Glücklich - Thanassis Nalbantis - E-Book

Glücklich E-Book

Thanassis Nalbantis

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Beschreibung

Was es braucht zum Glücklichsein: virtuos eingesetzte Ellenbogen, stille Kämpfer für die große Sache, Pioniergeist und Abenteuerdrang, Zorn und Aussicht auf Rache, Kurzweil im Büroalltag. DER GLÜCKLICHE ist ein Zeitgenosse, der vom Leben ebenso wenig Außergewöhnliches verlangt, wie er selbst hinterlässt. Im HELENA-KOMPLOTT bemühen Griechen und Trojaner mehr als nur kriegerische Tugenden, um aus dem Streit um die Frau zügig und heil davon zu kommen. Durch das GUTACHTEN über einen Dichterkollegen eröffnet sich einem DDR-Schriftsteller die vielbegehrte Reisemöglichkeit in den Westen. Im FORUM WEGGESPERRT befragen sich einst Gefangene nach entgangenem Lebensglück und sinnen auf Rache. Und DR. BENKERT LIEBT noch nicht so, dass sich damit auch Mutterglück erfüllen könnte.

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Seitenzahl: 95

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für Ingrid

Inhalt

Der Glückliche

Das Helena-Komplott

Gutachten und Fürstenlob

Forum Weggesperrt

Dr. Benkert liebt

Der Glückliche

Als er auf die Welt kam, lag der Krieg vierzehn Jahre zurück und es wurde erstmals die Rückseite des Mondes fotografiert. Sie wohnten in einer Neubauwohnung mit Bad, zwei Zimmern und seinem halben, möbliert mit Babywiege, Kinderbett und Frisiertisch mit Marmorplatte. Den Tisch hatten Oma und Opa mütterlicherseits gespendet, die wohnten zwei Blocks weiter und unterhielten in ihrem Haus neben drei Mietwohnungen im Parterre einen Parkettbetrieb. Ihnen selbst hatte der Krieg nicht viel angetan, die alliierten Bomber verloren nur selten Last auf ihren Routen über die Stadt hinweg zu interessanteren Zielen, den nachlassenden Bedarf an hochwertigem Bodenbelag glich Sargschreinerei aus. Als Handwerker verfügten sie über Beziehungen und auch Telefon und ebenso ihre Tochter. War also etwa der Kinderarzt zu rufen, brauchte es keine Telefonzelle oder jemanden in der Umgebung mit einem der raren Telefonanschlüsse, gar einen Staatsbediensteten. Dagegen kamen Nachbarn zu ihnen und dabei wurden sie umso mehr versorgt mit kleinen Dingen des Alltags, die in der Nachkriegszeit knapp waren. Die anderen Großeltern wohnten eine Stunde Omnibusfahrt vor der Stadt im Grünen mit Kaninchenboxen, Hühnern und einem Bach hinterm großen Garten mit Obst und Gemüse, die es in Konsum und Kaufhalle selten oder nur als Bückware gab. Der Vater verschwand bald westwärts und meldete sich zuverlässig und regelmäßig zunächst mit Päckchen und Paketen. An seiner statt zog ein Fahrschullehrer ein. Nun verfügte die kleine Familie über einen fahrbaren Untersatz für größere Besorgungen, für die samstägliche Wagenwäsche vorm Haus, für Sonntagsausflüge und Urlaub. Hinter dem Haus legte die Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft einen Spielplatz und eine kleine Wiese mit Sitzecke an. Franks Mutter organisierte der Hausgemeinschaft dafür mit Hilfe der Werkstatt ihrer Eltern eine Laube und eine Bank. Darauf sitzend schwatzte sie mit anderen Müttern, während Frank auf seinem Lieblingsplatz auf der Wippe auf den Autoreifen darunter hinabsauste. Selbst bei Regen, wenn Frank auf die oberste Sprosse des Kletterpilzes bis unter das rot gepunktete Blechdach hinauf stieg. Als er einmal hinabgestürzt war, gab sie einer Nachbarin den Wohnungsschlüssel, flugs nach dem Notarzt zu telefonieren, während er verkrampft auf dem Rücken liegend ihre Hand hielt und Minuten lang nach Luft japste. Sein Stiefvater saß zur gleichen Zeit in der Kantine bei Taxikollegen, hörte über Funk von dem Notruf zu seiner Adresse und dirigierte schnurstracks den Krankenwagen zum Krankenhaus der Vinzentinerinnen, die durch Westausrüstung am besten ausgestattet waren. Verlief auch alles ohne Komplikationen. Bei den Kinderkrankheiten nichts Außergewöhnliches: Ziegenpeter, Keuchhusten, Lungenentzündung immerhin, Leistenbruch, Windpocken vermutlich auch. Sein drittes Jahr sollte unter verstärkter Aufsicht verlaufen, zunächst halbtags bei einer pensionierten Sekretärin der Parkettfirma, mittags abgeholt von der Parkett-Oma. Als die Pensionärin krank wurde dann bei einer Tagesmutter, der Frau eines Mitarbeiters der Parkettfirma, die selbst einen Jungen in dem Alter hatte und mit der Betreuung von Spielgefährten dazu verdiente. Das regelrechte Kontrastprogramm zu dem Monat Wochenkrippe zwischendurch, Montagmorgen abgeliefert, Freitagabend abgeholt, immer mit einer neuen Krankheit am Leib und zuletzt wirrem Blick. Mit drei dann in den Kindergarten der Diakonissen, nicht irgendeiner Religion folgend, sondern aus Mangel an Alternativen, war allerdings keine schlechte Lösung. Mit seiner schuhkartongroßen schwarzen Dampflokomotive samt echter Beleuchtung vorn, hinten und im Fahrerhaus, Dampfausstoß, Signalhorn und einem Fahrwerk, das bei Hindernissen selbstständig zurücksetzte und in die andere Fahrtrichtung wechseln konnte – einem Geschenk seines Vaters –, verstand er von Beginn an Freundschaft aufzubauen. Schwester Helga, die Erzieherin seiner Pittiplatsch-Gruppe, taktete die Spielstunden zu Zehnminutenschichten, damit alle Kinder mit der tollen Lok mal spielen konnten, während Frank unermüdlich hilfsbereit und für sein Alter ausgesprochen galant die einzelnen Funktionen der Lok erläuterte. Auf dem Bild, das er zwischen Rot-Grün-Farbtest und Brustabklopfen während der Vorschuluntersuchung zeichnete, war in der Mitte eine Laterne, darunter ein Campingzelt, davor ein Stuhl und oben in der Ecke die Sonne, eine runde, keine Tortenstück-Sonne. Ein Zelt hatte er in seiner Jugend meist dabei, wenn es an den Wochenenden per Anhalter mit Freunden ins Umland auf Burgen, an Talsperren und ab und an auf Campingplätze ging. Ein Zweimannzelt, keine drei Kilogramm schwer, neben dem halb so schweren Schlafsack ohne weiteres auf dem Rucksack verschnürt mit sich zu führen, unkompliziert aufzubauen, schnell und für mitunter selbst fünf Personen, mit einer im angetrunkenen Tiefschlaf zwischen zwei Pärchen. Mit Gaslaternen, Wunderwerken altehrwürdiger Technik, wurde die Straße beleuchtet, in die sie zogen, als er sechs war. Morgens bog ein älterer Herr mit Mantel, Hut und langem, dünnen Stab mit Haken am Ende auf einem Fahrrad in die Straße, bremste mit der linken Hand am ersten Laternenmast ab, angelte mit dem Stab in der rechten nach einem Ring oben im Lampenkasten, zog ein wenig, dimmte damit das Licht und radelte weiter von Laterne zu Laterne ohne abzusteigen und aus der Straße raus und in der Abenddämmerung wieder rein, Tag für Tag, bis auf elektrische Beleuchtung umgestellt wurde. Einen Stuhl mit Bewandtnis schließlich verdiente er während seiner Studienzeit neben etwas Barem für einen Vormittag Anpacken bei einer Haushaltsauflösung, frühes Biedermeier und mit Lattensitz, jedoch wiederholt angestrichen, vor allem mit einer dicken Schraube und Nägeln am linken vorderen Stuhlbein völlig dilettantisch geflickt, aber doch von einer Art, dass er sich trotz fünf Umzügen in zwei Bundesländern in 31 Jahren nicht von ihm zu trennen vermochte. Dann bemühte er doch die fachmännische Reparatur des Stuhlbeins, beizte den Stuhl, strich und polierte ihn mit Schelllack zu einem ansehnlichen, im Esszimmer vorzeigbaren Möbel. Soweit zu Zelt, Laterne, Stuhl. Und die Sonne? Hm. Nach Süden ging es tatsächlich auch, dem höchsten Stand der Sonne entgegen bis zum Ende Europas und sogar über den Äquator hinaus, freilich über lange eingehegte Jahre überhaupt nicht vorstellbar, kein Traum, der in einem Schlaf leuchtete. Im Haus in der Gaslaternenstraße wohnten im vierten Stock und unterm Dach ältere Damen, zu denen er gelegentlich für kleinere Besorgungen oder zum Taschentragen die vielen Stockwerke hinauf beordert wurde. Im ersten Stock und im zweiten Gleichaltrige, mit denen er gegen oder mit den anderen Kindern in der Straße zu Federball, Räuber & Gendarm oder 1-2-3-Verstecken antrat. Der Große im dritten war Helfer in der Not, wenn’s Stänkereien auf dem Schulweg gab, und von der Großen im Parterre gegenüber konnte er sich alles Mögliche erklären lassen, vor allem die englischen Titel der Hitparaden. Seine erste Klassenlehrerin musste ihre Heimfahrt jedes Jahr am Lehrertag mindestens dreimal, einmal sogar viermal antreten, um trotz Rad und Gepäckträger und Beutel rechts und links am Lenker all die von Schülern und Eltern überreichten Blumen nach Hause zu schaffen. Je höher die Klassenstufe, desto öfter traten dann weniger leidenschaftliche Lehrer auf den Plan und eine oder einer fand sich turnusgemäß, das Lied Dies-Kind-so-stolz-vom-Volk-belohnt aufzurufen, in das er lange gern mit einstimmte wie beinahe alle ebenso stolzen Mitschüler. Später mühten sich einige, sich diesen Stolz nicht anhaben, manchmal auch im Spiel, sich ihn nicht anmerken zu lassen. In den letzten beiden Jahren vor dem Abitur noch häufiger der Appell, welches Privileg es doch bedeute, diese Schule zu besuchen und zu jenen zu gehören, denen andere ihre Zukunft in die Hände legen, die Zukunft des Landes anvertrauen: „Erweist Euch dessen würdig!“ Was nicht immer klappte, zum Beispiel als sein Klassenlehrer Ausschau hielt nach Rädelsführern. Er fahndete nach konterrevolutionären Subjekten, die ihn beim Schulausflug aus dem Schlafsaal ausgesperrt hatten, so dass er die Nacht auf einem Stuhl im Hausflur verbringen musste, ein eklatanter Vertrauensbruch und eine nicht hinnehmbare Infragestellung seiner Autorität. Als Anstifter standen unter Verdacht: ein Schüler, der sich allerdings zum Polizeidienst, und einer, der sich zu 20 Jahren Armeedienst verpflichtet hatte, einer, der Politische Ökonomie studieren wollte, noch ein angehender Polizist, einer mit dem Berufswunsch Lehrer – lauter zweifellos gesellschaftlich notwendige Berufswünsche. Für seinen, ausgesprochen exotisch: Journalist, gab es wegen der sehr beschränkten Anzahl der Studienplätze keine Empfehlung an die Universität im pädagogischen Gutachten der Schule – und somit ward der Anstifter gefunden. Dem folgte die Direktorin, da abzusehen war, dass ihn sein Stiefvater dank ausgezeichneter Beziehungen zu alten Kampfgenossen raushauen und dem eifernden Lehrer getrost mal eine Pille verpassen würde. Der Klassenlehrer trug ihm schließlich einen Schweren Tadel ins Klassenbuch ein, das sollte genügen. Damit kamen alle Jungs davon, das Vorkommnis landete bei den Akten, freilich ebenso sein Wunsch, Journalist zu werden. Weiteres Bonbon für den Klassenlehrer. Der setzte eins drauf, indem er ihn in die Klemme nahm, sich für drei Jahre Armeedienst zu verpflichten: „Das sind Sie der Gesellschaft schuldig! Für das, was sie Ihnen ermöglicht hat, und mehr noch für das, was sich Ihnen nach Abitur und Studium in diesem Land eröffnet.“ Bei solcher Argumentation stimmte er erstmal zu. Einige Gedanken weiter und einige Wochen später bei der Musterung hielt er den Genossen im Wehrkreiskommando stand: Was bedeuten schon drei Jahre bei der Armee, wenn er dem Volk so schnell wie möglich als ausgebildeter Journalist zu dienen versprach! Von dem zweifelhaften pädagogischen Gutachten wussten die im Wehrkreiskommando nichts und die in der Schule ahnten nicht, dass er sich für keinen Tag länger als die achtzehn Monate Grundwehrdienst einverstanden fand. Soviel Theater in der elften Klasse und dabei blieb es nicht, denn in den Sommerferien waren zwei Wochen vormilitärische Ausbildung ausnahmslos verpflichtend, d.h. Urlaubsunterbrechung für ein Fünfhundert-Mann-Barackendorf im Wald mit Wecken um sechs, Frühsport, Marschieren mit Holzgewehren, Schießübungen mit Kleinkalibergewehren, Schützengräben ziehen, Gulaschkanone, Stuben reinigen u.s.w. bis Zapfenstreich um zehn. Danach, wenn möglich, saufen. Vier Tage mit solcher Zeitverschwendung blieben auch ihm nicht erspart, allerdings der längere Rest, denn das Volk liebte volksverbundene Dichter genauso wie dessen Nachwuchs. Nachdem er zehn Gedichte an die Jugendzeitung in der Hauptstadt geschickt hatte, kam ein freundlicher Brief zurück, in dem von Talent und interessanten Bildern und lesenswerten Versen geschrieben war und davon, dass sich das Bezirksjugendkabinett bald melden werde. Im Sommer folgte die Einladung zum republikweiten Treffen der jungen Poeten, das ihn vor dem vormilitärischen Ausbildungslager weitgehend bewahrte. Weiterer Nebeneffekt: Die Deutschlehrerin musste klein beigeben, wenn er mit ihr abwegigen Interpretationen aufwartete, denn nun saß in der Schulbank nicht mehr der naseweise pubertäre Provokateur, sondern ein von höherer Warte beurkundetes Talent, und zwar im Republikmaßstab. Keine Frage, dass das auch bei Mädchen Eindruck schindete, und zwar über seine Klasse hinaus im ganzen Jahrgang, und sein Talent wuchs zum Nimbus bei den Mädchen im Jahrgang darüber und bei den jüngeren sowieso. Als er nach Moped zum vierzehnten und Motorrad zum sechzehnten an seinem achtzehnten Geburtstag als seit Jahren erster und für viele kommenden Jahre einziger mit eigenem Auto (hatte sein Vater aus dem Westen spendiert) vorfuhr und lässig mit herunter gekurbelter Scheibe neben dem etwas kleineren Wagen des stellvertretenden Direktors einparkte, sprach die halbe Schule bis zu den Ferien von einem imposanten Auftritt, der auch in den Tagen und Wochen darauf nicht gewöhnlich ward. Beeindruckend besonders für Marion, ab sofort Jugendliebe, bald Ehefrau, dann Mutter seiner Kinder, bald: eben weiterhin an seiner Seite. Ihre Mutter war im Großhandel WtB (Waren täglicher Bedarf) beschäftigt mit exquisitem Zugriff auf Konserven und Spirituosen, ihr Vater in der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV), womit beste Voraussetzungen für ein wohlbestelltes und -behaustes Familienleben mit Marion gegeben waren.