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Während einer Jagd macht ein Jagdhund einen grausigen Fund. Er hatte die Witterung vom Landwirt Heinrich aufgenommen, der auf seinem eigenen Acker untergepflügt worden war. Heinrich war einem düsteren Geheimnis seiner Schwester auf der Spur, die sich in der Psychiatrie das Leben genommen hatte. Wenige Tage später wird sein Freund Hermann erschlagen in der Ems aufgefunden. Hermann, ein ehemals erfolgreicher Architekt, geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste Insolvenz anmelden. Zwei harmlose alte Männer, die nur ihre Leidenschaft fürs Angeln verband, werden brutal ermordet. Wurde beiden das Geheimnis um den Suizid der Schwester zum Verhängnis? Oder fiel der Architekt der Rache eines geprellten Gläubigers zum Opfer? Stehen die Morde im Zusammenhang oder waren zwei Täter am Werk? Plötzlich werden die Mordfälle mit mysteriösen Geschichten aus uralten Zeiten in Verbindung gebracht, die sich um die Ems ranken. Die Grenzen zwischen Realität und Gerücht verschwimmen und eine kaum zu überwindende Mauer baut sich vor Kleber in Greven auf ...
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Während einer Jagd macht ein Jagdhund einen grausigen Fund. Er hatte die Witterung vom Landwirt Heinrich aufgenommen, der auf seinem eigenen Acker untergepflügt worden war. Heinrich war einem düsteren Geheimnis seiner Schwester auf der Spur, die sich in der Psychiatrie das Leben genommen hatte. Wenige Tage später wird sein Freund Hermann erschlagen in der Ems aufgefunden. Hermann, ein ehemals erfolgreicher Architekt, geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste Insolvenz anmelden. Zwei harmlose alte Männer, die nur ihre Leidenschaft fürs Angeln verband, werden brutal ermordet. Wurde beiden das Geheimnis um den Suizid der Schwester zum Verhängnis? Oder fiel der Architekt der Rache eines geprellten Gläubigers zum Opfer? Stehen die Morde im Zusammenhang – oder waren zwei Täter am Werk? Plötzlich werden die Mordfälle mit mysteriösen Geschichten aus uralten Zeiten in Verbindung gebracht, die sich um die Ems ranken. Die Grenzen zwischen Realität und Gerücht verschwimmen und eine kaum zu überwindende Mauer baut sich vor Kleber in Greven auf ...
Johannes Reisenberg, geboren 1954, lebt seit vielen Jahren mit seiner Frau in Greven.
Er hat drei Kinder und zwei Enkelkinder.
Nach dem Studium der Betriebswirtschaft war er bis zur Pensionierung in der Immobilienbranche tätig.
Bisher vom Autor bei Books on Demand erschienen:
Eiszeit
ISBN: 978-3-7562-3241-3
Stadtgeflüster
ISBN: 978-3-7494-8008-1
Tonis Erben
ISBN: 978-3-7534-9852-2
Der Bogenjäger
ISBN: 9-783757-854591
Personen und Handlungen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Personen
Heinrich Klemann
– Landwirt
Ellen Klemann
– Malerin / Heinrichs Schwester
Ludwig Klingbein
– Ellens Ehemann
Hermann Schlick
– Arbeitsloser Architekt
Paul Wellbrock
– Verwalter
Wilhelm Henke
– Juwelier
Bernhard Laimer
– Kartoffelbauer
Schulze Althoff
– Verpächter
Friedrich Hülsbeck
– Schweinebauer
Ingo Schuster
– IT-Unternehmer
Clair Burmeister
– Rechtsanwältin
Lissy
– Klebers Ehefrau
Polizei
Kurt Kleber
– Hauptkommissar
Ramona Jäger
– Assistentin
Joachim Schröder
– Oberstaatsanwalt
Dr. Laura Bremer
– Pathologin
Wizard Club
Dr. Paul Jacobs
– „Double Doc“, Dr. der Physik und Chemie
Anton Huber
– „Toni“, Oberbayer aus Reit im Winkl
Peter Bauer
– „Pumpe“, Unternehmer
Heribert Neuhaus
– „Hühner-Harry“, Rassegeflügelzüchter
Claus Bokelmann
– „Steini“, Verwalter/Immobilienmakler
2019
2024
2025
Das Leben muss ja weitergehen
Na, wie geht’s uns denn heute?
Wenigstens das hat er sie nicht gefragt. Ein Idiot war er dennoch.
Die heutige Visite unterschied sich erneut nicht von denjenigen, die sie in den letzten Wochen über sich ergehen lassen musste. Das Gespräch verlief, wie immer, in öden, stumpfsinnigen Bahnen.
Es war nervig und frustrierend, wie er sie nicht ernst nahm, mit seiner gespielt fürsorglichen Art. Wohlwollend, mit einem beherrschten Lächeln, das er trotz aller Versuche professionell zu wirken, nicht zu unterdrücken vermochte, blickte er sie mit übertriebener Freundlichkeit an.
Hielt er sie für so dumm, zu glauben, sie würde auf sein aufgesetztes Verhalten hereinfallen? Wahrscheinlich schon – ein Trottel halt. Da half ihm auch nicht die auf der Nasenspitze sitzende Brille und der weiße Kittel, die ihm einen seriösen, überlegenen Anstrich verleihen sollten. Sie nahm ihn einfach nicht für voll – Professor hin oder her.
Anfänglich hatte sie es wirklich versucht. Sie brauchte seine Hilfe, nein, mehr noch, sie war verzweifelt und auf seine Unterstützung angewiesen. Doch die Hoffnung, dass irgendjemand ihre Sorgen verstünde und ihr die Rückkehr in ein normales Leben ermöglichen würde, hatte sie im Laufe der Zeit aufgegeben.
Aber war das wirklich so?
War die Hoffnung tatsächlich verschwunden oder klammerte sie sich insgeheim nicht doch an den Gedanken, dass irgendwann jemand ihre ungerechte Behandlung erkennt?
Als sie vor vielen Wochen eingewiesen worden war, war sie verwirrt, aggressiv und nicht ansprechbar. Selbst ihren Ehemann hatte sie nicht erkannt, als er sie besuchte. Mit Medikamenten wurde sie ruhiggestellt, und nach und nach beruhigte sie sich und nahm ihre Umwelt wieder wahr. Nach wenigen Tagen fühlte sie sich völlig genesen, zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung.
Was genau damals passiert war, konnte sie sich nicht erklären. Niemand sprach mit ihr über die Beweggründe, die zu ihrer Einweisung geführt hatten. Nur nebelhaft erinnerte sie sich an eine skurrile Situation in einem Einkaufszentrum, in der sie nach einer heftigen Auseinandersetzung in einer Boutique von zwei Polizisten aus dem Geschäft geführt worden war. Die Erinnerungen an diese Situation waren verschwommen, schemenhaft und unklar, was die Eskalation in dem Laden ausgelöst hatte.
Sie war sich sicher, dass sie unschuldig war. Oder machte sie sich etwas vor? War sie wirklich so schuldlos, wie sie selbst glaubte?
Gottlob lagen diese düsteren Zeiten hinter ihr, und sie war voller Hoffnung, bald wieder entlassen zu werden. Doch aus unerklärlichen Gründen hielt man sie hier fest, gegen ihren Willen.
Wie war das möglich? Sie war doch vollständig genesen, frei von jeglichen Verwirrungen, die sie einst quälten.
Warum also war sie immer noch hier?
Auf diese drängende Frage erhielt sie nur ausweichende Antworten von dem aufgeblasenen Fatzke, der vor ihr stand und sie von der Arbeit abhielt.
Sie drehte sich von ihm ab und wandte sich wieder ihrer morgendlichen Beschäftigung zu.
Sie hatte keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten; es war ohnehin ein sinnloses Unterfangen. Immer wieder gewann sie den Eindruck, dass er ein ausgeprägtes Interesse an ihren Bildern hatte, wie so viele andere auch.
Die Kunstwelt war begeistert von ihren Werken, in denen sie klare Linien mit expressiv gemalten Farbflächen vermischte. Ihre teilweise großformatigen Bilder faszinierten durch ihre räumliche Tiefenwirkung und ihre komplexe Konstruktion. Sie spielte mit dem Spannungsverhältnis zwischen malerischer Freiheit und prägnanten graphischen Elementen und offenbarte dabei immer wieder ihre Leidenschaft Neuartiges zu schaffen.
Schon als junges Mädchen hatte sie die Malerei für sich entdeckt und die schwierigsten Phasen überwunden, wenn sie sich auf das Aufbringen von Farben auf eine Leinwand konzentrierte. In diesen Momenten war ihr Leben frei von allen Sorgen und Ängsten.
Die Erinnerungen an ihre Kindheit waren geprägt von zunächst unerklärlichen Gemütsschwankungen und Launen, die ihre Eltern und ihren Bruder in den Wahnsinn zu treiben drohten. Ihre exzessiven Launen waren für alle schwer zu ertragen, zumal ihr Verhalten von einem Moment auf den anderen ins Gegenteil umschlug, ohne Vorwarnung. Als sie herausfanden, dass bipolare Störungen für ihr ungewöhnliches Verhalten verantwortlich waren, nahmen die Auseinandersetzungen zwar nicht ab, aber sie wurden zumindest erklärlich.
Doch wenn das die Ursache war, warum fühlte sich ihre Gefühlswelt jetzt so stabil und völlig normal an? War es eine Täuschung? Ein wirres Konstrukt ihres Geistes?
In jungen Jahren fand sie allein in der Malerei Schutz und Zuflucht, wenn mal wieder alles um sie herum in Trümmern lag.
Und daran hatte sich im Grunde bis heute nichts geändert.
Auch in diesem Augenblick, als sie die bohrenden Blicke des Arztes in ihrem Rücken spürte, entspannten sich all ihre Sinne und die aufkommende Wut flachte ab. Als sie den Pinsel in die Hand nahm und überlegte, an welcher Stelle des Bildes sie fortfahren sollte, beruhigte sich ihr Herzschlag, als sie in den bereits am Morgen begonnenen Schaffungsprozess wieder eintauchte.
Je länger sie das Bild ansah, desto weiter schien sich der hinter ihr stehende Arzt von ihr zu entfernen, so als schöbe ihn eine unsichtbare Macht von ihr weg. Mit ihm rückten auch alle Probleme in weite Ferne. Sie fühlte die heilsame Wirkung, die von Pinsel und Farben ausgingen; sie war wieder ganz bei sich und geerdet.
Aber war das eine Lösung? Oder eine Flucht?
In einem Anflug innerer Überlegenheit unternahm sie erneut einen Versuch, wohl wissend, dass keine Aussicht auf Erfolg bestand.
„Wann werden Sie mich endlich entlassen? Wir beide wissen genau, dass es keinen logischen Grund gibt, mich hier weiter festzuhalten!“, fragte sie mit fester aber emotionsloser Stimme, ohne sich dabei umzudrehen.
„Frau Klemann, das wissen Sie doch genau. Sobald Sie für sich und Ihre Umwelt keine Gefahr mehr darstellen, bin ich der Erste, der sich für Ihre Entlassung einsetzt. Bis es so weit ist, werden wir alles in unserer Macht stehende unternehmen, um Ihnen dabei zu helfen, gesund zu werden. Warum schenken Sie mir keinen Glauben, dass wir Sie nur zu Ihrem eigenen Wohl Festhalten? Wir stehen auf Ihrer Seite, das müssen Sie mir glauben!“
Muss ich überhaupt nicht, dachte sie trotzig.
Komisch. Ihr Ehemann hatte ihr nahezu dieselbe Antwort gegeben, als sie ihn gestern in einem Telefonat bat, sich mit seiner Anwältin für ihre Entlassung einzusetzen. Er kannte ihre Vorgeschichte wie kein Zweiter und sollte wissen, dass sie keine Bedrohung für andere darstellt.
Oder lag sie falsch mit ihren Empfindungen? Hatte sie unrecht?
War die Wahrnehmung ihres eigenen Gesundheitszustandes nichts weiter als eine Selbsttäuschung? Getrieben von dem Wunsch, diesem Gefängnis endlich zu entfliehen?
War es möglich, dass sie sich irrte? Dass all die anderen Menschen Recht hatten?
Unsicherheit breitete sich in ihr aus. War ihre Krankheit doch gefährlicher für andere, als sie dachte?
Ein Gefühl der Hilflosigkeit nahm ihr plötzlich jeglichen Mut, weiter gegen Windmühlen anzukämpfen. Sie fühlte sich klein, verloren, den übermächtigen Kräften, die sie hier festhielten, hilflos ausgeliefert.
Wie so oft in Momenten der Bedrängnis und Einsamkeit suchte sie Zuflucht in den Farben. Sie konzentrierte sich auf das bunte Farbspiel vor ihren Augen.
Der Professor trat neben sie und betrachtete mit starrem Blick das Bild.
„Frau Klemann, welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie malen? Was fühlen Sie dabei? Würden Sie mir bitte beschreiben, was genau Sie empfinden, wenn Sie in die Welt der Farben eintauchen?“, fragte er mit sonorer, einfühlsamer Stimme.
Nicht schon wieder!
Erneut überkam sie das unbestimmte Gefühl, dass sich der Arzt – aus ihr unbekannten Gründen – mehr für ihre Malerei interessiert als für ihre Krankheit.
Aber auch bei dieser Wahrnehmung lag sie vermutlich wieder falsch, stellte sie deprimiert fest.
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Ein alter Mann sitzt auf einem kleinen, klappbaren Stuhl am Ufer der Ems.
Die kühle Abendluft streicht über sein Gesicht, während der feuchte Erdgeruch in seine Nase steigt. Das Wasser gluckst leise, sanfte Wellen schlagen an die Ufersteine. In der Ferne ruft eine Eule, ihr Laut hallt durch die stille Nacht.
Sein Blick ruht auf der dunklen Wasseroberfläche, auf der sich das fahle Mondlicht in silbernen Streifen widerspiegelt. Das Glimmen seiner Zigarette leuchtet kurz auf, bevor er sie zwischen die Lippen klemmt und den Rauch langsam ausstößt.
Das leise Zirpen der Grillen und das entfernte Quaken von Fröschen vermischten sich mit den Geräuschen der naheliegenden Stadt. In der Ferne sind die Lichter der Autos zu sehen, die zu später Stunden über die Brücke in Richtung Innenstadt rollen und die Ruhe des Anglers stören.
Die Angelrute in seiner Hand fühlt sich vertraut an, der Köder am Haken wartet geduldig am Grund des Flusses. Ab und zu spürt er ein leichtes Zucken in der Schnur, ein vages Versprechen eines Fangs, doch es war nur die Strömung, die an dem Köder zog.
Er genießt die Stille, die Einsamkeit, das sanfte Pochen seines eigenen Herzschlags. Ein Schauer läuft ihm über den Rücken, nicht aus Angst, sondern wegen der kühlen Feuchtigkeit, die langsam durch seine Jacke dringt. Der Nebel über dem Wasser schwebt in dünnen Schwaden, fast wie geisterhafte Finger, die über der Oberfläche dahinschweben.
Ein kurzer Ruck in der Angelrute – sein Herzschlag setzt aus. Er spannt die Muskeln, hält den Atem an.
War es der Wind? Oder hat endlich ein Fisch angebissen? Mit ruhiger Hand greift er nach der Rolle, bereit für den Moment der Wahrheit.
Fehlanzeige, wieder kein Erfolgserlebnis. Vermutlich war der Köder nur gegen ein Hindernis gestoßen, was sich dann aber wie ein echter Biss anfühlt. Schon seit Stunden harrt er aus, doch kein einziger Fisch hat angebissen. Er fragt sich, ob es am Köder liegt oder daran, dass die Flussbewohner heute besonders vorsichtig unterwegs waren. Vielleicht war es auch einfach nicht sein Tag.
Mit einem tiefen Atemzug lehnt er sich zurück und beschließt, es noch eine Weile lang zu versuchen. Schließlich geht es beim Angeln nicht alleine um den Fang, sondern auch um die Ruhe, die Natur und die Hoffnung, dass der nächste Wurf der entscheidende sein könnte.
Früher, als die Welt noch in Ordnung war, hatte er oft gemeinsam mit seiner Schwester geangelt. Sie war damals noch ein Kind, voller Neugier, voller Leben. Er hatte ihr gezeigt, wie man die Rute hält, wie man den perfekten Moment zum Anschlag erkennt. Sie hatte immer gefragt, ob die Fische Schmerzen empfinden, ob es nicht grausam sei, sie aus ihrer Welt zu reißen.
Heute fragte sie nicht mehr.
Heute saß sie allein in einer fremden, kalten Anstalt, gefangen in einer Welt, die sie nicht verstand oder die sie nicht verstehen wollte.
Das gestrige Telefonat mit seiner Schwester hatte die lange Zeit verdrängten Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit wieder zutage gefördert, sodass er die ganze Nacht kein Auge zugemacht hat.
Seine Eltern waren seinerzeit restlos überfordert, wie sie mit den Stimmungsschwankungen ihrer Tochter umgehen sollen. Sie nahmen zunächst deren Krankheit nicht ernst und forderten sie nach jedem Ausraster auf, sich endlich „zusammenzureißen.“ Wodurch die Situation erst recht eskalierte.
Er stand immer zwischen den Fronten, fühlte sich permanent in die Rolle des „Kümmerers“ gedrängt. Selbst noch ein Kind, war er dieser Herausforderung nicht gewachsen, wodurch sich das Verhältnis der Geschwister nach und nach verschlechterte. Er war irgendwann nicht mehr bereit, auf alles zu verzichten, nur weil seine „bekloppte Schwester“ mal wieder verrücktspielte.
Und nun, viele Jahre später, brauchte sie erneut seine Hilfe. Seit Monaten beklagt sie sich bei ihm, dass sie Opfer einer Verschwörung sei und dass sie in der Anstalt gegen ihren Willen festgehalten wurde, so wie einst ihre Großmutter, „zum Schutz“ eingewiesen worden war.
Selbst von ihrem Ehemann und der Anwältin, die doch ihre Interessen wahrnehmen sollten, kam keine Unterstützung, im Gegenteil, sie schienen ebenfalls der irrigen Meinung zu sein, dass sie eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt.
Das war doch blanker Wahnsinn!
Sie hatte ihn händeringend gebeten, nochmals mit ihrem Mann Kontakt aufzunehmen und ihn zum Umdenken zu bewegen. Das hatte er schon häufiger versucht, leider immer ohne Erfolg. Er getraute sich nicht, es seiner Schwester zu beichten, aber er hatte das ungute Gefühl, dass hinter dem Ganzen eine dunkle Machenschaft ihres Mannes steckte.
Er konnte ihn von Anfang an nicht leiden, diesen kleinen aufgeblasenen Möchtegern. Wie seine Schwester ihm verfallen konnte, blieb ihm ein Rätsel. Sah sie denn nicht, dass dieser erfolglose Schmarotzer nur hinter ihrem Geld her war? Nutze er seine erschlichene Machtposition zum eigenen Vorteil aus? Eigentlich unvorstellbar, ab worin lagen sonst die Gründe, seiner Frau jegliche Hilfestellung zu verweigern? Seine persönlichen Bemühungen, die Vertretungsvollmacht für seine Schwester auf ihn zu übertragen, wurden von ihm abgelehnt, mit tatkräftiger Unterstützung seiner Anwältin.
Warum bloß?
Er spürte eine bittere Wut in sich aufsteigen. Ein Gefühl der Hilflosigkeit breitete sich in ihm aus. Ließ er seine Schwester kläglich im Stich?
Irgendetwas lief dramatisch schief, aber was?
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Die Galerie am Prinzipalmarkt ist hell ausgeleuchtet, Lichtkegel von Strahlern an der Decke fallen gezielt auf die ausgestellten Gemälde. An weißen Wänden hängen moderne Gemälde und im Raum verteilt stehen Skulpturen aus Messing und Bronze auf hölzernen Podesten.
Leise klassische Musik erfüllte das Atelier, während der Duft von frisch gebrühtem Kaffee den Raum durchzieht.
Der Galerist, ein Mann in den späten Fünfzigern mit graumeliertem Haar und einer eleganten Brille, trägt einen dunkelblauen Maßanzug mit einem dezent gemusterten Einstecktuch.
Er steht mit einem wohlhabend aussehenden Ehepaar vor einem großformatigen Gemälde mit schwungvollen, dynamischen Pinselstrichen in Blau und Orange, während kraftvolle, geometrische Formen und Linien das Farbspektakel in seine Grenzen verwiesen.
Mit ruhiger, fast intimer Stimme beschreibt er die Geschichte der Künstlerin: „Dieses Werk stammt von meiner Frau Ellen Klemann. Ihre Technik ist einzigartig. Sie arbeitet mit mehreren Schichten Acryl und Pigmenten, wodurch eine unnachahmliche Tiefe entsteht. Schauen Sie mal, wie das Licht mit den Farben eine Symbiose eingeht. Je nach Betrachtungswinkel ändert sich die Wirkung des Bildes, eine einmalige Technik.“
Er macht eine kurze Pause, lässt seinen Blick über die Gesichter der Kunden wandern und beobachtet ihre Reaktionen. Die Frau im cremefarbenen Mantel tritt einen Schritt näher an das Bild heran, neigt den Kopf leicht zur Seite, um so scheinbar die kleinsten Details des Werks besser zu erkennen.
„Beeindruckend“, murmelt sie gedankenverloren. „Das Bild wirkt so lebendig, fast wie eine Bewegung, die plötzlich erstarrte.“
Der Galerist nickt mit einem wohlwollenden Lächeln; besser hätte er es nicht formulieren können, sinnierte er zufrieden.
„Genau das ist es. Das Gemälde meiner Frau verleiht dem Chaos einer Großstadt quasi ein Gesicht, das bunte Treiben kombiniert mit den kantigen Formen der Gebäude werden in Form und Farbe übersetzt. Übrigens, dieses Werk ist Teil einer Serie, die bereits in Paris und New York ausgestellt wurde. Ich versichere Ihnen: Es handelt sich um eine äußerst gefragte Arbeit.“ Der Ehemann, deutlich älter als seine Frau, dekoriert mit einer protzigen Armbanduhr und einem Seidenschal – der ihn noch älter wirken ließ – verschränkt die Arme und fragt scheinbar beiläufig: „Und wo liegt der Preis?“
„Dieses einmalige Kunstwerk bewegt sich bei 25.000 Euro“, antwortet der Galerist mit ruhiger, betont sachlicher Stimme. „Eine Investition, die Sie nicht bereuen werden. Die Preise für die Gemälde meiner Frau sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen.“
„Haben Sie noch weitere Werke ihrer Frau?“
Der Galerist deutet auf die Rückwand der Galerie, wo zwei kleinere Bilder in ähnlichem Stil hingen.
„Selbstverständlich. Lassen Sie mich Ihnen die anderen Arbeiten zeigen, vielleicht finden wir etwas Preiswerteres für Sie“, womit er keinen Hehl daraus machte, wie unwürdig er derartig monetär getriebenen Diskussionen fand.
Er begleitete das Ehepaar in den hinteren Bereich der Galerie. Auf dem Weg dorthin führte er das Gespräch mit der Frau auf einer tieferen Ebene fort, die ihr Ehemann ohnehin nicht verstehen würde.
„Was löst dieses Bild in Ihnen aus?“, hinterfragte der Galerist, in dem Bewusstsein, die Antwort bereits zu kennen.
Die Frau überlegt, zögert. „Ruhe. Aber auch… eine Art Unendlichkeit. Das Bild zieht mich in sich hinein, wie bei einem schwarzen Loch.“
Er nickt zustimmend; ein Dialog unter Gleichgesinnten.
„Genau das ist die Kraft der Kunst. Es gibt keine objektive Wahrheit, sondern nur eine Reflexion unseres Innersten. Jeder bringt seine eigenen Emotionen ein. Das Werk löst einen Dialog zwischen dem Künstler und dem Betrachter aus.“
Der ältere Herr verstand nur „Bahnhof“. Mit einem leichten Kopfschütteln deutete er an, wie wenig er von dieser abwegigen Diskussion hielt.
„Aber was will der Künstler ausdrücken? Gibt es nicht eine ursprüngliche Intention?“, fuhr die Frau unbeirrt fort.
Der Galerist lächelt milde, während seine Mundwinkel – leicht verachtend – nach unten sinken. „Sicherlich gibt es eine Idee. Aber sobald das Bild das Atelier verlässt, gehört es nicht mehr dem Maler. Es gehört jedem, der es betrachtet. Letztendlich erkennt jeder etwas anderes.“
Die Frau im cremefarbenen Mantel runzelt irritiert die Stirn. „Spielt es somit überhaupt keine Rolle, was sich der Künstler bei diesem Bild gedacht hat?“
„Doch, seine wahren Beweggründe sind jedoch vergänglich, das Gemälde unterwirft sich einer sich ständig ändernden Perspektive. Wie alles Irdische. Die Kunst soll einen Dialog Ingangsetzen. Ein gutes Kunstwerk hält dieses Gespräch am Leben. Heute sehen Sie Ruhe in diesem Blau. Morgen könnte es Einsamkeit sein. In einem Jahr womöglich Hoffnung.“
„Ich sehe nur Chaos! Unstrukturierte Striche, keine klare Form“, mischte sich ihr Mann unfachmännisch ein, die Lippen zu einem stillen Protest geschürzt. Sein griesgrämiger Gesichtsausdruck ließ erahnen, was er von dem künstlerischen Gefasel hielt.
Der Galerist lächelt leicht säuerlich.
„Interessant. Zwei Menschen, zwei völlig verschiedene Wahrnehmungen. Und doch betrachten Sie dasselbe Werk. Ist das nicht genau das Faszinierende an Kunst?“ Die junge Frau atmet tief ein.
„Das bedeutet also, dass es keine endgültige Interpretation gibt?“
„Korrekt“, bestätigte der Galerist inbrünstig. „Und das ist das Schöne daran. Kunst erlaubt uns, Fragen zu stellen, über uns selbst, über das Leben.“
Für einen Moment ist es still. Die kleine Gruppe steht vor dem Bild, jeder versunken in seiner eigenen Gedankenwelt.
Dann murmelt die Frau leise: „Ich glaube, ich muss dieses Bild haben.“
Aus dem Augenwinkel heraus nahm der Galerist wahr, dass ihr Mann verächtlich mit den Augen rollte. An seiner Haltung war jedoch kein energischer Widerstand zu erkennen, sodass die Entscheidung wohl gefallen war, trotzt innerem Protest des Ehemanns.
„Wenn überhaupt, nehmen wir natürlich das großformartige Gemälde“, sagte der ältere Herr übertrieben laut, wodurch er die Hoheit über die Gesprächsführung offensichtlich wieder an sich zu reißen gedachte.
Die Frau sah ihren Mann irritiert an.
Um überhaupt ein Bild von der Künstlerin zu erwerben, hatte sie sich bereits damit abgefunden, dass es nur das kleine Bild werden würde. Betont gleichgültig zuckte sie mit den Schultern und akzeptierte stillschweigend den Sinneswandel ihres Mannes, der nun doch bereit war, das Portemonnaie weiter zu öffnen.
Na gut, dachte sie, dann wird es eben das teure Werk! Soll mir nur recht sein!
„Sagen Sie, wie geht es eigentlich wieder Ihrer Frau?“, fragte er den Galeristen, scheinbar aus dem Zusammenhang gerissen. „Ich habe gehört, dass Sie, wie soll ich sagen ... gesundheitliche Probleme hat.“
Da er ähnliche Fragen von Kunden öfters beantworten musste, fiel dem Galeristen die Antwort nicht schwer.
„Danke, mittlerweile sehr gut. Ich bin zuversichtlich, dass sie schon bald wieder in ihrem Atelier malen wird“, erwiderte er kurz angebunden.
Er dreht sich von dem Bild ab und gab deutlich zu erkennen, dass dieses Thema für ihn damit beendet war.
Auf dem Weg zurück zum Bild im Schaufenster, wollte der Galerist dennoch eine nicht unwichtige Botschaft loswerden.
„Ich weiß nicht warum, aber aus unerfindlichen Gründen steigen in letzter Zeit die Preise für die Bilder meiner Frau enorm an. Sie ist eine gefragte Künstlerin, das steht außer Frage. Aber es scheint fast so, als würden Kunden noch stärker von ihren Werken angezogen, beinah so, als hätten ihre Bilder seit der Erkrankung an Strahlkraft und Intensität hinzugewonnen. Die Nachfrage steigt aktuell an, so viel darf ich Ihnen versichern. Eine rationale Erklärung für dieses Phänomen habe ich allerdings auch nicht“, sagte der Galerist, während er den älteren Herren ins Visier nahm, ihm dabei leicht zunickte und einen verschwörerischen Blick zuwarf.
Hatte er mit seiner Heuchelei übertrieben? Er hoffte nicht.
Wer jetzt nicht zugreift, wird es in Kürze schon sehr bereuen, hätte er ihm am liebsten zugerufen.
„Wir nehmen es, ich muss es unbedingt haben!“, brachte es die elegant gekleidete Frau auf den Punkt, ohne ihren Mann anzusehen.
Die Machtverhältnisse waren offensichtlich.
Zufrieden lächelnd sah der Galerist dem Ehepaar hinterher, als sie die Galerie verließen.
Ein phantastisches Geschäft!
Nicht nur finanziell, auch die Reputation der Galerie stieg durch den Verkauf des teuren Bildes. Verhandlungen mit Kunden und Sammlern werden künftig durch die erhöhte Nachfrage erleichtert und höhere Preise ließen sich leichter durchsetzen. In der Künstlerszene Münsters wird seine Galerie zudem eine dauerhafte Aufwertung erfahren, stellte er mit Genugtuung fest.
In diesem Moment betrat eine schlanke Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren die Galerie. Sie trug einen eleganten Hosenanzug, was vermuten ließ, dass es sich um eine Geschäftsfrau handelte.
Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen bewegte sich die attraktive Frau direkt auf den Galeristen zu. Es war offensichtlich, dass sich beide kannten. Als sie ihn erreicht hatte, sah sie ihm wortlos direkt in die Augen.
Zaghaft berührten sich ihre Hände.
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Die kleine Stadt an der Ems war umhüllt von einer tiefschwarzen Nacht. Nur der fahle Mond, der zwischen zerfetzten Wolken hervorlugte, spendete schwaches Licht. Der Wind war schneidend kühl und trug den Geruch feuchter Erde und modrigen Laubs mit sich, während es in kahl gewordenen Bäumen geheimnisvoll raschelte. Über die Felder zog ein feiner Nebel, der durch Senken und Gräben schlich. Auf der nahegelegenen Straße spiegelten sich die Leuchten der Straßenlaternen auf dem nassen Asphalt.
Es war die Zeit, in der Bauern ihre letzten Ernten einfuhren und in den Kaminen das Feuerholz angezündet wurde. Hinter den Fenstern tauchten Kürbisse mit ausgehöhlten Fratzen auf, deren Kerzen zuckende Schatten an die Hauswände warfen. Vorboten des nahenden Winters legten sich allerorts über die kalte, trostlose Landschaft.
Zwei Männer stolperten über einen schmalen Feldweg entlang der Ems, ihre Schritte unkoordiniert, ihre Stimmen laut und unkontrolliert. Sie schwankten, lehnten sich mal gegeneinander, mal voneinander weg, unverkennbar hatten sie große Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Der Alkohol behinderte den störungsfreien Einsatz ihrer Beine, so torkelten sie Arm in Arm durch die Nacht.
„He, Hermann, sach ma, war das nich ‚n super Abend?“ Heinrich lallte mehr, als dass er sprach und stieß seinem Freund die Faust in die Seite.
„Bestimmt! Das hamwa jut jemacht!“ Hermann kicherte, während er versuchte, den durchweichten Feldweg zu meistern. Jeder zweite Schritt endete in einem Tritt ins Leere, jeder dritte in einem Straucheln.
„Getrunken hamwa! Viel zu viel! Und gesungen! Hab ich gesungen?“
„Oh ja, du hast gesungen, leider!“ Hermann blieb stehen und versuchte, in dramatischer Pose eine Strophe anzustimmen. Sein Arm schoss in die Luft, dann verlor er das Gleichgewicht und taumelte ein paar Schritte vorwärts.
Heinrich lachte laut, ein kehliges, hemmungsloses Lachen, das in der dunklen Nacht fast unheimlich wirkte. „Un du biss auch nich besser, Kumpel! Guck dich an!“
Hermann unternahm einen großen Schritt, beugte sich theatralisch nach vorne, doch der Boden unter ihm war nachgiebiger als erwartet. Sein Fuß versank im weichen Untergrund und er kippte mit lautem Fluchen vornüber. Mit einem dumpfen Platschen landete er auf allen vieren im Dreck.
„Aaah, verdammt! Is ja ne Moorlandschaft hier!“
Heinrich hielt sich den Bauch vor Lachen. „Pass auf, dass de nich im Schlamm versinkst, du Depp!“
Hermann mühte sich, wieder auf die Beine zu kommen, schüttelte Erde von den Händen und zog eine Grimasse. „Blödmann!“
Dann schwankten sie weiter, zwei dunkle Gestalten, verloren in der Nacht. So taumelten sie, mehr oder weniger beharrlich, ihrem nächtlichen Ziel entgegen.
Ihr Weg führte sie über einen Acker, auf dem Heinrichs Trecker mitten auf dem Feld stand, ein stummes Zeugnis seiner nachlassenden Motivation vom Vortag. Der Pflug hing noch am Gerät, als hätte Heinrich gestern einfach mitten in der Arbeit aufgehört.
In nach wie vor bierseliger Laune beschlossen sie, dem Acker den letzten Schliff zu verpassen, wie Hermann es nannte. Die Idee war absurd, aber genau das machte den Reiz dieser verrückten Aktion aus.
Hermann, der insgeheim schon immer mal einen Trecker fahren wollte, kletterte unbeholfen, grinsend auf den Bock, ohne die geringste Ahnung, wie man diesem Ungetüm Leben einhaucht. Heinrich, schwer lallend, zog sich am Sitz hoch und setzte sich neben ihn und begann, ihm mit fahriger Stimme die Steuerung zu erklären.
Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, die dem teils unkoordinierten Vorgehen des Fahrers zuzuschreiben waren, erwachte der Motor stotternd zum Leben, der Trecker ruckelte los, erst langsam, dann mit plötzlicher Kraft.
Der Traktor rumpelte über den Acker, der schwere Pflug hinter ihm schnitt tiefe Furchen in die feuchte Erde. Hermann klammerte sich ans Lenkrad, sein Kopf benebelt vom Alkohol, sein Blick verschwommen. Heinrich saß neben ihm, lallte irgendetwas, lachte rau. Hermann, von einer Mischung aus Euphorie und Alkoholdunst getrieben, riss das Steuer mit einem unbedachten Ruck plötzlich herum. Heinrich, ohnehin kaum noch Herr über seinen Gleichgewichtssinn, verlor den Halt. Ein abgerissener Schrei, dann das dumpfe, hässliche Geräusch, als sein Kopf auf einen der großen Steine schlug, der beim letzten Pflügen an die Oberfläche befördert worden war.
Hermann merkte zunächst gar nicht, dass etwas nicht stimmte, als unvermutet der Sitz neben ihm leer war. Wo eben noch Heinrichs Körper gegen ihn gelehnt hat, war schlagartig eine unverständliche Leere entstanden. Es dauerte einen Moment, bis sein Verstand hinterherkam und er die Situation erfasste.
Ruckartig trat Hermann auf die Bremse und die übergroßen Profilreifen gruben sich in den morastigen Boden und stoppten abrupt die nächtliche Fahrt.
Eine gespenstische Stille breite sich aus, nur vom sonoren Tuckern der alten Zugmaschine unterbrochen. Der Geruch von Diesel und feuchtem Erdreich lag schwer in der Luft.
„Heini?“ Seine Stimme klang hohl, dumpf, als würde sie von der Dunkelheit verschluckt.
Die alte Landmaschine fauchte unbeeindruckt weiter, als sei nichts geschehen.
Sein Herz raste! Er schaltete den Motor ab, dann sprang er von der Maschine, seine Beine fühlten sich wie Gummi an.
Hermann stolperte vorwärts, sank schwerfällig neben Heinrich auf die Knie.
Das Mondlicht war schwach, aber es reichte aus, um den dunklen Fleck zu sehen, der sich um seinen Kopf ausgebreitet hatte.
Blut. Viel zu viel Blut!
Die klaffende Wunde am Hinterkopf glänzte feucht im schummrigen Licht. Hermann spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Er legte eine Hand auf Heinrichs Brust. Nichts. Kein Atem, kein Herzschlag.
Da lag er. Regungslos.
„Heini?“ Hermanns Stimme war nur noch ein Flüstern. Er griff nach der Schulter seines Freundes, schüttelte sie vorsichtig.
Nichts. Kein Stöhnen, kein Atemzug.
Sein Körper wurde schwer, als hätte ihm jemand Betonklötze ans Bein gebunden. Das durfte einfach nicht wahr sein! Wie konnte sowas überhaupt passieren? Noch vor wenigen Augenblicken hatten sie gescherzt und gelacht. Und jetzt?
Hermann starrte fassungslos auf seinen leblosen Freund. Sein Geist weigerte sich, das Gesehene zu begreifen. Sein Atem ging stoßweise. Sein Herz raste so laut, dass es alles andere zu übertönen schien.
Ein Unfall. Es war ein verdammter Unfall!
Die Nacht blieb still.
Und Heinrich rührte sich nicht mehr.
Sekundenlang sah er auf die dunkle Gestalt am Boden, ohne zu begreifen, was gerade passiert war. Sein Herz raste. „Heini?“, fragte er erneut, seine eigene Stimme klang fremd und zitterte leicht.
Wie sehr hoffte er doch, von dem alten „Saufbold“ eine Antwort zu hören. Aber nichts.
Die Kälte der Nacht kroch durch seine Kleidung, doch innerlich kochte er. Panik schnürte ihm die Kehle zu.
Es war doch nur ein schreckliches Unglück, für das niemanden die Schuld traf! Aber wer würde ihm glauben?
Niemand!
Sie waren betrunken. Er hatte den Trecker gelenkt. Heinrich war tot. Das waren die schnörkellosen Fakten.
Sein Blick schweifte über den Acker. Niemand hatte sie beobachtet. Nur der Wind strich über die aufgewühlte
Erde. In seinem Kopf raste nur ein einziger Gedanke: Niemand durfte davon erfahren.
Aber was sollte er tun?
Seinen Freund einfach in die Ems werfen? Den Gedanken verwarf er nach wenigen Augenblicken, zu schnell würde die Leiche gefunden und aus der Runde, in der sie den ganzen Abend lautstark gefeiert hatten, würde man sich daran erinnern, wie sie gemeinsam das Vereinsheim verlassen hatten.
Sein Blick fiel auf die tiefe Furche, die er noch vor wenigen Minuten mit dem Pflug in die Erde gegraben hatte. Irgendwie ähnelte die Vertiefung in der schwarzen Erde einem langgestreckten Grab, sinnierte Hermann.
Sein Verstand, gerade noch alkoholumnebelt, funktionierte plötzlich wieder erstaunlich rational. Wenn er die Leiche tief genug vergrub, würde der nächste Regen die Spuren verwischen. Spätestens im Frühling, wenn die Saat für Viehweiden aufgebracht wird, würden Klee, Luzerne und andere Gräser sprießen und das Grab mit einem grünen Teppich überziehen.
Es würde sprichwörtlich „Gras über die Sache wachsen.“
Wie abgebrüht er doch war!
Gerade noch trauerte er um seinen Freund, um nur einen Moment später eiskalt über das Entsorgen der Leiche nachzudenken.
Für ein Grab war die Furche nicht tief genug, sodass er schnell etwas finden musste, um das Loch zu vertiefen. Suchend sah er sich um. In diesem Augenblick erhellte der Mond die Szenerie, als sich eine Lücke in der Wolkendecke auftat. In weite Ferne sah er die dunklen Umrisse von Heinrichs Hof. Gerade als er sich in Bewegung setzen wollte, fiel sein Blick auf eine Schaufel, die Heinrich seitlich am Trecker befestigt hatte.
Mit zitternden Fingern packte er die Schaufel und begann zu graben.
Nur der Mond sah dem Totengräber zu, wie er die letzte Ruhestätte für seinen Freund aushob.
Jeder Stoß mit der Schaufel in die kalte, klumpige Erde kostete ihn viel Kraft. Der Boden war feucht, schwer. Seine Hände schmerzten, der Schweiß vermischte sich mit der Kälte. Sein Atem löste sich in kleine Dampfwolken auf, die gegen den Himmel aufstiegen.
Immer wieder hielt er inne, lauschte, ob ein fremdes Geräusch zu hören war.
Nach einer halben Stunde war das Loch tief genug.
Er stand keuchend da, betrachtete das schlammige Grab inmitten des Ackers.
Wie menschenunwürdig!
„Es tut mir so leid, Heini“, flüsterte er, obwohl er wusste, dass es sinnlos war und niemand ihn hörte. Mit einer letzten Anstrengung rollte er die Leiche in das Erdloch. Den blutverschmierten Stein warf er gleich hinterher.
Sein Herz raste. Von nun an gab es kein Zurück mehr.
Als er Erde auf die Leiche warf, schien sich sein Freund mit leisem Stöhnen darüber zu beschweren. Dabei waren es nur die dumpfen Geräusche der Erdklumpen, wenn diese auf den leblosen, weichen Körper trafen.
Mit jedem Schaufelwurf begrub er nicht nur seinen Freund, sondern auch sein altes Leben.
Er trat einen Schritt zurück, betrachtete sein grausames Werk. Von Heinrich lugte nur noch eine Hand aus dem frischen Grab hervor, so, als würde er seinen Arm drohend gegen ihn erheben.
Sein Körper zitterte, doch nicht vor Kälte. Es war geschafft.
Aber war es das tatsächlich?
Nein, er musste unbedingt die letzten Spuren seiner nächtlichen Arbeit verwischen.
Er schwang sich erneut auf den Fahrersitz des Treckers und startete den Motor. Er betete, dass niemand etwas von dem Spektakel mitbekam.
Er war jedoch zuversichtlich, da Heinrich ihm unlängst erzählt hatte, sein Hof würde so abseits liegen, dass er einen Schießstand auf seinem Hof errichten könnte, ohne dass jemand davon etwas mitbekommen würde.
Mit einem Handgriff, den Heinrich ihm noch während der Fahrstunde gezeigt hatte, ergriff er einen Hebel am Pflug, um die Schaufel eine Stufe höher zu ziehen, damit sie nicht mehr so tief in den Boden eindrang.
Hermann fuhr den Trecker zurück an die Stelle, an der sie ihn vorgefunden hatten. Er senkte den Pflug ab und fuhr mit der Bearbeitung des Ackers an der Stelle fort, an der Heinrich gestern seine Arbeit beendet hatte. Im Schein des Mondlichtes zog er Furche um Furche, bis er bei der Stelle ankam, wo sein Freund – nur noch schemenhaft im Boden liegend – zu erkennen war. Als er an der Leiche vorbeifuhr, legte der Pflug eine dicke Schicht Erde über ihn und machte das Grab dem Erdboden gleich. Als er die nächste Furche zog und wieder am Grab vorbeikam, unterschied sich die Furche mit dem grausamen Geheimnis durch nichts von den anderen. Er bearbeitete den Acker noch eine Weile und stellte den Trecker ab, so wie sie ihn vorhin vorgefunden hatten, nur einige Furchen weiter.
Er nahm ein altes Handtuch, das auf dem Fahrersitz des Treckers gelegen hat, packte sich die Schaufel und rannte zum Ufer der Ems. Er warf die Schaufel in hohem Bogen in den Fluss und tauchte das dreckige Tuch ins eiskalte Wasser. Dann lief er schnell zurück zum Traktor und wischte mit dem nassen Lappen über das Lenkrad sowie den Hebel zum Absenken der Schaufel.
Die grausame Arbeit war getan.
Es war ein Unfall.
Gott ist mein Zeuge.
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Ramona staunte nicht schlecht, als sie von ihrem Chef abgeholt wurde, und noch mehr über sein ungewöhnliches Outfit.
Statt des gewohnten Maßanzugs mit dezenter Krawatte trug Kleber legere Sportkleidung.
Natürlich waren es teure Markenartikel, aber dennoch war dieser Look für ihn überraschend zwanglos. Während der Arbeitszeit hatte sie ihn noch nie so lässig in Freizeitklamotten gesehen.
Von dem elegant und stets korrekt gekleideten Hauptkommissar war an diesem Morgen wenig zu erkennen.
„Guten Morgen, Kurt“, begrüßte sie ihn mit einem amüsierten Unterton, während sie sich in den Beifahrersitz fallen ließ. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist eher auf dem Weg zu einem Golfturnier statt zu einem Mordfall.“
Kleber lächelte charmant und ließ den Motor an. „Guten Morgen, Ramona. Ja, ich weiß, es ist ein ungewohnter Anblick, aber du wirst es schon überleben! Ich hatte gerade meine morgendliche Laufrunde um den Aasee beendet, als mich die frohe Kunde über einen Mord in Greven erreichte. An einem Samstag – war doch klar! Ich hoffe doch sehr, dass dich mein Outfit nicht zu stark irritiert, nur weil ich nach dem Duschen das Erstbeste angezogen habe, was zu finden war. Du hingegen siehst blendend aus, wie immer.“
Ramona lachte leise und schüttelte den Kopf sichtlich vergnügt. „Mit so einem schmeichelhaften Kompliment kann der Tag ja nur gut werden, selbst wenn er mit einer Leiche beginnt. Ich möchte dir das Kompliment zurückgeben, dein lässiger Look ist ungewohnt, aber er steht dir ausgezeichnet. Ich könnte mich glatt an dich gewöhnen.“
„Ich meine selbstverständlich deine Klamotten“, fügte sie schnell hinzu.
Aus dem Augenwinkel nahm sie ein süffisantes Lächeln ihres Chefs wahr.
Sie zog die Beine an und räkelte sich entspannt im Sitz, während sie einen Schluck ihres Coffee-to-go nahm. Nur nicht weiter auf ihren Fauxpas eingehen.
„Na wenigstens hat der Kaffee vom Bistro an der Ecke etwas Gutes aus diesem Morgen gemacht.“
Kleber warf ihr einen schnellen Seitenblick zu. „Du bist doch sonst die gutgelaunte Frühaufsteherin, was ist denn heute los mit dir?“
„An einem Samstagmorgen habe selbst ich so meine Probleme mit dem frühen Aufstehen“, meinte sie grinsend.
Er lachte leise. „Tja, dann lass uns mal sehen, wie wir diesen Tag irgendwie gemeinsam heil überstehen. Lehne dich entspannt zurück und genieße die Fahrt und deinen Kaffee. Den Rest übernehme ich, wie sonst auch immer!“, sagte er und wandte sich ihr mit einem breiten Grinsen zu.
Sie genoss diese kleinen Neckereien zwischen ihnen. Trotz aller äußeren Gegensätze – sein perfektionistisches Wesen und ihre etwas unkonventionelle Art – verstanden sie sich blind. Er war ein ausgezeichneter Mentor für sie, und mit der Zeit entwickelte sich aus der professionellen Zusammenarbeit eine vertrauensvolle Freundschaft.
Während sie durch die Landschaft fuhren, hingen beide schweigsam ihren morgendlichen Träumen nach. Sie fuhren an Feldern vorbei, die von den ersten zaghaften Sonnenstrahlen in ein sanftes Licht getaucht wurden. Für die Jahreszeit war es ungewöhnlich warm, eine dieser Wetteranomalien, die inzwischen fast zur Normalität geworden waren. Letzte Nebelschwaden hingen über den Wiesen, und am Waldrand stand ein Sprung Rehe, die sich nicht durch das vorbeifahrende Auto stören ließen. Bei seinem letzten Fall hatte er mit Jägern zu tun und eignete sich dabei einige Begriffe aus der Jägersprache an, ein Wissen, das ihm nun zugutekam.
Kleber fuhr routiniert über die Landstraße, doch mit seinen Gedanken war er bereits woanders.
„Ich überlege, im Frühjahr mal wieder einen Marathon zu laufen“, sagte er und wechselte das Thema.
Ramona schnaubte. „Na klar. Ich kann mir dich gar nicht ohne ein sportliches Ziel vorstellen. Gibt es eigentlich einen Zeitpunkt, an dem du mal nicht an irgendwas arbeitest?“
Er grinste. „Eher selten. Und bei dir?“
Sie zuckte ratlos mit den Schultern. „Timm wird heute pausenlos vor seinem Rechner sitzen und bis in die Abendstunden programmieren. Er wird vermutlich erst merken, dass ich weg bin, wenn der Akku leer ist.“
Kleber warf ihr einen wissenden Blick zu. „Und du hast an einem Samstag kein schlechtes Gewissen, dass du ihn allein lässt?“
„Nicht die Spur. Viel schlimmer wäre es, wenn er den ganzen Tag jammern würde, weil ich nicht da bin.“
Kleber grinste. „Ein sehr pragmatischer Ansatz.“
Als sie auf das Gelände fuhren, war von den Menschen und dem Tatort weit und breit nichts zu sehen. Der Hof wirkte verlassen, verwahrlost, menschenleer. Kein Geräusch war zu hören, nirgends brannte ein Licht.
Einige Autos parkten vor den Gebäuden; ansonsten deutet nichts darauf hin, dass der Bauernhof bewohnt war.
Als sie um das Gebäude herumgingen, entdeckten sie eine Gruppe von Menschen, die mitten auf einem schlammigen Acker herumstanden.
Kleber seufzte, als er den morastigen Untergrund sah. „Ich hätte besser meine Joggingschuhe angelassen“, angesichts des Schicksals, dass den teuren Schuhen gleich drohte.
„Tja, mein Lieber“, erwiderte Ramona mit gespieltem Mitgefühl, „hättest du mal auf dein sportliches Bauchgefühl gehört.“
Er schüttelte amüsiert den Kopf. „Ich wusste, du wirst mir keinen Funken Mitleid entgegenbringen.“
„So ist es. Los jetzt, bevor sich die Leiche selbst vom Acker macht.“
Ramona betrat forsch den schlammigen Untergrund und forderte Kleber mit einer lässigen Handbewegung auf, ihr zu folgen. Widerwillig kam er der Aufforderung nach und setzte einen Fuß auf das matschige Feld.
Dass die Fahrer ihre Autos auf dem Hof zurücklassen mussten, erklärte sich von selbst. Welch ein Morast, dachte Kleber, sobald er mit seinen eleganten Schuhen den morastigen Boden betrat.
Der Acker war aufgeweicht und schlammig. Die Leute, die vor ihnen zum Tatort marschiert waren, hatten tiefe Spuren hinterlassen. Kleine Pfützen bildeten sich bereits in deren Fußabdrücken.
Kleber seufzte innerlich; er hätte besser seine Laufschuhe angelassen, die exklusiven Sportschuhe werden diesen Marsch durch den Dreck garantiert nicht schadlos überstehen.
Jeder Schritt musste mit Bedacht gesetzt werden, bei jedem Tritt sackte er tief in den aufgeweichten Boden ein. Der lehmige Untergrund saugte sich förmlich an den Schuhen fest, und mit jedem weiteren Schritt blieb zäher Matsch an den Sohlen haften. Kleber spürte, wie der schlammige Acker nachgab, sodass er sein Gleichgewicht immer wieder ausbalancieren musste. Langsam und vorsichtig arbeiteten sie sich voran, begleitet von schmatzenden Geräuschen unter ihren Füßen.
So näherten sie sich mühsam kämpfend der Gruppe von Menschen, die mitten auf dem Feld versammelt waren und auf sie warteten. An ihrer grünen Kleidung war für jedermann ersichtlich, dass drei der Männer Jäger waren.
Schlauerweise trugen sie Gummistiefel.
Einer der Jäger hatte einen Hund bei sich, der unruhig an seiner Leine zog.
Die Pathologin Laura stand etwas abseits und aus der Ferne sah man, wie sich unter ihren Sohlen dicke Lehmbrocken angesammelt hatten. Sie schien dadurch einige Zentimeter gewachsen zu sein, als trüge sie Plateauschuhe.
„Guten Morgen, ihr beiden!“, begrüßte sie die Pathologin mit einem freundlichen Lächeln. Trotz des unschönen Anlasses und der schlammigen Umgebung fiel ihre Begrüßung gewohnt herzlich aus. Sich die gute Laune durch nichts vermiesen zu lassen, sei die einzige Methode, bei ihrem Beruf nicht schwermütig zu werden, hatte sie ihnen mal gebeichtet.
„Guten Morgen, Laura“, antwortete Kleber kurz angebunden, es war wahrlich nicht die Zeit und der Ort für einen lockeren Smalltalk.
Ramona nickte der Kollegin stumm zu.
Auf einer Plastikdecke vor ihnen lag ein Mann auf dem Boden, dessen Kleidung vollständig verdreckt war. Sein Gesicht war mit einer dicken Lehmschicht überzogen, sodass seine Gesichtszüge nur schemenhaft zu erkennen waren. Von der Leiche ging ein charakteristischer, süßlicher Geruch aus, der den Ermittlern anzeigte, dass die Leiche bereits längere Zeit in der Erde gelegen hat.
Neben dem Toten lag ein schwerer Stein, auf dem ein dunkler Fleck erkennbar war.
„Der Personalausweis des Opfers steckte in seiner Jacke. Heinrich Klemann, 63 Jahre alt, als Adresse ist der Hof hinter uns angegeben“, begann die Pathologin mit der Analyse. „Wie lange er schon hier liegt, kann ich Euch nach der Obduktion sagen. Nach dem Zustand der Leiche zu schließen, bereits seit etlichen Wochen. Ob es sich um einen Unfall, Mord oder Totschlag handelt, ist unklar. Jedenfalls klebt sehr viel Blut an dem Stein, vermutlich sein eigenes. Ob die klaffende Wunde an seinem Kopf die Todesursache war, lässt sich ohne weitere Untersuchungen nicht sagen. Gefunden hat ihn der Jäger da drüben, der mit dem Hund.“
Die Pathologin fasst sich nachdenklich ans Kinn. Nach einer kurzen Pause, in der man förmlich sah, wie sie nach Worten suchte. Sie verkniff ihre Augen, kleine Falten legten sich auf die Stirn, als sie fortfuhr.
„Etwas ist allerdings sehr merkwürdig. Als wir hier auf dem Acker ankamen, war lediglich das kleine Loch zu sehen, aus der eine Hand hervor sah. Der Boden war von Kratzspuren durchzogen. Der Hund hatte offensichtlich so lange gescharrt, bis eine Hand aus der Erde ragte. Ansonsten unterschied sich die Fundstätte nicht von dem übrigen Acker. Wie mit dem Lineal gezogen, lag eine Furche neben der anderen. Wenn die Leiche begraben worden wäre, zum Beispiel mit einem Spaten, würde der Boden ganz anders ausgesehen. Aber die Fläche über der Leiche sah aus wie der gesamte Acker, ordentlich mit dem Trecker bearbeitet. Ich kann mir das nur so erklären, als sei, nachdem das Opfer abgelegt worden war, ein Pflug über ihn hinweggefahren. Wenn man so will, hat man das Opfer schlichtweg untergepflügt. So, genug der Rätsel und Mutmaßungen. Alles Weitere später, ich fahre zurück und fange mit meiner Arbeit an, sobald ich mehr weiß, melde ich mich.“
Die Pathologin gab zwei Kriminaltechnikern ein kurzes Zeichen zum Aufbruch, während zwei Männer in weißen Overall-Schutzanzügen weiter mit der Untersuchung des Tatortes beschäftigt waren.
„Ach, bevor ich es vergesse“, sagte die Pathologin und wandte sich noch einmal um.
„Auf dem Feld konnten wir Schuhabdrücke sicherstellen. Die Spur kam von der Ems, führte beinahe bis zum Fundort des Opfers und verlief anschließend einige Schritte kreisend um den Tatort, ehe sie zurück zum Fluss führte. Merkwürdig, nicht wahr? Es wirkt fast so, als sei der Täter zurückgekehrt, um sich zu vergewissern, ob sein Plan tatsächlich aufgegangen war.“
Sie hielt kurz inne, ehe sie mit einem leichten Schmunzeln hinzufügte: „Tja, die stammen wohl von jemandem, der noch lebt und im Idealfall einiges zu erzählen hätte. Vielleicht verrät er euch ja, was auf dem Acker wirklich passiert ist. Wenn nicht, bleibt’s halt spannend. Ich würde sagen, es liegt jetzt an euch herauszufinden, welche Person zu diesen Abdrücken gehört.“
Mit einem verschmitzten Lächeln drehte sie sich um und die Rechtsmedizinerin begab sich mit unsicheren Schritten auf den Rückweg zu ihrem Auto. Sie bewegte sich auf dem rutschigen Untergrund nur langsam vorwärts, ihr stelziger Gang hatte dabei etwas flamingohaftes, so behutsam setze sie einen Fuß vor den anderen.
Kleber wandte den Blick von ihr und drehte sich der Gruppe der Jäger zu.
„Mein Name ist Kleber, Kripo Münster. Das ist meine Assistentin Frau Jäger“, eröffnete er die Befragung des Jägers mit Hund, der den grausigen Fund gemacht hatte.
„Wie ist Ihr Name? Wann genau haben Sie die Leiche gefunden? Und was mich besonders interessiert, wie sind sie auf das Grab gestoßen?“, fragte Kleber routinemäßig.
„Ich heiße Paul Hemming. Gefunden habe nicht ich den armen Kerl, sondern der Kleine Münsterländer.“
Kleber drehte sich zu den anderen Jägern um, beide wiesen eine durchschnittliche Körpergröße auf. Als klein hätte er keinen von ihnen bezeichnet, und ob sie aus dem Münsterland stammen, interessierte ihn momentan nur zweitrangig.
„Hasso. Mein Hund Hasso hat die Leiche gefunden. Ein Kleiner Münsterländer“, lüftete der Jäger das Geheimnis, dem die fragende Mimik des Kommissars nicht entgangen war.
