Gobi - Reinhold Messner - E-Book
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Beschreibung

Mit sechzig Jahren wagt Reinhold Messner noch einmal ein großes Abenteuer – »einen letzten Grenzgang zwischen Leben und Tod«. Er will, einem alten Traum folgend, die Längsdurchquerung der zentralasiatischen Wüste Gobi versuchen, und er will es auf seine Weise tun: allein auf sich gestellt, ohne logistische Unterstützung. Im Mai 2004 bricht er in der Ostgobi auf, mit einem Rucksack, einem speziellen Wassercontainer und einer GPS-Uhr. Nur gelegentlich von Hirtennomaden unterstützt, schlägt er sich nach Westen durch, durchmisst die Südgobi und eine sich dreihundert Kilometer hinziehende leere Steinscherbenwüste und erreicht schließlich, nach Überquerung des Altai-Gebirges, Ulan Bator. Messner begreift seinen Marsch an den Grenzen der Leistungs- und Leidensfähigkeit auch als Versuch, mit dem Alter umzugehen, und kehrt mit Erfahrungen heim, die jeden Menschen angehen.

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Leseprobe zu:

Reinhold Messner

Gobi

Die Wüste in mir

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© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Inhalt

[Karten][Widmung][Motto]Ein letzter TripDas leere NichtsWeggehenOstgobiSüdgobiDie große LeereDurch die Wüste Gobi – FarbbildreportageWestgobiÜber die Altai-BergeHotel Dschingis-KhanHeimkommenErinnern

Ein letzter Trip

Nach fünf Jahren im Europäischen Parlament beginne ich müde und träge zu werden. Auch bin ich zu schwer. Ich war stehengeblieben statt weiterzugehen. Die Gewohnheiten der Seßhaften sind dabei auch meine Gewohnheiten geworden, und von der Neugier des horizontsüchtigen Wanderers ist nur der Traum übriggeblieben. Ich war zuletzt wohl zu wenig zu Fuß unterwegs gewesen.

Ich bin noch kein alter Mann, aber seit vier Jahren habe ich keine richtige Expedition mehr gewagt. Die Zeit ist für mich ohne Jahreszeiten, ohne Sonnenaufgänge vergangen, ohne Hitze und Kälte. Der Plenarsaal in Straßburg hat keine Fenster, und die Kuppel ist auch mittags, während der Abstimmungsvorgänge, hell erleuchtet. Mein Büro ist vollklimatisiert. Wie Sonnenuntergänge riechen habe ich vergessen.

Unsere Kinder wachsen heran, und wir leisten uns ein oder zwei Reisen im Jahr, aber mit dem, was ich früher gewagt habe, haben unsere Familienausflüge wenig zu tun. Gewiß, ich war in den vergangenen fünf Jahren sehr viel unterwegs, mehr denn je: im Zug, im Auto, im Flugzeug. Die meiste Zeit aber habe ich in künstlich beleuchteten Räumen verbracht. Der Hunger nach Weite, Sonnenlicht und dem Wind im Gesicht ist im Herbst 2003 somit größer als die Lust, als Parlamentarier alt zu werden.

Ich weiß nicht mehr, wann ich die Idee zum ersten Mal für mich formuliert habe, aber ich weiß noch, wann und wem ich zum ersten Mal von ihr erzählt habe. Das heißt, wann sie mich gepackt hat und seit wann sie zu meinem Leben gehört: Seit bald fünfundzwanzig Jahren will ich die Gobi durchqueren. Die Frage ist: kann ich das noch?

»Simon«, sage ich zu meinem Sohn, der ein begeisterter Reiter ist, während wir zu unserem Schloß fahren, wo wir, seit sich die Kinder erinnern können, den Sommer verbringen.

»Simon«, sage ich, »wir könnten eine Expedition zusammen machen.«

»Wohin?« fragt der Junge, der für Kamele schwärmt und zu gerne mal auf einem reiten würde.

»In die Wüste«, sage ich und tue so beiläufig, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt.

»In welche Wüste?« fragt Simon, und seine Stimme verrät, daß er meinem Vorschlag nicht recht traut. Denn mit Tieren durch die Wüste zu ziehen, als wäre er selbst ein Tier, gehört seit Jahren zu seinen innigsten Wünschen.

»In die Ténéré«, sage ich, »du wolltest doch schon immer von Agadez nach Bilma.«

»Wie«, sagt der Junge, jetzt ganz Aufregung, »mit einer Salzkarawane nach Bilma?«

»Ja«, sage ich, »und du kannst mitkommen.«

»Ob Mama das erlaubt?« zweifelt Simon und macht mir damit klar, daß er mein Angebot ernst nimmt.

»Und wie kommst du darauf?« fragt er weiter.

»Bei einer dieser alternativen Messen, die wir Politiker manchmal besuchen – es ging dabei um nachhaltigen Tourismus weltweit –, habe ich einen Reiseveranstalter getroffen, der sich gut in der Sahara auskennt. Er wirkt handfest, und ich glaube ihm, wenn er sagt, er kann das organisieren«, sage ich.

»Und ich könnte mit? Obwohl ich erst dreizehn bin?«, fragt Simon.

»Erinnere dich an den Videofilm, den wir zusammen gesehen haben, von dem Tuareg-Jungen, der mit einer Salzkarawane durch die Ténéré gezogen ist. Bis nach Bilma. Der war auch erst dreizehn.«

»Ja, ich erinnere mich«, sagt Simon, »wenn mich die Mama nur läßt.«

»Der Veranstalter hatte zuerst auch Bedenken. Das sei nichts für einen Dreizehnjährigen, hat er gemeint, zu gefährlich und auch zu hart. Die Karawane bleibt nie stehen, die Kamele gehen schnell, und das zehn Stunden an einem Stück.«

»Ich weiß«, unterbricht mich Simon, »ich sehe da kein Problem, ich würde fast immer reiten. Das ist nicht so anstrengend, und mit der Hitze komme ich schon zurecht.«

»Ich würde mehr laufen als reiten«, sage ich.

»Das Problem ist Mama, sie hält nicht viel von solchen Ideen. Und ihr Vertrauen in deine Reitkunst kennst du. Und ich muß ja noch zur Schule.«

»Das mit Mamas Bedenken ist ganz natürlich. Du bist wirklich noch sehr jung für eine so schwierige Reise.«

»Siehst du, zuerst machst du mich neugierig, und dann ist wieder alles nichts. Wie immer, wenn wir über gemeinsame Expeditionspläne reden«, sagt der Junge enttäuscht.

»Nein, nein«, sage ich, »ich möchte den Trip unbedingt machen, und zwar mit dir. Ich habe Vertrauen, was dich angeht. Ich weiß, wie gut du reiten und mit Tieren umgehen kannst.«

»Müßten wir dabei alles selber machen?« fragt Simon, der mehr und mehr Begeisterung für die ausgefallene Idee zeigt.

»Nein, es kämen Kameltreiber mit«, sage ich, »Männer, die die Tiere beladen und führen, die auch für die Lagerplätze verantwortlich sind.«

»Schade«, sagt Simon, den ein Unterwegssein mit Kamelen ohne fremde Hilfe mehr interessiert als alles andere auf der Welt.

Was ich gut nachempfinden kann. Auch mir ist es immer um Eigenverantwortung bei meinen Touren gegangen. Schon nach dem Alleingang am Mount Everest träumte ich von einem großen Wüstentrip in Eigenregie. Ich wollte damals in die Gobi. Weil aber sowohl China als auch die Mongolei politisch sehr isoliert waren, schob ich die Reise auf. Dann kam der Marsch zum Südpol, und ich vergaß meinen Gobi-Plan. Erst seit ich mehr sitze als gehe, hat sich die alte Idee wieder bemerkbar gemacht, und ich werde sie nicht wieder los. Sie hat sich in meinen Tagträumen derartig festgesetzt, daß ich weiß, ich muß sie in die Tat umsetzen. Oder ich werde sie nie wieder los.

Unmittelbar nach meiner Zeit als Abgeordneter ist für mich dazu die letzte Gelegenheit. Das weiß ich. Und der Trip mit Simon wäre die beste Vorbereitung darauf. Also zuerst die Ténéré, dann allein durch die Gobi. Simon ist fasziniert. Sollen andere meine Pläne als »Unsinn« abtun und Kindern das Durchhaltevermögen für die Sahara absprechen, uns beiden ist klar, daß unsere Wüstentouren Wirklichkeit werden.

Dabei ist Simon dreizehn, und ich bin bald sechzig. Und wenn schon! Wir sind jetzt beide guter Dinge, es ist ein schöner Herbsttag, und wir haben ein gemeinsames Ziel. Außerdem würde ich bald wieder frei sein, frei für die Verwirklichung meiner letzten großen Tagträume.

In meinen frühen Jahren haben mich Wüsten nicht sonderlich interessiert. Vielleicht, weil ich immerzu Widerstände suchte: Felswände, Gletscherspalten, Gipfel und Grate. Als wären Touren in der Horizontalen ohne Herausforderung! Was hätte da schon passieren sollen?

Heute erscheinen mir Wüsten als ideale Erfahrungsräume. Wie Fenster in die entfernteste Zukunft. Mit Blick auf die Wüsten in mir. Vielleicht hat es mit dem Altern zu tun, aber am Rande meiner inneren Wüste wächst schon die Vorahnung einer Welt, die nicht mehr von Menschen bewohnt ist. Dazu kommt die Angst vor innerer Verödung. Die Wüste als Vorgeschmack der Auflösung. Als Durchgangsphase in die Heimat des Nichts. Natürlich geht es mir heute auch darum, all den Verpflichtungen zu entkommen, die zu einem Parlamentarierdasein gehören: immer vor Ort und präsent zu sein, immer erreichbar, auf alle Fragen eine Antwort parat zu haben und immerzu als politische Person kenntlich zu sein. In der Wüste sind wir da und völlig überflüssig zugleich. Die vielen anderen, die gerade noch eine Last in unserem Leben waren, sind weit weg und ihrerseits von uns befreit.

In einem solchen Zustand sind wir letztlich von uns selbst befreit. Denn, wo niemand mich sucht, braucht, ansieht, keine Spiegel vorhanden sind, in denen ich mich selbst wiedererkennen könnte, fehle zuletzt sogar ich mir selbst nicht mehr. Simon sind diese Art Bilder fremd, ihm geht es beim Gedanken an die Wüste um das Unterwegssein mit Tieren, das Bändigen von Kamelen und den schier endlosen Ritt über Sanddünen.

»Was muß ich zur Vorbereitung tun«, fragt Simon ein paar Wochen später, nachdem ich den Sahara-Trip gebucht habe. Seine Mutter hatte zuletzt nichts dagegen einzuwenden gehabt. Obwohl sie es ungern sieht, daß wir in den Weihnachtsferien getrennt verreisen, sie mit den Mädchen nach Indonesien, Simon und ich nach Afrika.

»Du mußt viel laufen«, rate ich ihm, »und morgens kalt duschen. Damit du abgehärtet bist.«

»Wie alt warst du, als du zum ersten Mal auf Expedition gegangen bist?« fragt der Junge weiter.

»Das ist sehr lange her. Ich war fünfundzwanzig, und wir fuhren in die Anden nach Südamerika. Damals bin ich zum ersten Mal mit einem Flugzeug geflogen.«

»Schade«, sagt Simon, »daß ich nicht früher schon mitkonnte.«

»Du warst bis jetzt noch zu klein, und auf große Berge oder ins Eis würde ich dich auch heute noch nicht mitnehmen. Es ist immerzu kalt dort und viel zu gefährlich.«

»Aber in die Gobi würde ich gerne mitkommen. Du willst doch im Sommer in die Gobi.«

»Ja«, sage ich, »im Mai.«

»Mit Kamelen?«

»Ja, auch mit Kamelen, wenn ich welche ausleihen kann.«

»Kamele sind schnell, ausdauernd, richtige Wunder in der Wüste«, weiß Simon.

»Aber schwierig zu handhaben«, sage ich.

Simon ist voller Erwartung. Er lernt brav und trainiert fleißig. Seine Zuversicht wächst. Vier Wochen vor Weihnachten fragt er mich, wann ich mit dem Training beginne, wie ich mich auf unsere Wüstenexpedition vorbereite.

»Für mich ist die Ténéré eine Art Vorbereitung«, sage ich.

»Worauf?« fragt der Junge.

»Auf die Gobi«, sage ich. »Es gibt so viele Tricks beim Unterwegssein. Du wirst sie lernen. Ich habe immer noch eine gute Grundkondition, und wenn ich die Ténéré schaffe, ist das mein Training für die Gobi.«

»Und wenn du es nicht schaffst?« fragt Simon.

»Ich werde es schaffen, so wie du auch. Ich bin zwar ein ängstlicher Reiter, aber ich kann immer noch zehn Stunden am Stück gehen.«

Wir träumen jetzt beide von unserer ersten gemeinsamen Expedition. Simon von Kamelen und ich von ein paar Wochen Ferien in Afrika. Ich träume nicht mehr von Stürmen und hohen Bergen wie sonst so oft, sondern bin im Traum schon in der Wüste. Wenn ich mich trotzdem einmal in ein Hochlager hineinversetzt fühle, ist es sonnig dort und warm.

Simon stellt sich vor, wir sollten die Kamelkarawane selbst führen, also ohne Helfer reisen. Alles selber machen. Wie ich es bei den Himalaja-Expeditionen mit meinen besten Partnern und in Grönland mit seinem Onkel Hubert gemacht habe. Ich weiß aber, daß uns dazu einiges an Erfahrung fehlt. Und Simon kann von den Kamelführern lernen. Auch geht es nicht gegen meinen Stolz, mich Tuaregs anzuvertrauen. Ich habe bis auf die Gobi fast all meine Träume realisiert, die meisten in Eigenregie. Ich habe mit Sechzig auch kein Problem damit, mir helfen zu lassen. Anders Simon. Ihm steht dies alles noch bevor. Ich kann nicht behaupten, daß es Demut gewesen wäre, was mich in meinen besten Jahren ausgezeichnet hat. Jetzt allerdings ist mir das Reisen mit Einheimischen lieber als der Alleingang, das Mitgenommenwerden angenehmer als der Grenzgang.

Die allermeisten der als wild geltenden Winkel dieser Erde sind inzwischen erschlossen. Dem Tourismus zugänglich gemacht worden sind aber nur die Orte, nicht deren Geheimnisse. Ja, wir können überall sein, das heißt aber nicht, daß wir all die Infrastrukturen, die für Freizeitkonsumenten geschaffen werden, auch nutzen müssen. Das sage ich nicht eifernd, sondern eher erstaunt angesichts der Möglichkeit, heute noch zu reisen wie vor Jahrhunderten.

Beide Wüsten, Ténéré und Gobi, sind für mich voller Rätsel. Wie heilige Orte, die sich immer wieder neu aufladen. Wenigstens so lange, wie diese Wüsten leer bleiben.

Ich kann es selbst kaum fassen, aber ich stehe vor zwei Reisen, die vor 30, 100 oder 200 Jahren nicht wesentlich anders hätten vonstatten gehen können, denn die Wunder in diesen Wüsten sind dieselben geblieben. Es gilt nur aufzubrechen, die festen Termine gegen Ungewißheit einzutauschen und sich auf den Weg zu machen. Lebenskunst ist schließlich der Versuch, sich das Leben selbst anzueignen. Ich tue es wie immer zu Fuß. Beim Fahren oder Fliegen ist das Land draußen oder unter uns wie auf einer Postkarte: klein und stumm. Kein Ton, kein Geruch, nur Bild. Beim Gehen ist alles weit, das Land wird sinnlich, es riecht und birgt immerzu Überraschungen. Auch Sorgen, ja sogar Schrecken. Unermeßlich ist dabei nicht nur die Weite draußen, sondern mehr noch die Leere in uns.

Die Welt ist nirgends stumm, wenn wir in sie hineingehen, und der Instinkt sagt uns, was all die Geräusche und Gerüche zu bedeuten haben, die in der Luft liegen. Auch der Himmel darüber wird lebendig, wenn wir zwischen ihm und dem Land dahingehen: die Wolken, ein Tier, der Abend, Nacht, dann wieder Hitze, Hunger, ein Vogelschwarm, die Begegnung mit Menschen – all das wird gespeichert und einem Erfahrungsschatz zugeordnet, der uns Menschen seit Urzeiten gehört. Die Bilder vom Flugzeug aus hingegen jagen in der Geschwindigkeit eines Videoclips vorbei und sind gleich wieder vergessen. Wie Gedanken im Halbschlaf.

»Was tust du, wenn du in der Gobi allein nicht mehr weiterkommst?« fragt mich Simon einmal.

»Ich kann gut mit Einheimischen umgehen, und ich mag es, ab und zu allein zu sein. Auch zu zweit wird man müde. Außerdem kenne ich ein paar Tricks. Trotzdem, lieber wäre ich zu zweit unterwegs.«

»Warum?«

»Zu zweit kann man alles teilen: Angst, Einsamkeit, Erschöpfung. Vielleicht bin ich ja nicht mehr so zäh, wie ich denke.«

»Aber du nimmst mich trotzdem nicht mit.«

»Es geht nicht. Wegen der Schule und der Gefahren. Du bist noch zu jung dafür – das mußt du verstehen.«

Simon ist ein Kind, aber ganz sachlich, wenn es um die Vorstellung von unserem gemeinsamen Trip geht. Er träumt dabei nie von der Wüste als einer versunkenen Welt. Er weiß, daß das Überleben in der Sahara von den Einheimischen und ihren Tieren abhängt. Nur deshalb bewundert er sie, die Menschen und die Tiere gleichermaßen. Wohl ahnend, daß Weite und Dünung der Wüste nichts beschönigen, sondern die Schwächen und Gebrechen von uns Menschen offenlegen. Er übt sich also in Disziplin. Deshalb auch der Wunsch, Kamele und Pferde zu beherrschen? Vielleicht.

 

Die Wüste besteht aus erodiertem Gestein: Gebirge, die in Jahrmillionen zu Steinscherben und Sand zerbröselt sind. In ihrer stofflichen Substanz ist die Wüste ein zerfallendes Gebirge und erhaben wie dieses. Auch sauber, wie die Berge reinigt auch sie den Geist des Menschen, denn ihre Leere macht demütig und läßt uns immerzu staunen. Über die Leere in uns selbst? Nicht nur Religionsstifter – Moses, Christus und Mohammed – haben ihre Inspiration aus der Wüste mitgebracht, viele sind zum Nachdenken in die Wüste gegangen. Es gibt keinerlei Ablenkung dort, weit und breit bietet sich immer dasselbe Bild. Man hört oft nichts als den Wind zwischen den Sandkörnern. Das ist Stille. Und doch atmet diese Weite, sie spricht, sie strahlt. Eine Ahnung von Unendlichkeit und Ewigkeit trifft hier auf unsere eigene Begrenztheit und Verletzlichkeit. In der Abwesenheit von Dingen und Reizen schreckt der Mensch zuerst vor sich selbst zurück. Dann vor dem völligen Nichts. In dieser Spannung entdeckt er die Wüste in sich. Mir ist dies klar geworden, als ich 1998 ein Stück weit in die Gobi vorgedrungen bin. Mit ein paar Freunden. Damals habe ich den Plan und die Logistik für eine Gobi-Expedition in mein Tagebuch geschrieben. Als Gedächtnisstütze für den etwaigen Aufbruch.

Simon denkt über all das nicht nach. Er ist dreizehn. Er schläft gut, lang und tief. Wie alle gesunden Jungen. Er träumt von Afrika und den goldenen Dünen der Sahara. Von Kamelen und den Tuareg. Jede Nacht geht er jetzt mit Kamelen durch die Wüste. Beim Frühstück erzählt er begeistert von seinen Träumen.

In diesen Träumen hört er den Wind und den weichen Hufschlag der Kamele im Sand. Auch ihr Schreien, wenn sie beladen werden, und die Rufe des Karawanenführers. Er liest die Bücher von Heinrich Barth und übt das Knoten selbstgedrehter Seile. Noch auf dem Schulweg riecht er die Sandkörner der Sahara.

[...]

Über Reinhold Messner

Reinhold Messner, geboren 1944, ist der berühmteste Bergsteiger und Abenteurer unserer Zeit. Als Kletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger und ›Philosoph in Aktion‹ hat er immer wieder neue Maßstäbe gesetzt. In zahlreichen Büchern und Filmen hat er Zeugnis abgelegt von seiner Suche nach Selbstverwirklichung in extremer Existenz und kämpft als Autor für einen ökologisch nachhaltigen Umgang mit der Natur. Messner bestieg als erster Mensch alle vierzehn Achttausender, darunter erstmals den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff und allein. Im Fischer Taschenbuch Verlag lieferbar: ›Wild‹, ›Absturz des Himmels‹, ›Westwand‹, ›Antarktis‹, ›Everest Solo‹ und ›Yeti – Legende und Wirklichkeit‹. Reinhold Messner lebt in Meran und auf Schloss Juval im Vinschgau, wo er Bergbauernhöfe bewirtschaftet und sein Bergmuseum, das Messner Mountain Museum, mit seinen sechs Standorten gestaltet.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Mit sechzig Jahren wagt Reinhold Messner noch einmal ein großes Abenteuer – »einen letzten Grenzgang zwischen Leben und Tod«. Er will, einem alten Traum folgend, die Längsdurchquerung der zentralasiatischen Wüste Gobi versuchen, und er will es auf seine Weise tun: allein auf sich gestellt, ohne logistische Unterstützung. Im Mai 2004 bricht er in der Ostgobi auf, mit einem Rucksack, einem speziellen Wassercontainer und einer GPS-Uhr. Nur gelegentlich von Hirtennomaden unterstützt, schlägt er sich nach Westen durch, durchmisst die Südgobi und eine sich dreihundert Kilometer hinziehende leere Steinscherbenwüste und erreicht schließlich, nach Überquerung des Altai-Gebirges, Ulan Bator. Messner begreift seinen Marsch an den Grenzen der Leistungs- und Leidensfähigkeit auch als Versuch, mit dem Alter umzugehen, und kehrt mit Erfahrungen heim, die jeden Menschen angehen.

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Die Originalausgabe erschien 2005 im S. Fischer Verlag

 

Covergestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg

Coverabbildung: Chien-Min Chung

Sämtliche Fotos: Archiv R. Messner

Vorsatz: Alte Karte

Nachsatz: Kartenübersicht mit Route

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490926-4