Glück zum Nachtisch - Jill Shalvis - E-Book

Glück zum Nachtisch E-Book

Jill Shalvis

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8,99 €

Beschreibung

DIE EINZIGE UNTER MILLIONEN Für sein Millionenpublikum ist TV-Koch Rico Mandretti ein Superstar! Die Frauen liegen ihm zu Füßen - nur nicht die, die er will. Also greift er zu einem Trick: Bei der nächsten Pokerrunde ist René der Einsatz! MAN NEHME: DICH UND MICH Es ist Hochsaison, als der Koch kündigt. Was soll Frankie nur tun? Da taucht überraschend Sternekoch Nate Walker auf. Sein Können spricht für ihn, gegen ihn allerdings, dass er Frankies Temperament Tag für Tag zum Überkochen bringt … ZIMMERSERVICE Ausgerechnet den Chefkoch des Hush Hotels soll Emma für ihre Show engagieren! Doch was für die Produzentin die letzte Chance ist, ihren Job zu behalten, ist für Jake Hill ein rotes Tuch. Um ihm den Auftritt als TV-Koch doch noch schmackhaft zu machen, bestellt Emma einen ganz besonderen Zimmerservice ...

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Seitenzahl: 594

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Miranda Lee, Jessica Bird, Jill Shalvis

Glück zum Nachtisch

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

MIRANDA LEE

Ein Millionär und Gentleman

Die Einzige unter Millionen

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der englischen Originalausgaben:

Mistress for a Month

Copyright © 2003 by Miranda Lee

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: Getty Images, München;

pecher und soiron, Köln

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN eBook 978-3-95576-083-0

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Schwungvoll stieg Rico Mandretti in seinen roten Ferrari, fuhr aber nicht etwa zur Pferderennbahn in Randwick, sondern zum Haus seiner Eltern in einem der ländlich angehauchten Vororte Sydneys. Dass sich seine Pläne für diesen Samstag geändert hatten, lag am vergangenen Abend.

Nicht heute! sagte er sich, während er sich durch den Samstagmorgenverkehr schlängelte und an einer roten Ampel halten musste. Die Frauen in den Wagen neben ihm warfen ihm interessierte Blicke zu. Aber ihn interessierte in letzter Zeit nur eine: Renée Selinsky. Dabei wünschte er sich sehnlichst, dass sie in ihm endlich den Mann sah und nicht den seichten TV-Playboy und Vorzeigekoch.

Seit mehr als fünf Jahren ertrug er nun jeden Freitag beim Pokern und jeden Samstag beim Pferderennen ihre spitzen Bemerkungen. Fünf Jahre waren eine lange Zeit – eine zu lange Zeit.

Allerdings musste er zugeben, dass er ihre verbalen Auseinandersetzungen bisher irgendwie genossen hatte, obwohl Renée fast immer siegreich daraus hervorging. Als sie ihm vor einigen Monaten vorübergehend die kalte Schulter gezeigt hatte, war ihm klar geworden, dass es ihm lieber war, wenn sie ihn auf die Palme brachte, als wenn sie ihn ignorierte.

Aber am Abend zuvor war sie einfach zu weit gegangen. Da ließ er sich nicht auch noch heute auf der Rennbahn zum Gespött der Leute machen. Genug war genug!

Die Ampel wurde grün, und Rico trat aufs Gaspedal, nur um gleich darauf an der nächsten Ampel wieder abzubremsen. Jetzt war Renée bestimmt schon da, saß wahrscheinlich in der Mitglieder-Lounge und nippte kühl und selbstbewusst wie immer an einem Glas Champagner, während er seine Entscheidung bereits bereute, nicht hingegangen zu sein. Was sie mit Sicherheit überhaupt nicht kümmerte. Dabei ging er so gern auf die Rennbahn. Pferderennen waren seine große Leidenschaft, genau wie Renées.

Dadurch hatten sie sich auch kennengelernt. Vor gut fünf Jahren waren sie zusammen mit seinem Freund Charles Anteilseigner des viel versprechenden Jungpferdes Flame of Gold geworden. Renées Namen kannte Rico lediglich von den Verträgen und wusste nicht, dass es sich bei ihr um die gleichnamige Renée handelte, die eine Modelagenturkette besaß und außerdem noch Witwe des superreichen Bankiers Joseph Selinskys war. Am ersten Renntag der Stute sahen sie sich dann zum ersten Mal.

Selinskys Witwe hatte sich Rico eigentlich anders vorgestellt: vierzig Jahre älter, äußerst matronenhaft und mit einem Hang zum Glücksspiel. Auf die elegante, weltgewandte und superintelligente Dreißigjährige war er damals nicht gefasst gewesen und auch nicht auf ihre abweisende Reaktion ihm gegenüber. Normalerweise lagen ihm die Frauen zu Füßen.

Dabei fühlte er sich von Anfang an zu ihr hingezogen, obwohl zu jener Zeit eine andere schöne Frau bei ihm gewesen war: seine Verlobte Jasmine, die er einen Monat später aus Liebe – wie er glaubte – geheiratet hatte. Aber ihre Ehe war von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Wenn er sich rechtzeitig von dieser Abzockerin getrennt und stattdessen die rätselhafte und umwerfende Renée umgarnt hätte …

Er seufzte. Wäre er damals Single gewesen und nicht über beide Ohren in eine Frau vernarrt, die es ganz offensichtlich nur auf sein Geld abgesehen hatte, hätte Renée womöglich ganz anders auf ihn reagiert. Immerhin war er Rico Mandretti, Produzent und Star der erfolgreichen Kochsendung Pasta-Leidenschaft. Die “lustige Witwe” – wie er Renée bald nannte – kannte den Wert des Geldes und hatte auch schon einmal deswegen geheiratet. Dass eine Frau ihres Alters und ihrer Schönheit einem Mittsechziger aus Liebe ihr Jawort gab, konnte sich Rico einfach nicht vorstellen.

Natürlich war sein Bankkonto nicht ganz so gut bestückt wie das von Renées verstorbenem Ehemann, aber Rico hatte auch damals schon gut dagestanden und Aussichten auf ein weitaus größeres Einkommen gehabt. Diese Einschätzung hatte sich inzwischen bewahrheitet. Seine “kleine Kochsendung”, wie Renée sie immer scherzhaft nannte, wurde inzwischen in mehr als zwanzig Ländern ausgestrahlt, und die Tantiemen flossen in Strömen. Außerdem taten sich ständig neue Geldquellen auf – von Kochbüchern über Werbeunterstützungen für Küchenartikel bis hin zu seinem neuesten Einfall: der Restaurantkette Pasta-Leidenschaft, die inzwischen in jeder größeren australischen Stadt durch einen Franchising-Partner vertreten war.

Von seinen Verdienstaussichten einmal abgesehen, war Rico damals mit neunundzwanzig Jahren auf dem Höhepunkt seiner sexuellen Leistungsfähigkeit gewesen. Da hätte Renée doch allen Grund gehabt, sich in ihn zu verlieben. Aber wahrscheinlich machte er sich da nur etwas vor. Inzwischen lebte er seit zwei Jahren von Jasmine getrennt, und seit einem Jahr waren die Scheidungspapiere unterzeichnet, aber Renées Einstellung zu ihm hatte sich nicht verbessert, eher verschlechtert. Während er sich immer mehr nach ihr verzehrte, war sie ihm gegenüber noch feindseliger geworden, und ihn schmerzte die Vorstellung, dass sie nichts an ihm attraktiv fand.

Ganz im Gegenteil, offensichtlich verabscheute sie ihn. Aber warum? Hatte er ihr jemals Grund dazu gegeben? Oder lag es an seiner italienischen Herkunft? Manchmal ließ sie sich darüber aus, dass er ganz der Latin-Lover-Typ sei – ganz hormongesteuert und mit zu wenig Hirn. Dabei hatte er viel mehr zu bieten. Leider nur nicht, wenn er sich in ihrer Nähe aufhielt. Darunter litt in letzter Zeit sogar sein Pokerspiel. Ach, zum Teufel, eigentlich litt alles unter Renées Gegenwart. Da verließ ihn nicht nur sein Charme, sondern auch sein Denkvermögen. Doch selbst wenn er über eine ihrer Bemerkungen aufgebracht war, brannte das Feuer für sie lichterloh. Deshalb ging er an diesem Wochenende auch nicht auf die Rennbahn. Wer wusste schon, was er das nächste Mal sagen würde, wenn sie ihn wieder so auf die Palme brachte wie am Abend zuvor?

Charles hatte verkündet, dass seine Frau ein Kind erwartete, und er, Rico, hatte festgestellt, wie sehr er ihn beneiden würde. Daraufhin meinte Renée: “Hättest du jemanden wie Dominique geheiratet, hättest du jetzt auch schon ein, zwei Kinder. Wenn du wirklich so scharf auf eine Familie bist, dann hör endlich auf, den Leannes dieser Welt nachzusteigen, und such dir ein nettes Mädchen, mit dem du deinen angeblichen Wunsch verwirklich kannst.”

Rico musste sich buchstäblich auf die Zunge beißen, um nicht zu antworten, dass er mit Frauen wie Leanne ins Bett ging, weil er damit sein Verlangen nach ihr, Renée, zu stillen versuchte – doch vergeblich. Aber wie lange würde er sich noch am Riemen reißen können, ihr nicht die Wahrheit zu sagen? Was, wenn er plötzlich aus der Haut fuhr? In Sydney geboren und aufgewachsen, war er vom Temperament her durch und durch Italiener. Einen Bauern, hatte Renée ihn einmal genannt und damit ziemlich ins Schwarze getroffen. Er kam tatsächlich vom Land und war stolz darauf.

Seine beiden anderen Pokerfreunde Charles und Ali dagegen waren absolute Gentlemen. Bei Charles handelte es sich um den Eigentümer von Brandon Beer, Australiens bekanntester Schankbierbrauerei. Ali war der jüngste Sohn des Scheichs von Dubar und vor zehn Jahren nach Australien geschickt worden, damit er sich um das Vollblutgestüt der Familie kümmerte. Beide waren reich geboren, aber keiner war deswegen faul oder eingebildet. Charles hatte die Familienbrauerei nach dem Tod seines Vaters erst einmal wieder aus den roten Zahlen führen müssen. Und auch Ali war kein verwöhnter Prinz und arbeitete hart, um das riesige Gestüt im “Hunter Valley” zu führen. Dabei war er sich nicht zu schade, selbst mit anzupacken.

Er war es auch gewesen, der ihre Pokerrunde begründet hatte. Flame of Gold stammte aus seiner Zucht. Nachdem die Stute Siegerin des “Silver Slipper Stakes” geworden war, hatte Ali die drei Anteilseigner zu einem gemeinsamen Essen eingeladen, um das Ereignis gebührend zu feiern. Dabei stellten sie fest, dass sie nicht nur ihre Schwäche für Rennpferde, sondern auch fürs Pokern teilten. Das erste gemeinsame Spiel wagten sie gleich am selben Abend und beschlossen, sich in Zukunft jeden Freitag um zwanzig Uhr zum Pokern im “Regency Hotel” zu treffen, wo Ali regelmäßig das Wochenende verbrachte. Nur bei Krankheit oder Aufenthalt in Übersee war man entschuldigt.

Lächelnd dachte Rico daran, wie er einmal mit gebrochenem Bein im Krankenhaus gelegen und darauf bestanden hatte, dass die anderen zum Pokern zu ihm kamen. Der Abend war allerdings kein rechter Erfolg geworden, da sich alle wegen Alis Leibwächtern unwohl fühlten. Rückblickend musste sich Rico eingestehen, dass er nur auf den Pokerabend bestanden hatte, um Renée zu sehen. Und jetzt?

Inzwischen war er nicht sicher, ob er sie überhaupt noch einmal sehen wollte. Bald wäre er mit seiner Geduld am Ende. Es musste einfach etwas geschehen.

Nachdem Rico den Innenstadtverkehr hinter sich gelassen hatte und durch die weniger dicht besiedelten Vororte fuhr, entspannte er sich ein wenig. Auch die Luft war hier besser, und er atmete mehrmals tief durch. Schon bald kam er in die Gegend, in der er seine Kindheit verbracht hatte. Da waren die Grundschule, die er vier Jahre besucht hatte, das Flüsschen, in dem sie als Kinder schwimmen gegangen waren, und die alte Gemeindehalle, in der er zum Ärger seines Vaters die ersten Tanzstunden genommen hatte.

So lange wie Rico zurückdenken konnte, war er immer wild entschlossen gewesen, eines Tages ein Star zu werden. Mit zwölf träumte er von einer Karriere als Musicalheld à la John Travolta. Doch leider sang er nicht gut genug und wurde bald zu groß, um beim Tanzen noch elegant zu wirken. Daraufhin wandte er sich der Schauspielerei zu, ohne jedoch von einer der Eliteakademien aufgenommen zu werden. Aber er bekam einige Sprechrollen in Vorabendserien, Werbesendungen und sogar eine kleine Rolle in einem Fernsehfilm. Bei Castings für größere Engagements erteilte man ihm meistens Absagen, weil er zu italienisch aussehen würde, für den typischen “Latin Lover” aber zu groß sei.

Auch wenn er davon nicht überzeugt war, kümmerte sich Rico bald mehr um eine Karriere hinter der Kamera und machte eine Ausbildung als Kameramann bei “Fortune Productions”, einer Filmgesellschaft, die damals zahlreiche Fernsehshows in Australien produzierte. Nach der Ausbildung wurde er übernommen und sammelte so lange Erfahrungen, bis er der Meinung war, eine eigene Show auf die Beine stellen zu können.

Mit Unterstützung seiner großen Familie – Rico hatte drei nachsichtige ältere Brüder und fünf völlig in ihn vernarrte ältere Schwestern – begann er die Produktion von Pasta-Leidenschaft, nachdem er festgestellt hatte, dass Koch- und Life-Style-Sendungen im Kommen waren. Aber der italo-australische Küchenchef, den er für die ersten Folgen engagiert hatte, erwies sich vor der Kamera als reines Nervenbündel, sodass Rico ständig selbst mit anpacken und den Gastgeber der Show mimen musste.

Obwohl er keinerlei Kochausbildung besaß, wurde bald offensichtlich, dass es sich bei ihm um ein Naturtalent handelte. Damit hatte er seinen Nischenplatz gefunden. Plötzlich war seine Größe unerheblich, sein italienisches Aussehen ein Plus, und der Akzent, den er bei Bedarf vortäuschen konnte, ließ das Ganze noch echter wirken. Natürlich war auch von Vorteil, dass es sich beim ihm um einen leidenschaftlichen Hobbykoch handelte, der die meisten Kniffe seiner “Mamma” verdankte. So gingen Idee und Inhalte der Show letztlich auf Signora Mandrettis Pasta-Leidenschaft und ihren Einfallsreichtum zurück: Schließlich war es nicht so einfach, mit einem knappen Haushaltsbudget jeden Tag eine elfköpfige Familie satt zu bekommen.

Sobald Rico eine Fernsehanstalt gefunden hatte, die bereit war, Pasta-Leidenschaft zu senden, wurde die Show zum Publikumsrenner, und er hatte seine Entscheidung nie bereut, sich von der Schauspielerei zu verabschieden. Doch Renée beeindruckten seine Erfolge nicht, Jasmine dagegen umso mehr. Bei dem Gedanken an die Abzockerin, die er auch noch geheiratet hatte, schnitt er ein Gesicht. Nach wie vor war er betroffen, wie viel ihr der Familienrichter für die drei Jahre Eheleben im Luxus zugesprochen hatte.

Sogar sein schwarzes Porsche-Cabriolet hatte sie mitgenommen! Doch am Ende hätte er jeden Preis bezahlt, um Jasmine loszuwerden.

Schwarz war immer seine Lieblingsfarbe gewesen, sowohl was Kleidung als auch Fortbewegungsmittel betraf. Den roten Ferrari hatte er nur gekauft, weil er dachte, ein “Tapetenwechsel” könnte nicht schaden. Dafür hatte er allerdings sofort eine spitze Bemerkung von Renée kassiert, die ihn auf dem Parkplatz vor der Rennbahn einsteigen sah.

“Dass der rote Ferrari dir gehört, hätte ich mir ja denken können!” Naserümpfend fuhr sie fort: “Was sollte ein italienischer Playboy auch sonst fahren?”

Dummerweise fiel ihm wie so oft in letzter Zeit keine passende Retourkutsche ein, und Renée glitt spöttisch lächelnd in ihrer eleganten Limousine davon. Jetzt schnitt er unwillkürlich ein Gesicht. Eigentlich wollte er heute mal nicht an diese Hexe denken. Das hatte er in der Vergangenheit schon viel zu oft getan.

Sobald der ihm nur allzu vertraute Briefkasten seiner Eltern in Sicht kam, hellte sich seine Miene auf. Haus und Grundstück waren nichts Besonderes. Das schlichte zweistöckige Backsteinhaus stand inmitten eines Gemüsegartens. Trotzdem ging Rico jedes Mal das Herz auf, wenn er nach Hause kam, und auch heute musste er unwillkürlich lächeln.

Es ging doch nichts über einen Besuch bei den Eltern! Da wusste man, dass man um seiner selbst willen geliebt wurde und nicht, weil man ein bekannter TV-Star war und viel Geld besaß.

2. KAPITEL

Teresa Mandretti hielt sich im Garten auf, als sie aus den Augenwinkeln jemanden auf sich zukommen sah.

“Enrico!”, rief sie überrascht und erfreut zugleich, sobald sie ihr jüngstes Kind erkannte. “Du hast mich erschreckt! Ich habe dich erst morgen erwartet.”

Der erste Sonntag im Monat war traditionell Familientrefftag bei den Mandrettis, wobei ihr Jüngster fast immer kam und seine älteren Geschwister mit ihren Familien erschienen, soweit sie es einrichten konnten.

“Mum!” Rico nahm seine Mutter in die Arme. Mit seinen ein Meter achtzig und den breiten Schultern vereinnahmte er ihre kleine, gedrungene Gestalt völlig.

Teresa Mandretti konnte nur mutmaßen, wieso ihr Jüngster so groß geraten war. Von seinem Vater hatte er die Körpergröße jedenfalls nicht geerbt. Als die Verwandten in Italien Bilder von Enricos einundzwanzigstem Geburtstag sahen, erinnerte er sie an seinen Großvater Frederico I., der ein wahrer Riese gewesen sein sollte. Teresa hatte ihren Schwiegervater nie kennengelernt. Mit fünfunddreißig war er bei einer Messerstecherei ums Leben gekommen, nachdem der Gegner Fredericos Frau “ungebührende” Blicke zugeworfen hatte. Von diesem Großvater väterlicherseits rührte wohl auch Enricos Temperament.

“Hast du schon etwas zu Mittag gegessen?”, fragte Teresa Mandretti, als ihr Sohn die Umarmung lockerte und sie wieder zu Atem kommen ließ. Wie alle Mandrettis war Enrico ein Schmuser. Sie selbst war da viel zurückhaltender. Deshalb hatte sie sich auch so zu ihrem Frederico hingezogen gefühlt. Er überging ihre Schüchternheit und trug sie zum Bett, ehe sie noch ein Nein hätte hauchen können. Wenige Wochen später fand die Heirat statt. Da war Teresa bereits schwanger gewesen. Einige Monate danach wanderten sie nach Australien aus. Gerade noch rechtzeitig, damit Frederico III. in der neuen Heimat zur Welt kommen konnte.

“Nein, ich bin nicht hungrig”, sagte ihr Jüngster nun, und Teresa runzelte überrascht die Stirn.

Enrico und nicht hungrig? Da stimmte etwas nicht. “Was ist denn los, mein Junge?”, fragte sie besorgt.

“Nichts, Mum, ehrlich, ich habe nur ziemlich ausgiebig gefrühstückt, und das ist noch nicht so lange her. Wo ist Dad?”

“Beim Hunderennen. Onkel Guiseppe hat heute einige seiner Tiere am Start.”

“Dad sollte sich selbst ein oder zwei Hunde zulegen. Regelmäßige Spaziergänge würden ihm guttun. Ich glaube, er hat einfach zu viel von deiner Pasta gegessen.”

“Willst du damit sagen, dein Papa sei fett?”, fragte Teresa Mandretti aufgebracht.

“Aber nein, Mum, nur gut genährt.”

Teresa mutmaßte schon, dass Enrico mit dem Hinweis auf die Leibesfülle seines Vaters von den eigenen Problemen ablenken wollte. Sie kannte all ihre Kinder gut, aber Enrico noch am besten. Er war unterwegs gewesen, als sie längst nicht mehr mit einem bambino gerechnet hatte. Nachdem sie beinah jährlich einmal niedergekommen war – drei Jungen gefolgt von fünf Mädchen – riet ihr der Arzt, keine weiteren Kinder zu bekommen, weil ihr Körper ausgezehrt sei. Mit Erlaubnis ihres Pfarrers nahm sie die Pille und brauchte sich neun Jahre keine Gedanken mehr über eine eventuelle Schwangerschaft zu machen.

Allerdings war auch diese Verhütungsmethode nicht perfekt, denn schließlich hatte Teresa doch wieder empfangen. Ein Abbruch kam nicht infrage, aber glücklicherweise verlief die Schwangerschaft problemlos, und die Geburt war erstaunlich leicht. Dabei empfand es Teresa als zusätzlichen Vorteil, dass nach den fünf Mädchen wieder ein Junge dabei herausgekommen war. Natürlich wurde Enrico von allen verwöhnt, aber ganz besonders von seinen Schwestern. Auch wenn er seinem Temperament freien Lauf ließ, sobald es einmal nicht nach seinem Kopf ging, war er ein süßes Kind, aus dem ein liebenswerter Mann wurde.

Alle Familienmitglieder mochten ihn, und am meisten war sie ihm wohl selbst zugetan. Natürlich hätte Teresa es den anderen gegenüber nie zugegeben, aber Enrico nahm einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen ein – wahrscheinlich, weil er ihr Jüngster war. Mit den zehn Jahren Altersunterschied zu seiner jüngsten Schwester hatte ihm Teresa viel Zeit widmen können. Als kleiner Junge folgte er ihr wie ein Hündchen, und Mutter und Sohn bauten einen besonders innigen Kontakt auf.

Enrico konnte ihr auch heute nichts vormachen. Abgesehen von seiner schon verdächtigen Appetitlosigkeit, stimmte etwas nicht, wenn er samstagnachmittags nicht auf die Rennbahn ging. Die Intuition sagte ihr, dass es mit einer Frau zu tun haben müsse. Wahrscheinlich mit dieser Renée, von der er so oft redete, die er ihr aber noch nie vorgestellt hatte. Dabei war ihr aufgefallen, dass Enricos Stimme immer einen ganz merkwürdigen Klang bekam, wenn er von ihr sprach. Ansonsten wusste Teresa nur, dass die Frau jeden Freitagabend mit ihm pokerte und zu ihrer Eigentümergemeinschaft gehörte.

Direkt nach Renée zu fragen hielt Teresa für Zeitverschwendung. Mit seinen vierunddreißig Jahren war ihr jüngster Sohn längst zu alt, um sich in Herzensangelegenheiten seiner Mutter anzuvertrauen – was sie bedauerlich fand. Hätte er sie nur um Rat gefragt, ehe er sich auf diese Jasmine eingelassen hatte, wäre ihm viel Herzschmerz erspart geblieben.

Die Frau war vielleicht ein Miststück gewesen! Aber clever, das musste Teresa ihr lassen. Bis zur Hochzeit verhielt sie sich, als könnte sie kein Wässerchen trüben, und war bei den Familientreffen ganz liebreizend gewesen. Danach kam sie zunehmend seltener und ließ sich dafür immer fadenscheinigere Ausreden einfallen, bis sie schließlich unentschuldigt wegblieb.

Glücklicherweise war sie inzwischen Geschichte. Auch wenn Teresa im Allgemeinen nichts von Scheidung hielt, war dieser Schritt manchmal einfach unumgänglich. Trotzdem wollte sie nicht, dass Enrico den gleichen Fehler zweimal beging und sich wieder mit einer Frau einließ, die nicht zu ihm passte.

“Hast du gestern Abend Karten gespielt?”, fragte sie nun, während sie sich bückte, um Minzeblätter zu zupfen.

“Natürlich!”, antwortete er, ohne dass sie daraus schlauer geworden wäre.

“Und Charles geht’s gut?” Charles war der einzige von Enricos Pokerfreunden, den Teresa persönlich kannte, obwohl sie die drei schon mehrmals eingeladen hatte. Diese Renée war ein bisschen wie Jasmine und ließ sich immer eine Entschuldigung einfallen. Der andere Mann, ein arabischer Scheichsohn, hatte ihre Einladung ebenfalls jedes Mal ausgeschlagen – wobei sie dessen Beweggründe verstand.

Enrico hatte ihr erklärt, Prinz Ali lebe sehr zurückgezogen, weil er so reich war. Anscheinend konnte der arme Mann nirgends ohne seine Leibwächter hingehen. Was für ein schreckliches Leben!

Auch ihr Sohn wurde häufig von Journalisten oder Fotografen belästigt, aber er konnte immer noch tun und lassen, was er wollte, ohne um sein Leben fürchten zu müssen.

“Charles geht es sehr gut”, antwortete Enrico nun. “Seine Frau erwartet ein Baby. In sechs Monaten ist es so weit.”

“Wie schön für die beiden!”, rief Teresa und kam zu dem Schluss, dass sie zu alt war und zu sehr Italienerin, um noch lange um den heißen Brei herumzureden. “Und wann hörst du endlich mit deinen Dummheiten auf und heiratest, mein Junge?”

Er lachte. “Tu dir bloß keinen Zwang an, Mum, und sprich aus, was du auf dem Herzen hast.”

“Ich will dir nicht zu nahe treten, Enrico, aber du bist jetzt vierunddreißig Jahre alt und wirst nicht jünger. Du brauchst eine Frau, die gern zu Hause bleibt und dir Kinder schenkt. Ein Mann mit deinem Aussehen und deinem Erfolg sollte doch in der Lage sein, eine passende junge Frau zu finden. Wenn du willst, höre ich mich bei unseren Verwandten in Italien nach einer geeigneten Kandidatin um.”

Teresa hielt eigentlich nicht viel von arrangierten Ehen und glaubte zumindest bis zu einem gewissen Grad an eine Liebesheirat. Aber das sagte sie ihrem Jüngsten besser nicht.

“Jetzt fang bloß nicht mit dem altmodischen Quatsch an, Mum! Wenn ich überhaupt wieder heirate, dann eine Frau meiner Wahl und aus Liebe.”

Er mochte ja italienisches Blut in den Adern haben, aber in mancher Hinsicht war er doch ganz Australier. So nannte er seine Eltern zum Beispiel immer Mum und Dad im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern, die als Anrede Mamma und Papa verwendeten.

“Das hast du beim ersten Mal auch gesagt, aber du siehst ja, wohin es dich geführt hat.”

“Nicht jede Frau ist wie Jasmine.”

“Ich verstehe sowieso nicht, was du an ihr gefunden hast.”

Er lachte. “Weil du kein Mann bist.”

Teresa schüttelte den Kopf. Glaubte ihr Sohn etwa, sie wisse nicht mehr, wie sich sexuelle Anziehung auswirkte? Sie war erst dreiundsiebzig und nicht hundertunddrei! “Jasmine hatte vielleicht ein hübsches Gesicht und einen schönen Körper, aber sie ist auch eingebildet und egoistisch gewesen. Nur ein Narr hätte das nicht erkannt.”

“Verliebte Männer sind Narren, Mum”, sagte Rico in einem Ton, als würde das inzwischen schon wieder auf ihn zutreffen.

Erschrocken blickte Teresa zu ihm hoch, aber Enrico hatte den Blick in die Ferne gerichtet. Sie konnte nur hoffen, dass er mit den Gedanken nicht bei dieser Renée war. Auch wenn Teresa die Frau nicht kannte, hatte sie sich anhand von Enricos Erzählungen ein Bild von ihr machen können. Nach dem Tod ihres viel älteren Mannes war sie eine unheimlich reiche Witwe geworden. Außerdem handelte es sich bei ihr um ein Exmodel, das sich zur cleveren Geschäftsfrau gemausert hatte und eine Modelagentur führte. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war sie schon Mitte dreißig, aber kinderlos, wahrscheinlich weil sie wie so viele Karrierefrauen nie welche hatte haben wollen.

Mit anderen Worten, diese Renée war nicht so ganz das, was sich Teresa Mandretti unter der idealen Schwiegertochter vorstellte.

“Ich komme morgen nicht zum Essen, Mum”, sagte Enrico da plötzlich. “Ich muss noch woanders hin.”

“Und wohin?”

“Unser Pferdetrainer will den Beginn der Frühjahrssaison feiern und hat morgen Tag der offenen Tür.”

“Dann gibt er also eine Party?”

“Ja, ich glaube, so kann man es nennen.”

Zu Jahresbeginn hatte Ward Jackmans Assistentin Lisa den cleveren Einfall gehabt, einmal im Monat die Türen des Rennstalls für Besitzer und Interessierte zu öffnen, damit diese mit den Trainern oder Stallburschen die Fortschritte und Erfolgsaussichten der Tiere besprechen konnten. Danach gab es immer ein kleines Mittagsbüfett. Aber morgen sollte daraus ein kulinarisches Highlight werden, zu dem Champagner gereicht wurde.

Ursprünglich hatte Enrico nicht teilnehmen wollen, weil das Fest auf ihren Familiensonntag fiel. Und der war ihm wichtiger, als mit den Reichen und Schönen Sydneys Small Talk zu halten oder sich womöglich noch einmal mit Renée zu streiten. Doch nach dem vergangenen Abend wäre morgen der Tag der Entscheidung.

“Ich verstehe”, sagte seine Mutter nachdenklich. “Kommt Charles auch mit seiner Frau?”

“Wahrscheinlich nicht. In letzter Zeit interessieren ihn Pferde nicht mehr so sehr wie früher.”

“Kein Wunder, schließlich hat er jetzt eine Frau und bald auch ein bambino. Was ist mit dem Scheichsohn? Er ist ja nicht verheiratet. Kommt er?”

“Nein, Ali geht nie auf solche Veranstaltungen.”

Bleibt noch die Witwe, schloss Teresa messerscharf. Es sei denn, der Pferdetrainer beschäftigte einen blonden weiblichen Jockey. Aber die waren eigentlich viel zu klein und dürr für Enricos Geschmack. Wie wohl diese Renée aussah? Als Exmodel war sie bestimmt groß, und wenn sich ihr Sohn zu ihr hingezogen fühlte, musste sie einfach blond sein. Vielleicht hatte sie sogar eine üppige Oberweite wie Jasmine.

“Was ist mit deiner Pokerfreundin?”, konnte Teresa schließlich nicht umhin zu fragen. “Renée, oder?”

“Die kommt bestimmt.” Enrico lächelte, aber nicht glücklich, sondern wehmütig.

Da wusste Teresa, was sie wissen wollte: Ihr Sohn war verliebt, doch seine Gefühle wurden nicht erwidert. Was sie davon halten sollte, wusste sie allerdings nicht. Dabei wollte sie bestimmt nicht, dass er sich noch einmal auf eine Frau wie Jasmine einließ. Aber es ärgerte sie, dass es überhaupt eine Frau gab, die ihrem Jüngsten widerstehen konnte.

Teresa steckte die Minzeblätter in die Schürzentasche und hakte sich bei ihrem Sohn unter. “Komm, Enrico, ich will dir mein neuestes Pastarezept zeigen.”

Sie schlenderten zum Haus, und Teresa erzählte Rico schon einmal, worauf es bei dieser neuen Kreation ankam. Er genoss die Aufmerksamkeit und Fürsorge seiner Mutter und ließ sich davon trösten. Morgen wäre der Tag der Entscheidung, da brauchte er all seine Kräfte. Dabei war es nicht von Belang, dass er sich gerade erst entschlossen hatte, zum Rennstall zu gehen. Das bewies nur, wie sehr er bereits von der “lustigen Witwe” abhing.

Aber irgendetwas musste sich ändern. Durch das Meiden der Rennbahn heute Nachmittag hatte er nichts erreicht. Und da er keinen Einfluss auf Renée nehmen konnte, musste er wohl bei sich anfangen. Aber wie schlug man sich etwas aus dem Kopf, nach dem man sich nun schon Jahre verzehrte?

Sich mit ihr anzulegen half nicht, sie zu meiden auch nicht. Hm, vielleicht sollte er psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. Aber das brachte wahrscheinlich auch nichts. Er würde als “Masochist mit zwanghafter Neigung zu einer weiblichen Person außerhalb seiner Reichweite” eingestuft und mit einem Rezept für Antidepressiva, Therapiestunden für die nächsten Monate und einer Schwindel erregend hohen Rechnung nach Hause geschickt.

Nein, nein, das mit der professionellen Hilfe vergaß er lieber. Blieb nur eins: Ran an den Feind! Er könnte die “lustige Witwe” um ein Rendezvous bitten – ein echtes, keine Grillparty bei “Mamma”. Da Renées Antwort wahrscheinlich trotzdem negativ ausfallen würde, wäre es zwar purer Masochismus, sie zu fragen, aber was blieb ihm denn sonst übrig? Schließlich hatte er nichts zu verlieren.

Genau! Gleich morgen wollte er sich in die Höhle des Löwen begeben, dann sah er ja, was passierte.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen gegen elf Uhr dreißig verließ Rico mit mulmigem Gefühl sein neues Apartment. Das Penthaus hatte er von seinem Freund Charles übernommen, nachdem dieser in einen Vorort im Norden Sydneys gezogen war. Mit dem Privataufzug fuhr Rico direkt in die Tiefgarage, glitt hinter das Lenkrad seines Ferrari-Cabriolets und startete den Motor.

Die Einladung galt bereits ab elf Uhr, und er war ein wenig spät dran. Aber bis zum Rennstall würde er nicht lange brauchen – maximal fünfzehn Minuten. Dass man in kurzer Zeit überall in der Stadt war, stellte einen großen Vorteil von Charles’ altem Apartment dar, abgesehen vom herrlichen Ausblick.

Als Rico etwa einen Block weit gefahren war, bemerkte er, dass sich das Wetter an diesem Frühlingstag nicht wirklich für eine Fahrt ohne Verdeck eignete. Während er auf den entsprechenden Schalter drückte, um das zu ändern, dachte er unwillkürlich: Der graue Himmel ist kein gutes Omen für mein Vorhaben. Dabei war dieses Wetter typisch für Anfang September. Dass bei den Olympischen Spielen immer strahlender Sonnenschein geherrscht hatte, war ihm nach wie vor ein Rätsel. Normalerweise zeigte sich das Wetter um diese Jahreszeit wechselhaft, und man konnte es nur vorhersehen, indem man morgens den Kopf zum Fenster hinausstreckte. Sich auf die Vorhersage zu verlassen war genauso unvernünftig, wie sich vorzustellen, dass Renée tatsächlich mit ihm ausgehen würde.

Aber sein Entschluss stand fest. Er hatte schon immer versucht, seine Ziele zu erreichen, und erst aufgegeben, wenn er ganz sicher wusste, dass es aussichtslos war – so wie mit der Schauspielerei. Solange ihm Renée also keine deutliche Absage erteilt hatte, hegte er zumindest noch einen Funken Hoffnung.

Während der kurzen Fahrt nach Randwick gelang es Rico sogar, sich davon zu überzeugen, dass es eine ernst zu nehmende Chance gab. Offensichtlich hatte die “lustige Witwe” keinen festen Freund, sonst hätte der sie sicher einmal auf die Rennbahn begleitet. Abgesehen davon, kam sie regelmäßig zu den Pokerabenden, es sei denn, sie hielt sich in Übersee auf. Keine Frau mit festem Partner wäre über Jahre jeden Freitagabend verfügbar gewesen.

Nicht, dass Rico auch nur für eine Sekunde glaubte, Renée würde wie eine Nonne leben. Bestimmt hatte sie seit dem Tod ihres Mannes zahlreiche Liebhaber gehabt. Immerhin war sie jetzt schon seit über fünf Jahren Witwe, eine zu lange Zeit für eine Frau ihres Alters, um jede Nacht allein zu verbringen.

Aus irgendeinem Grund – wahrscheinlich Selbstschutz – hatte sich Rico in der Vergangenheit nicht viel Gedanken darüber gemacht, mit wem Renée schlief. Doch plötzlich konnte er an nichts anderes denken. Nachdem er sämtliche Szenarien von Affären mit verheirateten Männern über One-Night-Stands bis hin zu Kurzzeitbeziehungen mit bindungsunwilligen Scheidungsgeschädigten verworfen hatte, kam er zu dem Schluss, dass sich Renée ihre Gespielen wahrscheinlich aus den männlichen Models auswählte, die täglich an die Tür ihrer Agentur klopften.

In einer derartigen Beziehung würde sie wahrscheinlich immer darauf bestehen, der Boss zu sein, vor allem beim Sex. Bei der Vorstellung reagierte Rico wie seit Teenagerzeiten nicht mehr und versuchte stöhnend, die plötzliche Enge in der Hose zu beheben, aber vergebens. Nichts änderte etwas an seinem Problem, außer eine Nacht mit Renée.

Als Rico in die Randwick Street einbog, in der sich Wards Stallungen befanden, schwor er sich, Renée dazu zu bringen, mit ihm auszugehen und ins Bett zu steigen, und wenn er dazu seine Seele verkaufen musste. Beim Anblick ihrer blauen Limousine verschwand Ricos düstere Stimmung für einen Moment. Renée war da und wartete auf ihn! Doch gleich darauf bekam sein gesunder Menschenverstand wieder die Oberhand. Sie war da, Punkt, und er würde sich gleich zum Narren machen. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Schließlich war er kein Feigling, oder?

Für den Bruchteil einer Sekunde gab ihm der volle Parkplatz beinah die Rechtfertigung, weiterzufahren und seine verrückte Mission zu vergessen. Doch dann entdeckte er eine Lücke zwischen einem silberfarbenen Jaguar und einem S-Klasse-Mercedes und lenkte seinen Ferrari seufzend auf den freien Platz. Nachdem er den Motor ausgestellt hatte, warf er einen Blick auf die Uhr – kurz nach zwölf. Rasch stieg er aus und schlug die Tür zu. Gerade noch rechtzeitig fiel ihm dabei ein, sein Aussehen im Seitenspiegel zu überprüfen.

Er strich sich einige dunkle Locken aus dem Gesicht und runzelte beim Anblick seines Dreitagebartes die Stirn. Am Wochenende rasierte er sich nie – da hatte er heute keine Ausnahme machen wollen, damit sich Renée nicht einbildete, er habe sich ihretwegen irgendwelche Umstände gemacht.

Doch da er vorhatte, sie um ein Rendezvous – mit Aussicht auf eine Liebesnacht – zu bitten, wäre es vielleicht keine schlechte Idee gewesen, sich zu rasieren. Aber wie immer, wenn es um Renée ging, hatte da wohl wieder einmal sein gesunder Menschenverstand ausgesetzt. Nun musste er sich einfach zusammenreißen, sonst würde sie ihm nie die Hand reichen. Nicht dass er die “lustige Witwe” heiraten wollte. So verrückt war er nun auch wieder nicht! Er wollte nur einige Nächte mit ihr verbringen. Danach wäre er sicher von dieser sexuellen Besessenheit – denn Liebe konnte man das ja wohl nicht nennen – geheilt, die ihn nun schon mehrere Jahre verfolgte.

Nein, er liebte sie nicht, bestimmt nicht! Was war an Renée schon liebenswert? Sie war genauso kaltblütig, hartgesotten und geldgierig wie Jasmine und darauf spezialisiert, Männer zum Narren zu halten – und ganz besonders ihn. Mit diesem wenig charmanten Gedanken schob Rico die Hände in die Hosentaschen und schlenderte auf Wards Anwesen, wobei er Renées Limousine im Vorbeigehen einen abfälligen Blick zuwarf. Sie musste die Erste gewesen sein, um einen so hervorragenden Parkplatz zu bekommen.

Einen Augenblick blieb er bei Wards Eingangstor stehen und betrachtete das supermoderne zweistöckige Wohnhaus. Die meisten Gäste waren jetzt bestimmt mit der Besichtigung der Pferde fertig und ließen sich die Leckereien vom Büfett schmecken. Alle außer Renée. Höchstwahrscheinlich befand sie sich noch in den Ställen und kümmerte sich um die letzte und bisher kostspieligste Errungenschaft ihrer Eigentümergemeinschaft, ein dreijähriges schwarzes Hengstfohlen namens Ebony Fire, das sie als Jährling von Ali erworben hatten. Leider hatte sich das Tier schon bald eine Sehnenentzündung zugezogen, sodass mit dem Training nicht fortgefahren werden konnte.

Seit einigen Wochen versuchte man es nun erneut, und Wards Assistentin Lisa hatte Rico am vergangenen Abend telefonisch mitgeteilt, dass Ebony Fire sich zu seinem Vorteil verändert habe und allen die Show stehle. Zweifellos hatte Lisa Renée die gleichen Informationen zukommen lassen. Der Startrainer selbst war viel zu einsilbig, um telefonischen Kontakt zu den Besitzern aufzunehmen.

Von Renée persönlich wusste Rico erstaunlich wenig. Er kannte nur ihr Verhältnis zu den Pferden, die sie komplett oder anteilig besaß: Sie liebte sie und war gern bei ihnen, um sie zu streicheln und mit ihnen zu reden. Wenn er sie an einem der offenen Sonntage getroffen hatte, war es ihm fast nicht gelungen, sie von den Ställen wegzulocken.

“Ich komme doch nicht her, um zu essen”, hatte sie ihn einmal angefahren, als er vorschlug, doch gemeinsam ans Büfett zu gehen. “Ich komme her, um meine Pferde zu besuchen.”

In Erinnerung daran lächelte Rico wehmütig. O ja, auch jetzt war sie bestimmt noch nicht im Haus. Da konnte er ganz sicher sein. Irgendwie tröstete ihn das. Denn die Vorstellung, sie unter vier Augen um ein Rendezvous zu bitten, war wesentlich angenehmer, als sie in einem Raum voller Menschen danach zu fragen, die dann alle ihr hysterisches Lachen hören würden. So erfuhr wenigstens niemand von dem demütigenden Augenblick.

Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Dann ging er auf den Seitenweg zu, der um das Wohnhaus herum zu den Ställen führte. Am Ende des Weges befand sich ein Tor, an dem sich immer ein Mann vom Sicherheitsdienst aufhielt. Heute hatte Jed Dienst, ein großer, feister Kerl, der alle Pferdebesitzer vom Sehen kannte.

“Schönen guten Tag, Mr. Mandretti”, begrüßte er Rico und öffnete ihm das Tor. “Sie sind ein bisschen spät dran. Alle anderen befinden sich bereits im Haus beim Lunch.”

Das hörte Rico mit Betroffenheit, bis ihm bewusst wurde, dass Jed von seinem Platz aus gar nicht alle Ställe überblicken konnte. Ohnehin blieb Renée meist nicht vor den Boxen stehen, sondern ging hinein, wenn sich die Tiere ruhig verhielten.

“Das ist nicht schlimm, Jed”, sagte Rico im Vorbeigehen. “Ich bin heute nicht zum Essen gekommen. Bis dann.”

Im Innenhof war nur ein Pferdepfleger. Man hatte wohl einige Tiere zu Showzwecken auf dem Gelände herumgeführt, und der junge Mann entfernte jetzt die Pferdeäpfel. “Sie sind ja noch schwer am Arbeiten, Neil”, sagte Rico beim Näherkommen.

Erstaunt und erfreut zugleich sah Neil auf. “Hallo, Mr. Mandretti”, begrüßte er Rico dann und hielt inne, damit nicht versehentlich Pferdedung auf die edle Hose des TV-Stars geriet. Neil mochte Mr. Mandretti fast genauso, wie er Mrs. Selinsky mochte. Im Gegensatz zu den anderen, meist hochnäsigen Besitzern erinnerte sich Mr. Mandretti immer an seinen Namen. Außerdem war er nett und freundlich, und man hätte nie gedacht, dass es sich bei ihm um einen bekannten Fernsehstar handelte. Natürlich konnte er Mrs. Selinsky nicht überbieten. Sie war eine echte Lady und so großzügig. Jedes Mal, wenn eines ihrer Pferde ein Preisgeld errang, erhielten die Pferdepfleger ein Handgeld.

Aber es lag nicht nur an ihrem großzügigen Umgang mit Geld, dass sie bei den Mitarbeitern so beliebt war, sondern auch an ihrer Art, mit Pferden umzugehen. Die Tiere lagen ihr wirklich am Herzen, und sogar der Chef mochte Mrs. Selinksy, sonst würde er sich nicht so häufig mit ihr unterhalten. Normalerweise verabscheute er es, seine Zeit mit Kundengeplauder zu vertun.

“Sie sind bestimmt gekommen, um sich Ihr Hengstfohlen anzusehen”, mutmaßte Neil nun. “Mrs. Selinksy ist immer noch bei ihm. Ich glaube, sie würde in der Box übernachten, wenn der Chef es erlauben würde.”

In diesem Augenblick beschloss Rico – sollte es so etwas wie Wiedergeburt geben –, das nächste Mal als eines von Renées Rennpferden auf die Welt zu kommen. “In welcher Box befindet sich Blackie denn?” Blackie war Ebony Fires Stallname.

“In der Nummer achtzehn. Das ist die letzte Box da drüben. Wenn er diesmal so gut läuft, wie es sein Aussehen verspricht, haben Sie da ein Tier erster Klasse.”

“Das wollen wir doch hoffen, Neil. Leider spielen zwischen der Übungsrennbahn und dem Verleihen der Siegerschärpe noch viele Faktoren eine Rolle.”

“Da haben Sie wohl recht. Es ist alles ein Glücksspiel. Ein bisschen wie im Leben.”

Rico nickte. “Und manchmal gehört man zu den Gewinnern und manchmal zu den Verlierern.” Doch wenn man sich vorher schlau machte, erhöhte das die Gewinnchancen. Plötzlich wünschte Rico, mehr über Renée zu wissen. Darüber hätte er sich allerdings vorher Gedanken machen sollen.

Trotz seiner wachsenden inneren Anspannung winkte er Neil zum Abschied zu und machte sich auf den Weg zu Ebony Fires Box. Einige der Pferde wieherten, als er an ihnen vorbeiging. Auf den ersten Blick sah Ebony Fires Box leer aus. Aber sobald sich Ricos Augen an das Dämmerlicht im Stall gewöhnt hatten, erkannte er, dass das schwarze Hengstfohlen auf einem dicken Strohbett in der hinteren Ecke der Box stand, während Renée ihm die Flanke streichelte. Dabei redete sie auf das Tier ein wie auf ein geliebtes Kind.

Den linken Arm hatte sie ihm um den Hals gelegt und die Wange an seine glänzende schwarze Mähne geschmiegt. “Du bist so ein schöner Junge”, flüsterte sie zärtlich. “Ward hat gesagt, nichts würde darauf schließen lassen, dass deine Sehnenentzündung wiederkommt, und du würdest schon bald dein erstes Rennen bestreiten können. Er ist überzeugt davon, dass du gewinnen wirst. Ich habe gesagt, du seist am Anfang vielleicht ein bisschen nervös, und wir dürften nicht zu viel erwarten. Aber er meinte, du habest nichts Nervöses an dir und seist das geborene Rennpferd, ein potenzieller Champion. Ich wünschte nur, du würdest mir allein gehören, mein Liebling. Aber ein Drittel ist immer noch besser als nichts.”

Rico wusste nicht, ob er nun eifersüchtig auf das Pferd sein sollte oder auf Renée, weil sie offensichtlich Dinge von Ward Jackman erfuhr, die dieser den anderen vorenthielt. Aber wieso?

Womöglich hatten Renée und er ein Verhältnis! Plötzlich tat sich auch eine ganz andere Erklärung für Renées hervorragenden Parkplatz auf. Vielleicht war sie nicht als Erste gekommen, sondern schon die Nacht über hier gewesen. Bei dem Gedanken wurde Rico richtig übel. Doch er versuchte, vernünftig zu bleiben und nicht in Panik zu geraten. Die beiden hatten nie irgendwelche Intimitäten ausgetauscht, und da waren auch keine viel sagenden Blicke gewesen.

Aber wenn sie trotzdem ein Liebespaar sein sollten, würde das erklären, warum Renée so ausführlich über Ebony Fire Bescheid wusste. Selbst der schweigsamste Mann ließ sich im Bett zu der einen oder anderen vertraulichen Bemerkung hinreißen.

Bei der Vorstellung, dass Renée mit diesem gut aussehenden Raubein schlief, hatte Rico das Gefühl, ihm würde ein Dolch ins Herz gestoßen. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten. Aber mit mutmaßlichen Liebhabern konnte man noch schlechter umgehen als mit reellen, und es war ein bisschen wie Schattenboxen. Doch wenn seine Annahme der Wahrheit entsprach, würde das auch erklären, warum Renée immer ohne Partner auf die Rennbahn kam. Ihr Freund war ja bereits da!

Wie gebannt beobachtete Rico nun, wie sie das Pferd tätschelte. Dabei stellte er sich allerdings vor, Ward Jackman räkelte sich nackt und erregt unter ihren Händen, wobei Rico unwillkürlich ein Schauer über den Rücken lief.

Plötzlich wandte ihm das Pferd den Kopf zu und wieherte zur Begrüßung. Renée wirbelte herum. Als sie sah, wer da vor der Box stand, machte sie große Augen. Dabei rang sie für einen Moment sichtlich um ihre übliche Fassung, fuhr sich aufgeregt durchs Haar und eilte zur Boxentür, wobei ihr das Pferd nicht von der Seite wich. “Was, zum Teufel, machst du denn hier?”, herrschte sie Rico schließlich an, ehe sie die Boxentür öffnete und rasch hinausging, damit Ebony Fire ihr nicht folgen konnte. “Bist du nicht am ersten Sonntag im Monat normalerweise bei der Familie?”

So, wie sie das sagte, konnte man meinen, er sei ein Mitglied der Mafia und nicht Sohn eines schwer arbeitenden Wochenmarktbeschickers. “Ich wünsche dir auch einen schönen Tag”, antwortete Rico scheinbar gelassen, obwohl die Eifersucht an ihm nagte. “Weißt du, meine liebe Renée, ich konnte einfach nicht noch einen Tag ohne deine charmante Gesellschaft auskommen.” Er klang spöttisch, obwohl er es eigentlich ernst meinte.

Renée tat so, als würde ihre gesamte Aufmerksamkeit vom Vorschieben des Boxentürriegels in Anspruch genommen. Doch schließlich sah sie mit ihren smaragdgrünen Augen Rico an. “Warum bist du dann gestern nicht auf die Rennbahn gekommen?”

“Sag bloß, das hast du bemerkt?” Rico lächelte. “Ich fühle mich geschmeichelt.”

“Das brauchst du nicht. Ich hatte trotzdem – oder gerade deshalb – einen sehr angenehmen Nachmittag und habe so manches Mal aufs richtige Pferd gesetzt.”

“Warum bist du dann heute so sauer? Oder hat das einfach mit deiner generellen Haltung mir gegenüber zu tun?” Rico spürte, wie er die Beherrschung verlor. Wenn er weiter in diesem Ton mit Renée sprach, konnte er ein Rendezvous vergessen. Nicht, dass er sie jetzt noch darum bitten wollte. Kein Mensch machte sich absichtlich zum Narren, selbst wenn er so verzweifelt war wie er. Erst musste er erfahren, ob zwischen ihr und Ward Jackman etwas lief.

Rico ließ den Blick über Renée gleiten und versuchte dabei, nicht zu offensichtlich auf ihre herrlich schlanken Beine zu sehen, die in der kamelfarbenen engen Hose so gut zur Geltung kamen. Ihr T-Shirt saß genauso eng und ließ ihre Oberweite größer wirken, als er sie in Erinnerung hatte. Entweder das, oder sie trug einen Push-up-BH. Nein, von wegen, ganz im Gegenteil: Sie hatte gar nichts darunter an, und ihre Brustknospen zeichneten sich deutlich unter dem weißen Baumwolljersey ab. Vielleicht lag das an der kühlen Witterung heute, vielleicht aber auch daran, dass Renée die Nacht in Wards Bett verbracht hatte.

Bei der Vorstellung, dass dieser Mann an Renées Brüsten saugte, wurde Rico ganz anders. Am besten ging er sofort wieder, ehe er noch etwas tat oder sagte, das er später bereuen würde. Aber er konnte sich nicht abwenden.

“Dürfte ich dir vielleicht eine ganz persönliche Frage stellen?”, wollte er schließlich wissen. Dabei gab er sich betont locker, um seine wahren Gefühle zu verbergen.

“Würde dich denn ein Nein davon abhalten?”

“Nein.”

“Das habe ich mir schon gedacht. Also los!”

“Bist du mit Ward zusammen?”, fragte Rico unumwunden und ließ Renée dabei nicht aus den Augen.

Sie zog die fein gezupften Brauen hoch, während sie ihn mit großen Augen anblinzelte. Zweifellos war sie geschockt, fing sich aber schnell und sah ihn kurz darauf überheblich an. Dann bückte sie sich nach ihrer schwarzen Lederjacke und der dazu passenden Handtasche, die sie neben die Boxenwand gelegt hatte. Durch die Bewegung fiel ihr das schulterlange braune Haar über die hohen Wangenknochen und verbarg für einen Moment ihr Gesicht.

Als sie sich wieder aufrichtete, saß ihre Frisur erneut perfekt – ein Zeichen für ihren exzellenten Friseur. Sie hob das Kinn und warf Rico aus ihren schräg stehenden grünen Augen einen kühlen Blick zu. “Warum fragst du? Hat jemand über uns geredet?”

“Nein, aber ich habe gehört, was du zu Blackie gesagt hast, und das klang ganz so, als wärt du und Ward dicke Kumpel. Ich meine, normalerweise bekommt man aus ihm doch nicht mehr als zwei zusammenhängende Worte heraus. Mit dir scheint er allerdings stundenlang über die Fortschritte unseres Pferdes geredet zu haben.”

“Und da hast du messerscharf geschlossen, dass wir dabei im Bett waren?”

“Ja. Und, liege ich damit richtig?”

“Ich wüsste nicht, was dich das angeht!” Renée wandte sich noch einmal dem Pferd zu und tätschelte ihm den Kopf.

“Es passt mir einfach nicht, dass du mit Jackman schläfst!”

Renée sah ihn ganz erstaunt an. “Aber warum nicht?”

Was sollte er darauf antworten? Dass er einfach nicht wollte, dass sie mit anderen Männern schlief, weil er sie selbst begehrte? Da würde sie ihm doch geradewegs ins Gesicht lachen, und das hätte sein Stolz nun wirklich nicht verkraftet. “Er ist der Trainer der Eigentümergemeinschaft”, stieß er deshalb hervor. “Und es passt mir einfach nicht, dass du Informationen bekommst, die Charles und mir vorenthalten werden.”

Sie lächelte abschätzig. “Dass so etwas der Grund ist, hätte ich mir ja denken können. Aber ich schlafe nicht mit Ward. Und wenn du Augen im Kopf hättest, wüsstest du längst, dass Lisa und er ganz verrückt nacheinander sind. Sie ist sogar bei ihm eingezogen. Ward spricht nur deshalb mehr mit mir als mit dir, weil ich Pferde wirklich gern habe. Ich besitze sie nicht des Status’ wegen oder um dadurch andere reiche Menschen zu treffen. Bist du nun zufrieden?”, fragte sie noch und wollte weggehen.

Aber Rico hielt sie am Arm fest. Renée erstarrte und warf ihm einen Blick zu, bei dem so mancher vor Schreck losgelassen hätte. Doch Rico verstärkte den Griff. “Warum verachtest du mich? Was habe ich dir getan?”

Renée sah so lange auf seine Hand, bis er Renée losließ, und als es so weit war, erschauderte sie sichtlich. Da wusste Rico, dass sie niemals freiwillig mit ihm ausgehen, geschweige denn ins Bett steigen würde. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich von ihm abgestoßen, und das war die schrecklichste Erkenntnis seines Lebens, noch schlimmer, als sich eingestehen zu müssen, dass Jasmine es nur auf sein Geld abgesehen hatte.

Jetzt war er derjenige, den es schauderte. Aber nicht so, dass man es sehen konnte, sondern innerlich – tief in seinem Herzen.

“Du kannst nicht ernsthaft wollen, dass ich dir diese Fragen beantworte”, meinte sie nun. “Glaub mir, die Antwort würde dir nicht gefallen.”

“Ich will sie trotzdem hören.”

“Na gut.” Der Blick ihrer grünen Augen wirkte jetzt noch kälter, wenn das überhaupt möglich war. “Du verkörperst alles, was ich an Männern nicht ausstehen kann. Du bist egoistisch und unheimlich oberflächlich. Du behauptest ständig, mehr Tiefgang in deinem Leben anzustreben, läufst aber dauernd irgendwelchen Träumen hinterher. Außerdem urteilst du vorschnell über andere Menschen, ohne dir die Mühe zu machen, einmal hinter die Fassade zu blicken. Wenn ich mir vorstelle, dass du dadurch beinah Charles’ Ehe ruiniert hättest …”

Verächtlich rümpfte sie die Nase, und Rico zuckte förmlich zurück. Zugegeben, als er Dominique auf die gleiche Stufe gestellt hatte wie Jasmine, war das ein furchtbarer Fehler gewesen. Aber die äußeren Umstände hatten einfach darauf schließen lassen, dass Dominique ebenso hartherzig und geldgierig war wie seine Exfrau.

“Und das alles nur, weil du nicht über dein ach so schlimmes Ehedrama hinwegkommen kannst”, fuhr Renée mit beißendem Spott fort. “Wie ich schon sagte, du bist egoistisch und oberflächlich. Natürlich trifft das auf die meisten gut aussehenden Männer zu. Außerdem hältst du dich für unwiderstehlich, nur weil du einen tollen Körper hast und unheimlich viel Sex-Appeal besitzt. Glaubst du, ich wüsste nicht, dass du deine Nase immer so hoch trägst, weil du nicht fassen kannst, dass ich nicht jedes Mal in Ohnmacht falle, wenn du den Raum betrittst? Genauso wie es dich ernsthaft ärgert, dass ich besser pokere als du. Ich hätte vielleicht mehr Achtung vor dir, Rico Mandretti, wenn du nur einmal erkennen lassen würdest, dass du dich in andere Menschen hineinversetzen kannst und es auch bei dir so etwas wie Tiefgang gibt. Aber nein, du machst einfach in deiner typischen Playboymanier weiter, und wenn es nicht nach deinem Kopf geht, benimmst du dich wie ein verzogenes Gör.”

Sie war ein wenig laut geworden, und Rico sah sich peinlich berührt um. Erleichtert stellte er fest, dass niemand im Hof und Neil nirgends zu sehen war.

“Aber das Schlimmste ist”, fuhr Renée nun unbeirrt fort, “dass du von einer blonden Sexbombe zur nächsten fliegst und dich dann darüber beklagst, dass du nicht hast, was Charles hat. Werd endlich erwachsen, Rico! Such dir ein nettes Mädchen zum Heiraten, und gründe mit ihm eine Familie. Die willst du doch angeblich unbedingt haben. Vielleicht werde ich dir dann auch so etwas wie Zuneigung entgegenbringen. Oder auch nicht”, meinte sie dann höhnisch. “Mögen werde ich dich wohl nie. Aber wenigstens könnte ich dir dann ein wenig Respekt zollen.”

Endlich war sie fertig, und das Gleiche galt für Rico. Noch nie hatte ihm jemand so deutlich die Meinung gesagt – nicht einmal Jasmine, wenn sie ganz schlecht auf ihn zu sprechen gewesen war.

Natürlich hätte er Renée eine passende Antwort geben und ihre eigene, wohl kaum perfekte Vergangenheit auseinander nehmen können. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, der Schuss könnte nach hinten losgehen. Trotzdem würde ihn kein Mensch je davon überzeugen, dass Renée den alten Tattergreis aus Liebe geheiratet hatte, auch wenn Geld vielleicht nicht ihr Hauptmotiv gewesen war. Dass er, Rico, ihr das zunächst unterstellt hatte, war vielleicht eines jener vorschnellen Urteile seinerseits, die sie erwähnt hatte.

“Jetzt mach nicht so ein Gesicht! Ich habe dich gewarnt und will mich nicht schuldig fühlen müssen, weil ich dir die Wahrheit gesagt habe. Außerdem ist es dir doch völlig egal, was ich denke. Männer wie du interessieren sich nur für sich selbst”, fügte sie noch hinzu, warf ärgerlich den Kopf zurück und ging.

Wenigstens hält sie mich für gut aussehend, dachte Rico, während er ihr betrübt nachblickte. Ihr missfiel nur sein Charakter, und daran konnte man arbeiten, oder nicht? “Na klar, Rico!”, sagte er dann zu sich selbst. “Wenn’s weiter nichts ist?” Er schnitt ein Gesicht und schob die Hände in die Hosentaschen. Dann ließ er den Kopf hängen und ging hinaus in den Hof, der glücklicherweise immer noch menschenleer war. Als er bei Jed vorbeikam, riss er sich zusammen, nickte ihm zum Abschied zu und lief so schnell wie möglich zu seinem Wagen, um nach Hause zu fahren.

4. KAPITEL

Über den Spieltisch hinweg blickte Charles zu einer ungewöhnlich stillen Renée und dann zu einem erstaunlich grimmig dreinsehenden Rico und überlegte, was sich während der vergangenen Woche bloß zwischen den beiden zugetragen hatte. Am letzten Freitag waren sie noch hervorragend in Form gewesen und hatten sich gegenseitig mit ihren spitzen, aber immer sehr unterhaltsamen Bemerkungen übertroffen.

Doch an diesem Abend war das ganz anders. Sie wechselten kein Wort und saßen da, als hätten sie unterm Tisch die Hände zu Fäusten geballt. Auch die Einsätze waren bisher nur klein gewesen. Weder Rico noch Renée schienen daran interessiert zu sein, sich wie sonst im Bluffen gegenseitig zu übertrumpfen. Besonders Rico verhielt sich unheimlich zurückhaltend. Selbst wenn er ganz gute Karten hatte, erhöhte er den Einsatz nicht im sonst üblichen Maß.

Alles in allem schien das der langweiligste Pokerabend zu werden, den Charles je erlebt hatte. Stattdessen wäre er viel lieber bei Dominique geblieben und konnte das Ende des Abends kaum erwarten. Dummerweise war es erst zwanzig nach zehn. Na ja, wenigstens würden sie gleich eine Pause einlegen.

“Du bist dran, Charles”, erinnerte ihn da Ali. “Wir spielen noch eine Runde vor dem Essen.”

“In Ordnung”, sagte Charles, und Renée nickte. Auch Rico war einverstanden. Er wollte dieser Folter nur so schnell wie möglich entgehen und begann mit einem müden Seufzer, die fünf Karten aufzunehmen, die Charles ihm hingelegt hatte. Die erste war eine Herzdame, die zweite ein Herzbube. Als sich die dritte als Herzkönig erwies, begann sein Herz, wie wild zu schlagen. Das änderte sich blitzartig bei der vierten Karte, einem Herzas: Rico blieb fast das Herz stehen.

Du liebes bisschen!

Jetzt konnte er nur hoffen, dass seine letzte Karte ebenfalls ein Herz wäre, egal, mit welcher Augenzahl, denn dann hätte er einen Flush – fünf Karten der gleichen Farbe. Sollte er eine Zehn aufdecken, wobei sogar die Farbe egal war, hätte er eine Straße – fünf Karten von verschiedenen Farben, aber mit lückenlos aufeinander folgenden Werten. Wenn es die Herzzehn wäre, hätte er ein Royal Flush, wofür die Chancen je Spiel bei eins zu fünfundsechzigtausend standen.

Bevor er die letzte Karte aufnahm, stieß er einmal kurz mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. Sofort sah Renée zu ihm, und Rico erwiderte unwillkürlich ihren Blick. Das war das erste Mal an diesem Abend. Nur als sie pünktlich um acht Uhr in Alis Präsidentensuite gekommen war, hatte Rico schon einmal zu ihr gesehen. In der feinen cremefarbenen Flanellhose und dem hellgrünen Twinset sah sie sexy und elegant zugleich aus.

Seit dem Fiasko vom vergangenen Sonntag hatte Rico beinah ununterbrochen an sie gedacht und sich überlegt, was er gegen seine beständig wachsende Frustration tun konnte. Heute Abend war er hergekommen, ohne diesbezüglich eine Entscheidung getroffen zu haben. Doch seine körperliche Reaktion auf ihren Anblick hatte ihm da weitergeholfen: Heute wäre das letzte Mal, dass er mit der “lustigen Witwe” pokerte. Er würde auch aus ihrer Eigentümergemeinschaft aussteigen. Außerdem beabsichtigte er, Sydney zu verlassen und für eine Weile nach Übersee zu gehen. Von einem italienischen Fernsehsender hatte er ein Angebot erhalten, seine Kochsendung dem italienischen Publikum vorzustellen. Das wollte er jetzt tun, um sich nicht noch weiter in Renées Gegenwart zerfleischen zu müssen.

Doch auch wenn seine Entscheidung vernünftig war, stimmte sie ihn traurig und hatte ihn den Pokerabend bisher wie durch einen Nebelschleier erleben lassen. Aber die vier Karten, die er bereits auf der Hand hielt, sorgten einfach für einen Adrenalinstoß. Und als leidenschaftlicher Pokerspieler war Rico plötzlich wieder voll da und sah Renée an. Ihr Lächeln erstaunte ihn. War es als Entschuldigung gedacht oder so etwas wie ein Friedensangebot?

Nein, das wurde rasch klar. Dazu war es viel zu spöttisch. Bestimmt hatte sie seine plötzliche Anspannung bemerkt und wartete jetzt auf seine Reaktion, wenn er sich die letzte Karte ansah. Sie selbst hielt bereits alle fünf in der Hand und wusste über ihre Chancen Bescheid.

Ob es ihm gelingen würde, seine Reaktion in Schach zu halten? Schließlich bekam man nicht oft die Gelegenheit, eine Karte aufzunehmen, die einem die Möglichkeit auf ein unschlagbares Blatt bot.

Unschlagbar? Tatsächlich, die fünfte Karte war eine Herzzehn. Während er versuchte, äußerlich ganz ruhig zu wirken, pochte ihm das Blut in den Schläfen, und sein Mund wurde ganz trocken.

“Willst du Karten tauschen, Rico?”, fragte Charles ein wenig ungeduldig.

Rico gab vor zu zögern, bevor er sich übertrieben entspannt zurücklehnte. Normalerweise reagierte er nicht so, wenn er ein gutes Blatt auf der Hand hielt. Damit wollte er seine Gegner verwirren, sie glauben machen, dass er nur bluffte. Sonst würden sie alle aussteigen, und er würde keinen Cent verdienen. “Danke, ich bleibe bei den Karten, die ich habe.”

Als Ali stirnrunzelnd zu ihm sah, erwiderte Rico seinen Blick mit einem Lächeln. Wie gern hätte er den Scheichsohn um einige zehntausend Dollar erleichtert. Aber der war nicht dumm und verlor nur selten. Würde er den Braten auch jetzt riechen?

“Dann ist Rico heute Abend ja doch bei der Sache”, meinte Ali nur und tauschte drei Karten.

Nun war Renée an der Reihe. “Ich bleibe auch bei meinem Blatt”, sagte sie, ohne dass Rico irgendetwas daraus hätte schließen können. Manchmal bluffte sie, wenn sie sich so verhielt, manchmal hatte sie dann aber auch einen Drilling – drei wertgleiche Karten – oder sogar ein Full House – einen Drilling und ein Paar. Aber selbst wenn sie diesmal einen Vierling auf der Hand hielte, für den die Chance eins zu viertausend stand, würde er mit seinem Royal Flush als Sieger hervorgehen.

“Ich tausche zwei Karten”, sagte jetzt Charles. Als er sich daraufhin zufrieden zeigte, stieg Ali sofort aus, aber Renée blieb dabei und erhöhte den Einsatz genau wie Rico.

Sobald die Summe im Pot sechsstellig wurde, stieg auch Charles aus. “Das ist mir zu heiß. Macht ihr beide das mal lieber unter euch aus.”

“Ich denke, Rico sollte sein Geld zusammenhalten und auch passen”, erklärte Renée kühl. “Es sei denn, er verliert gern. Und so, wie er heute Abend bisher gespielt hat …”

Das hätte sie besser nicht gesagt, besonders bei dem Blatt, das er auf der Hand hielt, und bei den Gefühlen, die ihn seit einer Woche beherrschten. Plötzlich war es Rico nicht mehr genug, nur Renées Geld zu gewinnen. Er wollte sie in ihrem Stolz treffen, um sich für letzten Sonntag zu rächen. Was ihm dabei so vorschwebte, ließ sein Herz höher schlagen. Wenn Renée nicht bluffte – was wahrscheinlich war –, würde sie seinem Vorschlag nicht widerstehen können … und ihm gehören, zumindest für eine Nacht.

Der Gedanke daran bescherte ihm umgehend eine heftige Reaktion seines Körpers. “Wenn du so zuversichtlich bist”, sagte er dabei so locker wie möglich, obwohl er sich vor Aufregung kaum halten konnte, “lass uns den Einsatz doch erhöhen.”

“Du meinst, noch mehr Geld setzen?”

“Nicht unbedingt. Wie wär’s, wenn wir einmal um etwas anderes spielen würden?”

Sie warf den Kopf zurück und blinzelte Rico mit ihren smaragdgrünen Augen an. “Worum zum Beispiel?”

“Das würde ich auch gern wissen”, mischte sich Charles ein.

“Egal, was uns so vorschwebt. Renée sucht sich etwas aus, das ich ihr geben oder kaufen kann, und umgekehrt.”

Ihr Blick wurde spöttisch. “Was sollst du mir schon geben können, das ich mir nicht selber kaufen kann?”

“Darf ich dich an letzten Sonntag erinnern? Da hatte ich den Eindruck, da wäre schon etwas.” Während er ihr in die Augen blickte, sah er regelrecht, wie bei ihr der Groschen fiel: Ebony Fire. Er meinte seinen Anteil an dem Hengstfohlen. Wenn Renée sein Drittel gewann, wäre es für sie ein Leichtes, Charles auszuzahlen. Der zeigte in letzter Zeit ohnehin immer weniger Interesse an ihrer Eigentümergemeinschaft. Bestimmt könnte Renée der Versuchung, Alleineigentümerin von Ebony Fire zu werden, nicht widerstehen und würde in die Falle gehen.

“Ich bin nicht sicher, ob das okay ist”, meinte jetzt Charles, ganz Gentleman. “Es hört sich nicht korrekt an.”

“Kümmere dich um deinen eigenen Kram!”, wies ihn Renée zurecht, die offensichtlich bereits angebissen hatte. Sich an Rico wendend, fuhr sie fort: “Und wie hast du dir die weitere Vorgehensweise vorgestellt?”

“Wir schreiben unseren Herzenswunsch auf ein Stück Papier, stecken es in einen Umschlag und legen es zu dem Geld. Dann decken wir unsere Karten auf, und der Gewinner bekommt den Pot, wobei der Verlierer auch noch den Wunsch des Gewinners bedienen muss.”

“Dann brauchen wir also nicht offen zu legen, worum wir spielen?”, fragte Renée nachdenklich. “Und es bleibt ein Geheimnis?”

“Ja, das ist spannender.”

“Und was geschieht mit dem Umschlag des Verlierers?”

“Der geht ungeöffnet zurück.”

“Hm”, meinte sie stirnrunzelnd, “ich kann mir einfach nicht vorstellen, was du von mir willst.”

“Vielleicht wollen wir das Gleiche.”

Wie gebannt sah sie ihn an. “Vielleicht, aber irgendwie bezweifle ich das. Trotzdem könnte es interessant sein, es herauszufinden.”

“Vorausgesetzt, ich gewinne, natürlich”, fügte Rico hinzu, um den Eindruck zu erwecken, es würde immer noch die Möglichkeit bestehen, dass ihr Blatt besser war. “Wenn ich verliere, nehme ich meinen Umschlag auf jeden Fall wieder an mich”, erklärte er abschließend und hätte liebend gern den Blick zu deuten gewusst, den Renée ihm jetzt zuwarf. Aber sie war immer schon besonders gut darin gewesen, die Wahrheit vor ihm geheim zu halten. Deshalb wusste er auch nie, ob sie bluffte.

“Na, dann her mit dem Papier und den Umschlägen!”, sagte sie schließlich.

“Mir gefällt die Idee überhaupt nicht”, erklärte Charles missmutig.

“Wieso nicht?” Rico zuckte die breiten Schultern. “Es wird ja niemandem wehgetan, und es ist einfach spaßiger, als nur um Geld zu spielen.”

“Das hoffe ich doch!” Charles war immer noch nicht überzeugt. “Eine kleine Aufheiterung könnte dir allerdings nicht schaden.”

“Aber diese Art von Einsätzen machen wir uns nicht zur Gewohnheit”, erklärte nun Ali, der immer darauf bedacht war, dass es am Spieltisch nicht zu persönlich zuging. “James”, wandte er sich dann an den Butler, “bringen Sie den beiden Papier und Bleistift.”

Offensichtlich wusste Renée genau, was sie von Rico wollte, denn sie schrieb ihren Wunsch umgehend auf den Hotelnotizblock, den Rico ihr reichte, nachdem er sich ein Blatt abgerissen hatte. Er dagegen war sich plötzlich nicht mehr sicher, was er verlangen wollte. Eine Nacht oder zwei oder vielleicht eine ganze Woche? Doch auch das wäre ihm nicht genug, beschloss er, während seine Erregung immer stärker wurde.

Schließlich schrieb er:

Du bist einen Monat lang meine Geliebte, beginnend mit heute Nacht.