Gesammelte Werke: Psychoanalytische Studien + Theoretische Schriften + Briefe - Sigmund Freud - E-Book

Gesammelte Werke: Psychoanalytische Studien + Theoretische Schriften + Briefe E-Book

Sigmund Freud

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Beschreibung

In den "Gesammelten Werken: Psychoanalytische Studien + Theoretische Schriften + Briefe" bietet Sigmund Freud eine umfassende Sammlung seiner einflussreichsten Schriften, die den Grundstein der Psychoanalyse legen. Mit einem literarischen Stil, der präzise Analysen und tiefgründige Einsichten miteinander verwebt, vermittelt Freud die Komplexität der menschlichen Psyche durch brilliante Fallstudien und theoretische Überlegungen. Der Kontext der frühen 20. Jahrhunderts, geprägt von einem revolutionären Interesse an der Psychologie und dem Unbewussten, verleiht den Texten eine historische Tiefe, die den Leser herausfordert, gängige Annahmen über das menschliche Verhalten zu hinterfragen und neu zu bewerten. Sigmund Freud (1856-1939), der Begründer der Psychoanalyse, war ein Mediziner und Neurologe, dessen Leben und Werk von dem Bestreben geprägt waren, die Mechanismen des menschlichen Geistes zu entschlüsseln. Freud, der als Jude in einem sich schnell verändernden Europa lebte, erlebte sowohl gesellschaftliche als auch persönliche Herausforderungen, die sein Verständnis von Neurosen und die Rolle des Unbewussten in unserem Leben prägten. Seine innovativen Ansätze, wie die Traumdeutung und die Analyse von Kindheitserfahrungen, haben sowohl die Psychologie als auch die Literatur nachhaltig beeinflusst. Dieses bahnbrechende Werk ist unverzichtbar für alle, die sich mit den Grundlagen der Psychoanalyse und deren Auswirkungen auf die moderne Psychologie auseinandersetzen wollen. Es ist eine Schatztruhe des Wissens, die nicht nur Fachleuten, sondern auch interessierten Laien Zugang zu tiefen psychologischen Einsichten bietet. Freuds prägnante und oft provokante Schriften laden ein, die bedeutsamen Zusammenhänge zwischen Psyche, Sprache und Kultur zu entdecken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sigmund Freud

Gesammelte Werke: Psychoanalytische Studien + Theoretische Schriften + Briefe

Bereicherte Ausgabe. Die faszinierende Welt der Psychoanalyse: Konzepte, Studien und Briefe
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Ivy Callahan
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547798842

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke: Psychoanalytische Studien + Theoretische Schriften + Briefe
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung vereint zentrale Schriften Sigmund Freuds zu einer umfassenden Einführung in Denken, Methode und Wirkungsgeschichte der Psychoanalyse. Sie folgt dem Ziel, die großen monografischen Entwürfe mit Fallgeschichten, metapsychologischen Abhandlungen, kulturtheoretischen Essays und ausgewählten Briefen in einem kohärenten Zusammenhang zugänglich zu machen. Anstatt bloß Einzelwerke nebeneinanderzustellen, zeichnet die Edition die innere Entwicklungslinie von ersten klinischen Beobachtungen über theoretische Systematisierungen bis zu kulturkritischen Ausgriffen nach. So entsteht ein Panorama, das sowohl die Entstehung eines neuen psychologischen Vokabulars als auch dessen Reichweite im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs sichtbar macht.

Im Umfang reicht die Sammlung von frühen medizinisch-psychologischen Beiträgen und Gemeinschaftsarbeiten bis zu späten, weitgespannten Deutungen von Kultur, Religion und gesellschaftlichen Formationen. Sie umfasst programmatische Werke, die die Psychoanalyse begründen und ausbauen, Lehrtexte, die den Gegenstand systematisch entfalten, sowie Essays, die das psychoanalytische Denken an Literatur, Kunst und Alltagsphänomenen erproben. Auch kooperativ entstandene Arbeiten sind berücksichtigt, soweit sie für die Genese und Profilierung der Theorie maßgeblich wurden. Durch diese Breite erhält die Leserin und der Leser zugleich einen historischen Verlaufsbogen und eine thematische Landkarte der freudschen Werkstatt.

Die enthaltenen Textsorten sind vielfältig: Grundlegende Monografien erschließen zentrale Bereiche wie Traum, Alltagsfehler, Sexualtheorie, Massenpsychologie und Kultur. Vorlesungen bieten eine didaktische Einführung und zeigen Freuds pädagogische Klarheit. Fallgeschichten und klinische Skizzen dokumentieren Verfahren, Begriffsbildung und therapeutische Haltung. Metapsychologische Abhandlungen formulieren die abstrakten Modelle des Seelenlebens. Essays, Polemiken und Kommentare wenden diese Modelle auf Religion, Mythos, Kunst und Gesellschaft an. Hinzu treten offene Briefe und Stellungnahmen, die den Dialog mit Zeitgenossen spiegeln. Zusammen ergeben diese Gattungen ein polyphones Archiv von Argument, Beobachtung, Interpretation und Selbstrevision.

Die Auslegungen des Traums und der vermeintlichen Zufälligkeiten des Alltags bilden einen Kern dieser Auswahl. Freud zeigt, wie Träume, Versprecher, Fehlhandlungen und Witze als methodisch erschließbare Phänomene fungieren, die auf verborgene Motive verweisen. Die Traumlehre wird dabei sowohl als Technik der Deutung als auch als Theorie psychischer Prozesse entfaltet und später metapsychologisch vertieft. Damit rückt die Arbeit am Detail sprachlicher und bildlicher Verdichtungen ins Zentrum einer Wissenschaft des Unbewussten. Die Texte führen vor, wie empirische Beobachtungen und theoretische Deduktionen einander stützen und zugleich zur Korrektur und Weiterentwicklung zwingen.

Klinische Darstellungen geben Einblick in die Praxis: Sie zeigen, wie Symptome, biografische Konstellationen und Übertragungsdynamiken sich in der analytischen Situation verschränken. Berichte über Hysterie, Zwangsneurose, Phobie oder paranoide Bildungen werden nicht als Kuriositäten vorgeführt, sondern als Prüfsteine der Methode. Technikpapiere erläutern Rahmen, Takt und Ethos der Behandlung, vom Einstieg über die Handhabung der Traumdeutung bis zum Durcharbeiten von Widerständen. Die Ausführungen zur Übertragung, zur analytischen Haltung und zu typischen Schwierigkeiten öffnen zugleich eine Reflexion über Grenzen, Verantwortlichkeiten und die notwendige Selbstbeobachtung der behandelnden Person.

Die metapsychologischen Schriften bündeln Freuds Begriffsarbeit. Texte zu Trieb, Verdrängung, Unbewusstem und psychischen Systemen skizzieren die Dynamik und Ökonomie innerer Konflikte. Spätere Arbeiten führen zu einer Strukturlehre, in der Ich, Es und Über-Ich die Konfliktbühne anders konturieren; damit verschiebt sich auch die Angsttheorie. Ergänzend werden Negation, Spaltung, Fetischbildung und Realitätsprüfung als prägnante Mechanismen beschrieben. Diese Modellbildungen sind teils hypothetisch, erwachsen jedoch aus klinischen Beobachtungen und werden an ihnen fortlaufend geprüft. Die Texte dokumentieren so eine Theorie in Bewegung, die ihre eigenen Voraussetzungen offenlegt und modifiziert.

Weit über das Klinische hinaus richtet Freud sein Augenmerk auf Kollektive, Rituale, Institutionen und Glaubenssysteme. Studien zu Tabu, Totemismus, Religion, Massenverhalten und Kultur zeigen, wie psychische Grundmechanismen gesellschaftliche Formen prägen. Aufsätze zu Krieg, Vergänglichkeit und zivilisatorischer Unruhe beleuchten Spannungen zwischen Triebleben, Normbildung und sozialer Ordnung. Späte Arbeiten wagen große genealogische Deutungen und verknüpfen individuelle Psychodynamik mit kulturellen Symbolsystemen. Offene Briefe und Stellungnahmen dokumentieren zugleich den öffentlichen Austausch und die Verortung der Psychoanalyse im zeitgenössischen Diskurs. Die Texte verbinden methodische Strenge mit einem Blick für historische und anthropologische Zusammenhänge.

Ein besonderer Strang gilt der Kunst, Literatur und Ästhetik. Analysen zu Witz, Unheimlichkeit, dichterischer Produktion und künstlerischer Gestaltung demonstrieren die Anwendung psychoanalytischer Begriffe auf Sprach- und Bildwerke. Fallnahe Sensibilität verbindet sich mit textnaher Lektüre, wenn literarische Stoffe, biografische Hinweise oder ikonografische Details auf psychische Konflikte und Wunschbildungen hin befragt werden. Studien zu Autoren, Skulpturen und erzählerischen Motiven bilden so Laboratorien, in denen theoretische Konzepte überprüft und verfeinert werden. Der Gewinn liegt weniger in endgültigen Urteilen als in einer methodischen Schule des genauen Sehens und Lesens.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Schriften zur Sexualität und Entwicklung. Sie thematisieren Kindheit, Phantasie, frühe Theorien des Kindes, unterschiedliche Organisationen der Sexualität und geschlechtsspezifische Fragen. Diese Texte waren und sind kontrovers, nicht zuletzt wegen ihres Bruchs mit idealisierenden Annahmen über Kindheit und Moral. Die Sammlung macht sichtbar, wie Freud normative Urteile meidet und stattdessen auf Beschreibung, Konfliktlogik und Entwicklungsdynamik setzt. Beiträge zu Libidotypen, masochistischen Konstellationen oder Fetischbildung fügen sich in dieses Feld. Der Leser erhält damit ein differenziertes, historisch situiertes Bild jener Konzepte, die bis heute Debatten anregen.

Charakteristisch ist Freuds Stil: präzise Begriffsbildung, vorsichtige Hypothesenführung, Analogien, die Vertrautes erschließen, und eine Aufmerksamkeit für die Doppeldeutigkeit der Sprache. Betrachtungen über gegensinnige Urworte, Notizen zu Gedächtnismetaphern oder Beobachtungen zum Humor zeigen, wie Theoriearbeit an Sprachphänomenen ansetzt. Gleichzeitig bewahren Fallprosa und Vorlesungen eine didaktische Klarheit, die auch komplexe Sachverhalte nachvollziehbar hält. Techniktexte modellieren eine Haltung des gleichschwebenden Interesses und der methodischen Enthaltsamkeit. In dieser Verbindung von klinischer Nüchternheit, philologischer Genauigkeit und spekulativer Vorsicht liegt die stilistische Eigenart, die die Schriften nachhaltig lesbar macht.

Als Gesamtheit sind diese Werke bedeutsam, weil sie ein zusammenhängendes Problembündel entfalten: die Deutung unbewusster Prozesse, die Logik von Symptomen, die Rolle der Phantasie, die Vermittlung zwischen Individuum und Kultur. Die Texte dokumentieren eine Forschung, die an sich selbst lernend bleibt, Korrekturen vornimmt und ihre Begriffe erprobt. Zugleich haben sie die Sprache geprägt, in der über Subjektivität, Begehren, Angst und Konflikt gesprochen wird. Ihre Wirkung reicht in Psychotherapie, Kultur- und Literaturwissenschaft, Anthropologie und politische Theorie. Der Wert dieser Sammlung liegt daher in der Möglichkeit, Entwicklungsfäden nachzuverfolgen und produktiv zu befragen.

Die vorliegende Edition lädt zu unterschiedlichen Lektürewegen ein. Man kann den historischen Verlauf nachzeichnen, thematische Stränge bündeln oder Gattungen kontrastieren: Lehrtexte mit Fallberichten, metapsychologische Aufsätze mit kulturtheoretischen Essays, Briefe mit öffentlichen Stellungnahmen. Empfehlenswert ist ein wacher Blick für Terminologie und Kontext, da Freud Begriffe über die Jahre justiert und ihre Reichweite neu fasst. Querverweise zwischen Traumlehre, Technik und Kulturdiagnosen eröffnen zusätzliche Einsichten. Ziel dieser Haupteinleitung ist es, Orientierung zu bieten, ohne die Deutungshoheit zu besetzen: Die Texte sprechen in ihrer Vielstimmigkeit für sich und fordern zur eigenen Lektürearbeit auf.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Sigmund Freud, geboren 1856 in Freiberg in Mähren, gilt als Begründer der Psychoanalyse und als eine der prägenden Gestalten der Moderne. Mit Werken wie »Die Traumdeutung«, »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, »Totem und Tabu«, »Das Ich und das Es« und »Das Unbehagen in der Kultur« entwarf er ein umfassendes Modell des Seelenlebens, das weit über die Medizin hinauswirkte. Seine Konzepte des Unbewussten, der Verdrängung und der Übertragung veränderten Psychiatrie, Literatur, Kunst und Kulturwissenschaft nachhaltig. Trotz heftiger Kritik an Methode und Evidenz blieb Freud ein zentraler Bezugspunkt der intellektuellen Debatten des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus.

Bildung und literarische Einflüsse

Freud wuchs überwiegend in Wien auf und studierte dort Medizin an der Universität Wien. Früh arbeitete er im physiologischen Labor von Ernst Brücke und publizierte neuroanatomische Studien, bevor er sich der klinischen Neurologie zuwandte. In den mittleren 1880er-Jahren vertiefte er in Paris bei Jean-Martin Charcot die Beobachtung hysterischer Symptome und deren Zusammenhang mit Suggestion. Zurück in Wien eröffnete er eine Praxis und setzte seine Forschungen gemeinsam mit Joseph Breuer fort, woraus »Studien über Hysterie« hervorgingen. Diese Phase legte das methodische Fundament einer psychologischen Theorie, die nicht mehr ausschließlich an organische Ursachen gebunden sein wollte.

Freuds Denken wurde von der naturwissenschaftlichen Tradition des 19. Jahrhunderts geprägt, insbesondere vom mechanistischen Programm der Helmholtz-Schule und von der Evolutionstheorie Charles Darwins. Die klinische Strenge der Pariser Schule formte seine Fallbeobachtung, während literarische und klassische Texte seinem Deutungsarsenal Motive und Metaphern lieferten. Wiederholt bezog er sich auf Sophokles’ »Ödipus« und auf Shakespeare, um Konflikte, Wünsche und Schuld als dramatische Konstellationen sichtbar zu machen. Auch die deutsche Bildungs- und Aufklärungstradition schärfte seinen Stil: präzise Argumentation, Fallvignetten, polemische Zuspitzung und essayistische Reichweite. Diese heterogene Mischung verlieh seinen Schriften wissenschaftliche Ambition und literarische Suggestivkraft.

Literarische Laufbahn

Freuds frühe Veröffentlichungen entstanden aus der neurologischen Praxis, doch sein entscheidender Schritt war die Entwicklung einer Gesprächsmethode, die freie Assoziation und die Analyse von Fehlleistungen einschloss. »Studien über Hysterie« markierte den Übergang von suggestiven Techniken zu einer Theorie unbewusster Konflikte. Die Betonung von Sexualität und Kindheitserfahrungen stieß in der ärztlichen Öffentlichkeit auf Skepsis, manche Kolleginnen und Kollegen reagierten ablehnend. Gleichwohl fand die klinische Perspektive auf Symptome als sinnvolle, wenn auch verschlüsselte Botschaften erste Anhänger. Stilistisch verband Freud genaue Beobachtung, theoretische Systematik und ein argumentierendes Erzählen, das Fallberichte wie kleine Novellen zu lesen gab.

Mit »Die Traumdeutung« eröffnete Freud um 1900 sein zentrales Deutungsfeld. Träume wurden als Wunscherfüllungen verstanden, deren manifeste Bilder sich aus latenten Gedanken bilden. Die Unterscheidung zwischen manifestem und latentem Trauminhalt, die Arbeit von Verdichtung und Verschiebung sowie die Technik der freien Assoziation gaben der Analyse eine verfahrensmäßige Struktur. Kurz darauf folgten »Die Psychopathologie des Alltagslebens« und »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten«, die Vergessen, Versprechen und Komik als Zugang zum Unbewussten behandelten. Die Rezeption verlief zunächst verhalten, doch Übersetzungen und Debatten weiteten den Einflusskreis, besonders in intellektuellen und künstlerischen Milieus.

Institutionell formierte sich in Wien ein Kreis, der sich der psychoanalytischen Forschung widmete und regelmäßige Diskussionen führte. Aus diesen Treffen entstanden internationale Kontakte und schließlich eine Vereinigung, die Ausbildung und Publikation förderte. Früh kam es zu theoretischen Auseinandersetzungen über Trieblehre, Ich-Psychologie und die Reichweite des Sexualitätsbegriffs, die in prominenten Brüche mündeten. Freud verteidigte die Methode der freien Assoziation, das Konzept der Übertragung und die Bedeutung infantiler Konflikte als Grundpfeiler. Parallel erweiterte er seine »Metapsychologie«, um dynamische, ökonomische und topische Gesichtspunkte des Seelenlebens zu verbinden, und hielt populäre Vorlesungen, die die Psychoanalyse einem größeren Publikum zugänglich machten.

In den 1920er-Jahren radikalisierte Freud seinen Ansatz mit »Jenseits des Lustprinzips«, das Wiederholungszwang und Todestrieb als spekulative, aber heuristische Größen einführte. »Das Ich und das Es« formulierte das strukturtheoretische Modell mit Es, Ich und Über-Ich und prägte die Terminologie der folgenden Jahrzehnte. »Totem und Tabu« und später »Das Unbehagen in der Kultur« wagten kultur- und zivilisationstheoretische Deutungen, die Anthropologie, Religionskritik und Sozialtheorie berührten. Zugleich hielt Freud an der dichten Verschränkung von klinischer Erfahrung und Theorie fest. Die Kritik reichte von methodischen Einwänden bis zur Ablehnung als spekulativ; dennoch wuchsen Wirkung, Übersetzungen und institutionelle Verankerung beständig.

Überzeugungen und Engagement

Freud verstand sich als Naturwissenschaftler des Seelischen. Determinierung psychischer Vorgänge, die Wirksamkeit unbewusster Prozesse und die zentrale Rolle von Konflikt und Abwehr bildeten sein Grundgerüst. Skepsis gegenüber religiösen Heilsversprechen und metaphysischen Systemen prägte seine Publikationen, in denen er Illusionen und kulturelle Normen als psychisch funktionale, zugleich ambivalente Gebilde analysierte. Er verteidigte eine offene, auch unbequeme Diskussion von Sexualität und Aggression als Bedingung realistischer Selbstkenntnis. Das öffentliche Auftreten suchte weniger Gefälligkeit als argumentative Klarheit; in Vorworten und Streitschriften wehrte er sich gegen Verkürzungen, ohne den Anspruch auf empirische Fundierung und klinische Nützlichkeit preiszugeben.

Sein Engagement zeigte sich vor allem in der Institutionenbildung, der Ausbildung von Analytikerinnen und Analytikern sowie der redaktionellen Arbeit an Zeitschriften und Sammelbänden. Er förderte einen Kanon von Techniken, der Setting, Deutungsarbeit und den reflektierten Umgang mit Übertragung und Gegenübertragung umfasste. Supervision, Falldiskussion und lange Lehranalysen sollten eine professionelle Standardsicherung gewährleisten. In Vorträgen und Einführungswerken erläuterte er Methode und Grundbegriffe für medizinische und gebildete Laienpublika. So verband er klinische Praxis, theoretische Ausarbeitung und Vermittlung in einer Weise, die die Psychoanalyse als disziplinäre Formation mit eigenem Ethos und klarer Terminologie etablierte.

Freud stand im Zentrum intensiver Kontroversen. Vertreter experimenteller Psychologie kritisierten mangelnde Prüfbarkeit, während klinische Gegner die Deutungsmacht der Analytiker bestritten. Öffentliche Debatten entzündeten sich an der Sexualtheorie, an kulturkritischen Thesen und an der Auslegung mythologischer Stoffe. Gleichzeitig erfuhr er Unterstützung aus Literatur, Kunst und Geisteswissenschaften, wo seine Begriffe produktive Lektüren ermöglichten. Politisch verstand er Psychoanalyse nicht als Parteiprogramm, wohl aber als Aufklärungsprojekt über menschliche Motivationen. Bücherverbrennungen in den 1930er-Jahren machten die ideologische Ablehnung sichtbar. Der anhaltende Streit um Wissenschaftlichkeit, Hermeneutik und klinische Wirksamkeit trug paradoxerweise zu ihrer intellektuellen Präsenz bei.

Letzte Jahre und Vermächtnis

In den frühen 1920er-Jahren erkrankte Freud schwer, blieb jedoch schriftstellerisch und organisatorisch aktiv. Trotz wiederholter Behandlungen arbeitete er an theoretischen Schriften und betreute Korrespondenzen, Netzwerke und Editionen. Nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 emigrierte er nach London, wo er unter veränderten Bedingungen seine Arbeit fortsetzte. Dort erschien sein spätes Werk »Der Mann Moses und die monotheistische Religion«, das historische, psychologische und kulturelle Argumente verband und kontrovers aufgenommen wurde. Die Exilsituation markierte einen tiefen Einschnitt, zugleich bekräftigte sie für Anhängerinnen und Anhänger den Anspruch der Psychoanalyse, kulturelle Traumata interpretierbar zu machen.

Freud starb 1939 in London nach langer Krankheit. Zeitgenössische Reaktionen reichten von ehrenden Nachrufen bis zu scharfer Kritik; die Debatten um Methode, Ethik und Geltungsanspruch ebbten nicht ab. Langfristig prägten seine Konzepte Psychotherapie, Kliniken und Ausbildungscurricula ebenso wie Literaturwissenschaft, Filmtheorie, Kultursoziologie und Kunst. Spätere Schulen entwickelten, korrigierten oder bestritten seine Thesen, doch die Begrifflichkeit des Unbewussten, der Abwehr und der Subjektkonflikte blieb wirkmächtig. In der Gegenwart wird Freud zugleich historisch-kontextualisiert und interdisziplinär produktiv gemacht. Sein Vermächtnis besteht in der Beharrlichkeit, innere Widersprüche ernst zu nehmen und sie methodisch, sprachlich und kulturell deutbar zu machen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Sigmund Freud (1856, Freiberg in Mähren – 1939, London) entfaltete sein Werk im kulturell hochdichten Milieu Wiens, das zwischen der Liberalisierung der Habsburgermonarchie nach 1867 und dem Zusammenbruch 1918 eine außergewöhnliche Konzentration von Wissenschaft, Kunst und politischer Spannung erlebte. Die Ringstraßenkultur, das Caféhaus, die Universitätsreformen und gleichzeitig aufwallender Antisemitismus (etwa unter Bürgermeister Karl Lueger, Amtszeit 1897–1910) bildeten den sozialen Resonanzraum. In diesem Spannungsfeld einer bürgerlichen Moderne, die Fortschritt, Säkularisierung und Nervosität zugleich hervorbrachte, gewann die Diskussion über Sexualität, Hypnose, Suggestion, „Nervosität“ und moralische Normen an Gewicht – eine Gemengelage, die Freuds lebenslanges Ringen mit Trieb, Verdrängung, Kultur und Religion grundierte und vielen seiner Schriften ihren Zeitbezug verlieh.

Freud studierte ab 1873 Medizin an der Universität Wien, geprägt von der naturwissenschaftlichen Schule um Ernst Brücke, die physiologische Energiemodelle (Helmholtz-Kreis) popularisierte. Früh beschäftigte er sich mit Neurologie, veröffentlichte 1891 „Zur Auffassung der Aphasien“ und arbeitete mit Mikroskop und Froschnerv, bevor er zur Klinik überging. 1884 publizierte er Studien über Kokain, eine Episode, die wissenschaftlichen Enthusiasmus, therapeutische Hoffnungen und tragische Nebenfolgen (etwa bei Ernst von Fleischl-Marxow) bündelte. Diese Phase markiert den Übergang von einer streng neurophysiologischen zu einer psychologischen Sicht, die dennoch energetische Metaphern (z. B. „Besetzung“, „Ökonomie“) bewahrte und später die metapsychologischen Konzeptionen von Triebdynamik und Abwehr informierte.

Der klinische Wendepunkt erfolgte 1885/86 in Paris bei Jean-Martin Charcot an der Salpêtrière, wo Freud Hysterie als funktionelle Störung ohne organische Läsion begriff. Die konkurrierenden Schulen von Nancy (Liébeault, Bernheim) und Charcot prägten sein Verständnis von Suggestion, Hypnose und Autosuggestion. Die Beobachtungen zur Theatralität, zu Konversion und zu traumatischen Auslösern führten ihn zu einer Psychopathologie, die Symptome als sinnhaft dechiffrierbar fasste. Paris lieferte damit die empirische und institutionelle Folie für Freuds spätere Abkehr von der Hypnose zugunsten der freien Assoziation, für die Aufwertung von Träumen als Sinnträger und für die Theorie unbewusster Konflikte, die quer durch sein Gesamtwerk thematisch präsent bleiben.

In Wien kooperierte Freud mit Josef Breuer, dessen Behandlung der „Anna O.“ (Bertha Pappenheim, 1880–1882) zur „kathartischen Methode“ führte. Das 1895 erschienene Werk „Studien über Hysterie“ dokumentierte den Übergang von der Suggestion zur narrativen Rekonstruktion von Symptomen, Affekten und Erinnerungen. Aus der Einsicht, dass der Sprechakt eine psychische „Entladung“ bewirken kann, entwickelte Freud die freie Assoziation, das Konzept der Übertragung und die Deutung von Widerstand. Diese methodischen Innovationen gaben der klinischen Fallgeschichte einen neuen Status und schufen die Grundlage für spätere analytische Techniken, die in zahlreichen Fallberichten, Vorlesungen und theoretischen Schriften der folgenden Jahrzehnte fortlaufend reflektiert und revidiert wurden.

Freuds Selbstanalyse um 1897 und sein Briefwechsel mit Wilhelm Fliess (Berlin) bereiteten die Traumtheorie vor, die er 1899 (mit dem Druckjahr 1900) veröffentlichte. Die Träume wurden zur „Königsstraße“ des Unbewussten; Verdichtung, Verschiebung und sekundäre Bearbeitung lieferten Modelle, die er auf Fehlleistungen, Witze und Alltagsirrtümer übertrug. Damit verband er eine Topographie der Psyche (bewusst, vorbewusst, unbewusst) mit einer Hermeneutik des Sinns, deren Reichweite von klinischen Neurosen bis zu kulturellen Produkten reicht. Die methodische Maxime, aus scheinbar Zufälligem Regelhaftes zu destillieren, prägt viele Texte – von theoretischen Abhandlungen bis zu kulturkritischen Essays – und macht ihre gemeinsame erkenntnistheoretische Ambition erkennbar.

Institutionell verankerte sich die Bewegung ab 1902 in der „Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft“ in der Berggasse 19, Freuds Praxis- und Wohnadresse. 1908 fand der erste Internationale Psychoanalytische Kongress in Salzburg statt, 1909 folgten die Vorträge an der Clark University in Worcester (Massachusetts), die den Durchbruch im anglophonen Raum einleiteten. 1910 wurde in Nürnberg die International Psychoanalytical Association (IPA) gegründet, mit Carl Gustav Jung als erstem Präsidenten. Zeitschriften wie das Jahrbuch (ab 1909), Imago (ab 1912) und die Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse (ab 1913) boten Foren, in denen klinische Technik, Metapsychologie und Anwendungsfelder – von Literatur bis Anthropologie – verhandelt wurden.

Frühe Expansionsphasen waren von Konflikten begleitet. Alfred Adler löste sich 1911, Carl Gustav Jung 1913 aus inhaltlichen Differenzen (Autorität der Sexualtheorie, Libidobegriff, Symbolik). Zugleich formierten sich neue Zentren: Berlin (Karl Abraham, später das Berliner Institut), Budapest (Sándor Ferenczi), London (Ernest Jones). Diese institutionellen und personellen Verschiebungen beeinflussten die Schwerpunktsetzungen der Theorie: Übertragung und Gegenübertragung, Technikfragen, Ich-Funktionen und Kinderanalyse rückten je nach Schule in den Fokus. Die Auseinandersetzungen festigten Freuds Rolle als Referenz, gegen die sich Schulen profilieren, und führten zu Publikationen, die sowohl die Einheit der Methode wie auch notwendige Pluralisierung ihrer Anwendungen reflektierten.

Freuds Kultur- und Religionsreflexionen speisen sich aus anthropologischen und mythologischen Diskursen seiner Zeit. Werke von James G. Frazer, Edward B. Tylor oder die bibel- und religionsgeschichtliche Forschung boten Vergleichsmaterial zu Ritual, Tabu und Totemismus. Archäologie – im zeitgenössischen Europa durch Heinrich Schliemanns Funde populär – diente ihm als Leitmetapher für Schichtenbildung und Nachträglichkeit. Wiens kunsthistorische Schule (Alois Riegl) und philologische Tradition unterstützten ein sensibles Lesen von Symbolik und Form. Diese interdisziplinären Bezüge rahmen seine kulturtheoretischen Ausgriffe ebenso wie psychobiographische Studien, in denen künstlerische Produktion, Narzissmus, Sublimierung und Schuld über individuelle Fallgeschichten hinaus als historische Konstellationen sichtbar werden.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) veränderte die Psychiatrie durch Kriegsneurosen („shell shock“) und die Frage nach Trauma, Suggestion und Schuld. Freuds Söhne dienten, er selbst blieb in Wien; die Stadt litt unter Mangel, Inflation und politischer Destabilisierung. Zwischen 1915 und 1917 verfasste er metapsychologische Aufsätze (u. a. zu Verdrängung, Unbewusstem, Trieben), die zentrale Kategorien systematisierten. 1918, auf dem Budapester Kongress, forderte die Bewegung „Polikliniken für das Volk“, was psychoanalytische Versorgung demokratisieren sollte. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre lieferten klinische Beobachtungen zu Angst, Zwang und Melancholie, die in Technikreflexionen und theoretischen Neubestimmungen der 1920er Jahre breiten Niederschlag fanden.

Mit 1920 setzte eine Verdichtung theoretischer Revisionen ein. Der Tod der Tochter Sophie (1920, Hamburg) und Kriegsfolgen bilden den Hintergrund von Spekulationen über Wiederholungszwang und Todestrieb. 1923 etablierte Freud das Strukturmodell von Ich, Es und Über-Ich; im selben Jahr begann seine Kieferkrebsbehandlung mit belastenden Operationen und Prothesen. Diese biologische Zäsur fiel mit einer Verschiebung zur Ich-Psychologie zusammen, in der Abwehr, Realitätsprüfung und Angsttheorie neu kalibriert wurden. Institutionell stärkte der 1919 gegründete Internationale Psychoanalytische Verlag (Wien) die Publikationstätigkeit. Berlin, Wien und später London wurden Ausbildungszentren, in denen Technikfragen – Durcharbeiten, Deutungskunst, Rahmen – intensiv diskutiert wurden.

Freuds Beiträge zu Religion und Kultur entstanden in einem Europa zwischen Säkularisierung, wissenschaftlicher Modernität und politischer Radikalisierung. Debatten um die Autorität der Kirchen, um Bibelkritik und um den Ursprung des Monotheismus flankierten seine kulturkritischen Analysen. Zwischen 1927 und 1939 formulierte er zuspitzende Diagnosen über Illusion, Schuld, Sublimierung und das Spannungsverhältnis zwischen Trieben und Kulturleistungen. Die Frage, ob zivilisatorische Fortschritte notwendige Unzufriedenheiten produzieren, verband individuelle Konfliktmodelle mit makrosozialen Entwicklungen. Parallel liefen Gespräche mit Intellektuellen: Die 1932 initiierte Korrespondenz mit Albert Einstein über Kriegsursachen illustriert, wie Freud seine Kategorien auf kollektive Gewalt und politische Rationalitäten anzuwenden suchte.

Rechtliche und berufspolitische Auseinandersetzungen prägten die 1920er Jahre. In Wien wurde 1925 der Analytiker Theodor Reik wegen „Kurpfuscherei“ angezeigt, was Freuds 1926 publizierte Verteidigung der Laienanalyse motivierte. Die Diskussion um Qualifikation, Verantwortlichkeit und Setting der Behandlung fiel zusammen mit Sexualstrafrechts- und Aufklärungsdebatten (etwa in Weimar-Deutschland sowie in österreichischen Reformdiskursen). Gleichzeitig verschärften Zensur und Sittlichkeitsnormen die öffentliche Kontroverse um Sexualtheorie, kindliche Sexualität und Perversionen. Diese Konstellationen erklären, warum zahlreiche Schriften nicht nur klinische Technik, sondern auch institutionelle Selbstbeschreibung, Ethik des Deutens und die Autonomie der psychischen Forschung gegenüber staatlichen und professionellen Hierarchien verhandeln.

Die literarische Moderne und die bildende Kunst boten Freud empirisches und metaphorisches Material. In Wien standen Autoren wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Robert Musil für eine Psychologisierung des Erzählens; in Paris radikalisierte der Surrealismus (André Breton, 1924) Traumarbeit und freie Assoziation als ästhetisches Programm. Freud selbst pflegte eine umfangreiche Antikensammlung in der Berggasse 19 und analysierte künstlerische Werke und Biographien, um Mechanismen von Sublimierung, Narzissmus, Verdrängung und Schuld zu beleuchten. Die Verleihung des Goethe-Preises 1930 markierte seine Anerkennung als Kulturdenker. Zugleich dienten literarische Stoffe und museale Artefakte als Probeaufbau für Konzepte, die aus der Klinik stammten.

Die wissenschaftliche Umgebung war durch rivalisierende Paradigmen geprägt. Die Kraepelin’sche Nosologie zielte auf stabile Krankheitsentitäten, Wundts Laborpsychologie auf Messbarkeit, während Behaviorismus (John B. Watson, ab 1913) und Reflexforschung (Iwan Pawlow) Bewusstseinsthemen marginalisierten. Freud positionierte die Psychoanalyse als klinische Erfahrungswissenschaft mit eigener Validität, die sich in Technikreflexion, Langzeitbeobachtung und Theoriepluralismus bewähren müsse. Übersetzungen durch A. A. Brill und die Etablierung von Lehranalysen verbreiteten die Methode in den USA und Großbritannien. Gleichzeitig hielt Freud Anschluss an die Neurologie (Aphasie, Agnosie) und entwickelte energetisch-topische Grundannahmen weiter, um Brücken zwischen Naturwissenschaft, Hermeneutik und Kulturtheorie zu schlagen.

Freuds Werk ist ohne die jüdische Lebenswirklichkeit im Wien der Jahrhundertwende kaum verständlich. Als assimiliierter Jude erlebte er soziale Mobilität und strukturelle Diskriminierung zugleich. Seine Mitgliedschaft in der B’nai-B’rith-Loge (ab 1897) bot intellektuelle und kollegiale Unterstützung; zugleich spiegeln Texte über Tabu, Gesetz und Vaterfiguren die Erfahrung einer Minderheitenexistenz im Spannungsfeld von Emanzipation und Ressentiment. 1933 traf die Bücherverbrennung in Deutschland auch seine Schriften; Berufsverbote und Vertreibungen zerstörten psychoanalytische Institutionen. Diese politisch-gesellschaftliche Matrix erklärt die starke normative Dimension seiner Kulturkritiken und die wiederkehrende Frage, wie individuelle Schuld, Autorität und Tradition sich in kollektiven Erzählungen verfestigen.

Der „Anschluss“ Österreichs im März 1938 bedeutete das Ende der Wiener Jahre. Nach Hausdurchsuchungen und Verhören konnte Freud – unterstützt von Marie Bonaparte, Ernest Jones und internationalen Netzwerken – im Juni 1938 nach London emigrieren. Er unterzeichnete zynisch erzwungene Erklärungen gegenüber der Gestapo und verließ die Berggasse 19, die später ein Museum wurde. In London, 20 Maresfield Gardens, setzte er die Arbeit fort, während sich Europa auf den Krieg zubewegte. Seine Gesundheit war schwer gezeichnet; dennoch erschienen späte kultur- und religionshistorische Studien, die Exilerfahrung, Verlust und das Ringen um historische Identität mit der Langzeitfrage nach Ursprung, Gesetz und Schuld verbanden.

Die internationale Rezeption konsolidierte sich über Institutionen, Übersetzungen und Ausbildung. Bereits 1909 in den USA rezipiert, gewann die Psychoanalyse nach 1933 durch Exilantinnen und Exilanten in London, New York und Jerusalem an Breite. James Stracheys spätere Standard Edition (ab 1953) und deutschsprachige Werkausgaben ordneten das Corpus; doch schon zu Freuds Lebzeiten zirkulierten englische, französische und italienische Übersetzungen. Debatten mit Theologie, Anthropologie, Rechtswissenschaft, Pädagogik und Literaturwissenschaft hielten die Texte in Bewegung. So lässt sich das Gesamtœuvre als fortlaufender Versuch lesen, klinische Beobachtung, Metapsychologie und Kulturkritik im Angesicht tiefgreifender europäischer Umbrüche zwischen 1880 und 1939 zu verschalten.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Die Traumdeutung

Grundlegung der Traumtheorie: Träume als Wunscherfüllungen; Unterscheidung von manifestem und latentem Trauminhalt, Traum-Arbeit (Verdichtung, Verschiebung, Symbolik) und Technik der freien Assoziation.

Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Deutet Vergessen, Versprechen, Fehlhandlungen und Zufälle als sinnvolle Äußerungen unbewusster Motive und Konflikte im Alltagsverhalten.

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Entwirft eine Entwicklung der Sexualität von der Kindheit an, behandelt Perversionen, psychosexuelle Phasen und die Rolle des Ödipuskomplexes für Neurose und Kultur.

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci

Psychoanalytische Rekonstruktion von Leonardos Kindheitserinnerung zur Erklärung von Sublimation, Libido-Lenkung und kreativer Produktivität.

Totem und Tabu

Vergleicht 'primitive' Bräuche und neurotische Symptome; entwickelt aus dem Mythos der Urhorde Hypothesen zu Schuld, Inzesttabu, Religion und Kulturentstehung.

Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

Populäre Darstellung von Symptomen, Träumen, Sexualität und Behandlungstechnik; systematische Einführung in Begriffe wie Übertragung und Widerstand.

Jenseits des Lustprinzips

Führt Wiederholungszwang und Todestrieb als jenseits des Lustprinzips wirkende Kräfte ein und überarbeitet das Trieblehre-Dualismus von Eros und Destruktion.

Massenpsychologie und Ich-Analyse

Erklärt Massenbindungen durch Identifizierung und libidinöse Besetzungen; zeigt, wie Führerbilder und das Über-Ich individuelle und kollektive Dynamiken verbinden.

Das Ich und das Es

Formuliert das Strukturmodell von Es, Ich und Über-Ich und beschreibt Verdrängung, Schuld und Abwehr als Bewegungen zwischen diesen Instanzen.

Die Frage der Laienanalyse

Verteidigt die Praxis der Analyse durch Nichtärzte und erörtert Anforderungen an Ausbildung, Neutralität und Verantwortung in der Behandlung.

Das Unbehagen in der Kultur

Analysiert den Konflikt zwischen Triebansprüchen und kultureller Ordnung; erklärt Schuld, Askese und Aggressionshemmung aus der Kulturleistung des Über-Ichs.

Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

Aktualisiert die Einführung mit Narzissmus-, Angst- und Ichpsychologie sowie Fragen der Technik und der klinischen Praxis.

Der Mann Moses und die monotheistische Religion

Kulturpsychologische Hypothese zur Entstehung des Monotheismus; diskutiert kollektive Erinnerung, Trauma und Nachträglichkeit in der Religionsgeschichte.

Bruchstück einer Hysterie-Analyse

Fall 'Dora': Demonstriert Traumdeutung, Symptomdeutung und Übertragungsproblematik und reflektiert Grenzen der damaligen Technik.

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten

Analysiert die Mechanismen des Witzes als ökonomische Entlastung verbotener Regungen und zeigt seine Nähe zu Träumen und Fehlleistungen.

Über Psychoanalyse

Einführende Vorlesungen über Ursprung, Methode und Ergebnisse der Psychoanalyse anhand knapper Fallskizzen und Grundthesen.

Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose

Fall 'Rattenmann': Untersuchung von Zwangsgedanken, Ambivalenz, analerotiknahen Konflikten und der Rolle von Schuld und Über-Ich.

Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben

Fall 'Kleiner Hans': Deutung einer Tierphobie als Ausdruck des Ödipuskonflikts und seiner Bewältigung im Kindesalter.

Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia

Analyse des Falles Schreber; erklärt Wahnbildung als Abwehr gegen homosexuelle Regungen und als Rekonstruktion narzisstischer Kränkungen.

Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker

Herausarbeitung von Parallelen zwischen Tabu, Magie und neurotischen Verboten; Konzept der Allmacht der Gedanken.

Aus der Geschichte einer infantilen Neurose

Fall 'Wolfsmann': Rekonstruktion einer frühkindlichen Szene und ihrer Nachwirkungen auf Neurose, mit Blick auf Nachträglichkeit und Symbolbildung.

Hemmung, Symptom und Angst

Unterscheidet Hemmung und Symptom; entwickelt die Signalangst des Ichs und ihre Rolle in Abwehr und Symptombildung.

Die Zukunft einer Illusion

Kritik der Religion als Wunscherfüllung und kulturelles Stützsystem; Erwägungen zu Erziehung, Vernunft und sozialer Kohäsion.

Die endliche und die unendliche Analyse

Reflexion über Grenzen der Kur, Charakteranalyse und Übertragungsneurose; Gründe für interminable Verläufe.

Traum und Telepathie

Prüft Berichte zu Telepathie im Lichte der Traumforschung und warnt vor Suggestion; diskutiert methodische Vorsicht bei außergewöhnlichen Phänomenen.

Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse

Erörtert die 'dritte narzisstische Kränkung' und die psychologischen Gründe für Widerstände gegen die psychoanalytische Lehre.

Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva

Literarische Analyse zur Demonstration von Traummechanismen und Wahnideen; Verbindung von Dichtung und klinischer Beobachtung.

Studien über Hysterie

Mit Breuer: Fallgeschichten und die kathartische Methode als Vorläufer der Psychoanalyse; Entdeckung von Abwehr, Konversion und 'talking cure'.

Zur Psychotherapie der Hysterie (Zweite Version)

Zusammenfassung und Erweiterung der therapeutischen Prinzipien aus den Studien über Hysterie; Übergang von Hypnose zu freier Assoziation.

Nachträge über Coca

Frühe medizinische Notizen zu Wirkungen und Anwendung von Kokain, insbesondere als Lokalanästhetikum.

Ein Traum als Beweismittel

Exemplarische Verwendung einer Traumdeutung zur Stützung einer klinischen oder kriminalistischen Hypothese; Verdeutlichung der Beweiskraft unbewusster Motive.

Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

Selbsthistorisierung der Psychoanalyse, Kontroversen und Abgrenzungen; Darstellung ihrer Entwicklung und Abspaltungen.

Zur Auffassung der Aphasien

Neurologische Monographie, die gegen einfache Lokalisationslehren argumentiert und ein funktionales Sprachmodell vorschlägt.

Frühe klinische und technische Schriften

Schriften zur Entstehung und Handhabung der psychoanalytischen Methode: von der Ätiologie (Hysterie, Angstneurose, Sexualität) über freie Assoziation, Übertragung und Widerstand bis zu praktischen Regeln, Indikation und Grenzen der Behandlung.

Metapsychologische Aufsätze

Programmschriften zu Unbewusstem, Verdrängung, Trieben, Narzissmus und Abwehr; sie klären dynamische, topische und strukturelle Modelle und diskutieren Relationen zwischen Neurose, Psychose und Realität.

Sexualität, Entwicklung und Geschlechterdifferenz

Beiträge zur kindlichen Sexualität, Objektwahl, Perversionen und Geschlechtsdifferenz; behandeln u. a. Analerotik, Fetischismus, weibliche Sexualität, Ödipusauflösung, Masochismus und libidinöse Charaktertypen.

Traumtheorie und Gedächtnismodelle

Ergänzende Texte zur Praxis der Traumdeutung, zu Fehl- und Schein-Erinnerungen und zum Modell des Gedächtnisses (Wunderblock) als Erklärung von Spur, Wahrnehmung und Erinnerung.

Kultur-, Religions- und Gesellschaftsaufsätze

Reflexionen über Sexualmoral, Krieg, Vergänglichkeit, Humanismus und politische Gewalt; Briefe und Essays diskutieren kulturelle Sublimierung, Aggression und die Rolle intellektueller Autorität.

Literatur-, Kunst-, Sprach- und Mythen-Deutungen

Anwendungen der Psychoanalyse auf Dichtung, Bildende Kunst, Sprache und Mythologie; behandelt poetisches Phantasieren, Ambivalenz von Urwörtern, das Unheimliche, Künstlerporträts und symbolische Motive.

Klinische Beobachtungen, Typen und Vignetten

Kürzere Fallskizzen und Typenlehren zu Zwang, Hysterie, Eifersucht, Paranoia, kindlichen Lügen, Sehstörungen u. a.; zeigen Mechanismen, Symptomlogik und Varianten neurotischer Organisation.

Affekte und seelische Ökonomie

Texte zu Trauer, Melancholie und Humor, die die Transformation von Affekten, Ichleistung und ökonomische Gesichtspunkte (Entlastung, Besetzung, Trauerarbeit) herausarbeiten.

Gesammelte Werke: Psychoanalytische Studien + Theoretische Schriften + Briefe

Hauptinhaltsverzeichnis
Die Traumdeutung
Zur Psychopathologie des Alltagslebens
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci
Totem und Tabu
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
Jenseits des Lustprinzips
Massenpsychologie und Ich-Analyse
Das Ich und das Es
Die Frage der Laienanalyse
Das Unbehagen in der Kultur
Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
Der Mann Moses und die monotheistische Religion
Bruchstück einer Hysterie-Analyse
Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten
Über Psychoanalyse
Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose
Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben
Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia
Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker
Aus der Geschichte einer infantilen Neurose
Hemmung, Symptom und Angst
Die Zukunft einer Illusion
Die endliche und die unendliche Analyse
Traum und Telepathie
Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse
Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva
Studien über Hysterie
Zur Psychotherapie der Hysterie - Aus: Studien über Hysterie (Zweite Version)
Nachträge über Coca
Ein Traum als Beweismittel
Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung
Zur Auffassung der Aphasien
Verschiedenen Schriften:
Psychische Behandlung
Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene
Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als »Angstneurose« abzutrennen
Zur Ätiologie der Hysterie
Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen
Die Freudsche psychoanalytische Methode
Über Psychotherapie
Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen
Zur sexuellen Aufklärung der Kinder
Zwangshandlungen und Religionsübungen
Charakter und Analerotik
Der Dichter und das Phantasieren
Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne Nervosität
Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität
Über infantile Sexualtheorien
Allgemeines über den hysterischen Anfall
Der Familienroman der Neurotiker
Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung
Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie
Über »wilde« Psychoanalyse
Über den Gegensinn der Urworte
Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne
Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse
Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens
Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse
Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung
Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens
Über neurotische Erkrankungstypen
Zur Dynamik der Übertragung
Das Motiv der Kästchenwahl
Die Disposition zur Zwangsneurose
Zur Einleitung der Behandlung
Zwei Kinderlügen
Der Moses des Michelangelo
Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten
Über fausse reconnaissance (»déjà raconté«) während der psychoanalytischen Arbeit
Zur Einführung des Narzißmus
Zur Psychologie des Gymnasiasten
Bemerkungen über die Übertragungsliebe
Das Unbewußte
Die Verdrängung
Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre
Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia
Triebe und Triebschicksale
Zeitgemäßes über Krieg und Tod
Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit
Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung
Vergänglichkeit
Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit
Trauer und Melancholie
Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik
Das Tabu der Virginität
»Ein Kind wird geschlagen«
Das Unheimliche
Wege der psychoanalytischen Therapie
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität
Zur Vorgeschichte der analytischen Technik
Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität
Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung
Die infantile Genitalorganisation
Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert
Das ökonomische Problem des Masochismus
Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose
Der Untergang des Ödipuskomplexes
Neurose und Psychose
Die Verneinung
Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds
Notiz über den »Wunderblock«
Der Humor
Fetischismus
Dostojewski und die Vatertötung
Goethe-Preis
Über die weibliche Sexualität
Über libidinöse Typen
Zur Gewinnung des Feuers
Warum Krieg?
Brief an Romain Rolland
Konstruktionen in der Analyse
Die Ichspaltung im Abwehrvorgang
Die psychoanalytische Technik
Psychopathische Personen auf der Bühne

Die Traumdeutung

1900

Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung zur ersten Auflage
Vorwort zur zweiten Auflage
Vorwort zur dritten Auflage
Vorwort zur vierten Auflage
Vorwort zur fünften Auflage
Vorwort zur sechsten Auflage
Vorwort zur achten Auflage
Preface to the third (revised) English edition
I DIE WISSENSCHAFTLICHE LITERATUR DER TRAUMPROBLEME
A BEZIEHUNG DES TRAUMES ZUM WACHLEBEN
B DAS TRAUMMATERIAL – DAS GEDäCHTNIS IM TRAUM
C TRAUMREIZE UND TRAUMQUELLEN
D WARUM MAN DEN TRAUM NACH DEM ERWACHEN VERGISST?
E DIE PSYCHOLOGISCHEN BESONDERHEITEN DES TRAUMES
F DIE ETHISCHEN GEFüHLE IM TRAUME
G TRAUMTHEORIEN UND FUNKTION DES TRAUMES
H BEZIEHUNGEN ZWISCHEN TRAUM UND GEISTESKRANKHEITEN
II DIE METHODE DER TRAUMDEUTUNG DIE ANALYSE EINES TRAUMMUSTERS
III DER TRAUM IST EINE WUNSCHERFüLLUNG
IV DIE TRAUMENTSTELLUNG
V DAS TRAUMMATERIAL UND DIE TRAUMQUELLEN
A DAS REZENTE UND DAS INDIFFERENTE IM TRAUM
B DAS INFANTILE ALS TRAUMQUELLE
C DIE SOMATISCHEN TRAUMQUELLEN
D TYPISCHE TRäUME
VI DIE TRAUMARBEIT
A DIE VERDICHTUNGSARBEIT
B DIE VERSCHIEBUNGSARBEIT
C DIE DARSTELLUNGSMITTEL DES TRAUMS
D DIE RüCKSICHT AUF DARSTELLBARKEIT
E DIE DARSTELLUNG DURCH SYMBOLE IM TRAUME WEITERE TYPISCHE TRäUME
F BEISPIELE – RECHNEN UND REDEN IM TRAUM
G ABSURDE TRäUME – DIE INTELLEKTUELLEN LEISTUNGEN IM TRAUM
H Die Affekte im Traume
I DIE SEKUNDäRE BEARBEITUNG
VII ZUR PSYCHOLOGIE DER TRAUMVORGäNGE
A DAS VERGESSEN DER TRäUME
B Die Regression
C ZUR WUNSCHERFüLLUNG
D DAS WECKEN DURCH DEN TRAUM DIE FUNKTION DES TRAUMES DER ANGSTTRAUM
E DER PRIMäR-UND DER SEKUNDäRVORGANG DER VERDRäNGUNG
F DAS UNBEWUßTE UND DAS BEWUßTSEIN DIE REALITäT

Vorbemerkung zur ersten Auflage

Inhaltsverzeichnis

Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, glaube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psychologischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs-und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann der Traum – wie sich zeigen wird – Anspruch nicht erheben; um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs-und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen.

Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtigkeit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit verantwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Darstellung so reichlich finden wird, entsprechen ebenso vielen Kontaktstellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt werden konnten und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet werden sollen.

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine Zwecke unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffnete, als mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, sondern22Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um nicht auf die Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt verzichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen Indiskretionen die Spitze abzubrechen; sooft dies geschah, gereichte es dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit mir zu üben, und ferner, daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen.

Vorwort zur zweiten Auflage

Inhaltsverzeichnis

Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung des ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von Beruf, die nun einmal gewohnt sind, die Probleme des Traumlebens als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen – meist den nämlichen – Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von Neurotikern zu verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung verschafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit nach neun Jahren von neuem vorzunehmen.

Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat wenigstens subjektiv die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich bei meinen ersten Mitteilungen stehenbleiben. In den langen Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es immer wieder dieTraumdeutung, an der ich meine Sicherheit wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigenalso einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der Traumforschung nicht folgen wollen.

Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleichgültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und deuten lernt.

Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zusammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet.

Berchtesgaden, im Sommer 1908.

Vorwort zur dritten Auflage

Inhaltsverzeichnis

Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das Bedürfnis einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seite der Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann ich das nunmehr zutage getretene Interesse auch nicht als Beweis für seine Trefflichkeit verwerten.

Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch dieTraumdeutungnicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb, bestand25dieSexualtheorienoch nicht, war die Analyse der komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das vertiefte Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auflage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stekel und anderen habe ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume (oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt. So hat sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berücksichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten Rechnung zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rahmen der Darstellung zu sprengen drohen oder wenn es doch nicht an allen Stellen gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau unserer heutigen Einsichten zu heben, so bitte ich für diese Mängel des Buches um Nachsicht, da sie nur Folgen und Anzeichen der nunmehr beschleunigten Entwicklung unseres Wissens sind. Ich getraue mich auch vorherzusagen, nach welchen anderen Richtungen spätere Auflagen derTraumdeutung– falls sich ein Bedürfnis nach solchen ergeben würde – von der vorliegenden abweichen werden. Dieselben müßten einerseits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff der Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und der Folklore suchen, anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur Geistesstörung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln.

Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. Ich bin ihm und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen zu Dank verpflichtet.

Wien, im Frühjahr 1911.

Vorwort zur vierten Auflage

Inhaltsverzeichnis

Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. Brill in New York eine englische Übersetzung dieses Buches zustande gebracht. (The Interpretation of Dreams. G. Allen & Co., London.)

Herr Dr. Otto Rank hat diesmal nicht nur die Korrekturen besorgt, sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. (Anhang zu Kapitel VI.)

Wien, im Juni 1914.

Vorwort zur fünften Auflage

Inhaltsverzeichnis

Das Interesse für dieTraumdeutunghat auch während des Weltkrieges nicht geruht und noch vor Beendigung desselben eine neue Auflage notwendig gemacht. In dieser konnte aber die neue Literatur seit 1914 nicht voll berücksichtigt werden; soweit sie fremdsprachig war, kam sie überhaupt nicht zu meiner und Dr. Ranks Kenntnis.

Eine ungarische Übersetzung derTraumdeutung, von den Herren Dr. Hollos und Dr. Ferenczi besorgt, ist dem Erscheinen nahe. In meinen 1916/17 veröffentlichtenVorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse(bei H. Heller, Wien) ist das elf Vorlesungen umfassende Mittelstück einer Darstellung des Traumes gewidmet, welche elementarer zu sein bestrebt ist und einen innigeren Anschluß an die Neurosenlehre herzustellen beabsichtigt. Sie hat im ganzen den Charakter eines Auszugs aus derTraumdeutung,obwohl sie an einzelnen Stellen Ausführlicheres bietet.

Zu einer gründlichen Umarbeitung dieses Buches, welche es auf das Niveau unserer heutigen psychoanalytischen Anschauungen heben, dafür aber seine historische Eigenart vernichten würde, konnte ich mich nicht entschließen. Ich meine aber, es hat in nahezu zwanzigjähriger Existenz seine Aufgabe erledigt.

Budapest-Steinbruch, im Juli 1918.

Vorwort zur sechsten Auflage

Inhaltsverzeichnis

Die Schwierigkeiten, unter denen gegenwärtig das Buchgewerbe steht, haben zur Folge gehabt, daß diese neue Auflage weit später erschienen ist, als dem Bedarf entsprochen hätte, und daß sie – zum ersten Male – als unveränderter Abdruck der ihr vorhergehenden auftritt. Nur das Literaturverzeichnis am Ende des Buches ist von Dr. O. Rank vervollständigt und fortgeführt worden.

Meine Annahme, dieses Buch hätte in nahezu zwanzigjähriger Existenz seine Aufgabe erledigt, hat also keine Bestätigung gefunden. Ich könnte vielmehr sagen, daß es eine neue Aufgabe zu erfüllen hat. Handelte es sich früher darum, einige Aufklärungen über das Wesen des Traumes zu geben, so wird es jetzt ebenso wichtig, den hartnäckigen Mißverständnissen zu begegnen, denen diese Aufklärungen ausgesetzt sind.

Wien, im April 1921.

Vorwort zur achten Auflage

Inhaltsverzeichnis

In den Zeitraum zwischen der letzten, siebenten Auflage dieses Buches (1922) und der heutigen Erneuerung fällt die Ausgabe meinerGesammelten Schriften, veranstaltet vom Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien. In diesen bildet der wiederhergestellte Text der ersten Auflage den zweiten Band, alle späteren Zusätze sind im dritten Band vereinigt. Die in der gleichen Zwischenzeit erschienenen Übersetzungen schließen an die selbständige Erscheinungsform des Buches an, so die französische von I. Meyerson 1926 unter dem TitelLa science des rêves(in der »Bibliothèque de Philosophie contemporaine«), die schwedische von John Landquist 1927 (Drömtydning) und die spanische von Luis Lopez-Ballesteros y de Torres, die den VI. und VII. Band derObras Completasfüllt. Die ungarische Übersetzung, die ich bereits 1918 für nahe bevorstehend hielt, liegt auch heute nicht vor.

Auch in der hier vorliegenden Revision derTraumdeutunghabe ich das Werk im wesentlichen als historisches Dokument behandelt und nur28solche Änderungen an ihm vorgenommen, als mir durch die Klärung und Vertiefung meiner eigenen Meinungen nahegelegt waren. Im Zusammenhang mit dieser Einstellung habe ich es endgültig aufgegeben, die Literatur der Traumprobleme seit dem ersten Erscheinen derTraumdeutungin dies Buch aufzunehmen, und die entsprechenden Abschnitte früherer Auflagen weggelassen. Ebenso sind die beiden Aufsätze ›Traum und Dichtung‹ und ›Traum und Mythus‹ entfallen, die Otto Rank zu den früheren Auflagen beigesteuert hatte.

Wien, im Dezember 1929.

Preface to the third (revised) English edition

Inhaltsverzeichnis

In 1909 G. Stanley Hall invited me to Clark University, in Worcester, to give the first lectures on psycho-analysis. In the same year Dr. Brill published the first of his translations of my writings, which were soon followed by further ones. If psycho-analysis now plays a role in American intellectual life, or if it does so in the future, a large part of this result will have to be attributed to this and other activities of Dr. Brill’s.

His first translation ofThe Interpretation of Dreamsappeared in 1913. Since then much has taken place in the world, and much has been changed in our views about the neuroses. This book, with the new contribution to psychology which surprised the world when it was published (1900), remains essentially unaltered. It contains, even according to my present-day judgement, the most valuable of all the discoveries it has been my good fortune to make. Insight such as this falls to one’s lot but once in a lifetime.

Vienna, March 15, 1931.

IDIE WISSENSCHAFTLICHE LITERATUR DER TRAUMPROBLEME

Inhaltsverzeichnis

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen-oder Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Material in Angriff genommen werden muß.

Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der gebildeten Laien übergegangen.

Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele genommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, daß ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange ausschließe. Ich 30 verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lubbock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß uns die Tragweite dieser Probleme und Spekulationen erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der »Traumdeutung« erledigt haben. Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Altertums zugrunde. Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Beziehung stünden und Offenbarungen von Seiten der Götter und Dämonen brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für den Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zukunft zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen, und nötigte zu mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, je nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philosophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natürlich nicht unabhängig von der Stellung, die sie der Mantik überhaupt einzuräumen bereit waren. In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristoteles ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir hören, der Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er schläft[1q].

Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins Große umdeutet (»man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder jenes Gliedes stattfindet«), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt verraten könnten.

31 Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.

Gruppe (1906, Bd. 2, 930) gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius und Artemidoros wieder: »Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die ἐνύπνια, insomnia, die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die φαντάσματα, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der Alpdruck, ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1) die direkte Weissagung, die man im Traume empfängt (χρηματισμός, oraculum), 2) das Voraussagen eines bevorstehenden Ereignisses (ὅραμα, visio), 3) der symbolische, der Auslegung bedürftige Traum (ὄνειρος, somnium). Diese Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.«

Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Aufgabe einer »Traumdeutung« im Zusammenhange. Da man von den Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht ein bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traums durch einen einsichtlichen und dabei bedeutungsvollen ersetzen konnte. Als die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren Altertum Artemidoros aus Daldis, dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen muß.

Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung, welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traum empfängt, denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalte entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abgesehen – die ja recht daran tun, die Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind –, trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner, 1887). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philosophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nachklang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traumprobleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht zur 33 Bildung eines Unterbaus von gesicherten Resultaten gekommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert, so müßte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren anzuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme anführen, was an Material zur Lösung desselben in der Literatur niedergelegt ist.

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr verstreute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstands zu bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner Darstellung verlorengegangen ist.

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt gesehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhang abzuhandeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse (wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiet des Traumlebens zum Gegenstande zu nehmen. In dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunkeln Dingen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafs zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustands die Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat mit enthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafs hier außer Betracht.

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen:

ABEZIEHUNG DES TRAUMES ZUM WACHLEBEN

Inhaltsverzeichnis

Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum – wenn er schon nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach, dem wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphänomene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem viel bemerkten Satze Ausdruck gegeben (1838, 499): »… nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstande erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert die Wirklichkeit.« – I. H. Fichte (1864, Bd. 1, 541) spricht im selben Sinne direkt von Ergänzungsträumen und nennt diese eine von den geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. – In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der mit Recht von allen Seiten hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der Träume (1887, 16): »Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt…« (Ibid., 17): »Im Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren…« (Ibid., 19): »Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traum von dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe des wachen Lebens…«

Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Beziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung vertreten. So Haffner (1887, 245): »Zunächst setzt der Traum das Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Beobachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte.« Weygandt (1893, 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung Burdachs, »denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns 35 davon zu befreien«. Maury (1878, 51) sagt in einer knappen Formel: »nous rêvons de ce que nous avons vu, dit, desire ou fait«; Jessen in seiner 1855 erschienenen Psychologie (S. 530) etwas ausführlicher: »Mehr oder weniger wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen des ganzen bisherigen Lebens.«

Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph J. G. E. Maaß (1805) Stellung: »Die Erfahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von den Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leidenschaften auf die Erzeugung unserer Träume Einfluß haben müssen. Der Ehrgeizige träumt von den (vielleicht nur in seiner Einbildung) errungenen oder noch zu erringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich in seinen Träumen mit dem Gegenstand seiner süßen Hoffnungen beschäftigt… Alle sinnlichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, können, wenn sie durch irgendeinen Grund angeregt werden, bewirken, daß aus den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen ein Traum entsteht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits vorhandenen Traum einmischen.« (Mitgeteilt von Winterstein, 1912.)

Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (1879, 134): Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke.

Im Lehrgedicht des Lucretius, De verum natura, findet sich (IV, 962) die Stelle:

»Et quo quisque fere studio devinetus adhaeret, aut quibus in rebus multum sumus ante morati atque in ea ratione fuit contenta magis mens, in somnis eadem plerumque videmur obire; causidici causas agere et componere leges, induperatores pugnare ac proelia obire, … etc. etc.«

Cicero (De divinatione II, lxvii, 140) sagt ganz ähnlich, wie so viel später Maury: »Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.«