziationen verfolgt, ohne Auswahl oder Kritik. Aus diesem Material ergeben sich die verborgenen Motive, Erinnerungen und Affekte, die in der Nacht bearbeitet wurden. Der methodische Anspruch ist, vom scheinbar Absurden zum psychologisch Kohärenten zu gelangen. Die Deutung stützt sich daher weniger auf feste Symboltabellen als auf den individuell erschlossenen Zusammenhang der Assoziationen.
Eine leitende These lautet, dass Träume Wunscherfüllungen darstellen. Die Anstöße dazu bilden häufig sogenannte Tagesreste: Eindrücke, Sorgen oder Pläne, die nicht abgeschlossen sind. Sie verbinden sich mit älteren, oft frühkindlichen Wünschen und bilden so die latenten Traumgedanken. Bei Kindern zeigt sich das Prinzip besonders deutlich, weil die Zensur schwächer ist und die Wünsche unmittelbarer erscheinen. Bei Erwachsenen hingegen tritt der Wunsch in verkleideter Form auf, wodurch das manifeste Traumgeschehen fremd oder widersprüchlich wirken kann. Freud zeigt, wie harmlose Details im Traum auf bedeutsame, verdrängte Regungen verweisen und daher nicht wörtlich, sondern funktional verstanden werden müssen.
Die Umwandlung latenter Gedanken in das erinnerte Traumbild leistet die Traumarbeit. Ihre wichtigsten Mechanismen sind Verdichtung und Verschiebung. Verdichtung bedeutet, dass mehrere Vorstellungen zu einem Element zusammengezogen werden, wodurch ein überreiches, mehrdeutiges Symbol entsteht. Verschiebung verlagert den psychischen Akzent von Wichtigem auf Nebensächliches, sodass Randfiguren oder beiläufige Requisiten die wahren Konflikte verdecken. Beide Prozesse sorgen dafür, dass viel gedanklicher Stoff in knapper Form erscheint und zugleich vor bewusster Einsicht geschützt bleibt. So erklärt Freud die bizarren Verbindungen, die überraschenden Übergänge und die dramatische Zuspitzung, die vielen Träumen ihr eigentümliches Gepräge geben.
Ein weiterer Aspekt ist die Rücksicht auf Darstellbarkeit: Nicht alle Gedanken lassen sich bildhaft abbilden, weshalb der Traum in Gleichnisse, szenische Arrangements und sprachnahe Bilder ausweicht. Daraus entsteht eine Symbolik, die wiederkehrende Motive kennt, jedoch nicht als starres Lexikon zu behandeln ist. Bedeutungen ergeben sich aus dem Kontext der individuellen Assoziationen. Freud diskutiert typische Träume wie Prüfungs-, Flucht- oder Nacktheitsträume und fragt, welche allgemeinen Konflikte darin gestaltet werden. Zugleich warnt er, universale Deutungsregeln ohne Prüfung des Einzelfalls anzuwenden. Der Sinn eines Traumelements erschließt sich ihm erst in der Verknüpfung mit der persönlichen Lebenslage.
Die Traumarbeit endet nicht mit der Symbolbildung. Eine nachträgliche Glättung sorgt dafür, dass das Traumerlebnis erzählbar wirkt; Unstimmigkeiten werden überbrückt, Lücken geschlossen. Dieses Verfahren, das Freud als sekundäre Bearbeitung beschreibt, trägt zur scheinbaren Plausibilität der Traumgeschichte bei. Vergessen und Widerstand spielen ebenfalls eine Rolle: Beim Erwachen gehen gerade die brisantesten Passagen oft verloren oder erscheinen entstellt. Hinter dieser Verzerrung steht eine psychische Zensur, die unverträgliche Wünsche von der Bewusstwerdung fernhält. Die Analyse macht diese Abwehrprozesse sichtbar, ohne sie moralisch zu bewerten. Entscheidend ist, zu zeigen, wie Schutz und Verhüllung mit Sinnproduktion zusammenfallen.
Zu den Bewährungsproben der Theorie zählen Angst- und Strafträume, die das Bild der Wunscherfüllung zunächst zu widerlegen scheinen. Freud argumentiert, dass Angst entsteht, wenn verbotene Regungen im Traum auf starke Abwehr treffen; die affektive Färbung verrät die Konfliktdynamik, nicht deren Abwesenheit. Strafträume deuten auf eine innere Instanz hin, die Übertretungen ahndet und den Wunsch in ein Gefühl von Schuld und Unlust verwandelt. Auch das Erwachen aus einem Traum kann so verstanden werden: als Schutzmaßnahme, wenn die Darstellung den Schlaf zu gefährden droht. Die Theorie behauptet daher nicht Harmonie, sondern eine konflikthafte Ökonomie der Wünsche.
Vor diesem Hintergrund entwirft Freud ein topographisches Modell des seelischen Apparats: unbewusste, vorbewusste und bewusste Systeme mit unterschiedlichen Regeln der Verarbeitung. Im Traum gewinnen unbewusste, primärprozesshafte Arbeitsweisen Oberhand, während sekundärprozesshafte, logische Ordnungen abgeschwächt sind. Dieselben Mechanismen, die den Traum formen, finden sich auch in Symptomen psychischer Störungen, was der Traumdeutung diagnostischen und therapeutischen Wert verleiht. Zugleich betont Freud die schlafspezifische Funktion des Traums: Er löst innere Erregungen so, dass der Schlaf erhalten bleibt, statt durch unerledigte Spannungen unterbrochen zu werden. Damit wird der Traum zum Kompromiss zwischen Bedürfnisbefriedigung, Abwehr und Ruhebedürfnis.
Die Traumdeutung schließt, indem sie Träume als Zugang zum Unbewussten etabliert und eine Methode bereitstellt, individuelle Sinnschichten zu erschließen. Ihre nachhaltige Bedeutung liegt in der Verbindung von klinischer Praxis, Sprach- und Kulturbeobachtung zu einer Theorie innerer Konflikte. Das Werk fordert dazu auf, triviale oder befremdliche Traumdetails ernst zu nehmen und ihren Platz in der Biografie des Träumers zu suchen. Zugleich lässt es Grenzen anklingen: Deutung verlangt Sorgfalt, Kontextwissen und prüfbare Herleitung, keine fertigen Schlüssel. Als Gründungstext prägt es psychologische, literaturwissenschaftliche und kulturkritische Debatten und hält die Frage nach den Motiven unserer nächtlichen Bilder offen.
Um 1900 war Wien eine vielsprachige Metropole des Habsburgerreichs, geprägt von kaiserlicher Bürokratie, universitärer Tradition und bürgerlicher Kultur. An der Universität Wien und im Allgemeinen Krankenhaus formierte sich eine moderne, naturwissenschaftlich ausgerichtete Medizin. Gleichzeitig erlebte die Stadt das Fin de Siècle mit seinen Spannungen zwischen konservativen Institutionen und künstlerischer Erneuerung. In diesem Spannungsfeld erschien 1899, mit der Jahreszahl 1900 datiert, Sigmund Freuds Die Traumdeutung bei Franz Deuticke in Wien und Leipzig. Das Werk entstand nicht isoliert, sondern in Auseinandersetzung mit klinischen Praktiken, akademischen Hierarchien und einer Öffentlichkeit, die zwischen Fortschrittsglauben und kultureller Verunsicherung schwankte.
Die deutschsprachige Medizin dominierte damals internationale Debatten. Unter dem Einfluss der experimentellen Physiologie – etwa der Schule von Helmholtz, zu der in Wien Ernst Brücke gehörte – wurden psychische Phänomene häufig auf neuronale Mechanismen reduziert. Lokalisationstheorien des Gehirns und neue histologische Techniken prägten die Forschung. Psychiatrie etablierte sich als eigenes Fach, meist in Verbindung mit Anstalten. Viele Ärztinnen und Ärzte suchten Ursachen für Symptome in organischen Defekten. Vor diesem Hintergrund war eine Theorie, die dem Traum Sinn und psychische Gesetzmäßigkeit zuschreibt, ein deutlicher Bruch mit der vorherrschenden somatischen Deutungshoheit. Freuds Ansatz knüpfte an, widersprach aber zugleich dem engeren Physiologismus.
Freud war durch diese Traditionen geprägt: Er arbeitete im Labor Brückes, beschäftigte sich früh mit Neuropathologie und stand unter dem Einfluss Theodor Meynerts. 1885/86 hielt er sich bei Jean-Martin Charcot an der Pariser Salpêtrière auf, wo er Hysterie und Hypnose studierte. Charcot zeigte, dass neurologische Symptome ohne nachweisbare organische Läsion auftreten konnten, was Freud für psychische Erklärungen sensibilisierte. Nach seiner Rückkehr nach Wien verband Freud klinische Erfahrung mit theoretischer Reflexion. Er habilitierte sich und praktizierte als Nervenarzt, wobei er zunehmend auf die Grenzen rein neurologischer Modelle stieß – ein Erfahrungsraum, aus dem Die Traumdeutung methodisch und inhaltlich hervorging.
Ein zentraler Impuls kam aus der Zusammenarbeit mit Josef Breuer. Dessen Behandlung der Patientin Bertha Pappenheim (bekannt als „Anna O.“) führte in den 1890er Jahren zu Überlegungen über die „talking cure“. Die gemeinsam publizierten Studien über Hysterie (1895) markierten den Übergang von Hypnose und Suggestion zu freierer Assoziation und zum Gewicht unbewusster Konflikte. Diese Methoden- und Perspektivverschiebung bereitete den Boden dafür, Träume nicht als zufällige Hirnprodukte, sondern als symbolisch strukturierte, psychisch motivierte Bildungen zu betrachten. Die Traumdeutung setzt diese Linie fort, indem sie das Traumgeschehen mit Erinnerungen, Affekten und unbewussten Wünschen systematisch verknüpft.
Freuds berufliche Situation spiegelte zugleich die sozialen Spannungen der Monarchie. Als jüdischer Arzt agierte er in einem Wien, in dem antisemitische Strömungen – politisch sichtbar etwa mit der Christlichsozialen Partei und Bürgermeister Karl Lueger – Karrierewege erschwerten. Obwohl fachlich anerkannt, blieb Freud lange außerhalb regulärer Professuren und war auf seine Privatpraxis angewiesen. Diese Position förderte einerseits intellektuelle Unabhängigkeit, andererseits institutionelle Isolation. Die Traumdeutung entstand damit im Spannungsfeld zwischen bürgerlicher Wissenschaftskultur, beruflicher Prekarität und einer Öffentlichkeit, die jüdische Intellektuelle häufig misstrauisch beäugte.
Debatten über das Unbewusste hatten in deutschsprachigen Gelehrtenkreisen bereits eine Vorgeschichte. Philosophen wie Johann Friedrich Herbart und Psychologen wie Gustav Theodor Fechner diskutierten Schwellenphänomene und die Abstufung des Bewusstseins. Eduard von Hartmann popularisierte mit seiner Philosophie des Unbewussten (1869) die Vorstellung verborgener seelischer Prozesse. Zugleich arbeiteten Physiologen und Psychiater an Modellen der Reflexe und Hemmungen. In dieses intellektuelle Milieu fügte Freud eine klinisch fundierte Version des Unbewussten ein, die nicht nur Gradunterschiede, sondern Konflikte, Zensur und symbolische Verschiebungen betonte – Schlüsselideen, die in Die Traumdeutung gebündelt auftreten.
Auch die Traumpflege hatte ihre wissenschaftliche Vorgeschichte. Französische Autoren wie Alfred Maury und der anonym publizierende Hervey de Saint-Denys untersuchten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Traummechanismen, oft mit Blick auf Sinnesreize, Gedächtnis und Selbstbeobachtung. In Deutschland fanden sich experimentelle Studien zu Schlaf und Halluzination. Diese Literatur behandelte Träume meist physiologisch, gelegentlich phänomenologisch, aber selten als Träger verborgener Bedeutung. Indem Freud die vorhandenen Befunde rezipierte und mit klinischer Psychopathologie verband, verschob er den Schwerpunkt hin zu Sinn, Wunschcharakter und symbolischer Logik des Traums – eine Umwertung gegenüber bisherigen, eher reiztheoretischen Erklärungen.
In den 1890er Jahren verdichteten Briefe und Gespräche Freuds mit dem Berliner Arzt Wilhelm Fliess seine Überlegungen zu Sexualität, Symptomgenese und Periodizität. Nicht alle dort diskutierten Hypothesen hielten der späteren Kritik stand, doch der Austausch bot Freud ein intellektuelles Resonanzfeld. Während Freud klinische Beobachtungen sammelte und Selbstanalyse betrieb, stellte er formale Elemente einer Traumtheorie zusammen: die Unterscheidung zwischen offenbarem Trauminhalt und latenten Gedanken, die Mechanismen Verdichtung und Verschiebung, sowie die Rolle der Tagesreste. Diese Verdichtungsarbeit spiegelt die Entstehungsbedingungen der Traumdeutung als Werk eines gelehrten Briefnetzwerks und einer Praxis reflektierender Selbstbeobachtung.
Die Traumdeutung erschien im Herbst 1899 bei Deuticke; auf dem Titelblatt stand 1900 – ein symbolischer Start in das neue Jahrhundert. Das Buch verband klinische Fälle, Literaturbezüge und systematische Theorie. Es behauptete, Träume seien in der Regel Wunscherfüllungen, deren Sinn durch psychische Zensur entstellt werde, und entwickelte Regeln, um vom manifesten Bild zum latenten Gedanken zu gelangen. Diese methodische Setzung stellte einen Gegenentwurf zur verbreiteten Ansicht dar, Träume seien bedeutungslose Nebenprodukte. Dass Freud eine streng argumentierende, an Beispielen reiche Monographie vorlegte, zeigte seinen Anspruch, eine neue wissenschaftliche Disziplin zu begründen.
Wesentlich für die argumentative Dichte war Freuds Selbstanalyse, die er in den späten 1890er Jahren intensivierte, nicht zuletzt angestoßen durch den Tod seines Vaters 1896. Im Buch tauchen autobiografische Träume, literarische Motive und Anspielungen auf antike Stoffe auf, darunter das Ödipus-Thema als Beispiel für die kulturelle Resonanz unbewusster Konflikte. Die Verbindung von persönlicher Erfahrung, klinischer Kasuistik und kulturhistorischer Referenz verlieh der Traumdeutung eine ungewöhnliche Textur: zugleich wissenschaftliche Abhandlung, Fallbuch und Kommentar zur europäischen Bildungstradition. Diese Hybridität erleichterte später die Rezeption in unterschiedlichen Milieus.
Das Werk traf auf ein Wien, in dem sich die Moderne formierte: Die Wiener Secession (ab 1897), Schriftsteller des „Jung-Wien“ und musikalische Experimente brachen mit Konventionen. Künstler und Intellektuelle beforschten das Innenleben, Ambivalenzen und fragmentierte Wahrnehmung. In Kaffeehäusern zirkulierten neue Ideen zwischen Journalismus, Kunst und Wissenschaft. Freuds Deutung des Traums als Sinnträger und Ausdruck konflikthafter Subjektivität korrespondierte mit diesem Klima der Selbstbefragung. Zugleich stellte sie dem ästhetischen Modernismus eine methodische, scheinbar nüchterne Psychologie an die Seite, die subjektive Erfahrung nicht nur darstellte, sondern analysierbar und regelhaft auffasste.
Gleichzeitig herrschten rigide bürgerliche Moralvorstellungen, besonders hinsichtlich Sexualität. Medizinische Autoritäten wie Richard von Krafft-Ebing katalogisierten sexuelle Varianten, häufig im Rahmen von Entartungsdiskursen. In der Öffentlichkeit wurden Sexualthemen zumeist tabuisiert oder pathologisiert. Freuds Betonung der Sexualität als zentralem Motor psychischer Dynamik, auch im Traum, war in diesem Umfeld provozierend, weil sie das Private und das Unbewusste wissenschaftlich relevant machte. Die gelehrte Form, das Zitieren der klassischen Tradition und die klinische Sprache ermöglichten es jedoch, heikle Inhalte in den wissenschaftlichen Diskurs einzuspeisen, ohne auf Sensationslust zu setzen.
Die städtische Moderne brachte zudem neue Metaphern- und Denkfelder hervor. Telegraphie, Fotografie und Kino veränderten Vorstellungen von Speicherung, Schnitt und Montage – Begriffe, die Leserinnen und Leser an Freuds Beschreibungen von Verdichtung und Verschiebung anknüpfen konnten. Archäologische Großereignisse und Ausgrabungen schürten ein öffentliches Interesse am „Schichtenmodell“ der Vergangenheit. Freud griff solche Bilder auf, wenn er das Seelenleben als etwas Beschichtetes und zu Freilegendes behandelte. In einer Welt beschleunigter Kommunikation und wachsender Datenfluten bot die Traumdeutung eine Methode zur Sinnstiftung: nicht technisch, sondern hermeneutisch, aber mit systematischem Anspruch.
Die Erstauflage wurde zunächst wenig beachtet; das Buch verkaufte sich langsam. Doch ab den frühen 1900er Jahren bildete sich in Wien eine Diskussionsgruppe um Freud, die Psychologische Mittwoch-Gesellschaft, aus der 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervorging. Kliniker in Zürich – etwa Eugen Bleuler und C. G. Jung an der Burghölzli-Klinik – zeigten Interesse und trugen zur professionellen Legitimation bei. In späteren Auflagen ergänzte und präzisierte Freud die Theorie, was auf wachsenden Austausch und Kritik reagierte. So verschob sich Die Traumdeutung vom Randtext zum Grundbuch einer sich institutionalisierenden Bewegung.
Der internationale Durchbruch kam schrittweise. Freuds Vorträge an der Clark University in Worcester (1909) machten psychoanalytische Ideen in den USA bekannter. Eine englische Übersetzung der Traumdeutung durch A. A. Brill erschien 1913, wodurch das Werk einem breiteren anglophonen Publikum zugänglich wurde. Parallel verbreiteten sich psychoanalytische Konzepte in Fachzeitschriften und Vortragsreisen. Die Reaktionen reichten von begeisterter Aufnahme bis zu scharfer Ablehnung durch Vertreter biologisch orientierter Psychiatrie. Diese Kontroversen zeigten, dass Freuds Deutung des Traums nicht nur eine Fachdebatte berührte, sondern den Geltungsanspruch medizinischer und kultureller Autoritäten infrage stellte.
Politisch und gesellschaftlich geriet die Habsburgermonarchie in den Jahren nach Erscheinen des Buches zunehmend unter Druck: Nationalitätenkonflikte, Demokratisierungsforderungen und internationale Spannungen prägten die Ära vor 1914. Vor diesem Hintergrund gewann eine Theorie, die hinter dem zivilisatorischen Glanz konflikthafte, unbewusste Triebkräfte sichtbar machte, zusätzliche Resonanz. Die Traumdeutung lieferte kein politisches Programm, aber ein Vokabular, um Brüche zwischen offizieller Ordnung und subjektiver Erfahrung zu benennen. Sie deutete an, dass Modernisierung ohne psychische Aufklärung Krisen verschärfen könne – ein Gedanke, der sich im 20. Jahrhundert mehrfach bestätigte.
Ökonomisch erlebte Wien eine konsumorientierte, von neuen Dienstleistungsmärkten geprägte Entwicklung. Verlage, Zeitschriften und Lesekreise boten Plattformen für wissenschaftliche und kulturelle Innovation. Die Traumdeutung profitierte mittelbar von dieser Medienlandschaft, auch wenn sie zunächst Nischenpublikum erreichte. Bildungsbürgerliche Lesekreise, Ärztevereine und literarische Salons bildeten Brücken zwischen Fach und Öffentlichkeit. In dieser Infrastruktur konnte ein anspruchsvoller, methodisch reflektierter Text etablieren, dass Selbstbeobachtung nicht bloß moralische Übung, sondern analysetauglicher Gegenstand sei. Dadurch verschob sich die Grenze zwischen privatem Erleben und wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion nachhaltig, was Debatten bis heute prägt.
Sigmund Freud (1856–1939) war ein österreichischer Arzt, Neurologe und der Begründer der Psychoanalyse. Von der Traumdeutung bis zur Kulturkritik prägten seine Schriften das Verständnis von Psyche, Symbol und Erinnerung. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Die Traumdeutung, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Totem und Tabu, Jenseits des Lustprinzips und Das Unbehagen in der Kultur. Geboren in Freiberg in Mähren und groß geworden in Wien, verband er klinische Beobachtung mit weitreichenden theoretischen Entwürfen. Seine Begriffe vom Unbewussten, von Übertragung und Abwehrmechanismen wurden weltweit diskutiert und beeinflussten Medizin, Geisteswissenschaften und Künste nachhaltig.
Freuds historische Bedeutung liegt weniger in einer einzelnen Entdeckung als in der Etablierung einer Methode, mit der innere Konflikte sprachlich bearbeitet werden können. Die psychoanalytische Kur mit freier Assoziation, Traumdeutung und der Analyse von Fehlleistungen zielte auf die Erforschung unbewusster Motive. Damit verschob Freud die Grenzlinien zwischen Normalität und Pathologie und regte neue Lesarten von Literatur, Mythologie und gesellschaftlichen Institutionen an. Seine Modelle entwickelten sich im Dialog mit Patienten, Kollegen und Kritikern; sie verbanden klinische Präzision mit spekulativen Reichweiten. Das Resultat war ein gedankliches Instrumentarium, das bis heute Debatten über Person, Kultur und Erinnerung strukturiert.
Freud wurde am 6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren geboren und zog als Kind mit seiner Familie nach Wien, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. 1873 begann er das Medizinstudium an der Universität Wien und arbeitete im physiologischen Labor von Ernst Brücke. Die streng naturwissenschaftliche Ausbildung prägte seine Denkweise nachhaltig. Nach Promotion und klinischer Weiterbildung wandte er sich der Neurologie zu, publizierte Arbeiten zur Hirnanatomie und behandelte Patienten mit Nervenleiden. Diese Frühphase, geprägt von empirischer Strenge und Laborarbeit, bildet den Hintergrund, vor dem seine spätere Hinwendung zu psychischen Dynamiken und symbolischen Prozessen verständlich wird.
Entscheidend wurde ein Studienaufenthalt bei Jean-Martin Charcot in Paris (1885–1886), wo Freud Demonstrationen zu Hysterie und Hypnose sah. Zugleich interessierte er sich für die Suggestionstheorien der sogenannten Nancy-Schule. Zurück in Wien arbeitete er eng mit Josef Breuer zusammen; klinische Fälle und methodische Experimente führten zu Überlegungen, seelische Symptome als bedeutungshaltige Formungen zu verstehen. 1895 erschienen gemeinsam verfasste Studien über Hysterie, die bereits Kerngedanken der späteren Psychoanalyse vorwegnahmen, darunter die Rolle verdrängter Erinnerungen. Die dort erprobten Methoden – zunächst Hypnose, dann sprechbasierte Verfahren – bereiteten den Übergang zur freien Assoziation und zur systematischen Deutung unbewusster Prozesse.
Zu Freuds intellektuellen Bezugsgrößen gehörten naturwissenschaftliche Autoren wie Charles Darwin und Gustav Theodor Fechner, deren Vorstellungen von Entwicklung, Energiehaushalt und Schwellenwerten er auf psychische Vorgänge übertrug. Literarisch und dramatisch griff er wiederholt auf antike Stoffe und Shakespeare zurück; Sophokles’ König Ödipus und Hamlet dienten ihm als exemplarische Szenarien innerer Konflikte. Er verwies auch auf Goethe und nutzte klassische Motive, um klinische Beobachtungen zu veranschaulichen. Philosophische Parallelen zu Schopenhauer und Nietzsche wurden vielfach diskutiert; Freud sah in ihnen Vorläufer bestimmter Einsichten über Trieb und Rationalitätskritik, ohne seine klinischen Ableitungen darauf zu reduzieren.
Mit Die Traumdeutung, datiert auf 1900, legte Freud sein programmatisches Hauptwerk vor. Er beschrieb Träume als symbolische Wunscherfüllungen, unterschied manifesten und latenten Trauminhalt und entwickelte Techniken, um Verdichtung, Verschiebung und sekundäre Bearbeitung zu erkennen. Das Buch fand zunächst geringe Resonanz, sprach jedoch eine neue Generation von Ärzten und Intellektuellen an, die psychische Bedeutungen systematisch zu erschließen suchten. Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1901) erweiterte diesen Ansatz auf Fehlleistungen, Vergessen und Versprechen als regelhaften Ausdruck verborgener Intentionen. Aus verstreuten Beobachtungen formte Freud so eine Theorie der symbolischen Sinnhaftigkeit scheinbar zufälliger seelischer Akte.
1905 markierte eine produktive Phase mit zwei zentralen Veröffentlichungen. In Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie entwarf Freud ein Entwicklungsmodell der Sexualität, in dem kindliche und pubertäre Phasen, Partialtriebe und Objektwahl systematisch gefasst wurden. Die Thesen stießen auf breite Kontroversen, prägten aber die Diskussion über Motivation, Norm und Abweichung. Ebenfalls 1905 erschien Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten, das Komik als ökonomische Entlastung und als soziale Mitteilung analysierte. Beide Werke zeigen Freuds Stil: klinische Fallnähe, begriffliche Erfindungskraft und eine Bereitschaft, kulturelle Phänomene unter dem Blickwinkel psychischer Dynamik neu zu lesen.
In den folgenden Jahren weitete Freud seine Theorie auf anthropologische und gruppenpsychologische Felder aus. Totem und Tabu (1913) verbindet klinische Motive mit spekulativen Deutungen von Ritual, Verbot und Verwandtschaft. Die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916–1917) systematisierten zentrale Begriffe für ein breites Publikum. Jenseits des Lustprinzips (1920) führte die Annahme eines Wiederholungszwangs und die Hypothese eines Todestriebes ein, die Debatten innerhalb der Bewegung auslösten. In Das Ich und das Es (1923) formulierte Freud das strukturtheoretische Modell von Ich, Es und Über-Ich, das seine früheren topographischen Annahmen weiterentwickelte und klinische Phänomene wie Übertragung und Abwehr neu ordnete.
Parallel entstand eine kulturkritische Linie seines Werks. Die Zukunft einer Illusion (1927) argumentierte mit nüchterner Skepsis gegenüber religiösen Weltdeutungen, während Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921) die Rolle von Identifikation und Führerfiguren in Gruppen beleuchtete. Das Unbehagen in der Kultur (1930) erörterte Konflikte zwischen Triebansprüchen und zivilisatorischer Ordnung und gewann über die Psychiatrie hinaus Resonanz. Spät veröffentlichte Freud Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939), eine spekulative Studie über Ursprungserzählungen und Identität, die kontroverse Reaktionen hervorrief. Diese Schriften etablierten Freud als Autor, der klinisches Denken mit weitreichender Reflexion über Kultur, Geschichte und Glaubensformen verband.
Freuds Überzeugungen speisten sich aus klinischer Praxis. Er nahm Determiniertheit psychischer Akte an, betonte das Wirken des Unbewussten und beschrieb Abwehrmechanismen als Schutz des Ichs. Therapeutisch setzte er auf freie Assoziation, Traumdeutung und die Bearbeitung von Übertragung und Widerstand. Er förderte einen Kreis von Schülern und Mitarbeitern, mit denen er seine Konzepte diskutierte und Lehranalysen etablierte. Die Psychoanalyse verstand er als methodisch kontrollierte Erforschung der Subjektivität, die zugleich eine Behandlungsmethode darstellt. Sein Anspruch auf wissenschaftliche Seriosität war verbunden mit der Einsicht, dass innere Konflikte in symbolischen Formen sprechen und so analytisch erschlossen werden können.
Öffentlich trat Freud für intellektuelle Unabhängigkeit und eine säkular-wissenschaftliche Betrachtung von Religion und Moral ein. Seine Beiträge zu Krieg und Kultur in den 1910er Jahren verbanden psychologische Einsicht mit historischer Erfahrung. Er verteidigte die Analyse gegen medizinische Orthopraxie und Zensur und bemühte sich um Ausbildungsstandards. Zugleich riefen seine Thesen über Sexualität und Geschlechterrollen anhaltende Kritik hervor; Befürworter betonten ihre befreiende Wirkung für das Verständnis von Konflikten, Kindheit und Familie. Im Rückblick bleiben seine Positionen umstritten, doch die von ihm angestoßenen Debatten über Autorität, Begehren und Erziehung prägen bis heute therapeutische und kulturelle Diskussionen.
1923 wurde bei Freud eine Krebserkrankung im Kieferbereich diagnostiziert, die zahlreiche Operationen und langjährige Behandlungen nach sich zog. Trotz Schmerzen arbeitete er weiter und publizierte bis ins Exil. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 verließ er Wien und ging mit Unterstützung von Kollegen und Freunden nach London. Dort starb er am 23. September 1939 nach langer Erkrankung. Freud war seit 1886 mit Martha Bernays verheiratet; die Tochter Anna Freud wurde selbst zu einer prägenden Psychoanalytikerin. Sein intellektuelles Erbe wirkt in Psychotherapie, Literaturwissenschaft, Kulturtheorie und Kunst fort, begleitet von fortlaufender Revision, Kritik und produktiver Aneignung.
Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, glaube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psychologischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs-und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann der Traum – wie sich zeigen wird – Anspruch nicht erheben; um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs-und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen.
Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtigkeit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit verantwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Darstellung so reichlich finden wird, entsprechen ebenso vielen Kontaktstellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt werden konnten und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet werden sollen.
Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine Zwecke unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffnete, als mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, sondern22Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um nicht auf die Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt verzichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen Indiskretionen die Spitze abzubrechen; sooft dies geschah, gereichte es dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit mir zu üben, und ferner, daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen.
Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung des ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von Beruf, die nun einmal gewohnt sind, die Probleme des Traumlebens als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen – meist den nämlichen – Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von Neurotikern zu verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung verschafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit nach neun Jahren von neuem vorzunehmen.
Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat wenigstens subjektiv die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich bei meinen ersten Mitteilungen stehenbleiben. In den langen Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es immer wieder dieTraumdeutung, an der ich meine Sicherheit wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigenalso einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der Traumforschung nicht folgen wollen.
Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleichgültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und deuten lernt.
Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zusammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet.
Berchtesgaden, im Sommer 1908.
Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das Bedürfnis einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seite der Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann ich das nunmehr zutage getretene Interesse auch nicht als Beweis für seine Trefflichkeit verwerten.
Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch dieTraumdeutungnicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb, bestand25dieSexualtheorienoch nicht, war die Analyse der komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das vertiefte Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auflage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stekel und anderen habe ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume (oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt. So hat sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berücksichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten Rechnung zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rahmen der Darstellung zu sprengen drohen oder wenn es doch nicht an allen Stellen gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau unserer heutigen Einsichten zu heben, so bitte ich für diese Mängel des Buches um Nachsicht, da sie nur Folgen und Anzeichen der nunmehr beschleunigten Entwicklung unseres Wissens sind. Ich getraue mich auch vorherzusagen, nach welchen anderen Richtungen spätere Auflagen derTraumdeutung– falls sich ein Bedürfnis nach solchen ergeben würde – von der vorliegenden abweichen werden. Dieselben müßten einerseits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff der Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und der Folklore suchen, anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur Geistesstörung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln.
Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. Ich bin ihm und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen zu Dank verpflichtet.
Wien, im Frühjahr 1911.
Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. Brill in New York eine englische Übersetzung dieses Buches zustande gebracht. (The Interpretation of Dreams. G. Allen & Co., London.)
Herr Dr. Otto Rank hat diesmal nicht nur die Korrekturen besorgt, sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. (Anhang zu Kapitel VI.)
Wien, im Juni 1914.
Das Interesse für dieTraumdeutunghat auch während des Weltkrieges nicht geruht und noch vor Beendigung desselben eine neue Auflage notwendig gemacht. In dieser konnte aber die neue Literatur seit 1914 nicht voll berücksichtigt werden; soweit sie fremdsprachig war, kam sie überhaupt nicht zu meiner und Dr. Ranks Kenntnis.
Eine ungarische Übersetzung derTraumdeutung, von den Herren Dr. Hollos und Dr. Ferenczi besorgt, ist dem Erscheinen nahe. In meinen 1916/17 veröffentlichtenVorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse(bei H. Heller, Wien) ist das elf Vorlesungen umfassende Mittelstück einer Darstellung des Traumes gewidmet, welche elementarer zu sein bestrebt ist und einen innigeren Anschluß an die Neurosenlehre herzustellen beabsichtigt. Sie hat im ganzen den Charakter eines Auszugs aus derTraumdeutung,obwohl sie an einzelnen Stellen Ausführlicheres bietet.
Zu einer gründlichen Umarbeitung dieses Buches, welche es auf das Niveau unserer heutigen psychoanalytischen Anschauungen heben, dafür aber seine historische Eigenart vernichten würde, konnte ich mich nicht entschließen. Ich meine aber, es hat in nahezu zwanzigjähriger Existenz seine Aufgabe erledigt.
Budapest-Steinbruch, im Juli 1918.
Die Schwierigkeiten, unter denen gegenwärtig das Buchgewerbe steht, haben zur Folge gehabt, daß diese neue Auflage weit später erschienen ist, als dem Bedarf entsprochen hätte, und daß sie – zum ersten Male – als unveränderter Abdruck der ihr vorhergehenden auftritt. Nur das Literaturverzeichnis am Ende des Buches ist von Dr. O. Rank vervollständigt und fortgeführt worden.
Meine Annahme, dieses Buch hätte in nahezu zwanzigjähriger Existenz seine Aufgabe erledigt, hat also keine Bestätigung gefunden. Ich könnte vielmehr sagen, daß es eine neue Aufgabe zu erfüllen hat. Handelte es sich früher darum, einige Aufklärungen über das Wesen des Traumes zu geben, so wird es jetzt ebenso wichtig, den hartnäckigen Mißverständnissen zu begegnen, denen diese Aufklärungen ausgesetzt sind.
Wien, im April 1921.
In den Zeitraum zwischen der letzten, siebenten Auflage dieses Buches (1922) und der heutigen Erneuerung fällt die Ausgabe meinerGesammelten Schriften, veranstaltet vom Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien. In diesen bildet der wiederhergestellte Text der ersten Auflage den zweiten Band, alle späteren Zusätze sind im dritten Band vereinigt. Die in der gleichen Zwischenzeit erschienenen Übersetzungen schließen an die selbständige Erscheinungsform des Buches an, so die französische von I. Meyerson 1926 unter dem TitelLa science des rêves(in der »Bibliothèque de Philosophie contemporaine«), die schwedische von John Landquist 1927 (Drömtydning) und die spanische von Luis Lopez-Ballesteros y de Torres, die den VI. und VII. Band derObras Completasfüllt. Die ungarische Übersetzung, die ich bereits 1918 für nahe bevorstehend hielt, liegt auch heute nicht vor.
Auch in der hier vorliegenden Revision derTraumdeutunghabe ich das Werk im wesentlichen als historisches Dokument behandelt und nur28solche Änderungen an ihm vorgenommen, als mir durch die Klärung und Vertiefung meiner eigenen Meinungen nahegelegt waren. Im Zusammenhang mit dieser Einstellung habe ich es endgültig aufgegeben, die Literatur der Traumprobleme seit dem ersten Erscheinen derTraumdeutungin dies Buch aufzunehmen, und die entsprechenden Abschnitte früherer Auflagen weggelassen. Ebenso sind die beiden Aufsätze ›Traum und Dichtung‹ und ›Traum und Mythus‹ entfallen, die Otto Rank zu den früheren Auflagen beigesteuert hatte.
Wien, im Dezember 1929.
In 1909 G. Stanley Hall invited me to Clark University, in Worcester, to give the first lectures on psycho-analysis. In the same year Dr. Brill published the first of his translations of my writings, which were soon followed by further ones. If psycho-analysis now plays a role in American intellectual life, or if it does so in the future, a large part of this result will have to be attributed to this and other activities of Dr. Brill’s.
His first translation ofThe Interpretation of Dreamsappeared in 1913. Since then much has taken place in the world, and much has been changed in our views about the neuroses. This book, with the new contribution to psychology which surprised the world when it was published (1900), remains essentially unaltered. It contains, even according to my present-day judgement, the most valuable of all the discoveries it has been my good fortune to make. Insight such as this falls to one’s lot but once in a lifetime.
Vienna, March 15, 1931.
Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen-oder Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Material in Angriff genommen werden muß.
Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen[2q]. Dies wird von den Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der gebildeten Laien übergegangen.
Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele genommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, daß ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange ausschließe. Ich30verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lubbock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß uns die Tragweite dieser Probleme und Spekulationen erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der »Traumdeutung« erledigt haben. Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Altertums zugrunde. Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Beziehung stünden und Offenbarungen von Seiten der Götter und Dämonen brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für den Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zukunft zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen, und nötigte zu mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, je nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philosophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natürlich nicht unabhängig von der Stellung, die sie derMantiküberhaupt einzuräumen bereit waren. In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristoteles[1] ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir hören, der Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er schläft[1q].
Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins Große umdeutet (»man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder jenes Gliedes stattfindet«), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt verraten könnten.
31Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.
Gruppe (1906, Bd. 2, 930) gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius[3] und Artemidoros[2] wieder: »Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte dieåíõÌðíéá,insomnia, die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihrGegenteil wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die öáíôÜóìáôá, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der Alpdruck,ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1) die direkte Weissagung, die man im Traume empfängt (÷ñçìáôéóìüò,oraculum), 2) das Voraussagen eines bevorstehenden Ereignisses (üñáìá,visio), 3) der symbolische, der Auslegung bedürftige Traum (üíåéñïò,somnium). Diese Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.«
Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Aufgabe einer »Traumdeutung« im Zusammenhange. Da man von den Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht ein bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traums durch einen einsichtlichen und dabei bedeutungsvollen ersetzen konnte. Als die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren Altertum Artemidoros aus Daldis, dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen muß.
32Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung, welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traum empfängt, denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalte entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abgesehen – die ja recht daran tun, die Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind –, trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner, 1887). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philosophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nachklang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.
Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traumprobleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht zur33Bildung eines Unterbaus von gesicherten Resultaten gekommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert, so müßte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren anzuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme anführen, was an Material zur Lösung desselben in der Literatur niedergelegt ist.
Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr verstreute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstands zu bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner Darstellung verlorengegangen ist.
Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt gesehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhang abzuhandeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse (wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiet des Traumlebens zum Gegenstande zu nehmen. In dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunkeln Dingen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafs zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustands die Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat mit enthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafs hier außer Betracht.
Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen:
Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum – wenn er schon nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach, dem wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphänomene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem viel bemerkten Satze Ausdruck gegeben (1838, 499): »… nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstande erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert die Wirklichkeit.« – I. H. Fichte (1864, Bd. 1, 541) spricht im selben Sinne direkt vonErgänzungsträumenund nennt diese eine von den geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. – In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der mit Recht von allen Seiten hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der Träume (1887, 16): »Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt…« (Ibid., 17): »Im Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren…« (Ibid., 19): »Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traum von dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe des wachen Lebens…«
Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Beziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung vertreten. So Haffner (1887, 245): »Zunächst setzt der Traum das Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Beobachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte.« Weygandt (1893, 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung Burdachs, »denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns35davon zu befreien«. Maury (1878, 51) sagt in einer knappen Formel: »nous rêvons de ce que nous avons vu, dit, desire ou fait«; Jessen in seiner 1855 erschienenenPsychologie(S. 530) etwas ausführlicher: »Mehr oder weniger wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen des ganzen bisherigen Lebens.«
Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph J. G. E. Maaß (1805) Stellung: »Die Erfahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von den Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leidenschaften auf die Erzeugung unserer Träume Einfluß haben müssen. Der Ehrgeizige träumt von den (vielleicht nur in seiner Einbildung) errungenen oder noch zu erringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich in seinen Träumen mit dem Gegenstand seiner süßen Hoffnungen beschäftigt… Alle sinnlichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, können, wenn sie durch irgendeinen Grund angeregt werden, bewirken, daß aus den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen ein Traum entsteht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits vorhandenen Traum einmischen.« (Mitgeteilt von Winterstein, 1912.)
Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (1879, 134): Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke.
Im Lehrgedicht des Lucretius,De verum natura[14], findet sich (IV, 962) die Stelle:
»Et quo quisque fere studio devinetus adhaeret, aut quibus in rebus multum sumus ante morati atque in ea ratione fuit contenta magis mens, in somnis eadem plerumque videmur obire; causidici causas agere et componere leges, induperatores pugnare ac proelia obire, …etc. etc.«
36Cicero (De divinationeII, lxvii, 140) sagt ganz ähnlich, wie so viel später Maury: »Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.«
Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt (1875, 8 ff.) zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traums ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine »Reihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zuspitzen«. »Denerstendieser Gegensätze bilden einerseits diestrenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheitdes Traumes von dem wirklichen und wahren Leben, und anderseits das steteHinübergreifendes einen in das andere, die stete Abhängigkeit des einen von dem andern. – Der Traum ist etwas von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte sagen, ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen hat…« Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen »wie hinter einer unsichtbaren Falltür« verschwindet. Man macht dann etwa im Traum eine Seereise nach St. Helena[9], um dem dort gefangenen Napoleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird von dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s auch nie werden wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziel einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine sympathische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht unter den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung zu ihm zu knüpfen lag37außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fortsetzenden Lebensabschnitten.
»Und dennoch«, setzt Hildebrandt fort »ebenso wahr und richtig ist das scheinbareGegenteil. Ich meine, mit dieser Abgeschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Beziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirklichkeit sich abwickelt… Wie wunderlich er’s damit treibe, er kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los, und seine sublimsten wie possenhaftesten Gebilde müssen immer ihren Grundstoff entlehnen von dem, was entweder in der Sinnenwelt uns vor Augen getreten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereits Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich oder innerlich bereits erlebt haben.«
Daß alles Material, das den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgendeine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traum reproduziert,erinnertwird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben muß. Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt und die, obwohl allgemein bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen.
Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auftritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt hat. Man bleibt dann im unklaren darüber, aus welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selbständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle aufdeckt. Man muß dann zugestehen, daß man im Traum etwas gewußt und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Delboeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traum den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traum kannte er den Namen der Pflanze:Asplenium ruta muralis. – Der Traum ging dann weiter, kehrte nach39einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich über die Reste des Farns hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu dem Loch in der Mauer nehmen, und endlich war die ganze Straße bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben Richtung wanderten usw.
Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische Pflanzennamen und schloß die Kenntnis einesAspleniumnicht ein. Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn dieses Namens wirklich existiert.Asplenium ruta muraria[4]war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es blieb aber für Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume die Kenntnis des NamensAspleniumgenommen hatte.
