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Eine Mordserie an Prostituierten führt das Team um Veronika Hart auf den Saarbrücker Straßenstrich. Gleichzeitig sieht sich Veronika mit ihrem bisher persönlichsten Fall konfrontiert: Im Umfeld der jungen Kommissarin geschehen merkwürdige Unfälle und schnell wird klar, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet. Doch wer steckt dahinter? Veronika begibt sich auf Spurensuche in ihre Vergangenheit und ermittelt schließlich auch in den eigenen Reihen, denn dort versteckt sich ein Maulwurf. Wem kann sie noch trauen?
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Greta R. Kuhn
Goldene Bremm
Veronika Harts zweiter Fall
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © DatenschutzStockfoto / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6622-9
Für Theresa
Kurt Sommerfeld klatschte dreimal in die Hände.
»So, ich brauche euch jetzt bitte alle einmal auf Position. Es folgt eine kurze Probe für die Anmoderation. Kamera eins und zwei besetzen, Licht und Ton bereithalten«, rief er laut in den Raum. Dann wandte er sich direkt an die Moderatorin:
»Gabi, du gehst bitte einmal auf deinen Platz und machst den Aufsager hier in die Zwei, begrüßt jeden Einzelnen deiner Talkgäste, sagst ein paar Worte zu jedem.« Er drehte sich wieder zu den anderen um und fügte hinzu: »In dieser Zeit ist die Eins jeweils auf dem Gast in der Halbtotalen«, er holte Luft und deutete mit dem Finger wieder auf Gabi: »Dann wechselt die Zwei in die Totale und du startest mit der ersten Frage. Okay?« Er tätschelte ihr den Arm. Wenn sie nur den Ablauf im Kopf behielte, wäre er schon froh. Er schloss kurz die Augen, bevor er in die Runde schrie:
»Könnten sich jetzt mal die Lichtdoubles in Bewegung setzen? Bitte alle dorthin begeben, wo sie hingehören. Die Namen der Talkgäste wurden euch zugeteilt und sind an den Rückenlehnen befestigt. Hallo, hört mir überhaupt jemand zu?« Kurt Sommerfeld klatschte erneut in die Hände, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was war das für eine Unruhe? Man merkte, dass niemand Lust hatte, in dem dunklen Studio herumzustehen. Erst der gellende Pfiff des Aufnahmeleiters sorgte augenblicklich für Ruhe.
»Danke, Wolfgang.« Sommerfeld nickte ihm zu, bevor er den Kameramännern hinter ihren mobilen Studiokameras letzte Anweisungen gab.
Im Studio 1 des Saarländischen Rundfunks liefen die letzten Proben für eine Talkrunde, deren Aufzeichnung für den späten Nachmittag geplant war. Schon den gesamten Tag herrschte geschäftiges Treiben: Die neue Dekoration war erst am frühen Morgen geliefert worden und das Technikteam musste mit dem Aufbau warten, bis die Putzkolonne ihre Arbeit getan hatte. Jetzt kehrte langsam Ruhe ein. Kurt Sommerfeld, der heute die Regie übernommen hatte, atmete tief durch. Es blieb noch eine Stunde, bis die Talkgäste eintrafen. Bis dahin wollte er wenigstens einmal alles geprobt haben. Dann wäre noch genug Zeit für ein letztes Briefing mit den Gästen und der Redakteurin. Er hoffte nur, dass die etwas wunderliche Kollegin nicht wieder kurz vor knapp mit irgendwelchen komischen Ideen oder Einspielfilmen um die Ecke kam, die vorne und hinten nicht in seinen Ablaufplan passten. Das wäre nicht das erste Mal.
Er betrachtete seine rothaarige Kollegin, die sich einen Platz im hinteren Teil des Studios neben dem Eingang gesucht hatte, von der Seite. Sie arbeitete jetzt seit über 30 Jahren in der Wirtschaftsredaktion und war dafür bekannt, ihrer Kreativität bis kurz vor Sendebeginn freien Lauf zu lassen. Zum Leidwesen aller, die das dann im Produktionsteam umzusetzen hatten. Wie dem auch sei, der Intendant hielt große Stücke auf sie, deshalb kritisierte Kurt sie nur stumm.
Ein spitzer Schrei riss ihn aus seinen Überlegungen. Einer der Kabelhelfer, den er als Lichtdouble eingesetzt hatte, war kopfüber vom Stuhl gekippt und krampfte keuchend auf dem Boden. »Was zur Hölle …«, entfuhr es Sommerfeld stöhnend. Heute blieb ihm nichts erspart.
Schnell eilten ein paar Kollegen herbei, um Erste Hilfe zu leisten. Zum Glück waren bei solchen Produktionen immer Sanitäter in der Nähe. Mit so einem epileptischen Anfall war ja nicht zu spaßen, dachte er sich.
Jedem stand der Schreck ins Gesicht geschrieben. In der Stille, die sich gespenstisch über das Studio gelegt hatte, hörte man nur das keuchende Röcheln des jungen Mannes, den die Ersthelfer mitten auf dem Podium in einer stabilen Seitenlage platziert hatten. Das Geräusch war unerträglich. Genervt schaute Sommerfeld auf die Uhr. Viertel nach drei. Wie lange dauerte das denn, bis der Notarzt kam? Er hatte einen Zeitplan einzuhalten.
Plötzlich wurde es still. Kein Röcheln. Kein Keuchen. Nur ein kreischender Schluchzer, der den Oberkörper von Gabi Richter erschütterte. Sie kniete direkt neben dem jungen Mann, der mit Schaum vor dem Mund und weit aufgerissenen Augen starr dalag.
Bitte nicht, dachte sich Sommerfeld, während er eine Reihe Kollegen, die sich um die grausige Szene geschart hatten, zur Seite schob. Ein Blick genügte.
Der Junge war eindeutig tot.
Die Rettungskräfte trafen nur wenige Minuten später ein. Das gesamte Team stand unter Schock, einige lagen sich schluchzend in den Armen. Andere starrten stumm vor sich hin. Die eingespielten Handgriffe des Notarzt-Teams waren die einzigen Bewegungen, die sich in dem nun hell erleuchteten Studio abspielten. Eine gefühlte Ewigkeit versuchten sie, ihn wiederzubeleben. Doch ohne Erfolg. Sie legten den offiziellen Todeszeitpunkt auf 15.25 Uhr.
Der junge Mann, Felix Degenhardt, war Student an der Uni in Saarbrücken und verdiente sich seit Jahren beim Saarländischen Rundfunk als Produktionshelfer etwas dazu. Viele kannten ihn ebenso lange und niemand hatte von einer Krankheit gewusst, die einen solchen Anfall hätte auslösen können. Die Umstände und der grausige Anblick ließen die Kollegen betäubt zurück.
Kurt Sommerfeld wechselte ein paar leise Worte mit dem Produktionsleiter Günther Müller, den die Notfall-Nachricht aus einem Termin mit dem Intendanten geholt hatte. Da es den Rettungskräften nicht erlaubt war, den Toten zu transportieren, waren sie gezwungen, auf den Leichenwagen zu warten. Die Polizei befand sich ebenfalls auf dem Weg, um sich ein Bild von den Todesumständen zu verschaffen. Die Sendung war somit geplatzt, für eine Aufzeichnung wäre jetzt niemand in der Lage. Sommerfeld eingeschlossen.
Er beobachtete Marlies Böhme, die Redakteurin, aus dem Augenwinkel. Ihr Gesicht war aschfahl unter den leuchtend roten Haaren, während sie versuchte, die eingeladenen Talkgäste telefonisch zu erreichen, um den Termin abzusagen.
Wolfgang Berg, der Aufnahmeleiter, der vor wenigen Minuten mit seinem Pfiff für Ruhe im Chaos gesorgt hatte, tippte ihm auf die Schulter.
»Kurt, die Polizeibeamten sind jetzt da. Sie haben ein paar Fragen an uns. Kommst du?«
Sommerfeld nickte ihm zu und folgte ihm zu den vier uniformierten Beamten, die sich mitten im Fernsehstudio aufgebaut hatten.
»Guten Tag. Sommerfeld. Ich bin hier der Regisseur. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?«, begrüßte er sie, während er jedem Einzelnen die Hand schüttelte. Die drei jüngeren Polizisten nickten ihm zu und wandten sich ab, um sich den Fundort der Leiche näher anzuschauen. Der vierte stellte sich vor.
»Hallo. Ich bin Polizeiobermeister Schreiner. Danke für Ihre Zeit. In erster Linie würde uns interessieren, was hier genau vorgefallen ist. Die Sanitäter haben von einem Krampfanfall gesprochen. Unser Job ist es herauszufinden, was die Ursache dafür war. Selbst wenn eine Vorerkrankung naheliegend ist, sind andere Möglichkeiten nicht außer Acht zu lassen.«
»Selbstverständlich. Es ist für uns unbegreiflich. So plötzlich. Entschuldigen Sie bitte das Chaos. Wir waren in den letzten Vorbereitungen für eine Sendung. Es passierte alles so schnell. Der junge Mann heißt Felix Degenhardt, er arbeitet schon einige Jahre hier als Produktionshelfer. Ich hatte keinen persönlichen Kontakt zu ihm, aber einige der anderen Helfer waren enger mit ihm befreundet. Zumindest schien es so.«
Der Beamte nickte und notierte sich einige Fakten.
»Okay, es ist wichtig, dass alle bleiben, bis wir ihre Aussagen aufgenommen haben. Außerdem brauchen wir einen Raum, in dem wir die Befragungen kurzfristig durchführen können. Lässt sich das koordinieren?«
Diesmal nickte Wolfgang Berg.
»Das ist kein Problem. Wir stellen Ihnen gerne den Aufenthaltsraum zur Verfügung, im Wartebereich vorne finden Sie alle Mitarbeiter.«
Schreiner nickte zufrieden. »Was können Sie uns zu dem Opfer und zu den Vorkommnissen sagen?«
Berg überlegte kurz. Dann berichtete er von Felix und den Vorbereitungen auf die Aufzeichnung. »… danach stand die Stell- und Kameraprobe der Anmoderation auf dem Plan, als er zusammengebrochen ist. Und …«
»Entschuldigen Sie«, schnitt ihm der Beamte das Wort ab. »Was ist eine Anmoderation und was genau sind die Aufgaben der Produktionshelfer?«
»Oh, sicher. Die Anmoderation ist letztendlich die Begrüßung durch die Moderatorin. Sie stellt zuerst das Thema und dann die einzelnen Gäste vor. Das proben wir einmal mit der Kamera, damit wir wissen, welcher Gast wo am besten im Bild ist und ob die Stühle optimal ausgeleuchtet sind. Dafür brauchen wir die Produktionshelfer als Lichtdoubles. Wir kennen die Größe unserer Gäste und teilen die Helfer entsprechend ein. Sonst ist das mit dem richtigen Licht schwierig. Ansonsten sind die Jungs und Mädels dafür verantwortlich, dass die Kabel nicht im Weg liegen, dass die Dekoration steht und sich die Kameraleute bei der Aufzeichnung frei bewegen können und nicht durch ihre Kabel gestört werden«, erklärte Berg ausführlich.
Der Beamte kritzelte in seinen Notizblock. Während die anderen Kollegen mit der Befragung der Anwesenden begonnen hatten, schaute er sich im Raum um. Er war zum ersten Mal in den Katakomben des Saarländischen Rundfunks. Seine Frau hatte sich oft gewünscht, eines der Kabarettstücke anzusehen, die hier aufgezeichnet wurden, aber es war schwierig, an die Karten zu kommen, und so hatten sie sie stets im Fernsehen angeschaut. Das Studio hatte eine besondere Atmosphäre, das überraschte ihn.
Es war schwarz gestrichen, an der hohen Decke hingen zahllose Scheinwerfer, die in alle möglichen Richtungen zeigten. An den Wänden standen verschiedene Holzelemente, von denen er einige aus anderen Sendungen wiedererkannte. An der hinteren Seite des Studios, wo er mit dem Regisseur stand, war mittig ein Podest aufgebaut worden. Davor hatte man rund 50 rote Holzstühle für das Publikum aufgereiht. Auf dem Podest waren sechs etwas bequemer anmutende gepolsterte Stühle in einem Halbkreis aufgestellt. Sein Blick blieb an den Stuhllehnen und den darauf befestigten Namensschildern hängen. Auf die Entfernung konnte er sie kaum entziffern, er näherte sich langsam. Der Stuhl, von dem der junge Mann gefallen war, stand rund einen halben Meter hinter den anderen. Der Name, der darauf zu sehen war, ließ Polizeiobermeister Schreiner zusammenzucken.
»Veronika Hart, Landespolizeipräsidium«, stand dort in schwarzen Buchstaben.
Sommerfeld hatte seine Reaktion bemerkt und folgte dem Blick des Polizisten.
»Ach ja, Ihre Kollegin hatten wir ebenfalls für heute eingeplant. Das Thema der Sendung war ›Frauen in Führungspositionen‹. Ich hoffe, unsere Redakteurin hat sie und die anderen rechtzeitig erreicht, damit sie nicht umsonst auf den Halberg fahren.«
Schreiner bemühte sich nicht einmal, ein Augenrollen zu verkneifen. Frauen in Führungspositionen – dass er nicht lachte. Schlimm genug, dass sie überall mit diesen Quoten umherwedelten. War es wirklich nötig, jetzt auch im Fernsehen darüber zu diskutieren? Er kannte die Meinung der meisten seiner Kollegen dazu. Fähigkeiten entschieden, wer oben war, nicht das Geschlecht.
In diesem Moment betrat Veronika Hart das Studio. Den Anruf von Marlies Böhme in ihrem Büro hatte sie knapp verpasst.
In Sekundenschnelle erfasste ihr geübter Blick die Situation und scannte die Gesichter der Anwesenden, bis sie ihre Kollegen in der Menge ausmachte. Sie trat auf sie zu.
»Hallo, Herr Schreiner. Was ist hier los?«, begrüßte sie den erfahrenen Beamten.
»Frau Hauptkommissarin, wir haben in diesem Moment von Ihnen gesprochen«, entgegnete er für ihren Geschmack etwas zu gestelzt.
»Wir sind wegen eines Todesfalls mit ungeklärter Ursache hier. Ein junger Mann, ein …«, er versuchte, seine eigenen Notizen zu entziffern, und betonte dann jede Silbe des folgenden Wortes: »… Pro-duk-ti-ons-hel-fer ist hier mitten auf dem Podium, genau auf diesem Stuhl, mit Krampfanfällen zusammengebrochen und wenig später verstorben. Die Sanitäter konnten nichts mehr für ihn tun. Man wartet auf den Leichenwagen. Wenn Sie ihn sehen …?«
Veronika winkte ab. Sie war nie scharf darauf, sich einen Toten anzusehen. Wenn jemand nach Krampfanfällen verstorben war, konnte sie sich grob vorstellen, wie das aussah. Das reichte ihr erst einmal. Sie würde sich den jungen Mann später bei Thiel in der Pathologie in Ruhe anschauen.
»Und wie komme ich da ins Spiel?«, fragte sie in die Herrenrunde, von der sich einer als Regisseur Kurt Sommerfeld, der andere als Wolfgang Berg, Aufnahmeleiter, vorgestellt hatte. Alle drei schauten betreten auf den Stuhl, der etwas außerhalb des Halbkreises auf dem Podest stand. Sie folgte ihren Blicken bis zu dem Schild, auf dem ein Name prangte. Ihr Name.
Der kalte Schauer, der ihr daraufhin den Rücken hinunterschoss, traf sie unerwartet. Was für ein komischer Zufall. Sie schüttelte sich unmerklich und wandte sich wieder den Herren zu.
»Ich verstehe. Ist die Spurensicherung schon informiert? Stellen Sie umgehend sicher, dass niemand mehr hier etwas anfasst, geschweige denn das Studio überhaupt betritt. Ich denke, es wird Zeit, dass die verbleibenden Personen den Raum verlassen. Bitte halten Sie mich über die Ermittlungen auf dem Laufenden und melden Sie sich umgehend, wenn sich etwas Auffälliges findet.« Ihr Blick fiel erneut auf ihr Namensschild, sie zögerte. »Wer ist das Opfer?«
»Felix Degenhardt. Ein 23-jähriger Student, der öfter bei unseren Produktionen jobbte«, antwortete ihr Marlies Böhme, die sich der kleinen Gruppe unbemerkt genähert hatte. »Frau Hart, ich habe Sie leider telefonisch nicht erreicht. Wir werden die Aufzeichnung verschieben, Sie verstehen sicher …«
»Aber natürlich. Wir werden hier sowieso erst die notwendigen Ermittlungen durchführen, bevor wir das Studio wieder freigeben. Bitte halten Sie sich für weitere Rückfragen bereit. Sind denn die Angehörigen schon informiert?«
Veronika hatte in den professionellen Modus geschaltet. Die Irritation wegen ihres Namens auf dem Stuhl des Opfers verdrängte sie. Sie versicherte sich selbst, dass es ein merkwürdiger Zufall sein musste. Wenn sie das ihren Freundinnen erzählte, flippten die bestimmt aus. Die schauten schlicht und einfach zu viele von diesen amerikanischen Special-Unit-Serien, in denen aus allem eine Bedrohung gemacht wurde.
Aber jetzt würde sie erst einmal ins Präsidium zurückfahren. Das Lampenfieber, das sie seit Tagen wegen dieses ersten Fernsehauftritts in einer Talkrunde quälte, war erst einmal umsonst gewesen.
Vor zwei Monaten hatte man bei ihr angefragt, ob sie in der Fernsehsendung als Expertin auftreten würde. Das Thema waren Frauen in Führungspositionen und die Herausforderungen und Chancen, die einem in diesem Umfeld begegneten, vor allem in Männerdomänen wie der Kriminalpolizei.
Instinktiv hatte sie zunächst abgelehnt. Sie wurde täglich schon mit genügend Spießruten, Vorurteilen und kleinen Spitzen konfrontiert und war nicht scharf darauf, sich dazu auch noch öffentlich im Fernsehen zu äußern. Das Getuschel danach konnte sie sich lebhaft vorstellen. Der Pressesprecher des Präsidiums hatte daraufhin zweimal versucht, sie umzustimmen, sie bekniet und mit Engelszungen bequatscht, wie wichtig das für die Frauen in ihrem Beruf wäre, ihre Vorbildfunktion und so weiter. Doch sie war standfest geblieben.
Bis ihr Chef, Dezernatsleiter Lothar Klein, sie zu sich bestellt und ihr den Termin verbindlich aufgedrückt hatte. Es war der persönliche Wunsch des Polizeidirektors, dass man die Beteiligung am landesweiten Frauenförderprogramm, durch welches Veronika ihre Stelle bekommen hatte, nach außen trug.
Ihr blieb keine Wahl, und so hatte sie sich gezwungenermaßen in der letzten Woche gemeinsam mit dem Pressesprecher ein paar Kernbotschaften überlegt, die sie heute hätte platzieren sollen.
Doch aufgeschoben war ja nicht aufgehoben.
Am nächsten Mittag traf sie Polizeiobermeister Schreiner auf dem Weg in die Kantine. Es war Currywurst-Tag, und da die Wurst frisch von der ortsansässigen Großfleischerei um die Ecke kam, erfreute sich dieses Essen regelmäßig großer Beliebtheit bei den Kollegen und sie strömten bereits um halb zwölf in Massen an die Essensausgaben.
Und auch wenn Veronika fast ausschließlich vegetarisch lebte, so gönnte sie sich ab und zu diese herzhafte, würzige Sünde.
»Gut, dass ich Sie treffe, Hart. Ich hätte Sie gleich nach der Mittagspause angerufen. Es gibt Neuigkeiten zu dem Todesfall im Fernsehstudio. Haben Sie ein paar Minuten Zeit?«
Veronika nickte und sie stellten sich etwas abseits der Schlange an einen der Stehtische, die sonst für die Kaffeepausen genutzt wurden. Schreiner fuhr fort.
»Die Eltern des jungen Mannes haben einer Obduktion zugestimmt. Da keinerlei Vorerkrankungen oder sonstige Umstände wie Drogenmissbrauch oder Ähnliches bekannt waren, haben wir ihnen dazu geraten. Die Art der Krampfzustände und der gelbliche Schaum hatten ja schon die Mediziner vor Ort verblüfft. Thiel hat die Obduktion übernommen und darum gebeten, dass Sie sich bei ihm melden. Die ersten Schnelltests haben anscheinend etwas Ungewöhnliches ergeben. So auffällig, dass er dazu Ihre Abteilung benötigt. Mir wollte er jedenfalls nichts sagen.«
Er schüttelte dabei langsam den Kopf. Veronika spürte seine Verbitterung. Sie würde mit Thiel reden, er konnte keine Zweiklassengesellschaft aufmachen und entscheiden, welcher Beamte welche Informationen erhält. Dies überstieg eindeutig seine Kompetenz. Sie bemühte sich um Schadensbegrenzung.
»Perfekt, vielen Dank, Schreiner. Hat die Spurensicherung schon ihren Bericht abgeschlossen? Die sind doch gestern sofort angerückt, oder?«
»Nein, leider nicht. Sie wissen ja, wie das momentan ist. Alle Abteilungen sind unterbesetzt. Die waren noch auf einem anderen Tatort zugange und haben erst …«, er schaute auf seine Uhr, »vor knapp einer Stunde mit ihren Untersuchungen angefangen.«
Veronika seufzte. Wie sollte die Polizei unter solchen Bedingungen ordentliche Arbeit leisten? Sie erinnerte sich an ihren ersten Eindruck vom Fernsehstudio gestern. Diese bedrückte Stimmung, die zu grell ausgeleuchtete Kulisse, die im Fernsehen später so anders aussah, ihr Namensschild auf dem Stuhl. Es war schon komisch.
»Okay, dann wende ich mich direkt an die Spurensicherung. Ich nehme an, unsere Dezernatsleiter haben die Übergabe inzwischen in die Wege geleitet? Bitte lassen Sie mir alle Unterlagen zukommen, die Ihnen bisher vorliegen. Zeugenaussagen, Kontaktdaten. Wir werden den Fall gemeinsam lösen. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.«
Schreiner nickte abwesend, es war ihm deutlich anzusehen, dass er sich darüber ärgerte, den Fall abzugeben. Aber Veronika würde es nicht ändern können. Und wollen schon gar nicht. Sie war die Hauptkommissarin bei der Mordkommission, ob es diesem Schreiner passte oder nicht.
Ihr war der Appetit vergangen. Dabei hatte sie extra nichts gefrühstückt, um sich eine große Portion Pommes als Beilage zu gönnen. Aber jetzt wollte sie sich so schnell wie möglich einen Überblick verschaffen. Der junge Mann war bereits 24 Stunden tot und viel wussten sie bisher nicht.
Sie ließ den Blick durch die Kantine schweifen. Langner und Becker saßen mit ein paar Kollegen kauend und lachend an der Fensterseite. Sie hatten ihr einen Platz frei gehalten. Immerhin. Sie lächelte. Vor einigen Monaten wäre das undenkbar gewesen, aber mittlerweile hatten sie einen besseren Zusammenhalt im Team, und da gehörte so etwas dazu.
Sie schnappte sich ein Käsebrötchen, bedeutete den Kollegen mit Handzeichen, dass sie sich sobald wie möglich treffen würden, und lief zu ihrem Büro, um Thiel anzurufen und sich die Informationen abzuholen.
Sie stand beim Bäcker in der Schlange, als sich zwei Frauen vor ihr darüber unterhielten. Von ihrer Position aus konnte sie die Gesichter nicht erkennen. Die Frauen schienen ebenfalls in der Putzkolonne des Saarländischen Rundfunks zu arbeiten, denn sie wussten erstaunlich viele Details über den Vorfall vom Vortag.
Obwohl sie fließend Französisch sprach, war der Dialekt hier in der lothringischen Grenzregion für ihr Pariser Schulfranzösisch doch eine Herausforderung. Und wenn dann jemand so schnell und dramatisierend erzählte, brachte sie das an ihre Grenzen.
Es war jemand gestorben, so viel verstand sie. Das war kein Wunder – bei der Dosis, die sie dort versteckt hatte. In den Nachrichten hatten sie nichts darüber gebracht, vielleicht wegen der Sperre durch die Polizei? So etwas setzten die doch ein, wenn einer aus ihren eigenen Reihen starb. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Es war so perfide und doch so simpel vonstattengegangen. Fast schon langweilig, aber letztendlich zählte das Ergebnis. Eine tote Kommissarin. Elendig verreckt.
Plötzlich stutzte sie. Was hatte die Alte da gesagt? Jeune homme? Un étudiant? Ein junger Mann, Student? Am liebsten hätte sie die Frau am Kragen gepackt und so lange geschüttelt, bis ihr die ganze Geschichte aus dem Hals sprudelte.
Diese Veronika Hart war weder jung noch ein Mann und sicher keine Studentin mehr. Sprachen die überhaupt noch von derselben Sache?
Es brannte ihr auf der Seele, sie musste das jetzt unbedingt herausfinden. Aber wen konnte sie fragen?
War am Ende etwas schiefgegangen? Sie hatte alles so perfekt vorbereitet, doch nach dem Putzen hatten sie sofort das Studio verlassen, und heute war sie nicht mehr zur Arbeit erschienen. Dazu gab es keinen Grund. War sie zu voreilig gewesen? Hätte sie unter einem Vorwand noch einmal nachschauen sollen? Die Ablaufpläne für diese bescheuerte Sendung hatten ja überall an den Türen gehangen. Hatte sie etwas übersehen?
Ihr wurde übel und sie drängte aus der Bäckerei nach draußen an die frische Luft. Die Schlampe würde nicht davonkommen, das schwor sie sich.
Thiel meldete sich nach dem zweiten Freizeichen. Er schien abgelenkt und in irgendein Problem vertieft zu sein, denn er nuschelte seinen Namen unwirsch in das Telefon, nachdem er abgehoben hatte. Veronika freute sich, seine Stimme zu hören. Der Pathologe war ihr in der Zeit, in der sie jetzt in Saarbrücken arbeitete, ans Herz gewachsen, auch wenn er manchmal etwas kauzig wirkte. Nach ihrem letzten großen Fall mit den toten Mädchen in Perl hatten sie sich ein paarmal außerhalb der Kantine zum Mittagessen getroffen und sich blendend unterhalten. Er verfügte über ein immenses Allgemeinwissen und hatte gefühlt schon alles erlebt. Veronika fand das faszinierend und war sich sicher, von ihm einiges lernen zu können.
Als sie Thiel ihren Namen nannte, wurde seine Stimme gleich freundlicher. Wenigstens wirkte er positiv überrascht, dass sie am anderen Ende der Leitung war.
»Frau Hart, wie es scheint, haben Sie mit dem Kollegen Schreiner gesprochen. Prima, dass Sie sich gleich melden. Ich nehme an, Sie sind an den ersten Analyseergebnissen interessiert?«
»Ach, Herr Thiel, Sie können wohl hellsehen«, lachte sie. »Ich habe Schreiner eben in der Kantine getroffen, wir müssen bei Gelegenheit über Ihre Informationspolitik sprechen. Aber jetzt interessiert mich erst einmal der tote Student beim Saarländischen Rundfunk. Was haben Sie herausgefunden?«
»Frau Hart, immer gleich mit der Tür ins Haus. Das gefällt mir, bissig wie ein Terrier.«
Veronika hörte ihn am anderen Ende der Leitung milde lachen. Sie brauchte jetzt endlich ein paar belastbare Fakten, um loslegen zu können.
»Dann fange ich mal mit dem Wichtigsten an. Im Blut unseres Opfers habe ich eine hohe Dosis Natrium-Pentobarbital nachgewiesen. Das ist ein Narkotikum, welches in manchen Ländern zur Sterbehilfe eingesetzt wird. Die Dosis war so hoch, dass sie sehr schnell nach der Injektion gewirkt haben muss. Die vor Ort beobachteten Krampfanfälle sind dafür bezeichnend.«
»Injektion? Wie kann das sein?«, unterbrach ihn Veronika unwirsch. Das passte alles nicht zusammen. Wo kam denn so ein Mittel her?
»Nur Geduld, meine Liebe. Alles nacheinander. Das habe ich mich natürlich auch gefragt und den Körper nach Einstichen untersucht. Fündig wurde ich schließlich am Gesäß des Opfers. Hier gab es mehrere Einstichlöcher auf einer etwa briefmarkengroßen Fläche. Lennart schickt Ihnen gleich ein Foto davon per Mail. Ich habe bereits die Kollegen von der Spurensicherung gebeten, vorsichtig auf entsprechenden Sitzflächen nach Nadeln oder Ähnlichem zu suchen. Gehört habe ich aber noch nichts, die sind erst losgefahren, soviel ich weiß.«
Veronikas Kopf brummte. Das war kein Unfall gewesen, keine Vorerkrankung. Das war ein gezielter Anschlag. Aber warum der Student? Wieso tötete jemand auf diese Weise? Eine Tötungsabsicht lag ja bei der Konzentration auf der Hand. Ihr fiel das Namensschild auf dem Stuhl ein. Doch den Gedanken schob sie sogleich weit weg.
Auch Thiel schien parallel wieder mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Veronika bedankte sich brummend. Sie musste unbedingt wieder ins Studio und sich selbst ein Bild machen.
Sie hatten das Opfer und die Todesursache, was ihnen fehlte, waren Motiv und Täter. Als sie gerade anfing, ihre obligatorischen Strukturen auf dem Whiteboard aufzumalen, schob sich die Tür auf und Max Langner und Peter Becker standen in ihrem Büro. Sie sahen satt und zufrieden aus und hielten beide einen Einwegbecher dampfenden Kaffee in der Hand.
»Was gibt es, Chef?«, fragte Max Langner sie nuschelnd. »Neuer Fall?«
Veronika umriss in kurzen Worten, welche Informationen ihnen vorlagen. Ein sanfter Dreiklang aus ihrem PC-Monitor zeigte ihr an, dass der Bericht von Schreiner eingetroffen war. Schnell ließ sie drei Exemplare aus dem Drucker. Parallel dazu eröffnete ihr eine Mail ihres Chefs, dass sie nun offiziell mit den Ermittlungen beauftragt war.
Es galt, keine Zeit mehr zu verlieren.
»Max, ruf du bitte bei der SpuSi an. Wenn die noch beim SR oben sind, gehen wir mit denen ins Studio. Becker, leiten Sie schon einmal eine Recherche über das Opfer, Felix Degenhardt, ein! Wie verbrachte er seine Freizeit, mit wem war er befreundet, hatte er irgendetwas auf dem Kerbholz? Telefonieren Sie mit den Eltern, seiner Freundin, falls vorhanden. Wir dürfen nichts übersehen.«
Langner und Becker nickten und verzogen sich in ihre Büros. Beim Rausgehen drehte sich ihr junger Kollege noch einmal um.
»Sag mal, der Tote, ist das nicht der, der auf deinem Stuhl gesessen hat?«
Veronika nickte abwesend, im Präsidium sprachen sich solche Details in Windeseile herum. Sie verdrängte den Gedanken schnell wieder. Das war ein unglücklicher Zufall. Was sonst?
Im Studio war es kühl und dunkel. Es roch leicht muffig und der Geruch der Holzelemente, die sich an den Seiten stapelten, stieg ihr in die Nase. Aufnahmeleiter Wolfgang Berg hatte sie ins Studio begleitet, in dem sich seit Kurzem die Spurensicherung ausgebreitet hatte.
»Wissen Sie, der Schock bei den Kollegen sitzt immer noch tief. Dieses Studio, in dem wir seit Jahren arbeiten, wird für uns nicht mehr dasselbe sein. Ich kannte Felix seit knapp drei Jahren. Er war jung, fit und immer bestens gelaunt. Dass so etwas einfach so passiert …«, erklärte er ihnen, den Tränen nahe.
»Das verstehen wir, Herr Berg. Ich verspreche Ihnen, wir werden herausfinden, was passiert ist und wer Felix das angetan hat«, versuchte Veronika ihn zu beruhigen.
»Wie meinen Sie das, angetan hat? Ich dachte, das hier sei eine Routineuntersuchung. Glauben Sie, dass das Absicht war?«
»Nach aktuellem Stand lässt sich eine Straftat nicht ausschließen. Deswegen nehmen wir hier alles genau unter die Lupe. Wenn Ihnen noch weitere Details zum Opfer einfallen, dann nimmt mein Kollege Langner diese gerne auf. Je mehr wir über ihn wissen, desto eher können wir die Hintergründe ermitteln.«
Wolfgang Berg wurde blass. »Jemand hat ihn umgebracht?«, presste er fassungslos hervor.
Veronika zuckte mit den Achseln. »Dazu lässt sich erst nach weiteren Ermittlungen etwas sagen. Von Ihnen bräuchten wir eine vollständige Liste aller Personen, die am vergangenen Montag sowie an den Tagen zuvor im Studio waren beziehungsweise Zugang hatten. Mitarbeiter, Gäste, Lieferanten. Gerne gleich mit Kontaktdaten. Das wäre prima.«
Veronika wollte diesen fahrigen Mann jetzt unbedingt loswerden. Sie verstand zwar seine Reaktion und zu ihren Aufgaben zählte auch, sich mit Zeugen auseinanderzusetzen, aber sie brannte darauf, sich endlich in Ruhe dem Tatort zu widmen. Eindrücke zu sammeln. Alles auf sich wirken zu lassen.
Sie nickte ihm bestimmt zu, drehte sich um und wandte sich direkt an die Kollegen von der Spurensicherung. »Ich schlage vor, wir fangen mit den Stühlen an. Die scheint keiner mehr angerührt zu haben. Lassen Sie sich von Herrn Berg zusätzlich den Aufenthaltsraum zeigen. Hier hat das Opfer die Zeit kurz vor dem Zusammenbruch verbracht. Suchen Sie nach Hinweisen auf Injektionen, Spritzverpackungen, Medikamente – alles ist wichtig. Thiel sprach von etwas, was wie ein Stempel aussieht.«
Die Mitglieder der kleinen Gruppe nickten, legten ihre weißen Ganzkörperanzüge an und begannen stumm mit Klebestreifen, Pinzetten und kleinen Plastiktüten bewaffnet mit der Arbeit. Veronika bat den älteren Herren, der sich verstohlen zu ihnen gesellt und sich als Hausmeister Willy Behrens vorgestellt hatte, das Studio weiter auszuleuchten, damit den Kollegen kein noch so kleines Indiz entging.
Es dauerte keine fünf Minuten, bis ein gezischtes Fluchen die Aufmerksamkeit der Beamten auf sich zog. Eine junge Kollegin hatte akribisch tastend die gepolsterten Sessel auf dem Podest näher untersucht und hielt einen blutenden Finger in die Höhe, den sie leicht panisch anschaute. Niemand wagte zu atmen.
Veronika erkannte sofort, dass ihre Hoffnungen auf eine weniger offensichtliche Lösung gerade zerplatzten. Sie verdrängte den Gedanken.
Die Kollegin stand vor dem Stuhl, der ein wenig aus der Reihe geschoben war und auf dem Felix Degenhardt als Letztes gesessen hatte. Sie betrachtete die Sitzfläche eingehend, während sich die anderen ihr interessiert näherten.
Veronika schickte die junge Kollegin vorsichtshalber zum Arzt und kniete sich dann vor den Stuhl und inspizierte die Oberfläche des Polsters aus der Nähe. Aus dem bunten Stoffbezug ragten mehrere silbrig glänzende Spitzen. Sie zählte vier Reihen à fünf Nadeln, die nur wenige Millimeter durch das Polster stachen.
»Fotografieren Sie das bitte aus der Nähe«, wies sie den Fotografen an und schlich um den Stuhl herum, während sie mit den Fingern am Rand des Polsters entlangtastete. Am hinteren Rand fand sie einen harten Wulst, der von einem getrockneten Kleber zu stammen schien.
»Okay, das hat keinen Zweck hier. Nehmen Sie den mit ins Labor, bitte. Was immer da drin ist, es sollte Schaden verursachen. Wir brauchen alles Relevante – DNA-Spuren, Fingerabdrücke. Und untersuchen Sie die anderen Räume, die Müllcontainer, Toiletten. Überall, wo jemand Hinweise hinterlassen haben könnte.«
Das Team schaute sich genervt an. Sie waren keine Berufsanfänger mehr und Veronikas Anweisungen schienen hier mehr als fehl am Platz zu sein.
Doch die versuchte lediglich, ihre Nervosität zu überspielen, denn während sie sprach, war ihr Blick erneut auf das Namensschild an der Rückenlehne des Stuhls gefallen und hatte ihr einen Schauer über den Rücken gejagt: »Veronika Hart, Landespolizeipräsidium«.
Sie musste zu Dimitri, um Näheres herauszufinden. Nicht einmal im Internet hatte sie irgendetwas zu dem Vorfall gefunden. Was war da los? Dimitri kannte jemanden bei den Bullen, und der wiederum würde wissen, wenn es die Kommissarin erwischt hatte.
Er hatte ihr, seit sie hier lebte, schon mehrfach den Weg geebnet. Hatte ihr neue Papiere verschafft, sie in die richtigen Kreise eingeführt und sie, gegen ein paar Gefälligkeiten ihrerseits, über seine Frau in die Putzkolonne bei dieser Fernsehanstalt eingeschleust. Ein paar Tage war sie dort mitgelaufen, hatte sich umgeschaut und alles erfahren, was sie für ihren Plan brauchte. Ihr Plan.
Wie lange beschäftigte sie nun schon dieser unbändige Wunsch, die nervige kleine Möchtegern-Miss-Marple zu vernichten? Sie hatte sich ungefragt in ihr Leben eingemischt, hatte ihren Rachefeldzug gegen diese Schlampen durchkreuzt, indem sie in dem Kaff herumermittelte. Wegen ihr hatte dieser Schwächling von Paul einen Fehler nach dem anderen begangen und war nicht einmal in der Lage gewesen, seinen Job zu beenden. Und nicht nur das. Der Idiot schoss sich außerdem medienwirksam aus dem Leben, aber völlig bescheuert. Mehr Aufmerksamkeit hätte er nicht auf sein Versagen ziehen können. Und dann diese dusselige Kuh, die er im Schlepptau gehabt hatte. Bis heute wusste sie nicht, was er da im Schilde geführt hatte. Er war ihr völlig egal. Ein Wichser weniger auf der Welt schadete nicht. Doch man hatte ihr das Spielzeug weggenommen und sie gezwungen unterzutauchen. Wer wusste schon, welche Spuren er hinterlassen hatte – das wollte sie nicht riskieren.
Aber sie wäre nicht sie, wenn sie den nicht vorhandenen Schwanz einziehen und sich in ein weit entferntes Drecksloch zurückziehen würde. Nein, sie war so voller Hass und berstender Wut, dass sie nur Rache wollte. Rache für all das, was ihr widerfahren war. Für die Ungerechtigkeit, die ihr Leben von heute auf morgen in ein anderes verwandelt hatte. Es war unfair. Und diesen Hass richtete sie jetzt auf sie. Auf Veronika Hart, die ihren ersten Plan durchkreuzt hatte. Die den Verlierer in den Tod getrieben hatte. Wegen der zwei Schlampen, die noch auf ihrer Liste gestanden hatten, bisher verschont geblieben waren. Diese Hart war schuld daran.
War das rational und plausibel? Nein. Das war ihr egal. Sie brauchte ein Ventil für ihren Hass. Und Veronika Hart würde dies zu spüren bekommen.
Keine vier Kilometer Luftlinie wohnte sie von ihr entfernt. Auf der anderen Seite der Grenze. In einem heruntergekommenen Viertel von Stiring-Wendel, in Schœneck. Wobei der deutsche Begriff ein Witz für die Ansammlung an ranzigen ehemaligen Bergwerkswohnblöcken war, die hauptsächlich von Migranten und Arbeitslosen bewohnt wurden und von denen ein Großteil der kriminellen Aktivitäten in der Region ausging. Hier war sie gut aufgehoben, das hatte sie schon beim Aussteigen aus dem Linienbus gemerkt, der sie vom Saarbrücker Hauptbahnhof hergebracht hatte.
Ihr Kontaktmann war ein alter Freund der Familie, auf das russische Netzwerk war eben Verlass. Er wohnte seit mehreren Jahren in der Siedlung und hatte sich zu einem der Drahtzieher in der saarländischen Prostitutionsbranche hochgearbeitet, die seit dem Verbot der käuflichen Liebe in Frankreich vor allem in Saarbrücken boomte. Billige Mädchen für billigen Sex, das war sein Motto.
Sie selbst störte das nicht. Sie war in solchen Kreisen aufgewachsen und zudem mit Yevgeni zusammen gewesen, der ebenfalls sein Geld mit so etwas verdiente. Zu ihren goldenen Zeiten war sie ein gern gesehener Gast auf den größten Partys gewesen, zu denen regelmäßig die Reichen und Schönen im Exil von russischen Millionären eingeladen wurden. Ihr Name war noch nicht verblasst und heute aufgrund ihrer Geschichte von einer mystischen Aura umgeben. Das wusste sie jetzt zu nutzen.
Dimitri, ihr Kontaktmann und väterlicher Freund, war ihr stets mit Respekt begegnet. Sie wusste, dass sie ihm vertrauen konnte.
Seit ihrer Ankunft in diesem Kabuff vor wenigen Wochen hatte sie sich erneut an die digitalen Fersen der Kommissarin geheftet. Es war fast zu einfach, über eine gefakte Freundschaftsanfrage Zugang zu ihrem privaten Facebook-Profil zu bekommen. Sie hatte im Vorfeld alte Schulklassenaufnahmen von Veronika gescannt, ein paar Namen verglichen und dann ein Profil von einer Klassenkameradin erstellt, die keins bei Facebook besaß. Sogar auf ein kurzes oberflächliches Geplänkel nach ihrer Kontaktaufnahme hatte sie sich unter falschem Namen eingelassen.
Sie hatte sich Benachrichtigungen bei Google eingerichtet, wenn über Hart an irgendeiner Stelle berichtet wurde, war mehrfach an ihrer Arbeitsstelle und ihrem Haus vorbeigekommen und hatte sogar den dämlichen Kater, von dem sie auf Facebook so schwärmte, am Fenster gesehen. Wenn sie ihn doch nur von der Fensterbank hätte schießen können. Peng! Und weg.
Dann, vor zwei Wochen, verlinkten die Google-Benachrichtigungen die Seite des Saarländischen Rundfunks, auf der eine Talk-Sendung zum Thema »Frauen in Führungspositionen« und deren Gäste angekündigt wurden. Neben einer Vertreterin des Innenministeriums, dem IHK-Präsidenten und einer Psychologin stand auch Veronika Hart auf der Gästeliste. Wenn das keine passende Gelegenheit war. Live-Sterben im TV. Ein Anruf bei Dimitri hatte genügt und der Weg war geebnet. Sie hatte Zugang zu den heiligen Hallen und musste nur noch ihr giftiges Netz spinnen. Irgendetwas schien schiefgelaufen zu sein. Nur was? Doch sie stresste sich nicht.
Plan B lag schon in der Schublade und wartete nur darauf, ausgeführt zu werden. Sie wäre nicht sie, wenn sie keinen Plan B in der Tasche hätte.
Veronika staunte nicht schlecht, als sie wenig später im Labor der Kriminaltechniker ein komisches Gebilde aus dicken spritzenähnlichen Röhrchen in der Hand hielt, nicht länger als fünf Zentimeter, aber mit insgesamt 20 zusammenhängenden Teilen fast imposant.
»Das sind Autoinjektoren, die manipuliert und sehr effektiv zusammengeklebt wurden. Die Spritzen scheinen erst durch die Berührung ausgelöst worden zu sein, als sich das Opfer auf den Stuhl gesetzt hat«, unterbrach eine junge Kollegin Veronikas Gedanken.
»Das Polster des Stuhls ist am Rand aufgeschlitzt und dann an der entsprechenden Stelle komplett ausgehöhlt worden, sodass der Gegenstand auf der Sitzfläche mit bloßem Auge kaum zu erkennen war. Das komische geblümte Muster des Stoffs hat das zusätzlich erschwert«, ergänzte sie, während sie mit der mit Latex behandschuhten Hand auf den Stuhl wies.
Das war ja gemeingefährlich. Ein gezielter Anschlag. Präzise vorbereitet und kaltblütig vollstreckt. Wie eine giftige Schlange, die in ihrem Versteck auf ihr Opfer wartete. Wie lange war dieses Ding schon in dem Stuhl? Wer hatte Zugang dazu gehabt?
Sie musste wissen, wann die Namensschilder an den Stühlen befestigt worden waren. Oder ob jemand kurz vorher die Platzierungen vertauscht hatte. Sie konnte einfach nicht glauben, dass jemand solche Mittel gegen sie richtete. Vielleicht stand einer oder eine der anderen Talkgäste im Fokus? Sie würde die Kollegen von der Recherche darauf ansetzen, ob es rund um die anderen Gäste in der letzten Zeit Schlagzeilen oder Ermittlungen gegeben hatte.
Außerdem würde sie noch einmal mit den Verantwortlichen vom SR reden müssen. Der Student war nur ein Zufallsopfer. Hier sollte jemand anderes sterben.
Sie dankte der Kollegin und wandte sich gerade zum Gehen, als diese ihr hinterherrief:
»Ach so, noch etwas. Wir haben Herrn Thiel gleich Proben ins Klinikum geschickt, für eine genauere Analyse des Spritzeninhalts. Aber wir sind hier schon ziemlich sicher, dass es sich um Natrium-Pentobarbital handelt. Es ist unwahrscheinlich, dass das Opfer noch woanders damit in Berührung gekommen ist. Bei der Dosierung ist der Tod sicher schnell eingetreten.«
Veronika atmete tief durch, als sie nach draußen trat. Es war Anfang September und nach einigen heißen Sommerwochen war die Luft heute angenehm frisch. Eine wahre Erholung nach der stickigen Hitze, die ihre Freundinnen und sie nach Feierabend am besten am Saarbrücker Staden ertragen hatten. Mit einem kühlen Radler in der Hand und auf einem schattigen Plätzchen unter einem der zahlreichen Bäume. Die lange Wiese am Flussufer der Saar war mit ihren Biergärten und Spielplätzen im Sommer der Hotspot für Studierende und junge Familien. Hier fand man jeden Abend bis spät in die Nacht eine entspannte Biergartenatmosphäre vor – so wohl wie in den letzten Wochen hatte sich Veronika seit ihrem Umzug nach Saarbrücken vor knapp einem Jahr noch nie gefühlt. Sie war in ihrer neuen Heimat endlich angekommen.
Es war fast Viertel nach fünf. Die Zeit war verflogen, seit sie Schreiner heute Mittag in der Kantine getroffen hatte. Und in dieser kurzen Spanne hatte sich der Fall von einem tragischen Unfall zu einem heimtückischen Anschlag gewandelt.
Und ihr Name stand auf der Liste der vermeintlichen Anschlagsopfer. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken. Wer steckte dahinter? Und warum?
Sie zog ihr iPhone aus der Gesäßtasche ihrer Jeans und wählte zunächst die Nummer der Rechercheabteilung und gab ihnen den Auftrag, alles rund um die anderen Talkgäste rauszusuchen. So kurz vor Feierabend löste sie damit bei den Kollegen keine Begeisterungsstürme aus. Zumindest schloss sie das aus dem gepressten »natürlich, Frau Hauptkommissarin«, mit dem ihr Gesprächspartner das Telefonat abrupt beendete. Dann rief sie Max Langner an.
»Hey Max, ich bin’s. Morgen früh fahren wir noch einmal zum SR hoch. Es gibt neue Erkenntnisse zu dem Stuhl, wir müssen dringend rausfinden, wer Zugang dazu hatte. Klingel da mal durch und kündige uns an. Am besten wäre es, wenn alle Verantwortlichen anwesend wären. Ach so, bevor ich es vergesse. Ich habe ein Poolfahrzeug für morgen reserviert. Könntest du das in Empfang nehmen und mich dann damit abholen? Ich hab am Nachmittag eine Fortbildung in Wiesbaden, da brauche ich das Auto und hab so beim SR später keinen Zeitdruck. Das wäre prima. Danke dir. Bis morgen.«
Sie legte auf. Dass Langner am Ende ein besorgtes »Pass auf dich auf« hinterherschob, hörte sie nicht mehr.
In der Tiefgarage stieg sie auf ihr Rennrad und fuhr in Richtung Saar. Ein paar Kilometer am Fluss dem Sonnenuntergang entgegen brachten sie schnell auf andere Gedanken. Trotzdem wurde sie dieses beklemmende Gefühl nicht los, dass hier etwas faul war. Es legte sich wie eine Schlingpflanze um ihre Luftröhre. Wenn sie tatsächlich jemand im Visier hatte – wer zum Teufel sollte das sein?
Sie stand sich jetzt schon seit Stunden die Beine in den Bauch. Normalerweise waren diese lauen Spätsommerabende prädestiniert für einen erfolgreichen Arbeitstag. Dann kamen die Freier wie die Schmeißfliegen in ihren kleinen und großen Autos vorbeigefahren, manche in protzigen Karren und andere in ihrem Familienkombi mit den Kindersitzen hinten drin. Sie fuhren erst mehrfach langsam an ihr und den anderen Mädels vorbei, betrachteten die Ware in der Auslage, dann drehten sie vorne beim Hauptfriedhof und fuhren erneut vorbei.
Das war der Zeitpunkt, an dem ihr Job begann. Wenn sie vorgaukeln musste, sie hätte den ganzen Tag auf niemand anders gewartet, ihnen zuzwinkerte oder einen dezenten Hinweis auf ihre Vorzüge gab. Dann drehten sie noch einmal und hielten neben ihr an, fragten nach dem Preis und nach den Services, verwickelten sie in ein anzügliches Gespräch, als sei das ein Flirt und keine Geschäftsbeziehung. Danach kam die wirkliche Arbeit.
Aber heute war tote Hose. Nicht einmal einer der Lkw-Fahrer, die normalerweise in der Nähe des Grenzübergangs übernachteten, ließ sich blicken. Einige ihrer Kolleginnen hatten schon genervt ihre Sachen gepackt und sich abholen lassen. Doch sie konnte noch nicht nach Hause. Nicht mit der Ausbeute, das würde Ärger geben und darauf hatte sie keine Lust. Beim letzten Mal hatte sie drei Tage nicht arbeiten können, weil er sie grün und blau geschlagen hatte. Er hatte sie als faules Miststück beschimpft und ihr vorgeworfen, sie würde sich im Wald verstecken, wenn die Freier kämen. So ein Scheiß.
Sie hasste den Job, aber was blieb ihr anderes übrig? Sie war illegal in Deutschland, alles, was sie in der Sprache sagen konnte, hatte er ihr beigebracht. Und es hatte fast alles mit ihrem Job zu tun. Mehr brauchte sie aus seiner Sicht auch nicht.
Er hatte ihr versprochen, dass sie in Deutschland als Verkäuferin arbeiten könnte, hatte ihr Komplimente gemacht und ihr schnell seine Liebe gestanden. Also war sie ihm aus Bulgarien gefolgt. Dass sie ihren Körper würde verkaufen müssen, hatte er nicht erwähnt. Auch nicht, dass er noch andere Frauen so sehr »liebte«, dass sie alle für ihn arbeiteten, während er sie überwachte, zur Arbeit fuhr und abholte und das Geld kassierte, das sie ihm angeblich für ihren Unterhalt schuldeten. Lediglich ein mickriger Betrag blieb ihr im Monat, den sie zu ihrer Schwester und ihren drei Neffen nach Hause schickte. Immerhin.
Es wurde schon dunkel, als endlich zwei helle Scheinwerfer kurz vor ihrem Stammplatz abbremsten. Diesmal hielt sich der Fahrer nicht mit den üblichen Spielchen auf. Er ließ die Scheibe runter, nickte ihr zu und sie stieg ein.
