Gibt's das auch mit Liebe? - Ellen Berg - E-Book

Gibt's das auch mit Liebe? E-Book

Ellen Berg

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Beschreibung

Wie romantisch darf‘s denn sein?

Liebe ist was für Anfänger, findet Laura. Nachdem ihre vermeintliche Bilderbuchehe durch ist, hat sie die Nase voll von all den romantischen Klischees, die sie fleißig auf Instagram gepostet hat. Ihr aktueller Beziehungsstatus: geschiedener Single mit flüchtigen Affären. Doch dann wird die Redakteurin dazu verdonnert, über Liebe und »nachhaltige Romantik« zu schreiben. Hä? Vollends ins Schleudern kommt Laura, als sie eine kreative Auszeit in der Biohof-WG ihrer Schwester nimmt. Dort trifft sie den nervigen Nachbarn Finn. Und entdeckt plötzlich eine ganz neue Variante von Romantik …

Zwei ungleiche Schwestern auf romantischer Sinnsuche – niemand schreibt so einmalig komisch und romantisch wie Bestsellerautorin Ellen Berg!

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Was macht uns eigentlich wirklich glücklich? Jede Menge Likes auf Social Media, wenn wir unser ach so perfektes Leben präsentieren? Bucketlists voller Kerzenscheinkitsch und ewig strahlender Happiness? Lifestyle-Redakteurin Laura hat das alles hinter sich. Ihr Fazit: Liebe ist durch, Romantik ist ein einziger großer Schwindel. Doch dann soll sie ausgerechnet über zeitgemäße Romantik schreiben. Noch dazu wird sie dafür von ihrem Chef zu einer kreativen Zwangspause aufs Land geschickt – zu ihrer jüngeren Schwester, mit der sie von jeher im Clinch liegt. Doch als sie Rinderbaron Finn trifft, wird es plötzlich unerwartet romantisch …

Über Ellen Berg

Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reiseleiterin und in der Gastronomie. Heute schreibt und lebt sie mit ihrer Tochter auf einem kleinen Bauernhof im Allgäu. Wie ihre Heldin Laura hatte sie mit dem Thema Romantik abgeschlossen – bis sie den einen Mann traf, der alles, wirklich alles änderte …

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Ellen Berg

Gibt's das auch mit Liebe?

(K)ein Beziehungs-Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Prolog

Kapitel 1 — Vier Wochen später

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog — Mehrere Monate später

Impressum

Wer von diesem Roman begeistert ist, liest auch ...

Prolog

Fotos löschen. Sooo gut. Sollte man viel öfter machen.

Seit Stunden hänge ich auf der Couch, mein Smartphone in der linken Hand, ein Glas Rotwein in Reichweite, und tippe im Sekundentakt auf das kleine Mülleimersymbol. Nächstes Foto. Zack, weg. Noch eins. Und vor allem das da, bloß weg damit!

Schwer atmend lehne ich mich zurück. Wow. Die Aktion war überfällig.

Könnte mir jemand über die Schulter schauen, würde er bestimmt sagen: Hey, tickst du noch richtig? Sind doch wunderschöne Fotos! Willst du nicht ab und zu in Erinnerungen an die Zeit mit Joe schwelgen? Nee, will ich nicht. Genauso gut könnte man einer Ertrinkenden eine Hantel zuwerfen.

Ich meine, die Fotos sind wirklich wunderschön. Aber genau das ist das Problem.

Nehmen wir mal das hier: Joe und ich am Strand von Ibiza. Ich trage einen knallroten Badeanzug, der unauffällig ein paar Pfunde wegschummelt. Joe, fitnessgestählt und überaus sexy in seiner knappen gelben Badehose, hat einen Arm um mich gelegt. Übermütig, nahezu sprühend vor Glück lachen wir in die Kamera, im Hintergrund strahlt ein lichtblauer Himmel über dem türkisblauen Meer.

Haha. Alles Fake.

In Wirklichkeit war es eine verregnete Woche, grau wie nasser Asphalt und deprimierend wie ein Bad-Hair-Day. Außerdem froren wir erbärmlich in unseren Badeklamotten, wollten aber trotz des lausigen Wetters nicht zugeknöpft rüberkommen. Da musste kräftig nachgeschönt werden. Nach dem Einsatz diverser Filter strahlte das Bild in hellen Farben, und unsere Haut schimmerte golden wie von der Sonne geküsst. Das sprühende Glück? Hatte wegen notorischer Meinungsverschiedenheiten längst den Rückwärtsgang eingelegt. Nur für das Foto haben wir uns ein Lachen ins Gesicht gequetscht. Schließlich sollten meine Follower glauben, wir erlebten den sonnigsten, herrlichsten Traumurlaub unseres Lebens. Und nicht den Beginn einer Dauerbeziehungskrise.

Löschen, Laura. Aber so was von.

Oder das hier: Joe und ich in einem gemütlichen italienischen Restaurant. Er grinst verschmitzt, ich schaue halb ungläubig, halb verzückt in die Kamera, während ich den Ring aller Ringe hochhalte: meinen Verlobungsbrummer, ein Lady‑Di-Gedächtnis-Teil, Weißgold mit diamantumkränztem Saphir.

Die Follower waren begeistert. Von einem Fake. Wieder mal.

Erstens hatte sich Joe darüber aufgeregt, dass ich Spaghetti Carbonara bestellen wollte und keinen figurfreundlichen Salat. Ein Dauerstreitthema, weil er ein Fitnessfreak ist und zu Orthorexie, also übertrieben gesundem Essverhalten, neigt. Das wiederum nervte mich. Wie soll man denn seine Pasta genießen, wenn der Mann an zwei Rucolablättchen knabbert und dazu eine Cola Zero bestellt? Und wie sollte ich mit einem Mann glücklich werden, der so eisern trainiert, dass er Muskeln an Stellen hat, wo ich nicht mal Stellen habe?

Zweitens fand ich den Zeitpunkt für eine Verlobung viel zu früh. Angesichts unserer permanent einsturzgefährdeten Beziehung waren meine Bedenken ja auch gerechtfertigt. Andererseits drängte meine Mutter seit Langem auf den nächsten Schritt. Eigentlich fanden alle um mich herum, es sei höchste Zeit dafür. Also sagte ich Ja.

Drittens mussten wir den angeblichen Schnappschuss aus den genannten Gründen bestimmt fünfmal wiederholen, bis er einigermaßen glaubwürdig wirkte. Mein überraschter Blick war also in jeder Hinsicht gespielt. Man hätte mich vom Fleck weg zur Präsidentin des hiesigen Kasperletheaters wählen können.

Gelöscht. Für immer. Gott sei Dank.

O nee, und dann dieses Hochzeitsfoto. Ich ganz in weißer Spitze, das Blondhaar mädchenhaft aufgesteckt, Joe in einem eleganten grauen Cut mit Blumensträußchen am Revers. Selig stehen wir unter einem Rosenspalier – rote Rosen, was sonst – und lassen unsere Blicke ineinanderschmelzen.

Wer Lust hat, kann jetzt dreimal raten. Na?

Richtig: fettes, fettes Fake. Zwei Minuten vor dem Foto hatten wir einen scheußlichen Streit, weil Joe überraschend seine Dartkumpels zur Hochzeit eingeladen hatte. Seit Langem waren sie mir ein Dorn im Auge. Feiern, Fun und – na ja, das dritte Wort lasse ich lieber weg, mehr haben die ohnehin nicht in der Birne. Welche Frau möchte denn den angeblich schönsten Tag im Leben mit grölenden Typen verbringen, die schwarze T‑Shirts mit dem Aufdruck Bräuti-Gang tragen? Und dann auch noch anzügliche Bemerkungen über den nicht ganz jugendfreien Junggesellenabschied am Vorabend loslassen? Die hätten besser in ein Möbelhaus gepasst. Als unterste Schublade.

Jedenfalls war unser Streit einer der Sorte, bei der man sich richtig schlimme Dinge vor den Latz knallt. Die sollte ich hier besser nicht wiederholen. Nur das Foto löschen. Ab ins Nirwana damit oder, wie Joe immer sagt: Marke drauf, und tschüss.

Ach Joe.

Anfangs war ich so schrecklich verliebt in dich. Die Phase zwischen »Ich dich auch« und »Du mich auch« fiel allerdings bedauerlich kurz aus. Schon nach wenigen Monaten poppten die ersten Probleme auf. Aber je mehr romantische Fotos ich von uns postete, desto leidenschaftlicher verliebte ich mich in die Vorstellung, dass die traumhafte Beziehung, die man auf Instagram besichtigen konnte, echt war. Dass unsere Harmonie echt war.

Ein schwerer Fall von Selbstbetrug, ich weiß. Ich hatte mich in eine Illusion verliebt.

Eigentlich irre, dass ich mich für meine Eltern, Freunde, Kollegen und sogar für völlig Unbekannte jahrelang zum Affen gemacht habe: als Hochglanzmodel in einer künstlich erschaffenen Hochglanzwelt. Sehr erfolgreich übrigens. Ich wurde mit Herzchen-Likes und überschwänglichen Kommentaren geradezu überschüttet. Ihr seid ein Dreamteam! So sweet! So cute! Danke, dass ihr euer Glück mit uns teilt!

Je mehr Likes ich einheimste, desto größer wurde der Druck, mein Ding mit Joe durchzuziehen. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass alles nur eine Farce war. Bilder können lügen. Merke: Mit Lügen kommt man weit – aber nicht mehr zurück.

Jetzt brauche ich einen Schluck Wein.

Aufstöhnend angle ich mir das Glas und schlürfe den samtig-fruchtigen Shiraz. Genussvoll. Was bei mir heißt: geräuschvoll. Joe konnte das nicht ausstehen. Er konnte vieles an mir nicht ausstehen. Irgendwann konnte er gar nichts mehr an mir ausstehen. Was er mir auch gesagt hat, von morgens bis abends, manchmal sogar nachts.

Nicht dran denken, Laura.

Mechanisch wische ich weiter durch den Fotospeicher. So viele schöne Bilder. So viele hübsche Lügen. Ich wünschte, mein Kopf wäre ein Smartphone, dann könnte ich mit jedem Foto eine schlechte Erinnerung löschen.

Mein Magen rumpelt. Vielleicht ist es auch mein Herz.

Auf nackten Füßen laufe ich durchs Wohnzimmer, eine Sinfonie in kühlem Grau, von den eleganten Couchen bis zum hochflorigen Teppichboden. Sehr edel, sehr kompatibel für jemanden, dem man einen erlesenen Geschmack nachsagt. In Wahrheit hat sich hier ein sauteurer Innendesigner ausgetobt. Auch die Küche ist ganz in Grau gehalten und mit den modernsten Geräten ausgestattet: Airfryer, Dampfgarer, Bain-Marie fürs angesagte Vakuumsimmern.

Nichts von alldem haben Joe und ich jemals benutzt. Wie auch. Wenn ein Paar quasi 24/7 arbeitet und seine knappe Freizeit mit endlosen Diskussionen verbringt, reicht’s gerade mal für Pizza vom Lieferservice.

Mit einer Aufwallung von Heißhunger klaube ich mir Schokolade aus der Junk-Schublade, danach konsultiere ich den Kühlschrank. Die Ausbeute ist mager. Ein abgelaufener Protein-Drink. Ein schrumpeliges Radieschen. Ein Glas Marmelade, ungeöffnet. Jede Maus, die sich hier reinschleichen würde, wäre ein Fall für den Tierschutzbund.

Seufzend schiebe ich mir einen Riegel Schokolade zwischen die Lippen. Ungesund, aber stimmungsaufhellend. Essbare Endorphine.

Wenigstens kann Joe nicht mehr über meine katastrophalen Ernährungsgewohnheiten lästern, schießt es mir durch den Kopf, als ich zurück ins Wohnzimmer tapere. Joe ist nicht da. Er wird nie wiederkommen. Denn, tja, heute Morgen war unser Scheidungstermin.

Soll ja manche Leute melancholisch stimmen, so eine endgültige, offiziell rechtskräftige Scheidung. Mich nicht. Alles, was ich empfinde, ist grenzenlose Erleichterung, dass ich den Kerl los bin. Keine Mäkeleien mehr. Kein missgelauntes Gesicht, wenn ich die seiner Meinung nach falsche Serie auf Netflix schaue. Und im Bett kein verdruckstes »Schatz, ich lese noch ein bisschen«, gleichbedeutend mit: Sorry, Laura, Sex mit dir ist irgendwie gähn.

Und keine gefakten Fotos mehr! Ich habe es so satt, einen auf romantisch zu machen: Candlelight-Dinner, Rosensträuße, Händchenhalten an idyllischen Locations, damit meine Follower auch bloß was Herzerwärmendes zu sehen kriegten.

Mittlerweile denke ich, dass man in den wirklich schönen Momenten kein Handy zückt. Da ist man einfach nur glücklich.

So wie damals, als ich den Regenschirm vergessen hatte und total durchnässt beim zweiten Date mit Joe erschien. Feucht und schlaff klebte mir das Haar an den Wangen, die Wimperntusche hing am Kinn. Und Joe? Nahm mich in seine Arme. Küsste mir die Regentropfen vom Gesicht. Dann sind wir wie die Kinder durch die Straßen gelaufen, ohne eine Pfütze auszulassen, immer mitten rein, dass es nur so spritzte, und danach haben wir uns das erste Mal geliebt.

Tausend Bilder im Kopf. Kein einziges Foto. So läuft das in der real existierenden Realität.

Könnte eigentlich jeder wissen. Dennoch wollen erstaunlich viele Leute glauben, dass das Leben eine Serie glücklicher Momente sein kann. Tja. Wer leichter glaubt, wird schwerer klug, sagte meine Oma Lina. Wie recht sie doch hatte. Ein Smartphone besaß sie nie.

Geschlagene acht Jahre habe ich an meiner Fassade gearbeitet. Jetzt ist Schluss. Joe ist Geschichte. Die instagramablen Fotos sind Geschichte. Die raffinierten Filter, die geschönten Inszenierungen, dieses ganz Fake-Life, das ich ausgestellt habe wie ein Metzger seine Würste im Schaufenster.

Fragt sich nur, warum ich mir das angetan habe. Nun, das ist einfach zu beantworten: Weil ich die vielen Erwartungen erfüllen wollte. Weil ich beweisen wollte, dass ich’s draufhabe. Was? Alles.

Schließlich bin ich nicht einfach Laura. Trommelwirbel, Tusch, Tadaa: Gestatten, Laura Therese Hagedorn, Top-Journalistin mit Top-Karriere in einem Top-Frauenmagazin. Da muss auch das Privatleben tippitoppi sein. Wäre ja zu peinlich, wenn die Starkolumnistin, die vom angesagten Sneaker bis zum Geheimnis wertschätzender Beziehungen alles besser weiß, privat eine krachende Versagerin wäre. Was sie ist. Leider.

Darauf noch einen Schluck Rotwein. Meinen aktuellen Beziehungsstatus bezeichne ich als pre-loved. Das ist eigentlich eine hippe Bezeichnung für Secondhandklamotten, aber genauso fühle ich mich: abgeliebt und aussortiert.

Nicht, dass ich mich über Männer definieren würde. Hallo? Wir leben im 21. Jahrhundert! Ich weiß, wer ich bin. Allerdings weiß ich auch, dass Gefühle verwundbar machen. Deshalb muss ich höllisch aufpassen, dass mir so was wie Joe kein zweites Mal passiert. Die Gefahr besteht durchaus. Steckt nicht in jeder Frau ein sentimentales kleines Mädchen, das sich nach romantischen Momenten sehnt?

Grimmig beiße ich in die Schokolade. Romantik, ha! Wenn ich das schon höre. Ist doch alles fauler Zauber: Kerzenschein, rote Rosen, Herzchenluftballons. So wie die Liebe ein Trick der Hormone ist, damit wir auf den nächstbesten Knallkopf fliegen wie Wespen auf eine Scheibe Mortadella.

Gut, schön, ich gebe zu, dass mir so einiges fehlt. Nähe. Zärtlichkeit. Sex. Zusammen lachen, gemeinsam mit einem geliebten Menschen aufwachen, das Gefühl, mit Wohlwollen umhüllt und gegen jegliche Widrigkeiten der Welt da draußen gepanzert zu sein. Ich vermisse das alles. Ich will es zurück. Aber nicht um den Preis, noch mal verletzt zu werden.

Vielleicht sollte ich mir einen Hund anschaffen. So einen kleinen stubenreinen. Etwas zum Kuscheln, etwas zum Spielen, etwas zum Reden, ohne dass man lästige Widerworte bekommt. Zum Beispiel einen Jack Russell, die sind so lustig und verspielt, dass man schon von Psychopharmaka sprechen kann. Auch eine Katze wäre schön. Ein süßes Fellknäuel, das mir schnurrend um die Beine streicht und sich vertrauensvoll an mich kuschelt, wenn ich abends auf meinem Dauerparkplatz vor dem Fernseher hocke.

Die Wahrheit ist: Ich weiß nicht weiter.

Ja, ich bin erwachsen. Und doch fühle ich mich wie ein schutzloses kleines Kind, das innerlich friert. Was würde ich darüber posten? Und wie würden das wohl meine Follower finden? Vielleicht gibt es ja viel mehr einsame, verwundete Menschen wie mich da draußen als gedacht. Menschen, die sich gerade ihr Scheitern eingestehen müssen, auch wenn das fast noch mehr schmerzt als das Scheitern selbst.

Interessanter Gedanke.

Vielleicht habe ich es ja übertrieben mit dem People Pleasing. Nein, ganz bestimmt sogar. Manchmal frage ich mich, was ich tun würde, wenn ich niemandem mehr gefallen müsste. Wenn ich mich genauso geben würde, wie ich mich fühle. Wer ist Laura Hagedorn wirklich? Und wäre sie dann – rein theoretisch – beziehungstauglich? Ehrlich, ich weiß es nicht.

Todmüde lehne ich meinen Kopf ans Polster. Fast fallen mir schon die Augen zu, als plötzlich mein Handy vibriert. Jetzt? Um Mitternacht?

Vorsichtig linse ich aufs Display. Es ist meine Freundin Elinor, glücklich verheiratet, vier Kinder, Spitzenehemann. Ich drücke das Gespräch weg. Seit meiner Trennung will mich Elli dauernd einladen – damit ich nicht im Single-Blues versinke, wie sie sich ausdrückt.

Bringt aber nichts. Als ich vor Monaten bei ihr am Abendbrottisch saß, inmitten einer echten Familienidylle, kam ich mir vor wie die schräge alte Tante, die man übers Wochenende aus dem Heim geholt hat.

Wiederholung? Nein, danke. Dann lieber hier auf der Couch abhängen, all die doofen Fotos löschen und hoffen, dass ich mich nie, nie wieder verliebe.

Ganz ehrlich? Liebe ist was für Anfänger. Ich bin durch mit dem Quatsch. Komplett. Alles, was eventuell noch infrage kommt, sind unverbindliche Tinder-Dates: niedriger Einsatz, hoher Spaßfaktor, keine lästigen Gefühle.

Und keine Instagram-Fotos mehr. Nicht ein einziges.

Kapitel 1

Vier Wochen später

»Sind ein bisschen blass um die Nase, Frau Hagedorn. Wie geht’s Ihnen denn so, nach allem, was Sie wegen Ihrer Scheidung durchgemacht haben?«

»Blendend«, schwindle ich.

Was soll man auch anderes sagen, wenn der Chefredakteur höchstpersönlich nach dem Befinden fragt? Ich bin total neben der Spur? Ich habe einen Kater, weil ich’s gestern Abend mal wieder mit dem Shiraz übertrieben habe? Mein Hosenbund kneift, weil ich mich quasi nur noch von Schokolade ernähre?

Es ist neun Uhr morgens. Draußen lacht die Sonne vom Himmel, als wolle sie sich über meine trübe Stimmung lustig machen. Dennoch versuche ich, Haltung zu bewahren. Gar nicht so leicht. Die mit cognacfarbenem Leder bezogene Designerliege, auf der ich Platz genommen habe, ist furchtbar unbequem: eine brettharte, viel zu niedrige Angelegenheit, auf der man mit eingezogenem Bauch und durchgedrücktem Rücken ganz vorn auf der Kante hocken muss, um nicht wie ein Kartoffelsack nach hinten zu plumpsen.

Was ziemlich peinlich wäre. Schließlich habe ich einen Termin bei Marc van Basten, der das wichtigste Frauenmagazin der Republik leitet. Alle weiblichen Mitarbeitenden himmeln ihn an. Einige männliche auch.

»Frau Hagedorn. Laura.«

Unwillkürlich presse ich die Lippen aufeinander. Laura?

Noch nie hat mich mein Chef beim Vornamen genannt. Muss ich mir deswegen Sorgen machen? Oder soll ich mich geschmeichelt fühlen? Immerhin verkörpert Marc van Basten den Prototyp des smarten Machers: ein gut erhaltener Mittvierziger mit Kurzhaarschnitt und Golferbräune, der weiße Sneaker zu seinen eng geschnittenen Anzügen trägt.

Wenn man ein bisschen die Augen zukneift, sieht er aus wie eine Raubkopie des mittleren Brad Pitt: einschüchternd attraktiv und unnachahmlich lässig. Auch wenn ich mich als leidlich gut erhaltene Enddreißigerin bezeichnen würde, fühle ich mich in seiner Gegenwart immer wie eine drittklassige Statistin, die es nie in den Abspann schaffen wird.

Okay, man tut, was man kann. Oder muss, wenn man mithalten will.

Mein Gesicht hat die ersten Botox-Injektionen hinter sich, mein Haar ist neuerdings in einem coolen Silbergraublond gefärbt, meine Klamotten sind megamodisch, weil ich in meinem Job dazu verdonnert bin, als Stilikone zu überzeugen. Heute trage ich eine weite Dreiviertelhose in Kobaltblau, dazu eine weiße, in der Taille geknotete Leinenbluse, hochhackige weiße Sandaletten und silberne Creolen. Alles von internationalen Designern, versteht sich.

Hilft mir jetzt aber auch nicht weiter. Nervös spiele ich mit den silbernen Ohrringen, während ich darauf warte, dass ich den Grund für dieses Gespräch erfahre.

»Also, Laura.« Marc van Basten beugt sich über seine Schreibtischplatte ein wenig zu mir vor. »Ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten …«

O bitte. Wenn ein Satz schon so beginnt, tritt einem das Gegenüber garantiert zu nahe.

»Nur mal so aus Neugier«, spricht er weiter, »warum sind Sie von Ihrem Mann getrennt?«

Geht’s noch? Das ist doch nun wirklich privat! Zum Glück habe ich mir eine Standardantwort zurechtgelegt.

»Irgendwann wurden wir zu Geisterfahrern auf dem Highway der Herzen«, behaupte ich so abgeklärt wie möglich. »Meine Freiheit ist mir außerordentlich wichtig. Wenn ein Mann sie mir nehmen will, bin ich raus. Dann muss man eben der eigenen Persönlichkeitsentwicklung den Vorzug geben. Lieber kein Mann als der falsche.«

»Kein Mann, soso.« Marc van Basten lehnt sich wieder zurück. Im Gegensatz zu meiner unbequemen Sitzgelegenheit ist sein zehnfach verstellbarer Bürostuhl ja auch üppig gepolstert. »Ich dachte, Sie seien längst neu liiert.«

Tja. Wäre halt praktischer, wenn ich ein Ich-bin-einsam-und-verzweifelt-Schild um den Hals hängen hätte.

»Nein. Ich bin Single.«

»Weil Ihnen Ihre, also Ihre – Freiheit wichtiger ist?«

»Wenn ich jetzt Ja sage, hören Sie dann auf zu fragen?«

Marc van Basten fixiert mich mit einem durchdringenden Blick.

»Sie haben Probleme.«

»Seit meiner Scheidung eins weniger.« Ich räuspere mich. So wie man sich räuspert, wenn man seinem Gesprächspartner zu verstehen geben will, dass er zu weit gegangen ist. »Sollten wir nicht besser über meine Themenvorschläge für die nächsten Kolumnen reden?«

»Stimmt, Ihre Themenvorschläge.« Stirnrunzelnd scrollt der Chef auf seinem Tablet herum, bis er meine Mail gefunden hat. »Heieiei. Ihr Ernst? Love-Bombing, Benching, Gaslighting, Ghosting?«

»Wieso, diese Themen brennen unseren Leserinnen auf den Nägeln.«

»Ist das so?«

Ich verkneife mir ein unwilliges Knurren. Muss man diesem selbst ernannten Frauenversteher denn die simpelsten Dinge erklären? Love is a battlefield. Weiß doch jeder. Ich sowieso. Immerhin habe ich nicht nur eine gescheiterte Ehe hinter mir, sondern mittlerweile auch einige Tinder-Dates. Die Resultate waren niederschmetternd. Gelinde gesagt.

Der erste Typ hatte das Love-Bombing drauf. Von null auf hundert überschüttete er mich mit Liebeserklärungen, aus denen nichts, aber auch gar nichts folgte. Danach machte ich Bekanntschaft mit dem Benching: Nach dem dritten Date, auf das unsere erste Liebesnacht folgte, hielt mich der Typ wochenlang mit zuckersüßen Messages hin, ohne dass es je zu einem weiteren Treffen kam. Bis ich kapierte, was ich für ihn war: eine Ersatzspielerin auf der Wartebank, die er sich warmhielt, für alle Fälle.

Ganz fies war das Gaslighting, das der nächste Typ durchzog: emotionale Manipulation für Fortgeschrittene. Zum Beispiel lud er mich telefonisch zum Essen in ein Sushi-Restaurant ein – tauchte dann aber nicht auf und behauptete später, ich hätte mir die Verabredung nur eingebildet. Oder er berichtete mir tränentriefend, seine Mutter sei schwerkrank, weshalb er sie besuchen müsse – um zwei Wochen später tiefengebräunt aus einem Mallorca-Urlaub zurückzukehren und zu erklären, seiner Mutter gehe es absolut bestens, von Krankheiten sei nie die Rede gewesen. Mit solchen Widersprüchlichkeiten brachte er mich dermaßen durcheinander, bis ich meinen eigenen Gefühlen und Erinnerungen nicht mehr traute.

Auch mit Ghosting habe ich natürlich Erfahrungen gemacht: ein, zwei nette Dates, danach verschwanden die Typen auf Nimmerwiedersehen und waren auch auf dem Handy nicht mehr erreichbar.

Wer denkt, dass ich jetzt noch einen weiteren Versuch starte, hat wohl den Schuss nicht gehört. Auch mit diesem Quatsch bin ich durch. Und weil halt keiner dieser Honks in sein Profil schreibt: »Suche Frauen zum Erhalt meines Riesen-Egos, biete nichts als Frust und Tränen«, ist das ein Grund mehr, meine Geschlechtsgenossinnen zu warnen: Augen auf bei der Tinder-Lotterie! Oder gleich die Finger davon lassen.

»Laura.« Marc van Basten erhebt sich. Geschmeidig umrundet er den Schreibtisch und setzt sich zu mir auf die Liege, was meine mühsam austarierte Balance kurzfristig ins Schlingern bringt. »Sie befinden sich in einer schwierigen Lebenssituation, das verstehe ich. Aber dieses ganze Zeugs, Benching, Ghosting und so weiter, das ist alles so … so furchtbar negativ. Könnten Sie nicht zur Abwechslung was Aufbauendes schreiben? Was fürs Herz?«

Sekunde. Ich muss erst mal seine unerwartete körperliche Nähe verkraften. Er riecht gut. Vermutlich ein exklusives Eau de Toilette. Aber da ist noch mehr. Etwas Unwägbares in seinen wasserhellen Augen, das mich ein bisschen aus dem Konzept bringt. Was wird das hier? Ein Rausschmiss? Eine Beförderung? Oder flirtet mein Chef etwa mit mir?

Unwahrscheinlich. Niemand weiß besser als er, dass Vorgesetzte in Teufels Küche kommen, wenn sie eine Mitarbeiterin angraben. Dennoch rücke ich vorsichtshalber ein Stückchen von ihm ab, bevor ich antworte.

»Gerade weil in diesen schnelllebigen Zeiten negative Erfahrungen mit Männern die Regel sind, sollten unsere Leserinnen darüber Bescheid wissen.«

»Hm.« Versonnen begutachtet er seine auffallend gepflegten Hände, dann meine nackten Zehen in den hochhackigen Sandaletten. »Fakt ist: Wir brauchen mehr Feelgood-Momente im Magazin. Themen, bei denen die Leserinnen dem Alltag entfliehen können, Geschichten, bei denen sie ins Träumen geraten …«

Dann träum mal schön weiter, Marc van Basten. Für irgendeinen triefenden Kitsch stehe ich nicht zur Verfügung.

»Was ich mir von Ihnen wünsche«, ein kleines Lächeln gleitet über sein ebenmäßiges Gesicht, »ist eine Serie über die Renaissance der Romantik. Warum sehnen wir uns danach? Was bedeutet sie heutzutage? Gibt es vielleicht sogar eine ganz neue, eine zeitgemäße Art von Romantik?«

»Romantik«, wiederhole ich mit Grabesstimme.

»Ganz genau. Das reicht von unerfüllten Träumen bis hin zu praktischen Tipps, wie frau mehr Liebe und Romantik in den allzu nüchternen Alltag bringen kann. Was mir vorschwebt, ist eine Reflexion über nachhaltige Romantik.«

Ich fasse es nicht. Ausgerechnet die Frau, die der ganzen Sülze abgeschworen hat, soll jetzt darüber schreiben? Das nennt man wohl eine kognitive Dissonanz.

»Laura?«

»Ja?«

»Haben Sie verstanden, worauf ich hinauswill?«

»N‑nein?«

Zwischen seinen Augenbrauen bildet sich eine tiefe Falte, die er sich bestimmt demnächst wegspritzen lässt. Marc van Basten legt viel Wert auf sein Äußeres. Ich ebenfalls. Damit enden unsere Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder.

»Schauen Sie.« Feierlich legt er seine Fingerspitzen aneinander. »Es gibt diese altmodische Romantik aus den Märchen: Der Prinz soll für die Prinzessin einen Drachen töten. In den Fünfzigern hieß das: Meine Frau muss nicht arbeiten, soll aber gefälligst den Haushalt schmeißen; die Romantik besteht darin, dass ich für sie hinaus ins feindliche Leben gehe, die Kohle nach Hause bringe und ihr ab und an einen Satz Topflappen schenke.«

Uff. Was wird das hier? Unauffällig wackele ich mit den Zehen. Nicht unauffällig genug für Marc van Basten, der immer noch meine blau lackierten Zehennägel im Blick hat.

»Daneben gab es die Romantik der Zweierbeziehung«, doziert er weiter. »Ritterliche Gesten waren gefragt: einer Frau die Tür aufhalten, ihr in den Mantel helfen, eine Einladung zum Candlelight-Dinner, rote Rosenblätter auf seidenen Bettlaken.«

Ja, danke. Hatte ich schon. Brauche ich nicht mehr. So wenig wie die Instagram-Posts, auf denen all das zu sehen war.

»Kommen wir nun zur Gegenwart«, lächelt er aufmunternd.

Gott sei Dank. Lange halte ich diesen Vortrag nicht mehr aus. Also? Worum geht’s hier, Mr Neunmalklug?

»Jetzt sind Sie dran, Laura«, beantwortet er meine unausgesprochene Frage. »Schreiben Sie was Tolles über folgende Fragen: Gibt es eine moderne Romantik, die solche klischeehaften Inszenierungen toppt? Eine Romantik, die Beziehungen über viele Jahre lang lebendig hält und ein goldenes Band zwischen den Liebenden schmiedet?«

Bei den letzten Worten hat seine Stimme eigentümlich vibriert. Mir wird etwas unbehaglich zumute. Und wenn er nun doch mit mir flirtet?

»Kann ich mich auf Sie verlassen?«, hakt er nach. »Werden Sie etwas Hochemotionales, Hoffnungsvolles, Gemütserhellendes über romantische Gefühle schreiben? Trotz Ihrer, na ja, prekären privaten Situation?«

Autsch! Er hat wirklich prekär gesagt! Als wären Singles so was wie Menschen zweiter Klasse!

Geht ja gar nicht. Aber das behalte ich besser für mich. Wenngleich Marc van Basten stets betont, wie ungeheuer wichtig ihm die Meinung seiner Mitarbeitenden ist, darf man hier nur den Mund aufmachen, wenn man ganz oben in der Nahrungskette rangiert. Offiziell bin ich zwar die Starautorin des Magazins, doch was die Hierarchie betrifft, dümple ich eher im mittleren Bereich. Was für mich bedeutet: Karriere ist wie Karaoke – der Chef startet die Musik, du singst den passenden Text dazu. C’est la fucking vie.

»Ähm, klar, originelle Idee, super Thema, liegt total im Trend, Gratulation«, nuschle ich mit leidlich gespielter Begeisterung. »Sie wollen Romantik, Sie kriegen Romantik. Was für eine wundervolle Herausforderung. Freu mich sehr.«

Zweifelnd sieht er mich von der Seite an.

»Wenn so Freude aussieht, habe ich mich bislang immer falsch gefreut.«

»Ich kann’s nur nicht so zeigen«, erwidere ich etwas lahm.

»Dann muss ich wohl deutlicher werden.« Langsam erhebt er sich und schaut mit gekreuzten Armen auf mich hinab. »Personalführung gehört zu meinen Kernkompetenzen. Das schließt eine gewisse Sorgfaltspflicht ein. Und wenn mich nicht alles täuscht, haben Sie einen Burnout.«

Ich? Ausgerechnet ich?

In meiner Kolumne Lauras Lifestyle schreibe ich doch dauernd über Entschleunigung, Work-Life-Balance und die Risiken des Multitasking. Aber sogar mein Chef scheint zu wissen, dass ich keinen meiner schlauen Tipps beherzige. Arbeiten bis zum Anschlag ist nun mal die beste Methode, Sinnkrisen wegzutuppern. Die Leere zu füllen. Und das Loch im Herzen. Unruhig rutsche ich auf der Liege hin und her. Worauf will er überhaupt hinaus?

»Sie brauchen einen Change«, fügt er mit weicher Stimme hinzu. »Raus aus der Tretmühle des Alltags, raus aus der Hektik der Großstadt, rein in die Natur: tief durchatmen, den Waldboden unter den Füßen spüren, den Wind auf der Haut genießen, vielleicht sogar die Liebe neu entdecken. Und anschließend darüber schreiben. Glauben Sie mir: Die Romantik kommt ganz von selbst, wenn Sie sie zulassen. Öffnen Sie sich dem Leben – dann wird es Sie umarmen.«

Noch so ein Kalenderspruch, und ich falle schreiend von der Designerliege. Sag doch gleich, jeder macht hier das, was ich will.

»Hören Sie auf Ihr Herz, Laura.«

Sonst noch was? Natürlich höre ich auf mein Herz, schließlich habe ich ja keinen Penis.

»Weder brauche ich einen Change, noch besteht die Gefahr eines Burnouts«, halte ich tapfer dagegen. »Ehrlich, mir geht’s …«

»Unterirdisch«, fällt er mir ins Wort. »Ihre letzten Texte lasen sich wie mit ChatGPT zusammengeschustert, Ihre Performance ist suboptimal, die Ringe unter Ihren Augen sprechen Bände. Das sehe ich mir nicht länger an. Verreisen Sie. Oder, besser noch: Fahren Sie aufs Land und besuchen Sie Freunde, Familie, wen auch immer. Erneuern Sie die sozialen Bindungen, die Ihnen offenbar abhandengekommen sind. Schon gewusst, dass der Schlüssel zur Resilienz warme, vertrauensvolle Beziehungen sind?«

Ist ja doll, dass der Frauenversteher nun auch noch Hobbypsychologe ist. Ein ziemlich übergriffiger, wohlgemerkt. Leider auch ein ziemlich scharfsinniger.

Erstens hat er durchschaut, dass ich ChatGPT verwende – weil ich halt der Meinung bin, dass künstliche Intelligenz immer noch besser ist als natürliche Blödheit, wenn man sich in einem derart desolaten Zustand befindet wie ich. Zweitens ist es ja wahr, nach der Trennung von Joe habe ich mich immer mehr zurückgezogen. Die meisten Freundschaften sind wegen meines enormen Arbeitspensums sowieso schon lange eingeschlafen, und nach meiner ebenso kurzen wie unerfreulichen Tinder-Phase verbringe ich die Abende allein.

Notgedrungen. Ja, ich sehne mich nach warmen, vertrauensvollen Beziehungen. Aber die kann man sich nicht einfach bei Amazon bestellen. Die muss man aufbauen, festigen und pflegen. Vor allem muss man erst mal bereit dafür sein. Und, noch komplizierter: jemanden finden, mit dem das möglich ist.

»Ihre Schwester lebt doch auf dem Land«, setzt Marc van Basten von Neuem an. »Wäre das nicht eine gute Option für einen Trip in die Natur?«

Jetzt falle ich wirklich aus allen Wolken. Wie kommt der denn bitte auf meine Schwester? Mist. Vor sechs, sieben Jahren habe ich Vivi mal auf eine Weihnachtsfeier in die Redaktion mitgenommen und sie als Personalunion aus Familienanschluss und bester Freundin vorgestellt. Weil sich das so gut anhörte. In Wahrheit ist sie eine weitere Riesenbaustelle in meinem emotional verkorksten Leben.

»Besuchen Sie Ihre Schwester«, fährt Marc van Basten fort, wobei er den Kopf schräg legt, wie es vermutlich echte Psychologen tun, wenn sie einen so gut wie hoffnungslosen Fall vor sich haben. »Und schreiben Sie dort auf dem Land die Romantikserie. Ich gebe Ihnen vier Wochen, in denen Sie ohne jeden Druck kreativ werden dürfen.«

»Das, äh, geht nicht«, flüstere ich starr vor Schreck.

»Wieso?«

Weil Vivi und ich … Himmel noch eins, es funktioniert nun mal nicht mit uns. »Es geht halt nicht.«

»Schade, sehr schade.« Marc van Basten holt tief Luft. »Dachte mir fast schon, dass Sie meinen Vorschlag abblocken werden. Deshalb, na ja, was soll ich sagen – damals haben Vivi und ich unsere Kontaktdaten getauscht und einander noch eine Weile geschrieben.«

Mir fällt die Kinnlade runter. Vivi und Marc van Basten haben was …? Und dann auch noch hinter meinem Rücken?

»Ich war so frei, mal per WhatsApp bei ihr vorzufühlen«, erklärt mein Chef, als wäre das nicht etwa eine Bodenlosigkeit, sondern das Normalste der Welt. »Vivi hätte nichts dagegen, wenn Sie ihr einen längeren Besuch abstatten.«

»Das«, ich schlucke krampfhaft, »ist nicht fair. Professionell ist es auch nicht. Sie dürfen nicht einfach in meinem Privatleben herumspazieren, zumal dieses ganze Burnout-Gerede doch an den Haaren herbeigezogen ist. Oder haben Sie neuerdings ein Psychodiplom?«

Marc van Basten setzt sich wieder neben mich. Ein schuldbewusster Ausdruck tritt in seine hellen Augen.

»Gut möglich, dass ich meine Befugnisse ein wenig überschritten habe«, sagt er leise. »Doch heute spreche ich nicht nur als Chef zu Ihnen, sondern auch als Freund. Als sehr, sehr besorgter Freund. Sie sind großartig, Laura. Eine blitzgescheite, hochtalentierte Autorin, die ich ungeheuer schätze. Momentan surfen Sie allerdings auf der letzten Rille. Haben eine Schreibblockade. Malen die Welt in schwarzen Farben, sind besessen von negativen Themen und definieren Beziehungen nur noch als Sollbruchstelle. So was kann ich nicht drucken. Sie brauchen unbedingt eine Auszeit, sonst …«

Den Rest des Satzes lässt er in der Schwebe, aber ich ahne, was er mir sagen will: Falls ich mich gegen die unfassbare Zumutung dieser sogenannten Auszeit wehre, faltet er mich auf DIN A4 zusammen, schiebt mich unter der Tür durch, und das war’s dann mit meiner Karriere als Starautorin.

Na und? Mir reicht’s. Ich hab’s so dicke, mir in Mansplaining-Manier mein Leben erklären zu lassen. Wie ein Pfeil schieße ich von der Liege hoch.

»Ich gehe nirgendwohin, Herr van Basten. Schönen Tag noch.«

Und Ihre feuchten Träume von der Renaissance der Romantik können Sie sich in die Haare schmieren, Herr Chefredakteur. Eher friert die Hölle zu, als dass ich durch die Pampa stapfe und irgendeinen romantischen Bullshit fabriziere.

Kapitel 2

Ohrenbetäubender Lärm schlägt mir entgegen, als ich am Abend dieses verstörenden Tages Elinors Wohnung betrete. Ihren bewohnbaren Spielplatz, wie sie es scherzhaft nennt.

Ist was dran. Kaum zu glauben, was für ein Chaos vier kleine Kinder erschaffen können. Zum Soundtrack von Lachen und Geschrei stolpere ich schon im Flur über verstreutes Spielzeug und unförmige Schulranzen. In der Wohnküche sieht es nicht viel besser aus. Der Tisch ist mit Knetgummimännchen, Joghurtbechern und Kekskrümeln bedeckt, in der Spüle stapeln sich benutzte Tassen, an den Stühlen hängen Kinderklamotten in vier Größen.

Ja, ausnahmsweise bin ich Elinors Dauereinladung zum Abendessen gefolgt. Ging nicht anders. Ich muss mit jemandem reden. Dringend.

Elinor ist die Einzige, die dafür infrage kommt. Wir kennen uns ewig, schon seit der Schule. Im Laufe der Jahre haben unsere Lebenswege sehr unterschiedliche Richtungen genommen: Für mich stand früh fest, dass ich beruflich durchstarten will, Elinor liebt ihre Rolle als Ehefrau und Mutter und malt großformatige Blumenbilder, die sie in Ermangelung interessierter Käufer meist verschenkt.

Von außen betrachtet bin ich die Karrierefrau aus der Welt von Champagner, Glitz und Glamour, während Elinor ein harmonisches Familienleben, klimaneutrale Socken und fair gehandelten Apfelsaft wichtiger findet.

Doch die alte Vertrautheit ist immer noch da. Wenn man gemeinsam bei Mathetests geschummelt, zum ersten Mal Lippenstift ausprobiert und heimlich die erste Zigarette geraucht hat, kann eine lebenslange Freundschaft entstehen, die alle Unterschiede überwindet.

»Hi, Laura«, begrüßt sie mich. »Das ist ja mal eine Überraschung.«

»Hmmmm.« Ich überreiche ihr den Prosecco, den ich noch schnell im Supermarkt gegenüber gekauft habe. »Bitte schön.«

»Früher war es umgekehrt«, lacht sie. »Du brachtest die Probleme mit, ich den Prosecco.«

»Heute habe ich beides dabei.«

Mit gebührendem Sicherheitsabstand, weil ich eine weiße Bluse trage und sie ein gelbes T‑Shirt voller roter Saucenflecken, deutet Elinor Wangenküsschen an. Dann mustert sie mich argwöhnisch.

»Du siehst furchtbar aus.«

»So fühle ich mich auch.«

»Dann komm erst mal an. Trink einen Tee, danach reden wir.«

Ach ja, Elinor und ihr Teetick. Ich kenne keine andere Küche, in der so viele Sorten zu finden sind. Glaubt man den Aufschriften der Packungen, wohnen hier lauter gut gelaunte Yogis, die beruhigt, entwässert und ohne Blasenbeschwerden am Kamin sitzen. Außerdem ist ganzjährig cosy Weihnachts-Feeling. Hat eigentlich irgendwer mal wissenschaftlich überprüft, ob Tee so was tatsächlich kann? Mal ganz abgesehen von Sweet Kiss und Heißer Liebe, die in einem gut sortierten Teeregal natürlich auch nicht fehlen dürfen.

»Mach dir bitte keine Umstände«, erwidere ich. »Wir können auch den Prosecco trinken.«

»Kein Problem, Tee ist schon fertig.«

Elinor holt schon einen Becher mit der Aufschrift Familie ist, wenn man die liebt, die einem auf die Nerven gehen aus dem Schrank und gießt aus einer Glaskanne grünen Tee hinein. Ich bevorzuge eigentlich Cappuccino mit einem Extra-Shot Espresso und die Devise: Freunde sind die Familie, die wir uns aussuchen. Nur dass ich gar keine Freunde mehr habe. Außer Elinor.

Als ich mich an den Tisch gesetzt habe, beobachte ich sie verstohlen. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie Elinor bei all dem häuslichen Trubel so glücklich wirken kann. Ihr rosiges Gesicht unter der dunklen Lockenmähne strahlt größte Zufriedenheit aus, und selbst die Flecken auf ihrem verwaschenen T‑Shirt scheinen sie nicht die Bohne zu stören. Zu allem Überfluss führt sie eine Bilderbuchehe. Kein Fake. Hier ist alles echt, vom Kinderlachen, das aus dem Wohnzimmer zu uns dringt, bis zu den verwackelten Fotos am Kühlschrank, auf denen Elinor und ihr Mann Kalle verliebt wie am ersten Tag in die Kamera lächeln.

»Ist es wegen Joe?«, erkundigt sie sich, während sie nebenher ein paar Tassen in die Spülmaschine räumt. »Du siehst wirklich total runter aus.«

»Nein, das mit Joe ist durch«, winke ich ab.

Was nicht so ganz stimmt. Schließlich stalke ich ihn auf Instagram. Im Gegensatz zu mir hat er nach wie vor einen Account, den er fast täglich füttert. Und zwar ziemlich perfekt. Ist fast schon eine Sucht geworden, sein neues Leben auszuspionieren.

Andererseits, nein, ich spioniere nicht. Ist doch nett von mir, dass mich interessiert, wie es ihm geht.

»Joe ist also durch? Sicher?« Mit dem Handrücken streicht sich Elinor eine Locke aus der Stirn. »Womöglich hast du zu schnell aufgegeben. Ich meine, so eine Ehe wirft man doch nicht einfach in den Müll.«

»Habe ich ja auch nicht. Nur keine Lust mehr gehabt, sie immer wieder aus der Tonne zu fischen.«

Nachdenklich sieht Elli mich an. Nachdenklich und eine Spur vorwurfsvoll.

»Ehe ist Arbeit, Laura. Also, unter anderem. Vielleicht hast du dich zu sehr auf deinen Job konzentriert, statt an deiner Beziehung zu arbeiten.«

Muss man das denn? An einer Beziehung arbeiten? Ich bin zwar nicht rettungslos naiv, aber dass man auch noch im Privatleben ackern soll, darüber habe ich nie nachgedacht. Überhaupt habe ich wenig darüber nachgedacht, was eine gute Beziehung ausmacht. Gefühle allein reichen jedenfalls nicht, so weit bin ich immerhin schon. Und falsche Romantik auf makellosen Bildern, die lügen, dass sich die Balken biegen, das kann’s auch nicht sein. Dann wohl eher dran arbeiten, schätze ich.

»Könnte unter Umständen eventuell hinkommen«, gebe ich Elinor zögernd recht. »Nützt mir allerdings nichts mehr.«

»Sag das nicht.« Schelmisch zwinkert sie mir zu. »Beim nächsten Mann wird alles anders.«

»Es gibt keinen nächsten Mann!«, brause ich auf. »Jedenfalls wird es nie wieder einen geben, der mich in die Beziehungsfalle lockt!«

»Puh.« Elinors kastanienbraune Augen werden kreisrund. »Das heißt, du willst ab jetzt wie eine Nonne leben?«

»Nein, mein Single-Dasein genießen.« Dass sich der Genussfaktor in überschaubaren Grenzen hält, tut hier nichts zur Sache, finde ich. »Beziehungen können wahnsinnig einengend sein. Ich möchte frei und selbstbestimmt leben, Männer stören da bloß. Mehr als Affären sind nicht drin. Kurz und schmerzlos. Das heißt, am besten nur kurz.«

Kopfschüttelnd setzt sich Elinor zu mir an den Tisch.

»Tu bitte nicht so, als wär das nicht total merkwürdig. Wie kommst du bloß auf so was Schräges?«

»Weil ich nach der Pleite mit Joe nie wieder das Gefühl haben möchte, erst im Eheknast und dann auf der Abschussrampe zu sitzen. Ich schätze, man hat pro Leben nur eine Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte. Die habe ich ausgespielt. Das war’s.«

Erneutes Kopfschütteln. Dann faltet Elinor ihre Hände auf dem Schoß und wirft mir einen skeptischen Blick zu.

»Jetzt mal Klartext, Laura. Seit Wochen lade ich dich ein, seit Wochen sagst du ab, heute stehst du plötzlich auf der Matte. Woher der Sinneswandel? Was ist passiert?«

Wo anfangen, wo aufhören? Fahrig greife ich zu einem der Knetgummimännchen auf dem Tisch und drücke darauf herum wie auf einem Stressball.

»Heute Morgen hatte ich ein sehr seltsames Gespräch mit meinem Chef. Er war ganz anders als sonst. Es menschelte gewaltig.«

»Ach, und jetzt sollst du demnächst ein Bier mit ihm trinken gehen?«

»Ich mag lieber Wein. Und Marc van Basten mag vor allem Marc van Basten.« Schulterzuckend nehme ich einen Schluck Tee. »Die Sache ist die: Er meint, ich hätte einen Burnout. Ist das nicht verrückt?«

Eine Pause entsteht. Komisch. Ich hatte Protest von Elinor erwartet, solidarische Empörung sozusagen. Stattdessen legt sie den Kopf schräg – genau wie mein Chef heute Morgen – und knabbert verdächtig lange auf ihrer Unterlippe herum.

»Du denkst doch wohl nicht dasselbe!«, platzt es aus mir heraus. »Ich und Burnout, das ist doch absurd!«

»Na jaaa …«

»Elinor!« Wie wild knete ich auf das Männchen ein. Enttäuscht. Und verletzt. »Hältst du mich etwa auch für ein hysterisches Nervenbündel, das nichts mehr auf die Reihe kriegt?«

»Mama, Mama, Lisa hat meinen Gameboy versteckt«, ertönt in diesem Moment ein weinerliches Stimmchen, und Dennis, der Jüngste aus Elinors Viererpack, kommt in die Küche gerannt. »Lisa ist voll gemein!«

»Vielleicht ist es ja auch gemein zu petzen?«, lässt Elinor ihn nonchalant auflaufen. »In zehn Minuten essen wir. Vorher bitte alle die Hände waschen, ja?«

»Trotzdem«, schmollt Dennis, »ich will meinen Gameboy zurück. Du musst mit Lisa schimpfen.«

»Kommt nicht in die Tüte.« Lächelnd schnippt Elinor einen Krümel vom Tisch. »Wenn zwei sich streiten, müssen sie selber wieder zueinanderfinden. Frag dich doch mal, warum Lisa deinen Gameboy versteckt hat. Bestimmt gibt es einen Grund.«

»Nein, das hat sie einfach so gemacht.«

»Es gibt immer einen Grund, wenn zwei sich streiten«, wird er von seiner Mutter belehrt. »Und meistens geht es nicht wirklich um Gameboys, grölende Kumpels oder ungesunde Ernährungsgewohnheiten.«

»Versteh ich nicht«, mault Dennis.

Ich verstehe es. Sogar besser, als mir lieb ist. Die letzten beiden Beispiele hat Elinor auf mich gemünzt.

Mein Magen schrumpft auf die Größe eines Tennisballs. Ach, du grüne Neune. Stimmt, Joe und ich haben dauernd gestritten, doch ich habe mich nie gefragt, was der tiefere Grund dafür sein könnte. Um das herauszufinden, hätten wir echte Gespräche führen müssen. Gespräche, die sich nicht nur um Orga-Kram oder den nächsten Urlaub drehen. Darüber habe ich sogar mal eine Kolumne geschrieben: Deeptalk ist das neue Sixpack. Aber mal wieder hatte die Schusterin die schlechtesten Schuhe. Wir haben aneinander vorbeigeredet wie zwei Fremde.

Mir wird ganz mulmig zumute bei dem Gedanken, dass wir zwar jahrelang verheiratet waren, aber nie eine Beziehung hatten, in der man den anderen mit all seinen Facetten kennt und versteht. Leider ging ich davon aus, dass man mich nicht verstehen muss. Dass ich auch Joe nicht verstehen muss. Dass lieb haben reicht. Großer, großer Irrtum.

»Okay, mein Hase, denk mal in Ruhe darüber nach, was ich gerade gesagt habe.« Elinor haucht ihrem Sohn einen Kuss auf den Scheitel, bevor sie aufsteht, einen Geldschein aus der Küchenschublade holt und ihn Dennis hinhält. »Lisa und du, ihr bekommt eine Aufgabe: Heute dürft ihr ausnahmsweise mal allein zum Supermarkt gehen und eine Familienpackung Schokoeis holen.«

»Allein?«, echot er perplex. »Nur Lisa und ich?«

»Ganz genau. Aber nur, wenn ihr gut aufeinander aufpasst. Versprichst du mir das?«

»Ja, Mama«, nickt Dennis mit hochroten Bäckchen. »Versprochen!«

Ich staune. Alle Achtung, das ist familiäres Krisenmanagement mit pädagogischem Mehrwert. Und auf einmal kommt mir ein seltsamer Gedanke: Ich wünschte, auch Joe und ich hätten so eine Aufgabe gehabt, um uns wieder einander anzunähern. Im Grunde haben wir kaum etwas zusammen unternommen. Vielleicht wäre ein gemeinsames Hobby gut gewesen. Oder ein gemeinsames Projekt, wie es so viele Paare haben: ein Haus bauen, einen Schrebergarten anlegen, ein Boot restaurieren. Oder wenigstens auf Flohmärkte gehen und irgendeinen charmanten Trödel sammeln.

Oder ein gemeinsames Kind aufziehen, durchzuckt es mich plötzlich. Doch auch dieser Zug ist lange abgefahren. So lange, dass ich nicht mal mehr die roten Rücklichter sehen kann.

Nachdem Dennis zurück ins Wohnzimmer gelaufen ist, wo sich der Lautstärkepegel merklich erhöht, schlägt Elinor die Beine übereinander. Ihr hübsches Gesicht unter der dunklen Lockenmähne drückt tiefste Besorgnis aus.

»Zurück zum Thema. Ich bin keine Spezialistin, Laura. Doch soweit ich weiß, wird man bei einem Burnout nicht hysterisch, sondern lebt erst als typischer Workaholic und fällt irgendwann in ein tiefes, tiefes Loch. Nichts geht mehr. An nichts hat man mehr Freude. Nach und nach versinkt man in abgrundtiefem Pessimismus und ist grundsätzlich negativ drauf. Ob das alles auf dich zutrifft, kannst nur du selbst beurteilen.«