Glauben. Lieben. Ernten. - Brother Augustine Jebakumar - E-Book

Glauben. Lieben. Ernten. E-Book

Brother Augustine Jebakumar

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Beschreibung

In einer außergewöhnlichen Vision vernahm der Inder Augustine Jebakumar den Ruf Gottes zum Missionsdienst. Er folgt diesem Ruf, kündigt seine gutbezahlte Anstellung als Maschineningenieur in Südindien, um in den weitaus ärmeren Norden Indiens zu ziehen. Vorbehaltlos stellte er sich Gott als Vollzeitkraft zur Verfügung. 1979 gründete Jebakumar die Missionsgesellschaft "Gospel Echoing Missionary Society" (GEMS), die heute 2800 vollamtliche Mitarbeiter beschäftigt. Ihre wichtigsten Aufgaben sind die Verkündigung des Evangeliums, das Wachstum der Gläubigen und die Hilfe durch humanitäre und soziale Unterstützung. 25.000 Kinder und Jugendliche werden unterrichtet und ernährt, in 48 Kinderheimen werden Waisen und Halbwaisen sowie an Kinderlähmung erkrankte Kinder und Jugendliche betreut. Augustine Jebakumar genießt in Indien höchsten Respekt und enorm viel Vertrauen. Denn er ist kein Westler - er ist ein Einheimischer, der Verantwortung übernimmt!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Brother Augustine Jebakumar Glauben. Lieben. Ernten.

Brother Augustine Jebakumar

Glauben. Lieben. Ernten.

Mein Leben für die Unerreichten Indiens

Eine Co-Produktion des Fontis-Verlags mit der «Inter-Mission»

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Diese Autobiografie ist eine Übersetzung des tamilischen Originals ’Nee Illavidyl Es ist auch auf Hindi unter dem Titel Aur Kohi Nahi erschienen.

Übersetzung ins Deutsche: Markus A. Hediger

Die Bibelstellen wurden, soweit nicht anders angegeben, folgender Übersetzung entnommen: Lutherbibel © 2017 by Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Foto Umschlag (typische Straßenszene in Indien): Prateek Dubey, prottle.wordpress.com Fotos Bildteil: © by Augustine und Rupa Jebakumar und «Inter-Mission» E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-510-0

Inhalt

Vorwort von Peter Will

Einleitung des Autors

1. Kapitel: Meine jungen Jahre

2. Kapitel: Der Ruf

3. Kapitel: Der Berufung folgen

4. Kapitel: In Seine Hände

5. Kapitel: Der Preis der Hingabe

6. Kapitel: Wir gewinnen Boden

7. Kapitel: Über die Grenze

Über die Inter-Mission

Anmerkungen

Bildteil

Vorwort von Peter Will

Gott nährt und stärkt unseren Glauben durch das Leben biblischer Persönlichkeiten – der «Helden der Heiligen Schrift».

Der Schreiber des Briefes an die Hebräer wendet für die Schilderung von Glaubenshelden sogar ein komplettes Kapitel auf. Er berichtet uns, wie sowohl Männer als auch Frauen zur Zeit des Alten Testaments ihr Vertrauen auf Gott setzten und «durch Glauben Königreiche bezwangen, Gerechtigkeit wirkten, Verheißungen erlangten, der Löwen Rachen verstopften» (Hebräer 11,33; Elberfelder Bibel).

Der Autor misst dem Glauben so viel Bedeutung bei, dass er Vers um Vers das ganze Kapitel mit seinen Heldenbeschreibungen füllt. Wir selbst wissen um den Wahrheitsgehalt jeder einzelnen Geschichte, und doch nimmt uns schnell der Gedanke gefangen: «Das war früher so. Aber ich würde mir wünschen, Gott heute noch so wirken zu sehen!»

Ich glaube fest daran: Gott kann uns mit der nachfolgenden Erzählung deutlich machen, dass er heute noch derselbe ist wie damals. Derselbe Gott, gestern, heute und in Ewigkeit. Unser Glaube mag erschüttert werden. Gott aber bleibt, wer er ist.

Während meiner Arbeit auf dem Missionsfeld wurde ich immer wieder von Glaubenshelden ermutigt. Gerade in der sogenannten «Dritten Welt» werden Menschen ihrer materiellen Armut und Geringschätzung zum Trotz immer wieder zu großen Werken für den Herrn befähigt. Wir, in unserer so gebildeten und privilegierten Gesellschaft, fallen leicht dem Glauben anheim, dass wir im Dienst einen höheren Bildungsweg, eine bessere Ausbildung, mehr Know-how und mehr Geld benötigen. Natürlich kann Gott diese Dinge in gewissem Maß gebrauchen; aber er möchte, dass wir uns nicht auf sie verlassen, wenn wir Schritte im Glauben tun.

Bei meinem ersten Besuch in Indien 1979 hatte ich das Privileg, Augustine Jebakumar kennen zu lernen. Ich erinnere mich gut an unseren zweitägigen Besuch und an das kleine Haus, in dem er mit ein paar Männern und Frauen lebte, die alles zurückgelassen hatten, um die Unerreichten von Bihar mit der Liebe Jesu Christi zu erreichen.

Auf dem Dach des Häuschens – von dort oben blickte man in eine karge und dürre Landschaft hinaus – fanden regelmäßig Gebetstreffen statt. In Indien sind Gebetstreffen noch echte Gebetstreffen, die in der Regel kein Ende kennen.

Das nächste Mal traf ich Jebi (Jebakumar) auf einer Jugendkonferenz in Chennai. Ich erinnere mich gut daran, wie sein Zeugnis und seine Lehre Hunderte junger Leute berührten. Nach einer der Veranstaltungen dort verbrachten wir etwas Zeit zusammen; er erzählte uns von seiner Mutter und wie sie schon für ihn betete, als er noch ein kleiner Junge war. Das, so spürte ich, war das Geheimnis und die Quelle von geistlicher Kraft und Autorität!

Seitdem hatte ich regelmäßig das Privileg, ihn zu besuchen, und durfte dabei miterleben, wie der Dienst, zu dem Gott ihn gerufen hat, konstant weiterwächst. Das karge und dürre Land hat Gott in ein «Elim», einen Brunnen, verwandelt: in Krankenhäuser, Bibel- und Berufsschulen, Schulen zur Befähigung im Dienst, Unter- und Oberstufenschulen, Ausbildungsstätten, Heime für Menschen mit Behinderung, Heime für Straßenkinder und noch so vieles mehr.

Unser menschlicher Verstand ist geneigt zu sagen, dass in die verschiedenen Projekte und Gebäude lediglich Geld und Arbeitskraft geflossen sind. Ich aber frage mich: Können Geld und Arbeit dem menschlichen Herzen Leben und Glauben spenden? Nein, Geld bewirkt genau das Gegenteil: Es entzieht dem Menschen Leben und lässt auch die Herzen der Gläubigen hart werden und erkalten, wenn sie sich materiellen Dingen zuwenden.

Gott hat Jebakumar mit einem Leben gesegnet, das auf Glauben gebaut ist und aus seinen Gaben einen fruchtbaren Dienst hervorgebracht hat. Eine dieser Gaben macht ihn fähig, das Wort Gottes zu lehren, und eine andere, Nachfolger heranzubilden. So hat der Herr aus GEMS in der Tat einen Dienst gemacht, der das «Evangelium erschallen» lässt.

(GEMS steht für Gospel Echoing Missionary Society, zu Deutsch etwa «Missionsgesellschaft, die das Evangelium widerhallen lässt».)

Der Herr segne dich und benutze dieses Buch, um deinen Glauben weiter zu stärken. Er berühre dein Herz, damit du Ihm, der alles für dich gegeben hat, auch alles geben kannst.

Peter Will, Gründer der ersten Calvary Chapel in Deutschland und heute Berater und Betreuer der Calvary-Chapel-Gemeinden in Europa

Einleitung des Autors

Ich habe nie Theologie studiert. Nie eine Bibelschule besucht. Nie eine sozial-missionarische Ausbildung oder Ähnliches absolviert. Aber ich bin Missionar im Dienst des Herrn – und das jetzt schon seit 44 Jahren.

Im Auftrag der tamilischen Monatszeitschrift «Yutha Satham» begann ich unter dem Titel «Nan Thirumbi Pakirein» («Ich denke zurück»), über meine Erlebnisse im Dienst zu schreiben.

Es dauerte nicht lange, und ich wurde von Leserbriefen überschwemmt, in denen meine Arbeit auf dem Missionsfeld gepriesen und verherrlicht wurde. Ich war fassungslos, war meine einzige Absicht dabei doch gewesen, Gott – und Gott allein! – die Ehre zu geben!

Kurzerhand beendete ich meine Artikelserie und gelobte mir feierlich, diesen Fehler nie wieder zu begehen.

Viele Menschen, die mich bei evangelistischen Treffen, Predigten und über dritte Personen gehört und erlebt hatten, waren jedoch der Ansicht, dass die Veröffentlichung meiner Erfahrungen für viele zu einem großen Segen werden und zukünftigen Generationen als Inspiration und Ermutigung dienen könnte.

Auch die Worte des Psalmisten drängten mich, über all die wundersamen Dinge zu schreiben, die Gott in meinem Leben getan hat:

«Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt und noch jetzt verkündige ich deine Wunder. Ach verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen. Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?»

Psalm 71,17–19

Ich spürte auch, dass sowohl meine jüngeren als auch meine zukünftigen Kollegen die Gelegenheit bekommen würden, den Preis, der für den Aufbau dieses Werkes gezahlt wurde, besser zu verstehen und wertzuschätzen. Die harte Arbeit und die vielen Opfer der ersten Missionare in Indien sind gut dokumentiert. Aber diese Arbeit wurde mehrheitlich von Ausländern getan.

Dagegen gibt es kaum einen Bericht über die harte Arbeit und die Opfer der heutigen Missionare – die mehrheitlich Inder sind. Das spornte mich an, aufzuzeigen, dass derselbe Gott, der durch die ersten ausländischen Missionare wirkte, noch immer auf dieselbe Weise durch die indischen Missionare tätig ist. Gesetzt den Fall, diese sind gewillt, ihm ihr Leben unterzuordnen und ihre Dienste seinen Händen anzuvertrauen.

Es ist mein inniger Wunsch, dass dieses Buch junge Christen inspiriert und in ihnen das missionarische Feuer entzündet! Ich bin fest davon überzeugt, dass der einheimische Missionar eine Schlüsselrolle einnimmt, wenn es darum geht, die christliche Jugend Indiens zu inspirieren und in ihr den geistlichen Eifer und die Leidenschaft für den Herrn zu wecken.

Wenn dich etwas zurückhält oder du davor zurückschreckst, im Dienst den nächsten Schritt zu gehen, weil es dir an theologischen Qualifikationen mangelt, dann ist dieses Buch speziell für dich geschrieben. Ich möchte unterstreichen, dass jeder, der der Stimme Gottes gehorcht, von Gott auf mächtige Weise gebraucht werden kann – unabhängig von seinem Werdegang. Gott macht keinen Unterschied zwischen Menschen und auch keinen bei deren Herkunft. Er ist eine allgegenwärtige Hilfe in Zeiten der Not für alle, die ihm vertrauen.

Meine Geschichte wird deutlich machen, dass ein transparentes Leben vor Gott und den Menschen mit einer ewigen Belohnung im Reich Gottes gekrönt wird. Sie unterstreicht, dass Gott, der uns für seinen Dienst erwählt hat, uns treu in allen Schwierigkeiten beisteht; dass ein Missionar ohne Gott nichts erreicht und dass ihn seine rhetorischen Fähigkeiten und Führungsqualitäten allein nicht weiterbringen.

Ich möchte noch etwas hervorheben: Gott erwartet, dass du dich als Teamplayer erweist, auch wenn er dich als Individuum berufen hat. Nehemia, Mose und selbst Jesus arbeiteten alle in einem Team. Das Werk Gottes ist unermesslich groß und kann nicht von einem Einzelnen umgesetzt werden; jeder hat eine wichtige Rolle zu spielen, so unscheinbar sie auch sein mag.

Mein Zeugnis in diesem Buch ist, dass ein Dienst, der von ganzem Herzen, mit Aufrichtigkeit, Einfachheit, Heiligkeit und Opferbereitschaft geleistet wird, eine ganze Nation befähigt, Jesus Christus als Heiland anzunehmen, und so tiefgreifende Veränderung herbeiführt.

Ich möchte Menschen motivieren und ermutigen, ihren Eifer und ihre Hingabe bis zum Zieleinlauf zu bewahren und zu kultivieren. Während all der Jahre im Dienst habe ich zu viele gesehen, die mit großem Eifer für den Herrn begannen und dann kalt und träge wurden. Ich möchte diesen Menschen Inspiration für göttliche Werke sein, die sie jederzeit erreichen können – vorausgesetzt allerdings, sie setzen all ihr Vertrauen auf Gott.

Er wird uns sicher führen. Nicht nur, um in unserem Dienst große Dinge zu erreichen, sondern auch in unserem Alltag. Gottes Wort sagt: «Der Gerechten Pfad glänzt wie das Licht am Morgen, das immer heller leuchtet bis zum vollen Tag» (Sprüche 4,18).

Es ist mein größter Wunsch, dass ich bis zu meinem letzten Atemzug fleißig und «sorgsam zu Gottes Werk» mit derselben Aufrichtigkeit, Hingabe, Barmherzigkeit und Einsatzbereitschaft und mit demselben Eifer und Pflichtgefühl beitragen kann, mit denen ich seinerzeit begonnen habe.

Ich glaube, dass dieses Zeugnis endlich die Frage verstummen lassen wird, die sich viele indische Missionare stellen: «Wo sind die Pioniere?» Gott will die Inder als kraftvolle Zeugen gebrauchen, um das Evangelium in unerreichte Gegenden zu tragen! Nicht nur in Indien, sondern in der ganzen Welt. Er liebt unsere Nation und unser Volk zutiefst. Er wartet darauf, uns zu gebrauchen, wenn wir ihn mit Eifer suchen.

Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um zu begeistern, sondern um dazu aufzurufen, unserem Heiland – der für uns gelitten hat! – treu zu dienen. Es ist nicht meine Absicht, mit diesem Buch Menschen hervorzuheben, sondern den Namen des Herrn, des Königs der Könige und des Erlösers der Menschheit, zu verherrlichen.

Deshalb wurde dieses Buch auch aus dem Tamilischen ins Hindi, ins Englische und nun auch ins Deutsche übersetzt, damit möglichst viele Menschen von meinen Erfahrungen profitieren und ihren Eifer für den Herrn erneuern können. Nachdem ich aufrichtig dafür und darüber gebetet hatte, spürte ich während des Schreibens Gottes inspirierende Gegenwart und Leitung. Alles, was in diesem Buch beschrieben wird, ist – nach meinem besten Wissen – wahr und frei von Übertreibungen.

Es ist mein Herzenswunsch, dass diese riesige Nation Indien – möglichst noch zu meinen Lebzeiten – die rettende Macht unseres Heilands Jesus Christus erfahren möge. Sie soll viele Nachfolger und Nachahmer Christi hervorbringen. Jede Zunge soll bezeugen, dass das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus die ultimative Lösung für jedes Problem dieses Landes ist. Die Kirche soll das Licht der Erlösung auf diese Nation werfen. Auf die Bevölkerung wie auch auf regierende Politiker und auf Reiche wie auch auf Arme.

Diese Memoiren sind auch ein Zeugnis dafür, dass der Feind eine Mission, die aus dem Gebet erwuchs und durch die Kraft des Heiligen Geistes in Übereinstimmung mit dem souveränen Willen Gottes ausgeführt wurde, nicht zerstören kann. Sie bekräftigen auch, dass wir die mächtigen Taten Gottes gemäß seinem Bund mit uns erleben werden, wenn wir bis zum Ende mit Hingabe und Ausdauer festbleiben in unserem Einsatz für den Herrn.

Die nachfolgende Erzählung ist die Geschichte einer Missionsgesellschaft. Einer Organisation, die mit dem Leben eines Einzelnen verflochten ist, aber dessen Leistungen ihrerseits mit dem Leben Tausender verflochten sind, die hinter den Kulissen mitgearbeitet haben und weiterhin arbeiten. Aus Gründen der Kürze habe ich nur einige wenige namentlich erwähnt, doch der Herr erinnert sich an jeden einzelnen meiner Mitarbeiter und an jedes seiner Verdienste. Mein Gebet ist es, dass der Herr euch segne.

Dem Herrn aufrichtig und ohne Erwartung von Anerkennung zu dienen garantiert uns einen festen Stand im Angesicht von Widerstand. So sollte unser einziger Wunsch die Errichtung des Reiches Gottes sein, indem wir uns ihm unterwerfen und beten: «Dein Reich komme.»

Ich strebe weiterhin danach, würdig zu sein, um vom Herrn ein «guter und treuer Diener» genannt zu werden. Es ist mein aufrichtiges Gebet, dass die Absicht dieses Buches sich erfülle. Gottes Wille geschehe.

Dein Bruder, der sich täglich bemüht, dem Herrn treu zu sein, welcher ihn als seinen Diener berufen hat,

D. Augustine Jebakumar

1. Kapitel

Meine jungen Jahre

Ich habe sonst keinen außer dir

«Mein Sohn, wenn du nicht gehst, habe ich sonst keinen, den ich senden könnte.»

Eine laute, aber sanfte Stimme durchschnitt die stille Nacht. Zwei durchdringende und doch wunderschöne Augen erschienen in der Dunkelheit. Tränen strömten aus ihnen hervor und fielen auf einen jungen Mann. Verwirrt und wie hypnotisiert stand dieser da und heftete seinen Blick auf diese befremdende, aber fesselnde Szene, während in seinen Ohren flehende Worte widerhallten.

Von den Tränen zutiefst gerührt und mit einem Gefühl völliger Unwürdigkeit, fragte er, wie auch Maria gefragt hatte:

«Herr, wie soll das geschehen?» Dann fügte er sich jedoch, warf sich nieder und sagte: «Hier bin ich.»

Im selben Moment war die Vision verschwunden.

Dieser junge Mann, dem tausend Fragen durch den Kopf gingen und der dem himmlischen Ruf implizit gehorcht hatte, war ich – Augustine Jebakumar.

Meine Freude war überschwänglich, als ich nach langer Suche meine allererste Arbeitsstelle fand, denn ich hatte große Pläne, wie ich meiner notleidenden Familie unter die Arme greifen könnte. Auf Anweisung des Herrn sollte ich meine langersehnte Anstellung allerdings am 13. Oktober 1972 wieder kündigen. Gott hatte mir zugesichert, dass er sich persönlich um meine Familie kümmern würde.

Ich nahm ihn beim Wort. Ohne Fragen zu stellen, stürzte ich mich mit ganzer Hingabe in den Dienst für ihn. Ich schaute nicht zurück. Mit Feuer im Bauch, Ehrfurcht im Herzen und Gehorsam in meinen Taten ging ich, wohin Gott mich führte.

Auch an den Ort, der zu meiner Bestimmung werden sollte; der, wenn auch gewiss Teil des Staates, den ich «meine Heimat Indien» nenne, doch von ganz anderer Kultur und Sprache geprägt ist als der, in dem ich aufgewachsen war. Doch das hielt mich nicht auf. Ich wusste, dass mich der Gott meiner Berufung auf Schritt und Tritt begleiten würde.

Meine Geburt

Am 15. August 1947, dem Tag, an dem Indien seine Unabhängigkeit erhielt, erwartete eine junge Frau aus Sawyerpuram sehnsüchtig die Geburt ihres ersten Kindes. Sie hoffte inständig, dass es an diesem geschichtsträchtigen Tag geschehen würde, und hatte für das Kind sogar einen Namen zu Ehren dieses großen Ereignisses ausgesucht. Es würde ein Junge sein, und er sollte den tamilischen Namen «Suthanhitra Rajan» tragen; ein Name, der dem Tag der Unabhängigkeit gebührt: «Prinz der Freiheit».

Nun, es sollte nicht sein. Ich wurde am 20. August in einem freien Indien geboren und erhielt den Namen Augustine Jebakumar. Augustine aufgrund des Geburtsmonats (es ist höchst unwahrscheinlich, dass meine Mutter jemals vom heiligen Augustinus, dem großen christlichen Gelehrten, gehört hatte) und Jebakumar, weil ich die Frucht ihrer Gebete war (jebam bedeutet «Gebet» auf Tamilisch).

Meine Eltern konnten zu jenem Zeitpunkt keinen blassen Schimmer davon haben, dass ihr Sohn eines Tages dem Ruf Gottes, Missionar zu werden, folgen, Tausende durchs Gebet zu Christus bringen und ihnen beibringen würde, ein Leben im Gebet zu führen!

Meine Kindheit

Ich wurde in eine gottesfürchtige Familie hineingeboren, die regelmäßig den Gottesdienst besuchte. Jedes einzelne Familienmitglied achtete die christlichen Werte wie den Gehorsam gegenüber den Geboten, die Lektüre des Wortes Gottes und das regelmäßige Gebet. Singen und Beten mit der ganzen Familie gehörten unserer wöchentlichen Routine an.

Joy Florinal, meine Mutter, war Lehrerin und Devapitchai, mein Vater, diente in der indischen Luftwaffe. Ihre Liebesgeschichte ist ein unglaubliches Beispiel für Gottes mächtige Führung!

Die starke disziplinarische Neigung unserer Eltern war der Grund dafür, dass meine Schwester und ich von früh an mit christlich orientierter Strenge erzogen wurden. Dies brachte uns edle Tugenden wie Aufrichtigkeit, Disziplin, Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Altruismus bei, die jeden Bereich unseres Lebens bestimmten.

Der Großvater väterlicherseits

Mein Großvater wurde als Hindu geboren und aufgezogen. Er sollte ein loyaler, väterlicher (er hatte acht Kinder) und fest in seinen Überzeugungen verankerter Hindu-Priester werden. Lange Zeit war sein Erkennungsmerkmal schlechthin die anderthalb Meter lange Haarpracht. Seine Bekehrung zum Christentum ist ein Zeugnis wahrhaft göttlicher Intervention.

Zu der Zeit, als er in Pallipattu, einem winzigen Dorf im Süden des Distrikts Tiruvallur im Bundesstaat Tamil Nadu, als Hindu-Priester diente, ließ sich dort ein europäischer Missionar nieder, der den Dorfbewohnern die Liebe Christi predigte. Großvater war davon nicht allzu angetan. Vehement widersetzte er sich dem Missionar, überschüttete ihn mit Beleidigungen und schimpfte ihn einen «christlichen Hund». Er ging sogar so weit, ihn der Zerstörung unserer Kultur zu bezichtigen.

Inmitten einer dieser erneuten Anschuldigungen kniete der Diener Gottes genau an der Stelle, an der er angegriffen wurde, stumm nieder, betete und ging weiter.

Das Schutzversprechen unseres Herrn: «Wer euch antastet, der tastet seinen Augapfel an» (Sacharja 2,12), erfüllte sich innerhalb von zwei Wochen.

Mein Großvater verlor auf einmal komplett den Verstand, fing an, unablässig vor sich hin zu plappern, durch die Straßen des Dorfes zu laufen und sich unter die Bäume am Wegrand zu legen. Er befand sich in einem sehr bemitleidenswerten Zustand. Man mied seine Nähe. Seine Eltern gaben in einem verzweifelten, aber vergeblichen Bestreben ein Vermögen dafür aus, Heilung für ihn zu finden, doch sein Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag.

Nachdem die Eltern irgendwann jede Hoffnung in die traditionelle Medizin verloren hatten, suchten sie Zuflucht in der Hexerei, mit dem Ergebnis, dass sich der mentale Zustand ihres Sohnes nur noch verschlechterte.

Sein Martyrium schritt unweigerlich zwei weitere Jahre voran, bis zu dem Tag, an dem er wieder einmal unter einem Baum saß und urplötzlich eine Vision hatte. Jesus Christus erschien ihm in weißen Gewändern und berührte ihn sanft. Augenblicklich war er geheilt!

Von diesem Wunder überrumpelt, widmete er sein Leben von nun an dem Herrn als dessen wahrer Zeuge.

Auf einmal war sein Leben wie verwandelt. Er änderte seinen Namen zu Arulsagayam, um sich immer daran zu erinnern, dass er durch die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn Jesus Christus geheilt worden war. Seinen alten Namen wollte er nie wieder benutzen oder erwähnen.

Er selbst war auch nicht mehr der gleiche arrogante, intolerante Mann, der er gewesen war. Jetzt haftete ihm der Ruf eines weisen Mannes an, der oft für die Dorfbewohner betete und ihnen half, ihre Streitigkeiten beizulegen.

Nach und nach gewann er den Respekt des Volkes und erhielt eine Ehrenstellung im Dorf. Seine Familie wurde liebevoll «Familie der Problemlöser» genannt. Er spielte eine Schlüsselrolle in der Bekehrung vieler Dorfbewohner, die Jesus Christus als ihren Herrn und Heiland annahmen. Heute wird das Dorf «Jerusalem» genannt. Eine wunderschöne Kirche erhebt sich darin als Zeugnis ihres Glaubens.

Einige Jahre nach meinem Diensteintritt wurde ich eingeladen, im Dorf meines Großvaters bei einer dreitägigen Erweckungsveranstaltung zu predigen. Ich war hocherfreut darüber, denn dies war ein wahrhaft großes Privileg. Noch heute erinnere ich mich daran, wie stolz mein Vater war, dass ich eingeladen wurde, in der dortigen Kirche zu predigen!

Großvater starb plötzlich und unerwartet. Er hinterließ seine Frau, Annammal Arulsagayam, und acht kleine Kinder.

Die Herkunft der Großmutter väterlicherseits

Großmutter stammte aus einem Dorf namens Sebathaiyapuram im Distrikt Tuticorin1 (sebam [Jebam] bedeutet «Gebet» in der tamilischen Umgangssprache). Das Dorf, das eigentlich für seine Anhänger «Shivas», einer Hindu-Gottheit, berühmt ist, hatte einst den Namen Sivathaiyapuram getragen. Hinter dieser Namensänderung steckt eine interessante Geschichte, die man sich noch heute erzählt.

Damals schloss das Dorfoberhaupt Freundschaft mit G.U. Pope (1820–1908), einem Missionar, der in Sawyerpuram stationiert war. Eines Tages lud er G.U. Pope zu einem Fest im Shiva-Tempel ein. Der Höhepunkt des Festivals war eine Zeremonie, bei der eine Kobra, die sich um den Hals der Shiva-Statue schlängelte, von den Gläubigen dargereichte Milch trinken würde.

G.U. Pope erkannte die Gelegenheit, den Namen Jesu vor den versammelten Anhängern Shivas zu bezeugen, nahm die Einladung an und prophezeite: «Diesmal wird die Kobra plötzlich sterben, ohne vorher von der Milch zu kosten.»

Das Dorfoberhaupt begegnete dieser Herausforderung mit der Erwiderung: «Sollte dies tatsächlich geschehen, werde ich den Herrn Jesus Christus als meinen persönlichen Erlöser annehmen.»

Als der Tag des Festivals anbrach, schwoll der Eifer des Volkes zu einem Crescendo an. In Ekstase taumelten die Menschen zum Tempel, um dem Ereignis beizuwohnen.

Erfüllt von der Macht des Heiligen Geistes, erreichte auch G.U. Pope den Tempel.

Die herbeigesehnte Zeremonie begann, und die begeisterte Menge drängte sich um die Götterfigur, um einen besseren Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Die Kobra entschlängelte sich, wand sich zum Boden hinab und begann, mit ausgebreiteter Haube hin und her zu wiegen. Plötzlich fiel sie regungslos in sich zusammen. Sie starb, noch bevor sie von der Milch kosten konnte, genau so, wie es der Missionar prophezeit hatte!

Das Dorfoberhaupt traute seinen Augen nicht. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, akzeptierte er, dass Jesus Christus tatsächlich der Herr ist. Die versammelte Menge brach in Wut aus und sah in Pope den Verantwortlichen.

Doch das Dorfoberhaupt bezeugte seinen neugewonnenen Glauben und sagte: «Dies ist Beweis genug, dass Jesus Christus der wahre Gott ist.»

Ein Teil der Menge akzeptierte das, während sich der Rest vehement widersetzte. Auf diese Weise hielt das Christentum Einzug in das Dorf und bewirkte die Namensänderung. Doch der Konflikt, der an jenem Tag entbrannte, dauert bis heute an.

Mein Vater

Der plötzliche Tod meines Großvaters stürzte meine Großmutter in große Trauer und tiefes Leid; sie musste acht Kinder mit der Hilfe anderer Familienmitglieder aufziehen.

Rajendran, ihr Ältester, wurde Postbeamter in Burma (heute Myanmar). Devadason, der zweite Sohn, studierte und wurde Lehrer an der TDTA-Schule (Tirunelveli Diocese Trust Association). Annakili, die erste Tochter, heiratete einen Geschäftsmann aus Sri Lanka. Das vierte Kind, ein Sohn mit Frau und zwei Kindern, erlitt einen frühen Tod.

Unglücklicherweise starben auch die anderen Kinder früh. Mein Vater Devapitchai (ein tamilischer Name, der «Almosen Gottes» bedeutet), auch A.D. David genannt, war das jüngste der acht Kinder.

Diese große, ihres Vaters beraubte Familie beschloss, in ein Dorf namens Idaikkadu zu ziehen, wo sie einige Hektar Land bewirtschaften konnte.

Von früh an war mein Vater von wahrer christlicher Hingabe und Anbetung fasziniert. Er nahm mit großer Begeisterung an den Aktivitäten der «Ceylon Pentecostal Mission» (CPM – gegenwärtig «The Pentecostal Mission», TPM) teil. Von der Scheinheiligkeit mancher Christen enttäuscht, kam er jedoch zum Schluss, sich den nationalen Streitkräften anschließen zu müssen, und wollte fortan ein diszipliniertes Leben führen.

So wurde er Mitglied der indischen Luftwaffe. Er stürzte sich in seine Ausbildung und landete schließlich in der Kommunikationsabteilung der Fallschirmspringer.

Vater erinnerte sich oft an die schwierigen Zeiten, die er im Militärdienst durchlebte, wobei ihm besonders vor Augen stand, wie die Briten (damals befand sich Indien noch unter britischer Herrschaft) während des Zweiten Weltkriegs an der Grenze zu Burma den Japanern gegenüberstanden.

Er erzählte dann, wie er wie durch ein Wunder unverletzt entkam, als er einmal in feindliches Feuer geriet, und er wurde nie müde, über den Mut, das Mitgefühl und die Kraft der Frauen von Manipur zu staunen, die verwundete Soldaten auf dem Rücken die steilen und rutschigen Berge hinauftrugen.

Mit leiser Stimme zeichnete er vor dem geistigen Auge immer wieder die fürchterlichen Schlachten nach, in denen er dienen musste. Viele Male mussten sie aus Flugzeugen springen – einmal waren es 33 Sprünge während einer einzigen Schlacht! Ein andermal öffnete sich sein Fallschirm nicht. Er stürzte in ein Gebäude und verletzte sich dabei schwer am Rücken. Doch immer betonte er das Wunder, überhaupt noch am Leben zu sein und die Gelegenheit zu haben, davon zu berichten.

Der Großvater mütterlicherseits

Thangaswamy Perinbham, der Vater meiner Mutter, kam aus dem Dorf Churandankottai und war Schuldirektor der «Saffior School» in Tirunelveli. Er war auffällig, großspurig und überhaupt sehr stolz darauf, die englische Sprache zu beherrschen.

Seiner Abstammung hatte er seinen Reichtum und sein würdevolles Benehmen zu verdanken, was ihn nicht davon abhielt, einen verschwenderischen Lebensstil anzunehmen und auch mal mit Freunden und Verwandten zu trinken und zu feiern. Als angesehenes Mitglied der Gesellschaft war er von den Briten zum Richter ernannt worden, um lokale Streitigkeiten zu schlichten.

Er wurde mit fünf Töchtern und einem Sohn gesegnet. Doch als die Kinder noch sehr klein waren, verlor er seine Frau und heiratete ein zweites Mal. Mit seiner zweiten Frau, die aus Alwarneri stammte, hatte er neun weitere Kinder! Es war in der Tat eine große Familie, die später nach Puthukulam in der Nähe von Palayamkottai zog, wo der Vater ein großes Haus baute und man sich dauerhaft niederließ.

Gottes wunderbarer Plan

Meine Mutter Joy Florinal war die jüngste der ersten fünf Töchter. Sie war schön, sehr mitteilsam und überaus lebhaft. Sie liebte es, mit anderen ihre Späße zu treiben.

Kaum ins heiratsfähige Alter gekommen, begann Großvater, nach einem geeigneten Bräutigam für sie zu suchen. Eines Abends begab sie sich mit ihren Freundinnen zu einem nahegelegenen kleinen See, um dort zu baden. Die Frauen erspähten dort eine Gruppe junger Männer, die am Ufer entlanggingen.

Meine Mutter machte einen jungen Mann mit einer Fackel aus und ließ sich sogleich zu einer sarkastischen Bemerkung hinreißen, die dieser unweigerlich hören musste: «Kanghiekku lottery; kaielay battery!» (Was auf Deutsch etwa so viel heißt wie: «Nagt der mit der Fackel am Hungertuch, oder was?»)

Als sie nach Hause kam, stellte sie mit Schrecken fest, dass derselbe junge Mann bei ihren Eltern zu Gast war, und verfiel gar in Schockstarre, als sie erfuhr, dass er ein Heiratsanwärter war!

Der junge Mann war mindestens genauso peinlich berührt und überrascht und machte sich mit den Worten «Ich will keine Frau mit einer derart scharfen Zunge!» geschwind aus dem Staub.

Großvater war außer sich, als er von dem Zwischenfall erfuhr. Er arrangierte ihre Hochzeit nun auf die Schnelle mit einem Mann, den sie überhaupt nicht ausstehen konnte. Sie bekam kein Mitspracherecht. Sie flehte ihn um Vergebung an und weinte bitterlich vor ihm, doch ihre Worte stießen auf taube Ohren. Großvater war unnachgiebig und weigerte sich, seine Entscheidung zu überdenken.

Die Hochzeitsvorbereitungen liefen wie geplant weiter, und kurz darauf feierte man ihre Vermählung mit der traditionellen Lesung der Hochzeitsaufgebote. Alles schien verloren.

Doch dann der Paukenschlag: Der älteste Schwager meiner Mutter, D.N. Abraham, schritt zu ihrer großen Erleichterung als ihr Retter ein. Er unterbrach die Hochzeit gerade noch rechtzeitig mit dem Ende der Lesungen und nahm offiziell die Bürde auf sich, einen angemessenen Bräutigam für sie zu finden.

Dieser Schwager war als Lehrer tätig, diente nebenbei aber noch als Katechet. Er war einer von Devadasons Kollegen, des ältesten Bruders meines Vaters. Sie steckten ihre Köpfe zusammen und fanden einen ihrer Glaubensbrüder, der perfekt zu meiner Mutter passte.

Mein späterer Vater nutzte seinen Urlaub bei der Luftwaffe, um seine zukünftige Braut zu besuchen. Großvater testete dessen Tauglichkeit, indem er ihn mehrmals auf und ab marschieren ließ, bevor er ihn als würdig befand, mit seiner Tochter den Bund der Ehe einzugehen.

Meine Eltern lassen sich nieder

Frischvermählt zogen meine Eltern nach Sawyerpuram, wo sie ein Grundstück erwarben und sogleich ein Haus darauf bauen ließen. Das Dorf ist nach Mister Sawyer benannt, einem christlichen Geschäftsmann, dem große Teile des umliegenden Landes gehörten. Er bot verfolgten Christen Zuflucht und erlaubte ihnen, sich auf seinem Land niederzulassen.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Ortschaft zu einer blühenden Kolonie mit sorgsam geplanten Straßen und jeder Menge Dienstleistungen. Zentral im Dorf erhebt sich aus dem Boden eine wunderschöne Kirche. G.U. Pope und spätere Missionare bauten hier außerdem ein Krankenhaus und eine Schule auf.

Mein Vater, durch und durch Familienmensch, gelangte in dieser Zeit zu der Einsicht, dass er seiner Rolle als Haupt der Familie nicht gerecht werden könne, solange er Militärdienst leistete. Deshalb begann er, sich nach einem anderen Arbeitsplatz umzusehen.

Es sollte allerdings am besten eine Regierungsstelle sein, denn die Arbeitssicherheit hatte für ihn absolute Priorität – auch wenn der Lohn nur ein «Quarter Thuttu» wäre (anderthalb Paise2, ein Hundertstel einer Rupie; ein sehr kleiner Betrag).

Da er für die Kommunikations- und Informationsabteilung im Militär gearbeitet und auf diesem Gebiet Erfahrungen gesammelt hatte, bewarb er sich für einen Posten im Ministerium für Telekommunikation. Es gab zu jenem Zeitpunkt jedoch keine geeignete unbesetzte Stelle, also musste er sich mit einer Position niederen Ranges bei der Post zufriedengeben. Die Stelle wurde seinen Qualifikationen nicht gerecht, und trotzdem beschloss er, sie anzunehmen, da es eine Regierungsstelle mit Aussicht auf Beförderung war.

So brachte Gott meinen Vater und meine Mutter zusammen, um mich dann irgendwann auf die Welt zu schicken. Es ist wundervoll, wie Gott einen Menschen noch vor der Erschaffung der Welt vorherbestimmt. Wie er ihn beschützt und ihm ein familiäres Umfeld bietet, um ihn zu leiten und für die göttliche Bestimmung seines Lebens vorzubereiten.

Frühe Einflüsse

Das Singen, das Tanzen, das Lauschen der Predigt, das Wiedersehen mit den Geschwistern – ich liebte von Anfang an einfach alles am Gottesdienst in der Kirche von Sawyerpuram. Fast könnte man sagen, ich war für den Gottesdienstbesuch regelrecht vorherbestimmt.

Mein Status als einziger Sohn bedeutete für mich in der Familie keine Spezialbehandlung, eher im Gegenteil: Meine Mutter war durch und durch Lehrmeisterin. Sie «impfte» mir das Bibellesen ein, als ich gerade dreieinhalb Jahre alt war!

Ab meinem fünften Lebensjahr erhielt ich kein Frühstück, solange ich nicht ein Kapitel im Wort Gottes gelesen hatte. Ab meinem siebten Geburtstag erwartete sie von mir, dass ich ihr eine Zusammenfassung der Sonntagspredigt lieferte. Jeden Sonntag musste ich ein kurzes Gebet aus dem Gebetbuch und ein Kapitel der Heiligen Schrift auswendig lernen und aufsagen!

Der Herr gab mir in diesen jungen Jahren ein hingegebenes Herz, um ihn mit Demut und Eifer anzubeten. Seit ich denken kann, hatte ich den Wunsch, regelmäßig in die Kirche zu gehen, was dazu führte, dass ich bereits ab einem sehr jungen Alter nie auch nur einen Gottesdienst verpasste.

Wir waren eine prinzipientreue christliche Familie, die immer zu ihren christlichen Werten und Tugenden stand und diese verteidigte. Obwohl ich es damals als lästig empfand, verstehe ich heute, wie ungeheuer nützlich dies für meine Charakterbildung und meine Missionarstätigkeit gewesen ist.

Da die Tätigkeit meines Vaters nicht an einen festen Ort gebunden war, wurde er oft in entlegene Regionen versetzt. Die Entfernung zwischen Arbeitsstelle und Wohnort war in den meisten Fällen aber so groß, dass er das Wochenende nicht mit uns verbringen konnte.

Meine Schwester Anne Regina Violet wurde geboren, als ich drei Jahre alt war. Wenige Monate nach ihrer Geburt zogen wir nach Paneerkulam in der Nähe von Kadambur, wo mein Vater stationiert war.

Was wir bei unserem Umzug nicht wussten: In diesem Dorf schwelte ein gewaltbereiter Konflikt. Anfangs ließen die Dorfbewohner Mutter beim Wasserschöpfen am Dorfbrunnen noch in Ruhe. Doch als sie erfuhren, zu welcher Kaste sie gehörte, stießen sie ihren Wasserkrug um und vertrieben sie. Sie erlaubten ihr von da an nicht mehr, Wasser zu holen. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt zwar erst dreieinhalb Jahre alt, aber ich konnte den Fanatismus und den Fluch des Kastensystems deutlich spüren.

Doch es lag nicht in der Natur meiner Eltern, in so einer Situation nachzugeben. Sie stürzten sich in einen langen und harten Kampf, um die trennende Macht des Kastensystems zu durchbrechen. Sie durchwachten viele Nächte und schrieben Briefe an den ehemaligen Chief Minister von Tamil Nadu, K. Kamaraj, und an Arul, den Generalinspektor der Polizei.

Mein Vater mobilisierte einige hingebungsvolle junge Männer und arbeitete ohne Unterlass für Gerechtigkeit, auch wenn er dabei sein Leben riskierte. Für den Verteidigungsfall trug er immer eine Sichel in seiner Posttasche mit sich. Es war gefährlich, sich nachts hinauszuwagen. Die Erinnerung an diese fürchterlichen Tage ist bei mir immer noch frisch.

Sehr gut erinnere ich mich vor allem an eine Nacht. Ich war etwa dreieinhalb Jahre alt. Wir waren spät mit dem Zug in Kadambur eingetroffen. Vater trug mich auf seinen Schultern, und Mutter hatte meine halbjährige Schwester in den Armen. Wir mussten in der Dunkelheit und völlig schutzlos nach Hause laufen, da keine anderen Transportmittel zur Verfügung standen. Unsere Angespanntheit auf dem Nachhauseweg war quasi greifbar. Es war eine nervenaufreibende Erfahrung, und man kann nur dankbar sein, dass nichts passiert ist.

Ein anderes Ereignis sticht aus meiner Erinnerung ebenso hervor. Es war wieder eine Nacht. Vater verließ gegen 21 Uhr das Haus in Richtung Pfarrhaus, das nicht allzu weit von uns entfernt lag. Kaum war er weg, tauchten wie aus dem Nichts mehrere Männer auf, bewarfen unser Haus mit Steinen und fügten so unserem Dach schwere Schäden zu.

Mutter war von dem Angriff bis ins Mark verängstigt, aber sie schaffte es trotzdem, nicht regungslos zu verharren, sondern reagierte. Sie legte meine kleine Schwester in die Wiege, stellte mich neben ein Fenster und begann aus vollem Halse durch ein offenes Fenster hinauszuschreien – noch heute kann ich diesen Schrei hören! Es gelang ihr, die Aufmerksamkeit einiger Polizisten auf sich zu ziehen, die uns in letzter Minute vor den Angreifern retteten.

Als Kind wurde ich Zeuge vieler solcher Ungeheuerlichkeiten, die durch dieses bösartige Kastensystem verursacht wurden. Ich musste mit ansehen, wie Fanatismus Hass und Rachegefühle hervorbrachte und den Frieden in der Gesellschaft zerstörte. Diese Erfahrungen pflanzten den Samen des missionarischen Eifers in mein kleines Herz. Ich beschloss, die Unterdrückten mit dem Evangelium der Liebe unseres Herrn Jesus Christus zu erreichen.

Im Lauf der Zeit brach das Kastensystem in unserem Dorf zusammen, und die Menschen lernten, freundschaftlich miteinander umzugehen.

Das Evangelium ist die Lösung für die unzähligen Probleme der vom Kastensystem dominierten Gesellschaften unserer Nation! Es greift an der Wurzel der trennenden Kräfte an und vereint die streitenden Fraktionen in einem einzigen Pferch, mit einem einzigen Hirten. Es zerstört Hass und Feindschaft. Das Evangelium besitzt die Macht, friedliche, veränderte und fortschrittliche Gesellschaften zu erschaffen. Lasst uns die Pläne des Teufels durchkreuzen, der den Frieden, die Harmonie und die Einigkeit in unserem Land zerstören will, indem wir das Kastensystem verbannen!

Als Nächstes zogen wir aufgrund einer weiteren Versetzung meines Vaters in die Stadt Tuticorin (heute Thoothukudi). Da ich sehr wissbegierig war und darauf brannte, in die Schule zu gehen, schulten mich meine Eltern ein Jahr früher als vorgesehen ein. Ich schloss das erste Schuljahr an der «Martin Primary School» ab. Wenn mich jemand fragte, was mein Berufswunsch sei, antwortete ich, dass ich Medizin studieren und Arzt werden wolle. So sehr war ich von Dr. Pandyan, einem damals sehr berühmten Arzt, beeindruckt. Ich wollte genauso wie er Leben retten.

Wir waren irgendwann ohne meinen Vater wieder zurück nach Sawyerpuram gezogen. Für meinen Vater wurde das Pendeln aber bald zu viel. Oft hatte er nicht einmal Zeit, um seine Mahlzeiten in Ruhe einzunehmen. Also hieß es für uns: zurück nach Tuticorin. Hier kam dann kurz darauf meine zweite Schwester Indra auf die Welt, während ich meine Schulausbildung an der «Patrick Middle School» in Tuticorin fortsetzte.

Zur selben Zeit verkaufte der von Hexerei verfolgte Vater meiner Mutter sein ansehnliches Haus in Puthukulam zu einem Schleuderpreis und zog nach Tuticorin. Dies bedeutete für unsere Familie eine zusätzliche finanzielle Belastung, da wir nun auch seine Familie unterstützen mussten. Zudem wurde von meinen Eltern erwartet, dass sie auch meinen Cousins bei der Ausbildung finanziell unter die Arme griffen.

Um die Last zu lindern, begann meine Mutter, Privatstunden zu geben, was allerdings nicht zur erhofften Erleichterung führte. Wir waren gezwungen, unseren Lebensstandard herunterzuschrauben.

Der Herr begleitete uns auf diesem schmalen Pfad des Altruismus und brachte uns bei, den Notleidenden leidenschaftlich zu dienen – auch wenn dies bedeutete, unsere eigenen Bedürfnisse hintanzustellen.

Als sich Mose, der mit der ganzen Weisheit Ägyptens erzogen worden war und sein ganzes Leben in Luxus verbracht hatte, unvorbereitet in der Wüste von Midian wiederfand, sorgte Gott für ihn und gab ihm die Weisheit und die Kraft zum Überleben. Derselbe Gott bereitete auch uns durch unseren alltäglichen Mangel für seinen Dienst vor.

Meine Mutter versuchte weiterhin, zusätzliche Finanzen einzutreiben, und bewarb sich an der «Elathur School» auf eine Lehrstelle. Die Schulleitung sagte ihr diese tatsächlich zu, vorausgesetzt, sie schaffe es, vierzig Kindern aus dem Dorf die Grundlagen innerhalb von drei Monaten beizubringen und sie auf den Eintritt ins zweite Schuljahr vorzubereiten. Mutter nahm die Herausforderung an, bewältigte die Aufgabe innerhalb der gesetzten Frist mit Erfolg und erhielt die Stelle.

Bald meldete auch ich mich an dieser Schule an. Es war die Zeit, in der meine dritte Schwester Jabakani auf die Welt kam. Sie war ein sehr schwaches Kind und so krank, dass wir oft während des Familiengebets den Herrn baten, sie von uns zu nehmen und von ihrem Leid zu erlösen.

Unterdessen hatte mein Vater noch einen ganz anderen Kampf auszutragen, nur diesmal mit der Schule, an der meine Mutter arbeitete. Die Verwaltung der «Elathur School» hatte irrsinnige Regeln, die sie mithilfe des Rektors durchsetzte. Dagegen lehnte sich mein Vater entschieden auf.

Der Konflikt zwischen diesen beiden Parteien kulminierte während der Festlichkeiten des Jahrestages. Das Programm begann um 18 Uhr, doch schien man vergessen zu haben, dass es irgendwann auch einmal beendet werden müsste. Es begann mit den Reden der Mitglieder der Schulkommission, die so sehr in den Klang ihrer eigenen Stimme verliebt waren, dass sie vergaßen, das Mikrofon weiterzureichen. So zogen sich die Reden endlos hin …

Als mein Vater an besagtem Abend spät von der Arbeit nach Hause kam, stellte er umgehend fest, dass meine Mutter, meine kleine kranke Schwester und ich noch nicht zurückgekommen waren. Er wartete eine kurze Weile und machte sich dann auf die Suche nach uns. Als er in der Schule eintraf, waren die Festlichkeiten noch in vollem Gang, und niemand schien einen Gedanken an die armen Schüler oder Eltern zu verschwenden, die zu diesem Zeitpunkt bereits zu müde oder zu gelangweilt waren, um sich aufzuregen.

Erzürnt arbeitete sich mein Vater bis zur Bühne vor, erklomm das Podium und stellte die Verantwortlichen zur Rede. Das Programm fand ein abruptes Ende, und die Gäste machten sich auf den Heimweg, doch Mutter sollte dafür später bitter bezahlen müssen. Die Schule machte ihr von nun an das Leben schwer.

Mein Vater war aber nicht der Typ, der klein beigab. Er kämpfte unermüdlich für Gerechtigkeit – Seite an Seite mit seinen Freunden Vinayagam und Murugan, die ebenfalls unter der Ungerechtigkeit der Schulverwaltung gelitten hatten. Etliche Jahre zog sich dieser Konflikt hin und endete schließlich mit der Schließung der Schule.

Das hatte zur Folge, dass ich die Schule wechseln und meine Ausbildung auf der Sekundarstufe an einer «Bishop-Caldwell-Schule» fortsetzen musste. Da ich ein höflicher Schüler und etwas klein für mein Alter war, wurde ich der gemischten Sektion zugewiesen. Dort war ich schnell Klassenbester. Meine Leistungen und mein gutes Verhalten beeindruckten meine Klassenkameraden sehr. Dies machte mich auch zum Liebling der Lehrer und half mit, mir einen guten Ruf zu erwerben.

Ich war wirklich ein hervorragender Schüler, mit einer Leidenschaft für Musik und Gesang. Trotz meines Talents fehlte es mir jedoch an Mut und Selbstvertrauen, um selbst einmal die Initiative zu ergreifen. Ich hatte große Träume und Erwartungen, doch sie schienen unerfüllbar.

Der unwahrscheinlichste Kandidat

Anders als mein großspuriger und unerschrockener Vater war ich – wie meine Mutter – ziemlich schüchtern. Doch ich besaß die Gabe, die Menschen mit kecken Sprüchen und geistreichen Bemerkungen zum Lachen zu bringen. Meine Späße konnten ziemlich grausam und unbarmherzig sein, und mehrmals verletzte ich die Gefühle anderer.

Trotzdem war ich vorsichtig genug, solche Späße nicht mit meinen Verwandten oder älteren Menschen zu treiben, da ich ja einen Ruf als «guter Junge» zu verlieren hatte. Zwar wollte ich heroisch und mutig sein wie jeder junge Mann, doch die absehbaren Folgen hielten meinen Ehrgeiz in Schranken. Meine Angst war so tief verwurzelt, dass ich mich sogar davor fürchtete, das Fahrradfahren zu lernen.

Damals war es üblich, dass man sich ein Fahrrad mietete, wenn man eines brauchte. Ein Junge aus Tuticorin, so erzählt man sich, mietete sich einmal ein Fahrrad und begann zu üben. Wie es für Jungen unseres Alters typisch war, raste er am liebsten im Zickzack durch die engen Gassen.

Zu der Zeit gab es noch keine häuslichen Wasseranschlüsse in Tuticorin, man ging sein Wasser stattdessen an einem Brunnen holen. Aufgrund einer Wasserknappheit hatten die Anwohner an diesem Tag ihre Keramikkrüge vorsorglich in einer dieser Gassen aufgereiht und warteten darauf, dass das Wasser endlich zum Heraufholen freigegeben würde.

Nichtsahnend schoss also der Junge mit hoher Geschwindigkeit in diese Gasse, verlor beim Bremsversuch die Kontrolle über das Fahrrad und krachte durch alle Krüge hindurch, wobei er eine Spur von Tonscherben hinter sich herzog. Es ist nicht schwer, sich die Reaktion der Stadtbewohner vorzustellen. Sie packten ihn am Kragen und ließen ihn für jeden zerstörten Krug teuer bezahlen.

Dieser Vorfall versetzte mich derart in Panik, dass ich meinen ersten Versuch, ein Fahrrad zu besteigen, auf den Beginn meines Studiums an der Universität vertagte.

Wir befanden uns ständig in finanziellen Nöten. Die Unterstützung, die wir unseren Verwandten leisteten, ließ uns oft ohne die Mittel zurück, um unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Die alten, ausgewaschenen Uniformen meines Vaters mussten als Schuluniformen für mich herhalten, obgleich Farben und Muster nicht dem Schulstandard entsprachen. Auch wenn ich es als demütigend empfand, gab es nichts, was ich dagegen hätte tun können.

Der Umstand, einziger Sohn unter fünf Kindern zu sein, trug mir keine Privilegien ein. Die Geburtstage hoben sich von normalen Tagen kaum ab. Das einzige Geschenk zum Geburtstag war meist ein billiges Kleidungsstück, das die Eltern bei einem Straßenverkäufer erstehen konnten.

Auf Vaters Beförderung folgte seine Versetzung in die Telekommunikationsabteilung mit Stationierung in Pondicherry (heute: Puducherry).

Unterdessen stellten sich die Verwandten, die wir mit großer Selbstaufopferung unterstützt hatten, wie aus heiterem Himmel und ohne jede Spur von Dankbarkeit gegen uns. Im darauffolgenden Rechtsstreit verloren wir alles – unser Geld, unseren Schmuck, unser Land und sogar das Haus.

Es war Gott, der uns in dieser Zeit die Kraft gab, den tiefen Schmerz zu ertragen, den der Verrat und der Mangel an Dankbarkeit in uns ausgelöst hatten. Trotzdem fragte ich mich manchmal, ob all die Opfer, die wir auf uns genommen hatten, der Mühe wert gewesen waren.

Erst viel später, als ich in Bihar als Missionar arbeitete, erkannte ich, wie wertvoll und nützlich jene Lektionen waren. Ich war auf die Undankbarkeit der Menschen vorbereitet und war in der Lage, ohne jegliche Erwartungen zu dienen. Dies half mir, all meine Energie in die Verkündigung des Evangeliums und in die Unterstützung der Menschen zu investieren, ohne mich um deren Reaktionen oder um einen etwaigen Lohn zu sorgen. Ich konnte mich ganz darauf konzentrieren, das zu tun, was in den Augen Gottes richtig war.

Mein Vater hatte sein geistliches Leben eine Weile lang schleifen lassen, und so war eine Veranstaltung von Billy Graham in Palayamkottai nötig, damit er sich wieder mehr auf spirituelle Dinge konzentrierte. Er ermutigte einen Bruder im Herrn, jeden Abend eine Gebetsversammlung in unserem Haus zu leiten. Dieser Mann erzählte biblische Geschichten und geisterfüllte Storys, die er darstellerisch verpackte und mit Musik untermalte (eine Kunstform, die bei uns als «Katha Kalkshepa» bekannt ist).

Ich war von seinem Stil fasziniert und versuchte, ihn bei kleinen Treffen mit meinen Freunden nachzuahmen. Was zu unserem Vergnügen angefangen hatte, taten wir bald auf höchstem Niveau. Wir riefen Kinder zusammen, lasen aus dem Andachtsbuch und predigten mit Begeisterung vor unserem kleinen Publikum.

Im gleichen Maße faszinierten mich die Vorträge der Politiker auf Wahlveranstaltungen (vor allem der Partei «Dravida Munnetra Kazhagam», DMK) und zwar so sehr, dass mein Freund, Brother Samraj, und ich einmal zweihundert Kinder zusammenriefen und mitten auf der Straße eine Wahlversammlung abhielten.

Neben diesen Dingen nährte ich auch den innigen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Ich besuchte Bibliotheken, las viele Zeitungen und Zeitschriften und sammelte eine Menge Informationen. Es war ein riesiger Spaß! Als ich die Oberstufe abschloss, hatte sich mein Traum, Arzt zu werden, bereits in Luft aufgelöst. Dafür war der Wunsch, mich an einer Universität weiterzubilden, viel stärker geworden. Nun hegte ich die Absicht, Ingenieur zu werden.

Als ich sechzehn Jahre alt war, kam meine Schwester Viji auf die Welt, und während der dreimonatigen Schulferien fiel mir der Job zu, für das Baby zu sorgen. Ich erfüllte pflichtgetreu sämtliche Aufgaben eines Babysitters und nahm meiner berufstätigen Mutter damit eine große Bürde ab.

Kurz nach der Geburt meiner Schwester kauften wir ein Haus in der Nähe der Schule, in der meine Mutter arbeitete. Es war eine gefährliche Nachbarschaft, die für viele Morde berüchtigt war. Die Namen Aandi und Komban ließen die Anwohner wie Espenlaub erzittern, und wie hätte es auch anders sein können: Genau diese beiden waren unsere unmittelbaren Nachbarn!

Unzählige Male fragte ich mich, warum Gott es zugelassen hatte, dass wir uns in einer derart unsicheren Gegend niederließen. Rückblickend wurde mir klar, wie wertvoll diese Erfahrungen für meine Begegnungen mit gefährlichen Kriminellen später in Bihar waren.

Als Vorbereitung für mein Studium entschloss ich mich, einen Englischkurs für Fortgeschrittene am «V.O.C. College» zu machen. Einige meiner Klassenkameraden begleiteten mich. Die Schule war für ihren weitläufigen Campus mindestens so berühmt, wie sie für die Respektlosigkeit ihrer Schüler berüchtigt war.

Irgendwie schaffte ich es, das erste Kursjahr erfolgreich abzuschließen, wodurch mein Wunsch, Ingenieur zu werden, nur noch stärker angespornt wurde. Allerdings gab es damals nur wenige Schulen mit Lehrgängen für Ingenieure, was die Aussicht auf einen Studienplatz trübte. Unsere finanzielle Situation war auch keine Hilfe.

Als mir einige Freunde meines Vaters versprachen, mir zu einem Studienplatz zu verhelfen, sah ich mich plötzlich doch auf der Siegerstraße. Doch dann verlor meine Mutter ihre Stelle, gerade als ich meinen Englischkurs abgeschlossen hatte. Die Regierung hatte der Schule, in der sie arbeitete, die Bewilligung entzogen, und so sah diese sich gezwungen, ihren Betrieb einzustellen.

Jetzt musste unsere siebenköpfige Familie mit dem Gehalt unseres Vaters auskommen. Nicht einmal in unseren wildesten Träumen konnten wir auch nur daran denken, die Gebühren eines Ingenieursstudiums zu zahlen.

Während ich meinen Traum eines Ingenieursstudiums also zerplatzen sah, beschloss ich, anderweitig auf Arbeitssuche zu gehen. Meine Eltern wollten immer noch, dass ich eine höhere Schulausbildung verfolgte, und waren erschüttert, als ich darauf bestand, mir eine Stelle zu suchen.

Einer unserer Verwandten, der am «Sankar Polytechnic College» arbeitete, riet mir zu einem Kurs an einer technischen Hochschule: «Du kannst später, wenn du dann eine erste Anstellung hast, noch immer Ingenieur werden», sagte er.

Auch die übrigen Familienmitglieder rieten mir, an die technische Hochschule zu gehen. Widerwillig, aber aus Respekt vor ihnen, ließ ich mich überzeugen.

Nie werde ich den Tag vergessen, an dem ich mich am «Sankar Polytechnic College» einschrieb. Es war ein Tag, der in mir heute noch herzerwärmende Erinnerungen an meinen irdischen Vater zutage fördert.

Der Weg zur Hochschule bestand aus einem 4-Kilometer-Marsch in der glühenden Hitze. Von Schuldgefühlen geplagt – weil er nicht in der Lage war, mein Ingenieursstudium zu bezahlen –, bestand Vater darauf, meine gesamten Bücher zu schleppen. Ich durfte ihm nicht einmal ein Heft abnehmen.

Er raunte nur: «Ich kann dich nicht auf eine Ingenieursschule schicken, also lass mich wenigstens dies für dich tun.»

Jedes Mal, wenn ich mich an diese liebevolle Geste erinnere, kommen mir Tränen der Rührung. Das war mein Vater. Seine Liebe äußerte sich nie überschwänglich, sondern immer auf subtile Art und Weise.

Er war eine sehr liebevolle und fürsorgliche Person, auch wenn sein Temperament mitunter mit ihm durchging. Wenn er zornig war, pflegte er in absolutes Schweigen zu verfallen, und alle übrigen hatten es ihm gleichzutun. Dieses auferlegte Schweigen konnte Tage andauern, während im Haus absolute Stille herrschte. Vielleicht war es seine militärische Ausbildung gewesen, die aus ihm einen derart strengen Vater gemacht hatte.

Andererseits jedoch war er immer einer der Ersten, die ihre Hilfe anboten, wenn Not am Mann war. Er war diszipliniert und äußerst pflichtbewusst. Er ruhte nicht, bevor nicht die Arbeit getan war. Der Angestelltenverband der Post- und Telekommunikationsabteilung in Tuticorin folgt noch heute seinem Arbeitsmodell.

Während meiner höheren Ausbildung verpasste ich keinen einzigen Freitags- und Sonntagsgottesdienst, auch wenn ich bei meinen Verwandten wohnte. Duraipandiyan, der Katechet, leitete den Freitagsgottesdienst. Er wiederholte seine Predigten oft, doch das hielt mich nicht davon ab, daran teilzunehmen, denn ich liebte es, zu singen und sowieso täglich im Wort Gottes zu lesen.

Ich hatte jedoch noch nicht die Erfahrung meiner persönlichen Errettung gemacht und war nicht anders als die anderen Jugendlichen meines Alters. Ich war nicht frei von jugendlichen Versuchungen und Begierden – wie etwa meiner Schwäche für Kinomusik, um nur ein Beispiel zu nennen.

Auch unsere Verwandten waren eine ziemlich weltlich orientierte Crew. Sie unterschieden sich in nichts von Nichtchristen. Sie besuchten die Kirche zwar regelmäßig und beteiligten sich aktiv am Gemeindeleben, doch sie schauten hochnäsig auf christliche Lebensideale herab.

Der Gedanke an Reue, Errettung oder eine gerechte Lebensführung diente ihnen lediglich als Anlass zu Hohn und Spott. Nie äußerten sie ihre Liebe zu Gott oder seinen Lehren, ebenso wenig war der Wunsch vorhanden, ein tieferes Verständnis des christlichen Glaubens zu erlangen. Sie gaben sich mit regelmäßigem Gottesdienstbesuch und mit der Teilnahme an den Gemeinde-Aktivitäten zufrieden. Sie nährten eine große Leidenschaft für den Ort der Anbetung, die Kirche, zeigten aber kaum Respekt für Gott, der all unseres Lobes und unserer Anbetung würdig ist.

An der Hochschule hatte ich mit einer anderen Art von Problemen zu kämpfen. Obwohl ich gute Noten hatte, schienen mich einige der Dozenten ohne ersichtlichen Grund zu hassen. Sie gaben mir absichtlich schlechtere Noten. Das machte mir schwer zu schaffen, doch positives Denken half mir, damit umzugehen.

Während meines Studiums betrug das Taschengeld, das ich von meinem Vater erhielt, magere fünf Rupien. Damit musste ich alle meine Auslagen für Hygieneartikel, Schreibmaterial und sonstige Bedürfnisse bestreiten. Ich lernte, sparsam zu leben und mit meinen Ausgaben äußerst vorsichtig zu sein.