Geteilt durch Null - Ted Chiang - E-Book
NEUHEIT

Geteilt durch Null E-Book

Ted Chiang

2,0

Beschreibung

Geteilt durch Null ist ein Erzählband, der dich dazu bringt, nachzudenken, dich mit den großen Fragen des Lebens zu beschäftigen und dich menschlicher zu fühlen. Die höchste Spielart der Science-Fiction." Barack Obama In dieser meisterhaften Sammlung vermischt der mit allen wichtigen SF-Preisen ausgezeichnete Autor Ted Chiang menschliche Emotionen und wissenschaftlichen Rationalismus in acht Geschichten, alle in seiner für ihn typischen präzisen und evokativen Prosa erzählt vom babylonischen Turm, der die Erde mit dem Firmament darüber verbindet, zu einer Welt, in der Engelsbesuche ein wundersamer, wenn auch furchteinflößender Teil des Alltagslebens sind; von einer neuronalen Modifikation, die den Reiz der physischen Schönheit eliminiert, zu einer fremden Sprache, die unsere Wahrnehmung von Zeit und Realität herausfordert: Chiangs brillante Fantasie lädt uns ein, unser Verständnis des Universums und unseren Platz in ihm zu hinterfragen. Enthält die Erzählung "Geschichte deines Lebens", die Vorlage für den oscarnominierten SF-Blockbuster Arrival.

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Seitenzahl: 475

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Ted Chiang

Aus dem Englischenvon molosovsky und Karin Will

Die Originalausgabe dieses Sammelbandes erschien 2016 unter dem Titel »Story of your life and others« bei Vintage Books, a division of Penguin Random House LLC, New York, and distributed in Canada by Random House of Canada, a division of Penguin Random House Canada Limited, Toronto. Originally published in the United States by Tor Books, an imprint of Macmillan Publishers, New York, in 2002.

Copyright © 2002 by Ted Chiang

All rights reserved.

Die Storys dieses Sammelbandes erschienen in anderer Zusammensetzung 2014 bzw. 2017 unter dem Titel Das wahre Wesen der Dinge bzw. Arrival – Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes im Golkonda Verlag.

Bitte beachten Sie auch das Quellenverzeichnis auf Seite 360.

Die Übersetzungen im Einzelnen:

Verstehen, Geteilt durch null, Zweiundsiebzig Buchstaben, Die Evolution

menschlicher Wissenschaft: Karin Will

Der Turmbau zu Babel, Geschichte deines Lebens, Die Hölle ist die Abwesenheit

Gottes: molosovsky

Die Wahrheit vor Augen: Michael Plogmann

Anmerkungen zu den Geschichten: Jakob Schmidt

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

1. eBook-Ausgabe 2020

© dieser überarbeiteten und durch die Anmerkungen des Autors ergänzten

Neuausgabe 2020 Golkonda Verlag in Europa Verlage GmbH, München

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Satz und Innengestaltung: Danai Afrati

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-96509-038-5

Alle Rechte vorbehalten.

www.golkonda-verlag.de

INHALTSVERZEICHNIS

Der Turmbau zu Babel

Verstehen

Geteilt durch null

Geschichte deines Lebens

Zweiundsiebzig Buchstaben

Die Evolution menschlicher Wissenschaft

Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes

Die Wahrheit vor Augen

Anmerkungen zu den Geschichten

Quellenverzeichnis

Läge der Turm der Länge nach auf der Ebene von Shinar, würde man zu Fuß von einem Ende zum anderen zwei Tagesreisen benötigen. Doch da der Turm aufrecht steht, dauert es einen ganzen Monat, um von seinem Sockel bis zur Spitze emporzusteigen – wenn man denn nichts tragen musste. Aber nur wenige Menschen besteigen den Turm mit leeren Händen; das Tempo der meisten wird von Karren mit Steinen bestimmt, die sie hinter sich herziehen. Vier Monate vergehen zwischen dem Tag, an dem die Ziegel auf die Karren verladen werden, und dem Tag, an dem sie abgeladen werden, um ein Teil des Turmes zu werden.

Hillalum hatte sein ganzes Leben in Elam verbracht, und Babylon war ihm lediglich als Abnehmer von elamischem Kupfer bekannt. Die Kupferbarren wurden auf Booten transportiert, den Karun hinab zum Golf des Dscham und dann den Euphrat hinauf. Hillalum und die anderen Bergarbeiter reisten über Land, zusammen mit einer Handelskarawane schwer beladener Onager. Sie folgten einem staubigen Pfad, der von der Hochebene hinabführte und über die Steinwüste zu den grünen Feldern, die von Kanälen und Dämmen unterteilt waren.

Keiner von ihnen hatte den Turm jemals gesehen. Er wurde sichtbar, als sie noch viele Wegstunden von ihm entfernt waren: eine Linie so dünn wie eine Flachsfaser, die in der schimmernden Luft zitterte und sich aus der Lehmkruste Babylons erhob. Während sie sich näherten, wuchs die Kruste zu mächtigen Stadtmauern empor, doch alles, was sie sahen, war der Turm. Als sie den Blick schließlich auf die Flussebene senkten, bemerkten sie die Spuren, die der Turm außerhalb der Stadt hinterlassen hatte: Der Euphrat floss am Grunde eines weiten, tief liegenden Bettes, das zur Gewinnung von Lehm für Ziegel ausgehoben worden war. Südlich der Stadt waren Reihe um Reihe von Brennöfen zu erkennen, die nicht mehr brannten.

Während sie sich den Stadttoren näherten, erschien der Turm gewaltiger als alles, was Hillalum sich je vorgestellt hatte: eine einzelne Säule, deren Umfang so groß sein musste wie ein ganzer Tempel, und die dennoch so hoch aufragte, dass sie sich in der Ferne verlor. Sie alle gingen mit in den Nacken gelegtem Kopf und blinzelten in die Sonne.

Hillalums Freund Nanni stieß ihn, von Ehrfurcht ergriffen, mit den Ellenbogen an. »Da sollen wir hinauf? Bis zur Spitze?«

»Nach oben klettern, um zu graben. Das scheint mir … unnatürlich.«

Die Bergarbeiter erreichten das Haupttor in der westlichen Mauer gerade in dem Moment, als eine andere Karawane die Stadt verließ. Während sie sich in den schmalen Schattenstreifen drängten, den die Mauer warf, rief Beli, ihr Vorarbeiter, den auf den Wachtürmen stehenden Bewaffneten zu: »Wir sind die Bergarbeiter, die aus dem Lande Elam gerufen wurden.«

Die Torwächter waren sichtlich erfreut. Einer rief zurück: »Seid ihr diejenigen, die sich durch das Himmelsgewölbe graben sollen?«

»Das sind wir.«

Die ganze Stadt feierte. Begonnen hatte das Fest vor acht Tagen, als die letzten Ziegel auf den Weg geschickt worden waren, und es würde noch zwei Tage währen. Tag und Nacht jubelte die Stadt, tanzte und schmauste.

Die Ziegelbrenner schlossen sich den Karrenziehern an – Männer, die so oft auf den Turm gestiegen waren, dass sie Beinmuskeln so dick wie kleine Baumstämme hatten. Jeden Morgen machte sich ein Trupp auf den Weg nach oben; vier Tage stiegen sie hinauf, übergaben ihre Ladung der nächsten Kolonne und kehrten am fünften Tag mit leeren Karren in die Stadt zurück. Eine Kette solcher Gruppen reichte bis zur Spitze des Turmes, doch nur die unterste Mannschaft feierte zusammen mit der Stadt. Jenen, die auf dem Turm lebten, war zuvor genug Wein und Fleisch gebracht worden, damit das Fest sich die gesamte Säule hinauf erstrecken konnte.

Am Abend saßen Hillalum und die anderen Bergarbeiter aus Elam auf Tonstühlen an einer langen Tafel voller Essen – einer Tafel unter vielen, die über den ganzen Marktplatz verteilt waren. Die Bergarbeiter unterhielten sich mit den Karrenziehern und stellten Fragen über den Turm.

»Jemand hat mit erzählt«, sagte Nanni, »dass die Maurer, die an der Spitze des Turmes arbeiten, jammern und sich die Haare raufen, wenn sie einen Stein fallen lassen, denn es dauert vier Monate, um ihn zu ersetzen. Aber niemanden kümmert es, wenn ein Mensch in den Tod stürzt. Stimmt das?«

Einer der etwas redseligeren Karrenzieher, ein Mann namens Lugatum, schüttelte den Kopf. »O nein, das ist nur eine Geschichte. Eine ununterbrochene Karawane von Ziegeln bewegt sich den Turm hinauf; Tausende von Ziegelsteinen erreichen jeden Tag die Spitze. Im Vergleich zum Verlust eines Menschen ist der Verlust eines Steines nichts.« Er lehnte sich zu ihnen herüber. »Aber es gibt etwas, das sie höher schätzen als das Leben eines Menschen: eine Kelle.«

»Warum eine Kelle?«

»Wenn ein Maurer seine Kelle fallen lässt, kann er nicht mehr arbeiten, bis man ihm eine neue hochgebracht hat. Monatelang kann er das Essen, das er verzehrt, nicht verdienen, sodass er Schulden machen muss. Der Verlust einer Kelle ist ein Grund für lautes Wehklagen. Wenn aber ein Mann stürzt und seine Kelle zurückbleibt, sind die anderen insgeheim erleichtert. Der Nächste, der seine Kelle verliert, kann die überzählige verwenden und weiterarbeiten, ohne dass er Schulden machen muss.«

Hillalum war erschüttert, und einen hektischen Augenblick lang versuchte er zu zählen, wie viele Spitzhacken die Bergarbeiter mitgebracht hatten. Dann ging ihm ein Licht auf. »Das kann nicht stimmen. Warum nimmt man nicht Ersatzkellen mit nach oben? Verglichen mit all den Ziegeln, die hinaufgeschafft werden, ist ihr Gewicht nicht von Bedeutung. Und der Verlust eines Menschen hat bestimmt eine ernsthafte Verzögerung zur Folge, außer dort oben steht jemand bereit, der zu mauern versteht. Ohne einen solchen Ersatzmann müsste man warten, bis ein neuer von ganz unten heraufgeklettert ist.«

Die Karrenzieher lachten schallend. »Den können wir nicht an der Nase herumführen«, sagte Lugatum sichtlich erheitert. Er wandte sich Hillalum zu: »Ihr beginnt euren Aufstieg also, sobald das Fest vorbei ist?«

Hillalum nahm einen Schluck aus einer Bierschale. »Ja. Ich habe gehört, dass sich uns Bergarbeiter aus einem Land im Westen anschließen, aber ich habe sie noch nicht getroffen. Weißt du etwas über sie?«

»Ja, sie kommen aus einem Land, das man Ägypten nennt, aber sie fördern nicht Erz wie ihr. Sie bauen Steine ab.«

»Auch wir in Elam graben nach Steinen«, sagte Nanni, den Mund voller Schweinefleisch.

»Nicht so wie die. Die schneiden Granit.«

»Granit?« In Elam baute man Kalkstein und Alabaster ab, aber nicht Granit. »Bist du sicher?«

»Kaufleute, die nach Ägypten gereist sind, erzählen, dass es dort steinerne Türme und Tempel gibt, aus Kalkstein und Granit errichtet, und zwar aus großen Blöcken. Und sie haben dort riesige Granitstatuen.«

»Aber Granit ist so schwer zu bearbeiten.«

Lugatum zuckte mit den Achseln. »Nicht für die. Die königlichen Architekten glauben, dass solche Steinmetze sich als nützlich erweisen könnten, wenn ihr das Himmelsgewölbe erreicht.«

Hillalum nickte. Das könnte durchaus wahr sein. Wer mochte schon wissen, was sie brauchen würden? »Bist du ihnen schon begegnet?«

»Nein, sie sind noch nicht da, aber sie sollen in ein paar Tagen eintreffen. Vielleicht kommen sie erst an, wenn das Fest vorbei ist; dann werdet ihr Elamiter alleine hinaufsteigen.«

»Du wirst uns begleiten, stimmt’s?«

»Ja, aber nur die ersten vier Tage. Dann müssen wir zurückkehren, während ihr das Glück habt, weitergehen zu dürfen.«

»Warum ist das ein Glück?«

»Ich sehne mich danach, bis zur Spitze zu gelangen. Ich habe mal mit Trupps weiter oben Karren gezogen und eine Höhe von zwölf Tagesetappen erreicht, aber weiter bin ich nie gekommen. Ihr werdet viel höher steigen.« Lugatum lächelte wehmütig. »Ich beneide euch darum, dass ihr das Himmelsgewölbe berühren werdet.«

Das Himmelsgewölbe berühren. Es mit Spitzhacken aufbrechen. Bei dieser Vorstellung fühlte sich Hillalum äußerst unwohl. »Es gibt keinen Grund, uns zu beneiden …«, sagte er.

»Aber klar«, fiel ihm Nanni ins Wort. »Wenn wir fertig sind, werden alle Menschen das Himmelsgewölbe berühren.«

Am nächsten Morgen ging Hillalum los, um sich den Turm anzuschauen. Er stand auf dem riesigen Platz, der ihn umgab. Auf einer Seite erhob sich ein Tempel, der für sich genommen schon beeindruckend gewesen wäre, aber jetzt von niemandem mehr beachtet wurde.

Hillalum konnte geradezu spüren, wie massiv der Turm war. Es hieß, dass er so gebaut war, dass er jedem Zikkurat an Festigkeit weit überlegen war; er bestand zur Gänze aus gebrannten Ziegelsteinen, während man gewöhnliche Zikkurats lediglich aus in der Sonne getrockneten Lehmsteinen baute und gebrannte Ziegel nur für die Fassaden verwendete. Als Mörtel wurde Pech benutzt, das in den gebrannten Lehm eindrang und eine Verbindung schuf, die so hart war wie die Ziegel selbst.

Der Sockel des Turms glich den ersten beiden Stufen eines gewöhnlichen Zikkurats. Vor Hillalum ragte eine gewaltige quadratische Plattform von gut zweihundert Ellen Kantenlänge und vierzig Ellen Höhe auf, mit einer dreifachen Treppe an ihrer Südseite. Auf dieser ersten Stufe erhob sich eine weitere Ebene, eine kleinere Plattform, zu der nur die mittlere Treppe hinaufführte. Auf dieser zweiten Plattform ruhte der eigentliche Turm.

Wie eine quadratische Säule von sechzig Ellen Kantenlänge erhob er sich, und er schien das Gewicht des Himmels zu tragen. Eine langsam ansteigende Rampe, die in die Seite des Turms hineingemeißelt war, wand sich um die Säule, so wie der Lederriemen einer Peitsche um den Stiel. Nein; als Hillalum genauer hinsah, erkannte er, dass es zwei ineinander verwobene Rampen gab. Die äußere Seite der Rampen war mit breiten, jedoch nicht besonders dicken Säulen gesäumt, um Schatten zu spenden. Als er seinen Blick den Turm hinaufschweifen ließ, entdeckte er Streifen, die sich miteinander abwechselten – Rampe, Steine, Rampe, Steine –, bis er sie nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Und immer höher und höher erhob sich der Turm, viel weiter, als das Auge reichte; Hillalum blinzelte, kniff die Augen zusammen, und ihm wurde schwindlig. Er stolperte ein paar Schritte zurück und wandte sich mit Schaudern ab.

Hillalum musste an eine Geschichte denken, die ihm in seiner Kindheit erzählt worden war, über die Zeit nach der Sintflut. Sie handelte davon, wie die Menschen aufs Neue die Erde besiedelten und dabei mehr Land bevölkerten als jemals zuvor. Wie die Menschen zu den Rändern der Welt segelten und sahen, wie die Meere hinabstürzten in den Nebel, um sich tief unten mit den schwarzen Wassern des Abgrundes zu vereinen. Wie die Menschen daraufhin die Größe der Welt erkannten, sie für zu klein befanden und zu sehen begehrten, was jenseits der Grenzen lag — Jahwes Schöpfung in ihrer ganzen Weite. Wie sie himmelwärts schauten und sich Gedanken über Jahwes Heimstatt machten, die über den Speichern liegen mochte, in denen sich die Wasser des Himmels befanden. Und wie sie vor vielen Jahrhunderten begannen, den Turm zu errichten, eine Säule, die sich himmelwärts reckte, eine Treppe, die es den Menschen ermöglichen sollte, aufzusteigen und die Werke Jahwes zu betrachten, und auf der Jahwe würde herabsteigen können, um die Werke der Menschen zu sehen.

Diese Geschichte hatte Hillalum stets Ehrfurcht eingeflößt, eine Geschichte über Tausende von Menschen, die sich unablässig und doch mit Freuden abmühten, denn sie arbeiteten, um Jahwe näher zu sein. Als die Babylonier auf der Suche nach Bergarbeitern nach Elam kamen, war er begeistert gewesen. Nun jedoch, da er am Fuße des Turmes stand, begehrten seine Sinne auf und beharrten darauf, dass es nichts geben dürfe, was so hoch aufragte. Wenn er an dem Turm emporblickte, kam es ihm nicht mehr so vor, als stünde er auf der Erde.

Sollte er ein solches Gebilde besteigen?

Am Morgen des Aufstiegs war die zweite Plattform vollständig mit Reihen zweirädriger Karren bedeckt. Viele davon waren mit nichts als Essen beladen: Säcken mit Gerste, Weizen, Linsen, Zwiebeln, Datteln, Gurken, Brotlaibern und getrocknetem Fisch. Es gab unzählige große Tonkrüge mit Wasser, Dattelwein, Bier, Ziegenmilch und Palmöl. Andere Karren waren mit Waren beladen, wie sie in einem Basar gehandelt wurden: Bronzegefäße, Flechtkörbe aus Schilfrohr, Ballen mit Leinen, Stühle und Tische aus Holz. Auch gab es einen gemästeten Ochsen und eine Ziege, denen einige Priester Hauben über den Kopf stülpten, damit die Tiere nicht nach links oder rechts schauen konnten und Angst vor dem Aufstieg bekamen. Sie würden geopfert, sobald der Zug die Spitze erreichte.

Dann waren da Karren, die mit Hämmern, Spitzhacken und allem Nötigen für eine kleine Schmiede beladen waren. Ihr Vorarbeiter hatte auch für eine Anzahl Karren mit Holz und Schilfrohrbündeln gesorgt.

Lugatum stand neben einem Karren und zurrte die Seile fest, die das Holz hielten. Hillalum ging zu ihm. »Von wo stammt dieses Holz? Ich habe keine Wälder gesehen, seit wir Elam verlassen haben.«

»Nördlich von hier gibt es einen Wald, den man gepflanzt hat, als man mit dem Turmbau begann. Das gefällte Holz wird mit Flößen den Euphrat hinuntergebracht.«

»Ihr habt einen ganzen Wald gepflanzt?«

»Als man anfing, den Turm zu errichten, wussten die Architekten, dass man mehr Holz zum Befeuern der Brennöfen brauchen würde, als sich in der Ebene finden ließ, also haben sie einen Wald anlegen lassen. Arbeiter kümmern sich um dessen Bewässerung, und es ist ihre Pflicht, für jeden gefällten Baum einen neuen zu pflanzen.«

Hillalum war verblüfft. »Und das reicht für all das Holz, das benötigt wird?«

»Für das meiste jedenfalls. Viele weitere Wälder im Norden sind gerodet und ihr Holz den Fluss hinabgebracht worden.« Lugatum besah sich die Räder des Karrens, entkorkte eine kleine Flasche, die er bei sich trug, und träufelte ein wenig Öl zwischen Rad und Achse.

Nanni kam zu ihnen und blickte hinunter auf die Straßen Babylons, die sich vor ihnen ausbreiteten. »So weit oben, um auf eine Stadt herabblicken zu können, war ich noch nie.«

»Ich auch nicht«, sagte Hillalum, doch Lugatum lachte nur.

»Kommt mit mir. Die Wagen sind bereit.«

Bald darauf wurden die Männer in Zweiergruppen jeweils einem Wagen zugeteilt. An jedem Karren gab es zwei Zugstangen mit Seilschlaufen, und die Männer standen zwischen den Stangen. Um ihr Tempo zu gewährleisten, wechselten sich die Karren der Bergarbeiter mit denen der gelernten Karrenzieher ab. Lugatum und ein weiterer Mann zogen den Wagen gleich hinter Hillalum und Nanni.

»Denkt daran«, sagte Lugatum. »Bleibt immer zehn Ellen hinter dem Karren vor euch. Der Mann rechts zieht alleine, wenn ihr um eine Ecke biegt, und ihr wechselt euch jede Stunde ab.«

Ein Karren nach dem anderen rollte die Rampe hinauf. Hillalum und Nanni knieten nieder und legten sich die Schlaufen ihres Wagens über die Schulter, der eine über die rechte, der andere über die linke. Dann richteten sie sich gleichzeitig auf und hoben das Vorderteil ihres Wagens an.

»Und jetzt zieht«, rief Lugatum.

Sie stemmten sich in die Seile, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Rollte der Karren erst einmal, schien er gar nicht so schwer, und sie machten sich auf den Weg um die Plattform. Sie erreichten die Rampe, und wieder mussten sie sich kräftig ins Zeug legen.

»Das soll ein leichter Wagen sein?«, murmelte Hillalum.

Die Rampe war breit genug, damit ein Mann an einem Wagen vorbeigehen konnte. Der Boden war mit Steinen gepflastert, in die Wagenräder im Laufe der Jahrhunderte zwei tiefe Furchen gegraben hatten. Über ihnen spannte sich die Decke in Form eines Karggewölbes, dessen breite, rechteckige Steine sich überlappten, bis sie sich in der Mitte trafen. Die Säulen zu ihrer Rechten waren breit genug, um die Rampe fast in einen Tunnel zu verwandeln. Schaute man nicht dorthin, hatte man kaum noch den Eindruck, sich auf einem Turm zu befinden.

»Wenn ihr im Berg schuftet, singt ihr dann?«, fragte Lugatum.

»Wenn der Stein weich ist«, sagte Nanni.

»Dann singt eines eurer Bergwerkslieder.«

Die Aufforderung machte die Runde durch die Reihen der anderen Bergarbeiter, und kurz darauf sang der ganze Trupp.

Während sie höher und höher hinaufstiegen, wurden die Schatten immer kürzer. Geschützt vor der Sonne, umgeben nur von klarer Luft, war es hier viel kühler als in den engen Gassen der Stadt, wo die Mittagshitze Eidechsen umbringen konnte, die über die Straße krochen. Blickten sie zur Seite hinaus, konnten die Bergarbeiter den dunklen Euphrat und die sich weithin ausbreitenden grünen Felder sehen, die von im Sonnenlicht glitzernden Kanälen unterteilt wurden. Die eng beieinanderliegenden Straßen und mit Gips verputzten Gebäude Babylons bildeten ein komplexes Muster, vom dem sich umso weniger erkennen ließ, je näher es sich scheinbar an den Turm schmiegte.

Als Hillalum wieder einmal auf der Randseite an der rechten Schlaufe zog, vernahm er von der aufwärtsführenden Rampe unter ihnen einiges Geschrei. Er dachte schon daran, stehen zu bleiben und über den Rand hinunterzublicken, aber er wollte die Kolonne nicht aus dem Schritt bringen und hätte die untere Rampe sowieso nur undeutlich gesehen. »Was geht dort unten vor sich?«, rief er zu Lugatum.

»Einer von euren Bergarbeitern hat Angst vor der Höhe. Unter denen, die zum ersten Mal den Turm erklimmen, gibt es hin und wieder einen solchen Mann, der sich an den Boden klammert und nicht weiter aufwärts gehen kann. Nur wenige überkommt es allerdings schon so früh.«

Hillalum konnte das nachvollziehen. »Wir kennen eine vergleichbare Angst unter denen, die Bergarbeiter werden möchten. Manche Männer ertragen es nicht, in die Minen hinabzusteigen, aus Furcht, sie könnten verschüttet werden.«

»Wirklich?«, rief Lugatum. »Davon habe ich noch nie gehört. Wie kommst du mit der Höhe zurecht?«

»Ich spüre nichts.« Aber er warf Nanni einen Blick zu, und sie beide wussten es besser.

»Du spürst ein nervöses Kribbeln in den Handflächen, nicht wahr?«, flüsterte Nanni.

Hillalum rieb sich die Hände an den rauen Fasern des Seils und nickte.

»Ich habe es auch gespürt, vorhin, als ich dem Rand näher war.«

»Vielleicht sollten wir auch Scheuklappen tragen, wie der Ochse und die Ziege«, murmelte Hillalum im Spaß.

»Denkst du, uns überkommt die Angst auch, wenn wir noch höher steigen?«

Hillalum überlegte eine Weile. Es gefiel ihm nicht, dass einer ihrer Kameraden schon so früh die Nerven verlor. Er schob den Gedanken beiseite; Tausende stiegen ohne Furcht auf den Turm, und es wäre dumm, wenn sie sich alle von der Angst eines Mannes anstecken lassen würden. »Wir sind es nur nicht gewohnt. Uns bleiben noch Monate, um mit der Höhe vertraut zu werden. Haben wir erst einmal die Spitze des Turmes erreicht, werden wir uns wünschen, er wäre höher.«

»Nein«, sagte Nanni. »Ich glaube nicht, dass ich mir jemals wünschen werde, den Karren noch weiter ziehen zu müssen.« Sie lachten beide.

Abends aßen sie eine Mahlzeit aus Gerste, Zwiebeln und Linsen und schliefen in den engen Korridoren, die ins Innere des Turmes führten. Als sie am nächsten Morgen erwachten, waren die Bergarbeiter kaum in der Lage zu gehen, so sehr taten ihnen die Beine weh. Die Karrenzieher lachten und gaben ihnen eine Salbe, um ihre Muskeln damit einzureiben, und sie schichteten die Fracht auf den Karren so um, dass die Bergarbeiter weniger zu ziehen hatten.

Wenn Hillalum jetzt an der Seite des Turmes hinabschaute, wurden ihm die Knie weich.

In dieser Höhe blies ein stetiger Wind, und er ahnte, dass er stärker werden würde, je höher sie kamen. Er fragte sich, ob jemals einer der Arbeiter in einem unachtsamen Augenblick vom Turm geweht worden war. Und der Sturz – ein Mann hätte genug Zeit, um ein Gebet zu sprechen, bevor er auf dem Boden aufschlug. Hillalum schauderte bei dem Gedanken.

Der zweite Tag war wie der erste, vom Muskelkater in den Beinen der Bergarbeiter einmal abgesehen. Sie konnten nun viel weiter blicken, und die Größe des Landes war überwältigend; jenseits der Felder wurden die Wüsten sichtbar, und Karawanen schienen kaum mehr zu sein als Linien aus Insekten. Kein weiterer Bergarbeiter fürchtete die Höhe so sehr, dass er nicht weitergehen konnte, und ihr Aufstieg setzte sich ohne Zwischenfall fort.

Am dritten Tag hatten die Schmerzen in den Beinen der Bergarbeiter noch nicht nachgelassen, und Hillalum kam sich vor wie ein verkrüppelter alter Mann. Erst am vierten Tag fühlten sich ihre Beine besser an, und so zogen sie wieder ihre ursprüngliche Last. Ihr Aufstieg setzte sich bis zum Abend fort, als sie auf die zweite Zugmannschaft trafen, die ihnen mit leeren Karren auf der abwärts führenden Rampe raschen Schrittes entgegenkam. Die auf- und absteigenden Rampen wanden sich umeinander, ohne sich zu berühren, waren aber durch Korridore, die durch den Turm führten, miteinander verbunden. Nachdem die beiden Kolonnen in etwa auf gleicher Höhe waren, durchquerten sie den Turm, um die Wagen zu wechseln.

Die Bergarbeiter wurden den Karrenziehern der zweiten Etappe vorgestellt, und in dieser Nacht aßen sie zusammen und unterhielten sich miteinander. Am nächsten Morgen machte die erste Mannschaft die Karren für den Rückweg nach Babylon fertig, und Lugatum verabschiedete sich von Hillalum und Nanni.

»Gebt auf euren Wagen acht. Er ist den gesamten Turm öfter hinauf- und hinabgestiegen als irgendein Mensch.«

»Beneidest du auch den Karren?«, fragte Nanni.

»Nein, denn jedes Mal, wenn er die Spitze erreicht, muss er den ganzen Weg nach unten zurückkehren. Ich könnte das nicht aushalten.«

Als die zweite Mannschaft am Ende des Tages anhielt, kam der Karrenzieher hinter Hillalum und Nanni zu ihnen, um ihnen etwas zu zeigen. Sein Name war Kudda.

»Ihr habt noch nie die Sonne aus solcher Höhe gesehen. Kommt und schaut.« Der Karrenzieher ging zum Rand, setzte sich und ließ die Beine über die Kante baumeln. Er bemerkte, dass die beiden zögerten. »Kommt. Ihr könnt euch hinlegen und über den Rand blicken, wenn ihr wollt.« Hillalum wollte nicht wie ein ängstliches Kind wirken, konnte sich aber nicht überwinden, sich an den Rand eines Abgrunds zu setzen, der sich Tausende von Ellen unter seinen Füßen erstreckte. Er legte sich auf den Bauch, nur mit dem Kopf an der Kante. Nanni gesellte sich zu ihm.

»Wenn die Sonne untergeht, dann schaut an der Seite des Turmes hinunter.« Hillalum warf einen Blick nach unten und schaute dann schnell zum Horizont.

»Was ist hier am Sonnenuntergang anders?«

»Ihr müsst bedenken, dass es, wenn die Sonne hinter die Bergspitzen im Westen sinkt, in der Ebene von Shinar dunkel wird. Hier jedoch sind wir höher als die Berggipfel und können also die Sonne immer noch sehen. Die Sonne muss für uns noch weiter untergehen, bis wir Nacht haben.«

Hillalum war fassungslos. »Die Schatten der Berge markieren den Beginn der Nacht. Auf der Erde dort unten wird es früher Nacht als hier oben.«

Kudda nickte. »Ihr könnt zuschauen, wie die Nacht den Turm emporklettert, vom Boden zum Himmel. Sie bewegt sich rasch, aber ihr solltet sie sehen können.«

Er beobachtete den roten Feuerball für eine Weile, schaute dann hinab und streckte den Finger aus. »Jetzt!«

Hillalum und Nanni blickten hinunter. Am Fuße der gewaltigen Säule lag das kleine Babylon im Dunkeln. Dann kletterte die Schwärze den Turm hinauf, wie ein Vorhang, der zugezogen wurde. Sie bewegte sich so langsam, dass Hillalum glaubte, die Augenblicke zählen zu können, doch dann, als sie näher kam, beschleunigte sich die Finsternis, bis sie schneller, als er blinzeln konnte, an ihnen vorüberraste, und dann befanden sie sich im Zwielicht.

Hillalum drehte sich um und blickte nach oben, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie die Dunkelheit den Rest des Turmes verschlang. Allmählich wurde der Himmel dunkler, während die Sonne in weiter Ferne hinter dem Rand der Welt versank.

»Ein beeindruckender Anblick, nicht wahr?«, sagte Kudda.

Hillalum blieb ihm die Antwort schuldig. Zum ersten Mal verstand er, was die Nacht war: der Schatten der Erde selbst, der wider den Himmel geworfen wurde.

Nachdem sie zwei weitere Tage hinaufgestiegen waren, hatte sich Hillalum etwas mehr an die Höhe gewöhnt. Obwohl sie sich fast fünftausend Schritt senkrecht über dem Erdboden befanden, war er in der Lage, am Rand der Rampe zu stehen und hinaufzuschauen. Allerdings hielt er sich an einer der Säulen fest und lehnte sich vorsichtig nach hinten. Da bemerkte er, dass der Turm nicht mehr wie eine glatte Säule aussah.

Er fragte Kudda: »Es hat den Anschein, dass sich der Turm verbreitert. Wie kann das sein?«

»Sieh genauer hin. Dort oben sind hölzerne Balkone an den Seiten befestigt. Sie sind aus Zypressen gemacht und werden von Flachsseilen gehalten.«

Hillalum kniff die Augen zusammen. »Balkone? Wozu?«

»Auf ihnen wird Erde ausgebreitet, sodass man dort Gemüse anbauen kann. Wasser ist knapp in jener Höhe, weshalb Zwiebeln am weitesten verbreitet sind. Weiter oben, wo es öfter regnet, gibt es auch Bohnen.«

»Wie kann es dort oben Regen geben«, fragte Nanni, »der nicht hier unten fällt?«

Kudda sah ihn überrascht an. »Er verdunstet in der Luft, ehe er ankommt, was sonst?«

»Oh, natürlich.« Nanni zuckte mit der Schulter.

Am Ende des darauffolgenden Tages erreichten sie die ersten Balkone. Dabei handelte es sich um flache, dicht mit Zwiebeln bepflanzte Vorbauten, die an Seilen befestigt waren, welche an der Turmmauer knapp unter den nächsthöheren Balkonen festgemacht waren. In jeder Etage barg das Innere des Turmes mehrere enge Räume, in denen die Familien der Zugmannschaften lebten. Frauen saßen in den Türöffnungen und nähten Tunikas oder gruben draußen Knollen aus. Kinder spielten Fangen und jagten einander über die Rampen und zwischen den Wagen der Karrenzieher auf der Rampe hindurch; der Abgrund, der neben ihnen gähnte, schien ihnen nicht die geringste Angst zu machen. Die Turmbewohner erkannten die Bergarbeiter gleich, und alle winkten und lächelten.

Als es Zeit für das Abendessen war, wurden alle Karren abgestellt und Essen und andere Güter für die hier Wohnenden abgeladen. Die Karrenzieher begrüßten ihre Familien und luden die Bergarbeiter zum Essen ein. Hillalum und Nanni aßen bei Kuddas Familie und genossen ein Mahl aus getrocknetem Fisch, Brot, Dattelwein und Früchten.

Hillalum bemerkte, dass dieser Abschnitt des Turmes einer kleinen Stadt glich, die sich zwischen zwei Straßen erstreckte – den auf- und abwärts verlaufenden Rampen. Es gab einen Tempel, in dem die Festtage begangen wurden; es gab Richter, die Streitigkeiten regelten; es gab Geschäfte, die von den Karawanen beliefert wurden. Stadt und Karawane waren aufeinander angewiesen: Keines konnte ohne das andere bestehen. Und doch war jede Karawane im Grunde eine Reise, etwas, das an einem Ort begann und an einem anderen endete. Diese Stadt war niemals als feste Einrichtung gedacht gewesen, sie war lediglich Teil einer Jahrhunderte währenden Reise.

Nach dem Essen fragte Hillalum Kudda und seine Familie: »Hat einer von euch jemals Babylon besucht?«

Kuddas Frau, Alitum, antwortete: »Nein, warum sollten wir? Es ist ein langer Weg, und alles, was wir brauchen, haben wir hier.«

»Wollt ihr nicht einmal euren Fuß auf den Erdboden setzen?«

Kudda zuckte mit den Schultern. »Wir leben an der Straße zum Himmel; unsere ganze Arbeit dient dazu, sie auszubauen. Wenn wir den Turm verlassen, dann über die Rampe nach oben, nicht nach unten.«

Während die Bergarbeiter ihren Aufstieg fortsetzten, kam schließlich der Tag, an dem der Turm denselben Anblick bot, ob man über den Rand der Rampe nun nach oben blickte oder nach unten. Nach unten hin verlor sich der Rumpf des Turmes im Nichts, lange bevor er die Ebene zu erreichen schien. Umgekehrt waren die Bergarbeiter allerdings auch noch weit davon entfernt, die Spitze des Turmes erkennen zu können. Alles, was zu sehen war, war ein Teilstück des Turmes. Hinauf- oder hinabzublicken war furchterregend, denn sie hatten jeglichen Bezug verloren; sie waren nicht länger ein Teil des Erdbodens. Der Turm hätte ein Faden in der Luft sein können, weder mit Erde noch Himmel verbunden.

Während jener Zeit gab es Augenblicke, in denen Hillalum verzagte, sich fehl am Platze und der Welt entfremdet fühlte; es kam ihm vor, als hätte die Erde ihn aufgrund seines Unglaubens zurückgewiesen, während der Himmel sich weigerte, ihn aufzunehmen. Er sehnte sich nach einem Zeichen Jahwes, auf dass er die Menschen wissen lasse, dass er ihr Unternehmen guthieß; wie sonst könnten sie an einem Ort bleiben, der dem Geist so wenig Nahrung gab?

In dieser Höhe waren die Turmbewohner mit ihrem Schicksal völlig im Reinen; stets grüßten sie die Bergarbeiter freundlich und wünschten ihnen Glück bei ihrer Aufgabe am Himmelsgewölbe. Sie lebten inmitten der klammen Wolkennebel, sahen Stürme von oben und unten, ernteten Obst und Gemüse aus der Luft und fürchteten nie, dass dieser Ort für Menschen unangemessen sein könnte. Ihr Leben war bar göttlicher Versprechen und Ermunterungen, und dennoch waren ihnen Zweifel fremd.

Im Laufe der Wochen kamen sie dem höchsten Punkt, den Sonne und Mond erreichten, jeden Tag immer näher und näher. Der Mond tauchte die Südseite des Turmes in seinen Silberschein und leuchtete, als starre das Auge Jahwes sie an. Alsbald befanden sie sich auf einer Ebene mit dem Mond, wenn er seine Bahn zog; sie hatten die Höhe des ersten Himmelskörpers erreicht. Verwundert blinzelten sie ihm in sein narbiges Gesicht, staunten über das würdevolle Fortschreiten dieser Kugel, die jeglichen Halt verschmähte.

Dann näherten sie sich der Sonne. Es war Sommer, und so schien die Sonne fast über Babylon zu stehen, und sie kam dem Turm immer wieder sehr nahe. In diesem Bereich des Turmes lebten keine Familien, und es gab auch keine Balkone, da die Hitze stark genug war, um Gerste zu rösten. Der Mörtel zwischen den Steinen bestand nicht länger aus Pech, das weich und flüssig geworden wäre, sondern aus Tonerde, die von der Hitze buchstäblich gebacken worden war. Zum Schutz vor den Tagestemperaturen waren die Säulen hier breiter, bis sie fast eine durchgehende Mauer bildeten, welche die Rampe in einen Tunnel einschloss, nur mit schmalen Schlitzen versehen, die den pfeifenden Wind und goldene Lichtklingen hindurchließen.

Bisher hatten sich die Karrenzieher ihren Tagesablauf einigermaßen regelmäßig eingeteilt, doch nun war eine Änderung vonnöten. Jeden Morgen machten sie sich ein wenig früher auf den Weg, um ihr anstrengendes Werk möglichst bei Dunkelheit zu verrichten. Als sie sich mit der Sonne auf einer Höhe befanden, gingen sie nur noch nachts weiter. Tagsüber versuchten sie zu schlafen, nackt und in der heißen Brise schwitzend. Die Bergarbeiter machten sich Sorgen, dass sie, wenn sie denn überhaupt Schlaf fanden, vor Hitze gar nicht mehr aufwachen würden. Doch die Karrenzieher hatten diese Wegstrecke viele Male zurückgelegt und nie auch nur einen Mann eingebüßt, und schließlich ließen sie die Sonne unter sich zurück, und alles war wieder wie vorher.

Das Tageslicht schien nun aufwärts, was über die Maßen unnatürlich wirkte. Von den Balkonen hatte man einzelne Bretter entfernt, sodass das Sonnenlicht durch die Schlitze auf die Erde scheinen konnte, die man dazwischen aufgehäuft hatte. Die Pflanzen wuchsen seitwärts und nach unten, reckten sich den Sonnenstrahlen entgegen.

Dann näherten sie sich der Höhe der Sterne, kleinen, feurigen Kugeln, die überall am Himmel verstreut waren. Hillalum hätte erwartet, dass sie dichter beieinanderliegen würden, doch obwohl es viele kleinere Sterne gab, die von der Erde aus nicht zu erkennen waren, schienen sie ihm hier dünn gesät. Die Sterne befanden sich nicht alle auf einer Höhe, sondern begleiteten sie lange Zeit auf ihrem Weg nach oben. Es war schwer zu sagen, wie weit weg sie waren, da es keinen Vergleich für ihre Größe gab, doch hin und wieder glitt einer von ihnen dicht an ihnen vorbei und stellte dabei seine erstaunliche Geschwindigkeit unter Beweis. Da wurde Hillalum klar, dass alle Himmelskörper sich so schnell über das Firmament bewegten, denn sonst hätten sie die Strecke von einem Rand der Welt zum anderen nicht an einem Tag zurücklegen können.

Tagsüber war das Blau des Himmels weit blasser, als es von der Erde aus den Anschein hatte, ein Anzeichen dafür, dass sie sich dem Himmelsgewölbe näherten. Wenn Hillalum den Himmel genauer betrachtete, stellte er zu seiner Verblüffung fest, dass die Sterne am Tage zu sehen waren. Von der Erdoberfläche aus konnte man sie gegen den grellen Schein der Sonne nicht erkennen, doch hier oben zeichneten sie sich deutlich ab.

Eines Tages kam Nanni auf ihn zugeeilt und sagte: »Ein Stern ist in den Turm eingeschlagen!«

»Was!« Hillalum sah sich panisch um, als ob ihm jemand einen Schlag versetzt hätte.

»Nein, nicht jetzt. Das ist schon lange her, mehr als ein Jahrhundert. Einer der Turmbewohner erzählt die Geschichte gerade – sein Großvater war dabei.«

Sie begaben sich in die Korridore im Turm und stießen auf einige Bergarbeiter, die sich um einen verhutzelten alten Mann geschart hatten. »… steckte in der Mauer fest, etwa eine halbe Meile über uns. Ihr könnt immer noch die Scharte sehen, die er hinterlassen hat; wie eine riesige Pockennarbe.«

»Was ist mit dem Stern geschehen?«

»Er brannte und zischte und war so hell, dass niemand ihn ansehen konnte. Es wurde erwogen, ihn herauszubrechen, damit er weiter seine Bahn ziehen konnte, aber er war zu heiß, um sich ihm zu nähern, und man wagte es nicht, ihn zu löschen. Wochen später hatte er sich abgekühlt und war zu einem Klumpen schwarzen Himmelsmetalls geworden, so groß, dass ein Mann kaum die Arme um ihn legen konnte.«

»So groß?«, sagte Nanni, die Stimme voller Ehrfurcht. Wenn Sterne von selbst vom Himmel fielen, fand man manchmal kleine Klumpen des Himmelsmetalls, härter als selbst die beste Bronze. Man konnte dieses Metall nicht einschmelzen, sondern nur mit dem Hammer bearbeiten, wenn es rotglühend erhitzt wurde; Amulette wurden daraus gemacht.

»In der Tat, niemand hat je davon gehört, dass ein so großer Klumpen auf der Erde gefunden worden wäre. Könnt ihr euch die Werkzeuge vorstellen, die man aus ihm hätte machen können!«

»Habt ihr etwa versucht, Werkzeuge aus ihm zu schmieden?«, fragte Hillalum entsetzt.

»O nein. Die Leute hatten Angst, ihn anzufassen. Alle stiegen vom Turm herab und warteten darauf, dass Jahwe Vergeltung üben würde, weil sie den Lauf der Schöpfung gestört hatten. Sie warteten monatelang, aber kein Zeichen wurde gesehen. Schließlich kehrten sie zurück und brachen den Stern heraus. Nun ruht er in einem Tempel, unten in der Stadt.«

Alle waren still. Dann sagte einer der Bergarbeiter: »In den Geschichten über den Turm habe ich nie etwas davon gehört.«

»Es war eine Verfehlung, etwas, worüber man nicht spricht.«

Die Farbe des Himmels wurde immer blasser, je höher sie auf den Turm stiegen, bis Hillalum eines Morgens aufwachte, an den Rand der Rampe trat und bestürzt aufschrie: Was bisher wie ein fahler Himmel ausgesehen hatte, schien nun eine weiße Decke zu sein, die sich weit über ihren Köpfen erstreckte. Jetzt waren sie nahe genug, um das Himmelsgewölbe zu sehen, um es als eine feste Schale zu erkennen, die den Himmel umschloss. Die Bergarbeiter sprachen alle im Flüsterton, starrten nach oben wie Idioten, während die Turmbewohner sie auslachten.

Im weiteren Verlauf des Aufstiegs stellten sie überrascht fest, wie nahe sie tatsächlich schon waren. Die weiße Oberfläche des Himmelsgewölbes hatte sie getäuscht – es war fast nicht wahrnehmbar, bis es plötzlich direkt über ihren Köpfen zu sein schien. Nun stiegen sie nicht mehr himmelwärts, sondern hinauf zu einer gleichförmigen Ebene, die sich endlos in alle Richtungen dahinzog.

Alle Sinne Hillalums waren von dem Anblick verwirrt. Wenn er zum Himmelsgewölbe blickte, kam es ihm manchmal so vor, als sei die Welt auf den Kopf gestellt worden, als würde er, wenn er den Halt verlöre, nach oben auf das Gewölbe zustürzen. Seit das Gewölbe über ihm aufgetaucht war, schien es buchstäblich auf ihm zu lasten– so schwer wie die ganze Welt und doch ohne jede Stütze. Eine Angst suchte ihn heim, die er in den Minen nie gekannt hatte: dass die Decke über ihm zusammenbrechen könnte.

Es gab auch Momente, in denen ihm das Gewölbe wie eine vertikale Klippe von unvorstellbarer Höhe vorkam, die sich vor ihm erhob, und die blasse Erde hinter ihm schien genauso eine Klippe zu sein, und der Turm ein Seil, das zwischen beiden straff gespannt war. Am Entsetzlichsten aber war, dass es für einen Augenblick kein Oben und Unten mehr gab und sein Körper nicht wusste, wohin es ihn zog. Das war wie Höhenangst, nur viel schlimmer. Oft erwachte er aus unruhigem Schlaf und bemerkte, dass er schwitzte und seine Finger sich in dem Versuch, sich am Steinboden festzuklammern, verkrampft hatten.

Nanni und viele andere Bergarbeiter schliefen ebenfalls schlecht, obwohl keiner von ihnen über das sprach, was ihre Ruhe störte. Sie kamen immer langsamer voran, und nicht etwa schneller, wie es Beli, ihr Vorarbeiter, erwartet hatte; der Anblick des Gewölbes bereitete ihnen Unbehagen, anstatt ihren Eifer zu befeuern.

Die regulären Karrenzieher verloren allmählich die Geduld mit ihnen. Hillalum fragte sich, was für Menschen solche Lebensbedingungen hervorbrachten; wie gelang es ihnen, nicht wahnsinnig zu werden? Hatten sie sich an all das gewöhnt? Würden Kinder, die hier unter dem festen Himmel auf die Welt kamen, vor Angst schreien, wenn sie den Erdboden unter sich sahen?

Vielleicht waren die Menschen nicht dafür geschaffen, an so einem Ort zu leben. Wenn ihre eigene Natur sie davon abhielt, dem Himmel zu nahe zu kommen, sollten sie wohl besser auf der Erde bleiben.

Als sie die Spitze des Turmes erreichten, verflog die Desorientierung, oder vielleicht waren sie nun immun geworden. Hier, auf der quadratischen Plattform ganz oben, starrten die Bergarbeiter auf den ehrfurchtgebietendsten Anblick, den je ein Mensch gesehen: Weit unter ihnen lag ein Flickenteppich aus Erde und Wasser, vom Dunst verschleiert – und breitete sich in alle Richtungen aus, so weit das Auge reichte. Gleich über ihnen befand sich das Dach der Welt, der Scheitelpunkt des Himmels – höher ging es nicht mehr hinauf. Hier konnten sie einen so großen Teil der Schöpfung auf einmal sehen wie nirgendwo sonst.

Die Priester sprachen ein Gebet an Jahwe, in das alle einstimmten; sie dankten ihm dafür, dass ihnen gewährt war, so viel zu sehen, und baten um Vergebung für ihr Verlangen, noch mehr zu sehen.

Auf der Spitze wurden weiter Backsteine gelegt. Aus den erhitzten Kesseln, in denen die Bitumenklumpen geschmolzen wurden, stieg kräftiger Teergeruch auf. Das war der erdigste Duft, den die Bergarbeiter seit vier Monaten gerochen hatten, und sie sogen begierig die Luft ein, bevor der Wind ihn verwehte. Hier auf der Spitze, wo der Schlamm, der einst aus den Rissen der Erde gesickert war, sich verfestigte, um Steine zusammenzuhalten, wuchs der Erde ein Arm in den Himmel.

Hier arbeiteten die Maurer – Männer, die mit Bitumen beschmiert waren, mischten den Mörtel und setzten mit absoluter Präzision die schweren Steine. Noch weniger als sonst irgendjemand konnten sie es sich leisten, angesichts des Himmelsgewölbes Schwindel zu empfinden, denn der Turm durfte nicht einen Fingerbreit von seiner senkrechten Ausrichtung abweichen. Sie näherten sich dem Ende ihrer Aufgabe, und endlich, nach vier Monaten des Aufstiegs, waren die Bergarbeiter so weit, mit der ihren zu beginnen.

Bald darauf trafen die Ägypter ein. Sie waren von schlankem Körperbau, hatten dunkle Haut und nur spärlichen Bartwuchs am Kinn. Die Karren, die sie gezogen hatten, waren mit Dolerithämmern, Bronzewerkzeug und Holzkeilen beladen. Ihr Vorarbeiter hieß Senmut, und er beriet sich mit Beli, dem Vorarbeiter aus Elam, darüber, wie sie das Himmelsgewölbe durchstoßen wollten. Die Ägypter wie auch die Männer aus Elam bauten aus dem, was sie mitgebracht hatten, eine Schmiede, um das Bronzewerkzeug, das durch die Arbeiten stumpf werden würde, neu gießen zu können.

Das Gewölbe selbst blieb weiter knapp über ihren ausgestreckten Fingerspitzen; wenn jemand hochsprang, um es zu berühren, fühlte es sich glatt und kühl an. Es schien aus feingemahlenem weißen Granit zu bestehen, und seine Oberfläche war vollkommen gleichmäßig. Doch das war das Problem.

Vor langer Zeit hatte Jahwe die Sintflut ausgelöst und dabei zugleich die Fluten aus den Höhen und den Tiefen entfesselt; die Wasser des Abgrundes waren aus den Quellen der Erde geströmt, und die Wasser des Himmels regneten aus den Schleusen des Himmelsgewölbes hernieder. Nun jedoch betrachteten die Menschen das Gewölbe genau und konnten keine Schleusentore erkennen. Sie nahmen die Oberfläche in alle Richtungen in Augenschein, aber keine Öffnungen, keine Fenster, keine Fugen unterbrachen die Granitfläche.

Allem Anschein nach traf ihr Turm an einer Stelle zwischen den Speichern auf das Gewölbe, was in der Tat eine glückliche Fügung war. Wäre da ein Schleusentor gewesen, hätten sie riskieren müssen, es aufzubrechen und den Speicher zu leeren. Das hätte für Shinar Niederschlag bedeutet, außerhalb der winterlichen Regenzeit und weit heftiger; entlang des Euphrats würde das für Überschwemmungen sorgen. Wahrscheinlich würde dieser Regen aufhören, wenn der Speicher ausgelaufen wäre, aber es bestand die Möglichkeit, dass Jahwe sie bestrafen und für weiteren Regen sorgen würde, bis der Turm zusammenstürzte und Babylon sich im Schlamm auflöste.

Obschon es keine sichtbaren Schleusentore gab, bestand immer noch ein gewisses Risiko. Vielleicht waren die Fugen der Tore für sterbliche Augen nicht zu sehen, und sie befanden sich doch unmittelbar unter einem Speicher. Oder vielleicht waren die Speicher so riesig, dass sie sich selbst dann, wenn die nächste Schleuse sehr weit von ihnen entfernt war, immer noch unter dem Wasser befanden.

Es wurde viel darüber gesprochen, wie man am besten vorgehen sollte.

»Jahwe wird den Turm sicherlich nicht hinfortschwemmen«, behauptete Qurdusa, einer der Maurer. »Wäre der Turm ein Sakrileg, dann hätte Jahwe ihn schon längst zerstört. Und doch haben wir in all den Jahrhunderten unserer Arbeit niemals die geringsten Anzeichen für Jahwes Missgunst bemerkt. Wenn wir in einen Speicher eindringen, wird Jahwe zuvor das Wasser ableiten.«

»Wenn Jahwe tatsächlich so wohlwollend auf unser Vorhaben blicken würde, gäbe es bereits eine fertige Treppe, die ins Gewölbe führen würde«, entgegnete Eluti, ein Mann aus Elam. »Jahwe wird uns weder helfen, noch uns aufhalten; falls wir in einen Speicher eindringen, werden wir eine Sturzflut auslösen.«

Da konnte Hillalum seine Zweifel nicht für sich behalten. »Und was, wenn das Wasser kein Ende nimmt?«, fragte er. »Jahwe mag uns nicht bestrafen, doch er mag es zulassen, dass wir uns selbst richten.«

»Mann aus Elam«, sagte Qurdusa, »selbst als Neuankömmling auf dem Turm solltest du es besser wissen. Wir strengen uns an, weil wir Jahwe lieben, wie wir es unser ganzes Leben lang getan haben, so wie unsere Väter seit Generationen. Über Männer, die so rechtschaffen sind wie wir, wird nicht so streng geurteilt.«

»Es ist wahr, dass wir uns mit den lautersten Absichten mühen, aber das heißt nicht, dass wir auch weise wären. Haben die Menschen wirklich den rechten Weg gewählt, als sie beschlossen, ihr Leben fern der Krume, aus der sie geschaffen wurden, zu leben? Jahwe hat nie gesagt, dass unsere Wahl richtig war. Nun sind wir hier, bereit, das Himmelsgewölbe aufzubrechen, obwohl wir wissen, das sich über uns Wasser befindet. Wenn wir irren, wie können wir dann sicher sein, dass Jahwe uns vor unseren eigenen Fehlern beschützt?«

»Hillalum rät zur Vorsicht, und ich stimme ihm zu«, sagte Beli. »Wir müssen dafür sorgen, dass wir keine zweite Sintflut über die Welt bringen und auch keine gefährlichen Regenfälle über Shinar. Ich habe mich mit dem Ägypter Senmut beraten, und er hat mir Entwürfe gezeigt, die sie genutzt haben, um die Gräber ihrer Könige zu versiegeln. Ich glaube, ihre Methoden bieten uns die nötige Sicherheit, wenn wir mit dem Graben beginnen.«

Die Priester opferten den Ochsen und die Ziege in einer Zeremonie, bei der viele heilige Worte gesprochen und viel Weihrauch verbrannt wurden, und die Bergarbeiter begannen ihr Werk.

Lange, bevor die Arbeiter das Gewölbe erreichten, war augenfällig geworden, dass einfaches Graben mit Hämmern und Hacken nicht viel bringen würde: Sie wären kaum mehr als zwei Fingerbreit am Tag vorangekommen, selbst wenn sie waagerecht gegraben hätten, und senkrecht nach oben ging alles noch viel langsamer. Stattdessen entschied man sich dafür, es mit Feuer zu versuchen.

Mit dem Holz, das sie mitgebracht hatten, wurden unter der ausgewählten Stelle des Gewölbes Feuerstellen errichtet und tagelang ununterbrochen unterhalten. Über den heißen Flammen knackte und platzte der Stein. Nachdem sie das Feuer hatten ausgehen lassen, spritzten die Arbeiter Wasser auf den Stein, um ihn weiter bersten zu lassen. Dann konnten sie den Stein in großen Stücken herausbrechen, die schwer auf den Turm fielen. Auf diese Art kamen sie an jedem Tag, an dem das Feuer brannte, fast eine Elle voran.

Der Tunnel führte nicht gerade nach oben, sondern in einem für Treppen üblichen Winkel, sodass sie vom Turm aus eine Stufenrampe bauen konnten. Das Feuer machte die Wände und den Boden glatt; die Männer errichteten also ein Gestell aus hölzernen Stufen, damit sie nicht wieder nach unten zurückrutschten. Außerdem bauten sie ein Podest aus gebrannten Ziegeln, auf dem sie das Feuer am Ende des Tunnels entzündeten.

Als der Tunnel zehn Ellen weit in das Gewölbe reichte, blieben sie auf derselben Höhe und erweiterten ihn zu einem kleinen Raum. Nachdem die Bergarbeiter jeglichen von der Hitze geplatzten Stein entfernt hatten, übernahmen die Ägypter. Sie benutzten kein Feuer für ihren Abbau. Nur mit ihren Dolerithämmern machten sie sich daran, eine Schiebetür aus Granit zu konstruieren.

Zuerst schlugen sie den Stein weg, um einen großen Block aus Granit aus der Wand zu schneiden. Hillalum und die anderen Bergarbeiter versuchten zu helfen, aber das war schwierig für sie: Man konnte den Stein nicht wegschleifen, sondern nur mit einer bestimmten Schlagtechnik absplittern – zu starke oder zu schwache Schläge führten zu nichts.

Nach einigen Wochen war der Block fertig. Er war mehr als mannsgroß und sogar noch breiter. Um den Block aus dem Boden zu befreien, meißelten sie Schlitze in die Basis des Steins und hämmerten trockene Holzkeile hinein. Dann schlugen sie dünnere Keile in die ersten Holzkeile, um diese zu spalten, und gaben Wasser in die Risse, sodass das Holz aufquoll. Nach ein paar Stunden pflanzten sich die Risse in den Stein fort, und der Block löste sich.

Am Ende der Kammer, auf der rechten Seite, brannten die Bergarbeiter einen engen, aufwärts führenden Korridor heraus und einen abwärts verlaufenden direkt in den Boden vor dem Eingang des Raumes. So führte nun eine glatte Rampe durch den Raum, die direkt links vor dem Zugang zur Kammer endete. Auf diese Rampe hievten die Ägypter den Granitblock. Sie zogen und schoben den Block den Korridor an der Seite hinauf, in den er gerade so hineinpasste, und befestigten ihn, indem sie von links nach rechts flache Erdziegel übereinanderstapelten, wie eine Säule, die auf der Rampe lag.

Da nun ein Schiebestein bereitlag, der das Wasser aufhalten würde, war es für die Arbeiter sicher, den Tunnel zu verlängern. Falls sie einen Speicher aufbrechen würden und Himmelswasser hineinströmen würde, könnten sie die Erdziegel einen nach dem anderen zerschlagen, der Block würde abwärtsgleiten und in der kleinen Aussparung zur Ruhe kommen – und damit den Eingang völlig versiegeln. Falls das Wasser mit solcher Wucht herabstürzen würde, dass es die Männer aus den Tunneln hinausspülte, würden sich die Erdziegel langsam auflösen, und der Block ebenfalls wiederum hinabgleiten. Die Flut wäre aufgehalten, und die Bergarbeiter könnten, um den Speicher zu umgehen, in eine andere Richtung einen neuen Tunnel beginnen.

Wieder zündeten die Bergarbeiter ein Feuer an, um den Tunnel fortzusetzen. Um die Luftzirkulation im Gewölbe zu befördern, wurden Rinderhäute beiderseits des Tunneleingangs auf hohen, schrägen Gestellen aufgehängt. So wurde der stete Wind, der unter dem Gewölbe wehte, in den Tunnel umgeleitet; der Wind fachte das Feuer an und lüftete den Tunnel und die Kammer, nachdem das Feuer gelöscht worden war, sodass die Bergarbeiter graben konnten, ohne Rauch einzuatmen.

Die Ägypter hörten nicht mehr zu arbeiten auf, nachdem der Schiebestein fertig war. Während die Bergarbeiter am Tunnelende ihre Hacken schwangen, mühten sich die Ägypter, um eine Treppe aus dem massiven Stein zu schneiden, welche die Holztreppe ersetzen sollte. Das taten sie mit Holzkeilen, und wo sie die Blöcke herausbrachen, blieben Stufen zurück.

So arbeiteten sie fort und verlängerten den Tunnel immer weiter und weiter. Der Tunnel führte stets aufwärts, doch er änderte regelmäßig die Richtung, wie der Faden einer gigantischen Naht, sodass er insgesamt senkrecht nach oben führte. Sie bauten weitere Kammern mit Schiebetüren, sodass immer nur der höchste Abschnitt des Tunnels geflutet werden würde, falls sie zu einem Speicher durchstießen. Sie schnitten Kanäle in die Gewölbeoberfläche, unter denen sie Laufplanken anbrachten; von diesen Planken aus, in einiger Entfernung vom Turm, gruben sie Seitentunnel, die tief im Innern auf den Haupttunnel trafen. Der Wind wurde zur Ventilation durch diese Seitentunnel geleitet und so der Rauch aus dem Inneren des Haupttunnels geweht.

Die Arbeit währte Jahre. Die Karrenzieher brachten keine Steine mehr, sondern Holz und Wasser für die Feuerstellen. Menschen kamen, um in den Tunneln der Gewölbeoberfläche zu leben, und auf hängenden Plattformen bauten sie nach unten wachsendes Gemüse an. Die Bergarbeiter lebten dort an der Grenze des Himmels; einige heirateten und zogen Kinder groß. Nur wenige setzten ihren Fuß je wieder auf die Erde.

Nachdem er gerade mit einigen Scheiten das Feuer am Ende des Tunnels versorgt hatte, stieg Hillalum mit einem nassen Tuch vor dem Gesicht die Holzstufen bis zum Stein hinunter. Das Feuer würde viele Stunden lang brennen, und er würde in den unteren Tunneln warten, wo der Wind nicht so sehr vom Rauch erfüllt war.

Da hörte er ein fernes Bersten, das Geräusch eines Berges, der gespalten wurde, und ein stetig lauter werdendes Tosen. Dann ergoss sich eine Sturzflut den Tunnel hinab.

Für einen Augenblick war Hillalum starr vor Schreck. Das entsetzlich kalte Wasser schlug gegen seine Beine und riss ihn zu Boden. Er richtete sich auf, schnappte nach Luft, stemmte sich gegen die Strömung, klammerte sich an die Stufen.

Sie waren auf einen Speicher gestoßen.

Er musste nach unten zum höchstgelegenen Schiebestein, bevor dieser sich schloss. Seine Beine wären am liebsten die Stufen hinabgesprungen, doch er wusste, dass er sich dann nicht würde aufrecht halten können, und die tosende Strömung hätte ihn mitgerissen und höchstwahrscheinlich zu Tode geschmettert. So schnell er sich traute, ging er die Stufen hinab, eine nach der anderen.

Er rutschte einige Male aus, schlitterte jedes Mal bis zu einem Dutzend Stufen hinunter; sein Rücken schrammte über die Felsstufen, doch er spürte keinen Schmerz.

Die ganze Zeit rechnete er damit, dass der Tunnel über ihm einstürzen oder das gesamte Gewölbe aufbrechen, der Himmel sich unter seinen Füßen auftun und er zusammen mit dem himmlischen Regenguss auf die Erde fallen würde. Jahwes Strafe kam über sie, eine zweite Sintflut.

Wie weit war es noch bis zum Schiebestein? Der Tunnel schien kein Ende zu nehmen, und das Wasser strömte nun sogar noch schneller herab. Hillalum rannte buchstäblich die Treppe hinunter.

Plötzlich stolperte er und klatschte in flaches Wasser. Er war über das Ende der Treppe hinaus gerannt und in die Kammer mit der Schiebetür gefallen, und hier reichte ihm das Wasser bis über die Knie.

Er richtete sich auf und sah Damqiya und Ahuni, zwei andere Bergarbeiter, die ihn ebenfalls gerade bemerkten. Sie standen vor dem Steinblock, der bereits den Ausgang versperrte.

»Nein!«, schrie er.

»Die haben den Zugang schon verschlossen!«, schrie Damqiya. »Sie haben nicht gewartet!«

»Kommt noch jemand?«, rief Ahuni ohne Hoffnung. »Vielleicht können wir den Stein bewegen.«

»Da kommt niemand mehr«, erwiderte Hillalum. »Können sie den Stein von der anderen Seite bewegen?«

»Sie können uns nicht hören.« Ahuni schlug mit einem Hammer gegen den Granit, doch das Geräusch ging im Getöse des Wassers unter.

Hillalum sah sich in der kleinen Kammer um und bemerkte erst jetzt, dass ein Ägypter mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb.

»Er ist gestorben, als er die Treppe runterstürzte«, schrie Damqiya.

»Gibt es nichts, was wir tun können?«

Ahuni blickte nach oben. »Jahwe, verschone uns.«

Die drei standen im ansteigenden Wasser und beteten verzweifelt, doch Hillalum wusste, dass es vergebens war: Sein Schicksal hatte ihn nun doch eingeholt. Jahwe hatte von den Menschen nicht verlangt, den Turm zu errichten oder das Gewölbe zu durchbohren; die Menschen allein waren für die Entscheidung, den Turm zu bauen, verantwortlich, und sie würden bei diesem Unternehmen ihr Leben lassen, so wie bei jeder anderen Anstrengung, der sie auf Erden nachgingen. Ihre Rechtschaffenheit konnte sie nicht vor den Folgen ihrer Taten schützen.

Das Wasser erreichte ihren Brustkorb. »Lasst uns nach oben gehen«, rief Hillalum.

Sie mühten sich gegen die Strömung den Tunnel hinauf, während das ansteigende Wasser ihnen auf den Fersen blieb. Die wenigen Fackeln, die den Tunnel erhellten, waren ausgegangen, sodass sie die Stufen im Dunkeln hinaufstiegen, Gebete murmelnd, die sie nicht hören konnten. Die Holztreppen am Ende des Tunnels waren fortgerissen worden und hatten sich weiter unten im Tunnel festgeklemmt. Sie kletterten über die Holztrümmer, bis sie die glatte Steinrampe erreichten. Dort warteten sie ab, bis das Wasser sie höher hinauftrug.

Wortlos harrten sie aus, denn ihre Gebete waren erschöpft. Hillalum stellte sich vor, dass er im schwarzen Schlund Jahwes stand, während der Mächtige tief von den Wassern des Himmels trank, bereit, die Sünder hinunterzuspülen.

Das Wasser stieg weiter an und trug sie aufwärts, bis Hillalum mit den Händen die Decke berühren konnte. Der große Riss, durch den das Wasser hereinströmte, befand sich gleich neben ihm. Nur eine kleine Luftblase war noch übrig. Hillalum schrie: »Wenn diese Kammer voll ist, können wir himmelwärts schwimmen.«

Er wusste nicht, ob die anderen ihn gehört hatten. Als das Wasser die Decke erreichte, holte er ein letztes Mal Luft und schwamm durch den Riss. Er würde näher am Himmel sterben als je ein Mensch zuvor.

Der Spalt zog sich viele Ellen lang hin. Sobald Hillalum ihn durchquert hatte, entglitt die Steinschicht seinen Fingern, und seine zappelnden Glieder berührten nichts mehr. Einen Moment lang spürte er, wie eine Strömung ihn erfasste, dann war er sich dessen nicht mehr sicher. Nur von Schwärze umgeben, überkam ihn wieder dieses entsetzliche Schwindelgefühl, das ihn beim ersten Anblick des Himmelsgewölbes ergriffen hatte: Er wusste nicht mehr, wo oben und unten war, rechts oder links.

Er strampelte mit den Beinen, hätte aber nicht sagen können, ob er sich vorwärtsbewegte.

Womöglich trieb er hilflos in ruhigem Wasser, womöglich aber wurde er von einer rasenden Strömung herumgewirbelt; er spürte nichts außer betäubender Kälte. Nirgends sah er irgendein Licht. Hatte das Wasser des Speichers keine Oberfläche, wo er auftauchen könnte?

Dann stieß er wieder gegen Stein. Seine Hände ertasteten einen Riss in der Wand. War er wieder dort, woher er gekommen war? Er wurde gewaltsam hineingezogen und hatte keine Kraft mehr, sich dem zu widersetzen. Er wurde in den Tunnel gespült und gegen die Wände geworfen. Der Tunnel war unglaublich tief, wie ein langer Minenschacht. Seine Lungen fühlten sich an, als wollten sie bersten, doch der Tunnel nahm immer noch kein Ende. Schließlich konnte er nicht länger die Luft anhalten und atmete aus. Die Schwärze, die ihn umgab, drang in seine Lunge ein – er würde ertrinken.

Doch auf einmal wichen die Wände vor ihm zurück. Er wurde von einem tosenden Strom weitergetragen, spürte Luft über dem Wasser! Dann spürte er nichts mehr.

Hillalum erwachte mit dem Gesicht auf kaltem Stein. Er konnte nichts sehen, aber in der Nähe seiner Hände Wasser fühlen. Er drehte sich um und stöhnte; alles tat ihm weh, er war nackt und seine Haut an vielen Stellen aufgeschürft oder von der Nässe runzelig, doch er atmete Luft.

Nach einiger Zeit gelang es ihm schließlich aufzustehen. Wasser umfloss geschwind seine Knöchel. Ein Schritt in eine Richtung, und das Wasser wurde tiefer. In die andere Richtung, und er stand auf trockenem Stein – Schiefer, dem Gefühl nach.

Es war völlig dunkel, wie in einer Mine ohne Fackeln. Mit geschundenen Fingerspitzen tastete er sich den Boden entlang, bis dieser anstieg und eine Wand bildete. Langsam, wie ein blindes Geschöpf, kroch er umher. Er fand den Ursprung des Wassers, eine große Öffnung im Boden. Da fiel ihm alles wieder ein! Durch dieses Loch war er vom Speicher ausgespuckt worden. Er kroch, stundenlang, wie er glaubte, weiter; wenn er in einer Höhle war, dann war sie riesig.

Er gelangte an eine Stelle, wo der Boden schräg anstieg. Gab es da einen Durchgang, der nach oben führte? Vielleicht würde er ihn zum Himmel führen.

Hillalum kroch weiter, ohne zu wissen, wie viel Zeit verstrich, und es war ihm egal, dass er nie zurückfinden würde, denn dort gab es kein Durchkommen. Er folgte, wenn möglich, einem Tunnel nach oben, und wenn er keine andere Wahl hatte, Gängen nach unten. Obwohl er vor Kurzem mehr Wasser geschluckt hatte, als er für möglich gehalten hatte, begann er durstig zu werden und hungrig.

Und schließlich sah er Licht und rannte darauf zu und ins Freie hinaus.