Gespenster-Krimi 75 - Simon Borner - E-Book

Gespenster-Krimi 75 E-Book

Simon Borner

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Beschreibung

Erinnerungen fluteten seinen erwachenden Geist wie Blut. Er sah die mysteriöse Einladung wieder, das verlassene Anwesen und seine Gefährten. Er sah die perversen Fallen, die einen von ihnen nach dem anderen in den Tod rissen - das bizarre Spiel eines unsichtbaren Genies. Und er sah das Gas, das ihm vorhin die Sinne geraubt hatte. Das Gas hatte ihn nicht getötet. "Mein perverser Gastgeber möchte offenbar, dass ich auch das nächste Element dieser Nacht des Grauens miterlebe", folgerte er. Einen Herzschlag später kehrte die Welt vor seinen Augen endgültig zurück, und Sherlock Holmes sah jenes Element aus nächster Nähe. Denn die tickende Zeitbombe stand direkt vor ihm ...

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Seitenzahl: 157

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Inhalt

Cover

Der Schrecken von Crannock Hall

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Special

Vorschau

Impressum

Der Schrecken von Crannock Hall

von Simon Borner

Erinnerungen fluteten seinen erwachenden Geist wie Blut. Er sah die mysteriöse Einladung wieder, das verlassene Anwesen und seine Gefährten. Er sah die perversen Fallen, die einen von ihnen nach dem anderen in den Tod rissen – das bizarre Spiel eines unsichtbaren Genies. Und er sah das Gas, das ihm vorhin die Sinne geraubt hatte.

Das Gas hatte ihn nicht getötet.

»Mein perverser Gastgeber möchte offenbar, dass ich auch das nächste Element dieser Nacht des Grauens miterlebe«, folgerte er.

Einen Herzschlag später kehrte die Welt vor seinen Augen endgültig zurück, und Sherlock Holmes sah jenes Element aus nächster Nähe.

Denn die tickende Zeitbombe stand direkt vor ihm ...

Beginnen wir mit einem Geständnis: Die Forschung begegnet dem nachfolgenden Manuskript mit großer Skepsis – und dafür gibt es berechtigte Gründe! Tatsächlich spricht vieles gegen seine Echtheit, angefangen von den Umständen, unter denen es gefunden wurde.

Beginnen wir dort, bei den Umständen: Wir wissen, dass eine nach Frankreich verheiratete Irmelda de Erlett, geborene Hudson, diesen Text dem British Museum vermacht hat. Sie gab an, ihn im Nachlass ihrer verstorbenen Tante gefunden zu haben. Belege dafür existieren allerdings nicht.

Außerdem wissen wir, dass das Manuskript im Londoner Museum ankam, nachdem erwähnte Madame de Erlett durch Suizid aus dem Leben schied. Die Kuratoren der Museumsbibliothek dachten zunächst an einen schlechten Scherz, als sie mit der Lektüre des Textes begannen. Unzweifelhaft ist, dass einer von ihnen – der eigentlich hoch angesehene Sir Harold T. Rimmer von der National Theosophy Foundation – kurze Zeit später sein Amt niederlegte ... und seitdem spurlos verschwunden ist.

Ja, es gibt Gründe für Skepsis.

Doch diese gelten auch für den Inhalt der folgenden Seiten. Ihm will ich mich nun widmen.

Dr. John H. Watson hat viele seiner Erlebnisse mit Londons erstem beratendem Detektiv Sherlock Holmes schriftlich festgehalten, das ist kein Geheimnis. Und, ja: Holmes und Watson lebten zu der hier behandelten Zeit tatsächlich in einem Haus in der Baker Street, das von der erwähnten Tante der Irmelda de Erlett bewirtschaftet wurde.

Manche Werke aus Dr. Watsons Feder wurden darüber hinaus zur Jahrhundertwende in Magazinen veröffentlicht. Es kann also durchaus sein, dass neben den bekannten und publizierten Texten auch unveröffentlichte Manuskripte aus Watsons Feder existieren und einer Entdeckung durch die Wissenschaft harren. »Der Schrecken von Crannock Hall« mag ein solches unveröffentlichtes Werk sein.

Allerdings: Schon allein der Schreibstil gibt Anlass zum Zweifel. Watsons bekannte Texte waren in der Ich-Form verfasst, schilderten die Erlebnisse also aus der Sicht des verlässlichen Mediziners selbst. Der »Schrecken von Crannock Hall« bricht zumindest in Teilen mit dieser Routine. Auch erscheint dem Kenner der Materie so manche Figurenzeichnung ungewöhnlich harsch, und Watsons sonst so nüchterne Sprache schweift hier mitunter ins nahezu Plakative ab. Watson – ein Effekthascher?

Auch die Erzählung an sich lässt zweifeln. Ich gestehe, dass ich, da ich diese einleitenden Zeilen verfasse, noch nicht zum Ende des Manuskripts vorgedrungen bin. Doch die bereits gelesenen Schilderungen haben für mich wenig mit den bekannten Fällen des Sherlock Holmes gemeinsam, in denen sich selbst die phantastischsten Elemente stets auf eine logische und ganz und gar irdische Weise erklären ließen. Der »Schrecken von Crannock Hall« wirkt da eher übernatürlich – um nicht zu sagen: höllisch –, und auch das spricht nicht nur in meinen Augen gegen die Echtheit des vorliegenden Manuskripts.

Jedoch: Nicht meine Meinung soll in dieser Angelegenheit entscheiden. Ich publiziere den gefundenen Text bereits jetzt – und in der hehren Hoffnung, dass sich parallel zu mir auch weitere Experten seiner annehmen mögen. Ihren fachlichen Rat und ihre Sachkenntnis will ich erbitten, bevor ich dem British Museum mein abschließendes Urteil mitteile.

Von daher: Entscheiden Sie selbst, geneigte Leserinnen und Leser. Ist der »Schrecken von Crannock Hall« – trotz aller Elemente des Horrors und der Phantastik – ein originäres, echtes Abenteuer des wohl größten Detektivs unseres Königreichs? Oder will uns ein leidlich talentierter Fälscher hier den wohl größten Bären der Literaturgeschichte aufbinden?

Ich weiß es nicht. Noch nicht.

Doch die Wahrheit steckt irgendwo auf den nachfolgenden Seiten. Und, bei Gott, ich werde sie finden.

gez. Prof. Titus Armitage

Kapitel 1

Die Nacht der lebenden Toten

Die Hand des Untoten war kälter als eine Winternacht am Nordpol. Ich schrie auf, als sie meine Schulter berührte, und wirbelte entsetzt herum. Wie hatte ich so unvorsichtig sein können? Ich hatte die Kreatur in meinem Rücken gar nicht kommen hören – und jetzt wurde meine Unachtsamkeit vielleicht zu meinem Verhängnis.

»Watson!«, rief Sherlock Holmes warnend.

Ich sah ihn nicht länger. Mein alter Freund war irgendwo in den Schatten dieser verlassenen Opiumhöhle, in die unsere Ermittlungen uns geführt hatten, und wir hatten uns im Eifer des Gefechts aus den Augen verloren. Hier, wo man kaum die Hand vor Augen sah, fiel das erschreckend leicht.

Den wandelnden Leichnam sah ich aber sehr genau. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als mir seine grässlichen Züge gewahr wurden. Die Kreatur hatte eine leichenblasse Visage, in der eitrige Wunden und Geschwüre klafften. Ihr Maul – anders kann ich es nicht nennen – war wie ein dunkler Schlitz. Jenseits der fahlen Lippen registrierte ich faule, wacklige Zähne, und ein modriger Atem schlug mir entgegen. Das Schlimmste jedoch waren ihre Augen.

Dieses Wesen hatte Augen, in denen Höllenfeuer loderten. Und ihr unheiliger Blick haftete direkt auf mir!

»Haaaaaaaccchhh«, zischte die grässliche Gestalt.

Ihr Griff an meiner Schulter war unerbittlich, und ich spürte, wie ich mich nahezu hypnotisch in ihren Feueraugen verlor. Der Anblick dieser bizarren Flammen, verbunden mit dem Schrecken in meinen Gliedern, lähmte mich fast.

Aber zum Glück nur fast. Mit den instinktiven Reflexen eines ehemaligen Kriegers der Krone riss ich den Revolver in die Höhe, der in meiner Manteltasche geruht hatte. Ich richtete den Lauf auf die Stirn meines Angreifers. Es geschah beinahe wie von selbst.

Die Kreatur hob ungerührt die zweite Hand. Spitze Krallenfinger trachteten nach mir.

Dann drückte ich ab.

Der Revolver klickte leise, ansonsten geschah nichts.

Abermals zog ich am Abzug. Panik stieg in mir auf. Ich begriff, dass das elende Ding mir den Dienst verweigern wollte – ausgerechnet jetzt in größter Not!

Der Untote packte mich nun auch mit der zweiten Hand. Seine Krallen schlugen mühelos durch den Stoff, bohrten sich mir ins Fleisch. Großer Gott, er zog mich näher zu sich! Näher zu diesen flammenden Augen!

Ich konnte nichts dagegen tun. Dieses unheilige Monstrum war stärker als ein Ochse.

Wieder drückte ich ab. Dann zum vierten Mal. Zum fünften.

Nichts geschah.

Absolut gar nichts.

Das ist das Ende, zuckte es mir durch den Kopf.

Das Ungeheuer aus den Schatten öffnete sein grässliches Maul. Die entsetzlichen Augen waren nur noch Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich spürte die Hitze ihrer Feuer auf der Haut. Es war vorbei, alles war vorbei.

Und dann ...

Holmes brach aus den Schatten wie ein Racheengel aus finsterster Nacht. Plötzlich war er da, direkt hinter meinem Angreifer, und schlug der Kreatur den Griff seines eigenen Revolvers ins Genick. Der Untote keuchte hörbar und ging direkt zu Boden.

»Kommen Sie, Watson«, knurrte mein alter Freund. Er nahm meinen Arm mit dem nutzlos gewordenen Revolver und zog mich mit sanfter Bestimmtheit mit sich. »Verschwinden wir, solange wir es können. Das war nicht der Einzige dieser Gesellen hier unten, und ich fürchte, seine Kumpane sind nicht gut auf uns zu sprechen.«

Ich leistete keinerlei Widerstand. Wehrlos wie ein Kind ließ ich mich von ihm führen, und nahezu lautlos huschten wir durch den dunklen Opiumkeller. Wo waren die Laternen, die bei unserer Ankunft noch gebrannt hatten? Wer hatte ihr Licht so plötzlich gelöscht? Und wo, im Namen aller Heiligen, war dieser elende Ausgang? Ich hatte jegliche Orientierung verloren, und meine Nerven flatterten wie ein dünnes Tuch im Sturm.

Wir hatten vielleicht ein halbes Dutzend Schritte absolviert, als ein zweiter Untoter in unseren Weg trat. Auch er wirkte wie frisch dem Grabe entstiegen, und ein tiefes Raubtiergrollen drang aus seiner in Hautfetzen hängenden, blutigen Kehle.

Ich schrie, als ich seine Umrisse wahrnahm. Doch Sherlock Holmes zögerte keine Sekunde und setzte ihn mit einem gezielten Handkantenschlag außer Gefecht, sodass wir unsere Flucht fortsetzen konnten.

Nach weniger als einer Minute erreichten wir die rettende Treppe, weitere Sekunden später die Tür ins Freie. Erst als wir oben in der kleinen Seitengasse standen, wo der vertraute Lichtschein der Gaslaternen die Finsternis auf Abstand hielt, blieb mein alter Begleiter stehen.

»Geht es Ihnen gut, Watson?«, fragte er, und sein sorgenvoller Blick ruhte auf mir. »Ich hatte die Situation falsch eingeschätzt, fürchte ich. Sie hätten mich nie und nimmer hierher begleiten dürfen.«

»Holmes«, erwiderte ich keuchend. Meine Hände zitterten, und ich klammerte mich mit ihnen an das Revers meines Anzugs, als könnte ich dort Zuflucht finden – vor einer Welt, die ich nicht länger wiedererkannte. »Was ... Was waren das für Ungeheuer? Wo, in Gottes Namen, sind wir hingeraten? Ich ... Ich ...«

Nach dem Revolver versagte nun auch mein Wortschatz. Es gab schlicht keine Worte für das Grauen, das ich empfand. Die Bilder dieser grässlichen Kreaturen hafteten an mir wie Schmutz auf meiner Seele. Und die Wesen selbst ...

Erschrocken drehte ich mich um. Die Tür, durch die wir geflohen waren, stand noch immer offen. Jeden Augenblick mochten unsere dämonischen Verfolger erneut angreifen!

»Holmes!«, stieß ich aus, pures Entsetzen in der Stimme. Mein zitternder Arm deutete auf den offenen Eingang. »Die Tür!«

»Ist schon in Ordnung, alter Freund«, sagte Holmes beruhigend. »Keine Angst.«

Doch in seinem Tonfall lag ein Unterton, den ich nicht einzuschätzen vermochte. War das Angst? Oder gar Reue?

Wir gingen zur Hauptstraße, die in dichtem Nebel lag. Die Droschke, die uns vor einer gefühlten Ewigkeit hergebracht hatte, wartete noch immer an der Ecke.

»Alles erledigt, Mister Holmes?«, fragte Toby, der Alte auf dem Kutschbock.

»Alles erledigt, Toby«, antwortete Holmes – sehr zu meinem Erstaunen. »Wir können zurückfahren. Nach Hause.«

Verwirrt ließ ich mich von ihm in die geschlossene Kabine bugsieren.

»Aber Holmes«, sagte ich, »dieser Keller ... Unser eigentlicher Auftrag ... Wir müssen die Behörden unverzüglich informieren und ... Grundgütiger, vielleicht müssen wir sogar die Kirche von unseren Beobachtungen unterrichten! Diesen Kreaturen mag mit irdischen Mitteln allein nicht beizukommen sein. Und wenn wir warten, bekommen sie noch mehr Chancen, sich unbemerkt in der Stadt auszubreiten!«

Mein Begleiter nickte geduldig. Doch es war die Geduld, die ein Vater mit begriffsstutzigen Kindern aufbringen mochte – nicht die Art, die verständnisvolle Freunde einander schenkten. »Das werden wir, Watson«, sagte er traurig. »Machen Sie sich keine Gedanken. Das werden wir.«

Ich seufzte hilflos. Als die Droschke endlich anfuhr, lehnte ich mich in meinem Sitz zurück und schloss kurz die Augen. Dass der Schlaf mich umgehend übermannte, begriff ich erst, als ich ihm nach Stunden wieder entkam. Und selbstverständlich sah ich im Traum die Kreaturen der Hölle wieder. Mir war, als würde ich sie von nun an jede Nacht sehen müssen – bis ans Ende meiner verbliebenen Tage.

»Ich fasse es nicht«, staunte Inspector Lestrade. »Der Carlisle-Diamant, intakt und unversehrt. Mister Holmes, Sie sehen mich sprachlos!«

Wir befanden uns in unserem Salon in der Baker Street 221b. Ich hatte soeben die Augen geöffnet, und sah mich nun ein wenig orientierungslos um. Wie, in aller Welt, war ich hierhergekommen? Und warum fiel plötzlich Sonnenschein durch die Fenster?

»Wäre dem so, Inspektor, hätte Ihre Verblüffung wohl kaum unseren gemeinsamen Freund aufgeweckt«, tadelte Sherlock Holmes. Er stand neben Lestrade, einen hühnereigroßen Edelstein auf der ausgestreckten Handfläche. Nun kam er auf mich zu. »Watson! Ich bedaure, dass wir Sie Ihrem tiefen Schlummer entrissen haben. Sie brauchten offenbar eine gehörige Portion Ruhe und Frieden, um sich von den Ereignissen der vergangenen Nacht zu erholen. Wie fühlen Sie sich nun?«

Ich blinzelte verwirrt. Das Zimmer war mir so vertraut wie die beiden Männer, die mir gegenüberstanden. Dennoch fühlte ich mich fremd. Und warum hämmerte dieser seltsame Schmerz zwischen meinen Schläfen?

»Wie ein Mann, dessen Hirn stundenlang ausgeschaltet war«, antwortete ich ehrlich und erhob mich aus dem bequemen Kaminsessel. »Und der absolut nichts mehr versteht. Holmes, wo, in aller Welt, haben Sie den Carlisle her? Und weshalb ist Lestrade hier bei uns und nicht auf der Jagd nach diesen wandelnden Toten?«

»W...wandelnde Tote?«, stutzte der Mann von Scotland Yard.

Inspector Gregory Lestrade war kein Feigling. Ich kannte den breitschultrigen Schnauzbartträger schon seit vielen Jahren. Er hatte das Herz am rechten Fleck, wenn auch sein Grips mitunter zu wünschen übrig ließ.

Holmes lächelte. »Keine Sorge, Lestrade. Unser guter Doktor weiß nicht so ganz, wovon er spricht.«

»Wie bitte?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Es sollte entrüstet aussehen, fiel mir aber schwerer als gedacht. »Ich habe diese Kreaturen doch mit eigenen Augen gesehen, Holmes. Und Sie haben es ebenfalls. Wir wurden von ihnen überrascht, als wir in Fu Lings Opiumkeller nach dem gestohlenen Diamanten suchten, erinnern Sie sich etwa nicht? Wären Sie nicht gewesen, hätten sie mir einen grässlichen Tod bereitet.«

»Es stimmt«, erwiderte der Meisterdetektiv. »Wir waren in dem Keller in der Bleeker Street. Und ja, wir fanden dort den Diamanten. Aber die Schauergestalten, die Sie da beschreiben, gab es nur in Ihrer Phantasie, mein lieber Watson. Ich sagte Ihnen ja bereits, wie sehr ich es bedaure, Sie mitgenommen zu haben. Im Gegensatz zu mir sind Sie weitaus weniger resistent, wenn es um die Einflüsse des Opiums geht. Ich fürchte, die Dämpfe im Inneren des fensterlosen Kellers haben Ihren sonst so wachen Verstand gehörig vernebelt. Sie haben Ihnen Gespenster vorgegaukelt, wo nur grimmige Ganoven waren. Es gab keine wandelnden Leichen dort unten, mein alter Freund. Da waren einzig und allein Verbrecher – und wir sind ihnen mitsamt des Diebesguts entkommen!«

Hier reichte er den Diamanten endgültig an Inspector Lestrade weiter.

»Nehmen Sie ihn, Lestrade«, sagte er. »Richten Sie Lady Penelope aus, dass mich mein Scharfsinn auf die richtige Spur geführt hat. Sie kann ihren Butler ruhig wieder einstellen, denn er hatte mit dem Diebstahl nichts zu tun. Stattdessen sollte sie fortan lieber besser darauf achten, mit wem sie ihre, nun ja, eher fragwürdigen Geschäfte betreibt. Sie verstehen?«

Lestrade nickte. »Und ob. Vielen Dank, Mister Holmes. Und auch Ihnen, Doktor Watson. Sie waren Scotland Yard einmal mehr eine unschätzbar wertvolle Hilfe.«

Damit verschwand der schnauzbärtige Ermittler aus unserer guten Stube. Holmes schloss die Tür hinter ihm.

»Gespenster vorgegaukelt?«, wiederholte ich zweifelnd – und, ja, auch ein wenig anklagend. »Holmes, ist das Ihr Ernst? Ich weiß doch, was ich gesehen habe, Mann!«

Mein alter Freund schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Watson. Sie wissen, was Sie zu sehen glaubten. Das ist ein Unterschied.«

Er trat zur Kommode zwischen den beiden zur Straße weisenden Fenstern und entnahm ihr seine Stradivari. Neben dem hölzernen Instrument lagen auch seine eigene kleine Opiumpfeife und das metallene Kästchen mit den dazugehörigen Rauchwaren.

»Im Gegensatz zu mir kennen Sie Rauschmittel dieser Art nur im theoretischen Sinn«, erklärte er. »Sie wissen, welche Auswirkungen sie auf den menschlichen Körper haben, und Sie wissen, wie man diese Auswirkungen behandelt. Aber Sie hatten sie nahezu noch nie am eigenen Leib erlebt. Ich fürchte, dies hat sich letzte Nacht geändert. Ehrlich gesagt, hätte ich das kommen sehen müssen. Es war naiv von mir, anzunehmen, Ihr Körper könne dem Qualm in Fu Linghs Keller ebenso gut widerstehen wie der meine. Es tut mir sehr leid.«

»Dann ...« Ich runzelte die Stirn, blinzelte abermals. Der dröhnende Schmerz hinter meiner Stirn ebbte allmählich ab, und zurück blieben ein trockener Geschmack im Mund ... und die unangenehme Gewissheit, dass ich mich bis auf die Knochen blamiert hatte. »Dann waren da gar keine Untoten?«

Holmes᾽ Mundwinkel zuckten amüsiert. »Was nicht existiert«, antwortete er, »kann uns auch nicht begegnen, Watson. Das ist reine Logik. Es gibt keine Zombies. Jedenfalls nicht außerhalb von Schauergeschichten und ähnlichem Schund. Ihre Phantasie ging mit Ihnen durch, als das Opium nach Ihrem Verstand griff. Das ist die Wahrheit – und auch die einzig logische Erklärung für das, was Sie zu sehen glaubten. Sie wissen ja, was ich immer sage.«

»Wenn man das Unmögliche abzieht«, zitierte ich ihn, »ist das, was allein übrig bleibt, unter allen Umständen die einzig gültige Wahrheit. Denn das Unmögliche ist, wie schon der Name sagt, schlicht und ergreifend unmöglich.«

Er nickte. »Wir leben in einer wilden Welt, Watson. Doch sie fußt auf Naturgesetzen. Auf Wissenschaft und dem ewigen Gleichgewicht zwischen Aktion und Reaktion. Für Übersinnliches und Paranormales ist darin kein Platz. Wäre dem anders, hätten wir es nach Tausenden von Jahren der Menschheitsgeschichte längst bemerkt.«

»Und all diese Meldungen von Geistersichtungen und Spukschlössern, die man mitunter in der Zeitung liest?«

Nun lachte er laut. »Sind selbstverständlich Räuberpistolen, weiter nichts. Phänomene, die sich samt und sonders rational erklären ließen, wenn man nur genau hinsehen würde. Doch leider, leider können Sie und ich nicht überall sein, um dies zu tun.« Er zwinkerte mir zu. Dann setzte er die Stradivari an und spielte.

Ich ließ ihn gewähren. Ich kannte meinen langjährigen Mitbewohner gut und wusste, dass er ungestört sein wollte, wenn er zur Geige griff – oder, leider, auch mitunter zur Opiumpfeife.

Stattdessen setzte ich mich zurück in meinen Sessel und dachte nach. Holmes hatte natürlich vollkommen recht: Es gab keine Gespenster. Wir selbst hatten dies mit eigenen Augen bestätigt gesehen, als wir uns damals dieser rätselhaften Sache im Moor annahmen. Der angebliche Höllenhund, der das Anwesen der Baskervilles in Angst und Schrecken versetzte, hatte sich als durch und durch irdisches Tier herausgestellt – als was auch sonst?

Und doch: Vergangene Nacht in Fu Linghs verfluchtem Kellerloch ...

Ich war tatsächlich felsenfest davon überzeugt, wandelnde Tote zu sehen, gestand ich mir in Gedanken. Obwohl ich ein Mann der Wissenschaft bin. Obwohl ich genau weiß, was echt ist und was nicht.

Die Erkenntnis erschreckte mich. Ich verlor die Herrschaft über meinen Verstand ausgesprochen ungern, und wenngleich ich Holmes den Ausflug in die »Höhle des asiatischen Löwen« kein bisschen übel nahm, bedauerte ich doch, dass sie mir – und sei es auch nur kurzzeitig – so übel mitgespielt hatte.

Mein alter Freund spielte weiter. Die Klänge der Stradivari lullten mich ein, und ich beruhigte mich wieder. Schweigend griff ich nach der aktuellen Ausgabe der Times, schlug sie auf und las eine Weile lang. Der Fall, mit dem Lestrade und die bestohlene Lady Penelope uns beauftragt hatten, war abgeschlossen, und wie ich aus Erfahrung wusste, würde es dauern, bis sich der nächste ankündigte. Ich hatte alle Zeit der Welt.

Wie sehr ich mich da irrte, bewies mir das Schicksal kaum eine halbe Stunde später.

»Mister Holmes?«, erklang ein brüchiges Stimmchen. Gleichzeitig klopfte es laut an unsere Tür. »Doktor Watson?«

Holmes ließ die Geige sinken. »Ja doch, Mrs. Hudson!«, schimpfte er. »Wir sind hier. Reißen Sie nicht gleich die Tür ein, bitte sehr.«

Er öffnete ihr mit sichtlich schlechter Laune. Ein Sherlock Holmes ließ sich ausgesprochen ungern stören.

Mrs. Hudson, unsere langjährige Vermieterin, hielt einen Briefumschlag in der Hand. Ihr graues Haar umrahmte ihr schmales Gesicht, und die Schürze, die sie trug, wies rote Flecken auf. Vermutlich machte sie gerade Marmelade ein.