Gesammelte Werke: Romane, Kurzgeschichten, Memoiren und Humoristische Reiseerzählungen - Mark Twain - E-Book

Gesammelte Werke: Romane, Kurzgeschichten, Memoiren und Humoristische Reiseerzählungen E-Book

Mark Twain

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Beschreibung

Die "Gesammelten Werke" von Mark Twain präsentieren ein umfassendes Panorama seines literarischen Schaffens, das Meisterwerke aus verschiedenen Genres umfasst. Vom scharfsinnigen Humor der Kurzgeschichten über die tiefgründigen Memoiren bis hin zu seinen ikonischen Romanen wie "Die Abenteuer des Tom Sawyer" entfaltet sich Twains einzigartiger Erzählstil, der sich durch prägnante Sprache, lebendige Dialoge und eine unverwechselbare satirische Schärfe auszeichnet. Diese Sammlung spiegelt nicht nur die Vielfalt seines Werkes wider, sondern auch die gesellschaftlichen und kulturellen Kontexte des 19. Jahrhunderts, die Twain mit feinem Gespür für Ironie und Empathie beleuchtet. Mark Twain, geboren als Samuel Langhorne Clemens, gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller. Seine Erfahrungen als Flussschiffer, Goldgräber und Journalist prägten seine Perspektive auf das Amerikanische, die er in seinen Werken oft mit einer Mischung aus Humor und ernster Gesellschaftskritik einfasste. Twains einzigartige Stimme offenbart eine tiefgründige Reflexion über Themen wie Rassismus, Freiheit und die menschliche Natur, die zu einem unverzichtbaren Bestandteil der amerikanischen Literatur geworden sind. Diese Sammlung ist sowohl für Literaturbegeisterte als auch für Neulinge perfekt geeignet, um in die tiefgründige Welt von Mark Twain einzutauchen. Sie wird nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregen, indem sie die zeitlosen Themen und menschlichen Erfahrungen vermittelt, die bis heute relevant sind. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Mark Twain

Gesammelte Werke: Romane, Kurzgeschichten, Memoiren und Humoristische Reiseerzählungen

Bereicherte Ausgabe. Satirische Abenteuer im 19. Jahrhundert Amerika
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547798347

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Werke: Romane, Kurzgeschichten, Memoiren und Humoristische Reiseerzählungen
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung vereint unter dem Titel „Gesammelte Werke: Romane, Kurzgeschichten, Memoiren und humoristische Reiseerzählungen“ zentrale Bücher Mark Twains und lässt sein Werk in seiner ganzen thematischen und stilistischen Spannweite sichtbar werden. Die Auswahl führt von den Mississippi-Romanen über Satiren und Skizzen bis hin zu Reiseberichten und autobiographischen Stücken. Sie versammelt vollgültige Romane, erzählerische Zyklen und Memoirenfragmente ebenso wie kürzere Prosastücke. Ziel ist nicht nur die bequeme Zugänglichkeit, sondern ein Panorama der Entwicklung eines Autors, der Humor und Gesellschaftskritik, Volksmund und literarische Kunst mit unverwechselbarer Stimme zu verbinden wusste.

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche und Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten stehen im Zentrum von Twains Romankunst. Beide Werke wurzeln in der Welt des amerikanischen Mississippi und öffnen den Blick auf Kindheit, Freundschaft und die Spannungen einer sich modernisierenden Gesellschaft. Die Romane verbinden abenteuerliche Episoden mit genauer Milieubeobachtung, zeichnen lebendige Figuren und nutzen den Klang regionaler Sprache als literarisches Mittel. Ohne über die Ausgangssituationen hinauszugreifen, lässt sich sagen: Der Fluss wird zum Schauplatz der Freiheitssuche, und das Lachen führt geradewegs in Fragen von Moral, Zugehörigkeit und gesellschaftlichen Regeln.

Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen und Im Gold-und Silberland zeigen Twain als Chronisten von Aufbruch, Arbeit und Verheißung. Der Strom, an dem er als junger Mann das Handwerk des Steuermanns erlernte, wird zur Erinnerungs- und Erfahrungslandschaft, in der Berufsalltag, Geschichte und Legende ineinandergreifen. Die Schilderungen des amerikanischen Westens und der Boomregionen erzählen von Lagerfeuern und Zeitungsredaktionen, von Minenstädten und der beweglichen Grenze zwischen Fakt und Anekdote. Reportage, Selbstbeobachtung und humorvolle Übertreibung bilden ein Gefüge, in dem das Rauschen der Zeit hörbar wird.

Meine Reise um die Welt führt Twains Blick auf die Bühne eines globalen 19. Jahrhunderts. Die hier repräsentierten Abschnitte – vom Stillen Ozean über Australien und den Indischen Ozean bis nach Indien und Südafrika – verbinden Reiselust mit skeptischer Neugier. Twain beobachtet Sprache und Rituale, Handel und Kolonialroutinen, Tourismus und Bühne des Vortragswesens. Die Reiseerzählung wird zum Instrument, Klischees zu prüfen, Vorurteile bloßzulegen und die eigene Rolle als reisender Amerikaner zu befragen. Komik und Ernst sind dabei keine Gegensätze, sondern zwei Register, die Twains Wahrnehmung scharf stellen.

Unterwegs und Daheim (Reiseerzählungen) schließt an diese Linie an: Der Autor bewegt sich zu Fuß, im Zug und zu Schiff durch Landschaften und Gedankengebäude. Komische Missverständnisse, sprachliche Doppelbödigkeiten und das liebevolle Aufspießen von Reisemoden tragen die Beobachtungen. In solchen Texten wird die Bewegung selbst zur Erzählform: Szenen reihen sich, improvisierte Exkurse brechen Erwartungen auf, und kleine Gegenstände – Karten, Speisekarten, Anekdoten – werden zu Spiegeln größerer kultureller Muster. So entstehen Porträts von Orten, die stets auch Porträts von Blicken sind, und ein Reisetagebuch des modernen Humors.

Die Abteilung mit Kurzgeschichten und Skizzen eröffnet eine andere Bühne von Twains Meisterschaft. Die 1,000,000 Pfundnote und andere humoristische Erzählungen und Skizzen, Der Mann, der bei Gadsby’s abstieg, Die Geschichte des Invaliden sowie das Skizzenbuch versammeln pointierte Einfälle, satirische Miniaturen und erzählerische Experimente. Hier schärft Twain den Takt der Pointe, erprobt Täuschungen und Enthüllungen und verknüpft Alltagssprache mit feiner Ironie. Die Kürze bündelt Energie: So entstehen Denkspiele über Geld und Prestige, über Medien und Gerüchte, über Krankheit, Zufall und die Kunst, Geschichten genau im rechten Moment enden zu lassen.

Querkopf Wilson beleuchtet Identität, Gesetz und die Mechanik des Rufes in einer Kleinstadt. Twain nutzt die Präzision des Justiz- und Gesellschaftsromans, um die Fragilität von Namen, Zeichen und Gewissheiten zu zeigen. Sein Humor ist hier trocken und kontrolliert; das Experiment mit Perspektiven und Dokumenten verleiht dem Werk eine eigene Spannung. Ohne die Handlung vorwegzunehmen, lässt sich festhalten: Aus dem Spiel mit Irrtum und Beweis erwächst eine Reflexion über Zugehörigkeit, Vorurteil und das Bedürfnis der Gemeinschaft nach klaren Erzählungen, die der Wirklichkeit oft nicht standhalten.

Unter den autobiographischen und erinnernden Schriften tritt Lebensgeschichte Mark Twain’s neben Aus meiner Knabenzeit als besonderes Echo. Erinnerungen an Orte, Berufe und Begegnungen werden nicht als gerade Linie erzählt, sondern als Bogen aus Episoden: aufblitzende Bilder, die den Ton einer Epoche bewahren. Twain reflektiert seine Rollen – Reporter, Redner, Flusspilot, Humorist – und macht damit die Entstehung seines Erzählens sichtbar. Die Selbstschau ist nie Selbstzweck; sie prüft den Abstand zwischen gelebter Erfahrung und literarischer Form und zeigt, wie Erinnerung zu Stil wird.

Von Adam bis Vanderbilt und verwandte Stücke markieren Twains Lust an der großen Skizze: vom mythischen Anfang bis in die Welt der Banken, Bahnen und Millionäre spannt sich eine Klammer, in der Fortschrittsglaube und Verblendung aufeinanderprallen. Die Texte verbinden anekdotisches Denken mit kulturkritischem Spürsinn. Sie bewegen sich zwischen Parade und Parodie, zwischen moralischer Pointe und spielerischer Übertreibung. In dieser Spannweite liegt Twains Gespür für Geschichte: Er misst die Gegenwart an ihren Erzählungen, macht ihre Mythen sichtbar und legt offen, wie rasch Ideal und Kalkül die Plätze tauschen.

Twains Stil lebt aus Stimme und Rhythmus. Umgangssprache wird nicht geglättet, sondern kunstvoll gesetzt; Dialekte, Redensarten und mündliche Erzählweisen formen Charaktere und Milieus. Die Komik entsteht weniger aus Kalauer als aus Beobachtung, aus dem kleinen Riss zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was die Situation verrät. Typisch ist die kontrollierte Übersteigerung: das ernste Gesicht des Erzählers, während die Fakten in schräge Balance geraten. So verknüpft Twain das Vergnügen des Erzählens mit moralischer Prüfung und erreicht ein realistisches Verfahren, das die Dinge beim Namen nennt, ohne ihre Komplexität zu verlieren.

Die hier versammelten Texte sind in ihrem historischen Kontext verwurzelt und behalten zugleich Gegenwartsnähe. Sie zeigen Konflikte um Freiheit und Verantwortung, um Rassismus, Recht und öffentliche Rede; sie beleuchten den Reiz und die Risiken technischer und ökonomischer Dynamik. Ihre Wirkung reicht über die amerikanische Literatur hinaus, weil sie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft im Medium des Humors befragen. Für heutige Leserinnen und Leser gilt: Die Komik fordert Aufmerksamkeit, der Realismus erfordert Geduld, und die historischen Kontexte verlangen wache Lektüre – Lohn ist ein unvermindert frischer Blick.

Diese Ausgabe versteht sich als Einladung zur Wiederentdeckung. Sie ordnet Romane, Erzählungen, Memoiren und Reiseberichte so, dass unterschiedliche Zugänge möglich werden: chronologische Pfade, thematische Lektüren, Streifzüge nach Form oder Ton. Wer Abenteuer sucht, findet sie; wer Stil beobachtet, hört einen einzigartigen Takt; wer Gesellschaft studiert, erkennt Mechanismen, die weiterwirken. Ohne interpretierende Zusätze vorwegzunehmen, soll die Zusammenstellung die Eigenheiten der einzelnen Bücher sichtbar machen und zugleich ein Ganzes ergeben: das Portrait eines Autors, der aus Beobachtung Kunst machte und aus Komik Erkenntnis.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Samuel Langhorne Clemens (1835–1910), weltbekannt unter dem Pseudonym Mark Twain, prägte die amerikanische Literatur mit Humor, Realismus und einer unverwechselbaren Erzählstimme. Seine in dieser Sammlung vertretenen Hauptwerke – darunter Tom Sawyers Abenteuer und Streiche, Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten sowie Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen – erschließen die Welt des 19. Jahrhunderts vom Fluss bis zur Frontier. Reisebücher wie Meine Reise um die Welt und Unterwegs und Daheim (Reiseerzählungen) verbinden Beobachtungsgabe mit satirischer Schärfe. Kurzprosa und Skizzen, etwa Die 1,000,000 Pfundnote, zeigen seine Virtuosität in Pointen, Dialog und gesellschaftlicher Zuspitzung.

Twain verband Alltagsrede, dialektale Nuancen und genaue Milieuschilderung zu Literatur von bleibender Wirkung. Die vorliegenden Titel spannen thematisch von Kindheit und Jugend über die Flussschifffahrt bis zu globalen Reiserouten im Pazifik, in Indien und Südafrika. Mit Querkopf Wilson reflektierte er Identität und Recht, mit Skizzenbuch und weiteren Erzählungen seine Kunst des knappen, oft überraschenden Humors. Die Sammlung dokumentiert Twains Bedeutung als Grenzgänger zwischen Journalismus und Kunstprosa, als Chronist des amerikanischen 19. Jahrhunderts und als Reisender, der koloniale und technische Moderne aus der Perspektive eines skeptischen Humanisten beobachtet.

Bildung und literarische Einflüsse

Twain erhielt nur eine begrenzte formale Schulbildung und wurde bereits als Jugendlicher Setzerlehrling in Druckereien, bevor er als Schriftsetzer arbeitete. Entscheidende Bildungsschritte erfolgten autodidaktisch: Lesen, Setzen, Redigieren, das genaue Hören von Stimmen und das Verdichten von Anekdoten. Seine Lehrjahre als Lotse auf dem Mississippi prägten Anschauung, Fachsprache und Bildwelt, die später Leben auf dem Mississippi durchziehen. Die Kindheitswelt in Missouri bildete einen Erfahrungsraum, aus dem Tom Sawyers Abenteuer und Streiche ebenso schöpft wie Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten mit ihrem Blick auf Freundschaft, Freiheit und soziale Konflikte.

Prägend waren zudem die journalistische Praxis und mündliche Erzähltraditionen des amerikanischen Westens, die Twain in Redaktionen und auf Vortragsreisen kennengelernt hat. Die Begegnungen in Bergbau- und Grenzstädten, die er in Nach dem fernen Westen und Im Gold-und Silberland literarisch verarbeitete, lieferten Stoff für satirische Figuren, ausgelassene Episoden und genaue Beobachtung von Sprache und Brauch. Internationale Reisen erweiterten seinen Horizont in Richtung Vergleiche zwischen Kulturen und Institutionen, wofür Unterwegs und Daheim sowie Meine Reise um die Welt stehen. Diese Gemengelage aus Reportage, Bühnenerfahrung und Volkskomik formte seine unverwechselbare Stimme.

Literarische Laufbahn

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche etablierte die jugendliche Perspektive als ernstzunehmende literarische Optik und verband Abenteuerlust mit feiner Sozialbeobachtung. In Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten radikalisierte Twain diese Methode, indem er eine einfache, aber ausdrucksstarke Erzählsprache ins Zentrum stellte und moralische Dilemmata an die Erfahrung eines Jungen band. Beide Bücher entfalten eine Topographie von Fluss, Kleinstadt und Grenzland, die zu Sinnbildern für Zugehörigkeit und Ausbruch werden. Zeitgenossen lobten die Lebendigkeit und den Witz, während spätere Lesarten die Kritik an Rassismus und gesellschaftlicher Heuchelei stärker hervorhoben.

Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen verbindet Memoir, Fachbericht und Reiseskizze. Twain schildert die strenge Kunst des Lotsens, die Technologie und Gefahren der Dampfschifffahrt sowie das Denken einer Berufsgruppe, deren Sprache und Rituale er beherrschte. Demgegenüber erfassen die westlichen Episoden die Rohheit und Improvisation der Frontier, inklusive Zeitungen, Bühnen und Bergbau. Beide Stränge zeigen Twain als Chronisten amerikanischer Mobilität. Er machte daraus keine idyllische Legende, sondern eine Bewegung aus Chancen, Missverständnissen und raschem Wandel – ein Gegenbild zur stabilen, aber oft engen Ordnung der Flussstädte.

Meine Reise um die Welt (mit Stationen im Stillen Ozean, in Australien, von Australien nach Indien sowie in Indien und Südafrika) demonstriert Twains Beobachtungsgabe gegenüber Kolonialstrukturen, Sitten, Verkehr und medialen Klischees. Die Reiseerzählung nutzt Humor, um Unterschiede sichtbar zu machen, ohne sie bloßzustellen. Sie prüft, wie Reisende sehen, messen, vergleichen – und wo Vorurteile jene Vergleiche färben. Unterwegs und Daheim (Reiseerzählungen) ergänzt diese Weltbetrachtung um innere Reisebewegungen: das stete Aushandeln zwischen Heimat- und Fremdheitsgefühlen, ohne das literarische Spiel mit Anekdoten, Missverständnissen und Bühnenreife aufzugeben.

Die 1,000,000 Pfundnote und andere humoristische Erzahlungen und Skizzen versammelt pointierte Experimente mit Wahrscheinlichkeit, Geld und Schein. Die Titelerzählung führt vor, wie ein bloßes Papier soziale Räume öffnet, Hierarchien verrückt und Erwartungen entlarvt. Der Mann, der bei Gadsby’s abstieg karikiert urbane Routinen und Gastfreundschaft unter dem Brennglas von Etikette und Missverständnis. Die Geschichte des Invaliden zeigt, wie weit Komik auf der Kippe zum Grotesken reichen kann. Skizzenbuch steht für Twains Werkstattcharakter: Er erprobt Perspektiven, Gattungsgrenzen und Tempi, aus denen später Langformen erwachsen.

Querkopf Wilson nutzt die kleine Stadt am Mississippi als Labor für Fragen nach Identität, Recht und Ansehen. Mit juristischem Setting und raffiniertem Spiel um Verwechslung macht Twain soziale Klassifikationen sichtbar, die sich als fragil erweisen. Der Roman verbindet detektivische Elemente und Milieustudie und erweitert die moralische Sehschärfe, die bereits Huckleberry Finn auszeichnet. Formal zeigt sich ein Autor, der Komposition ernst nimmt: wiederkehrende Motive, rhythmische Dialoge, pointierte Nebenfiguren. Zeitgenössische Leser schätzten die Spannung; die spätere Kritik hob die subtile Analyse von Vorurteil und Statusmechanismen hervor.

Autobiographische und retrospektive Töne klingen in mehreren Bänden der Sammlung an. Lebensgeschichte Mark Twain’s bietet in deutscher Sprache einen biographischen Blick auf Person und Werk und spiegelt, wie Twain sich selbst und seine Zeitgenossen ihn gesehen haben. Aus meiner Knabenzeit knüpft an Erinnerungsmotive an, die auch in den Fluss- und Jugendbüchern präsent sind. Von Adam bis Vanderbilt bündelt satirische Miniaturen von biblischen bis modernen Stoffen und zeichnet eine Linie von Mythos bis Kapitalismus. Ritters Geschichte parodiert gelehrte Erzählformen. Im Gold-und Silberland ergänzt die Western-Perspektive um Rohstofffieber und soziale Experimente der Lagerstädte.

Überzeugungen und Engagement

Twains Schriften dokumentieren eine ausgeprägte Skepsis gegenüber Macht, Dogma und imperialen Projekten. In Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten und Querkopf Wilson kritisierte er Rassismus und soziale Schablonen, ohne Predigtton, vielmehr durch Handlung, Stimme und Ironie. Meine Reise um die Welt macht koloniale Routinen, Marktlogiken und die Rolle der Medien sichtbar. Von Adam bis Vanderbilt zeigt sein Misstrauen gegenüber autoritären Auslegungen von Religion und die satirische Distanz zu finanzieller Übermacht. Er trat öffentlich als Redner auf und nutzte Popularität und Bühne, um über Gerechtigkeit, Pressefreiheit und den Wert unabhängigen Denkens zu sprechen – Anliegen, die sein erzählerisches Werk begleiten.

Letzte Jahre und Vermächtnis

In den späten Jahren verband Twain literarische Arbeit mit Vortragstourneen, auch um wirtschaftliche Rückschläge auszugleichen. Die weltläufige Perspektive, die in Meine Reise um die Welt vorliegt, ist Teil dieser Phase, in der er Erfahrungen, Orte und Medien kritisch spiegelte. Twain starb 1910; sein Name blieb untrennbar mit dem Mississippi, dem amerikanischen Westen und der modernen Reiseprosa verbunden. Die in dieser Sammlung versammelten Bücher – von Tom Sawyer und Huck Finn über Leben auf dem Mississippi bis zu Skizzen und Kurzgeschichten – prägen die literarische Vorstellung vom 19. Jahrhundert und wirken in Übersetzungen, Bühnenfassungen und Lesetraditionen bis heute fort.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Sammlung „Gesammelte Werke: Romane, Kurzgeschichten, Memoiren und Humoristische Reiseerzählungen“ bündelt Texte Mark Twains, die einen Zeitraum vom Vorkriegsamerika bis in die frühen 1900er Jahre spiegeln. Twain (1835–1910) wurde im Sklavenstaat Missouri geboren, erlebte den Bürgerkrieg, die Rekonstruktion, die „Gilded Age“ und den Beginn der Progressiven Ära. Viele Werke sind zwar im 19. Jahrhundert veröffentlicht, blicken jedoch auf frühere Jahrzehnte zurück. So lassen sich regionale Erinnerung, nationale Konflikte und globale Verflechtungen zugleich erkennen. Die Sammlung vereint damit Beobachtungen aus den USA, Europa, Australien, Indien und Südafrika und zeigt, wie Twains Schreiben historische Erfahrung mit populärer Unterhaltung verknüpft.

Die Welt des Mississippi bildet einen Kern von Twains Imagination. Die Dampfschifffahrt machte den Fluss vor dem Bürgerkrieg zum wirtschaftlichen Rückgrat des Mittleren Westens. Mit der Ausbreitung der Eisenbahnen verlor sie nach 1865 an Dominanz. Twain arbeitete in den 1850er/60er Jahren als Flusspilot und verarbeitete diesen Erfahrungshorizont in Erzählungen und Erinnerungen. „Tom Sawyers Abenteuer und Streiche“, „Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten“ und „Leben auf dem Mississippi“ verknüpfen Alltag und Mythos dieser Region. Die literarische Rückschau konserviert eine untergehende Berufs- und Kulturwelt und kommentiert zugleich die Modernisierung, die den Flussraum politisch, wirtschaftlich und sozial neu ordnete.

Die Sklaverei und ihre Nachwirkungen sind ein zentrales historisches Gravitationsfeld. Twain wuchs in einer Grenzregion auf, in der Sklaverei rechtlich verankert war, und erlebte die Umbrüche des Bürgerkriegs. Nach 1865 folgten die Verfassungszusätze zur Abschaffung der Sklaverei und zur Bürgerrechtsgarantie, doch Jim-Crow-Gesetze, rassistische Gewalt und Diskriminierung prägten den Alltag. In Romanen und Skizzen, die im Mississippi-Raum angesiedelt sind, greift Twain die moralischen und juristischen Widersprüche der Sklavenordnung sowie ihre langen Schatten auf. Diese Texte wurden und werden häufig im Kontext von Bürgerrechtsdebatten gelesen, ohne dass ihre Handlung hier vorweggenommen werden muss.

Westwärtsbewegung, Rohstoffboom und improvisierte Institutionen des amerikanischen Westens rahmen weitere Teile der Sammlung. Der Silberfund der Comstock Lode (1859) und die Folgejahre riefen eine Presse- und Lagerkultur hervor, in der Twain ab 1862 als Reporter arbeitete. „Im Gold-und Silberland“ steht für diese Erfahrungswelt zwischen Minen, Schienennetzen und Territorialpolitik. Die Texte spiegeln die rasche Expansion, rechtliche Grauzonen und die Mischung aus Hoffnung, Spekulation und Enttäuschung, die den Westen prägten. Sie knüpfen an Traditionen des amerikanischen Grenzlandhumors an und dokumentieren zugleich die Entstehung moderner Infrastrukturen an den Rändern der Nation.

Die „Gilded Age“ brachte beschleunigte Industrialisierung, Urbanisierung und die Konzentration wirtschaftlicher Macht. Namen wie Vanderbilt, Rockefeller und Carnegie stehen für diese Ära, die auch Korruption und politische Patronage kannte. Twain prägte gemeinsam mit Charles Dudley Warner 1873 den Begriff „Gilded Age“ in einem satirischen Roman. In Essays und Skizzen, wie sie in dieser Sammlung unter Titeln wie „Von Adam bis Vanderbilt“ gebündelt sind, trifft moralische Polemik auf zeitgenössische Wirtschafts- und Medienphänomene. Die Texte beleuchten die Spannungen zwischen demokratischem Ideal, rasantem Reichtum und den sozialen Folgen von Spekulation und Monopolbildung.

Twains Werk ist eng mit den Technologien seiner Zeit verbunden. Dampfschiffe, Eisenbahnen und der Telegraph veränderten Distanzen, Nachrichtenflüsse und Reisemuster. Der Buchmarkt professionalisierte sich; Illustrationen, Setzmaschinen und neue Vertriebswege beschleunigten Produktion und Reichweite. Twain investierte in den 1880er Jahren in technische Innovationen und geriet durch die gescheiterte Paige-Setzmaschine in finanzielle Not, was 1894 im Bankrott mündete. In der Folge unternahm er 1895/96 eine weltumspannende Vortragsreise, deren Stationen in „Meine Reise um die Welt“ reflektiert sind. Technik erscheint bei Twain zugleich als Fortschritt und als Quelle riskanter Abhängigkeiten.

Das 19. Jahrhundert erlebte eine Demokratisierung des Reisens. Dampferlinien, globale Kabel und koloniale Routen verbanden Metropolen mit Häfen des Pazifiks und des Indischen Ozeans. Reiseberichte avancierten zu einem populären Genre. Twains europäische Unternehmungen der späten 1870er Jahre prägen „Unterwegs und Daheim (Reiseerzählungen)“, während „Meine Reise um die Welt“ die Route über den Stillen Ozean, Australien, Indien und Südafrika einschließt. Diese Texte dokumentieren Wahrnehmungen von Kolonialverwaltung, Missionswesen und lokaler Alltagskultur und messen europäisch-amerikanische Selbstbilder an der Begegnung mit globaler Vielfalt, oft in satirisch gebrochener Form.

Twain entwickelte um 1900 eine explizite antiimperialistische Haltung. Der Spanisch-Amerikanische Krieg (1898) und die darauffolgende Debatte um die Philippinen befeuerten in den USA eine Auseinandersetzung über Imperium und Republik. Twain schloss sich 1901 der American Anti-Imperialist League an und kritisierte Gewalt und Heuchelei kolonialer Politik. „Meine Reise um die Welt“ war bereits 1897 erschienen, zeigt jedoch eine Skepsis gegenüber imperialen Selbstrechtfertigungen, die sich später in Essays weiter zuspitzte. Innerhalb der Sammlung lässt sich nachvollziehen, wie Reiseprosa und politische Beobachtung eine Ethik internationaler Verantwortung problematisieren.

Twains Humor steht in der Tradition des amerikanischen Südwestens: übersteigerte Erzählungen, mündliche Pointen, groteske Übertreibungen und genaue Milieu-Beobachtung. Diese Verfahren sind in den Kurzprosa-Sammlungen der Edition – etwa in „Die 1,000,000 Pfundnote und andere humoristische Erzählungen und Skizzen“ und im „Skizzenbuch“ – präsent. Humor fungiert nicht lediglich als Unterhaltung, sondern als Instrument sozialer Kritik. Er erlaubt, Hierarchien, Moden und Glaubenssätze zu testen, ohne didaktisch zu wirken. Diese Doppelstrategie – Lachen und Nachdenken – trägt maßgeblich zur anhaltenden Popularität der Texte bei.

Die Darstellung von gesprochener Sprache ist eine Innovation, für die Twain berühmt wurde. Dialekte, regionale Idiome und soziale Register verleihen Figuren Authentizität und provozierten gleichzeitig Debatten über Angemessenheit und Lesbarkeit. Bereits 1885 kritisierte die Concord Public Library „Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten“ und entfernte das Buch aus ihrem Bestand, was eine frühe Rezeptionskontroverse markiert. Übersetzungen ins Deutsche mussten mit diesen Eigenheiten umgehen, weshalb Titel und Tonlagen in deutschsprachigen Ausgaben variieren. Sprachwahl wird so zum historischen Dokument über Klasse, Region und Machtverhältnisse im Amerika des 19. Jahrhunderts.

Autobiografische und erinnernde Texte nehmen in Twains Werk eine wichtige Stellung ein. „Lebensgeschichte Mark Twain’s“ und „Aus meiner Knabenzeit“ verorten das Autor-Ich in Kindheit, Lehrjahren und Berufswechseln, vom Setzer und Journalisten bis zum Vortragskünstler. Solche Erinnerungsstücke stehen in einer breiteren transatlantischen Mode des 19. Jahrhunderts: moralische Selbstprüfung, komische Anekdote und Dokumentation alltäglicher Milieus verschränken sich. Zugleich kommentiert Twain die Mechaniken des Erinnerns, das Selektieren und das Ausschmücken. Diese selbstreflexive Haltung erklärt, warum biografisches Material bei ihm selten bloße Chronik, sondern Resonanzraum gesellschaftlicher Beobachtung ist.

Die Sammlung enthält Texte, die die Verfasstheit von Recht und Wissenschaft beleuchten. „Querkopf Wilson“ (1894) gehört in einen Moment, in dem Identität, Körpermerkmale und Beweisführung intensiv diskutiert wurden. In Europa etablierten sich in den 1890er Jahren Systeme biometrischer Erfassung; in den USA setzte sich die forensische Nutzung von Fingerabdrücken um die Jahrhundertwende durch. Twains Interesse an juristischen und wissenschaftlichen Rationalitäten trifft hier auf soziale Fragen von Status, Zugehörigkeit und Willkür. Diese Konstellation verweist auf breitere Modernisierungsschübe, die Gewissheiten individualistischer Selbstdefinition ins Wanken brachten.

Der Buchmarkt des 19. Jahrhunderts bildete ein komplexes Ökosystem aus Zeitungen, Zeitschriften, Vorabdruck und Subskriptionsverlag. Twain profitierte von diesem System und litt zugleich unter seinen Risiken. Er publizierte vielfach zunächst in Periodika, bevor Buchausgaben folgten. Seine Beteiligung an einem eigenen Verlag in den 1880er Jahren erweiterte die unternehmerische Rolle des Schriftstellers, machte ihn aber auch verwundbar gegenüber Konjunkturen und technischen Fehlkalkulationen. Die Vortragsreisen – als Einnahmequelle und als Werbeformat – spiegeln eine Kultur, in der Autoren als öffentliche Sprecher zwischen Unterhaltung, Bildung und politischer Rede agierten.

Religiöse Texte, Naturwissenschaft und Säkularisierung standen im langen 19. Jahrhundert in lebhaftem Austausch. Seit der Veröffentlichung von Darwins „Origin of Species“ (1859) wurde in den USA wie in Europa über Bibelautorität, Evolution und Moral gestritten. Twain reagierte wiederholt mit satirischen Miniaturen auf religiöse Gewissheiten und anthropologische Spekulationen. In Sammlungen, die biblische Motive in moderne Rahmen setzen, zeigt sich seine Fähigkeit, alte Erzählkerne in säkularen Diskursen neu zu verankern. Diese Texte sind weniger theologische Abhandlungen als Kommentare zu einer Epoche, die ihre Werte und Wahrheiten neu kalibrierte.

Twain war auch ein transatlantischer Beobachter. Während seines längeren Aufenthalts 1878/79 in Europa – mit Stationen in Deutschland und der Schweiz – studierte er Universitätsstädte, Kurorte und touristische Infrastrukturen. „Unterwegs und Daheim (Reiseerzählungen)“ verdichtet diese Eindrücke. Deutschsprachige Leserinnen und Leser entdeckten ihn früh; Übersetzungen kursierten seit den 1870er Jahren, und seine ironischen Bemerkungen zur deutschen Sprache wurden breit rezipiert. Diese Nähe förderte eine eigenständige, europäische Lesart seiner Amerika-Satiren, in der sich Selbst- und Fremdbilder des späten 19. Jahrhunderts gegenseitig beleuchteten.

Kurzprosa wie „Die Geschichte des Invaliden“ demonstriert Twains Gespür für Alltagskomik, mediale Sensationen und die Logik des Missverständnisses im modernen Leben. Solche Erzählungen entstammen einer Presselandschaft, in der Sensationsmeldungen, Reisefeuilletons und Stadtskizzen Leserbedürfnisse prägten. Die Sammlung macht deutlich, wie Twain Beobachtungen des Bahn- und Postwesens, der Hotel- und Stadtökonomien oder der sich wandelnden Höflichkeitsregeln in pointierte Miniaturen überführt. Die Kürze der Form eignet sich, um das Tempo einer Zeit einzufangen, in der Nachrichten und Erfahrungen durch Technik und Marktalltag beschleunigt wurden.

Insgesamt zeigt die Edition die Vielseitigkeit eines Autors, der Kinderperspektiven, Grenzraumerfahrungen, Gerichtssäle und Weltmeere miteinander verknüpft. Ihre historische Bedeutung liegt im dichten Kommentar zur Transformation der USA vom Sklavenhalterstaat zur Industrie- und Weltmacht sowie in der Reflexion transnationaler Verflechtungen. Spätere Ausdeutungen – von der literatursoziologischen bis zur postkolonialen und rassismuskritischen Lektüre – haben Twains Texte neu verortet. Debatten um Sprache, Zensur und Lehrpläne halten an. So bleibt die Sammlung nicht nur ein Archiv ihrer Entstehungszeit, sondern ein Prüfstein für wechselnde moralische Horizonte.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Mississippi-Romane: Tom Sawyers Abenteuer und Streiche; Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten

Zwei eng verbundene Romane aus einer Kleinstadt am Mississippi: erstens der muntere, episodische Blick auf Streiche, Freundschaftsrituale und erste Gewissensproben eines Jungen; zweitens eine Flussreise, auf der ein Ausreißer soziale Konventionen und die Moral der Erwachsenenwelt prüft.

Der Ton reicht von schelmisch und abenteuerlustig bis zu scharf satirisch, wenn Gewalt, Aberglaube und Heuchelei des 19. Jahrhunderts ins Bild rücken.

Die lebendige Umgangssprache und der Blick aus Kinderperspektive tragen Witz und Ambivalenz.

Reiseliteratur des Mississippi und des Westens: Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen; Im Gold-und Silberland

Diese Bände verbinden Erinnerungsbericht, Reportage und Anekdote: vom Lehrjahre eines Steuermanns und dem Wandel der Flussschifffahrt bis zu rauen Grenzräumen des Westens, Boomstädten und Minenlagern.

Zwischen detailgenauer Beobachtung und kühner Übertreibung zerlegt Twain Pioniermythen, schildert Risiken, Prahlerei und Geschäftssinn und zeigt, wie Technik und Spekulation Landschaft und Menschen formen.

Weltreise: Meine Reise um die Welt (Im stillen Ozean: Australien – Von Australien nach Indien – Indien–Südafrika)

Ein weitgespannter Reisebericht führt über den Pazifik nach Australien, durch den Indischen Ozean bis nach Indien und Südafrika.

Neugier, Ironie und moralische Skepsis prägen Begegnungen mit Kolonialverwaltungen, Alltagsritualen und Reiseplagen; häufig konterkariert der Erzähler touristische Erwartungen mit trockenem Witz.

Unterwegs und Daheim (Reiseerzählungen)

Locker verbundene Skizzen wechseln zwischen Beobachtungen ‚unterwegs‘ und Rückblicken ‚daheim‘ und testen an Sitten, Sprachen und Dienstleistungen den Blick des amerikanischen Reisenden.

Komische Missverständnisse, pointierte Vergleiche und selbstironische Seitenhiebe tragen den Ton; die Episoden lassen Erfahrung statt Zielhandlung den Takt vorgeben.

Autobiographisches: Lebensgeschichte Mark Twain’s; Aus meiner Knabenzeit

In diesen autobiographischen Stücken entwirft Twain ein mosaikartiges Selbstporträt aus Erinnerungen, Porträts, Reflexionen über Arbeit und Familie – weniger chronologisch, mehr assoziativ.

Die Kindheitsbilder aus einer Flussstadt zeigen Spiele, Gefahren, Schulstreiche und lokale Mythen und legen die Keime späterer Stoffe frei.

Nostalgie und Selbstironie stehen neben ernsteren Untertönen; Beobachtungslust und Stimme des Bühnenautors bleiben stets präsent.

Satiren und Skizzen über Geschichte und Gesellschaft: Von Adam bis Vanderbilt; Skizzenbuch

Kurzformen, Parodien und Scheinhistorien spannen den Bogen von biblischen Figuren bis zur Geldaristokratie der Gilded Age und sezieren Selbsttäuschung, Reklamesprache und Fortschrittsrhetorik.

Deadpan-Humor, Rollenspiele und Hyperbel erzeugen pointierte Miniaturen, in denen Autoritäten kippen und Alltagslogik ins Absurde läuft.

Humoristische Erzählungen: Die 1,000,000 Pfundnote und andere humoristische Erzählungen und Skizzen; Der Mann, der bei Gadsby’s abstieg; Die Geschichte des Invaliden

Die Titelgeschichte lässt eine unwahrscheinliche Geldsumme die Mechanik von Status, Vertrauen und Etikette entblößen; daneben treiben Farcen um Reise- und Hotelpannen sowie eine makaber-komische Zugfahrt die Logik des Missverständnisses auf die Spitze.

Gemeinsam ist den Stücken das schnelle Tempo, scharfe Dialogführung und die Freude am Umstürzen sozialer Fassaden.

Querkopf Wilson

Ein Kleinstadtroman am Mississippi, in dem verwechselte Identitäten, Vorurteile und die Bühne des Gerichts miteinander verkeilt sind.

Mit kühlem Spott gegen Rassenideologien und Statusdenken zeigt Twain, wie öffentliche Meinung, Pseudowissenschaft und Zufall Schicksale prägen, und hält die Spannung zwischen Moralsatire und Kriminalhandlung.

Ritters Geschichte

Eine Parodie auf höfische Abenteuer im mittelalterlichen Milieu, die Ehrenkodex und Geschlechterrollen als fragiles Theater der Konventionen vorführt.

Genau getimte Missverständnisse und scheinbar logische Beweisführungen treiben die Figuren in absurde Lagen; der Ton wechselt zwischen pseudo-archaischer Würde und entlarvender Komik.

Übergreifende Themen und Stil

Wiederkehrend sind Freiheit und Zugehörigkeit, das Schwanken zwischen jugendlicher Unschuld und moralischer Bewährung sowie Mobilität – Fluss, Straße, See – als Prüfstand des Charakters.

Twain verbindet Beobachterlust, Volksmund und Übertreibung zu Komik, die Scheinmoral, Autoritätsgläubigkeit und Geldglauben entlarvt; oft mischt er Reportage mit Fiktion.

Im Verlauf der Werke verdunkelt sich der Ton: Das spielerisch Abenteuerliche bleibt, wird aber von schärferer Gesellschaftskritik und existenzieller Ironie begleitet.

Gesammelte Werke: Romane, Kurzgeschichten, Memoiren und Humoristische Reiseerzählungen

Hauptinhaltsverzeichnis
Tom Sawyers Abenteuer und Streiche
Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten
Leben auf dem Mississippi / Nach dem fernen Westen
Meine Reise um die Welt (Im stillen Ozean: Australien - Von Australien nach Indien + Indien – Südafrika)
Unterwegs und Daheim (Reiseerzählungen)
Lebensgeschichte Mark Twain’s
Von Adam bis Vanderbilt
Die 1,000,000 Pfundnote und andere humoristische Erzahlungen und Skizzen
Im Gold-und Silberland
Aus meiner Knabenzeit
Ritters Geschichte
Der Mann, der bei Gadsby’s abstieg
Die Geschichte des Invaliden
Querkopf Wilson
Skizzenbuch

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel. Tom und die Tante. – Ein Zweikampf.
Zweites Kapitel. Tom streicht einen Zaun.
Drittes Kapitel. Tom verliebt sich.
Viertes Kapitel. Schulfreuden und -Leiden
Fünftes Kapitel. Eine Zahnoperation. – Toms Freund. – Ein Mittel gegen Warzen. – Ein Strafgericht und Fortschritte in der Liebe.
Sechstes Kapitel. Wanzendressur und Liebeserklärungen.
Siebentes Kapitel. Die Schatzkammer. – Ein Kapitel aus Walter Scott.
Achtes Kapitel. Ein ernsthafter Vorfall.
Neuntes Kapitel. Reue.
Zehntes Kapitel. Der Mord. – Ein schlechtes Gewissen.
Elftes Kapitel. Verschiedene Kuren. – Eine Enttäuschung.
Zwölftes Kapitel. Schreckliche Pläne. – Die Flucht.
Dreizehntes Kapitel. Piratenleben.
Vierzehntes Kapitel. Ein Besuch.
Fünfzehntes Kapitel. Heimweh und Rauch-Studien.
Sechzehntes Kapitel. Das Gewitter.
Siebzehntes Kapitel. Glückliche Heimkehr. – Eifersucht.
Achtzehntes Kapitel. Tante verzeiht.
Neunzehntes Kapitel. Toms Edelmut.
Zwanzigstes Kapitel. Schulprüfungen. – Die Rache.
Einundzwanzigstes Kapitel. Ferien. – Eine Gerichtsverhandlung.
Entzücken und Grauen. Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Schatzgräber
Vierundzwanzigstes Kapitel. Das Gespensterhaus.
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Nächtliche Expeditionen.
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der Besuch der Höhle. – Hucks Entdeckung.
Siebenundzwanzigstes Kapitel. Hucks Erzählung. – Tom und Becky werden vermißt.
Achtundzwanzigstes Kapitel. Die Verirrten.
Neunundzwanzigstes Kapitel. Tom und Beckys Heimkehr.
Dreißigstes Kapitel. Das Geheimnis der Höhle. – Der Schatz.
Einunddreißigstes Kapitel. Tom und Huck werden reich.
Zweiunddreißigstes Kapitel. Zukunftspläne.
Schlußwort.

Übersetzung: Margarete Jacobi

Die meisten der im Tom Sawyer erzählten Abenteuer sind wirklich vorgekommen. Eines oder zwei habe ich selbst erlebt, die anderen meine Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben gezeichnet, Tom Sawyer ebenfalls, jedoch mit dem Unterschied, daß in ihm die Charaktereigenschaften mehrerer Knaben vereinigt sind.

Hartford, 1876. Der Verfasser.

Erstes Kapitel. Tom und die Tante. – Ein Zweikampf.

Inhaltsverzeichnis

»Tom!«

Keine Antwort.

»Tom!«

Tiefes Schweigen.

»Wo der Junge nun wieder steckt, möcht’ ich wissen, Du – Tom!«

Die alte Dame zog ihre Brille gegen die Nasenspitze herunter und starrte drüber weg im Zimmer herum, dann schob sie sie rasch wieder empor und spähte drunterher nach allen Seiten aus. Nun und nimmer würde sie dieselbe so entweiht haben, daß sie durch die geheiligten Gläser hindurch nach solchem geringfügigen Gegenstand geschaut hätte, wie ein kleiner Junge einer ist. War es doch ihre Staatsbrille, der Stolz ihres Herzens, welche sie sich nur der Zierde und Würde halber zugelegt, keineswegs zur Benutzung, – ebenso gut hätte sie durch ein paar Kochherdringe sehen können. Einen Moment lang schien sie verblüfft, da sie nichts entdecken konnte, dann ertönte wiederum ihre Stimme, nicht gerade ärgerlich, aber doch laut genug, um von der Umgebung, dem Zimmergerät nämlich, gehört zu werden: »Wart, wenn ich dich kriege, ich – –«

Sie beendete den Satz nicht, denn sie war inzwischen ans Bett herangetreten, unter welchem sie energisch mit dem Besen herumstöberte, was ihre ganze Kraft, all ihren Atem in Anspruch nahm. Trotz der Anstrengung förderte sie jedoch nichts zutage, als die alte Katze, die ob der Störung sehr entrüstet schien.

»So was wie den Jungen gibt’s nicht wieder!«

Sie trat unter die offene Haustüre und ließ den Blick über die Tomaten und Kartoffeln schweifen, welche den Garten vorstellten. Kein Tom zu sehen! Jetzt erhob sich ihre Stimme zu einem Schall, der für eine ziemlich beträchtliche Entfernung berechnet war:

»Holla – du – To – om!«

Ein schwaches Geräusch hinter ihr veranlaßte sie, sich umzudrehen und zwar eben noch zu rechter Zeit, um einen kleinen, schmächtigen Jungen mit raschem Griff am Zipfel seiner Jacke zu erwischen und eine offenbar geplante Flucht zu verhindern.

»Na, natürlich! An die Speisekammer hätte ich denken müssen! Was hast du drinnen wieder angestellt?«

»Nichts.«

»Nichts? Na, seh’ mal einer! Betracht’ mal deine Hände, he, und was klebt denn da um deinen Mund?«

»Das weiß ich doch nicht, Tante!«

»So, aber ich weiß es. Marmelade ist’s, du Schlingel, und gar nichts anderes. Hab’ ich dir nicht schon hundertmal gesagt, wenn du mir die nicht in Ruhe ließest, wollt’ ich dich ordentlich gerben? Was? Hast du’s vergessen? Reich’ mir mal das Stöckchen da!«

Schon schwebte die Gerte in der Luft, die Gefahr war dringend.

»Himmel, sieh doch mal hinter dich, Tante!«

Die alte Dame fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen und packte instinktiv ihre Röcke, um sie in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig war der Junge mit einem Satz aus ihrem Bereich, kletterte wie ein Eichkätzchen über den hohen Bretterzaun und war im nächsten Moment verschwunden. Tante Polly sah ihm einen Augenblick verdutzt, wortlos nach, dann brach sie in ein leises Lachen aus.

»Hol’ den Jungen der und jener! Kann ich denn nie gescheit werden? Hat er mir nicht schon Streiche genug gespielt, daß ich mich endlich einmal vor ihm in acht nehmen könnte! Aber, wahr ist’s, alte Narren sind die schlimmsten, die’s gebt, und ein alter Pudel lernt keine neuen Kunststückchen mehr, heißt’s schon im Sprichwort. Wie soll man aber auch wissen, was der Junge im Schild führt, wenn’s jeden Tag was andres ist! Weiß der Bengel doch genau, wie weit er bei mir gehen kann, bis ich wild werde, und ebenso gut weiß er, daß, wenn er mich durch irgendeinen Kniff dazu bringen kann, eine Minute zu zögern, ehe ich zuhaue, oder wenn ich gar lachen muß, es aus und vorbei ist mit den Prügeln. Weiß Gott, ich tu’ meine Pflicht nicht an dem Jungen. ›Wer sein Kind lieb hat, der züchtiget es‹, heißt’s in der Bibel. Ich aber, ich – Sünde und Schande wird über uns kommen, über meinen Tom und mich, ich seh’s voraus, Herr, du mein Gott, ich seh’s kommen! Er steckt voller Satanspossen, aber, lieber Gott, er ist meiner toten Schwester einziger Junge und ich hab’ nicht das Herz, ihn zu hauen. Jedesmal, wenn ich ihn durchlasse, zwickt mich mein Gewissen ganz grimmig, und hab’ ich ihn einmal tüchtig vorgenommen, dann – ja dann will mir das alte, dumme Herz beinahe brechen. Ja, ja, der vom Weibe geborene Mensch ist arm und schwach, kurz nur währen seine Tage und sind voll Müh und Trübsal, so sagt die hl. Schrift und wahrhaftig, es ist so! Heut wird sich der Bengel nun wohl nicht mehr blicken lassen, wird die Schule schwänzen, denk’ ich, und ich werd’ ihm wohl für morgen irgendeine Strafarbeit geben müssen. Ihn am Sonnabend, wenn alle Jungen frei haben, arbeiten zu lassen, ist fürchterlich hart, namentlich für Tom, der die Arbeit mehr scheut, als irgendwas sonst, aber ich muß meine Pflicht tun an dem Jungen, wenigstens einigermaßen, ichmuß, sonst bin ich sein Verderben!«

Tom, der, wie Tante Polly sehr richtig geraten, die Schule schwänzte, ließ sich am Nachmittag nicht mehr blicken, sondern trieb sich draußen herum und vergnügte sich königlich dabei. Gegen Abend erschien er dann wieder, kaum zur rechten Zeit vor dem Abendessen, um Jim, dem kleinen Niggerjungen, helfen zu können, das nötige Holz für den nächsten Tag klein zu machen. Dabei blieb ihm aber Zeit genug, Jim sein Abenteuer zu erzählen, während dieser neun Zehntel der Arbeit tat. Toms jüngerer Bruder, oder besser Halbbruder, Sid, hatte seinen Teil am Werke, das Zusammenlesen der Holzspäne, schon besorgt. Er war ein fleißiger, ruhiger Junge, nicht so unbändig und abenteuerlustig wie Tom. Während dieser sich das Abendessen schmecken ließ und dazwischen bei günstiger Gelegenheit Zuckerstückchen stibitzte, stellte Tante Polly ein, wie sie glaubte, äußerst schlaues und scharfes Kreuzverhör mit ihm an, um ihn zu verderbenbringenden Geständnissen zu verlocken. Wie so manche andere arglos-schlichte Seele glaubte sie an ihr Talent für die schwarze, geheimnisvolle Kunst der Diplomatie. Es war der stolzeste Traum ihres kindlichen Herzens, und die allerdurchsichtigsten kleinen Kniffe, deren sie sich bediente, schienen ihr wahre Wunder an Schlauheit und List. So fragte sie jetzt: »Tom, es war wohl ziemlich warm in der Schule?«

»Ja, Tante.«

»Sehr warm, nicht?«

»Ja, Tante.«

»Hast du nicht Lust gehabt, schwimmen zu gehen?«

Wie ein warnender Blitz durchzuckte es Tom, – hatte sie Verdacht? Er suchte in ihrem Gesichte zu lesen, das verriet nichts. So sagte er:

»N – nein. Tante – das heißt nicht viel.«

Die alte Dame streckte die Hand nach Toms Hemdkragen aus, befühlte den und meinte:

»Jetzt ist dir’s doch nicht mehr zu warm, oder?«

Und dabei bildete sie sich ein, bildete sich wirklich und wahrhaftig ein, sie habe den trockenen Zustand besagten Hemdes entdeckt, ohne daß eine menschliche Seele ahne, worauf sie ziele. Tom aber wußte genau, woher der Wind wehte, so kam er der mutmaßlich nächsten Wendung zuvor.

»Ein paar von uns haben die Köpfe unter die Pumpe gehalten – meiner ist noch naß, sieh!«

Tante Polly empfand es sehr unangenehm, daß sie diesen belastenden Beweis übersehen und sich so im voraus aus dem Felde hatte schlagen lassen. Ihr kam eine neue Eingebung.

»Tom, du hast doch wohl nicht deinen Hemdkragen abnehmen müssen, den ich dir angenäht habe, um dir auf den Kopf pumpen zu lassen, oder? Knöpf doch mal deine Jacke auf!«

Aus Toms Antlitz war jede Spur von Sorge verschwunden. Er öffnete die Jacke, der Kragen war fest und sicher angenäht.

»Daß dich! Na, mach’ dich fort. Ich hätte Gift drauf genommen, daß du heut mittag schwimmen gegangen bist. Wollens gut sein lassen. Dir geht’s diesmal wie der verbrühten Katze, du bist besser, als du aussiehst – aber nur diesmal, Tom, nur diesmal!«

Halb war’s ihr leid, daß alle ihre angewandte Schlauheit so ganz umsonst gewesen, und halb freute sie sich, daß Tom doch einmal wenigstens, gleichsam unversehens, in den Gehorsam hineingestolpert war.

Da sagte Sidney:

»Ja aber, Tante, hast du denn den Kragen mit schwarzem Zwirn aufgenäht?«

»Schwarz? Nein, er war weiß, soviel ich mich erinnere, Tom!«

Tom aber wartete das Ende der Unterredung nicht ab. Wie der Wind war er an der Türe, rief beim Abgehen Sid noch ein freundschaftliches »wart’, das sollst du mir büßen« zu und war verschwunden.

An sicherem Orte untersuchte er drauf zwei eingefädelte Nähnadeln, die er in das Futter seiner Jacke gesteckt trug, die eine mit weißem, die andre mit schwarzem Zwirn, und brummte vor sich hin:

»Sie hätt’s nie gemerkt, wenn’s der dumme Kerl, der Sid, nicht verraten hätte. Zum Kuckuck! Einmal nimmt sie weißen und einmal schwarzen Zwirn, wer kann das behalten. Aber Sid soll seine Keile schon kriegen; der soll mir nur kommen!«

Tom war mit nichten der Musterjunge seines Heimatortes, – es gab aber einen solchen und Tom kannte und verabscheute ihn rechtschaffen.

Zwei Minuten später, oder in noch kürzerer Zeit, hatte er alle seine Sorgen vergessen. Nicht, daß sie weniger schwer waren oder weniger auf ihm lasteten, wie eines Mannes Sorgen auf eines Mannes Schultern, nein durchaus nicht, aber ein neues mächtiges Interesse zog seine Gedanken ab, gerade wie ein Mann die alte Last und Not in der Erregung eines neuen Unternehmens vergessen kann. Dieses starke und mächtige Interesse war eine eben errungene, neue Methode im Pfeifen, die ihm ein befreundeter Nigger kürzlich beigebracht hatte, und die er nun ungestört üben wollte. Die Kunst bestand darin, daß man einen hellen, schmetternden Vogeltriller hervorzubringen sucht, indem man in kurzen Zwischenpausen während des Pfeifens mit der Zunge den Gaumen berührt. Wer von den Lesern jemals ein Junge gewesen ist, wird genau wissen, was ich meine, Tom hatte sich mit Fleiß und Aufmerksamkeit das Ding baldigst zu eigen gemacht und schritt nun die Hauptstraße hinunter, den Mund voll tönenden Wohllauts, die Seele voll stolzer Genugtuung. Ihm war ungefähr zumute, wie einem Astronomen, der einen neuen Stern entdeckt hat, doch glaube ich kaum, daß die Freude des glücklichen Entdeckers der seinen an Größe, Tiefe und ungetrübter Reinheit gleichkommt.

Die Sommerabende waren lang. Noch war’s nicht dunkel geworden. Toms Pfeifen verstummte plötzlich. Ein Fremder stand vor ihm, ein Junge, nur vielleicht einen Zoll größer als er selbst. Die Erscheinung eines Fremden irgendwelchen Alters oder Geschlechtes war ein Ereignis in dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg. Und dieser Junge war noch dazu sauber gekleidet, – sauber gekleidet an einem Wochentage! Das war einfach geradezu unfaßlich, überwältigend! Seine Mütze war ein niedliches, zierliches Ding, seine dunkelblaue, dicht zugeknöpfte Tuchjacke nett und tadellos: auch die Hosen waren ohne Flecken. Schuhe hatte er an, Schuhe, und es war doch heute erst Freitag, noch zwei ganze Tage bis zum Sonntag! Um den Hals trug er ein seidenes Tuch geschlungen. Er hatte so etwas Zivilisiertes, so etwas Städtisches an sich, das Tom in die innerste Seele schnitt. Je mehr er dieses Wunder von Eleganz anstarrte, je mehr er die Nase rümpfte über den »erbärmlichen Schwindel«, wie er sich innerlich ausdrückte, desto schäbiger und ruppiger dünkte ihn seine eigene Ausstattung. Keiner der Jungen sprach. Wenn der eine sich bewegte, bewegte sich auch der andere, aber immer nur seitwärts im Kreise herum. So standen sie einander gegenüber, Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge. Schließlich sagt Tom:

»Ich kann dich unterkriegen!«

»Probier’s einmal!«

»N – ja, ich kann.«

»Nein, du kannst nicht.«

»Und doch!«

»Und doch nicht!«

»Ich kann’s.«

»Du kannst’s nicht.«

»Kann’s.«

»Kannst’s nicht.«

Ungemütliche Pause. Dann fängt Tom wieder an:

»Wie heißt du?«

»Geht dich nichts an.«

»Will dir schon zeigen, daß mich’s angeht.«

»Nun, so zeig’s doch.«

»Wenn du noch viel sagst, tu’ ich’s.«

»Viel – viel –viel! Da! Nun komm ‘ran!«

»Ach, du hältst dich wohl für furchtbar gescheit, gelt du? Du Putzaff’! Ich könnt’ dich ja unterkriegen mit einer Hand, auf den Rücken gebunden, – wenn ich nur wollt’!«

»Na, warumtustdu’s denn nicht? Dusagst‘s doch immer nur!« »Wart, ich tu’s, wenn du dich mausig machst!«

»Ja, ja, sagen kann das jeder, aber tun – tun ist was andres.«

»Aff’ du! Gelt du meinst, du seist was Rechtes? – Puh, was für ein Hut!«

»Guck’ wo anders hin, wenn er dir nicht gefällt. Schlag’ ihn doch runter! Der aber, der ‘s tut, wird den Himmel für ‘ne Baßgeig’ ansehen!«

»Lügner, Prahlhans!«

»Selber!«

»Maulheld! Gelt, du willst dir die Hände schonen?«

»Oh – geh heim!«

»Wart, wenn du noch mehr von deinem Blödsinn verzapfst, so nehm’ ich einen Stein und schmeiß ihn dir an deinem Kopf entzwei.«

»Ei, natürlich, – schmeiß nur!«

»Ja, ich tu’s!«

»Na, warum denn nicht gleich? Warum wartst du denn noch? Warumtustdu ‘s nicht? Ätsch, du hast Angst!«

»Ich Hab’ keine Angst.«

»Doch, doch!«

»Nein, ich hab’ keine.«

»Du hast welche!«

Erneute Pause, verstärktes Anstarren und langsames Umkreisen. Plötzlich stehen sie Schulter an Schulter. Tom sagt:

»Mach’ dich weg von hier!«

»Mach’ dich selber weg!«

»Ich nicht!«

»Ich gewiß nicht!«

So stehen sie nun fest gegeneinander gepreßt, jeder als Stütze ein Bein im Winkel vor sich gegen den Boden stemmend, und schieben, stoßen und drängen sich gegenseitig mit aller Gewalt, einander mit wutschnaubenden, haßerfüllten Augen anstarrend. Keiner aber vermag dem andern einen Vorteil abzugewinnen. Nachdem sie so schweigend gerungen, bis beide ganz heiß und glühendrot geworden, lassen sie wie auf Verabredung langsam und vorsichtig nach und Tom sagt:

»Du bist ein Feigling und ein Aff’ dazu. Ich sag’s meinem großen Bruder, der haut dich mit seinem kleinen Finger krumm und lahm, wart nur!«

»Was liegt mir an deinem großen Bruder! Meiner ist noch viel größer, wenn der ihn nur anbläst, fliegt er über den Zaun, ohne daß er weiß wie!« (Beide Brüder existierten nur in der Einbildung,)

»Das ist gelogen!«

»Was weißt denn du?«

Tom zieht nun mit seiner großen Zehe eine Linie in den Staub und sagt:

»Da spring’ rüber und ich hau dich, daß du deinen Vater nicht von einem Kirchturm unterscheiden kannst!«

Der neue Junge springt sofort, ohne sich zu besinnen, hinüber und ruft:

»Jetzt komm endlich ‘ran und tu’s und hau’, aber prahl’ nicht länger!«

»Reiz’ mich nicht, nimm dich in acht!«

»Na, nun mach aber, jetzt bin ich’s müde! Warum kommst du nicht!«

»Weiß Gott, jetzt tu’ ich’s für zwei Pfennig!«

Flink zieht der fremde Junge zwei Pfennige aus der Tasche und hält sie Tom herausfordernd unter die Nase.

Tom schlägt sie zu Boden.

Im nächsten Moment wälzen sich die Jungen fest umschlungen im Staube, krallen einander wie Katzen, reißen und zerren sich an den Haaren und Kleidern, bläuen und zerkratzen sich die Gesichter und Nasen und bedecken sich mit Schmutz und Ruhm. Nach ein paar Minuten etwa nimmt der sich wälzende Klumpen Gestalt an und in dem Staub des Kampfes wird Tom sichtbar, der rittlings auf dem neuen Jungen sitzt und denselben mit den Fäusten bearbeitet.

»Schrei ›genug‹«, mahnte er.

Der Junge ringt nur stumm, sich zu befreien, er weint vor Zorn und Wut.

»Schrei ›genug‹«, mahnt Tom noch einmal und drischt lustig weiter.

Endlich stößt der Fremde ein halb ersticktes »genug« hervor, Tom läßt ihn alsbald los und sagt: »Jetzt hast du’s, das nächstemal paß auf, mit wem du anbindst!«

Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub von den Kleidern klopfend. Gelegentlich sah er sich um, ballte wütend die Faust und drohte, was er Tom alles tun wolle, »wenn er ihn wieder erwische«. Tom antwortete darauf nur mit Hohngelächter und machte sich, wonnetrunken ob der vollbrachten Heldentat, in entgegengesetzter Richtung auf. Sobald er aber den Rücken gewandt hatte, hob der besiegte Junge einen Stein, schleuderte ihn Tom nach und traf ihn gerade zwischen den Schultern, dann gab er schleunigst Fersengeld und lief davon wie ein Hase. Tom wandte sich und setzte hinter dem Verräter her, bis zu dessen Hause, wodurch er herausfand, wo dieser wohnte. Er pflanzte sich vor das Gitter hin und forderte den Feind auf, herauszukommen und den Streit aufzunehmen, der aber weigerte sich und schnitt ihm nur Grimassen durch das Fenster. Endlich kam die Mutter des Feindes zum Vorschein, schalt Tom einen bösen, ungezogenen, gemeinen Buben und hieß ihn sich fortmachen. Tom trollte sich also, brummte aber, er wollte es dem Affen schon noch zeigen.

Erst sehr spät kam er nach Hause, und als er vorsichtig zum Fenster hineinklettern wollte, stieß er auf einen Hinterhalt in Gestalt der Tante. Als diese dann den Zustand seiner Kleider gewahrte, gedieh ihr Entschluß, seinen freien Sonnabend in einen Sträflingstag bei harter Arbeit zu verwandeln, zu eiserner Festigkeit.

Zweites Kapitel. Tom streicht einen Zaun.

Inhaltsverzeichnis

Der Sonnabend Morgen tagte, die ganze sommerliche Welt draußen war sonnig und klar, sprudelnd von Leben und Bewegung. In jedem Herzen schien’s zu klingen und zu singen, und wenn das Herz jung war, trat der Klang unversehens auf die Lippen. Freude und Lust malte sich in jedem Antlitz, jeder Schritt war beflügelt. Die Akazien blühten und erfüllten mit ihrem köstlichen Duft rings alle Lüfte.

Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Tünche und einem langstieligen Pinsel. Er stand vor dem Zaun, besah sich das zukünftige Feld seiner Tätigkeit und es war ihm, als schwände mit einem Schlage alle Freude aus der Natur. Eine tiefe Schwermut bemächtigte sich seines ahnungsvollen Geistes. Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der unglückliche Zaun! Das Leben schien ihm öde, das Dasein eine Last. Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die oberste Planke, wiederholte das Manöver einmal und noch einmal. Dann verglich er die unbedeutende übertünchte Strecke mit der Riesenausdehnung des noch ungetünchten Zaunes und ließ sich entmutigt auf ein paar knorrigen Baumwurzeln nieder. Jim, der kleine Nigger, trat singend und springend aus dem Hoftor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser an der Dorfpumpe holen zu müssen, war Tom bis jetzt immer gründlich verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihn die höchste Wonne. Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft traf; Weiße, Mulatten und Niggerjungen und Mädchen waren da stets zu finden, die warteten, bis die Reihe an sie kam und sich inzwischen ausruhten, mit allerlei handelten oder tauschten, sich zankten, rauften, prügelten und dergleichen Kurzweil trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer Wasser nie vor Ablauf einer Stunde zurückerwarten, obgleich die Pumpe kaum einige hundert Schritte vom Haus entfernt war und selbst dann mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom:

»Hör’, Jim, ich will das Wasser holen, streich’ du hier ein bißchen an.«

Jim schüttelte den Dickkopf und sagte:

»Nix das können, junge Herr Tom, Alte Tante sagen, Jim sollen nix tun andres als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. Sie sagen, junge Herr Tom wohl werden fragen Jim, ob er wollen anstreichen, aber er nix sollen es tun – ja nix sollen es tun.«

»Ach was, Jim, laß dir nichts weismachen, so redet sie immer. Her mit dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie merkt’s noch gar nicht.«

»Jim sein so bange, er’s nix wollen tun. Alte Tante sagen, sie ihm reißen Kopf ab, wenn er’s tun.«

»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich durchhauen, – die fährt einem ja nur mit der Hand über den Kopf, als ob sie streicheln wollte, und ich möcht’ wissen, wer sich daraus was macht. Ja, schwatzen tut sie von durchhauen und allem, aber schwatzen tut nicht weh, – das heißt, solang sie nicht weint dazu. Jim, da, ich schenk dir auch ‘ne große Murmel, – da und noch ‘nen Gummi dazu!«

Jim schwankte.

»‘nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!«

»O, du meine alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. Aber, junge Herr Tom, Jim sein so ganz furchtbar bange vor alte Tante!«

Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, – diese Versuchung erwies sich als zu stark für ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte die Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im nächsten Moment flog er jedoch, laut aufheulend, samt seinem Eimer die Straße hinunter, Tom tünchte mit Todesverachtung drauflos und Tante Polly zog sich stolz vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel in der Hand, Triumph im Auge.

Toms Eifer hielt nicht lange an. Ihm fiel all das Schöne ein, das er für diesen Tag geplant, und sein Kummer wuchs immer mehr. Bald würden sie vorüber schwärmen, die glücklichen Jungen, die heute frei waren, auf die Berge, in den Wald, zum Fluß, überall hin, wo’s schön und herrlich war. Und wie würden sie ihn höhnen und auslachen und verspotten, daß er dableiben und arbeiten mußte, – schon der Gedanke allein brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte seine weltlichen Güter, – alte Federn, Glas-und Steinkugeln, Marken und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um sich dafür einen Arbeitstausch zu verschaffen, aber keineswegs genug, um sich auch nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit zu erkaufen. Seufzend wanderten die beschränkten Mittel wieder in die Tasche zurück und Tom mußte wohl oder übel die Idee fahren lassen, einen oder den andern der Jungen zur Beihilfe zu bestechen. In diesem dunkeln, hoffnungslosen Moment kam ihm eine Eingebung! Eine große, eine herrliche Eingebung! Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung auf, Ben Rogers, dessen Spott er von allen gerade am meisten gefürchtet hatte. Ben’s Gang, als er so daherkam, war ein springender, hüpfender kurzer Trab, Beweis genug, daß sein Herz leicht und seine Erwartungen hochgespannt waren. Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen ein langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein tiefes gezogenes ding–dong–dang, ding–dong–dang folgte. Er stellte nämlich einen Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, gab er Halbdampf, hielt sich in der Mitte der Straße, wandte sich stark nach Steuerbord und glitt drauf in stolzem Bogen dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und Umständlichkeit, denn er stellte nichts Geringeres vor als den »Großen Missouri« mit neun Fuß Tiefgang. Er war Schiff, Kapitän, Mannschaft, Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also auf seiner eigenen Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus.

»Halt, stoppen! Klinge–linge–ling.« Der Hauptweg war zu Ende und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg zu. »Wenden! Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme an den Seiten niederfallen. »Wenden, Steuerbord! Klingelingeling! Tschu! tsch – tschu – u – tschu!«

Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte ein vierzig Fuß großes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling! Tschu–tsch–tschu–u–sch!« Der linke Arm begann nun Kreise zu beschreiben. »Steuerbord stoppen! Lustig, Jungens! Anker auf – nieder! Klingeling! Tsch–tschuu–tschtu! Los! Maschine stoppen! He, Sie da! Scht–sch–tscht!« (Ausströmen des Dampfes.)

Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer sein, Ben starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann:

»Hi–hi! Festgenagelt – äh?«

Keine Antwort, Tom schien seinen letzten Strich mit dem Auge eines Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem Pinsel noch einmal drüber und übersah das Resultat in derselben kritischen Weise wie zuvor. Ben marschierte nun neben ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem Apfel, er hielt sich aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben:

»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?«

»Ach, du bist’s, Ben, ich hab’ gar nicht aufgepaßt!«

»Hör du, ich geh schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber gelt, du arbeitst lieber, natürlich, du bleibst viel lieber da, gelt?«

Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten.

»Was nennst du eigentlich arbeiten?«

»W–was? Ist das keine Arbeit?«

Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig:

»Vielleicht – vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, daß das dem Tom Sawyer paßt.«

»Na, du willst mir doch nicht weismachen, daß du’s zum Vergnügen tust?«

Der Pinsel strich und strich.

»Zum Vergnügen? Na, seh’ nicht ein, warum nicht. Kann unsereiner denn alle Tag ‘nen Zaun anstreichen?«

Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit seinem Pinsel hin und her, trat dann zurück, um die Wirkung zu prüfen, besserte hier und da noch etwas nach, prüfte wieder, alles ohne sich im geringsten um Ben zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung, eifriger und eifriger mit steigendem Interesse. Sagt er plötzlich:

»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!«

Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese Absicht wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, wahrhaftig nicht. Weißt du, Tante Polly nimmt’s besonders genau mit diesem Zaun, so dicht bei der Straße, siehst du. Ja, wenn’s irgendwo dahinten wär’, da lag nichts dran, – mir nicht und ihr nicht – so aber! Ja, sie nimmt’s ganz ungeheuer genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig gestrichen werden, – einer von hundert Jungen vielleicht, oder noch weniger, kann’s so machen, wie’s gemacht werden muß.«

»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich’s probieren, nur ein ganz klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, wenn ich’s zu tun hätte!«

»Ben, wahrhaftig, ich tät’s ja gern, aber Tante Polly – Jim hat’s tun wollen und Sid, aber die haben’s beide nicht gedurft. Siehst du nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn du nun anstreichst und ‘s passiert was und der Zaun ist verdorben, dann–«

»Ach, Unsinn, ich will’s schon rechtmachen. Na, gib her, – wart’, du kriegst auch den Rest von meinem Apfel; ‘s ist freilich nur noch der Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch noch drum.«

»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab’ Angst, du –«

»Da hast du noch ‘nen ganzen Apfel dazu!« Tom gab nun den Pinsel ab. Widerstreben im Antlitz, Freude im Herzen. Und während der frühere Dampfer »Großer Missouri« im Schweiße seines Angesichts drauflos strich, saß der zurückgetretene Künstler auf einem Fäßchen im Schatten dicht dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang seinen Apfel und brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer in sein Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen in Menge vorüber. Sie kamen, um zu spotten und blieben, um zu tünchen! Als Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt gemacht mit Billy Fischer, der ihm einen fast neuen, nur wenig geflickten Drachen bot. Dann trat Johnny Miller gegen eine tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin-und Herschwingen befestigt war und so weiter und so weiter, Stunde um Stunde. Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen, ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden. Er besaß außer den Dingen, die ich oben angeführt, noch zwölf Steinkugeln, eine freilich schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues Glas, um die Welt dadurch zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen alten Schlüssel und nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide, einen halb zerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen mit nur einem Auge, einen alten messingnen Türgriff, ein Hundehalsband ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes, wackeliges Stück Fensterrahmen, Dazu war er lustig und guter Dinge, brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die ganze Zeit über und hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm lieb war. Der Zaun wurde nicht weniger als dreimal vollständig überpinselt, und wenn die Tünche im Eimer nicht ausgegangen wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen Jungen des Dorfes bankrott gemacht.

Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und öde vor. Ohne es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um das Begehren eines Menschen, sei er nun erwachsen oder nicht, – das Alter macht in dem Fall keinen Unterschied – also, um eines Menschen Begehren nach irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das Erlangen dieses »etwas« schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der Schreiber dieses Buches, er hatte daraus gelernt, wie der Begriff vonArbeiteinfach darin besteht, daß man etwas tunmuß, daß dagegen Vergnügen das ist, was man freiwillig tut. Er würde verstanden haben, warum künstliche Blumen machen oder in einer Tretmühle gehen »Arbeit« heißt, während Kegelschieben im Schweiße des Angesichts oder den Montblanc erklettern lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese Widersprüche in der menschlichen Natur!

Drittes Kapitel. Tom verliebt sich.

Inhaltsverzeichnis

Tom erschien vor Tante Polly, die am offenen Fenster eines Hinterzimmers saß, das Schlaf-, Wohn-, Eßzimmer, Bibliothek, alles in sich vereinigte. Die balsamische Sommerluft, die friedliche Ruhe, der Blumenduft, das einschläfernde Summen der Bienen, alles hatte seine Wirkung auf sie ausgeübt, – sie war über ihrem Strickstrumpf eingenickt in Gesellschaft der Katze, die auf ihrem Schoße friedlich schlummerte. Die Brille war zur Sicherheit ganz auf den alten, grauen Kopf geschoben. Sie war fest überzeugt gewesen, daß Tom längst durchgebrannt sei und wunderte sich nun nicht wenig, als er sich jetzt so furchtlos ihrer Macht überlieferte.

»Darf ich jetzt gehen und spielen, Tante?« fragte er.

»Was – schon? Ei, wie weit bist du denn?«

»Fertig, Tante.«

»Tom, schwindle nicht, du weißt, das kann ich nicht vertragen.«

»Gewiß und wahrhaftig, Tante, ich bin fertig.«

Tante Polly schien nur wenig Zutrauen zu der Angabe zu hegen, denn sie erhob sich, um selbst nachzusehen; sie wäre froh und dankbar gewesen, hätte sie nur zwanzig Prozent von Toms Aussage bestätigt gefunden. Als sie aber nun den ganzen Zaun getüncht fand und nicht nur so einmal leicht überstrichen, sondern sorgsam mit einer festen, tadellosen Lage Tünche versehen, da kannte ihr Erstaunen, ihre freudige Ver-und Bewunderung keine Grenzen.

»Na, so was!« stieß sie fast atemlos hervor. »Arbeitenkannstdu, wenn du willst, Tom, das muß dir dein Feind lassen. Selten genug freilich willst du einmal«, schwächte sie ihr Kompliment ab. »Aber nun geh und spiel, mach dich flink fort. Daß du mir aber vor Ablauf einer Woche wiederkommst, hörst du, sonst gerb ich dir das Fell doch noch durch!«

Sie war aber so gerührt von seiner Heldentat, daß sie ihn zuerst noch mit in die Speisekammer nahm und einen herrlichen, dicken, rotbackigen Apfel auslas, den sie ihm einhändigte, daran den salbungsvollen Hinweis knüpfend, wie Verdienst und ehrliche Anstrengung den Genuß einer Gabe erhöhe, die man als Lohn der Tugend erworben, nicht durch sündige Tücke. Und während sie die Predigt mit einer ebenso passend als glücklich gewählten Schriftstelle schloß, hatte Tom hinterrücks ein Stückchen Kuchen stibitzt, um sich den Lohn der Tugend wie der Errungenschaft sündiger Tücke ganz gleich gutschmecken zu lassen.

Dann schlüpfte er hinaus und sah gerade, wie Sid die Außentreppe, die zu dem Hinterzimmer des zweiten Stocks führte, hinaufhuschte, Erdklumpen waren zur Hand und im Moment war die Luft voll davon. Sie flogen um Sid wie ein Hagelwetter, und ehe noch Tante Polly ihre überraschten Lebensgeister sammelte oder zu Hilfe kommen konnte, hatten sechs oder sieben ihr Ziel getroffen, Sid brüllte und Tom war über den Zaun gesetzt und verschwunden. Es gab freilich auch ein Tor, aber für gewöhnlich konnte es Tom aus Mangel an Zeit nicht benutzen. Nun hatte seine Seele Ruhe, jetzt hatte er abgerechnet mit Sid und ihm die Verräterei mit dem schwarzen Zwirn heimgezahlt. Der würde ihn nicht so bald wieder in Ungelegenheiten zu bringen wagen!

Tom schlich auf Umwegen hinter dem Stalle, um Haus und Hof herum, bis er außer dem Bereich der Gefangennahme und Abstrafung war, dann setzte er sich eiligst nach dem Hauptplatz des Dorfes in Trab, wo der Verabredung gemäß zwei feindliche Heere sich eine Schlacht liefern sollten. Tom war General der einen Armee, Joe Harper, sein Busenfreund, General der zweiten. Die beiden ruhmgekrönten, großen Anführer ließen sich aber nicht zum Fechten in Person herbei; bewahre, ganz nach berühmten Mustern sahen sie nur von ferne zu, von irgendeiner Erhöhung herab und leiteten die Bewegungen der kämpfenden Heere durch Befehle, welche Adjutanten überbringen mußten. Nach langem, heißem Kampfe trug Toms Schar den Sieg davon. Nun wurden die Toten gezählt, Gefangene ausgetauscht, die Bedingungen zum nächsten Streit vereinbart und der Tag für die daraus notwendig sich ergebende Schlacht festgesetzt, die Armeen lösten sich auf und Tom marschierte allein heimwärts.

Als er am Hause des Bürgermeisters vorüberkam, sah er ein fremdes kleines Mädchen im Garten, ein liebliches, zartes, blauäugiges Geschöpf mit langen gelben, in zwei dicke Schwänze geflochtenen Haaren, weißem Sommerkleid und gestickten Höschen. Der ruhmgekrönte Held fiel ohne Schuß und Streich. Eine gewisse Anny Lorenz verschwand aus seinem Herzen, ohne auch nur einen Schatten ihrer selbst zurückzulassen. Tom hatte seine Liebe zu besagter Anny für verzehrende Feuersglut gehalten und nun war es nur noch ein leise flackerndes, verlöschendes Flämmchen, Monate lang hatte er um sie geworben, vor einer Woche erst hatte sie ihm ihre Gegenliebe gestanden, sieben Tage lang war er der stolzeste, glücklichste Junge des Städtchens gewesen und jetzt – im Umdrehen hatte sie sich empfohlen aus seinem Herzen, wie irgendein fremder Besuch, dessen Zeit um ist.