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Unsere Geschichte zeigt, wie oft Religionen von den Mächtigen zu einem Werkzeug ihres Machtmissbrauchs umfunktioniert wurden. Dennoch gibt es zu allen Zeiten Menschen, welche die Essenz, die darin ruht, das »Gute« und die »Liebe«, wie eine ewige GLUT in sich aufnehmen und für die Nachwelt weitertragen. Auf diese Weise bewahren sie die Vorstellung eines übernatürlichen Wesens, einer schöpferischen Kraft oder einer allumfassenden Energie. GLUT führt als Episodenroman aus grauer Vorzeit in eine nicht allzu ferne Zukunft. Historisch-archäologische Erkenntnisse über antike Kulturen, Religionsgeschichte, Philosophisches und spirituelle Ansätze bilden das Herz der Erzählungen, und zudem ist es eine Geschichte des geschriebenen Wortes und des Buches. Ebenso zeichnet der Roman sprachliche und gesellschaftliche Entwicklungen behutsam nach. Die schillernden Charaktere - historisch, biblisch, fiktiv - schreiben so eine alternative und faszinierende Legende vom Woher und Wohin.
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Seitenzahl: 945
Veröffentlichungsjahr: 2026
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ANBRUCH (α – alpha)
Feuer
Als das Feuer von den Bergeshöhen zu den Menschen kam und alles seinen Anfang nahm
Wie die Wasser unermesslich schwollen und die Menschheit auf die Probe stellten
Als die kluge Tollheit eines Mannes unauslöschlich einen großen Mythos schuf
Wie die Völker und die Sprachen sich vermengten und verbanden
Als die Frucht zu Stein erstarrte und vermeintlich vorbestimmtes Machtgefüge dauerhaft zertrümmerte
Wasser
Wie der Vater aus dem Ort der Ahnen fortzog und den Lauf des Lebens änderte
Als es an der Zeit war, einen Neubeginn zu wagen
Wie das Ungewisse einer Fehde ihren Boden nahm
Als das Eine und das Viele vage sichtbar wurden und Vergangenheit nach einer Antwort heischte
Wie das Feuer in den Menschen eine Waffe wurde
Erde
Als das Wort für einen Augenblick die Oberhand gewann und in den Händen eines Mädchens ruhte
Wie der Sturm ein Land enthüllte und ein kommendes Kapitel aufschlug
Als der Widerstand in einem Flammenmeer versank
Wie dem Feuer in der fahlen Glut die Unvergänglichkeit erschien
Als ein Überlebender gar alles gab, um Altertümer in Erinnerungen wachzuhalten
Luft
Wie die Schattenspieler theatralisch alle Winkel des Imperiums durchliefen
Als die Hoffnung wuchs, sich in die Lüfte hob, doch mancherorts im Wüstensand verdorrte
Wie die pure Unersättlichkeit versuchte, alles, was gewesen, eigennützig auf den Kopf zu stellen
Als die Freunde wortlos ihre Freundschaft als das wahre Licht erkannten
Wie ein fernes Treffen aller Glut das Beste abverlangen und im selben Atemzug die Ruhe schenken wird
GERAUN (ω – omega)
Jetzt beginnt die Zeit – du spürst es! Unberührte Blüten siehst du welken, pirschst in Wassers Kreislaufs tiefen Furchen, und ein jeder Ruf verebbt wie Wellengischt. Du blickst zurück … Erkennst du, was das Gestern war, den Anlass suchend zur Erinnerung? Blickst du nach vorn? Mag sein, dass du noch zögerst, dass du zauderst, deine Hand zu heben, dass du deiner Stimme nicht vertraust. Es ist ein weites Land, das nichts noch weiß, das seinen Raum den Farnen, Moosen, Gräsern leiht, das miterlebt, wie jede Gattung, von Mikroben hin zum Wal, ins Buch des Lebens schreibt; ein Land, das, aus dem Feuer, die Gewässer, Erden, Lüfte einnimmt. Ja, es ist nun an der Zeit; ein neuer Aufbruch steht bevor, ein neuer Morgen, den du sorgsam prägen sollst. Der Wunsch ist eine Quelle, ist ein Ursprung dessen, was viel später sich als Sein enthüllen wird, denn ohne Wünschen gibt es keine Intention, kein Streben, keinen Plan. Was anfangs Ödnis war, ein dunkler Lavastrom auf kürzlich erst erstarrtem Stein, entpuppte sich als bunte Welt, die zu gestalten deiner Worte nun bedarf. Es liegt im Stromdes Lebens, dass der Wind in jeder Himmelsrichtung eine Grenze findet, weit und kaum zu denken, das ist wahr; jedoch, am Ende fließt zusammen, was von Anfang an aus einem Punkt geboren. Es waren Worte, welche Tag und Nacht zertrennten, welche einen Stein ins Rollen brachten, der an keinem Hindernis zerbricht, der stets nur vorwärts strebt und mit der Zeit die Zeit an sich in eine Rolle schreibt; der Holzstab in der Mitte trägt, was mählich anwächst, und zur Inschrift werden mächtige Gedanken, spitz gedacht und aus dem Schlick der Menschheit anskizziert. Was jetzt noch bleibt, ist: Raum zu geben, Weite zuzulassen für das Kommende. Das Du wird Schritt für Schritt zum Ich, das Ich hingegen auch zum Du. Ein Weg, auf dessen Spur so viele Kiesel rollen, dass ihr Anbeginn ins Dunkel der Geschichte sinkt. Der Lauf des Lebens wagt sich weit voran, doch wenn nicht Achtung vor dem Kosmos waltet, kann sein Ziel, bevor es noch geschafft, vor aller Augen hinter einem Horizont verschwinden, den du nie, der größten Müh zum Trotz, erreichen wirst. Und spürst du jetzt, was seinen Anfang sucht? Erkenne deinen Auftrag, deinen Platz und deine Chance! Und richte dir, was einerseits zum Schlusswort, andrerseits zum neuen Ausgangspunkt erwächst. Was du auch denkst, was du erschaffst, was du mit deinen Händen formst – es dient dem Ganzen. Doch bedenke, dass sich dieses selten zeigt; nur Wenige sind offen, das, was ist, mit ihrem Herzen zu erspüren; zu erfühlen, was das Wesen allen Seins. Entdecke Kontinente, Meere und den Raum, der sie mit uferloser Opulenz umgibt, die wohl zu fern, um einer Spezies alleine, abgeschlossen und vollendet, Lösungen, Verständnis und Erfüllung anzubieten. Immer sollst du fragen, was die Abgeschlossenheit bedeutet: abgeschlossen und vollendet. … Eine Frage wirst du kennen, doch die Antwort ähnelt einem bunten Prisma, schillernd, fahrig, unantastbar… Und es ist das Wort des Anfangs, das am Ende steht, das einen Zyklus bildet, den du mittels Einfallsreichtum, Mut und Wunsch in seinem Ausdruck ausgestaltest. Mach dein Schreiten zu Geschichte, halte inne, wenn es angebracht, und mach dein Schreiben zu Geschichte; fülle deine Spuren stets mit Sinn und überlege gut, wie weit du deinen Weg verfolgen willst. Erhebe deinen Ruf, sodass er keinesfalls verebbt wie Wellengischt! Denn alles das, was hier gesagt, das gilt für dich, das gilt für mich, und was am Ende wartet, schließt den Kreis zum Anfang.
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Am Anfang war das Wort: »Geh!«, einfach nur »geh!«. Wehmütig blickte er zurück, auf die moosbewachsenen Ausläufer des Gebirges, über die Baumwipfel, bis hinab in die große Ebene, wo er, unterhalb der Höhlen, die Windschilde der Sippe wusste. Dort hatten sie gespielt und von der Gefährlichkeit des Feuers erfahren, dort hatten sie die Spuren des Wildes lesen gelernt und oftmals Gazellen gejagt.
Mewonn erschrak. Hinter der Felskette zu seiner Linken stieg Rauch in den Himmel, und das Gedröhn erkannte er als den schaurigen Lärm aus Kindheitstagen. Damals war alles noch in der Ferne gelegen: dunkel und drohend, aber trotzdem allgegenwärtig in den Erzählungen der alten Frau. Mewonn ahnte die Nähe des Feuers, und trotz des Windes glaubte er seine Hitze zu spüren – war es das, wovon die Alten stets gesprochen hatten? Am Gürtel fühlte er den glatten Stein der Axt. Nicht einmal zu essen hatten sie ihm geben wollen, kein Fell und kein Werkzeug. Die Mitnahme der Axt war nur Gresonn zu danken. Er hatte die andern zurückgehalten. Ihn vermisste Mewonn als Einzigen, und der Gedanke, ihn für immer verloren zu haben, schmerzte.
Mewonn und Gresonn hatten dieselbe Mutter. Alaala war als Mädchen aus den Wäldern gekommen, um ihre Söhne in der Tiefebene großzuziehen. Jeden Tag waren sie zusammen gewesen, und auf der Jagd konnte der eine sich auf den andern verlassen. Nun fühlte er zum ersten Mal, dass niemand hinter ihm stand, dass niemand ihm helfen würde, wenn ein Raubtier angriff. Vielleicht aber gab es hier keine Raubtiere, denn das Feuer schien alles Lebende zu vertreiben.
Mewonn atmete tief ein und erklomm einen der Felsen, die am Ausläufer des Berges wie verlorene, rein zufällig hingestreute Gesteinsbrocken wirkten. Sie waren jedoch so gewaltig, dass die gesamte Sippe mit vereinten Kräften nicht einen einzigen hätte bewegen können. Oben angekommen, erblickte er weitläufige Wiesen, die näher zu den Gebirgshöhen führten. Grünes Gras beruhigte ihn und gab ein Gefühl von Sicherheit, doch merkte er wohl, dass die Grasbüschel spärlicher wurden und ihre Farbe änderten. Während die Ebene ein Gutteil des Jahres ihr sattes Grün darbot, wirkten die Halme hier oben dünn und schwach. Die grüne Farbe wurde dunkler, und vereinzelt kippte sie ins Braun. Mewonn setzte sich, mit Blick zur Ebene, auf den Boden.
Obwohl die Windschilde viel zu weit weg standen, vermeinte er ihre Blätter und die Reisigzweige zu erkennen. Er fragte sich, was Gresonn jetzt dachte. Ob er dort unten seinen Blick vielleicht zu den Anhöhen schweifen ließ und fühlte, dass Mewonn auf das Land hinuntersah?
Ein Knall ertönte, und Mewonn zuckte zusammen. Er sprang auf und drehte sich den Bergen zu. Etwas weiter hinten stieg eine hellrote Säule in den Himmel, legte sich schräg und fiel in sich zusammen. Die Enden der Feuersäule färbten sich dunkel, allerdings konnte er das gar nicht so genau ausmachen.
Das Feuer aus Mmba-Lahs düsteren Erzählungen! Der Feuerberg hatte ihn entdeckt, begriff Mewonn, die dunkle Macht des Allumfassenden, die alles durchdrang; und ebenso verstand er, dass er sich nicht mehr verstecken konnte. Wie alle andern, die hergekommen waren, sollte auch er nicht mehr zurückkehren; genau deshalb der Verstoß aus dem Kreis der Seinen.
Mmba-Lah war die Älteste in der Sippe, und ihr Rat wurde eingeholt, wenn Unklarheiten herrschten, wenn es darum ging, Pflanzen zu sammeln, die den Jüngeren nicht bekannt waren, Windschilde vor den Höhlen aufzurichten; oder auch, wenn es Streit gab. Sie war es, die alle Geschichten kannte, die Geschichte des Allumfassenden und des Lichts, die Herkunft der Sippe, der Tiere und der Steine sowie die bedrohlichen Geheimnisse des Berges.
Niemand aus seiner Sippe hatte das Feuer je von sich aus aufgesucht, denn Mmba-Lah wusste von jenen, die einmal hingegangen und niemals wiedergekehrt waren. Manchmal aber, pflegte die alte Weise zu sagen, manchmal rief der Berg die Menschen zu sich. Es galt dann, großen Mut zu beweisen und der Verlockung zu widerstehen. Denn ergriff der Feuerberg einmal von jemandem Besitz, dann rückte er ihn nicht mehr heraus. Der Berg rief unablässig nach den Menschen, und sie saßen in den Höhlen und horchten in die Nacht, ängstlich und ruhelos; und sie wussten wohl zwischen dem Heulen des Windes und jenem des Wolfs zu unterscheiden.
Das Tageslicht minderte den Schrecken. Tagsüber ging die Sippe auf die Jagd, sammelte Früchte und Pflanzen und konnte sich gegen Raubtiere verteidigen. In der Nacht hingegen erblindeten sie, und niemand vergaß, wie vor mehreren Vollmonden ein Leopard die Sippe in der Höhle überrascht und Viejong und zwei der Kinder zerrissen hatte. Das Ausmaß des furchtbaren Wütens war ihnen erst am Morgen bewusst geworden, denn im Dunkeln hörten ihre Ohren nur die entsetzlichen Geräusche eines Angriffs und die Schreie der andern.
Mmba-Lah erzählte den Jüngeren von der mörderischen Großkatze, wie sie ihnen auch die hungrigen Feuersbrünste des Gebirges beschrieb. In ihrer Jugend wollte sie einmal hingehen und die Stätten der alten Geschichten aufsuchen, die Stätten, die sie in gewisser Weise für die Urquelle von Allem hielt, das Allumfassende selbst; doch auf halbem Weg hatte sie der Mut verlassen. Und genau das, wurde sie niemals müde zu betonen, hatte ihr das Leben gerettet.
Mewonns Leben galt indessen nichts mehr. Die Sippe hatte ihn ausgestoßen. Von Hawiya war er ausgelacht und zurückgewiesen. Gri-Dah beschützte sie, und Mewonn konnte den begonnenen Streit nicht gewinnen. Das Vergangene bedauernd, schritt er langsam weiter, den Blick zu Boden gerichtet und gleichzeitig alle Muskeln seines Körpers in Bereitschaft. Er hatte den Streit nicht abwenden können, denn er begehrte Hawiya; er begehrte sie seit Langem, wollte von ihr gewählt werden und von keiner andern. Noch immer wollte er sie, aber sein Begehren war an Gri-Dah gescheitert, der sich behütend ihm entgegengestellt hatte. Aufgehetzt von Gri-Dah, hatte die ganze Sippe ihn verjagt. Mewonn war im Fliehen über eine der Baumwurzeln gestolpert, die sich am Rand der Steppenebene über den Boden rankten, und Gri-Dah hatte sich angeschickt, ihn mit seinem Spieß zu durchbohren. Gresonn war ohne zu zögern dazwischengetreten und hatte Gri-Dahs Arm erfasst. Mewonn sah die beiden Männer noch immer vor sich: Gri-Dah mit erhobenem Speer und verwundertem Blick, Gresonn ruhig, aber entschlossen. Als Gri-Dah die Waffe endlich herunternahm, trat Gresonn auf Mewonn zu, half ihm aufzustehen und drückte ihm die eigene Axt in die Hand. Tränen nässten seine Augen; Mewonn hatte sich umgedreht und war fortgerannt, bis hin zu den ersten Ausläufern des Gebirges, zu den Hügeln am Fuße des Feuerbergs.
Als er zurückschaute, legte sich Dunkelheit über die fernen Ränder der Savanne. Nur wenige Schritte blieben ihm noch, bis alles in Finsternis versinken würde. Seine Zeit verrann, und er sehnte sich nach der Geborgenheit der Sippe, die sich vermutlich im selben Augenblick in die Höhle zurückzog.
Hier auf den Anhöhen hatte er noch keine Höhlen vorgefunden. Wenn er im Freien übernachten musste, würde er vermutlich in der ersten Nacht sterben. Nahm nicht das Feuer sein Leben oder das Allumfassende, dessen Natur er ja nicht kannte, so tat es gewiss ein Raubtier. Auf welche Weise die Menschen starben, die sich hierher wagten, hatte Mmba-Lah nicht zu sagen vermocht. Niemand wusste davon, und Mewonn rätselte, ob ihm genügend Zeit bleiben würde, es zu erfahren.
Auch nachdem die Nacht von den Berghöhen gänzlich Besitz ergriffen hatte, setzte er seinen Weg fort, denn zu seiner Überraschung spendeten nicht nur die nahenden Feuersäulen Licht, sondern auch der höhersteigende Vollmond. Sanftes Plätschern verriet den Lauf eines Baches. In einem ganz schmalen Bett sprudelte das Wasser quer über den Weg, und Mewonn hockte sich nieder, weil der Bach so gar nicht in die immer fremder wirkende Landschaft passte. Wie eine Grenze schien er das Leben in der Sippe vom Zukünftigen zu trennen, vom Feuer des Berges und seinem Tod. Lange sah er dem Spiel des Wassers zu, bis sein Blick zu einem Starren geriet. Er stand auf und stieg über das schmale Gewässer. Ohne zurückzusehen ging er noch ein paar Schritte weiter, doch fühlte er sich zunehmend erschöpft und hielt Ausschau nach einem Platz zum Übernachten.
In einer Mulde war Sand abgelagert, der sich zumindest weicher anfühlte als der Fels ringsum. Mewonn setzte sich und legte die Axt vor sich hin. Dann rollte er aus dem Sitz zur Seite und verschränkte die Arme vor dem Körper. Die vielen leuchtenden Punkte, die er sonst auf dem Firmament zu beobachten gewohnt war, konnte er hier nicht sehen – zu viel Dunst stieg von den feurigen Gipfeln auf; lediglich der eine große Stern, in tiefroter Farbe, dessen Bewegungen über die Nachhimmel des Jahres er so gut kannte, schimmerte etwas durch, wie das Auge eines Schakals. Mit der Axt im Sichtfeld nahm er sich vor, wach zu bleiben, so lange er aushielt. Zumindest wollte er mit der Gewissheit sterben, mehr gesehen zu haben als die andern.
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Der Berg hatte ihn verschont! Ganz gleich, was hinter dem Dröhnen und dem Feuer steckte, es hatte sein Leben nicht gefordert. Mewonn erhob sich und suchte mit den Augen die unmittelbare Umgebung ab, um das Tal zu orten. Wenig später begriff er, dass er zu weit gewandert war; von der Savanne sah er nichts mehr; überall türmten sich Felsen und Gipfel auf, und zu jeder Seite wuchsen mehrere Rauchsäulen, an deren Wurzeln Lichter aufzuckten.
Über den Himmel hingen dicke Schwaden, die sogar den Tag in ungewohnter Weise verdunkelten. Kein Zweifel, die Nacht war vorbei, doch glaubte Mewonn sich inmitten einer Dämmerung, die auf ungewöhnliche Weise andauerte.
Er überlegte, welche Richtung er einschlagen sollte; jene der Felsspitzen, die der Rauchsäulen oder jene der Felskette, hinter der er am ehesten die vertraute Ebene glaubte. Die Sonne konnte er nicht ausmachen, und so blieb ihm jedes gesicherte Zurechtfinden verwehrt.
Noch immer traf er auf keine Tiere, weder auf große noch kleine, und er fragte sich, wo sie ihre Verstecke anlegten, wohin sie flohen, wenn einer der Berge blitzte und den tiefen, bedrohlichen Donner losschickte. Instinktiv berührte Mewonn die Axt an, die am Gürtel steckte. Den Stiel mit den Fingerkuppen ertastend, fühlte er die Form der Waffe, den scharfen Stein an ihrem Ende und den Befestigungsriemen. Wenn hier keine Tiere lebten, gab es auch keine Leoparden, dachte er. Falls, ja, falls hier tatsächlich keine Tiere lebten. Noch niemals hatte er von einem solchen Ort gehört, doch vielleicht wusste bloß niemand davon. Vielleicht hatten die Alten recht, vielleicht stimmten ihre Erzählungen und es gelang niemandem, von den Feuerbergen zurückzukehren. Nein, schüttelte er den Kopf, nein. Wenn die Weisen der Sippe recht hätten, dann wäre er, Mewonn, bereits tot. Aber er lebte. Er stand aufrecht und machte sich Gedanken. Sie konnten gar nicht recht haben. Oder … vielleicht kannten sie doch nicht in allem, was sie erzählten, die Wahrheit.
Als er sich umsah, fühlte er sich schwach. Er stand in einer Art Talsohle, die auf allen Seiten sacht zu den Bergen anstieg, dorthin, wo er rauchende Münder sah; Mäuler, die ihn zu verschlingen drohten.
Vielleicht sollte er hinaufsteigen, auf einen der unheilvollen Berge, um sich einen Überblick zu verschaffen. Er wollte wissen, wo die Sonne stand, wie weit er bereits gelaufen war und in welcher Richtung die Savanne lag, die er doch vor Kurzem erst verlassen hatte.
Er wählte einen der Berggipfel aus; willkürlich, da sich kein Anhaltspunkt anbot. Entschlossenen Schrittes stieg er hinauf, immer höher, doch die Landschaft wollte nicht enden; immer neue Höhen, Hügel und Gipfel wurden sichtbar, und nichts flößte Vertrautheit ein.
Die Entfernung zur Ebene vermochte er nicht mehr festzustellen. Wenn er sich umdrehte, versperrte eine Decke aus Dampf und Nebel den Blick. Das letzte Stück konnte er noch übersehen, alles Weitere verschwamm. Von unten hatte er diesen Nebel nicht ausmachen können, also, mutmaßte er, musste er sich eben erst gebildet haben. Außerdem nahm eine merkwürdige Dunkelheit schleichend überhand.
Von Zeit zu Zeit zuckte ein Blitzen auf, das greller schien, je höher er gelangte. Mewonns Weg verschmälerte sich; links und rechts fielen Hänge ab und verloren sich im Nebel. Als er einen eigenartigen Geruch wahrnahm, hielt er an. Noch nie hatte er Ähnliches gerochen. Ein scharfer, etwas sandiger Geruch, an die Glut erinnernd, die von im Gewitter zerstörten Bäumen zurückblieb. Weiter vorne endete der Weg an einer Art Kante, und von seinem Platz aus konnte er dahinter lediglich neue Berggipfel und Rauchsäulen ausmachen.
Er stieg weiter hinauf, als die Landschaft plötzlich einer ausgedehnten Hochebene wich. Mewonn hielt voller Staunen inne. Diese Fläche wähnte er ebenso groß wie jene, von der er gekommen war, doch sie spiegelte völlig andere Farben; ungewohnt dunkel, von rötlichem Braun bis hin zu Schwarz. Nur mehr an ganz wenigen Stellen wuchsen Gräser, die, wenn nicht grauer Staub an ihnen klebte, ganz hell aussahen und bizarre Formen auf den dunklen Hintergrund setzten; wie Finger, die aus dem Boden sprossen und danach strebten, den düster verhangenen Himmel zu greifen.
Über den Boden krochen finstere Ströme, und Mewonn erkannte, dass es sich um geronnenes Gestein handelte. Gestein, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte, in lang gezogenen Falten und Rillen über den Boden gefächert. Der ganze Horizont veränderte sich mit der Hochebene. So weit er sehen konnte, war das Land von Rauchsäulen gesäumt, an deren Wurzeln ein rotgelbes, heißes und an einzelnen Stellen jäh aufblitzendes Band flirrte. Als ob ein Bündel Schlangen darauf harrte, alles Lebende, das sich ihnen näherte, zu zerreißen. Ein rotgelbes, heißes Band; Mewonn spürte die Gefahr, die von ihm ausging, doch gleichzeitig konnte er sich der bizarren Schönheit des Anblicks nicht erwehren. Wenn die andern es nur wüssten, wenn Mmba-Lah erzählen könnte, was er, Mewonn, hier vorfand! Er kannte nunmehr eine Geschichte, die niemals zuvor gehört worden war, denn allein er könnte sie mitteilen.
Mewonn schloss die Lider und sinnierte, wie Kinder ihm zuhörten … nein, er würde niemals diese Geschichte erzählen; es gab keine Kinder, zu denen er jemals sprechen würde, niemand sollte ihm je zuhören, auch nicht Mmba-Lah, gewiss nicht Hawiya, und nicht einmal Gresonn. Sie alle hatten beschlossen, dass er nicht mehr zurückkehren durfte. Als er die Augen öffnete, rann eine Träne über die Wange und tropfte zu Boden. Langsam ging er weiter, zögernd, verunsichert darüber, ob er sich dem Feuerstreifen am Fuß der dunklen Rauchsäulen tatsächlich nähern mochte.
Ein Blitz zuckte auf. Ein ungeheurer Knall zerriss die Luft und schlug mit ungeheurer Wucht in Mewonns Gesicht. Er setzte zurück, stolperte über einen Felsbrocken oder eine der Gesteinsrillen. Wie bei den zahlreichen Jagden, wenn er dem Angriff eines verwundeten Beutetiers entkommen musste, rollte er unmittelbar zur Seite, kam auf Knien und Händen auf und drückte den Körper hoch. Mewonn stand wieder, doch die Axt fehlte, und es war zu seiner Verwunderung viel zu dunkel, als dass er sie auf dem Boden hätte ausmachen können.
Es krachte ein zweites Mal und der Lärm dauerte beharrlich an, sodass Mewonn in der Furcht, es würde niemals enden, beide Hände auf die Ohren presste, denn das Getöse drang wie eine frisch geschärfte Pfeilspitze in seinen Kopf. Seine Gliedmaßen zitterten, als er weiter zurücktappte, sich schließlich umwandte und rannte. Er wollte fort, ganz weit fort, um dem entsetzlichen Brüllen des Flammen speienden Ungetüms zu entkommen.
Einer der Gipfel, die am Rand der Hochebene lagen, zerplatzte und verursachte ein noch gewaltigeres Gedröhn, als ohnehin schon herrschte. Ein Blitz, der aus dem Berg fuhr, ließ Mewonn blinzeln. Eine gleißend helle Feuersäule verharrte hoch über ihm, und winzige Brocken heißen Gesteins begannen auf ihn herabzuregnen. Mewonn hielt das Gesicht nach oben gerichtet, öffnete den Mund und schrie, ohne dass er das Geringste davon hören konnte. Eine massive Wand aus Feuer und Licht senkte sich über ihn. Er wollte fliehen, doch brachte er die Beine nicht von der Stelle, schaute geradewegs in die Helligkeit, die trotz der zugekniffenen Augenlider einen stechenden Schmerz in seinen Kopf senkte, drückte immer stärker auf die Ohren, um sie vor dem Lärm zu schützen, und spürte, wie die Kehle vor Hitze zu stechen begann.
Mit einem Mal prallte etwas Scharfkantiges – er konnte nicht sagen, ob heiß oder kalt – auf seine Brust; die ungeheure Wucht schleuderte ihn zu Boden, und rasch verlor er das Gefühl für seine Gliedmaßen, während sich das blendende Licht beinah schlagartig mit trüber Schwärze einmummte.
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Ein warmer Wind blies über die Felsen, als Mewonn aufwachte. Er atmete tief ein und schüttelte den ganzen Körper, als sich ein kräftiges Husten löste. Die Kehle kratzte, und bei jeder Bewegung wirbelte schwarzer Staub auf. Allmählich erkannte er die Geräusche des Feuers auf den Gipfeln wieder, hörte vereinzelt auf dem Boden aufschlagende Gesteinsstücke und das entfernte Prasseln von Flammen, die stellenweise aufloderten. Die Hitze hatte kaum nachgelassen, doch war das Gebirge nicht mehr so grimmig laut. Das wieder sichtbare Blau des Himmels zeigte keine einzige Wolke, dafür aber dunkle Rauchschwaden, von denen Mewonn nun wusste, dass sie aus dem Innern des Berges stammten.
»Ich bin nicht tot«, sagte er, einfach, um seine Stimme zu hören und die Vermutung zu bestätigen, dass nichts von dem, wovon die alte Frau stets gesprochen hatte, ihm unmittelbar nachstellte.
Die Brust schmerzte. Dort, wo der Auswurf des Berges ihn getroffen hatte, musste eine Wunde klaffen, dachte er, doch sie zu berühren wagte er nicht. Die ganze Zeit über stand der Geruch verbrannten Gesteins in der Nase, von dem er nicht wusste, ob er vom Ausbruch herrührte oder von der Wunde kam. Müdigkeit steckte in allen Gliedern, und er sog die Luft tief in die Lungen, wie er es so oft in der Savanne gemacht hatte, um sich von einer langen Jagd zu erholen. Vergeblich. Ganz im Gegenteil, die Luft schien ihn noch mehr zu ermüden. Der Berg, das Feuer, die mahnenden Worte der Alten. Vielleicht sollte ihn erst die Müdigkeit schwächen und niederringen, zermürben und am Ende wehrlos töten. So, wie die Geschichten seines Stammes es voraussagten.
Aber er wollte nicht untätig bleiben. Er lebte! Und solange er lebte, wollte er sich nicht einem Schicksal fügen, von dem er so wenig wusste. Die Wunde: Ob sie womöglich doch der Beginn eines langen und grausamen Todes war? Langsam und vorsichtig strich er mit der Hand über den Brustkorb. Die Haut fühlte sich rau an, und als er die Handfläche besah, entdeckte er eine Vielzahl von winzigen Körnern, von denen er wusste, dass sie ganz kleine Gesteinsteilchen waren. Mewonn wollte sich waschen, unten, am Bach, den zu überqueren er so lange gezögert hatte.
Er setzte sich auf und fuhr mit der Hand zum Kopf, da sich alles um ihn herum drehte. Kurz schloss er die Augen; dann stand er in einem Satz auf, taumelte und fiel wieder zu Boden. Mewonn spannte den Körper und streckte sich, um die Schwäche zu vertreiben. Ganz langsam erhob er sich, und diesmal erfasste ihn kein Schwindel. Die Gliedmaßen schmerzten jedoch, die Stirn brannte und die Finger zitterten.
Das Getöse des Berges erschreckte ihn nun bei jedem neuerlichen Ausbruch. Die ganze Zeit über befürchtend, wieder von einem heißen Stein oder Felsbrocken getroffen, wenn nicht erschlagen zu werden, setzte er alles daran, von den brennenden, aus der Nähe ganz abgeflacht wirkenden Gipfeln fortzukommen. Die Finger waren schwarz, genauso schwarz wie die Brust und die winzigen Gesteinsbrösel, die am Brusthaar klebten.
Vor einem Hügel, der den Blick auf das Feuer versperrte, wandte er sich abwärts und näherte sich dem Bach. Am Ufer setzte er sich nieder und bemerkte, dass hier kaum Gras wuchs, außerdem verströmte auch das Wasser einen ungewöhnlichen Geruch; bisher war ihm dieser nicht aufgefallen, da er nur auf das hitzende Feuer und den betäubenden Lärm geachtet hatte. Er atmete tief ein, streckte den Arm aus, fasste kurz ins Wasser und zog die Hand heraus. Danach senkte er sie tiefer hinein und vollführte rudernde Bewegungen. Das Wasser war ganz warm. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so warmes Wasser gefunden zu haben, nicht einmal mitten im Sommer. Er fand es angenehm.
Schließlich führte er die Hand zum Brustkorb und berührte ihn. Zuerst fuhr er zusammen, da die Wunde brannte, doch er fasste nochmals ins Wasser und strich über die Brust, versuchte die Schwärze wegzuwischen und erschrak, weil jetzt auch die Handfläche völlig schwarz war. Ratlos besah er die Hand, drehte sie und streckte sie wieder ins Wasser, um sie mehrmals hin und her zu bewegen. Als er sie herauszog, schien sie heller. Das Wasser, flüsterte er zu sich selbst, spülte die haftende Schwärze fort! Nochmals senkte er die Hand in den Bach und rieb mit den Fingern aneinander, bis die Farbe der Haut fast wie zuvor aussah.
Dann begann er die Brust mit dem Wasser zu reinigen. Er beugte den Oberkörper vor und spritzte Wasser auf die Brusthaare, rieb immer entschlossener über die Haut und zuckte nur dort etwas zurück, wo Schmerz aufflackerte. In der Mitte brannte es besonders unangenehm, und er bemühte sich, diesen Bereich äußerst schonend zu behandeln.
Etwas später kniete er nieder und zog die Brust ein, um sich selbst zu betrachten. In der Mitte war etwas, das er nicht wegwaschen konnte. Darüberzufahren schmerzte, und noch weniger wagte er, mit einem Ledertuch darüberzureiben.
Es war keine Wunde, nein, denn er kannte Wunden. Mmba-Lah hatte viele ihrer Wunden behandelt und, durch Auflegen von Blättern und Gräsern, die nur sie kannte, geheilt. Mewonn hatte Wunden gesehen, die dornige Pflanzen rissen, Wunden, welche fremde Jäger, die erlegtes Wild stahlen, ihnen mit Speeren und Äxten zugefügt hatten, und jene, die der Leopard schlug.
Was auf Mewonns Brust prangte, glich hingegen keiner dieser Wunden. An einzelnen Stellen musste er geblutet haben, doch diese Verletzungen wirkten gering gegenüber der Größe des Zeichens, das deutlich sichtbar zwischen den Brusthaaren eingebrannt war.
Die Zeichnung erinnerte an den Flug der fortfliegenden Gänse, an das Muster, das sie im Himmel formten. Durchgehende, völlig gerade Linien waren auf seine Brust gemalt, Linien, die er weder mit einem Halm, noch einem Ast oder einer Steinspitze hätte ziehen können. Mewonn tippte mit den Fingerkuppen sachte auf das Zeichen. Er fragte sich nach seiner Bedeutung, danach, warum es auf seiner Brust stand und weswegen der Feuerberg es in seine Haut gesengt hatte.
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Mewonn kam noch einen Schritt näher. Er gab acht, in keine der Vertiefungen zu treten, in denen sich die schlierende Flüssigkeit sammelte, von der er bisher bloß wusste, dass es nicht Wasser und nicht trinkbar war. In der Hand hielt er einen langen Ast.
An manchen Stellen hörte er blubbernde Geräusche; Flüssigkeit und Schlamm wurden in die Luft geschleudert, und er bemühte sich, nicht damit in Berührung zu kommen, denn sogar aus einer sicheren Entfernung spürte er die Hitze der Springquellen.
Was das Feuer ergriff, verbrannte. Er hatte sogar beobachtet, wie Gräser plötzlich aufloderten, wenn sie einer der heißen Quellen zu nahe standen. Auch Holz brannte. Er konnte den Brand jedoch aufhalten, wenn er einen Teil des Holzes benässte. Auch die Flüssigkeit aus den Felslöchern brannte, allerdings erwies es sich als schwierig, sie anzuzünden.
Mewonn riss ein paar der trockenen Grasbüschel aus und wickelte sie um die Astspitze. Den so erzeugten Ballen tränkte er im Öl. Als er die Fackel in eine der Flammen hielt, begann er zu lächeln. Seine Vermutung stimmte! Der Grasballen brannte, und er brannte viel länger, als wenn er ihn nicht zuvor tränkte. Überdies war es möglich, die Fackel mit dem trockenen Gras sehr rasch anzuzünden.
Er konnte das Feuer mitnehmen! Niemand besaß Feuer, und keiner in der Sippe wusste, wie man es entzündete oder wo man es fand. Natürlich wussten sie, dass die Tiere der Ebene das Feuer mieden; sie hatten nach Blitzeinschlägen beobachtet, dass Leoparden ebenso panisch wie die Menschen vor den Flammen flohen. Doch hatte bisher niemand das Feuer beherrscht, um Tiere fernzuhalten. Mewonn besaß etwas, das ihn höher stellte als alle andern. Das Feuer würde sein Begleiter werden, und niemand aus der Sippe sollte es ihm wegnehmen.
Als der Grasballen erlosch und der Wind die wenige Asche verblies, dachte Mewonn nach. Wie sollte er das Ausglimmen des Feuers in der Tiefebene verhindern? Er sah um sich herum, fand jedoch nichts, das ihm weiterhalf. Äste und Buschgerten brannten zwar, doch hielten sie viel zu kurz. Er brauchte etwas anderes.
Eine Weile später fasste Mewonn an seinen Gürtel. Er nahm das Leder zwischen zwei Finger, hielt den Gürtel mit der anderen Hand fest und trennte vorsichtig ein kleines Stück heraus. Dann steckte er das Lederstück auf eines der eingesammelten Aststücke und versuchte es anzuzünden. Wenig später ließ er den Ast sinken. Das Leder rauchte zwar, doch lediglich das Holz fing Feuer. Und wenn er es einrieb, mit der Flüssigkeit, von der so viel in den Lacken stand?
Er tauchte den Ast mit dem Lederstück in die Flüssigkeit. Danach näherte er ihn den Flammen und verfolgte, wie diese nach einiger Zeit übersprangen. Das Leder brannte beständig. Zwar dauerte es geraume Zeit, bis es das Feuer annahm, doch mithilfe von öligem Gras würde er es immer entzünden können.
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Er hatte Fleisch. Sich von der Hochebene zu entfernen, den Rauchsäulen eine Zeit lang den Rücken zu kehren, war gut gewesen. Weiter unten, bald in der Nähe des Landes, in dem seine Sippe wohnte, gab es Tiere, kleine Tiere, die er einigermaßen mühelos erlegte. Er hatte ein Kaninchen oder einen Hasen erbeutet. Das Tier schien etwas größer als die Nager aus der Savanne und sehr langsam. Wahrscheinlich mangelte es ihm hier am Fuß der Feuerberge an räuberischen Feinden.
Die Axt verloren, flocht Mewonn mehrere Gräser zusammen, welche einen reißfesten Strang ergaben. Damit verfügte er über eine jagdtaugliche Schleuder für Kieselsteine. Früher hatte er doppelte Stränge geknüpft, um sie in der Mitte mit einem Stück Leder zu verbinden; Im Leder saßen die Steine besser, und es wog schwerer als die Grasriemen. Doch Leder war keines mehr vorhanden gewesen, bis auf jenes, das er um die Hüften trug. So war die Schleuder zur Gänze aus gewobenem Gras entstanden. Diese Waffe versorgte ihn mit Fleisch und stillte seinen Hunger.
Wie zuvor steckte er die Fackel in den Boden. Er setzte sich daneben und begann zu essen. Ein Stück Fell, das er vom Bauch des Hasen geschnitten hatte, schwenkte er spielerisch über das Feuer. Als eine grelle Flamme hervorschoss, erschrak er und ließ es fallen, wonach die Fellhaare rasch ausbrannten. Neugierig untersuchte er die Glut auf dem übrig gebliebenen Hautstück und bemerkte, dass die Haare gänzlich verschwunden waren; nur mehr ein paar schwarze Stoppeln standen noch. Das Stück gloste aber weiter, und als er es mit einem Aststück anstieß, sah er, dass kurze, rote Flammen von der unteren Seite des Schnittes zehrten. An dieser Stelle hing etwas Fett, das zwar zusehends verkohlte, aber die Flamme ähnlich lang nährte wie die schlierende Flüssigkeit aus den Pfützen der Hochebene.
Ein Lächeln spielte um seinen Mund. Er nahm die Fackel, näherte sie dem Kadaver und rieb einen Teil des Schafts am Tierkörper, dort, wo die Fettschicht deutlich zu erkennen war.
Die Flammen legten sich um das Holz, wie sie es auch nach dem Tränken in der öligen Flüssigkeit getan hatten. Die Fackel brannte genauso hell und stark wie zuvor, allerdings mischte sich ein ungewohnter, etwas unangenehmer Geruch in die Luft.
Wenn er das Fett eines Tieres verwenden konnte, um das Feuer zu erhalten, war er nicht auf das Gebirge angewiesen. Er brauchte kein Öl, das nur die Springquellen der Hochebene hervorbrachten; jedes Tier, das er zu erlegen imstande war, eignete sich. Mewonn lächelte. Dieses Wissen, begriff er, machte ihn stark.
Aber brannte nur das Fett? Sorgsam steckte er ein Stück Fleisch auf ein Aststück und hielt es wieder über die Lohe. Zuerst entwickelte sich Rauch, dann fing auch das Fleisch Feuer. Doch es brannte anders, und es roch. Es roch gut. Mewonn zog den Ast zurück und ließ das Fleisch auf den Boden fallen, wo die Flammen sofort ausgingen. Neugierig besah er den Brocken, dessen Farbe sich völlig verändert hatte. An Stelle von rot war es jetzt grau und braun, an einem Fleck sogar schwarz. Er fasste das Fleisch an und zog die Hand erschrocken zurück. Heiß! Vorsichtig griff er wieder hin, berührte es zuerst ganz kurz, dann länger. Da es nur mehr warm, aber nicht wirklich heiß war, hob er das Fleischstück auf, drehte es, schaute alle Seiten an und roch daran. Ja, es roch gut, sogar sehr gut. Mewonn biss vom Fleisch ab und begann zu kauen. Das schmeckte ausgezeichnet! Die Flammen veränderten das Fleisch völlig und verliehen ihm einen fremden Geschmack. Jedoch, es schmeckte so vorzüglich, dass Mewonn sich vornahm, sein Beutefleisch von nun an öfter auf diese Weise zuzubereiten.
Von Neuem rammte er die Fackel in den Boden, damit sie Licht bot. Ein Windstoß fuhr ins Feuer und erhellte die Felsen ringsum. Mewonn zuckte und lächelte. Nach so vielen Monden war aus dem Feuer ein Freund geworden, doch manchmal kam die Erinnerung an vergangene Zeiten, an das Wüten der Gewitter, an Blitze, die den nachtschwarzen Himmel feinfasrig zerrissen. In der Ebene hatten sie sich schutzlos gefühlt, und Brände, die von den Halmen Besitz ergriffen hatten, scheuchten die Menschen genauso vor sich her wie Gazellen, Zebras und Leoparden. Er hob den Kopf und sah in den Himmel. Ein ruhiger Himmel, und nur der Widerschein der Fackel schien ihn zu erhellen.
Eine ganze Zeit lang starrte er in die Flammen, den Tanz der gelbroten Finger beobachtend, als er den Kopf plötzlich annäherte, vom Sitzen auf die Knie fiel und die Lider, eine Täuschung vermutend, kurz schloss, um sie gleich darauf wieder zu öffnen. Ein Gesicht schien hinter dem Feuer verborgen, ein Gesicht, dessen Züge noch unklar zitterten, sich aber mehr und mehr aus dem Dunkel schälten. Das Haar fiel nur auf einer Seite herab, nach der Art, in der die Frauen seiner Sippe es zu besonderen Anlässen banden. Mewonn verharrte reglos, wagte kaum zu atmen und sah zu, wie der Kopf sich leicht auf die Seite neigte. Als sie die Augen öffnete und ihn anblickte, streckte Mewonn die Hand aus, um Hawiyas Schläfe zu berühren.
Er schrak zurück, als er die Hitze wahrnahm. Ein paar der Härchen seines Unterarms rochen angesengt. Knistern füllte die Luft, und noch immer nährte die fettgetränkte Fackel eine magere Flamme, doch die Oberfläche des Holzes war nun völlig schwarz. So schwarz wie die Baumstämme, die vor vielen Monden, wie Mewonn sich gut erinnerte, vom Blitz gefällt und verschmort worden waren.
Müdigkeit drückte auf seine Augenlider, und er legte sich auf die Erde, um zu schlafen. Kein Nachträuber würde ihn anfallen, denn viel zu nah war er dem Feuerberg, der nichts Lebendes neben sich duldete.
Die Sippe wusste er weit weg. Um diese Zeit kauerten sie zurückgezogen in einer Höhle, um die Nacht zu überdauern. Wenn die Sonne aufging, würden sie Äxte erneuern und Speerspitzen schärfen, Beeren sammeln und vielleicht auch einem Beutetier nachstellen. Er empfand einen dumpfen Druck in der Brust, der so gänzlich anders war als jener, den das in seine Haut geritzte Mal hinterlassen hatte. Die Sippe gehörte zu ihm, sinnierte Mewonn schwermütig, und er gehörte zur Sippe. Ja: Er wollte zurück. Eindringlich verspürte er den Wunsch zurückzukehren und nicht in den Bergen zu verbleiben, einem ungewissem Schicksal überlassen, das ihn zwar am Leben ließ, jedoch die Erinnerung an Hawiya nicht auslöschte.
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Nebelschwaden lagen über dem Gras. Die Sonne war eben erst aufgegangen, und Mewonn wusste, dass es nicht lange dauerte, bis der Dunst sich auflöste. Er wandte sich um und sah zum Hang hinauf. Weit oben, hinter den Hügeln, Felsen und Gipfeln wusste er die Feuer speienden Berge und heißen Wasserquellen, und er war der Erste, der jemals aus diesem Gebiet zurückkam. Nicht einmal die weise Mmba-Lah, die sie alle höchst schätzten, oder die Frauen und Männer aus ihren Erzählungen hatten den Berg besiegt, niemand aus ihrer Sippe und vermutlich auch niemand aus einer der anderen.
Vielleicht würde er eines Tages zurückkehren, um neues Feuer zu holen oder um abermals Unterschlupf zu suchen. Jetzt hingegen wollte er zur Höhle am Rand der Steppenebene zurück, zu den andern, deren Schilde in der Ferne den Steppenwinden trotzten. Sie hatten ihn vertrieben, ja, doch jetzt war er derjenige, den der Feuerberg verschont hatte.
Mewonn wandte sich von den Gebirgshöhen ab. Ein Kaninchenfell verhüllte die Brust, die Fackel hielt er in der rechten Hand. Am Gürtel waren mehrere mit der öligen Flüssigkeit getränkte Lederlappen befestigt. Er brauchte sie noch, wenn es darum ging, die Lohe lang am Leben zu halten.
Zögernd und dann tief einatmend setzte er den ersten Schritt. Er neigte die Fackel ein wenig, um nicht in die Flammen zu geraten, und stellte zufrieden fest, dass dunkler Rauch hoch in den Himmel stieg. Man würde ihn schon sehr früh ausmachen, meinte er, viel früher, als zu erkennen wäre, wer sich ihnen näherte.
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Die Blicke aller lagen auf ihm. Mewonn führte die Fackel langsam im Halbkreis, so, als wollte er eine Grenze zwischen sich und den andern abstecken.
Niemand sagte ein Wort, denn sie alle starrten ins Feuer, dem Mewonn zu gebieten schien.
»Das Feuer ist mein …«, betonte er mit leiser, aber fester Stimme.
Alle standen still, Gri-Dah und Sem schauten einander verstohlen an. Ohne Mewonn anzusehen rief Gri-Dah: »Er traut sich her! Er traut sich wirklich zurück! Haben wir ihn nicht verjagt …?«
»Verjagt, ja!«, fiel ihm Mewonn ins Wort, »Verjagt wie ein Tier, das von eurer Beute stiehlt. Ihr habt mich verjagt, und ich bin zurück!«
Als Mewonn ein paar Schritte vor machte, wichen die andern zurück. Sie wagten kaum, sich ihm in den Weg zu stellen, immerzu mit Furcht die Fackel in seiner Hand beobachtend, die Flamme, deren gleißendes Licht nicht und nicht abnahm. Diese Flamme brannte anders als jene, die sie von Unwettern her kannten, wo Blitzschlag alte Bäume in Brand setzte. Diese Flamme schien ihre Kraft nicht zu verlieren, obwohl ihr schwarzer Rauch stetig in den Himmel zog.
»Warum bist du zurück?«, rief Gri-Dah.
Mewonn überlegte nur einen kurzen Augenblick, bis er mit einer sehr leisen, beinahe beschwörenden Stimme verlautbarte: »Mein Leben ist hier. Ich gehöre hierher, denn mein Land ist hier! Ich musste zurückkommen, denn so ist es mir bestimmt. Du hast mein Leben nicht zerstört. Denn du kannst mein Leben nicht zerstören. Ich gehöre hierher, und selbst meine Brust zeigt euch, dass wahr ist, was ich spreche …«
Mit einem Ruck warf er das Fell zur Seite und das spitze Mal auf der Brust schien fast herauszuspringen. Gri-Dah und Sem zuckten zurück und starrten auf die riesige Wunde, die gar nicht einer Wunde glich, keine Spuren von Blut offenbarte, im Grunde vollständig verheilt war und trotzdem so deutliche Formen auf Mewonns Brust malte, wie sie selbst mit den grellsten Erdfarben es nicht zustande brachten.
»Und jetzt … jetzt weicht zurück!«, rief er. Die Gruppe zögerte, und als Mewonn zum Weitergehen ansetzte, stellte Gri-Dah sich ihm in den Weg. Mit dem Finger zeigte er auf das Mal, schaute in die Runde, wies noch einmal hin. Er verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere, schien einen bestimmten Abstand halten zu wollen. »Und das?«, begann er mit heiserer Stimme, »Was soll das sein, ha?«
Mewonn machte einen Schritt rückwärts.
»Ha!«, rief Gri-Dah, »er weiß es nicht, seht ihn euch an, er weiß es nicht! Will uns was vormachen mit seinem Zauber.«
Mewonn atmete tief ein, schaute Gri-Dah unverwandt ins Gesicht und rief mit lauter, fester Stimme: »Du! Was glaubst du, was du mir anhaben kannst. Sagst Dummes! Sagst Falsches! Deine Angst macht dich sprechend. Aber du wirst nicht lange sprechen. Ich werde euch sagen, was ist, nicht du. Du bist nichts! Aber ich … ich wurde geschickt, von ihm …«
Er ließ seinen Blick nicht von Gri-Dah ab, stemmte die freie Faust in die Lende und streckte die Brust heraus, sodass alle sein Brandmal sehen konnten. Mewonns Augen schienen zu funkeln, und die Gesichtsmuskeln verrieten Anspannung, Druck und Zögern. Er fühlte, dass alle an seinen Lippen hingen, und ob sein Vorhaben gelingen würde, musste sich jetzt entscheiden. Mewonn öffnete den Mund, verharrte einen Augenblick, und dann zeichnete sich ein plötzliches, ein spielerisches, ein erleichtertes Lächeln auf seinem Gesicht ab.
»EL! Ich wurde geschickt von EL«, begann Mewonn mit tiefer Stimme. »Ja, EL war es, der mich, Mewonn, von den Feuern seines Berges zu euch herab schickte …«
Gri-Dah zögerte. Die Mundwinkel zitterten, als wollte er mit neuem Spott herausplatzen, doch er schwieg. Mewonns Augen waren noch immer auf ihn gerichtet, ungewohnt ruhig, sicher und kalt. Gri-Dah drehte sich um, zuckte mit den Schultern und meinte: »Er hat den Verstand verloren …«
»Du wagst es, mein Wort anzuzweifeln!«, rief Mewonn mit scharfer, nahezu gellender Stimme. Erschrocken und mit einer Halbdrehung setzte Gri-Dah zur Seite.
»Hier ist das Zeichen! Es ist das Zeichen von EL!« Wieder zeigte er auf seine Brust, streckte sie Gri-Dah entgegen und bemerkte im selben Augenblick, wie hoch die Sonne über das Land gestiegen war. Ihr Licht fiel auf das Zeichen, das in klaren, dunkelrot-schwarzen Linien auf Mewonns Körper prangte.
Ganz langsam hob er die Fackel. Am ausgestreckten Arm zog das Licht die Blicke der andern hinauf.
»Das ist sein Feuer«, setzte Mewonn mit fester, aber gedämpfter Stimme fort, »jeden andern hat es getötet. Niemand ist je von den Bergen zurückgekehrt. Niemand!«
Mewonn holte tief Atem, bevor er weitersprach: »Ihr alle wisst, dass ich die Wahrheit sage. Mich hat es verschont. EL hat mich zu sich gerufen, ohne dass ihr es wusstet. EL hat mich zu seinem Boten gemacht. Und EL gab mir das Zeichen: sein Zeichen.« Mewonns Stimme wurde dunkler. Er spannte die Armmuskeln und die Faust, und als er fortsetzte, betonte er jeden Laut einzeln: »Und EL gab mir seine Macht!«
Mmba-Lah stand schweigend hinter den andern, gemeinsam mit den Frauen, die sie begleitet hatten, um zu sehen, wem alle entgegeneilten. Mewonn sehnte sich danach zu erfahren, was Mmba-Lah dachte, doch er wagte nicht, der Alten in die Augen zu sehen. Die anderen Frauen kümmerten ihn jedoch nicht, denn keine hatte ihn ausgewählt, und so schuldete er keiner von ihnen Rechenschaft.
Niemand sprach und niemand rührte sich. Die Stille lag unwirklich über der Savanne, und sogar die Geräusche des Windes im Gras, die vereinzelten Schreie der Vögel und das entfernte Traben von Antilopen schienen unbedeutend und vergangen.
Mmba-Lah hielt ihre Lider geschlossen und summte leise. Ein Murmeln: »der Ursprung … das Ganze … der Ursprung des Ganzen … durchdringend das All und … das Ganze …« Sie verstummte, öffnete die Augen und begann zu nicken: »Mewonn … nein … Mewonn hat nicht gelogen … niemals noch kam ein Mensch von den lodernden Bergen zurück … ihr wisst, dass es so ist, wir alle wissen es. Und …«, sie kehrte sich Mewonn zu, den Blick auf die ganz ruhig brennende Fackel gewandt, »niemals noch konnte ein Mensch das Feuer in seiner Hand halten, ohne dass es ihn zu Tode verbrannt hätte …«
Sie trat ein paar Schritte auf Mewonn zu, hob die Hand, um ihn zu berühren, und zuckte wieder zurück. Ohne sich zu bewegen sah Mewonn in die Augen der alten Frau, in denen zwar Anerkennung, aber auch eine völlig ungewohnte, tiefe Furcht flackerten.
Mit hoch erhobenem Kopf blickte er in die Runde, doch in Wahrheit wanderten seine Gedanken über die Sippe hinweg, weit in die Ebene hinaus, die, seit er zu atmen vermochte, eine bedrohliche Grenze seines eigenen Lebens war, nun jedoch mit einem Mal groß und verlockend erschien.
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Jeder wusste, dass er zurückgekehrt war. Alle Frauen der Sippe, die Kinder und die Männer. Dennoch hatte er Gresonn nicht angetroffen. Unter keinem der Windschilde, nicht in den Höhlen und nicht bei jenen, die ihn empfangen hatten.
Mewonn näherte sich einer Gruppe von Frauen, in deren Mitte auch MmbaLah stand. Nachdem alle den Blick auf ihn gerichtet hatten, fragte er leise: »Wo ist Gresonn?« Samaascha sah ihn nachdenklich an, zuckte mit den Achseln und drehte sich um. Mewonn zögerte. Dann trat er auf Mmba-Lah zu und fragte noch einmal: »Wo? Wo ist Gresonn?«
Mmba-Lahs Augen wirkten bedächtig, ja traurig. Sie legte ihre Hand auf Mewonns Schulter und forderte ihn auf: »Komm!«
Schweigend schritten sie ein Stück in die Ebene hinaus. Schließlich blieb Mmba-Lah stehen, streckte ihren Arm aus und bestrich einen Bogen.
Mewonn sah sie fragend an.
»Dorthin …«, begann Mmba-Lah, »dorthin ist Gresonn gegangen.«
»In die Ebene hinaus? Ich … ich verstehe nicht …«
»Er … er ging auf die Jagd.“ Verlegen zog sie die Mundwinkel hoch. „Er sagte uns, er würde auf die Jagd gehen.«
»Großes Wild?«, fragte Mewonn zögernd.
Mmba-Lah nickte. Sie sah in die Weite hinaus und seufzte: »Er wollte zur Jagd. Aber jetzt … er ist mit dem Ganzen vereint …«
Mewonn schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht«, begann er zögernd, »Wann? Wann ist er aufgebrochen?«
»Ein voller Mond, nachdem du zum Feuerberg aufgebrochen warst.«
Mewonn atmete tief ein. Gresonn hatte die Sippe also verlassen, kurze Zeit nach seiner Vertreibung. Die Jagd hielt er für einen Vorwand, möglicherweise war es sogar Gri-Dahs Verschulden.
Womöglich lebte Gresonn inzwischen in einer neuen Heimat. Ob er sich auf den Weg gemacht hatte, um ihn, Mewonn, zu suchen? Sie beide teilten so viele Gedanken an Alaala, ihre Mutter. Doch er verwarf diesen Gedanken, schüttelte den Kopf und bemerkte Mmba-Lahs stille Beobachtung. Vielleicht war Gresonn tatsächlich tot. »Wir gehören zusammen«, bemerkte Mewonn.
Mmba-Lah schien überrascht, zögerte und nickte dann. »Und du?«, fragte sie. Da sie keine Antwort erhielt, wiederholte sie: »Und du? Was hast du jetzt vor, Mewonn? Was wirst du tun?«
Mewonn zuckte mit den Schultern. »Nach ihm suchen …« Er sah in die Steppe hinaus, bemerkte im hohen Gras sanfte Wogen, die der den Abend ankündigende Wind vor sich hertrieb. »Vielleicht …«
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Mewonn lag wach. Er konnte nicht einschlafen, aus Angst, jemand könnte ihm die Fackel entreißen. Und dann, wenn er kein Feuer mehr hätte, würden sie ihn töten, damit er nicht noch einmal wiederkehrte.
Aus der Nacht erklangen vereinzelt Tierrufe, und ein andauerndes Rauschen verriet, dass der Wind über das Land blies. Es wurde still. Mewonn glaubte das Knacken eines Astes zu vernehmen, danach war es wieder still. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder. Die ungewöhnliche Stille lag drohend in der Nacht. Irgendetwas stimmte nicht.
Die andern hoben die Köpfe, schauten ins ungewohnte Licht der Fackel und dann zum Höhleneingang, nur die Kinder schienen zu schlafen. Mewonn setzte sich auf die Fersen, unruhig, doch abwartend.
Wieder knackte ein Ast. Gri-Dah und Belemee sprangen auf; sie griffen zu den Speeren, doch waren diese so lang, dass sie eher behinderten. Als die gefleckte Katze plötzlich mitten in den Raum sprang, stolperte Gri-Dah und fiel rückwärts zu Boden. Entsetzensschreie gellten, denn die Fackel erhellte die ganze Höhle und alle konnten sehen, was geschah.
Angesichts der Helligkeit zögerte der Leopard; dann wandte er sich Hawiya zu, die eines der Mädchen fest umklammert hielt, duckte den Oberkörper und setzte, mit verengten Augenschlitzen, zum Sprung an. Alle sahen, wie die Katze die Sehnen spannte, das Hinterteil senkte, lossprang und im selben Moment, Staub aufwirbelnd, abbremste und innehielt.
Mewonn war zwischen Hawiya und den Leopard getreten, die Fackel in der rechten Hand, jeden Muskel angespannt und lauernd. Die Mundwinkel zitterten, und er bemühte sich, den Ast mit dem Öllappen, das Feuer des Berges, möglichst ruhig zu halten.
Der Leopard fauchte, ohne sich von der Stelle zu rühren. Mewonn zögerte, schluckte und presste die Lippen zusammen; dann bewegte er die Fackel vor, sachte, ein kleines Stück nur, und der Kopf des Leoparden machte die Bewegung in genauer Entsprechung mit. Mewonn verstand, dass die Raubkatze, von der von der Fackel ausgehenden Hitze verunsichert, völlig gebannt ins Feuer starrte. Als sie wieder fauchte, zuckte Mewonn mit dem rechten Arm hin und her. Der Leopard erschrak und wich zurück. Er wich von dem Menschen mit dem Feuer; mit gefletschtem Gebiss und den Schwanz eigenartig halbkreisförmig nach unten gebogen wich er zurück.
Mewonn atmete hastig, wobei er insgeheim jede Anstrengung unternahm, trotzdem ruhig zu wirken. Mit beiden Füßen vollführte er winzige Drehbewegungen, um besseren Halt zu gewinnen. Er versuchte, die klobige Anspannung,die er im Hals verspürte, hinunterzuschlucken, und ging ein wenig in die Hocke. Mit einem lauten Schrei sprang er einen weiten Satz vorwärts und stach mit der Fackel nach dem Leoparden, der sich schlagartig umwandte und so rasch aus der Höhle verschwand, wie er gekommen war.
Auf den Knien starrte Mewonn in die Nacht hinaus. Sein Herzschlag raste, und die Fackel umklammerte er mit beiden Händen. Nur allmählich begriff er, dass die früheren Beobachtungen allesamt zutrafen und Leoparden – aber wahrscheinlich auch andere Raubtiere – sich vor dem Feuer mindestens genauso ängstigten wie die Menschen. Das Feuer gab ihm die Macht, Raubtiere einzuschüchtern und zu verscheuchen! Die Fackel hatte den Leoparden aus der Höhle vertrieben, hatte Hawiya gerettet, hatte die ganze Sippe beschützt. Er, Mewonn, hatte mit seinem Feuer verhindert, dass einer von ihnen zur Beute des Leoparden würde.
Erst jetzt bemerkte er die Hand auf seinem Oberarm, und als er hochsah, blickte er in Sems Augen, aus denen Tränen der Freude rannen. Sems Mund bewegte sich unentwegt, und mit einem Mal wurde Mewonn der Lärm bewusst, der in der Höhle herrschte, weil alle erregt durcheinanderredeten.
Sem machte Anstalten, ihm aufzuhelfen, als Samaascha ihn zur Seite schob und den Arm ausstreckte, um ihn mit einem hintergründigen Lächeln hochzuziehen. Mmba-Lah trat auf ihn zu, sah ihm anerkennend ins Antlitz und nickte. Die Furcht, die Mewonn seit seiner Ankunft in ihr wahrgenommen hatte, schien verschwunden. Er drehte sich im Kreis herum und ging zu seinem Platz zurück. Er rammte die Fackel in den Boden und ließ sich nieder. Hawiya hielt immer noch das Kind umarmt. Als Mewonn seinen Blick auf ihr ruhen ließ, sah sie kurz auf, drehte jedoch sofort den Kopf zur Seite. Gri-Dah schien wütend, aber beherrscht, als er sich zu ihr auf den Boden setzte.
Mewonn legte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Er wusste, dass er nun schlafen konnte, denn niemand würde es wagen, seine Fackel zu rauben.
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Zwei der Kinder liefen quer über den Platz und sprangen hinter einen Windschild. Die meisten Frauen waren damit beschäftigt, Körbe zu flicken, die sie verwendeten, um Beeren und andere Früchte zu sammeln.
Mewonn zog die Fackel aus dem Boden und trat vor die Höhle. Er wusste, dass die gesamte Sippe mehr Nahrung sammeln musste als gewöhnlich, denn der Sommer ging spürbar zu Ende. Das Land lag breit vor ihnen, in der Ferne graste eine Antilopenherde, und es schien, als triebe der Wind die Grasspitzen in lang gezogenen Wellen vor sich her. Die Muster, die Mewonn darin ausmachte, erinnerten ihn an das Verhalten der Büffel, wenn sie vor Raubtieren flohen. Gemeinsammit Gresonn hatte er es oft vom Eingang der Höhle und von den Hügeln aus beobachtet; als sie noch klein und in die Aufgaben der Sippe wenig eingebunden gewesen waren.
Weiter unten, bei den Windschilden am Rand der Ebene, ging Hawiya zu einer Gruppe von Kindern und brachte ihnen eine Holzschale mit Wasser. Mewonn spürte sein Herz rascher schlagen. Langsam ging er hinunter, sah jedem, den er traf, einen Augenblick ins Gesicht, und hielt auf Hawiya und die Kinder zu. Samaascha versuchte er zu meiden, denn ihre Gegenwart verunsicherte ihn. Er spürte, dass sie ihn zu ihrem Mann machen wollte, und wusste nicht, wie er sich dem entziehen konnte oder entziehen durfte. Seit die Sippe ihn fortgejagt hatte, empfand er keine Lust mehr, von den Frauen gewählt zu werden, und lehnte es ab, ihnen schön zu tun. Nur bei Hawiya dachte er anders, obwohl ihm dabei alles verdreht vorkam.
Auf halbem Weg trat plötzlich Belemee auf ihn zu, zögerte und blieb ein paar Schritte vor ihm stehen. Mit beiden Händen bot er ihm ein Stück rohes Fleisch an. Es stammte von einem jungen Pavian, den er am Vortag mit seinem Wurfspieß erlegt hatte. Ein solches Ereignis war sehr selten, denn mit ausgewachsenen Pavianen oder gar einer Herde wagte kein Jäger den Kampf aufzunehmen. Belemee nickte wiederholt und bot ihm das Fleisch an.
Mit einer Geste der Dankbarkeit griff Mewonn zum Fleisch. Dann steckte er die Fackel mit der anderen Hand in den an dieser Stelle weichen Boden. Er zog einen der kurzen, noch im Gebirge geschnitzten Spieße aus seinem Gürtel und steckte das Fleisch darauf. Unter Belemees überraschtem Blick schwenkte er das Fleisch über der Flamme hin und her, bis es zuerst ergraute und dann an manchen Stellen bräunliche und schwarze Färbungen zeigte. Inzwischen waren ein paar Kinder und Frauen auf sie aufmerksam geworden und hatten sich genähert.
Behutsam, um sich nicht zu verbrennen, riss Mewonn ein kleines Stück heraus, gab es in den Mund und begann zu kauen. Die Augen der Kinder folgten jeder einzelnen seiner Bewegungen. Dann riss er ein weiteres Stück herunter und bot es Belemee an. Der wich zurück, schüttelte leicht den Kopf.
»Nimm!«, sagte Mewonn und nickte dazu.
Misstrauisch griff Belemee nach dem gegrillten Fleisch und zuckte zurück, als er die Hitze spürte. Als Mewonn nicht nachgab, sondern ihm das Stück immer näher vorhielt, nahm Belemee es an. Ratlos über die ungewohnte Wärme ließ er es von einer Hand in die andere wechseln, und erst als Mewonn auf seine Lippen zeigte, steckte er es in den Mund und begann argwöhnisch zu beißen. Der zuerst angewiderte Blick machte allmählich Bewunderung Platz.
Hawiya stand in der Runde. Als Mewonn sie ansah, nickte sie ihm anerkennend zu, doch seiner Andeutung, auch sie kosten zu lassen, wich sie aus. Sie wandte sich um und ging zu den Höhlen zurück.
Mewonn empfand keine Lust mehr, das Fleisch zu essen. Er riss ein Stück nach dem anderen herunter und gab es den Kindern. Auch Belemee erfreute sich an der Verteilung und wiederholte andauernd, wie sehr ihm das duftende Feuerfleisch, wie er es nannte, schmeckte.
Die Fackel nahm Mewonn wieder in die Hand. Die Kraft der Flammen ließ nach, und er beabsichtigte eine neue anzufertigen, mit einem frischen ölgetränkten Lederstreifen. Er ging ein paar Schritte in die Ebene hinaus, die Windschilde in seinem Rücken. Dort, wo er niemanden mehr hören konnte, blieb er stehen, ohne sich umzuwenden. Nun war er wirklich zurückgekehrt, und er wusste, dass er Hawiya noch immer begehrte. Tief atmete er die Luft ein, spürte, wie ihre Frische seine Lungen füllte, und schloss die Augen. Nichts sollte mehr so sein wie früher, und nichts war so wie früher. Er vermisste Gresonn und konnte seine Gedanken mit niemandem teilen. Als er die Augen öffnete, schien er im ersten Moment vom Licht geblendet. Er nahm nicht mehr denselben Platz in der Sippe ein wie früher, und der Wille, diesen selbst zu bestimmen, gewann an Gestalt.
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»Ich sage: Hawiya wird meine Frau!«
Ganz langsam trat Mewonn einen Schritt zurück, ohne die Augen von Hawiya zu lassen. Der Kopf war auf Hawiya gerichtet, aber seine ganze Wachsamkeit galt Gri-Dah zu seiner Rechten, von dem er jede einzelne Bewegung erspähte.
Die anderen Männer schwiegen, und Hawiya wusste nicht, wohin sie schauen sollte. Sie öffnete den Mund, blieb aber stumm. Ihre Lippen schienen tonlos Worte zu formulieren, sie ballte die Hände zu Fäusten, wagte jedoch nicht, die Arme zu heben. Ohne auch nur auf Mewonns Hand und die Fackel zu sehen, glaubte sie das Feuer auf ihrer Haut zu spüren. Sie senkte den Kopf.
»Du fängst schon wieder an«, sagte Gri-Dah zögernd, »und es ist nicht richtig!«
»Was?«, rief Mewonn mit lauter Stimme.
»Sie hat mich gewählt, nicht dich. Wie kannst du nur …«
»Was?« Obwohl Mewonn geradezu schrie, war keinerlei Zittern in seiner Stimme zu hören.
»Du kannst nicht deine Frau wählen, Mewonn, es ist nicht richtig!«
»Was sagst du?«, rief Mewonn, ohne sich von Hawiya abzuwenden.
»Hast du es vergessen?«
»Vergessen? Was?«
Gri-Dah verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere. Die Arme ließ er unschlüssig herabhängen. Seine Stimme klang bedrohlich, und die andern bemerkten die Anspannung seiner Gesichtsmuskeln. Gri-Dahs Augen schienen jedes Wort zu beherrschen und verliehen dem Gesagten eine ungewöhnliche Schärfe. Keine einzige Handbewegung wollte diesen Blick begleiten. Die Nebenstehenden wichen ein Stück zur Seite, als Gri-Dah die rechte Hand wie zufällig hinter seinem Rücken verbarg.
»Du hast müssen fortgehen! Du solltest gar nicht hier sein, Mewonn!«
»Aber ich bin hier«, sagte Mewonn nun beinah flüsternd.
»Lass Hawiya in Ruhe! Sie will dich nicht. Sie will mich!«
Mewonn verzog einen einzigen Mundwinkel zu einem ungewöhnlich anmutenden Lächeln. »Ich sage: Hawiya wird meine Frau!«, wiederholte er.
Mit einem Satz sprang Gri-Dah auf Mewonn zu, riss mit der Hand sein mit einem frisch geschärften Stein besetztes Beil hervor und holte aus. Bevor die Waffe niedersauste, duckte sich Mewonn und stieß sich so ab, dass er an GriDahs Seite gelangte; in derselben Bewegung streckte er den Arm aus und stach dem Widersacher die brennende Fackel mitten ins Gesicht. Mewonn konnte die Zugluft spüren, als Gri-Dah mit dem Beil ins Leere schlug, das Holz mit einem Aufschrei losließ und beide Hände auf die Augen presste.
Mewonn hob die Fackel, bereit, dem Gegner noch einmal ins Gesicht zu fahren, doch Gri-Dah fiel auf die Knie, die Hände noch immer auf den Augen, und sein Schrei gellte so laut über die Savanne, dass die andern entsetzt zurückwichen. Mewonn näherte sich. Er sprang zur Seite, als Gri-Dah plötzlich mit einem Arm nach ihm schlug. Ohne mit dem Schreien aufzuhören, drosch Gri-Dah noch ein paarmal wild um sich. Seine ungelenkige Bewegung, die wachsende Unsicherheit und die krampfhaft auf die Augen gepresste Hand – Mewonn verstand allmählich, dass Gri-Dah nichts mehr sehen konnte! Sein Körper spannte sich, und er hob den Kopf, um das Mal auf seiner Brust allen deutlich zu zeigen.
»Und jetzt: Sei still!«, rief er, und Gri-Dah verstummte. Nur mehr ein leises, von Schmerzen gezeichnetes Wimmern erklang.
Mewonn drehte sich der übrigen Sippe zu. Wenige Meter vor ihm stand Hawiya, denn als Einzige war sie nicht vor Mewonns Fackel und Gri-Dahs Schrei zurückgewichen. Ihre Augen schienen geweitet, als sie abwechselnd auf die beiden Männer blickte.
Mewonn trat langsam auf sie zu. Die Lippen drückte er zu einer dünnen Linie zusammen. Hawiya verharrte völlig still und starrte unentwegt auf Mewonns Brandmal. Ihn anzusehen vermied sie. Mewonn legte die freie Hand auf Hawiyas Nacken und fühlte den Schauer, der durch ihren Körper lief. Als er ihren Hals zu seinem Gesicht zog, bemerkte er ein Glitzern von Feuchtigkeit in ihren Augenwinkeln.
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Das Licht der Sonne beschien die Ebene, so weit Mmba-Lah schauen konnte. Sie hielt die Handfläche über die Augenbrauen, nicht sicher, tatsächlich alles zu erkennen – die vielen Tage, die sie erlebt hatte, machten ihr zunehmend zu schaffen. Erschaute sie die Ebene, wie sie vor ihr lag? Oder wichen ihre Augen vor einer Täuschung? So oft hatte sie von der bescheidenen Erhöhung hinuntergesehen; mal mit Sehnsucht, mal mit Erschauern. Und dort, ganz weit hinten, wo die Wolken über dem Land standen … kündete sich da nicht ein Regen an? Dort flirrte die Luft nicht mehr, sondern sie schien eher grau, durchrissen von feinen Strichen, die sie aus der Ferne kaum ausmachen konnte.
Warum hatte sie Mewonn recht gegeben? Warum? Hatte er tatsächlich etwas von dem Allumfassenden, mit dem sie, seit sie denken konnte, in Verbindung stand, gespürt? Hatte er davon gekostet? Er? Mewonn?
