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In 'Goethes Briefwechsel mit einem Kinde' von Bettina von Arnim wird eine fiktive Korrespondenz zwischen Johann Wolfgang von Goethe und einem Mädchen namens Maximiliane dargestellt. Das Buch, das 1835 veröffentlicht wurde, spielt mit der Idee der Unschuld und Reinheit eines Kindes, die Goethe inspirieren und beeinflussen. Von Arnims literarischer Stil ist poetisch und romantisch, was zu einer tiefgründigen und emotionalen Lektüre führt. Das Werk steht im Kontext der deutschen Romantik und zeigt die Bewunderung von Arnims für Goethe als bedeutenden Schriftsteller und Denker ihrer Zeit. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 922
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Zwischen Verehrung und Selbstentwurf entfaltet sich ein Briefbuch, das Nähe sucht und zugleich zeigt, wie schwer sie zu halten ist. Bettina von Arnims Goethes Briefwechsel mit einem Kinde erschien 1835 und gehört zu den prägenden Brief- und Prosaexperimenten der deutschen Romantik. Als epistolarisch komponiertes Werk verwebt es Schreiben, Erinnern und Selbstadressierung zu einer poetischen Lebensform. Schauplätze wie Frankfurt und Weimar geben dem Austausch einen konkreten kulturellen Horizont der frühen Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Die Veröffentlichung steht im Zeichen einer Zeit, in der der Dichterkult und die Öffentlichkeit der Privatheit neue Formen annahmen, ohne die Intimität des Briefs aufzugeben.
Im Ausgangspunkt tritt eine junge Stimme an den überragenden Dichter ihrer Epoche heran, getragen von glühender Bewunderung und dem Wunsch, in Sprache eine Beziehung zu stiften. Der Weg führt zunächst über das Umfeld des Hauses Goethe, wo Achtung, Distanz und Neugier klug austariert werden. Aus der Perspektive eines sich selbst bewusst kindlich markierten Ichs wächst ein Dialog, der weniger chronistisch als existenziell organisiert ist. Leserinnen und Leser betreten einen Raum, in dem Beobachtung, Bekenntnis und Momentaufnahme ineinandergreifen, ohne die private Situation preiszugeben. So entsteht ein Anfang, der Anziehung und Maß gleichermaßen ins Werk setzt und die Tonlage des folgenden Austauschs prägt.
Die Lektüre ist geprägt von einer energetischen, bildstarken Stimme, die in sprunghaften Bewegungen von der Beobachtung zur Selbstbefragung übergeht. Bettina von Arnim nutzt den Brief als Labor für poetische Verdichtung: Überschwang und strenge Formulierung stehen dicht beieinander, Zärtlichkeit und intellektuelle Wachheit halten einander in Spannung. Die Sätze entfalten musikalische Bögen, durchsetzt von schnellen gedanklichen Wendungen; zugleich bleibt der Ton persönlich, vertraulich, manchmal spielerisch. Das Ergebnis ist keine nüchterne Dokumentation, sondern eine ästhetisch gestaltete Annäherung, die den Reiz des Unmittelbaren mit der Kunst des Arrangements verbindet und dadurch die Lesenden in einen vibrierenden Resonanzraum versetzt.
Thematisch kreist das Buch um die Dialektik von Genieverehrung und Selbstermächtigung. Es fragt, wie Bewunderung zur eigenen Stimme findet, ohne im Echo zu verhallen, und wie Nähe zu einer berühmten Figur zugleich Orientierung und Herausforderung bedeutet. Erinnerung, Bildung, künstlerische Arbeit an der Persönlichkeit und die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit strukturieren den Austausch. Auch der soziale Raum der Briefe tritt hervor: das Netzwerk von Häusern, Wegen und Begegnungen, in dem Beziehungen entstehen und geprüft werden. Dadurch wird das Schreiben selbst zum Handlungsmittel, zur Schule des Sehens und Fühlens, die das Subjekt in dauernder Bewegung hält.
Zum Charakter des Buches gehört, dass es nicht nur Briefe abdruckt, sondern sie ordnet, rahmt und mit erinnernden Passagen verbindet. Die Komposition macht aus verstreuten Schreiben einen erzählerischen Bogen; dadurch entsteht eine eigene literarische Gestalt, die Dokument und Kunstform miteinander verschränkt. Diese Anlage lenkt den Blick weniger auf archivische Genauigkeit als auf die Wahrheit eines gestalteten Erlebnisses. Wer liest, begegnet daher einer Korrespondenz, die bewusst präsentiert und interpretiert wird. In dieser Balance von Befund und Formung liegt ein wesentlicher Reiz des Werks und die Einladung, Authentizität und Darstellung gemeinsam zu bedenken.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch aktuell, weil es früh zeigt, wie öffentliche Aufmerksamkeit, persönliches Begehren und Selbstinszenierung ineinandergreifen. Es verhandelt Fragen, die in digitalen Kommunikationsräumen täglich neu auftauchen: Wie lässt sich Nähe über Medien herstellen, ohne in bloße Pose zu kippen? Wer verfügt über die Deutungshoheit gemeinsamer Erfahrungen? Darüber hinaus eröffnet die starke weibliche Stimme einen Zugang zur literarischen Kultur der Zeit, der Rollenmuster sichtbar macht und verschiebt. So wird der Briefwechsel zu einer Schule der Wahrnehmung, die Sensibilität mit Urteilskraft verbindet und den Blick für die Mechanismen von Ruhm und Beziehung schärft.
Wer sich auf diese Korrespondenz einlässt, erlebt ein Buch, das die intime Geste des Briefs bewahrt und doch den Horizont eines Zeitalters öffnet. Die Schauplätze und die symbolische Topografie Weimars verschränken sich mit einem inneren Weg, der sich über Sprache definiert. Lohnend ist langsames Lesen, das den Spannungen zwischen Spontaneität und Gestaltung nachspürt und die feinen Übergänge von Beobachtung zu Bekenntnis wahrnimmt. So erweist sich Goethes Briefwechsel mit einem Kinde als lebendige Literatur, die Vergangenheit nicht museal einfriert, sondern als Gegenwart der Stimme und des Denkens erfahrbar macht und zu eigener Aufmerksamkeit anstiftet.
Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, 1835 von Bettina von Arnim veröffentlicht, präsentiert sich als literarisch gestalteter Briefwechsel zwischen der jungen Autorin und Johann Wolfgang von Goethe. Der Band verbindet echtes Korrespondenzmaterial mit rückblickenden Erinnerungen und erzählerischen Rahmungen und entwirft das Bild einer geistigen Annäherung an das verehrte Vorbild. Aus der Perspektive des selbstbewusst naiven Kindes entsteht eine Mischung aus Schwärmerei, Selbstprüfung und Gespräch über Kunst und Leben. Schon der Publikationskontext der Spätromantik prägt den Ton: Innerlichkeit, Genieverehrung und Ich-Inszenierung überblenden dokumentarische Genauigkeit; die Authentizität einzelner Passagen wurde später vielfach diskutiert.
Zu Beginn skizziert die Erzählerin den Ursprung ihrer Zuneigung und den Wunsch, mit Goethe in einen lebendigen Austausch zu treten. Vermittelt durch Begegnungen im gesellschaftlichen Umfeld und insbesondere über den Kontakt zu Goethes Mutter entsteht ein erster Faden der Verständigung. Die Briefe fassen Eindrücke, Lektüren und Fragen, in denen die Schreibende ihren Platz im geistigen Kosmos Goethes suchen möchte. Dabei dient die Rolle des Kindes als Schutz und Provokation: Sie erlaubt unverstelltes Staunen und kühne Nähe, fordert aber zugleich Grenzen heraus. Der Ton ist leicht und eindringlich, der Anspruch bereits hoch.
Der Fortgang des Briefwechsels zeigt eine wachsende inhaltliche Spannweite. Naturbeobachtung, poetische Formen, religiöse Empfindung und künstlerische Bildung werden verknüpft zu einer programmatischen Suche nach Innerlichkeit und Wahrheit. Goethes knapper, maßvoller Umgang kontrastiert mit der überschwänglichen, impulsiven Stimme Bettinas, wodurch sich eine produktive Spannung ergibt. Eingelassene Erinnerungen an Gespräche mit der Frau Rat, Goethes Mutter, stützen die persönliche Dimension und schaffen eine Brücke zwischen bürgerlicher Lebensklugheit und dichterischer Vision. Zugleich strahlt die gesellschaftliche Umgebung auf die Kommunikation ab und setzt unausgesprochene Regeln. So formt sich der Eindruck eines Mentorenverhältnisses, das zwischen Bewunderung und Selbstbehauptung oszilliert und eine narrative Dynamik gewinnt.
Mit zunehmender Nähe gewinnt die Korrespondenz an Dringlichkeit. Persönliche Begegnungen ergänzen den schriftlichen Austausch und verdichten den Ton, zugleich werden soziale Konventionen und Rollenerwartungen sichtbarer. Die Erzählerin verhandelt, wie viel Freiheit ihr Empfinden beanspruchen darf, ohne Maß und Rücksicht zu verlieren. Dabei stehen die Fragen nach künstlerischer Berufung, weiblicher Autonomie und der Verantwortung des Genies im Raum. Der Band nutzt diese Fragen, um den Kontrast zwischen romantischem Überschwang und klassischer Selbstdisziplin zu schärfen. Schrittweise verschiebt sich der Schwerpunkt vom bloßen Staunen hin zum Versuch, eine eigenständige Stimme neben dem übermächtigen Vorbild zu behaupten.
Ein Wendepunkt zeichnet sich ab, als private Empfindungen und öffentliches Ansehen unübersehbar kollidieren. Die Nähe zur Dichterfigur wird zum Prüfstein: Je deutlicher Grenzen des persönlichen Umfelds hervortreten, desto prekärer wird die Rolle des Kindes. In der zeitgenössischen Überlieferung wird ein Konflikt im Umkreis des Haushalts Goethes als Auslöser späterer Verstimmungen genannt; der Band selbst lässt vor allem die Reibungen erkennen, die aus unterschiedlichen Erwartungen entstehen. Ohne eine endgültige Auflösung vorwegzunehmen, macht die Darstellung deutlich, dass Bewunderung und Selbstbehauptung nicht konfliktfrei vereinbar sind und dass Stilisierung nicht jede Verletzlichkeit vollends abfedert.
Formal entfaltet das Buch eine hybride Poetik aus Brief, Erinnerungsskizze und szenischem Bericht. Die Auswahl und Anordnung der Stücke erzeugen einen erzählerischen Bogen, der das Geschehen weniger dokumentiert als deutet. Spätere Debatten über die Genauigkeit einzelner Dokumente verweisen auf die künstlerische Bearbeitung, die Authentizität nicht aufgibt, sondern transformiert: Wahrheit erscheint als innere Wahrhaftigkeit der Empfindung. Damit wird die Korrespondenz zugleich Selbstporträt, Liebesroman im Geiste und Beitrag zur Goethe-Legende. Der performative Gestus der Kindlichkeit fungiert als poetische Methode, mit der Grenzen von Fakt und Form, Nähe und Distanz erprobt werden können.
Im Ergebnis steht ein Werk, das weniger eine Chronik des Umgangs mit Goethe liefert als eine prägende Selbsterzählung der Autorin in Auseinandersetzung mit einem kulturellen Maßstab. Goethes Briefwechsel mit einem Kinde prägte das Bild des Genies und machte Bettina von Arnim als Stimme der Spätromantik sichtbar, zugleich provozierte es Fragen nach Wahrheit, Autorrolle und weiblicher Autorität. Seine nachhaltige Wirkung liegt in der Spannung zwischen Bewunderung und Emanzipation, in der kunstvollen Konstruktion eines inneren Gesprächs und in der Einladung, die Grenzen zwischen Dokument und Dichtung mitzudenken, ohne den Zauber der Begegnung vollständig zu entzaubern.
Das Buch entstand im Umfeld des frühen 19. Jahrhunderts in den deutschsprachigen Staaten, mit Schauplätzen vor allem in Frankfurt am Main, Weimar und – im weiteren Umfeld des Autorsenkreises – Berlin. Prägend waren dort der klassische Weimarer Hof unter Carl August, die Universität Jena als geistiges Zentrum sowie die städtischen Salons und Verlage, die den literarischen Austausch trugen. Nach 1815 strukturierte der Deutsche Bund die politischen Rahmenbedingungen; Zensurbehörden wirkten seit den Karlsbader Beschlüssen 1819. Diese Institutionen prägten die Kommunikationswege, auf denen persönliche Briefe, Erinnerungen und literarische Selbstdarstellungen in den öffentlichen Diskurs gelangten.
Johann Wolfgang von Goethe, seit den 1770er Jahren am Weimarer Hof tätig und eine Leitfigur der Weimarer Klassik, war in diesen Jahrzehnten eine zentrale Referenz des literarischen Lebens. Bettina Brentano, 1785 in Frankfurt geboren und seit 1811 mit Achim von Arnim verheiratet, entstammte einem weit vernetzten, kunst‑ und literaturaffinen Milieu. Ihre familiären und freundschaftlichen Bindungen reichten in romantische Kreise hinein, die sich von Heidelberg bis Berlin formierten. Zwischen diesen Polen – klassischem Weimar und romantischen Netzwerken – bewegt sich der biografische und kommunikative Hintergrund des später veröffentlichten Briefwechsels, der reale Begegnungen und eine dokumentierte Beziehung zwischen der jungen Autorin und dem alternden Dichter voraussetzt.
Gesichert ist, dass Bettina Brentano über Goethes Mutter, Catharina Elisabeth Goethe, in Frankfurt am Main Zugang zum Weimarer Kreis fand. In den Jahren um 1807/1808 kam es zu persönlichen Begegnungen zwischen Bettina und Goethe; der Austausch kulminierte vor 1811 in intensivem Kontakt. 1811 jedoch brach Goethe den Umgang ab, nachdem es in Weimar zu einer Auseinandersetzung zwischen Bettina und Christiane Vulpius, Goethes Lebensgefährtin und spätere Ehefrau, gekommen war. Diese biografische Zäsur markiert das Ende der direkten Beziehung. Die später in Buchform vorgelegten Briefe beziehen sich überwiegend auf die Zeit vor diesem Bruch und auf das Umfeld der Frankfurter und Weimarer Bekanntschaften.
Die Jahre, auf die sich der Briefwechsel bezieht, waren von den Umbrüchen der napoleonischen Zeit geprägt. 1806 besiegten französische Truppen Preußen bei Jena und Auerstedt; Weimar und Jena gerieten unter Besatzung. Das Heilige Römische Reich endete 1806, und Verwaltungs‑ wie Bildungsreformen gewannen in mehreren Territorien an Fahrt. Literarische Debatten verlagerten sich verstärkt in Zeitschriften, Lesegesellschaften und Salons, in denen Subjektivität, Gefühl und Bildung verhandelt wurden. Für Autorinnen eröffneten der Brief und die salonfähige Konversation einen anerkannten Publikationsweg. Diese Konstellation schuf den Resonanzraum, in dem persönliche Korrespondenz als Träger kultureller Werte öffentliche Bedeutung gewinnen konnte.
Im literarischen Feld trafen die Ideale der Weimarer Klassik – Autonomie der Kunst, Maß und Bildung – auf die romantische Aufwertung von Gefühl, Inspiration und Fragment. Bettina Brentano gehörte zum erweiterten Kreis der Romantik um Achim von Arnim und Clemens Brentano; zugleich suchte sie das Gespräch mit Klassikern wie Goethe. Ihre Freundschaft mit Karoline von Günderrode, die 1806 starb, belegt die Nähe zu weiblichen Schreib‑ und Denkstilen jener Generation. Diese Übergangslage wird im späteren Buch spürbar: Es verknüpft Personenkult und Genieverehrung mit der romantischen Geste der subjektiven Selbstzeugnisse, ohne die kulturelle Autorität Weimars preiszugeben.
Goethes Briefwechsel mit einem Kinde erschien 1835, also nach Goethes Tod 1832, und wurde rasch viel gelesen. Das Buch nutzt die Aura des Dokumentarischen, ist jedoch editorisch stark geformt: Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass Bettina von Arnim Briefe kompilierte, kürzte und stilisierte; einzelne Texte gelten als nachträglich bearbeitet oder nicht authentisch überliefert. Zeitgenössische Reaktionen schwankten zwischen Bewunderung für die lebendige Goethe‑Zeichnung und Vorbehalten gegen die Vermischung von Dokument und Kunst. Der Band trug maßgeblich zur Popularisierung eines gefühlsgesättigten, intimisierten Goethe‑Bildes im bürgerlichen Lesepublikum bei. Parallel erschienen Erinnerungswerke wie Eckermanns Gespräche mit Goethe (1836), die das öffentliche Bild zusätzlich prägten.
Die Veröffentlichung fiel in eine Ära scharfer Publikationskontrolle. Seit 1819 unterlagen Druckschriften in vielen deutschen Staaten Vorzensur; 1835 erließ der Deutsche Bund das Verbot gegen die Autoren des Jungen Deutschland. Bettina von Arnims Band bewegte sich, trotz seiner zeitweilig kühnen Tonlage, primär im kulturellen Register und entzog sich so direkten politischen Sanktionen. Zugleich zeigt der Erfolg, wie autobiografische und briefbasierte Formen im Vormärz als scheinbar unpolitische Medien breite Wirkung entfalten konnten. Die mediale Infrastruktur von Leihbibliotheken, Lesegesellschaften und Feuilletons trug wesentlich dazu bei, das Werk über regionale Grenzen hinweg zu verbreiten.
Als Zeitdokument kommentiert Goethes Briefwechsel mit einem Kinde die Übergangsphase zwischen Klassik und Romantik, den Aufstieg bürgerlicher Lese‑ und Erinnerungskultur und die neue Sichtbarkeit weiblicher Autorschaft. Es macht exemplarisch sichtbar, wie die Verehrung des Genies, die Pflege persönlicher Nähe in Briefen und die Öffentlichkeit der Druckmedien einander bedingen. Dass der Band zugleich editorisch gestaltete Wirklichkeit darbietet, verweist auf die zeitgenössische Grenzziehung zwischen Authentizität und Kunst. In dieser Spannung liegt seine historische Aussagekraft: Das Buch konstruiert ein Bild von Goethe und seiner Epoche und zeigt, wie diese Bilder im Vormärz gesellschaftlich zirkulierten.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Haben sie von deinem Fehlen Immer viel erzählt, Und fürwahr, sie zu erzählen Vielfach sich gequält. Hätten sie von deinem Guten Freundlich dir erzählt, Mit verständig treuen Winken Wie man Bess'res wählt; O gewiß! Das Allerbeste Blieb uns nicht verhehlt, Das fürwahr nur wenig Gäste In der Klause zählt. –Westöstlicher Divan. Buch der Betrachtung.
Es ist kein Geschenk des Zufalls oder der Laune, was Ihnen hier dargebracht wird. Aus wohlüberlegten Gründen und mit freudigem Herzen biete ich Ihnen an das Beste, was ich zu geben vermag. Als Zeichen meines Dankes für das Vertrauen, was Sie mir schenken.
Die Menge ist nicht dazu geeignet, die Wahrheit, sondern nur den Schein zu prüfen; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspüren, das Rätselhafte in ihr aufzulösen ist ihr versagt, sie spricht nur ihre Täuschungen aus, erzeugt hartnäckige Vorurteile gegen bessere Überzeugung und beraubt den Geist der Freiheit, das vom Gewöhnlichen Abweichende in seiner Eigentümlichkeit anzuerkennen. In solchen Verwirrungen waren auch meine Ansichten von Ihnen verstrickt, während Sie aus eigner Bewegung, jedes verkleinernde Urteil über mich abweisend, mir freundlich zutrauten: »Sie würden Herz und Geist durch mich bereichern können«, wie sehr hat mich dies beschämt! – Die Einfachheit Ihrer Ansichten, Ihrer sich selbst beschauenden, selbstbildenden Natur, Ihr leiser Takt für fremde Stimmung, Ihr treffendes fertiges Sprachorgan; sinnbildlich vieldeutig in melodischem Stil innere Betrachtung wie äußere Gegenstände darstellend, diese Naturkunst Ihres Geistes, alles hat mich vielfältig über Sie zurechtgewiesen und mich mit jenem höheren Geist in Ihnen bekannt gemacht, der so manche Ihrer Äußerungen idealisch parodiert.
Einmal schrieben Sie mir: »Wer meinen Park sieht, der sieht in mein Herz.« Es war im vorigen Jahr in der Mitte September, daß ich am frühen Morgen, wo eben die Sonne ihre Strahlen ausbreitete, in diesen Park eintrat; es war große Stille in der ganzen Natur, reinliche Wege leiteten mich zwischen frischen Rasenplätzen, auf denen die einzelnen Blumenbüsche noch zu schlafen schienen; bald kamen geschäftige Hände, ihrer zu pflegen, die Blätter, die der Morgenwind abgeschüttelt hatte, wurden gesammelt und die verwirrten Zweige geordnet; ich ging noch weiter an verschiedenen Tagen und zu verschiedenen Stunden nach allen Richtungen, so weit ich kam, fand ich dieselbe Sorgfalt und eine friedliche Anmut, die sich über alles verbreitete. So entwickelt und pflegt der Liebende den Geist und die Schönheit des Geliebten, wie Sie hier ein anvertrautes Erbteil der Natur pflegen. Gern will ich glauben, daß dies der Spiegel Ihres tiefsten Herzens sei, da es so viel Schönes besagt; gern will ich glauben, daß das einfache Vertrauen zu Ihnen nicht minder gepflegt und geschätzt sei als jede einzelne Pflanze Ihres Parks. Dort hab' ich Ihnen auch aus meinen Briefen und dem Tagebuch an Goethe vorgelesen, Sie haben gern zugehört; ich gebe sie Ihnen jetzt hin, beschützen Sie diese Blätter wie jene Pflanzen, und so treten Sie abermals hier zwischen mich und das Vorurteil derer, die schon jetzt, noch eh' sie es kennen, dies Buch als unecht verdammen und sich selbst um die Wahrheit betrügen.
Lassen Sie uns einander gut gesinnt bleiben, was wir auch für Fehler und Verstoße in den Augen anderer haben mögen, die uns nicht in demselben Lichte sehen, wir wollen die Zuversicht zu einer höheren Idealität, die so weit alle zufä1lige Verschuldungen und Mißverständnisse und alle angenommene und herkömmliche Tugend überragt, nicht aufgeben. Wir wollen die mannigfaltigen edlen Veranlassungen, Bedeutungen und Interesse, verstanden und geliebt zu werden, nicht verleugnen, ob andre es auch nicht begreifen, so mag es ihnen ein Rätsel bleiben.
Im August 1834
Bettina Arnim.
Inhaltsverzeichnis
Dies Buch ist für die Guten und nicht für die Bösen.
Während ich beschäftigt war, diese Papiere für den Druck zu ordnen, hat man mich vielfältig bereden wollen, manches auszulassen oder anders zu wenden, weil es Anlaß geben könne zu Mißdeutungen. Ich merkte aber bald, man mag nur da guten Rat annehmen, wo er der eignen Neigung nicht widerspricht. Unter den vielen Ratgebern war nur einer, dessen Rat mir gefiel; er sagte: »Dies Buch ist für die Guten und nicht für die Bösen; nur böse Menschen können es übel ausdeuten, lassen Sie alles stehen, wie es ist, das gibt dem Buch seinen Wert, und Ihnen kann man auch nur Dank wissen, daß Sie das Zutrauen haben, man werde nicht mißdeuten, was der gute Mensch nie mißverstehen kann.« – Dieser Rat leuchtete mir ein, er kam von dem Faktor der Buchdruckerei von Trowitzsch und Sohn, Herrn Klein, derselbe, der mir Druck und Papier besorgte, Orthographiefehler korrigierte, Komma und Punkt zurechtrückte und bei meinem wenigen Verstand in diesen Sachen viel Geduld bewies. Diese seine ausgesprochne Meinung bestärkte mich darin, daß ich den bösen Propheten und den ängstlichen Ansichten der Ratgebenden nicht nachgab. Wie auch der Erfolg dieses Rates ausfallen mag, ich freue mich seiner, da er unbezweifelt von den Guten als der edelste anerkannt wird, die es nicht zugeben werden, daß die Wahrheit eines freudigen Gewissens sich vor den Auslegungen der Bösen flüchte.–
Auch dem Herrn Kanzler von Müller in Weimar sage ich Dank, daß er auf meine Bitte sich bemühte, trotz dem Drang seiner Geschäfte, meine Briefe aus Goethes umfassendem Nachlaß hervorzusuchen, es sind jetzt achtzehn Monate, daß ich sie in Händen habe; er schrieb mir damals: »So kehre denn dieser unberührte Schatz von Liebe und Treue zu der reichen Quelle zurück, von der er ausgeströmt! Aber eins möchte ich mir zum Lohn meiner gemessenen Vollziehung Ihres Wunsches und Willens wie meiner Enthaltsamkeit doch von Ihrer Freundschaft ausbitten. – Schenken Sie mir irgendein Blatt aus dieser ohne Zweifel lebenswärmsten Korrespondenz; ich werde es heilig aufbewahren, nicht zeigen noch kopieren lassen, aber mich zuweilen dabei still erfreuen, erbauen oder betrüben, je nachdem der Inhalt sein wird; immerhin werde ich ein zweifach liebes Andenken, einen Tropfen gleichsam Ihres Herzbluts, das dem größten und herrlichsten Menschen zuströmte, daran besitzen.« Ich habe diese Bitte nicht befriedigt, denn ich war zu eifersüchtig auf diese Blätter, denen Goethe eine ausgezeichnete Teilnahme geschenkt hatte, sie sind meistens von seiner Hand korrigiert, sowohl Orthographie als auch hie und da Wortstellung, manches ist mit Rötel unterstrichen, anderes wieder mit Bleistift, manches ist eingeklammert, anderes ist durchstrichen. Da ich ihn nach längerer Zeit wiedersah, öffnete er ein Schubfach, worin meine Briefe lagen, und sagte: »Ich lese alle Tage darin.« Damals erregten mir diese Worte einen leisen Schauer. Als ich jetzt diese Briefe wieder las, mit diesen Spuren seiner Hand, da empfand ich denselben Schauer, und ich hätte mich nicht leichtlich von einem der geringsten Blätter trennen mögen. Ich habe also die Bitte des Kanzler von Müller mit Schweigen übergangen, aber nicht undankbar vergessen; möge ihm der Gebrauch, den ich davon gemacht habe, beides, meinen Dank und meine Rechtfertigung, beweisen.
Inhaltsverzeichnis
Am 1. März 1807.
Liebste Frau Rat! Ich warte schon lange auf eine besondere Veranlassung, um den Eingang in unsere Korrespondenz zu machen. Seitdem ich aus Ihrem Abrahamsschoß, als dem Hafen stiller Erwartung, abgesegelt bin, hat der Sturmwind noch immer den Atem angehalten, und das Einerleileben[1] hat mich wie ein schleichend Fieber um die schöne Zeit gebracht. Wie sehr bejammere ich die angenehme Aussicht, die ich auf der Schawell zu Ihren Füßen hatte, nicht die auf den Knopf des Katharinenturms[2], noch auf die Feueresse der rußigen Zyklopen, die den goldnen Brunnen bewachen; nein! die Aussicht in Ihren vielsagenden feurigen Blick, der ausspricht, was der Mund nicht sagen kann. – Ich bin zwar hier mitten auf dem Markt der Abenteuer, aber das köstliche Netz, in dem mich Ihre mütterliche Begeistrung eingefangen, macht mich gleichgültig für alle. Neben mir an, Tür an Tür, wohnt der Adjutant des Königs; er hat rotes Haar, große blaue Augen, ich weiß einen, der ihn für unwiderstehlich hält, der ist er selber. Vorige Nacht weckte er mich mit seiner Flöte aus einem Traum, den ich für mein Leben gern weiter geträumt hätte, am andern Tag bedankt' ich mich, daß er mir noch so fromm den Abendsegen vorgeblasen habe; er glaubte, es sei mein Ernst, und sagte, ich sei eine Betschwester[5], seitdem nennen mich alle Franzosen so und wundern sich, daß ich mich nicht drüber ärgere: – ich kann aber doch die Franzosen gut leiden.
Gestern ist mir ein Abenteuer begegnet. Ich kam vom Spaziergang und fand den Rothschild[3] vor der Tür mit einem schönen Schimmel; er sagte: es sei ein Tier wie ein Lamm, und ob ich mich nicht draufsetzen wolle? – Ich ließ mich gar nicht bitten, kaum war ich aufgestiegen, so nahm das Lamm Reißaus und jagte in vollem Galopp mit mir die Wilhelmshöher Allee[4] hinauf, ebenso kehrte es wieder um. Alle kamen totenblaß mir entgegen, das Lamm blieb plötzlich stehen, und ich sprang ab; nun sprachen alle von ihrem gehabten Schreck; – ich fragte: »Was ist denn passiert?« – »Ei, der Gaul ist ja mit Ihnen durchgegangen!« – »So!« sagt' ich, »das hab' ich nicht gewußt.« – Rothschild wischte mit seinem seidnen Schnupftuch dem Pferd den Schweiß ab, legte ihm seinen Überrock auf den Rücken, damit es sich nicht erkälten solle, und führte es in Hemdärmel nach Haus; er hatte gefürchtet, es nimmermehr wiederzusehen. – Wie ich am Abend in die Gesellschaft kam, nannten mich die Franzosen nicht mehr Betschwester, sie riefen alle einstimmig: »Ah l'hëroine!«
Leb' Sie wohl, ruf' ich Ihr aus meiner Traumwelt zu, denn auch über mich verbreitet sich ein wenig diese Gewalt. Ein gar schöner (ja, ich müßte blind sein, wenn ich dies nicht fände), nun, ein feiner, schlanker, brauner Franzose sieht mich aus weiter Ferne mit scharfen Blicken an, er naht sich bescheiden, er bewahrt die Blume, die meiner Hand entfällt, er spricht von meiner Liebenswürdigkeit; Frau Rat, wie gefällt einem das? Ich tue zwar sehr kalt und ungläubig, wenn man indessen in meiner Nähe sagt: »Le roi vient«, so befällt mich immer ein kleiner Schreck, denn so heißt mein liebenswürdiger Verehrer.
Ich wünsche Ihr eine gute Nacht, schreib' Sie mir bald wieder.
Bettine.
Goethes Mutter an Bettine.
Am 14. März 1807.
Ich habe mir meine Feder frisch abknipsen lassen und das vertrocknete Tintenfaß bis oben vollgegossen, und weil es denn heute so abscheulich Wetter ist, daß man keinen Hund vor die Tür jagt, so sollst Du auch gleich eine Antwort haben. Liebe Bettine, ich vermisse Dich sehr in der bösen Winterzeit; wie bist Du doch im vorigen Jahr so vergnügt dahergesprungen kommen? – Wenn's kreuz und quer schneite, da wußt' ich, das war so ein recht Wetter für Dich, ich braucht' nicht lange zu warten, so warst Du da. Jetzt guck' ich auch immer noch aus alter Gewohnheit nach der Ecke von der Katharinenpfort', aber Du kommst nicht, und weil ich das ganz gewiß weiß, so kümmert's mich. Es kommen Visiten genug, das sind aber nur so Leutevisiten, mit denen ich nichts schwätzen kann.
Die Franzosen hab' ich auch gern – das ist immer ein ganz ander Leben, wenn die französische Einquartierung hier auf dem Platz ihr Brot und Fleisch ausgeteilt kriegt, als wenn die preußische oder hessische Holzböck' einrücken.
Ich hab' recht meine Freud' gehabt am Napoleon[6], wie ich den gesehen hab'; er ist doch einmal derjenige, der der ganzen Welt den Traum verzaubert, und dafür können sich die Menschen bedanken, denn wenn sie nicht träumten, so hätten sie auch nichts davon und schliefen wie die Säck', wie's die ganze Zeit gegangen ist.
Amüsiere Dich recht gut und sei lustig, denn wer lacht, kann keine Todsünd' tun[1q].
Deine Freundin
Elisabeth Goethe.
Nach dem Wolfgang frägst Du gar nicht; ich hab' Dir's ja immer gesagt: wart' nur bis einmal ein andrer kommt, so wirst Du schon nicht mehr nach ihm seufzen
*
Am 20. März 1807
Frau Rat! Geh' Sie doch mit Ihren Vorwürfen; – das antwort' ich Ihr auf Ihre Nachschrift, und sonst nichts.
Jetzt rat' Sie einmal, was der Schneider für mich macht. Ein Andrieng? – Nein! – Eine Kontusche? – Nein! Einen Joppel? – Nein! Eine Mantille? – Nein! Ein paar Boschen? – Nein! Einen Reifrock? – Nein! Einen Schlepprock? – Nein! Ein Paar Hosen? – Ja! – Vivat – jetzt kommen andre Zeiten angerückt – und auch eine Weste und ein Überrock dazu. Morgen wird alles anprobiert, es wird schon sitzen, denn ich hab' mir alles bequem und weit bestellt, und dann werf' ich mich in eine Chaise und reise Tag und Nacht Kurier durch die ganzen Armeen zwischen Feind und Freund durch; alle Festungen tun sich vor mir auf, und so geht's fort bis Berlin, wo einige Geschäfte abgemacht werden, die mich nichts angehn. Aber dann geht's eilig zurück und wird nicht eher haltgemacht bis Weimar. OFrau Rat, wie wird's denn dort aussehen? – Mir klopft das Herz gewaltig, obschon ich noch bis zu Ende April reisen kann, ehe ich dort hinkomme. Wird mein Herz auch Mut genug haben, sich ihm hinzugeben? – Ist mir's doch, als ständ' er eben vor der Tür! – Alle Adern klopfen mir im Kopf; ach wär' ich doch bei Ihr! – Das allein könnt' mich ruhig machen, daß ich säh', wie Sie auch vor Freud' außer sich wär', oder wollt' mir einer einen Schlaftrunk geben, daß ich schlief', bis ich bei ihm erwachte. Was werd' ich ihm sagen? – Ach, nicht wahr, er ist nicht hochmütig? – Von Ihr werd' ich ihm auch alles erzählen, das wird er doch gewiß gern hören. Adieu, leb' Sie wohl und wünsch' Sie mir im Herzen eine glückliche Reis'. Ich bin ganz schwindlig.
Bettine.
Aber das muß ich Ihr doch noch sagen, wie's gekommen ist. Mein Schwager kam und sagte, wenn ich seine Frau überreden könne, in Männerkleidern mit ihm eine weite Geschäftsreise zu machen, so wolle er mich mitnehmen und auf dem Rückweg mir zulieb über Weimar gehen. Denk' Sie doch, Weimar schien mir immer so entfernt, als wenn es in einem andern Weltteil läg', und nun ist's vor der Tür.
*
Am 5. Mai 1807.
Liebe Frau Rat! Eine Schachtel wird Ihr mit dem Postwagen zukommen, beste Frau Mutter, darin sich eine Tasse befindet; es ist das sehnlichste Verlangen, Sie wieder zu sehen, was mich treibt, Ihr solche unwürdige Zeichen meiner Verehrung zu senden. Tue Sie mir den Gefallen, Ihren Tee früh morgens draus zu trinken, und denk' Sie meiner dabei. – Ein Schelm gibt's besser, als er's hat.
Den Wolfgang hab' ich endlich gesehen; aber ach, was hilft's? Mein Herz ist geschwellt wie das volle Segel eines Schiffs, das fest vom Anker gehalten ist am fremden Boden und doch so gern ins Vaterland zurück möchte.
Adieu, meine liebe gute Frau Mutter, halt' Sie mich lieb.
Bettine Brentano.
Goethes Mutter an Bettine.
Am 11. Mai 1807.
Was läßt Du die Flügel hängen? Nach einer so schönen Reise schreibst Du einen so kurzen Brief, und schreibst nichts von meinem Sohn, als daß Du ihn gesehen hast; das hab' ich auch schon gewußt, und er hat mir's gestern geschrieben. Was hab' ich von Deinem geankerten Schiff? Da weiß ich soviel wie nichts. Schreib' doch, was passiert ist. Denk' doch, daß ich ihn acht Jahre nicht gesehen hab' und ihn vielleicht nie wieder seh'; wenn Du mir nichts von ihm erzählen willst, wer soll mir dann erzählen? – Hab' ich nicht Deine alberne Geschichten hundertmal angehört, die ich auswendig weiß, und nun, wo Du etwas Neues erfahren hast, etwas Einziges, wo Du weißt, daß Du mir die größte Freud' machen könntest, da schreibst Du nichts. Fehlt Dir denn was? – Es ist ja nicht übers Meer bis nach Weimar. Du hast ja jetzt selbst erfahren, daß man dort sein kann, bis die Sonne zweimal aufgeht. – Bist Du traurig? – Liebe, liebe Tochter, mein Sohn soll Dein Freund sein, Dein Bruder, der Dich gewiß liebt, und Du sollst mich Mutter heißen in Zukunft für alle Täg', die mein spätes Alter noch zählt, es ist ja doch der einzige Name, der mein Glück umfaßt.
Deine treue Freundin
Elisabeth Goethe.
Vor die Tasse bedank' ich mich.
An Goethes Mutter.
Am 16. Mai 1807.
Ich hab' gestern an Ihren Sohn geschrieben; verantwort' Sie es bei ihm. Ich will Ihr auch gern alles schreiben, aber ich hab' jetzt immer so viel zu denken, es ist mir fast eine Unmöglichkeit, mich loszureißen, ich bin in Gedanken immer bei ihm; wie soll ich denn sagen, wie es gewesen ist? – Hab' Sie Nachsicht und Geduld; ich will die ander' Woch' nach Frankfurt kommen, da kann Sie mir alles abfragen.
Ihr Kind
Bettine.
Ich lieg' schon eine Weile im Bett, und da treibt mich's heraus, daß ich Ihr alles schreib' von unserer Reise. – Ich hab' Ihr ja geschrieben, daß wir in männlicher Kleidung durch die Armeen passierten. Gleich vorm Tor ließ uns der Schwager aussteigen, er wollte sehen wie Kleidung uns stehe. Die Lulu sah sehr gut aus, denn sie ist prächtig gewachsen, und die Kleidung war sehr passend gemacht; mir war aber alles zu weit und zu lang, als ob ich's auf dem Grempelmarkt erkauft hätte. Der Schwager lachte über mich und sagte, ich sähe aus wie ein Savoyardenbube, ich könnte gute Dienste leisten. Der Kutscher hatte uns vom Weg abgefahren durch einen Wald, und wie ein Kreuzweg kam, da wußt' er nicht wohinaus; obschon es nur der Anfang war von der ganzen vier Wochen langen Reise, so hatt' ich doch Angst, wir könnten uns verirren und kämen dann zu spät nach Weimar; ich klettert' auf die höchste Tanne, und da sah ich bald, wo die Chaussee lag. Die ganze Reise hab' ich auf dem Bock gemacht; ich hatte eine Mütze auf von Fuchspelz, der Fuchsschwanz hing hinten herunter. Wenn wir auf die Station kamen, schirrte ich die Pferde ab und half auch wieder anspannen. Mit den Postillons sprach ich gebrochen Deutsch, als wenn ich ein Franzose wär'. Im Anfang war schön' Wetter, als wollt' es Frühling werden, bald wurd' es ganz kalter Winter; wir kamen durch einen Wald von ungeheuren Fichten und Tannen, alles bereift, untadelhaft, nicht eine Menschenseele war des Wegs gefahren, der ganz weiß war; noch obendrein schien der Mond in dieses verödete Silberparadies, eine Totenstille – nur die Räder pfiffen von der Kälte. Ich saß auf dem Kutschersitz und hatte gar nicht kalt; die Winterkält' schlägt Funken aus mir; – wie's nah an die Mitternacht rückte, da hörten wir pfeifen im Walde; mein Schwager reichte mir ein Pistol aus dem Wagen und fragte, ob ich Mut habe loszuschießen, wenn die Spitzbuben kommen, ich sagte: »Ja.« Er sagte: »Schießen Sie nur nicht zu früh.« Die Lulu hatte große Angst im Wagen, ich aber unter freiem Himmel, mit der gespannten Pistole, den Säbel umgeschnallt, unzählige funkelnde Sterne über mir, die blitzenden Bäume, die ihren Riesenschatten auf den breiten mondbeschienenen Weg warfen – das alles machte mich kühn auf meinem erhabenen Sitz. – Da dacht' ich an ihn, wenn der mich in seinen Jugendjahren so begegnet hätte, ob das nicht einen poetischen Eindruck auf ihn gemacht haben würde, daß er Lieder auf mich gemacht hätte und mich nimmermehr vergessen. Jetzt mag er anders denken – er wird erhaben sein über einen magischen Eindruck; höhere Eigenschaften (wie soll ich die erwerben?) werden ein Recht über ihn behaupten. Wenn nicht Treue – ewige, an seine Schwelle gebannt, mir endlich ihn erwirbt! So war ich in jener kalten hellen Winternacht gestimmt, in der ich keine Gelegenheit fand, mein Gewehr loszuschießen, erst wie der Tag anbrach, erhielt ich Erlaubnis loszudrücken; der Wagen hielt, und ich lief in den Wald und schoß in die dichte Einsamkeit Ihrem Sohn zu Ehren mutig los, indessen war die Achse gebrochen; wir fällten einen Baum mit dem Beil, das wir bei uns hatten, und knebelten ihn mit Stricken fest; da fand denn mein Schwager, daß ich sehr anstellig war, und lobte mich. So ging's fort bis Magdeburg; präzis sieben Uhr abends wird die Festung gesperrt, wir kamen eine Minute nachher und mußten bis den andern Morgen um sieben halten; es war nicht sehr kalt, die beiden im Wagen schliefen. In der Nacht fing's an zu schneien, ich hatte den Mantel über den Kopf genommen und blieb ruhig sitzen auf meinem freien Sitz; am Morgen guckten sie aus dem Wagen, da hatte ich mich in einen Schneemann verwandelt, aber noch eh' sie recht erschrecken konnten, warf ich den Mantel ab, unter dem ich recht warm gesessen hatte. In Berlin war ich wie ein Blinder unter vielen Menschen, und auch geistesabwesend war ich, an nichts konnt' ich teilnehmen, ich sehnte mich nur immer nach dem Dunkel, um von nichts zerstreut zu sein, um an die Zukunft denken zu können, die so nah gerückt war. Ach, wie oft schlug es da Alarm! – plötzlich, unversehens, mitten in die stille Ruhe, ich wußte nicht von was. Schneller, als ich's denken konnte, hatte mich ein süßer Schrecken erfaßt. OMutter, Mutter! denk' Sie an Ihren Sohn, wenn Sie wüßte, sie sollte ihn in kurzer Zeit sehen, sie wär' auch wie ein Blitzableiter, in den alle Gewitter einschlugen. – Wie wir nur noch wenig Meilen von Weimar waren, da sagte mein Schwager, er wünsche nicht den Umweg über Weimar zu machen und lieber eine andre Straße zu fahren. Ich schwieg stille, aber die Lulu litt es nicht; sie sagte: »Einmal wär' mir's versprochen und er müßte mir Wort halten.« – Ach Mutter! – das Schwert hing an einem Haar über meinem Haupt, aber ich kam glücklich drunter weg.
In Weimar kamen wir um zwölf Uhr an; wir aßen zu Mittag, ich aber nicht. Die beiden legten sich aufs Sofa und schliefen; drei Nächte hatten wir durchwacht. »Ich rate Ihnen«, sagte mein Schwager, »auch auszuruhen; der Goethe wird sich nicht viel draus machen, ob Sie zu ihm kommen oder nicht, und was Besondres wird auch nicht an ihm zu sehen sein.« Kann Sie denken, daß mir diese Rede allen Mut benahm? – Ach, ich wußte nicht, was ich tun sollte, ich war ganz allein in der fremden Stadt; ich hatte mich anders angekleidet; ich stand am Fenster und sah nach der Turmuhr, eben schlug es halb drei. – Es war mir auch so, als ob sich Goethe nichts draus machen werde, mich zu sehen; es fiel mir ein, daß ihn die Leute stolz nennen; ich drückte mein Herz fest zusammen, daß es nicht begehren solle; – auf einmal schlug es drei Uhr. Und da war's doch auch grad', als hätte er mich gerufen, ich lief hinunter nach dem Lohnbedienten, kein Wagen war da, eine Portechaise? Nein, sagt' ich, das ist eine Equipage fürs Lazarett. Wir gingen zu Fuß. Es war ein wahrer Schokoladenbrei auf der Straße, über den dicksten Morast mußte ich mich tragen lassen, und so kam ich zu Wieland[8], nicht zu Ihrem Sohn. Den Wieland hatte ich nie gesehen, ich tat, als sei ich eine alte Bekanntschaft von ihm, er besann sich hin und her und sagte: »Ja, ein lieber bekannter Engel sind Sie gewiß, aber ich kann mich nur nicht besinnen, wann und wo ich Sie gesehen habe.« Ich scherzte mit ihm und sagte: »Jetzt hab' ich's herausgekriegt, daß Sie von mir träumen, denn anderswo können Sie mich unmöglich gesehen haben.«Von ihm ließ ich mir ein Billett[9] an Ihren Sohn geben, ich hab' es mir nachher mitgenommen und zum Andenken aufbewahrt; und hier schreib' ich's Ihr ab. »Bettina Brentano, Sophiens Schwester, Maximilians Tochter, Sophie LaRochens Enkelin wünscht Dich zu sehen, l.Br., und gibt vor, sie fürchte sich vor Dir, und ein Zettelchen, das ich ihr mitgebe, würde ein Talisman sein, der ihr Mut gäbe. Wiewohl ich ziemlich gewiß bin, daß sie nur ihren Spaß mit mir treibt, so muß ich doch tun, was sie haben will, und es soll mich wundern, wenn Dir's nicht ebenso wie mir geht.
Den 23. April 1807.
W.«
Mit diesem Billett ging ich hin, das Haus liegt dem Brunnen gegenüber; wie rauschte mir das Wasser so betäubend – ich kam die einfache Treppe hinauf, in der Mauer stehen Statuen von Gips, sie gebieten Stille. Zum wenigsten ich könnte nicht laut werden auf diesem heiligen Hausflur. Alles ist freundlich und doch feierlich. In den Zimmern ist die höchste Einfachheit zu Hause, ach so einladend! »Fürchte dich nicht«, sagten mir die bescheidnen Wände, »er wird kommen und wird sein, und nichtmehrsein wollen wie Du«, – und da ging die Tür auf, und da stand er feierlich ernst und sah mich unverwandten Blickes an; ich streckte die Hände nach ihm, glaub' ich – bald wußt' ich nichts mehr, Goethe fing mich rasch auf an sein Herz.»Armes Kind, hab' ich Sie erschreckt«, das waren die ersten Worte, mit denen seine Stimme mir ins Herz drang; er führte mich in sein Zimmer und setzte mich auf das Sofa gegen sich über. Da waren wir beide stumm, endlich unterbrach er das Schweigen: »Sie haben wohl in der Zeitung gelesen, daß wir einen großen Verlust vor wenig Tagen erlitten haben durch denTod der Herzogin Amalie[7].« »Ach!« sagt' ich, »ich lese die Zeitung nicht.« – »So! – Ich habe geglaubt, alles interessiere Sie, was in Weimar vorgehe.« – »Nein, nichts interessiert mich als nur Sie, und da bin ich viel zu ungeduldig, in der Zeitung zu blättern.« – »Sie sind ein freundliches Kind.« – Lange Pause – ich auf das fatale Sofa gebannt, so ängstlich. Sie weiß, daß es mir unmöglich ist, so wohlerzogen da zu sitzen. Ach Mutter! Kann man sich selbst so überspringen? – Ich sagte plötzlich: »Hier auf dem Sofa kann ich nicht bleiben«, und sprang auf. – »Nun!« sagte er, »machen Sie sich's bequem«; nun flog ich ihm an den Hals, er zog mich aufs Knie und schloß mich ans Herz. – Still, ganz still war's, alles verging. Ich hatte so lange nicht geschlafen; Jahre waren vergangen in Sehnsucht nach ihm – ich schlief an seiner Brust ein[2q]; und da ich aufgewacht war, begann ein neues Leben. Und mehr will ich Ihr diesmal nicht schreiben.
Bettine.
*
September 1807.
Frau Rat, so oft mir was Komisches begegnet, so denk' ich an Sie, und was das für ein Jubel und für eine Erzählung sein würde, wenn Sie es selbst erlebt hätte. Hier, in dem traubenreichen Mildeberg sitze ich bei meinem Herrn Schwab, der ehmals bei unserm Vater Schreiber war und uns Kinder alle mit seinen Märchen großgezogen hat. Er kann zum wenigsten so gut erzählen wie Sie, aber er schneidet auf und verbraucht Juden- und Heidentum, die entdeckte und unentdeckte Welt zur Dekoration seiner Abenteuer; Sie aber bleibt bei der Wahrheit, aber mit so freudigen Ausrufungszeichen, daß man wunder denkt, was passiert ist. Ich habe das Eichhörnchen, was Sie mir mitgab, im großen Eichenwald ins Freie gesetzt, es war Zeit – die fünf Meilen, die es im Wagen fuhr, hat es großen Schaden gemacht, und im Wirtshaus hat es über Nacht dem Bürgermeister die Pantoffel zerfressen. Ich weiß gar nicht, wie Sie es gemacht hat, daß es Ihr nicht alle Gläser umgeworfen, alle Möbel angenagt und alle Hauben und Tocken beschmutzt hat. Mich hat's gebissen, aber im Andenken an den schönen stolzen Franzosen, der es auf seinem Helm vom südlichen Frankreich bis nach Frankfurt in Ihr Haus gebracht hat, hab' ich ihm verziehen. Im Wald setzte ich's auf die Erde, wie ich wegging, sprang es wieder auf meine Schulter und wollte von der Freiheit nichts profitieren, und ich hätt's gern wieder mitgenommen, weil mich's lieber hatte als die schönen grünen Eichbäume. Wie ich aber in den Wagen kam, machten die andern so großen Lärm und schimpften so sehr auf unsern lieben Stubenkameraden, daß ich's in den Wald tragen mußte. Ich ließ dafür auch lange warten; ich suchte mir den schönsten Eichbaum im ganzen Wald und kletterte hinauf. Da oben ließ ich's aus seinem Beutel, es sprang gleich lustig von Ast zu Ast und machte sich an die Eicheln, unterdessen kletterte ich hinunter. Wie ich unten ankam, hatte ich die Richtung nach dem Wagen verloren, und obschon ich nach mir rufen hörte, konnte ich gar nicht unterscheiden, wo die Stimmen herkamen. Ich blieb stehen, bis sie herbeikamen, um mich zu holen; sie zankten alle auf mich, ich schwieg still, legte mich im Wagen auf drei Selterskrüge unten am Boden und schlief einen herrlichen Schlaf, bis bei Mondschein, wo der Wagen umfiel, ganz sanft, daß niemand beschädigt ward. Eine nußbraune Kammerjungfer flog vom Bock und legte sich am flachen Mainufer in romantischer Unordnung grade vor das Mondantlitz in Ohnmacht; zwei Schachteln mit Blonden und Bändern flogen etwas weiter und schwammen ganz anständig den Main hinab; ich lief nach, immer im Wasser, das jetzt bei der großen Hitze sehr flach ist, alles rief mir nach, ob ich toll sei, – ich hörte nicht, und ich glaub', ich wär' in Frankfurt wieder mitsamt den Schachteln angeschwommen, wenn nicht ein Nachen hervorgeragt hätte, an dem sie haltmachten. Ich packte sie unter beide Arme und spazierte in den klaren Wellen wieder zurück. Der Bruder Franz sagte: »Du bist unsinnig, Mädchen«, und wollte mit seiner sanften Stimme immer zanken; ich zog die nassen Kleider aus, wurde in einen weichen Mantel gewickelt und in den zugemachten Wagen gepackt.–
In Aschaffenburg legte man mich mit Gewalt ins Bett und kochte mir Kamillentee. Um ihn nicht zu trinken, tat ich, als ob ich fest schlafe. Da wurde von meinen Verdiensten verhandelt, wie ich doch gar ein zu gutes Herz habe, daß ich voll Gefälligkeit sei und mich selber nie bedenke, wie ich gleich den Schachteln nachgeschwommen, und wenn ich die nicht wiedergefischt hätte, so würde man morgen nicht haben mit der Toilette fertig werden können, um beim Fürst Primas[13] zu Mittag zu essen. Ach! sie wußten nicht, was ich wußte, – daß nämlich unter dem Wust von falschen Locken, von goldnen Kämmen, Blonden, in rotsamtner Tasche ein Schatz verborgen war, um den ich beide Schachteln ins Wasser geworfen haben würde mit allem, was mein und nicht mein gehörte, und daß, wenn diese nicht drin gewesen wär', so würde ich mich über die Rückfahrt der Schachteln gefreut haben. In dieser Tasche liegt verborgen ein Veilchenstrauß, den Ihr Herr Sohn, in Weimar in Gesellschaft bei Wieland, mir heimlich im Vorübergehen zuwarf. – Frau Mutter, damals war ich eifersüchtig auf den Wolfgang und glaubte, die Veilchen seien ihm von Frauenhand geschenkt; er aber sagte: kannst du nicht zufrieden sein, daß ich sie dir gebe? – Ich nahm heimlich seine Hand und zog sie an mein Herz, er trank aus seinem Glas und stellte es vor mich, daß ich auch draus trinken sollte; ich nahm es mit der linken Hand und trank und lachte ihn aus, denn ich wußte, daß er es hier hingestellt hatte, damit ich seine Hand loslassen sollte. Er sagte: »Hast du solche List, so wirst du auch wohl mich zu fesseln wissen mein Leben lang.« Ich sag' Ihr, mach' Sie sich nicht breit, daß ich Ihr mein heimlichstes Herz vertraue; – ich muß wohl jemand haben, dem ich's mitteile. Wer ein schön Gesicht hat, der will es im Spiegel sehen, Sie ist der Spiegel meines Glücks, und das ist grade jetzt in seiner schönsten Blüte, und da muß es denn der Spiegel oft in sich aufnehmen. Ich bitte Sie, klatsch' Sie ihrem Herrn Sohn im nächsten Brief, den Sie gleich morgen schreiben kann und nicht erst eine Gelegenheit abzuwarten braucht, daß ich dem Veilchenstrauß in der Schachtel in kühler Mondnacht nachgeschwommen bin, wohl eine Viertelstunde lang, so lang war es aber nicht, und daß die Wellen mich wie eine Wassergöttin dahingetragen haben, – es waren aber keine Wellen, es war nur seichtes Wasser, das kaum die leichten Schachteln hob; und daß mein Gewand aufgebauscht war um mich her wie ein Ballon. Was sind denn die Reifröcke seiner Jugendliebschaften alle gegen mein dahinschwimmendes Gewand! Sag' Sie doch nicht, Ihr Herr Sohn sei zu gut für mich, um einen Veilchenstrauß solche Lebensgefahr zu laufen! Ich schließ' mich an die Epoche der empfindsamen Romane und komme glücklich im »Werther[11]« an, wo ich denn gleich die Lotte zur Tür hinauswerfen möchte. Ihr Herr Sohn hat einen schlechten Geschmack an dem weißen Kleide mit Rosaschleifen. Ich will gewiß in meinem Leben kein weißes Gewand anziehen; grün, grün sind alle meine Kleider.
Apropos, guck' Sie doch einmal hinter ihren Ofenschirm, wo Sie immer die schön bemalte Seite gegen die Wand stellt, damit die Sonne ihn nicht ausbleicht; da wird Sie entdecken, daß das Eichhörnchen der Ofengöttin großen Schaden getan hat, und daß es ihr das ganze Angesicht blaß gemacht hat. Ich wollt' Ihr nichts sagen, weil ich doch das Eichhörnchen gegen Ihren Befehl an den Ofenschirm gebunden hatte, und da fürchtete ich, Sie könnte bös' werden, drum hab' ich's Ihr schreiben wollen, damit Sie in meiner Abwesenheit Ihren Zorn kann austoben lassen. Morgen geht's nach Aschaffenburg, da schreib' ich Ihr mehr. Mein Schawellchen soll die Lieschen ausklopfen, damit die Motten nicht hineinkommen, lasse Sie ja keinen andern drauf sitzen, adje, Frau Rat, ich bin Ihre untertänige Magd.–
An Frau Rat Goethe.
Frau Rat, Sie hat eine recht garstige Hand, eine wahre Katzenpfote, nicht die, mit der Sie im Theater klatscht, wenn der Schauspieler Werdi wie ein Mülleresel dahertrappst und tragisches Schicksal spielen will, nein, sondern die geschriebene Hand ist häßlich und unleserlich. Mir kann Sie zwar immer so undeutlich, wie Sie will, schreiben, daß ich ein albernes Ding bin; ich kann's doch lesen, gleich am ersten großenA. Denn was sollte es sonst heißen? Sie hat mir's ja oft genug gesagt; aber wenn Sie an Ihren Herrn Sohn schreibt von mir, befleißige Sie sich der Deutlichkeit; die Mildeberger Trauben hab' ich noch herausgekriegt, die Sie in chaldäischen und hebräischen Buchstaben verzeichnet hat, ich werde Ihr eine ganze Schachtel voll bestellen, das hätt' ich auch ohnedem getan. Der Herr Schlosser hat mir übrigens nichts Besondres in Ihrem Brief geschrieben. Ich kann das auch nicht leiden, daß Sie sich die Zeit von ihm vertreiben läßt, wenn ich nicht da bin, und ich sag' Ihr: lasse Sie ihn nicht auf meiner Schawelle sitzen, er ist auch so einer, der Laute spielen will und glaubt, er könne auf meiner Schawelle sitzen, und Sie auch, wenn Sie ihn sooft sieht, so bild't Sie sich ein, er wär' besser als ich; Sie hat so schon einmal geglaubt, er wär' ein wahrer Apoll von Schönheit bis ich Ihr die Augen aufgetan habe, und die Fr.Rat Schlosser hat gesagt, daß, wie er neugeboren war, so habe man ihn auf ein grünes Billard gelegt, da habe er so schön abgestochen und habe ausgesehen wie ein glänzender Engel; ist denn Abstechen eine so große Schönheit? Adieu, ich sitze in einer Raufe, wo die Kuh den Klee herausfrißt, und schreibe; schreib' Sie das nicht an Ihren Sohn; das könnte ihm zu toll vorkommen, denn ich selbst, wenn ich denke: ich fände meinen Schatz im Kuhstall sitzen und zärtliche Briefe an mich schreiben, ich weiß auch nicht, wie ich mich benehmen sollte. Doch sitze ich hier oben aus lauter Verzweiflung, und weil ich mich versteckt habe, und weil ich allein sein möchte, um an ihn zu denken. Adieu Fr.Rat.
Wir haben gestern beim Primas zu Mittag gegessen, es war Fasttag; da waren wunderliche Speisen, die Fleisch vorstellten und doch keins waren. Da wir ihm vorgestellt wurden, faßte er mich am Kinn und nannte mich kleiner Engel, liebliches Kind; ich fragte, wie alt er denn glaubt, daß ich sei? »Nun, zwölf Jahre allenfalls.«»Nein, dreizehn«, sagte ich. »Ja«, sagte er, »das ist schon alt, da müssen Sie bald regieren.«
(Die Antwort fehlt.)
*
Winckel.
Liebe Frau Rat! – Alles, was ich aufgeschrieben habe, das will ich Ihr vorlesen; Sie kann selbst sich überzeugen, daß ich nichts hinzugesetzt habe und das bloß geschrieben, was meine Augen Ihr aus dem Mund gesogen haben, nur das kann ich nicht begreifen, daß es aus Ihrem Mund so gescheit lautet, und daß meine Feder es so dumm wiedergibt; daß ich nicht sehr klug bin, davon geb' ich häufige Beweise. Also das kann ich wohl zugeben, daß Sie zu den Leuten sagt, Sie wünscht, sie wären alle so närrisch wie ich; aber sag' Sie ja nicht, ich sei klug, sonst kompromittiert Sie sich, und der Wirt in Kassel an der großen Rheinbrücke kann den Gegenbeweis führen. Es war so langweilig, bis unsere ganze Bagage an der Douane untersucht war, ich nahm den Mückenplätscher und verfolgte ein paar Mücken, sie setzten sich an die Fensterscheiben, ich schlug zu, die Scheibe flog hinaus und mit ihr die Mücken in die goldne Freiheit, über den großen stolzen Rhein hinüber; der Wirt sagte, das war dumm; und ich war sehr beschämt.
Ach Fr. Mutter! Was ist hier in dem Langenwinkel für ein wunderlich Leben; das soll schöne Natur sein und ist es auch gewiß, ich hab' nur keinen Verstand, es zu erkennen. Eh' meine Augen hinüber auf den Johannisberg schweifen, werden sie von ein paar schmutzigen Gassen in Beschlag genommen und von einem langen Feld raupenfräßiger Zwetschen- und Birnenbäume. Aus jedem Gaubloch hängen Perlenschnüre von getrockneten Schnitzeln und Hutzeln; der Lohgerber gegen uns über durchdampft alle Wohlgerüche der Luft; alle fünf Sinne gehören dazu, um etwas in seiner Schönheit zu empfinden, und wenn auch die ganze Natur noch so sehr entzückend wär' und ihr Duft führte nicht auch den Beweis, so wär' der Prozeß verloren.
Die Orgel klingt auch ganz falsch hier in der Kirche. Man mußte vonFr. bis Winckel reisen, um eine so grobe Disharmonie zu Ehren Gottes aufführen zu hören.
Leb' Sie recht wohl.
Bettine
Unser Kutscher wird Ihr eine Schachtel mit Pfirsich bringen, verderb' Sie sich nicht den Magen, denn der ist nicht göttlich und läßt sich leicht verführen.
Wir waren am letzten Donnerstag mit den beiden Schlossers bis Lorch. Man fuhr auf dem Wasser, Christian Schlosser glaubte die Wasserfahrt nicht vertragen zu können und ging den Weg zu Fuß; ich ging mit ihm, um ihm die Zeit zu vertreiben, aber ich hab's bereut. Zum erstenmal hab' ich über den Wolfgang mit einem andern gesprochen wie mit Ihr, und das war eine Sünde. Alles kann ich wohl vertragen von ihm zu hören, aber kein Lob und keine Liebe; Sie hat Ihren Sohn lieb und hat ihn geboren, das ist keine Sünde, und ich lasse mir's gefallen: aber mehr nicht; die andern sollen nur keine weitere Prätensionen machen. Sie frägt zwar, ob ich ihn allein gepacht habe? – Ja, Fr.Rath, darauf kann ich Ihr antworten. Ich glaub', daß es eine Art und Weise gibt, jemand zu besitzen, die niemand streitig machen kann; diese üb' ich an Wolfgang, keiner hat es vor mir gekonnt, das weiß ich, trotz allen seinen Liebschaften, von denen sie mir erzählt. – Vor ihm tu' ich zwar sehr demütig, aber hinter seinem Rücken halte ich ihn fest, und da müßte er stark zappeln, wenn er los will.
Fr. Rat! – Ich kenne die Prinzen und Prinzessinnen nur aus der Zauberwelt der Feenmärchen und aus Ihren Beschreibungen, und die geben einander nichts nach; dort sind zwar die schönsten Prinzessinnen in Katzen verwandelt, und gewöhnlich werden sie durch einen Schneider erlöst und geheiratet. Das überleg' Sie doch auch, wenn Sie wieder ein Märchen erfindet, und geb' Sie diesem Umstand eine moralische Erläuterung.
Bettine.
(Die Antwort fehlt.)
*
Ich habe freilich einen Brief vom Wolfgang hier im Rheingau erhalten, er schreibt: »Halte meine Mutter warm und behalte mich lieb.« Diese lieben Zeilen sind in mich eingedrungen wie ein erster Frühlingsregen; ich bin sehr vergnügt, daß er verlangt, ich soll ihn lieb behalten; ich weiß es wohl, daß er die ganze Welt umfaßt; ich weiß, daß ihn die Menschen sehen wollen und sprechen, daß ganz Deutschland sagt: unser Goethe. Ich aber kann Ihr sagen, daß mir bis heute die allgemeine Begeistrung für seine Größe, für seinen Namen noch nicht aufgegangen ist. Meine Liebe zu ihm beschränkt sich auf das Stübchen mit weißen Wänden, wo ich ihn zuerst gesehen, wo am Fenster der Weinstock, von seiner Hand geordnet, hinaufwächst, wo er auf dem Strohsessel sitzt und mich in seinen Armen hält; da läßt er keinen Fremden ein, und da weiß er auch von nichts als nur von mir allein. Frau Rat! Sie ist seine Mutter, und Ihr sag' ich's: wie ich ihn zum erstenmal gesehen hatte und ich kam nach Haus, da fand ich, daß ein Haar von seinem Haupt auf meine Schulter gefallen war. Ich verbrannte es am Licht, und mein Herz war ergriffen, daß es auch in Flammen aufschlug, aber so heiter, so lustig wie die Flammen in blauer, sonnenheller Luft, die man kaum gewahr wird, und die ohne Rauch ihr Opfer verzehrt. So wird mir's auch gehen: mein Leben lang werde ich lustig in die Lüfte flackern, und die Leute werden nicht wissen, woher sich diese Lust schreibt; es ist nur, weil ich weiß, daß, wenn ich zu ihm komme, er allein mit mir sein will und alle Lorbeerkränze vergißt.
Leb' Sie wohl und schreib' Sie ihm von mir.
Goethes Mutter an Bettine.
Frankfurt, am 12. Mai 1808.
Liebe Bettine! Deine Briefe machen mir Freude, und die Jungfer Lieschen, die sie schon an der Adresse erkennt, sagt: »Fr.Rat, da bringt der Briefträger ein Pläsier.« – Sei aber nicht gar zu toll mit meinem Sohn, alles muß in seiner Ordnung bleiben. Das braune Zimmer ist neu tapeziert mit der Tapete, die Du ausgesucht hast, die Farbe mischt sich besonders schön mit dem Morgenrot, das überm Katharinenturm heraufsteigt und mir bis in die Stube scheint. Gestern sah unsre Stadt recht wie ein Feiertag aus in dem unbefleckten Licht der Alba.
Sonst ist noch alles auf dem alten Fleck. Um Deinen Schemmel habe keine Not, die Liese leidet's nicht, daß jemand drauf sitzt.
Schreib recht viel, und wenn's alle Täg' wär', Deiner wohlgeneigten Freundin Goethe.
*
Schlangenbad.
Frau Rat! Wir sind gestern auf Müllereseln geritten, weit ins Land hinaus über Rauenthal hinweg. Da geht's durch bewaldete Felswege, links die Aussicht in die Talschlucht und rechts die waldige emporsteigende Felswand. Da haben mich dann die Erdbeeren sehr verlockt, daß ich schier um meinen Posten gekommen wär', denn mein Esel ist der Leitesel. Weil ich aber immer Halt machte, um die Erdbeeren zu pflücken, so drängte die ganze Gesellschaft auf mich ein, und ich mußte tausend rote Beeren am Wege stehen lassen. Heute sind's acht Tage, aber ich schmachte noch danach, die gespeisten sind vergessen, die ungepflückten brennen mich noch auf der Seele. Eben drum würde ich's ewig bereuen, wenn ich versäumte, was ich das Recht habe zu genießen, und da braucht Sie nicht zu fürchten, daß ich die Ordnung umstoße. Ich häng' mich nicht wie Blei an meinen Schatz, ich bin wie der Mond, der ihm ins Zimmer scheint, wenn die geputzten Leute da sind und die vielen Lichter angezünd't, dann wird er wenig bemerkt, wenn die aber weg sind und das Geräusch ist vorüber, dann hat die Seele um so größere Sehnsucht, sein Licht zu trinken. So wird auch er sich zu mir wenden und meiner gedenken, wenn er allein ist. – Ich bin erzürnt über alle Menschen, die mit ihm zu tun haben, doch ist mir keiner gefährlich bei ihm, aber das geht Sie alles nichts an. Ich werde doch nicht die Mutter fürchten sollen, wenn ich den Sohn lieb hab'?–
An Bettine.
Frankfurt, am 25. Mai.
Ei Mädchen, Du bist ja ganz toll, was bild'st Du Dir ein? – Ei, wer ist denn Dein Schatz, der an Dich denken soll bei Nacht im Mondschein? – Meinst Du, der hätt' nichts Bessers zu tun? – Ja proste Mahlzeit.
Ich sag' Dir noch einmal: alles in der Ordnung, und schreib ordentliche Briefe, in denen was zu lesen steht. – Dummes Zeug nach Weimar schreiben; – schreib, was Euch begegnet, alles ordentlich hintereinander. Erst wer da ist, und wie Dir jeder gefällt, und was jeder an hat, und ob die Sonne scheint oder ob's regnet, das gehört auch zur Sach'. Mein Sohn hat mir's wieder geschrieben, ich soll Dir sagen, daß Du ihm schreibst. Schreib ihm aber ordentlich, Du wirst Dir sonst das ganze Spiel verderben.
Am Freitag war ich im Konzert, da wurde Violoncell gespielt, da dacht' ich an Dich, es klang so recht wie Deine braunen Augen. Adieu, Mädchen, Du fehlst überall Deiner Frau Rat.
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Frau Rat! Ich will Ihr gern den Gefallen tun und einmal einen recht langen deutlichen Brief schreiben, meinen ganzen Lebensaufenthalt in Winckel.
Erst ein ganzes Haus voll Frauen, kein einziger Mann, nicht einmal ein Bedienter. Alle Läden im Haus' sind zu, damit uns die Sonne nicht wie unreife Weinstöcke behandelt und garkocht. Das Stockwerk, in dem wir wohnen, besteht aus einem großen Saal, an das lauter kleine Kabinette stoßen, die auf den Rhein sehen, in deren jedem ein Pärchen von unserer Gesellschaft wohnt. Die liebe Marie mit den blonden Haaren ist Hausfrau und läßt für uns backen und sieden. Morgens kommen wir alle aus unseren Gemächern im Saal zusammen. Es ist ein besondres Pläsier zu sehen, wie einer nach dem andern griechisch drapiert hervorkommt. Der Tag geht vorüber in launigem Geschwätz, dazwischen kommen Bruchstücke von Gesang und Harpegge auf der Gitarre. Am Abend spazieren wir an den Ufern des Rheins entlang, da lagern wir uns auf dem Zimmerplatz; ich lese den Homer vor, die Bauern kommen alle heran und hören zu; der Mond steigt zwischen den Bergen herauf und leuchtet statt der Sonne. In der Ferne liegt das schwarze Schiff, da brennt ein Feuer, der kleine Spitzhund auf dem Verdeck schlägt von Zeit zu Zeit an. Wenn wir das Buch zumachen, so ist ein wahres politisches Verhandeln; die Götter gelten nicht mehr und nicht weniger als andre Staatsmächte, und die Meinungen werden so hitzig behauptet, daß man denken sollte, alles wär' gestern geschehen, und es wär' manches noch zu ändern. Einen Vorteil hab' ich davon: hätt' ich den Bauern nicht den Homer vorgelesen, so wüßte ich heut' noch nicht, was drin steht, die haben mir's durch ihre Bemerkungen und Fragen erst beigebracht. – Wenn wir nach Hause kommen, so steigt einer nach dem andern, wenn er müde ist, zu Bette. Ich sitze dann noch am Klavier, und da fallen mir Melodien ein, auf denen ich die Lieder, die mir lieb sind, gen Himmel trage. Wie ist Natur so hold und gut[3q]. Im Bett richte ich meine Gedanken dahin, wo mir's lieb ist, und so schlafe ich ein. Sollte das Leben immer so fortgehen? – Gewiß nicht.
