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Die "Gesammelten Werke" von Victor Hugo bieten einen tiefen Einblick in das umfangreiche literarische Schaffen eines der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Diese umfassende Sammlung umfasst Romane, Dramen, Gedichte und Balladen, die Hugo als Meister der Sprache und des sozialen Engagements zeigen. Seine Werke sind durchdrungen von humanistischen Idealen und einer tiefen Auseinandersetzung mit den Themen Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit, eingebettet in den literarischen Kontext der Romantik, der sowohl Traum als auch Realität thematisiert. Hugos stilistische Vielfalt unterstreicht seine Fähigkeit, emotionale Tiefe und dramatische Wirkung zu erzielen, während er zugleich gesellschaftskritische Impulse setzt. Victor Hugo, geboren 1802 in Besançon, war nicht nur ein herausragender Schriftsteller, sondern auch ein engagierter politischer Aktivist. Zeit seines Lebens setzte er sich für soziale Gerechtigkeit und die Rechte des Individuums ein, wobei die Erfahrungen seiner Zeit während der Französischen Revolution und der politischen Umwälzungen in Europa seine Schriftstellerei prägten. Seine eigene Exil-Erfahrung und die Beobachtungen des Elends der Unterprivilegierten in Paris flossen in seine Werke ein und verstärkten den humanistischen Impuls, der sein literarisches Schaffen prägte. Die "Gesammelten Werke" sind nicht nur eine literarische Schatztruhe, sondern auch eine Quelle der Inspiration für alle, die an der menschlichen Natur und den Herausforderungen der Gesellschaft interessiert sind. Sie laden den Leser ein, sich auf eine emotionale und intellektuelle Reise zu begeben, die tief in die Komplexität menschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Strukturen eindringt. Diese Sammlung ist ein unverzichtbares Werk für jeden Literaturfreund und ein unverzichtbarer Beitrag zur Weltliteratur. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Ausgabe versammelt unter dem Titel „Gesammelte Werke: Romane + Dramen + Gedichte + Balladen“ zentrale Texte Victor Hugos und zeichnet ein Panorama eines der prägendsten Autoren des 19. Jahrhunderts. Sie vereint große Romane, bedeutende Bühnendichtungen, lyrische Sammlungen und kürzere Formen. Ergänzt wird der Kern des Werkes um zeitgenössische Porträts und Besuchsberichte, die Hugos Lebens- und Schreiborte beleuchten. Ziel der Zusammenstellung ist nicht bloß die Übersicht, sondern die Erfahrung der inneren Kohärenz eines Œuvres, das Geschichte, Gesellschaft und Individuum in dichter Verbindung sieht und mit künstlerischer Radikalität auf die Fragen seiner Epoche antwortet.
Die hier vertretenen Gattungen entfalten die Bandbreite von Hugos Poetik: Romane wie „Han der Isländer“, „Der Glöckner von Notre Dame“, „Die Elenden“, „Die Arbeiter des Meeres“ und „1793“; Dramen wie „Lucretia Borgia“, „Maria Tudor“ und „Ein Doppelquartett“; Lyrikbände wie „Die Orientalen“, „Oden“ und „Balladen“ sowie Epigramme. Hinzu treten zeitgenössische Zeugnisse wie „Pariser Bilder und Geschichten: Victor Hugo – Ein Verbannter“ und „Ein Besuch bei Victor Hugo auf Guernsey“. So entsteht ein Bild des Autors als Romancier, Dramatiker, Lyriker und öffentlicher Intellektueller, dessen Werk Gattungsgrenzen bewusst überschreitet.
„Han der Isländer (Band 1 & 2)“ zeigt den jungen Hugo im Zeichen der Romantik: raue Landschaften, extreme Seelenlagen und eine Erzählweise, die das Düstere mit dem Erhabenen verschränkt. In der Spannung von Legende und Gesellschaftsbefund kündigen sich Motive an, die Hugo fortan begleiten: das Ringen um Gerechtigkeit, die Konfrontation von Gewalt und Mitgefühl, die Frage nach der moralischen Verantwortung des Einzelnen. Diese frühe Prosa lotet bereits jene Resonanzräume aus, in denen Historie, Mythos und Gegenwart ineinander greifen und der Roman zur Bühne einer geistigen Bewährung wird.
„Der Glöckner von Notre Dame“ führt nach mittelalterlichem Paris und macht die Kathedrale zur zentralen, gleichsam atmenden Figur. Architektur wird zur Schrift, die Stadt zur Partitur, auf der das Schicksal der Ausgegrenzten und Sehnsüchtigen erklingt. Hugo verbindet historische Imagination mit einer Poetik des Sichtbaren: Bilder, Steine, Schatten und Stimmen verschmelzen zu einer Erzählung, in der Empathie und Gesellschaftskritik unablässig ineinandergreifen. Ohne die Spannungen der Handlung zu verraten, lässt sich sagen: Dieser Roman ist ebenso Denkmal der Stadt wie Plädoyer für die Würde der Menschen, die in ihr leben.
„Die Elenden“ entwirft ein weites moralisches und soziales Fresko der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Auf Straßen und Plätzen, in Häusern, Gefängnissen und an Barrikaden erkundet Hugo die Konfliktlinien zwischen Gesetz und Gnade, Armut und Würde, Not und Hoffnung. Der Roman denkt Geschichte vom Schicksal benachteiligter Menschen her und fordert eine Literatur, die Mitgefühl in Erkenntnis und Erkenntnis in Handlung verwandelt. Das Pathos ist programmatisch: Sprache wird zu Instrument gesellschaftlicher Wahrnehmung, die das Einzelne ernst nimmt und das Allgemeine aus der Summe der Leben formt.
„Die Arbeiter des Meeres“ spiegelt die Erfahrung des Exils und die Faszination für Naturkräfte. Zwischen Felsen, Maschinen und Meeren erprobt Hugo die Möglichkeiten des Menschen, sich gegen Elemente, Technik und Zufall zu behaupten. Die maritime Topografie wird zum moralischen Gelände: Arbeit, Stille, Ausdauer und Erfindungsgabe werden erprobt, während das Meer als Bild des Unberechenbaren wirkt. Die Landschaften um Guernsey prägen den Ton: eine asketische, zugleich visionäre Prosa, die die Einsamkeit nicht als Rückzug, sondern als Ort gesteigerter Aufmerksamkeit auf die Welt begreift.
„1793“ richtet den Blick auf eine entscheidende historische Zäsur und entfaltet den Konflikt zwischen Prinzipien und Pragmatik, Überzeugung und Verantwortung. Hugo interessiert weniger das Spektakel politischer Ereignisse als deren ethischer Kern. Geschichte erscheint als moralisches Labor, in dem Ideen sich erproben und menschliche Entscheidungen Gewicht erhalten. Das Historische wird nicht museal, sondern gegenwärtig: Sprache, Figur und Szene bleiben auf die Frage gerichtet, wie Freiheit, Recht und Menschlichkeit in Zeiten des Umbruchs bewahrt werden können, ohne den Blick für die konkreten Menschen aus den Augen zu verlieren.
Die Dramen „Lucretia Borgia“, „Maria Tudor“ und „Ein Doppelquartett“ zeigen Hugos Theater als Kunst der Kontraste. Leidenschaft und Macht, Intrige und Gewissen, öffentliche Rolle und private Wahrheit prallen in starken Tableaus aufeinander. Hugo komponiert Szenen, in denen Sprache Handlung ist: Deklaration, Beschwörung, Fluch und Bitte strukturieren das Bühnengeschehen. Seine Dramatik sucht das Volkstheater in großem Stil, verbindet Pathos mit politischem Bewusstsein und lotet die Tragfähigkeit von Schuld und Vergebung aus. Die Bühne wird so zum Resonanzraum historischer Erfahrung und individueller Prüfung.
Die frühen „Oden“ und „Balladen“ dokumentieren Hugos lyrische Formkraft. Die Oden greifen klassische Formen auf und richten sie auf Gegenwartserfahrung; die Balladen erzählen in kompakten Bildern von Außenseitern, Prüfungen, Bewährungsproben. Klang und Rhythmus, Reim und Wiederholung werden zu formalen Mitteln, mit denen Erinnerung, Legende und Zeitgeschichte verdichtet werden. Die poetische Bilderlust steht dabei nie für sich: Sie ist Medium ethischer Orientierung und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit, die das Erhabene mit dem Alltäglichen, das Visionäre mit dem Konkreten in einen produktiven Dialog setzt.
„Die Orientalen“ erweitert die lyrische Topografie um neue Horizonte. Fernblicke, historische Reminiszenzen und die Bildlichkeit von Licht, Farbe und Bewegung verbinden sich mit einer Sensibilität für die politischen Spannungen der Zeit. Zu den Gedichten tritt die Kürze als Kunst: „Epigramme: An ein Weib“ demonstriert, wie in knapper Form Beobachtung, Witz und moralische Pointe zusammenfinden. Zwischen Lang- und Kurzzeile, Bildteppich und Funkenflug entsteht ein Spektrum, das die poetische Werkstatt Hugos sichtbar macht und die Einheit von Klang, Gedanke und Figur noch im kleinsten Formstück behauptet.
Die Sammlung enthält außerdem zeitgenössische Annäherungen an den Autor: „Pariser Bilder und Geschichten: Victor Hugo – Ein Verbannter“ und „Ein Besuch bei Victor Hugo auf Guernsey“. Diese Texte öffnen den Blick auf den sozialen und geographischen Kontext des Schreibens, auf das Exil und auf den Alltag eines Künstlers, der Öffentlichkeit suchte und zugleich Rückzug brauchte. Sie vermitteln Eindrücke von Arbeitsort und Arbeitsweise und machen erfahrbar, wie sehr Hugos Literatur von der konkreten Umgebung, von Häusern, Straßen, Inseln, aber auch von politischen Rahmenbedingungen geprägt ist.
Verbindend über alle Gattungen hinweg sind Themen und Verfahren: der humane Ernst, die Leidenschaft für Gerechtigkeit, die Vorliebe für starke Bilder, die Kunst der Antithese, die musikalische Orchestrierung von Sprache. Hugo komponiert Welten, in denen das Große im Kleinen sichtbar wird und das Einzelne im Allgemeinen klingt. Seine Texte sind politisch, ohne auf Tagesmeinungen zu verfallen; sie sind poetisch, ohne in Dekor zu erstarren. Diese Ausgabe lädt dazu ein, das Werk als Ganzes wahrzunehmen: als lebendige, vielstimmige Form der Aufmerksamkeit für Menschen, Geschichte und die unwiderrufliche Würde des Lebens.
Victor Hugo, 1802 in Besançon geboren und 1885 in Paris verstorben, prägte die europäische Literatur des 19. Jahrhunderts als Romancier, Dramatiker und Lyriker. Die hier versammelten Werke dokumentieren seine schöpferische Spannweite: von den frühen Romanen Han der Isländer (Band 1 & 2) über Der Glöckner von Notre Dame bis zu den großen Reifeleistungen Die Elenden, Die Arbeiter des Meeres und 1793. Daneben zeigen Lucretia Borgia, Maria Tudor, Die Orientalen, Oden, Balladen und ausgewählte Epigramme den poetischen und dramatischen Innovator. Hugos Werk ist ein Seismograf seiner Zeit, in dem Fragen nach Gerechtigkeit, Macht, Glauben, Liebe und gesellschaftlichem Wandel kunstvoll verhandelt werden.
Hugos Biografie fällt in eine Epoche rascher Umbrüche: Restauration, Julimonarchie, Revolutionen, Zweite Republik, Zweites Kaiserreich und frühe Dritte Republik. Seine politische Haltung führte nach dem Staatsstreich von 1851 zur Verbannung auf die Kanalinseln, zunächst nach Jersey, dann nach Guernsey. Diese Exiljahre durchdringen zentrale Bücher der Sammlung und wurden zugleich von Zeitgenossen beobachtet. Deutsche Darstellungen wie Pariser Bilder und Geschichten: Victor Hugo – Ein Verbannter sowie Berichte vom Typ Ein Besuch bei Victor Hugo auf Guernsey spiegeln, wie stark der öffentliche Blick seine Lebensumstände mit dem literarischen Mythos des Exils verschmolz.
Hugo wuchs zwischen militärisch bedingten Ortswechseln seines Vaters und der Bildungswelt Paris’ auf; diese Kontraste schärften früh seinen Sinn für Vielfalt. In Paris absolvierte er eine juristische Ausbildung, entschied sich jedoch für die Literatur und veröffentlichte bereits in den 1820er Jahren Oden. In den klassischen Sprachen geschult, zugleich ein passionierter Leser der Bibel und der französischen Tradition, eignete er sich das Handwerkszeug für große Formen an. Dabei war er Autodidakt im besten Sinn: Er testete metrische Muster, ließ historisches Wissen in Dichtung einströmen und gewann so ein poetisches Instrumentarium, das seine Romane und Dramen nachhaltig trug.
Künstlerisch prägten ihn Chateaubriands Romantik, Shakespeares Weite der Formen und die Bildwelt der mittelalterlichen Kathedralen. Als junger Dichter entdeckte er das Balladenhafte und das Epigrammatische, beides in der Sammlung präsent, und entwickelte daraus Spannkraft zwischen Pointe und Vision. Mediterrane und „orientalische“ Vorstellungen, die in Die Orientalen poetisch gerahmt werden, verband er mit politischen Ereignissen seiner Zeit. Frühere Aufenthalte auf der Iberischen Halbinsel und die Erfahrung kultureller Übergänge weiteten seinen Blick. Aus dieser Mischung erwuchsen die Empfänglichkeit für historische Stoffe und die Freiheit, Konventionen der französischen Klassik hinter sich zu lassen.
Mit Han der Isländer (Band 1 & 2, 1823) trat Hugo in den Roman ein. Das Werk, wild und düster, greift auf Schauerromantik und nordische Kulissen zurück und exponiert bereits Themen, die ihn begleiten: die Faszination für Außenseiter, die Spannung von Naturgewalt und menschlichem Willen sowie die Frage, wie Recht und Rache auseinanderzuhalten sind. Die Zweibändigkeit lässt erzählerische Experimente zu; der junge Autor tastet nach Tonlage und Rhythmus des Erzählens. Zeitgenössische Reaktionen schwankten, doch das Buch machte seinen Namen bekannt und signalisierte den Anspruch, Romantik in die französische Prosa mit voller Wucht hineinzutragen.
Oden und Balladen markieren Hugos Aufstieg zum maßgeblichen Lyriker. In den Oden bündelt er klassische Strenge und bürgerliche Gesinnung, während die Balladen mittelalterliche Stoffe, Volkston und formalen Witz vereinen. Er probiert Reimfiguren, Strophenarchitekturen und Bildreihen aus, die später seine Prosa und Dramatik rhythmisch unterfüttern. Die Orientalen (1829) erweitert das Spektrum: Die Gedichte reagieren auf Freiheitskämpfe am östlichen Mittelmeer und verbinden Exotismus, Pathos und politische Sympathie. Zusammen zeigen diese Sammlungen, wie Hugo Klang, Farbe und Perspektive moduliert, um die poetische Sprache seiner Zeit zu erneuern.
Mit Lucretia Borgia und Maria Tudor (beide 1833) wirkte Hugo an der Umbildung des französischen Theaters mit. Die Dramen setzen auf starke, moralisch komplexe Figuren, scharfe Kontraste und eine Bühne, die höfische Fassaden zerschneidet. Die strengen Einheiten der Klassik werden zugunsten eines beweglichen, bildmächtigen Theaters gelockert. Skandale und Debatten begleiteten die Aufführungen, doch genau diese Reibung machte den Reiz aus: Hugo forderte sein Publikum auf, über Schuld, Macht und Schicksal neu nachzudenken – ein Anspruch, der sich mit den Romanen der Sammlung produktiv verschränkt.
Der Glöckner von Notre Dame (1831) etablierte Hugo als Erzähler von Weltrang. Die Kathedrale wird zum lebendigen Speicher kollektiver Erinnerung; Architektur, Geschichte und Figuren stehen in symbiotischer Beziehung. Der Roman belebte das Interesse an mittelalterlicher Baukunst und trug zur Wertschätzung des historischen Erbes bei. Stilistisch verbindet er plastische Milieuschilderung mit philosophischen Passagen, die die Zeitlichkeit menschlicher Werke gegenüber der Dauer der Steine relativieren. Die Wirkung reichte weit über die Handlung hinaus: In Paris wie in Europa förderte das Buch den Gedanken, dass Städte aus Texten, Steinen und Stimmen zugleich gebaut sind.
Die Reifephase verknüpft Exil und Weltruhm. Die Elenden (1862) führen das soziale Gewissen ins Zentrum der Erzählkunst und brachten weltweit Leser in Berührung mit Fragen von Recht, Barmherzigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Arbeiter des Meeres (1866), Hugo auf Guernsey gewidmet, feiert die Würde der Arbeit und die elementare Kraft des Meeres. 1793 (1874) blickt mit dramaturgischer Strenge auf die Französische Revolution und zeigt Gewissenskonflikte in einer Zeit äußersten Drucks. Diese Romane fanden ein Massenpublikum, provozierten Debatten und bekräftigten Hugos Ruf als Schriftsteller, der historische Bewegung und moralische Prüfung erzählerisch verschmilzt.
Hugos politisches Profil ist untrennbar mit seiner Dichtung verbunden. Er trat für republikanische Grundsätze, Pressefreiheit, Volksbildung und soziale Reformen ein und lehnte die Todesstrafe entschieden ab. Der Staatsstreich von 1851 trieb ihn ins Exil; von dort aus verteidigte er in Reden, Vorworten und literarischen Werken das Recht des Einzelnen gegenüber willkürlicher Macht. Die Elenden untersucht das Verhältnis von Gesetz und Gnade, 1793 die Tragik revolutionärer Entscheidungen, die Dramen die Masken der Herrschaft. Zeitgenössische deutschsprachige Darstellungen – etwa Victor Hugo – Ein Verbannter – zeigen, wie politisches Engagement und literarische Autorität sich gegenseitig stärkten.
Seine Ethik der Mitmenschlichkeit zielte auf Empathie statt Vergeltung. Die Arbeiter des Meeres erhebt körperliche Arbeit und Widerstandskraft zur Poesie, während die epigrammatische Kurzform – in der Sammlung durch ausgewählte Stücke vertreten – gesellschaftliche Konventionen mit knapper Pointe durchleuchtet. Solche Miniaturen, darunter Texte über Beziehungen und Geschlechterrollen, stehen neben Balladen und großen Romanen und belegen dieselbe moralische Signatur: Würde für die Schwachen, Skepsis gegenüber Macht, Vertrauen in die bildende Kraft von Sprache. Berichte vom Typ Ein Besuch bei Victor Hugo auf Guernsey unterstreichen zudem, wie sehr sein Exil als gelebtes Bekenntnis zur Überzeugung gelesen wurde.
Nach dem Ende des Zweiten Kaiserreichs kehrte Hugo 1870 nach Frankreich zurück. In den folgenden Jahren schärfte er den historischen Blick seines Spätwerks; 1793 erschien 1874 und fasste noch einmal sein Nachdenken über Revolution, Pflicht und Menschlichkeit. Victor Hugo starb 1885 in Paris; sein Begräbnis wurde zu einem nationalen Ereignis, und seine Beisetzung im Panthéon markierte die Kanonisierung eines Autors, der Literatur und Öffentlichkeit verbunden hatte. Die in dieser Sammlung versammelten Texte – von den Romanen und Dramen bis zu Oden, Balladen und Exilzeugnissen – zeigen eine Wirkung, die Architekturpflege, soziale Debatten und poetische Formen bis heute nachhaltig beeinflusst.
Victor Hugo (1802–1885) durchlief und prägte politische und kulturelle Zäsuren vom Ende der Napoleonischen Ära bis in die Dritte Republik. Die in dieser Sammlung vertretenen Texte decken gut ein halbes Jahrhundert ab: frühe Romane und Gedichte der Restauration, dramatische Experimente der Julimonarchie, große Gesellschaftsromane im Exil unter dem Zweiten Kaiserreich und späte Blicke auf Revolutionserfahrungen in den 1870er Jahren. Damit spannt die Edition einen historischen Bogen von monarchischer Restauration und Klassizismus über den Durchbruch der Romantik bis zu republikanischen Idealen, sozialer Frage und Nationsbildung. Diese Spannweite macht die Sammlung zu einem Panorama der politischen, sozialen und ästhetischen Konflikte des 19. Jahrhunderts in Frankreich.
Hugos Aufstieg fällt in den Siegeszug der Romantik, die um 1830 in Frankreich die Normen des Klassizismus herausforderte. Der Theaterskandal um Hernani (1830) – auch wenn das Stück hier nicht enthalten ist – veränderte die Bühne nachhaltig: Mischungen aus Tragik und Groteske, historische Stoffe und politische Untertöne wurden möglich. Vor diesem Hintergrund positionieren sich die Dramen Lucretia Borgia und Maria Tudor (beide 1833) als romantische Historienstücke, die Macht, Moral und Gewalt im Spiegel vergangener Höfe zeigen. Die veränderten Spielregeln des Theaters, neue Schauspielstars und ein urbanes Massenpublikum bilden den kulturellen Resonanzraum dieser Werke.
In den 1820er Jahren publizierte Hugo Oden, Balladen und Les Orientales. Diese Texte erwachsen aus der Restaurationszeit, in der monarchische Legitimität, religiöse Rhetorik und nationale Erinnerungskultur neu verhandelt wurden. Les Orientales (1829) steht im Zeichen des Philhellenismus und der breiten europäischen Anteilnahme am Griechischen Unabhängigkeitskrieg. Zugleich spiegelt der Band die „Orient“-Vorstellungen der Zeit, beeinflusst von Reiseberichten und Malerei. Die Oden knüpfen an staatstragende Gelegenheitsdichtung an, während die Balladen Mittelalterliches, Volksliedhaftes und neue Klangfarben mischen. Damit wird eine poetische Grammatik erprobt, die historische Ferne zur Kommentierung zeitgenössischer Konflikte nutzt.
Der Glöckner von Notre Dame (1831) reagierte auf eine wachsende Sensibilität für das bauliche Erbe. In Paris waren mittelalterliche Monumente bedroht; staatliche Strukturen zur Denkmalpflege bildeten sich erst heraus. Prosper Mérimée wurde 1834 Generalinspekteur der historischen Monumente; 1837 entstand eine staatliche Kommission. Der enorme Erfolg des Romans stärkte in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für gotische Architektur. Die spätere Restaurierung der Kathedrale unter Eugène Viollet-le-Duc und Jean-Baptiste Lassus, begonnen 1844, fiel in eine Epoche, in der nationale Identität zunehmend über historische Bauten und ihre symbolische Deutung ausgehandelt wurde.
Die rapide Urbanisierung des 19. Jahrhunderts brachte Pauperismus, Wohnungsnot und neue Formen von Wohlfahrt und Kontrolle hervor. Debatten über Armenfürsorge, öffentliche Bildung, Gefängnisreform und Arbeitsorganisation prägten die Zeit der Julimonarchie und der Zweiten Republik. Les Misérables (Die Elenden, 1862) ist vor diesem Hintergrund zu lesen: Der Roman verknüpft materielle Not, moralische Ökonomie und institutionelle Ordnung mit Fragen nach Recht, Schuldbewusstsein und Solidarität. Er greift auch die Erfahrung wiederkehrender Pariser Erhebungen im frühen 19. Jahrhundert auf, ohne sie auf Ereignisgeschichte zu reduzieren, und stellt das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in den Mittelpunkt.
Hugo engagierte sich früh gegen die Todesstrafe, eine Frage, die seit der Aufklärung in Europa kontrovers diskutiert wurde. Im Revolutionsparlament von 1848 trat er für ihre Abschaffung ein. Zeitgenössische Strafrechtsdebatten – beeinflusst durch Autoren wie Cesare Beccaria und juristische Reformversuche in mehreren Staaten – bildeten den Hintergrund für die literarische Bearbeitung von Schuld, Gnade und staatlicher Gewalt. In Roman, Drama und Lyrik verschränkte sich die Reflexion über Recht und Rache mit dem humanitären Ton einer Epoche, die zwischen restaurativer Ordnung und liberalem Fortschrittsglauben schwankte.
Die Revolution von 1848, die Errichtung der Zweiten Republik und die Ausweitung des (männlichen) Wahlrechts veränderten die politische Öffentlichkeit grundlegend. Hugo wurde Abgeordneter für Paris und nahm an heftigen Parlamentsdebatten über Pressefreiheit, soziale Rechte und Staatsgewalt teil. Die Hoffnungen jener Monate kollidierten bald mit ökonomischen Krisen, Aufständen und Repressionsmaßnahmen. Diese konfliktreiche Erfahrung schärfte in seinem Werk das Bewusstsein für die Fragilität demokratischer Institutionen und die Notwendigkeit, soziale Fragen nicht repressiv, sondern gesellschaftlich-institutionell zu lösen – ein Leitmotiv, das die Sammlung in verschiedenen Gattungen variiert.
Der Staatsstreich Louis-Napoléon Bonapartes im Dezember 1851 führte zu Hugos Flucht und langjährigem Exil. Nach einem Aufenthalt auf Jersey (bis 1855) lebte er bis 1870 auf Guernsey. Das Exil war kein Schweigen: Pamphlete gegen das Zweite Kaiserreich kursierten im Ausland, und große literarische Projekte reiften. Les Misérables erschien 1862, Die Arbeiter des Meeres 1866 – letzteres dem Volk von Guernsey gewidmet. Die Inseln boten Distanz zur Pariser Politik, aber auch unmittelbare Anschauung von Naturgewalten, Seefahrt und Arbeit. Diese Konstellation verband politische Kritik mit einer Ethik der Würde von Handwerk und körperlicher Anstrengung.
Die Arbeiter des Meeres entstand in einer Zeit wachsender Faszination für Technik und Naturwissenschaft. Dampfschifffahrt, verbessertes Kartenwesen, Leuchtturm- und Hafenbau veränderten die maritime Welt. Gleichzeitig blieb die See gefährlich; Fragen von Bergungsrecht, Eigentum und Risiko gehörten zum Alltag der Küsten. Hugos Roman reflektiert diese Moderne nicht durch technizistische Feier, sondern durch die Darstellung von Arbeit, Können und elementarer Gefahr. Im Hintergrund stehen die neuen Kommunikationsnetze des Jahrhunderts – Post, Eisenbahn, Telegraph –, die auch den Buchmarkt und die Wissenszirkulation beschleunigten und damit die internationale Rezeption seiner Werke erheblich erleichterten.
Der Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs 1870 im Zuge des Deutsch-Französischen Krieges, die Belagerung von Paris und die Commune von 1871 markierten eine erneute Zäsur. Hugo kehrte nach Frankreich zurück, verteidigte publizistisch die Rechte der Besiegten und trat für nationale Versöhnung ein. Der Roman 1793 (Quatrevingt-treize, 1874) verhandelt die Erinnerung an die Französische Revolution und den Bürgerkrieg der Vendée im Lichte zeitgenössischer Traumata. Das Werk gehört in eine Phase, in der die Dritte Republik ihr Verhältnis zu Revolution, Nation und Gewalt neu definierte und die Schule, das Militär und die Justiz als Stützen republikanischer Identität ausbaute.
Han der Isländer (1823) steht am Beginn von Hugos Prosaschaffen. Unter der Restauration gefielen dem Publikum nordische Schauplätze, Schauer- und Räuberfiguren, wie sie Walter Scott oder Byron populär gemacht hatten. Frühromantische Vorlieben für das Groteske und das Exaltierte verbanden sich mit Experimenten in Erzählperspektive und Historienkolorit. Der Roman belegt, wie die französische Romantik zunächst in „nördlichen“ Masken sprach, um indirekt über Gegenwartsprobleme zu reflektieren. Zugleich zeigt er die Bedingungen eines Marktes, in dem Verlage mit Mehrbändigkeit, Vorabdrucken und Subskriptionen neue Leserschichten erschlossen.
Lucretia Borgia und Maria Tudor (beide 1833) gehören zur Welle romantischer Historien-Dramen, die historische Fremdorte nutzten, um die Gegenwart zu diskutieren. Nach 1830 lockerten sich am Pariser Theater die Regeln, doch blieb Zensur präsent. Die Mischung aus politischer Intrige, sozialem Ständespiel und privaten Loyalitäten beantwortete die Nachfrage eines städtischen Massenpublikums nach starken Bildern und sprechenden Kostümen. Die Bühne wurde Laboratorium für Fragen von Legitimität und Machtmissbrauch. Diese Dramen zeigen, wie das romantische Theater die Grenzen zwischen Tragödie, Melodram und Volksstück aufhob, um moralische Ambivalenzen sichtbar zu machen.
Hugos poetische Sammlungen – Oden, Balladen und Die Orientalen – dokumentieren den Formwillen der französischen Romantik. Die Wiederbelebung der Ballade, die Erweiterung des alexandrinischen Verses, unerwartete Bilder und ein kosmopolitischer Stoffhorizont illustrieren, wie Dichtung politische Öffentlichkeit wurde. Gedichte kursierten in Zeitschriften, Lesungen und illustrierten Ausgaben. Sie kommentierten Kriege, diplomatische Ereignisse und kulturelle Moden, ohne den Anspruch auf Autonomie preiszugeben. So prägte Hugo ein Pathos bürgerlicher Weltläufigkeit, in dem die Nation nicht als Abgeschlossenheit, sondern als Gespräch mit der Geschichte, den Religionen und den Sprachen gedacht werden konnte.
Das Spätwerk diversifizierte Formen und Tonlagen. Unter den späten lyrischen Projekten, zu denen auch Experimente mit aphoristischer Kürze zählen, steht „Ein Doppelquartett“ für die Faszination an zyklischer Komposition und an dialogisch verschränkten Stimmen. Die Epigramme: An ein Weib verweisen auf die im späten 19. Jahrhundert verbreitete Form pointierter Kurzgedichte, die im Zeitungswesen und in Sammelbänden zirkulierten. Diese kleinen Formen reagieren auf eine beschleunigte Öffentlichkeit, in der moralische Urteile, politische Kommentare und persönliche Anspielungen verdichtet erscheinen – eine andere, schnellere Öffentlichkeit als die langsame Monumentalität der großen Romane.
Die Rezeption Hugos war von Beginn an europäisch. Übersetzungen seiner Romane und Dramen erschienen rasch im deutschsprachigen Raum; Die Elenden wurde 1862 in deutscher Fassung verbreitet. Bühnenfassungen und Lesungen machten ihn präsent, auch wo Zensur Grenzen setzte. Zeitgenössische deutschsprachige Skizzen über den Exilierten – wie Pariser Bilder und Geschichten: Victor Hugo – Ein Verbannter sowie Ein Besuch bei Victor Hugo auf Guernsey – spiegeln die Faszination für den Schriftsteller als moralische Instanz. Solche Berichte verstärkten den Eindruck, dass Literatur und politisches Gewissen in Hugos Person exemplarisch zusammenfielen.
Die Publikationsbedingungen des 19. Jahrhunderts halfen, Hugos Wirkung enorm zu verbreiten. Les Misérables erschien 1862 in einer koordinierten, international abgestimmten Auslieferung mit großen Auflagenzahlen; rasch folgten Übersetzungen. Der expandierende Buchhandel, verbesserte Drucktechnik und das Eisenbahnnetz verkürzten Wege zwischen Autor, Verleger und Leserschaft. Zugleich engagierte sich Hugo für Urheberrechte. Als Symbolfigur der 1878 gegründeten Association littéraire et artistique internationale unterstützte er die internationale Absicherung geistigen Eigentums – ein Prozess, der 1886 in die Berner Übereinkunft mündete und die Rahmenbedingungen für die globale Zirkulation seiner Werke dauerhaft veränderte.
Die in der Sammlung vertretenen Texte reagieren auf die großen Konfliktlinien des Jahrhunderts: Revolution und Restauration, Krieg und Bürgerkrieg, Pauperismus und Wohlfahrt, Kirche und Laizität, Zentrum und Peripherie. Sie verbinden historische Imagination mit politischer Gegenwartsdiagnose und entwerfen ein Ethos, das Würde, Bildung und Solidarität betont. Spätere Deutungen – von der Denkmalpflege über politische Theorie bis zur Literaturwissenschaft – lesen in ihnen Dokumente einer demokratischen Kultur, die ihre Widersprüche nicht verbirgt. Die anhaltende Präsenz in Schulen, auf Bühnen und in Adaptionen belegt, wie produktiv Hugos Werk die Fragen seiner Zeit in unsere Gegenwart hinein verlängert.
Die frühen Romane verbinden Schauergeschichte, Romantik und Gesellschaftspanorama: In Han der Isländer (Band 1&2) wird eine nordische Landschaft zur Bühne für Rache, Aberglauben und jugendliche Leidenschaft, wobei das Groteske mit politischer Unruhe kollidiert. Der Glöckner von Notre Dame zeichnet ein vielstimmiges Bild des mittelalterlichen Paris, in dem Außenseiter und Machtträger aufeinanderstoßen und die Kathedrale selbst wie ein handelndes Monument wirkt. Tonal pendeln beide zwischen pathetischer Bildgewalt und düsterer Ironie und erproben Motive von Außenseitertum, Fatalität und gesellschaftlicher Härte.
Die großen Romane vertiefen Hugos humanistische Agenda und dramatische Weite: Die Elenden verfolgt den Weg vom sozialen Abgrund zur moralischen Selbstbehauptung und stellt das Ringen von Gesetz, Gewissen und Nächstenliebe ins Zentrum. Die Arbeiter des Meeres ist ein episches Duell zwischen Mensch, Technik und Natur, geprägt von minutiöser Anschaulichkeit, einsamer Beharrlichkeit und der rauen Meereswelt. 1793 belichtet revolutionäre Umbrüche als Konflikt zwischen Pflicht und Menschlichkeit und zeigt, wie Ideale in Zeiten des Terrors auf die Probe gestellt werden; der Ton schwankt zwischen historischer Wucht und innerer Tragik.
Die Dramen kreisen um Macht, Schuld und das Spannungsfeld zwischen öffentlicher Rolle und privatem Gefühl. In Lucretia Borgia prallen Hofintrige, berüchtigter Ruf und ein unerwartetes Bedürfnis nach Bindung aufeinander, getragen von melodramatischer Zuspitzung. Maria Tudor fokussiert Herrschaft als Bühne für Eifersucht, Manipulation und Reue und entfaltet ein dichtes Kammerspiel politischer und emotionaler Zwänge.
Die lyrischen Sammlungen zeigen Hugos Spannweite vom farbgesättigten Weltblick bis zur prägnanten Pointe. Die Orientalen feiert Fernräume, Geschichte und Freiheitssehnsucht in leuchtenden Bildern; Oden kultivieren klassisch strenge Formen und bürgerlich-politische Ansprachen. Die Balladen verbinden erzählerische Spannung mit musikalischem Schwung und oft übernatürlichem Schimmer, während Epigramme: An ein Weib in knappen, pointierten Versen Liebe, Rolle und Ironie scharf konturiert.
Die kürzeren Texte und Exilbilder rahmen die großen Werke mit Zeitnähe und persönlicher Perspektive. Ein Doppelquartett arbeitet mit Spiegelungen und kontrastierenden Stimmen, um gesellschaftliche Haltungen pointiert aufeinanderprallen zu lassen und dabei einen leichten, dialogischen Ton zu pflegen. Pariser Bilder und Geschichten: Victor Hugo - Ein Verbannter sowie Ein Besuch bei Victor Hugo auf Guernsey bieten Momentaufnahmen von Stadt, Insel und Arbeitswelt, die den Alltag und die geistige Umgebung des Verbannten skizzieren und den Menschen hinter dem Werk sichtbar machen.
Wiederkehrend sind Mitgefühl für Ausgestoßene, der Konflikt von Recht und Gerechtigkeit, die Erschütterung durch historische Umbrüche und die Macht von Natur und Architektur als quasi handelnde Kräfte. Stilistisch mischt Hugo rhetorische Fülle, bildhafte Symbolik, melodramatische Zuspitzung und dokumentarische Genauigkeit; Pathos und Ironie stehen produktiv nebeneinander. Über das Gesamtwerk hinweg entwickelt sich der Blick von romantischer Schwärmerei und Gothic-Tönen hin zu breit angelegter Gesellschaftskritik und moralischer Prüfung des Einzelnen im Strom der Geschichte.
Ein historischer Roman.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
»Dahin führt die Liebe, Nachbar Niels; diese arme Guth Stersen würde nicht auf diesem großen schwarzen Stein da ausgestreckt liegen, wie ein Seefisch, den die Ebbe zurückgelassen hat, wenn sie nie an etwas Anderes gedacht hätte, als die Bretter am Nachen ihres Vaters festzunageln oder seine Netze zu flicken. Möge St. Usuph der Fischer unsern alten Kameraden in seinem Leide trösten!«
»Und ihr Bräutigam,« fiel eine heisere zitternde Stimme ein, »Gill Stadt, dieser schöne, junge Mensch, der neben ihr liegt, würde nicht da sein, wenn er, statt diese Guth zu lieben und in den verfluchten Bergwerken von Roeraas sein Glück zu suchen, an der Wiege seines jungen Bruders, die an den rauchigen Balken seiner Hütte hängt, sitzen geblieben wäre.«
Der Nachbar Niels unterbrach sie: »Euer Gedächtnis, altert mit Euch, Mutter Olly. Gill hat niemals einen Bruder gehabt, und deßhalb muß der Schmerz der armen Wittwe Stadt um so bitterer sein, denn ihre Hütte ist jetzt ganz einsam und verlassen. Wenn sie zum Himmel aufblicken will, um dort Trost zu suchen, so findet sie zwischen ihren Augen und den Wolken ihr altes Dach, an dem noch die leere Wiege ihres Kindes hängt, das ein großer Jüngling geworden und dann gestorben ist.«
»Arme Mutter!« sagte die alte Olly. »Was den jungen Menschen betrifft, so ist er selbst Schuld, warum ist er Bergknappe in den Minen von Roeraas geworden?«
»Ich glaube in der That,« sagte Niels, »daß diese höllischen Minen für jeden Centner Kupfer, den sie uns geben, uns einen Menschen nehmen. Was meint Ihr, Gevatter Braal?«
»Die Bergleute sind Narren,« erwiederte der Fischer. »Wenn der Fisch leben will, darf er nicht aus dem Wasser, und wenn der Mensch leben will, so soll er nicht unter den Boden.«
»Aber,« fragte ein junger Mensch unter dem Hausen, »wenn es für Gill Stadt nöthig war, in den Minen zu arbeiten, um seine Braut zu bekommen?.. .«
»Man muß,« unterbrach ihn Olly, »man muß niemals sein Leben aussetzen für Neigungen, die es nicht werth sind. Ein schönes Brautbett, das Gill für seine Guth gewonnen hat!«
»Dieses junge Mädchen,« fragte ein Neugieriger, »hat sich also aus Verzweiflung über den Tod des jungen Menschen ertränkt?«
»Wer sagt das?« rief mit starker Stimme ein Soldat aus, der durch den Haufen gedrungen war. »Dieses junge Mädchen, das ich wohl kenne, war allerdings die Braut eines jungen Bergmanns, den kürzlich ein Felsstück in den unterirdischen Gängen der Storwaadsgrube bei Roeraas zerschmettert hat; aber sie war zugleich die Geliebte eines meiner Kameraden, und als sie vorgestern sich zu Munckholm einschleichen wollte, um dort mit ihrem Liebhaber den Tod ihres Bräutigams zu feiern, strandete ihr Nachen an einer Klippe, und sie ist er» trunken.«
Ein Geräusch verwirrter Stimmen erhob sich. »Unmöglich, Herr Soldat!« schrieen die alten Weiber; die jungen schwiegen, und der Nachbar Niels wiederholte boshafterweise dem Fischer Braal seinen bedeutsamen Spruch: »Dahin führt die Liebe!«
Der Soldat begann im Ernst auf seine weiblichen Gegner böse zu werden, und nannte sie bereits alte Hexen aus der Grotte von Quiragoth , welche grobe Beschimpfung sie nicht geduldig hinzunehmen geneigt waren, als plötzlich eine kreischende Stimme in gebietendem Tone rief: » Stille! Stille» ihr Plaudertaschen !« Alles schwieg. Der Auftritt, dessen Erzählung wir hier begonnen haben ging in einem jener traurigen Gebäude vor, welche das öffentliche Mitleid und die staatsgesellschaftliche Umsicht für die unbekannten Leichname erbaut haben, diesem letzten Zufluchtsorte von Todten, die meistens unglücklich gelebt haben, und wo sich der gleichgültige Neugierige, der grämliche oder wohlwollende Beobachter, und oft trauernde Verwandte und Freunde drängen, denen eine lange und unerträgliche Unruhe nur noch eine einzige klägliche Hoffnung übrig gelassen hat. In der von uns bereits weit entfernten Epoche und in dem wenig civilisirten Lande, wo diese Geschichte spielt, war man noch nicht, wie in unsern Städten von Koth und Gold, auf den Gedanken gekommen, aus diesen Orten künstlich furchtbare und elegant traurige Monumente zu machen. Der Tag fiel nicht durch die hohe Wölbung auf eine Art von Ruhebetten, wo man den Todten einige der Bequemlichkeiten des Lebens lassen zu wollen schien, und wo ein Kopfkissen, wie für Schlafende, vorhanden ist. Wenn die Thüre des Wächters sich öffnete, konnte sich nicht, wie heutzutage, das von dem Anblick nackter und scheußlicher Leichname ermüdete Äuge durch den Anblick kostbarer Geräthschaften und freundlicher Kinder erholen. Dort war der Tod in seiner ganzen Häßlichkeit, in seinem ganzen Schrecken, und man hatte noch nicht versucht, sein fleischloses Skelett mit Putz und Bändern zu verzieren.
Der Saal, in welchem sich die handelnden Personen befanden, war geräumig und dunkel, wodurch er noch geräumiger erschien: er erhielt sein Licht bloß durch eine niedere, viereckige Thüre, die sich aus den Hafen von Drontheim öffnete, und durch eine plumpe Oeffnung in der Decke, durch welche mit dem Regen, dem Hagel und Schnee, je nach der Jahreszeit, ein bleiches Licht auf die Leichname herabfiel, hie sich unmittelbar darunter befanden. Dieser Saal war in seiner Breite durch ein eisernes Gitter von halber Manneshöhe in zwei Hälften getheilt. Das Publikum trat durch die viereckige Thüre in die erste Hälfte ein: in der zweiten Hälfte sah man sechs lange steinerne Lager, in paralleler Richtung, für die Leichname. Eine kleine Seitenthüre diente dem Wächter und seinem Gehülfen, deren Wohnung den hintern Theil des hart an das Meer stoßenden Gebäudes einnahm, zum Eingang. Aus zweien dieser steinernen Betten lagen der Bergmann und seine Braut. Der Leichnam des Mädchens ging bereits in Verwesung über; die Züge des Mannes schienen hart und düster, und sein Körper war furchtbar verstümmelt.
Vor diesen entstellten menschlichen Leichnamen hatte die Unterhaltung begonnen, welche wir so eben erzählt haben.
Ein langer, ausgetrockneter alter Mann, der indem dunkelsten Winkel des Saals mit gesenktem Haupt auf einem halb zerfallenen Schemel saß, hatte bis zu dem Augenblicke, wo er sich plötzlich mit dem Ruf: » Stille! Stille! ihr Plauder» laschen !« erhob, dem Gespräch gar keine Aufmerksamkeit zu schenken geschienen.
Alle schwiegen, der Soldat wandte sich um, und als er das eingefallene Gesicht, die wenigen schmutzigen Haare, die hagere, ganz in Rennthierfelle gekleidete Gestalt des Alten erblickte, brach er in lautes Lachen aus. In den Reihen der im ersten Augenblicke bestürzten Weiber erhob sich jetzt ein Gemurmel: »Das ist der Wächter des Spladgest! – Dieser höllische Thürsteher der Todten! – Dieser teuflische Spiagudry! Dieser verfluchte Hexenmeister!«
»Stille! Stille, ihr Plaudertaschen! Wenn es heute Hexen-Sabbath ist, so holt eure Besen, sonst stiegen sie allein fort. Lasset diesen geehrten Abkömmling des Gottes Thor in Ruhe!«
Mit diesen Worten wandte sich Spiagudry dem Soldaten zu und sprach mit einer freundlichen Grimasse: »Ihr sagtet so eben, mein Tapferer, daß dieses elende Weibsbild ….«
»Der alte Schacher!« murmelte Olly. »Ja, freilich, wir sind in seinen Augen elende Weibsbilder, weil unsere Leichname, wenn sie in seine Klaue fallen, ihm nach der Taxe bloß dreißig Pfennige eintragen, wahrend er für das Gerippe eines Mannes vierzig bekommt.«
»Stille, ihr alten Hexen!« wiederholte Spiagudry. »Diese verdammten Weiber sind wie ihre Kessel; wenn sie heiß werden, fangen sie an zu pfeifen. Sagt mir doch, mein tapferer Degenknopf, Euer Kamerad, dessen Geliebte diese Guth war, wird wohl aus Verzweiflung über ihren Verlust einen Selbstmord begehen? …«
Hier erfolgte der lange zurückgehaltene Ausruf: »Hört ihr den Schacher, den alten Heidenkopf?» schrieen zwanzig kreischende, mißtönende Stimmen. »Erwünscht einen Lebenden weniger wegen der vierzig Pfennige, die ihm ein Todter einträgt!«
»Und wenn es so wäre?« fuhr der Wächter des Spladgest fort. »Unser gnädigster König und Herr, Christiern der Fünfte, erklärt sich auch zum geborenen Beschützer aller Bergleute, damit sie bei ihrem Tode seinen königlichen Schatz mit ihrem lumpigen Nachlaß bereichern.«
»Ihr erweist dem König viel Ehre,« sagte der Fischer Braal, »daß Ihr seinen königlichen Schatz mit Eurer Bettelbüchse und Euch mit ihm vergleicht, Nachbar Spiagudry.«
»Nachbar!« wiederholte der Wächter des Spladgest, den diese Vertraulichkeit ärgerte. »Euer Nachbar! Sagt lieber, Euer Wirth, denn, mein lieber Schiffmann, es könnte wohl eines Tages geschehen, daß ich Euch auf einem meiner sechs steinernen Betten beherbergte.«
»Im Uebrigen,« fügte er lachend hinzu, »wenn ich von dem Tode dieses Soldaten sprach, so geschah es bloß, um in den großen und tragischen Leidenschaften, welche die Weiber einflößen, den löblichen Gebrauch des Selbstmords verewigt zu sehen.«
»Nun, großer Leichnam, der Du Leichname hütest,« sagte der Soldat, »wohin zielst Du denn mit Deiner liebenswürdigen Grimasse, die dem letzten Lachen eines Gehenkten gleicht?«
»Wohl gesprochen, mein Tapferer!« antwortete Spiagudry. »Ich war immer der Meinung, daß unter dem Helm des Waffenmannes Thurn, der den Teufel mit Schwert und Zunge überwand, mehr Verstand stecke, als unter der Mütze des Bischofs Isleif, der die Geschichte von Island verfaßt, und unter der Schlafhaube des Professors Schönning, der unsere Hauptkirche beschrieben hat.«
»In diesem Falle, mein alter Ledermann, rathe ich Dir, die Einkünfte Deiner Fleischbank im Stiche zu lassen und Dich in das Naturalienkabinet des Vicekönigs zu Bergen zu verkaufen. Ich schwöre Dir bei Sankt Belphegor, daß man dort die seltenen Thiere mit Gold auswägt. Jetzt aber sage mir erst, was Du denn eigentlich von mir willst?«
»Wenn die Leichname, die man uns bringt, im Wasser gefunden worden sind, so müssen wir die Hälfte der Taxe den Fischern abgeben. Ich wollte Euch demnach bitten, erlauchter Nachkomme des Waffenmannes Thurn, Euern unglücklichen Kameraden zu vermögen, daß er sich nicht ersäufe, sondern irgend eine andere Todesart wähle. Das kann ihm ja ganz einerlei sein, und wenn ihn doch einmal seine unglückliche Liebe zu dieser Handlung treibt, so wird er einem unglücklichen Christen, der seinen Leichnam gastfreundlich ausnimmt, im Sterben kein Unrecht zufügen wollen.«
»Hierin, mein gastfreundlicher Wirth, irrt Ihr Euch gewaltig, mein Kamerad bedankt sich für die Ehre, in Eure appetitliche Herberge mit den sechs Betten aufgenommen zu werden. Meint Ihr denn, er habe sich für den Verlust dieses Liebchens da nicht bereits durch ein anderes entschädigt? Ich schwöre Euch bei meinem Bart, daß er Eurer Guth längst übersatt war.«
Bei diesen Worten brach das Ungewitter, das Spiagudry einen Augenblick auf sein Haupt abgelenkt halte, stürmischer als je über den unverschämten Kriegsmann los.
»Wie, elender Taugenichts!« schrieen die alten Weiber. »So leicht vergeht Ihr uns! Jetzt gebt euch mehr mit diesen Schlingeln ab!«
Die jungen Weiber und Mädchen schwiegen fortwährend. Mehrere von ihnen sahen diesen Taugenichts an und fanden ihn nicht so übel.
»Oh! Oh!« sagte der Soldat, »sind wir denn auf dem Hexentanz? Das ist eine harte Zugabe für Freund Beelzebub, daß er allwöchentlich einen solchen Chorus hören muß!«
Man weiß nicht, auf welche Weise sich dieser Sturm zuletzt noch entladen haben würde, wenn nicht die allgemeine Aufmerksamkeit durch ein von Außen kommendes Geräusch in Anspruch genommen worden wäre. Das Geräusch nahm allmählig zu, und bald stürmte ein Schwarm halbnackter Buben, um eine von zwei Männern getragene und bedeckte Tragbahre herum laufend und schreiend, in den Spladgest herein.
»Woher kommt das?« fragte der Wächter die Träger.
»Vom Strande von Urchthal.«
»Oglypiglap!« rief Spiagudry.
Aus einer Seitenthüre trat ein kleiner, in Leder gekleideter Lappländer herein, und gab den Trägern ein Zeichen, ihm zu folgen. Spiagudry begleitete sie, und die Thüre schloß sich wieder, ehe noch die neugierige Menge an der Länge des auf der Tragbahre liegenden Leichnams errathen konnte, ob es ein Mann oder ein Weib sei.
Um diesen Gegenstand drehte sich das allgemeine Gespräch, als Spiagudry und sein Gehülfe wieder erschienen und den Leichnam eines Mannes auf einem der steinernen Betten niederlegten.
»Es ist schon lange her, daß ich keine so schöne Kleider mehr berührt habe,« sagte Oglypiglap, schüttelte den Kopf, stellte sich auf die Spitze der Zehen und hängte eine prächtige Hauptmannsuniform über dem Todten auf. Der Kopf des Leichnams war entstellt und die übrigen Glieder mit Blut bedeckt. Der Wächter begoß ihn mehrmals aus einer alten halb zerbrochenen Wasserrinne.
»Bei St. Beelzebub!« rief der Soldat, »das ist ein Offizier von meinem Regiment. Laßt sehen! Ist es vielleicht der Hauptmann Bollar, aus Schmerz, seinen Oheim verloren zu haben? Bah! Er erbt ja. Der Baron Randmer? Er hat gestern sein Gut im Spiele verloren, aber er wird es morgen nebst dem Schlosse seines Gegners wieder gewinnen. Oder der Hauptmann Lory, dessen Hund ersoffen ist? Oder der Zahlmeister Stunk, dessen Weib untreu ist? In der That, Alles das ist kein Grund, sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen.«
Die Menge nahm mit jedem Augenblicke zu. Ein junger Mann ritt am Hafen vorüber, sah das Zuströmen des Volks, stieg vom Pferde, warf den Zügel seinem Bedienten zu und trat in den Spladgest herein. Er trug ein einfaches Reisekleid, war mit einem Säbel bewaffnet und in einen weiten grünen Mantel gewickelt. Eine schwarze Feder, die mit einer diamantenen Schnalle an seinem Hut befestigt war, fiel auf sein edles Gesicht herab und wogte auf seiner hohen, von langen braunen Haaren beschatteten Stirne. Seine mit Koth bespritzten Stiefel und Sporen bewiesen, daß er einen weiten Weg gemacht hatte.
Als er eintrat, sagte eben ein kleiner untersetzter Mann, der, gleich ihm, in einen Mantel gewickelt war und seine Hände, in großen Handschuhen stecken hatte, zu dem Soldaten: »Und wer sagt Euch denn, daß er sich selbst umgebracht hat? Dieser Mann da, dafür stehe ich Euch, hat sich eben so wenig selbst umgebracht, als das Dach Eurer Hauptkirche sich von selbst entzündet hat.«
»Unsere Hauptkirche!« sagte Niels, »man deckt sie jetzt mit Kupfer. Dieser elende Han der Isländer hat, wie es heißt, das Feuer eingelegt, um den Bergleuten Arbeit zu schaffen, unter denen sich sein Schützling Gill Stadt befand, der jetzt hier liegt.«
»Zum Teufel!« rief seinerseits der Soldat, »mir, dem zweiten Arquebusier der Garnison von Munckholm, ins Angesicht zu behaupten, daß dieser Mann da sich nicht vor den Kopf geschossen habe!«
»Dieser Mensch ist ermordet worden,« erwiederte der kleine Mann ruhig.
»Höre einmal, Du Orakel! Deine kleinen grauen Augen sehen nicht heller, als Deine Hände unter den großen Handschuhen da, womit Du sie mitten im Sommer bedeckst.«
Ein Blitz schoß aus den Augen des kleinen Mannes: »Soldat! Bitte Deinen Schutzpatron, daß nicht eines Tages diese Hände da ihre Spuren auf Deinem Gesichte zurücklassen mögen!«
»Heraus denn!« rief der zornige Soldat. »Doch nein,« fügte er plötzlich hinzu, »vor Todten soll man nicht von einem Zweikampfe sprechen.«
Der kleine Mann murmelte einige Worte in einer fremden Sprache und verschwand.
Eine Stimme rief: »Am Strande von Urchthal hat man ihn gefunden.«
»Am Strande von Urchthal?« sagte der Soldat, »dort sollte diesen Morgen der Hauptmann Dispolsen, der von Kopenhagen kommt, sich ausschiffen.«
»Der Hauptmann Dispolsen ist noch nicht zu Munckholm angekommen,« rief eine andere Stimme. »Es heißt,« fuhr ein Dritter fort, »daß sich Han der Isländer jetzt dort herumtreibt.«
»In diesem Falle,« sagte der Soldat, »ist es möglich, daß dieser Mann der Hauptmann Dispolsen ist, wenn ihn Han umgebracht hat, denn Jedermann weiß, daß dieser Isländer auf eine so teuflische Art mordet, daß seine Schlachtopfer oft wie Selbstmörder aussehen.«
»Was ist denn das für ein Mensch, dieser Han?« fragte Jemand.
»Ein Riese,« sagte der Eine.
»Ein Zwerg,« sprach der Andere.
»Hat ihn denn noch Niemand gesehen?« fragte eine Stimme.
»Wer ihn zum ersten Mal sieht, hat ihn auch zum letzten Mal gesehen.«
»Stille!« sagte die alte Olly; »es gibt nur drei Personen, die jemals menschliche Worte mit ihm gewechselt haben: dieser Heide Spiagudry da, die Wittwe Stadt und … aber sein Leben und Tod war unglücklich … dieser arme Gill, den ihr da liegen seht. Stille!«
»Stille!« wiederholte man von allen Seiten.
»Jetzt,« rief plötzlich der Soldat, »jetzt weiß ich gewiß, daß es wirklich der Hauptmann Dispolsen ist, ich erkenne die Stahlkette, welche ihm unser Gefangener, der alte Schuhmacher, bei seiner Abreise geschenkt hat.«
Der junge Mann mit der schwarzen Feder fiel ihm heftig ins Wort: »Ihr wißt gewiß, daß dies der Hauptmann Dispolsen ist?«
»Gewiß, so wahr es einen Beelzebub gibt!« versicherte der Soldat.
Der junge Mann ging rasch hinaus.
»Eine Barke nach Munckholm!« sagte er zu seinem Diener.
»Aber, gnädiger Herr, und der General? …«
»Du bringst ihm die Pferde. Ich komme morgen zu ihm. Bin ich mein Herr oder nicht? Vorwärts, der Tag neigt sich, und ich habe Eile, eine Barke also!«
Der Diener gehorchte und folgte eine Zeit lang mit den Augen dem Nachen, in welchem sein junger Herr saß, und der sich mit schnellem Ruderschlag vom Ufer entfernte.
Inhaltsverzeichnis
Der Leser weiß, daß wir uns zu Drontheim, einer der vier größten Städte Norwegens, obwohl nicht der Residenz des Vicekönigs, befinden. Zur Zeit, in welcher diese Geschichte vorging – im Jahre 1699 – gehörte das Königreich Norwegen noch zu Dänemark, und wurde von Vicekönigen regiert, deren Sitz zu Bergen, einer größeren, schöneren und südlicher gelegenen Stadt, als Drontheim, war.
Drontheim bietet einen angenehmen Anblick dar, wenn man es von dem Golf aus betrachtet, dem diese Stadt ihren Namen gegeben hat. Der Hafen ist ziemlich breit und die Stadt liegt in einer wohlbebauten Ebene. Mitten im Hafen, einen Kanonenschuß vom Ufer, erhebt sich, auf einer von Wogen umspülten Felsenmasse, die einsame Feste Munckholm, ein düsteres Gefängniß, in welchem damals der durch sein langes Glück sowohl, als durch seine schnelle Ungnade so berühmte Staatsgefangene saß.
Schuhmacher, ein Mann von niederer Geburt, war von seinem König erst mit Gunstbezeugungen überhäuft, dann plötzlich von seinem Sitze eines Großkanzlers von Dänemark und Norwegen auf die Bank der Staatsverräther gebracht, sofort aufs Schaffot geschleift und zuletzt aus Gnade in einen einsamen Kerker an der äußersten Grenze der beiden Königreiche gebracht worden. Seine eigenen Kreaturen hatten ihn gestürzt, und er hatte nicht einmal das Recht, über Undank zu klagen. Durfte er klagen, wenn er Sprossen der Leiter, die er bloß so hoch gestellt hatte, um auf ihnen hinaufzusteigen, unter seinen Füßen brechen sah?
Der Mann, welcher den Adel in Dänemark gegründet hatte, mußte aus seinem Verbannungsorte sehen, wie die Großen, die er geschaffen, seine eigenen Würden unter sich vertheilten. Der Graf Ahlfeldt, sein Todfeind, war sein Nachfolger als Großkanzler; der General Arensdorf verfügte als Feldmarschall über die Armee, sowie der Bischof Spollyson über Geistlichkeit und Schulen. Der einzige seiner Feinde, der ihm seine Erhebung nicht verdankte, war der Graf Ulrich Friedrich Guldenlew, natürlicher Sohn des Königs Friedrich des Dritten, Vicekönig von Norwegen, und dieser war der edelmüthigste von Allen.
Gegen diesen traurigen Felsen von Munckholm steuerte die Barke, die den jungen Mann mit der schwarzen Feder trug. Die Sonne ging eben unter.
Inhaltsverzeichnis
»Andrew, in einer halben Stunde soll man die Thorglocke läuten. Sorsyll soll Duckneß am großen Fallgatter ablösen und Maldivius auf die Plattform des großen Thurmes steigen. Beim Kerker des Löwen von Schleswig soll streng aufgepaßt werden. Nicht zu vergessen, um sieben Uhr eine Kanone zu lösen, damit die Kette im Hafen aufgezogen werde; doch nein, man erwartet noch den Hauptmann Dispolsen; man muß im Gegentheil die Leuchte auf dem Thurm anzünden und nachsehen, ob der Leuchtthurm von Walderhog brennt, wie heut der Befehl dazu ertheilt worden ist; vor Allem sind Erfrischungen für den Hauptmann bereit zu halten. Und daß ich es nicht vergesse, man notire für Toric-Belfast, zweiten Arquebusier des Regiments, zwei Tage Arrest; er war den ganzen Tag abwesend.«
So sprach der Sergent der Wache unter dem schwarzen und rauchigen Gewölbe der Thorwache von Munckholm, die unter dem Thurm gelegen ist, welcher das erste Thor des Schlosses beherrscht.
Die Soldaten, an welche seine Befehle gerichtet waren, legten die Karten weg oder erhoben sich vom Lager, um sie zu vollziehen.
In diesem Augenblicke hörte man von Außen das gleichförmige Geräusch der Ruder.
»Ohne Zweifel kommt endlich der Hauptmann Dispolsen!« sagte der Sergent und öffnete das kleine vergitterte Fenster, das auf den Hafen geht.
Eine Barke legte unten an der eisernen Pforte an.
»Wer da?« rief der Sergent mit rauher Stimme.
»Oeffnet!« war die Antwort. »Friede und Sicherheit!«
»Eingang verboten! Habt Ihr Eingangsrecht?«
»Ja!«
»Das will ich erst untersuchen. Lügt Ihr, so will ich Euch das Wasser des Golfs zu kosten geben.«
Er schloß das Fenster, wandte sich zur Wache und sagte: »Immer noch nicht der Hauptmann!«
Ein Licht glänzte hinter der eisernen Pforte, die verrosteten Riegel kreischten, die Eisenstangen hoben sich, das Thor ging auf, und der Sergent untersuchte ein Pergament, das ihm der Ankömmling darbot.
»Einpassirt!« sagte er. »Halt!« fügte er rasch hinzu, »laßt Eure Hutschnalle außen. Man darf nicht mit Kleinodien in ein Staatsgefängniß. Hievon sind nach dem Reglement bloß ausgenommen: »Der König und die Mitglieder der königlichen Familie, der Vicekönig und die Mitglieder seiner Familie, der Bischof und die Befehlshaber der Besatzung.« Ihr habt ohne Zweifel keine von all diesen Eigenschaften?«
Statt aller Antwort nahm der junge Mann die Hutschnalle ab und warf sie dem Schiffer, der ihn geführt hatte, an Zahlungsstatt zu. Dieser, welcher fürchtete, der Andere möchte seine Freigebigkeit bereuen, stieß schnell vom Ufer, um das Wasser der Bucht zwischen den Wohlthäter und die Wohlthat zu legen.
Während der Sergent, über die Unklugheit der Kanzlei murrend, welche auf solche Art die Eingangspässe verschwende, die schweren Riegel wieder vorschob, schritt der junge Mann, den Mantel über die Schulter zurückgeworfen, eilends durch den dunkeln Bogen und kam über den Waffenplatz an das große Fallgatter, das nach Prüfung seines Passes gehoben wurde. Dann schritt er, von einem Soldaten begleitet, wie Jemand, der des Wegs wohl kundig ist, dem Kerker zu, das Schloß des Löwen von Schleswig genannt, weil Rolf der Zwerg weiland seinen Bruder Jotham den Löwen, Herzog von Schleswig, darin gefangen halten ließ.
An einem der innern Thürme schlug der junge Mann mit einem kupfernen Hammer, den ihm der Wächter am Fallgatter gegeben hatte, heftig an die Thüre. »Oeffnet!« rief von Innen eine laute Stimme, »das wird wohl dieser verfluchte Hauptmann sein!«
Als die Thüre sich öffnete, erblickte der Ankömmling im Innern eines schwach beleuchteten gothischen Saals einen jungen Offizier, der nachlässig auf einem Haufen Mäntel und Rennthierhäute lag. Neben ihm stand ein dreiarmiger Leuchter, den er von der Zimmerdecke abgenommen und neben sich gestellt hatte. Seine reiche und ausgesucht elegante Kleidung stand in schroffem Gegensatz zu dem nackten Saal und den plumpen Geräthschaften. Er hielt ein Buch in der Hand und wandte sich mit halbem Leibe dem Ankömmlinge zu:
»Das ist der Hauptmann!« sagte er. »Guten Abend, Herr Hauptmann! Schon lange warte ich auf Ihre Ankunft, obwohl ich nicht das Vergnügen habe, Sie zu kennen. Doch was das betrifft, so werden wir uns bald kennen lernen, nicht wahr, lieber Hauptmann? Vor allen Dingen statte ich Ihnen meine Beileidsbezeugung zu Ihrer Rückkehr in dieses alte verfluchte Nest ab. Wenn ich noch einige Zeit hier verweile, werde ich so abschreckend werden, wie eine Nachteule, die man als Vogelscheuche an eine Thüre nagelt, und wenn ich zur Vermählung meiner Schwester nach Kopenhagen zurückkomme, so will ich verdammt sein, wenn mich unter hundert Damen nur vier wieder erkennen. Sagen Sie mir doch, ob die rosenrothen Bänder noch immer in der Mode sind? Ist kein neuer Roman von Demoiselle Scudery aus dem Französischen übersetzt worden? Hier habe ich gerade Clelia in der Hand. Man wird das zu Kopenhagen auch noch lesen. Das ist mein Codex der Galanterie, jetzt, wo ich seufze, ferne von so vielen schönen Augen; denn so schön auch die Augen unserer jungen Gefangenen sind, Sie wissen, wen ich meine, so bleiben sie doch immer stumm für mich. Ha! Wenn meines Vaters Befehl nicht wäre! … Ich muß Ihnen im Vertrauen sagen, Herr Hauptmann, aber behalten Sie es bei sich, daß mich mein Vater beauftragt hat, Schuhmachers Tochter zu … Sie verstehen mich schon, aber ich verliere Zeit und Mühe, das ist kein Mädchen von Fleisch und Bein, sondern eine steinerne Bildsäule, sie weint immer und sieht mich niemals an.«
Der junge Mann, der bei der Geläufigkeit der Zunge des Offiziers bisher nicht hatte zum Wort kommen können, stieß jetzt einen Schrei der Verwunderung aus. »Wie! Was sagen Sie? Beauftragt die Tochter dieses unglücklichen Schuhmacher zu verführen! …«
»Verführen? Meinetwegen, wenn man das gegenwärtig zu Kopenhagen so nennt; aber das würde selbst dem Teufel nicht gelingen. Als ich vorgestern die Wache hatte, zog ich, ausdrücklich für sie, eine prächtige französische Halskrause an, die man mir unmittelbar von Paris geschickt hatte. Können Sie es glauben, daß sie nicht einmal einen Blick auf mich warf, obwohl ich drei bis viermal durch ihr Zimmer ging und meine neuen Sporen, deren Räder so breit sind, als eine lombardische Dukate, nicht schlecht klingen ließ? Diese Sporen werden wohl noch immer in der Mode sein?«
»Mein Gott! Mein Gott!« sagte der junge Mann und schlug sich vor die Stirne, »das verwirrt mich so …«
»Nicht wahr?« fuhr der Offizier fort, der sich über den wahren Sinn dieses Ausrufs täuschte. »Nicht einen einzigen Blick auf mich zu werfen! So unglaublich das auch ist, so ist es doch wahr.«
Der junge Mann ging in heftiger Aufregung im Zimmer auf und ab.
»Wollen Sie etwas genießen, Hauptmann Dispolsen?« rief ihm der Offizier zu.
»Ich bin nicht der Hauptmann Dispolsen.«
»Wie?« sagte der Offizier in ernstem Tone und richtete sich sitzend in die Höhe, »und wer sind Sie denn, daß Sie es wagen, um diese Stunde hier zu erscheinen?«
Der junge Mann hielt ihm seine Einlaßkarte hin: »Ich will den Grafen Greiffenfeld … ich will sagen, Ihren Gefangenen sehen.«
»Grafen! Grafen!« murmelte der Offizier mißvergnügt. »Aber wirklich, die Karte ist in Ordnung, da steht die Unterschrift des Vicekanzlers Grummond von Knud: Vorweiser dies kann immer und zu jeder Zeit alle königlichen Gefängnisse besuchen. Grummond von Knud ist der Bruder des alten Generals Levin von Knud, der zu Drontheim befehligt, und Sie werden wissen, daß dieser alte Herr meinen künftigen Schwager erzogen hat …«
»Ich danke Ihnen für die Mittheilung Ihrer Familienangelegenheiten, Herr Lieutenant. Meinen Sie nicht, daß Sie mir bereits genug davon mitgetheilt haben?«
»Das ist ein unverschämter Kerl, aber er hat, weiß Gott, Recht,« murmelte der Lieutenant für sich und biß sich in die Lippen.
»Holla! Thürschließer, Kerkermeister, Holla!« rief er, »führt diesen Fremden da zu Schuhmacher und zankt nicht, daß ich Euern dreiarmigen Leuchter, in dem nur ein einziges Licht steckt, von der Decke genommen habe! Ich wollte dieses alte Stück näher betrachten, das sich ohne Zweifel noch aus den Zeiten Sciolds des Heiden, oder Havars des Kopfspalters herschreibt, und überhaupt man hängt heutzutage nur noch Kronleuchter von Krystall an der Decke auf.«
Der junge Mann entfernte sich mit dem Kerkermeister, und der Offizier nahm sein Buch wieder zur Hand, um die verliebten Abenteuer der Amazone Clelia und Horatius des Einäugigen zu lesen.
Inhaltsverzeichnis
Während dieser Zeit war ein Diener mit einem Handpferd in den Palasthof des Gouverneurs von Drontheim eingeritten. Er war mit Kopfschütteln und mißvergnügter Miene abgestiegen und machte sich eben fertig, die Pferde in den Stall zu führen, als plötzlich Jemand ihn barsch am Arm ergriff.
»Wie!« rief ihm eine Stimme zu, »Du kommst allein, Paul! Wo ist denn Dein Herr?«
So fragte der alte General Levin von Knud, der von seinem Fenster aus den Bedienten ohne seinen Herrn hatte ankommen sehen und in den Hof herbeigeeilt war.
»Excellenz,« erwiederte der Diener mit einer tiefen Verbeugung, »mein Herr ist nicht mehr in Drontheim.«
»Wie? Er war also da? Er ist wieder fort, ohne seinen alten Freund zu sehen? Und seit wann denn?«
»Er ist diesen Abend angekommen und diesen Abend wieder fort.«
»Diesen Abend? Diesen Abend! Wo ist er denn abgestiegen? Wohin ist er denn?«
»Er ist im Spladgest abgestiegen und hat sich nach Munckholm eingeschifft.«
»Hm! Ich glaubte ihn bei den Gegenfüßlern. Was Teufels hat er denn in dem alten Schlosse zu thun? Was machte er denn im Spladgest? Das ist ja ein wahrer fahrender Ritter! Ich bin freilich selbst Schuld daran, warum habe ich ihn so erzogen? Ich wollte ihn frei wissen, trotz der Fesseln seines Ranges …«
»Ei!« fiel Paul ein, »er kümmert sich auch verdammt wenig um die Etikette.«
»Wenn er nur etwas mehr Herr seiner Launen wäre! Nun, er wird schon kommen. Laß Dir inzwischen nichts abgehen, Paul! Nun, seid ihr weit miteinander in der Welt herumgezogen?«
»Mein Herr General, wir kommen gerade von Bergen. Mein Herr war traurig.«
»Traurig! Was hat es denn zwischen ihm und seinem Vater gegeben? Will ihm diese Heirath nicht einleuchten?«
»Ich weiß es nicht, aber Seine Erlaucht will es nun einmal so haben.«
»Will es so haben! Der Vicekönig will es so haben! Will denn Ordener nicht?«
»Ich weiß nicht, Excellenz! Er scheint traurig.«
»Traurig! Wie hat ihn sein Vater empfangen?«
»Das erste Mal, das war im Lager bei Bergen. Seine Erlaucht sagte: Ich sehe Dich nicht oft, mein Sohn! – Desto besser für mich, mein gnädiger Vater, erwiederte mein Herr, das ist ein Zeichen, daß Sie mich vermissen. – Hierauf erzählte er von unsern Reisen in dem Norden, worauf Seine Erlaucht sagte: Das ist gut! – Am andern Morgen, als mein Herr von seinem Vater kam, sagte er: Man will mich verheirathen, ich muß aber erst meinen zweiten Vater, den General Levin sprechen. – Dann habe ich die Pferde gesattelt, und jetzt sind wir hier.«
»Wirklich,« sagte der alte General gerührt, »wirklich, er hat mich seinen zweiten Vater genannt?«
»Ja, Euer Excellenz.«
»Wehe mir, wenn ihm diese Heirath zuwider ist, denn ich will lieber bei dem König in Ungnade fallen, als dazu helfen. Inzwischen, die Tochter des Großkanzlers beider Königreiche … Höre, Paul, weiß Dein Herr, daß seine künftige Schwiegermutter, die Gräfin Ahlfeldt, seit gestern incognito hier ist, und daß der Graf erwartet wird?«
»Ich weiß nicht, mein General!«
»Ja wohl!« dachte der alte General, »er muß es wissen, sonst hätte er nicht gleich bei seiner Ankunft zum Rückzug geblasen.«
Der General nickte gegen Paul und die Schildwache, die das Gewehr vor ihm präsentiert hatte, wohlwollend mit dem Kopf und ging in den Palast zurück.
Inhaltsverzeichnis
Als der junge Mann ins Zimmer des Gefangenen trat, klang es abermals in seine Ohren: »Ist es endlich der Hauptmann Dispolsen?«
Diese Frage machte ein alter Mann, der, den Rücken der Thüre zugewendet, an einem Tische saß, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf in beiden Händen. Er trug eine Art Schlafrock von schwarzer Wolle, und über einem Bette, das in einem Winkel des Zimmers stand, erblickte man ein zerbrochenes Wappen, um welches die ebenfalls zerbrochenen Elephanten-und Danebrogsorden hingen; unterhalb des Wappens war eine umgekehrte Grafenkrone, und die beiden Bruchstücke einer Hand der Gerechtigkeit machten das Ganze dieser seltsamen Zierathen vollständig. Dieser Greis war der Staatsgefangene Schuhmacher.
»Nein, gnädiger Herr,« antwortete der Kerkermeister. Hierauf sagte er zu dem Fremden: »Hier ist der Gefangene!«
Mit diesen Worten schloß er die Thüre, ehe er noch die Antwort des Gefangenen hören konnte, der in verdrießlichem Tone sagte: »Wenn es nicht der Hauptmann ist, so will ich Niemand sehen.«
Der Fremde blieb an der Thüre stehen, und der Gefangene, der sich allein glaubte, denn er hatte nicht einmal aufgeblickt, fiel wieder in seine vorige Träumerei zurück.
Plötzlich rief er aus: »Gewiß hat mich dieser Hauptmann auch verrathen und verlassen! Die Menschen … Ha! die Menschen sind wie das Stück Eis, das jener Araber für einen Edelstein hielt: er packte es sorgfältig in seinen Ranzen, und als er es suchte, fand er nicht einmal mehr einen Tropfen Wasser.«
»Ich gehöre nicht zu diesen Menschen,« sagte der Fremde.
Schuhmacher erhob sich rasch: »Wer ist hier? Wer hört mir zu? Irgend ein elender Scherge dieses Guldenlew?«
»Reden Sie nicht übel von dem Vicekönig, Herr Graf!«
»Herr Graf! Wollen Sie mir schmeicheln, daß Sie mich so nennen? Sie geben sich verlorene Mühe, ich bin nicht mehr mächtig.«
»Der, welcher mit Ihnen spricht, hat Sie nie in Ihrer Macht gekannt und ist doch Ihr Freund.«
»So hofft er noch irgend Etwas von mir. Die Erinnerung an Unglückliche knüpft sich stets an Hoffnungen, die noch übrig sind.«
»Ich sollte mich über Sie beklagen, Herr Graf, denn ich habe mich Ihrer erinnert, und Sie haben mich vergessen. Ich bin Ordener.«
Ein Strahl der Freude überzog die düstern Züge des Gefangenen.
»Willkommen, Ordener!« sagte er. »Willkommen, der aus der Ferne kommt und sich des Gefangenen noch erinnert!«
»Und Sie hatten mich vergessen?« fragte Ordener.
»Ich hatte Sie vergessen,« erwiederte Schuhmacher, der wieder in seinen düstern Ton zurückfiel, »wie man den vorüberstreichenden Wind vergißt, der uns die Wangen kühlt. Glücklich noch, wenn es kein Sturmwind wird, der uns unter Trümmern begräbt!«
»Graf Greiffenfeld,« fuhr der Fremde fort, »Sie glaubten also nicht an meine Rückkehr?«
»Der alte Schuhmacher glaubte nicht daran; es ist aber hier ein junges Mädchen, die mich heute erst daran erinnerte, daß Sie am letztverflossenen achten Mai vor einem Jahr abgereist sind.
Ordener bebte vor Freude: »Wie, mein Gott! Ist dieses junge Mädchen, das sich meiner erinnerte, Ihre Ethel?«
»Und wer sonst?«
»Ihre Tochter hat die Monate seit meiner Abreise gezählt! Wie viele traurige Tage habe ich inzwischen nicht verlebt! Ich habe ganz Norwegen bereist, von Christiania bis Wardhus; aber immer zog es mich wieder nach Drontheim hin.«
»Benützen Sie Ihre Freiheit, junger Mann, so lange Sie sich ihrer erfreuen. Aber sagen Sie mir endlich einmal, wer Sie sind. Ich möchte Sie unter einem andern Namen kennen. Der Sohn eines meiner Todfeinde heißt auch Ordener.«
»Vielleicht, Herr Graf, fühlt dieser Todfeind mehr Wohlwollen für Sie, als Sie für ihn.«
»Sie weichen meiner Frage aus. Doch behalten Sie Ihr Geheimniß; ich würde vielleicht erfahren, daß die von Außen lockende Pflanze tödtliches Gift enthält.«
»Herr Graf!« sagte Ordener mit Entrüstung. »Herr Graf!« wiederholte er im Tone mitleidigen Vorwurfs.
»Kann ich Ihnen denn trauen, da Sie immer mir gegenüber die Parthie des unversöhnlichen Guldenlew nehmen?«
»Der Vicekönig,« unterbrach ihn der junge Mann feierlich, »hat eben erst Befehl ertheilt, daß Sie im Innern des ganzen Schlosses des Löwen von Schleswig künftig frei und ohne Wache sein sollen. Ich habe dies zu Bergen erfahren und man wird es Ihnen ohne Zweifel bald bekannt machen.«
»Das ist eine Gunst, die ich nicht zu erlangen hoffte, und so viel ich mich erinnere, habe ich von meinem Wunsche nur mit Ihnen gesprochen. Uebrigens vermindert man das Gewicht meiner Eisen, so wie das meiner Jahre sich vermehrt, und wenn die Gebrechlichkeiten des Alters mich hinfällig gemacht haben werden, so wird es ohne Zweifel heißen: Jetzt bist Du frei!«
Bei diesen Worten lächelte der Greis bitter und fuhr fort: »Und Sie, junger Mann, haben Sie noch immer Ihre thörichten Gedanken von Unabhängigkeit?«
»Hätte ich sie nicht, so wäre ich nicht hier.«
»Wie sind Sie nach Drontheim gekommen?«
»Wie? Zu Pferd!«
»Wie nach Munckholm?«
»In einem Nachen.«
