Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein vermisster Saarbrücker Sternekoch gibt Hauptkommissarin Veronika Hart Rätsel auf. Blutspuren und eine vergiftete Fleischwurst deuten auf ein Verbrechen hin. Doch was ist das Motiv? Wurde der Koch durch Zufall Opfer einer Racheaktion gegen die Wurstfabrik? Oder wütet hinter der glänzenden Fassade der saarländischen Sternegastronomie ein erbitterter Konkurrenzkampf? Denn auch in anderen Restaurants häufen sich bizarre Vorfälle. Und nebenbei muss Veronika Hart noch ein privates Problem lösen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Greta R. Kuhn
Lyoner-Komplott
Veronika Harts vierter Fall
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!
Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2023 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Printemps / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-7608-2
Für meinen Vater
»Tisch neun, zwei Menu Dégustation, zweimal à la carte, einmal Heilbutt, einmal Wachtel.«
»Ja, Chef.«
»Wo bleiben meine Hauptspeisen von Tisch zwei?«
»Eine Minute, Chef.«
»Macht hin, das muss schneller gehen.«
»Ja.«
»Der Fisch ist noch glasig, noch mal anbraten. Aber diesmal aufpassen.«
»Ja, Chef. Entschuldigung.«
»Nicht entschuldigen, gut machen. Wir haben keine Zeit für so eine Scheiße.«
»Hmm.«
»Christoph, wo bleibt das Fleisch für Tisch sieben?«
»Hier ist es.«
»Gut. Und jetzt Finger weg. Teller noch mal abwischen. Deine Fingerabdrücke will da niemand haben. Bin ich denn hier nur von Dilettanten umgeben? Ihr wisst doch, hier am Pass wird angerichtet und gerichtet. Das kostet uns alles Extrazeit.«
»Sorry.«
»Service! SERVICE! Wo bleibt ihr denn?«
»Scheiße.«
»Was?«
»Ach nix, nur verbrannt.«
»Wollt ihr mich verarschen? Ich mache gleich eine McDonald’s-Filiale auf, dann könnt ihr dort alle arbeiten. Jetzt reißt euch mal zusammen.«
»Tisch fünf, dreimal Menu Découverte, einmal à la carte. Einmal Leber.«
»Tisch drei, die Desserts gehen raus. Das Soufflé einmal ohne Früchte.«
»Brauche noch mal frischen Kerbel für die Mise en place.«
»Habt ihr da drüben nichts zu tun? Jeder auf seinem Posten! Tisch fünf, wo bleibt das Amuse-Bouche? Vier Personen. Jetzt.«
»Service.«
»Drei Consommés, dreimal Trüffelcarpaccio. Tisch sieben.«
»Service.«
»Wo bleiben die Topinambur?«
»Saucier, Soße noch mal verdünnen, die wird zu dickflüssig. Das muss man doch sehen, gottverdammt.«
Ein Teller fällt krachend zu Boden. Splittert, Scherben.
Augenrollen. Stille. Nur für einen kurzen Moment.
Die Ruhe vor dem Sturm.
Er starrte auf den kupferglänzenden Becher vor sich. Die sich auflösenden Tabletten schwammen wie kleine Wölkchen auf dem Wasser.
Er musste die perfekte Dosis treffen. Er hatte nur einen Versuch. Fehler konnte er sich nicht erlauben. Improvisieren war nicht möglich. Es war alles vorbereitet.
Die Zutaten hatte er relativ schnell und unkompliziert über das Internet besorgt. Doch die Informationen zur Dosierung auf der Webseite waren zu unpräzise gewesen. Mehrere Male hatte er sie ausprobieren müssen. Erst an kleineren Tieren, dann an sich selbst. Er hatte sich langsam herangetastet an die perfekte Mischung. Milligramm für Milligramm. Die Wirkung hatte stets nach 10 bis 15 Minuten eingesetzt. Zu Beginn hatte er sich entspannt gefühlt, dann euphorisch. Beim nächsten Versuch hatte er eine dumpfe Übelkeit verspürt, Watte in seinem Kopf. Dann war er umgekippt. Zweimal hatte er bewusstlos in seiner Wohnung gelegen. Einmal knapp eine halbe Stunde, dann zwei Stunden. Das Aufwachen danach war mühsam und schmerzhaft gewesen. Aber die Rezeptur, nach der er jetzt arbeiten konnte, war es wert.
Er brauchte eine Punktlandung, denn das Zeitfenster für seine Aktion war nicht groß.
Hoffentlich hatte er das Gewicht seiner Zielperson richtig geschätzt.
Er füllte die durchsichtige Flüssigkeit vorsichtig in eine Pipette, den Rest zog er mit einer Spritze auf. Seine Hände zitterten leicht. »Reiß dich zusammen«, zischte er sich zu.
Sein Plan war genial. Wenn er sein Ziel erreichen wollte, dann ging es nur so.
»Wir machen den Weg frei«, brummte er und lächelte schief.
Er verstaute seine Werkzeuge in der Innentasche seiner Jacke und verließ das Haus.
Jetzt oder nie.
Ihr Kopf brummte dumpf, als sie die Augen öffnete. Wo zur Hölle war sie? Das Licht, der Geruch. Sie befand sich auf jeden Fall nicht zu Hause. Stöhnend versuchte sie, ihr Gehirn in Gang zu setzen. Ein exquisites Abendessen im Sternerestaurant, Wein. Viel zu viel Wein. Übelkeit schwappte in ihr hoch und prallte gegen den pelzigen Geschmack in ihrem Mund. Oh Gott, jetzt nur nicht übergeben. Sie hielt die Augen immer noch fest verschlossen, aus Angst vor der Realität, die um sie herum lauerte. Erinnerungsfetzen flogen vorbei. Zu lautes Lachen, Flirten, zotige Witze, zu lange Redepausen mit noch längeren Blicken. Eine dunkle Vorahnung schob sich Stück für Stück in ihr Bewusstsein.
Okay, Veronika, jetzt mal ganz langsam. Sie tastete an sich hinunter. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Nichts. Da war nichts. Das war gar nicht gut. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Hatte sie überhaupt noch denken können?
Sie atmete tief durch. Sie würde der Wahrheit ins Auge blicken müssen. Das wacklige Konstrukt ihrer Erinnerung, die aufwallende Übelkeit, die Tatsache, dass sie hier in einem fremden Bett, in einem fremden Raum, neben einem … Sie riss die Augen auf und den Kopf herum. Die plötzliche Helligkeit jagte ihr stechende Blitze durchs Gehirn. Sie kniff die Lider wieder zusammen.
Neben einem gar nicht so fremden Mann. Scheiße.
Da lag er. Friedlich auf dem Rücken schlummernd. Die blonden Locken wie ein Haarkranz um sein Gesicht. Er sah tausendmal besser aus, als sie sich fühlte. Sie musste hier weg. Und vor allem so schnell wie möglich wieder etwas anziehen. Ein ungelenker Versuch, möglichst geräuschlos einen Überblick über die Situation zu bekommen, misslang. Sebastian Kirschmeier neben ihr rollte leise grunzend auf die andere Seite. Veronika erstarrte und beobachtete seinen Rücken, der nun zu ihr gekehrt lag und sich langsam hob und senkte.
Ein neuer Versuch. Vorsichtig hob sie die Decke und setzte sich auf die Bettkante. Neben ihren Füßen lag ihre Unterwäsche. Eine 90er-Jahre-Slip-Edition von H&M und ein Bustier-BH von Calvin Klein im klassischen Grau. Wow, Veronika, das ist ja überhaupt nicht peinlich. Zumindest könnte man ihr nicht vorwerfen, dass sie das geplant hatte.
Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Das Essen, sie hatte die Einladung ins »La Table« übertrieben gefunden, besonders, als sie dann im Internet die Preise gesehen hatte – 179 Euro für das kleinste Menü? So viel gab sie für Essen noch nicht einmal im Monat aus, hatte sie zumindest grob überschlagen.
Aber Kirschmeier hatte darauf bestanden, also Sebastian. Sie hätten schließlich einen Erfolg zu feiern, der Bauskandal war aufgearbeitet, die Drahtzieher warteten auf ihre Verfahren und man müsse sich auch mal etwas gönnen. Sie hatte sich bequatschen lassen, wollte nicht als Banause dastehen, als Spielverderberin. Außerdem hatte ihr Lothar Klein, ihr Chef, gesagt, dass sie Kontakte knüpfen solle. Sie war jetzt seit fast zwei Jahren in Saarbrücken, aber ihr Netzwerk fiel noch etwas dürftig aus – zumindest, wenn es nach Klein ging. Der war aber auch ein schlechter Maßstab, schließlich kannte er fast jeden im Saarland.
Und jetzt war sie hier. In puncto Netzwerken war sie wohl etwas zu weit gegangen. Ein Unfall. Ja. Vielleicht würden sie schnell den Deckmantel des Verdrängens darüber legen können. Niemand durfte davon erfahren.
Francesco. Fuck. Sie würde es ihm sagen müssen. Das schlechte Gewissen trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Oder war es die Übelkeit? Sie schlüpfte in ihre Unterwäsche, fand ihre Hose im Wohnzimmer auf der Couch und ihr Oberteil unter dem Esstisch. Ihr Gedächtnis hatte Mühe, die Bruchstücke richtig zusammenzusetzen, doch sie wusste nicht, ob sie das alles noch einmal Revue passieren lassen wollte. Sie fand auch ihre Handtasche und ihre Schuhe, kramte nach Schlüssel und Handy und ließ die Wohnungstür langsam hinter sich ins Schloss fallen.
Veronika hatte keine Ahnung, wo sie war. Irgendwo auf einem Berg. Sie konnte bis hinunter zur Saar sehen, aber unmöglich die Strecke laufen. Schon gar nicht in diesen Schuhen. Und so rief sie sich, unter dem nächsten Straßenschild stehend, ein Taxi.
»Na, Chef. Schönes Wochenende gehabt? Siehst mitgenommen aus.«
Veronika brummte unisono zu ihrem Schädel: »Hmmm, es ging. Danke. Und bei dir, Max?«
»War super. Ich war mit meinem Bruder am Bostalsee segeln, haben wir seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht. Am Anfang haben wir uns recht hölzern angestellt, aber wir sind schnell wieder reingekommen.«
Das war eindeutig zu viel Text für ihren Zustand. Kaum zu glauben, wie lange ihr diese durchzechte Nacht noch nachhing. Früher, ja, früher war das noch anders. Veronika blendete Langners Wochenendbericht langsam aus, ihre Gedanken kreisten immer noch um den Samstagabend. Die Nachrichten, die ihr Sebastian Kirschmeier am Sonntag geschrieben hatte, hatte sie ebenso ignoriert wie seinen Anruf am Abend. Sie musste erst einmal klarkommen.
Francesco würde heute Abend von seiner Dienstreise zurückkommen und sie hatte keine Ahnung, wie sie ihm ihren Ausrutscher erklären sollte. Gerade jetzt, wo sie kurz davorstanden, sich eine gemeinsame Eigentumswohnung zu kaufen. Also, wenn es nach ihm ging.
Kein guter Zeitpunkt also. Überhaupt kein guter Zeitpunkt.
»Hörst du mir überhaupt zu?«
»Was? Ja. Sorry. Bin abgeschweift. Aber klingt doch gut.«
»Dass wir uns in die Haare bekommen haben wegen der Knoten?«
»Was? Welche Knoten?«
»Ich störe ja nur ungern«, polterte Becker herein und Veronika war ihm unendlich dankbar, dass er sie erlöste. »Die Kollegen von der Streife haben angerufen. Eine Person wurde als vermisst gemeldet.«
»Ein Kind?«
»Nein, ein erwachsener Mann. Er sollte sich heute Vormittag in seinem Restaurant aufhalten, war dort aber nicht anzutreffen. Er …«
»Aber das ist doch kein Grund, die Polizei zu rufen. Und dann auch noch uns … Die Leute verlieren echt schnell die Nerven heutzutage.« Langner stemmte demonstrativ die Hände in die Hüften. Keine Frage, er wollte Veronika mit dieser Showeinlage aufmuntern. Süß, dachte sie, aber sie hatte jetzt echt andere Sorgen. Auch Becker schien die Szene nicht lustig zu finden.
»Jetzt hör doch mal zu«, blaffte er den Kollegen an. »In besagtem Restaurant wurde Blut gefunden. In der Küche. Und seine Schuhe. Er muss verletzt sein, vielleicht gestürzt. Seine Schwester ist sich sicher, dass etwas nicht stimmt.«
»Okay, dann sollten wir uns das anschauen. Wo müssen wir hin?«
»Ins ›La Table‹. Bin gespannt, dort war ich noch nie drin.«
Veronika stockte der Atem.
»Das ›La Table‹ in der Innenstadt?«
»Ja, gibt es noch ein anderes? Was schaust du denn so? Warst du da schon mal?«
»Wer wird denn vermisst?«
»Ach ja, hab ich gar nicht erwähnt. Markus Wendemann. Der Sternekoch. Kennt man doch aus den Medien. Weißt du, wen ich meine?«
Sicher, der hat am Samstag erst für mich gekocht, dachte sich Veronika. Kurz bevor ich mein Leben noch etwas komplizierter gemacht habe.
»Ja, stimmt. Jetzt weiß ich, wen du meinst«, sagte sie nur und beeilte sich, ihre Jacke zu greifen. »Wollen wir los?« Das Adrenalin revitalisierte ihre Synapsen, sie war wieder hellwach, doch sie wusste nicht, wohin mit sich.
Die drei stiegen in den Dienstwagen.
»Alles okay?«
Becker warf ihr einen besorgten Blick über den Rückspiegel zu, während Langner auf seinem Handy herumtippte.
»Ja, ich, ich war am Samstagabend noch dort. Ich …«
»Du? Echt? Das hätte ich dir jetzt gar nicht zugetraut. Mit wem gehst du denn in solche Restaurants? Hat Francesco im Lotto gewonnen?«
Veronika nuschelte etwas Unverständliches und starrte aus dem Fenster. Hoffentlich würde niemand mehr nachfragen.
»Na, dann mal los.«
Die Fahrt dauerte nicht einmal zehn Minuten. Es war ein komisches Gefühl, das Restaurant bei Tageslicht zu sehen. Am Samstag hatte alles so feierlich, so edel gewirkt. Die Beleuchtung, der Marmor im Eingangsbereich, die schweren Stühle. Eine Frau begrüßte sie mit versteinerter Miene am Eingang. Sie stellte sich als Mareike Wendemann, die Schwester des Vermissten und die Geschäftsführerin des Restaurants, vor. Ihr Gesicht wirkte grau, die Lippen blutleer und ihre Stimme brüchig.
Veronika unterdrückte den Impuls, sie mit ein paar warmen Worten zu beruhigen. Noch wussten sie überhaupt nicht, was sie erwartete. Wie könnte sie dann sagen, dass sich Frau Wendemann keine Sorgen machen sollte. Oder dass alles gut werden würde. Sie mussten sich jetzt erst einmal ein eigenes Bild machen. Zwei uniformierte Kollegen hatten sich bereits in der Küche postiert. Mareike Wendemann folgte ihnen. Sie starrte auf die Blutspur, die sich leuchtend von den weißen Fliesen abhob. Ihre Unterlippe zitterte.
»Bringen Sie Frau Wendemann bitte hier raus und bleiben Sie bei ihr, falls sie etwas braucht. Sie scheint unter Schock zu stehen. Im Notfall rufen Sie den Rettungsdienst, okay?«, flüsterte Veronika den beiden Beamten im Vorbeigehen zu.
Becker, Langner und die Hauptkommissarin betrachteten die auf Hochglanz polierte Industrieküche. Alle Töpfe, Pfannen und Schüsseln schienen in den zahllosen Schubladen verstaut zu sein, nichts stand herum. Bis auf einen einsamen Topf auf einem Gasherd, daneben ein paar geknackte Walnüsse, Rosinen und eine Glaskaraffe, gefüllt mit einer undefinierbaren dunklen Flüssigkeit.
»Er arbeitet an einem Fond auf Walnussbasis. Das ist seine neueste Kreation. Sind Sie von der Presse?«
Die Stimme schien aus dem Off zu kommen. Ein kleiner, hagerer Mann war im Halbdunkel des Flures stehen geblieben, der den Gastraum mit der Küche verband. Der Neuankömmling trug ein weißes, bis zum Hals zugeknöpftes Kochhemd, eine dunkelblaue Hose und schwarze Turnschuhe.
»Und Sie sind?«
»Entschuldigung. Mein Name ist Christoph Glaser. Ich arbeite hier als Souschef.«
»Sous was?«, entfuhr es Langner.
»Hallo, Herr Glaser, ich bin Hauptkommissarin Veronika Hart, das sind meine Kollegen Becker und Langner.«
»Die Polizei? Was ist hier los? Wo ist Markus?«
»Das fragen wir uns auch. Ihr Chef wurde als vermisst gemeldet.«
»Oh Gott, ist etwas passiert? Wo kommt das denn her?«, er deutete erschrocken auf die Blutspur am Boden.
»Das wissen wir noch nicht.« Veronika bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Dürfte ich Sie bitten, zu Frau Wendemann in den Gastraum zu gehen, meine Kollegen und ich hätten dann später noch ein paar Fragen an Sie.«
Glaser nickte stumm, zog den Kopf zwischen die Schultern und wandte sich zum Gehen. Dann hielt er inne und drehte sich noch einmal um.
»Der Chef kam immer als Erster. Er genoss die Stille, das war seine Inspiration. Er wollte die reine Atmosphäre des Tages aufnehmen, bevor wir, also das Fußvolk, kamen und sie ihm verpesteten.«
Stirnrunzelnd schaute Veronika ihm hinterher. Sie hatte schon von Sterneköchen gehört, die irgendwann Star-Allüren entwickelt und ihr Team nur noch von oben herab behandelt hatten. War Wendemann auch so einer? Das würden sie herausfinden müssen.
»Gut, ich würde sagen, Spurensicherung anrufen, Zeugen befragen. Das Übliche, oder?«, riss Becker sie aus ihren Überlegungen.
Veronika nickte.
»Fangen wir mit der Schwester an? Ich hab noch nicht ganz verstanden, warum es sich hier zwangsläufig um ein Gewaltverbrechen handeln muss. Die Blutspuren, die Schuhe – vielleicht hat er sich verletzt und ist im Krankenhaus. Ich meine …«
»Da hab ich überall angerufen. Und er hätte sich bei mir gemeldet«, schluchzte Mareike Wendemann, die unbemerkt wieder in die Küche getreten war.
Veronika warf dem Beamten, der schulterzuckend hinter der Schwester des Vermissten stand, einen verärgerten Blick zu.
»Frau Wendemann, ich verstehe. Können wir irgendwo in Ruhe reden?«
Die Geschäftsführerin des Restaurants schniefte und deutete auf den Büroraum, den eine Glasscheibe vom hinteren Teil der Küche trennte. Der Beamte, der eigentlich bei Frau Wendemann hätte bleiben sollen, tippte Veronika auf die Schulter und flüsterte ihr zu:
»So langsam trudeln die anderen Mitarbeiter ein, was sollen wir denen sagen? Wollt ihr die alle hier befragen?«
Irritiert schaute Veronika zwischen den Anwesenden hin und her.
»Frau Wendemann? Wie wollen wir mit Ihren Mitarbeitern umgehen? Wollen Sie die informieren? Wir müssen sicher später mit jedem Einzelnen von ihnen sprechen, aber ich möchte mir erst einmal einen Überblick verschaffen, bevor wir das tun.«
»Wie lange wird das denn dauern? Wir müssen ja schließlich heute Abend öffnen.«
»Wie bitte?« Becker starrte sie mit offenem Mund an. »Ich denke nicht, dass Sie heute öffnen können. Erstens, weil die Spurensicherung gleich kommen und sicher einige Stunden brauchen wird, bis sie alles untersucht hat – und zweitens, fehlt Ihnen nicht der Koch?«
Der letzte Satz klang etwas spöttisch. Veronika ärgerte sich, dass Becker so aus seiner professionellen Rolle gefallen war. Doch Mareike Wendemann schien es gar nicht bemerkt zu haben. Erschöpft schaute sie die Kommissare an.
»Das Team ist eingespielt, die bekommen das auch mal alleine hin. Auch wenn mein Bruder das nicht gerne hört. Christoph, also Herr Glaser, der Souschef, der kennt die Abläufe genau. Aber das mit der Spurensicherung ist natürlich ungünstig. Müssen die denn kommen? Wir können ja den Gästen schlecht absagen, ich meine, das haben wir noch nie machen müssen.«
Von welchem Stern war die denn runtergefallen, dachte Veronika. »Frau Wendemann, Sie haben uns doch benachrichtigt und befürchten, dass Ihrem Bruder etwas zugestoßen sein könnte. Dann müssen Sie uns auch unsere Arbeit machen lassen. Wollen Sie uns nicht erst einmal in Ruhe erzählen, was vorgefallen ist?«
Er verstand überhaupt nicht, wie Veronika so ruhig bleiben konnte. Die Schwester des mutmaßlichen Opfers hatte doch mindestens drei Valium intus, wenn nicht noch stärkere Tabletten. Die schien nicht zu realisieren, was hier vor sich ging. Sie sprach unzusammenhängend und wiederholte sich immer wieder, als sie sie befragten.
»Was lässt Sie denn glauben, dass Ihrem Bruder etwas zugestoßen ist?«, hatte Veronika sie gefragt.
»Er hätte mich angerufen, wenn er sich verletzt hätte oder es ihm schlecht gegangen wäre. Er hat mich immer angerufen, egal was war. Und er wäre nie weggefahren, ohne mir Bescheid zu sagen. Er hätte das Restaurant nie alleine gelassen. Einfach so. Es muss etwas passiert sein.«
Sie starrte vor sich auf den Fußboden.
»War Ihr Bruder denn in den letzten Tagen anders als sonst? Hat er sich komisch verhalten? Hatte er Streit mit jemandem?«
Durchs Fenster sahen sie, wie das Team der Spurensicherung eintraf. Veronika gab Langner ein Zeichen, die Kollegen draußen auf den Stand zu bringen und einzuweisen. Dann wandte sie sich wieder ihrem Gegenüber zu.
»Es war alles normal, nichts Auffälliges. Alles wie immer. Wir haben gestern noch für die nächsten Wochen die Planung gemacht und er hat sich mit einem Weinlieferanten getroffen, um das Weinkonzept zu überarbeiten. Es passt überhaupt nicht zu ihm, dass er einfach so verschwindet.«
»Also könnte es doch sein, dass er sich eine Auszeit genommen hat?«
»Was? Nein. Absolut nicht. Auf keinen Fall.« Mareike Wendemann schüttelte vehement den Kopf. »Da stimmt etwas nicht. Das spüre ich einfach.«
Becker verdrehte die Augen. Wenn sie jetzt auf irgendeinen spirituellen oder esoterischen Quatsch kam, dann würde er sich ausklinken. Das konnte er absolut nicht ausstehen.
»Sehen Sie, er hat doch sogar noch gefrühstückt.« Mareike Wendemann deutete durch die Scheibe auf einen Teller mit einem angebissenen Wurstbrot, ein kleines braunes Fläschchen sowie eine gebrauchte Kaffeetasse.
»In Ordnung, das wird sich die Spurensicherung näher anschauen müssen.«
Sie verließen das Büro. Während Veronika bei Thiel, dem Rechtsmediziner, und seinem Team in der Küche blieb, begleitete Becker Mareike Wendemann in den Gastraum, wo knapp zehn Personen unsicher herumstanden. Die meisten von ihnen wirkten ziemlich jung, blass, sahen müde aus und in ihrer legeren Kleidung hätte man sie eher für die Schnupperklasse der Berufsschule halten können als für ausgebildete Köche.
Becker stellte sich vor, bevor er Namen und Positionen der Anwesenden in seinem Notizheft festhielt. Er hatte überhaupt nicht gewusst, dass es so viele verschiedene Posten in einer Küche gab. Und dass man das überhaupt Posten nannte. Die Mienen der Köche waren verschlossen, sie musterten ihn argwöhnisch, als wäre er dafür verantwortlich, dass sie ihrer Arbeit nicht nachgehen konnten.
»Wenn jemand von Ihnen in den letzten Tagen und Wochen etwas Ungewöhnliches bemerkt hat, dann sagen Sie uns das bitte. Jeder Hinweis kann nützlich sein.«
Becker schaute Frau Wendemann an, die verloren aus dem Fenster blickte.
»Und ich nehme an, aber das muss Ihnen Frau Wendemann sagen, dass jeder, der nichts beizutragen hat, wieder nach Hause gehen kann.«
Mareike Wendemann zuckte zusammen, als sie ihren Namen hörte. Sie schien mit ihren Gedanken woanders gewesen zu sein, fing sich aber schnell wieder.
»Äh, ja. Ich bleibe hier, und sobald ich weiß, wann die Küche wieder freigegeben ist, melde ich mich bei euch. Ich hoffe, wir können morgen ganz normal öffnen. Christoph übernimmt dann Markus’ Posten, ihr anderen rückt auf. Das besprechen wir, wenn es so weit ist. Wir halten hier die Stellung, bis Markus zurück ist.«
Ihren letzten Satz presste sie tränenerstickt heraus. Das Team blickte betreten zu Boden. Nur Christoph Glaser nickte eifrig, um das gerade Gesagte zu bestätigen.
Becker schaute in die Runde. »Gut, wir melden uns dann bei Ihnen, sollten noch Fragen auftauchen. Hier ist meine Karte, wenn Ihnen etwas einfällt, dann melden Sie sich bitte direkt.«
Er verteilte seine Visitenkarten, die er während des Sprechens umständlich aus einem schwarzen Ledermäppchen gezogen hatte. Seine älteste Tochter hatte es ihm geschenkt, und obwohl die Handhabung so unpraktisch war, liebte er das Mäppchen.
»Frau Wendemann, wenn wir uns kurz unterhalten könnten?«
Sie nickte und deutete auf einen Tisch in der Ecke, von dem man einen wunderschönen Blick in den dicht bewachsenen kleinen Garten des Restaurants hatte. Was für ein idyllischer Fleck, schoss es Becker durch den Kopf. Und das mitten in der Stadt.
»Mareike? Ich würde auch hier bleiben, wenn es dir recht ist. Ich rauche noch eine und warte dann draußen, wir sollten die nächsten Tage besprechen.« Christoph Glaser war hinter sie getreten und hatte leise, aber eindringlich gesprochen. Becker beobachtete, wie sich Frau Wendemanns Rücken anspannte.
»Ist gut«, hauchte sie, dann wandte sie sich an den Kommissar.
»Sie hatten noch Fragen?«
»Ja, Sie sind so überzeugt davon, dass Ihrem Bruder etwas zugestoßen sein muss. Was macht Sie so sicher?«
»Mein Bruder würde das Restaurant nie im Stich lassen. Das ist sein Lebenswerk.« Sie senkte den Blick. »Und mich auch nicht«, fügte sie leiser hinzu.
»Stimmt es, dass er immer der Erste im Restaurant war?«
Mareike Wendemann nickte.
»Er genoss die Stille, er brauchte das, um anzukommen. Mein Bruder ist jemand, der wahnsinnig unter Strom steht. Sein Kopf ist immer aktiv, er denkt permanent über neue Gerichte und Techniken nach. Er ist ein Perfektionist. Schon immer, seit er ein kleines Kind war.«
»Sind Sie älter oder jünger als er?«
»Ich bin fünf Jahre älter. Ich habe ihn vom ersten Moment an innig geliebt, meine Eltern hatten eine Gaststätte in der Eifel, sie haben rund um die Uhr gearbeitet, ich habe früh Verantwortung für ihn übernommen. Ihn großgezogen. Wir waren unzertrennlich. Sind es.«
»Und ihr Verhältnis ist auch heute noch gut?«
Mareike Wendemann zögerte einen Moment, dann nickte sie nachdrücklich. »Doch, es ist sehr gut. Mein Bruder ist … Mein Bruder ist sehr willensstark. Und er hasst es, wenn etwas nicht so läuft, wie er es sich vorstellt. Aber im Grunde geht er am härtesten mit sich selbst ins Gericht. Er wirft sich jeden Fehler, der in der Küche passiert, selbst vor. Das geht ihm richtig nahe.«
»Wird er gewalttätig?«
»Nein, aber laut. Er kann sehr laut und sehr verletzend werden.« Sie wischte eine Träne aus ihrem Augenwinkel.
»Und wie kommen seine Mitarbeiter damit zurecht?«
»Gut, sie kennen ihn und wissen, wie er es meint. Am Anfang ist das schon gewöhnungsbedürftig. Aber jeder, der hier anfängt, weiß, was ihn erwartet. Und was er oder sie lernen kann. Deshalb bewerben sich die Leute hier. Sie wollen von einem der Besten lernen. Und Kochen ist und bleibt eine harte Schule, egal, in welche Küche sie schauen. Man fängt ganz unten an und arbeitet sich hoch. Es gibt keine Abkürzung. Kein Studium. Das ist alles Handwerk, Können, Präzision.«
Becker bewunderte insgeheim die Inbrunst, mit der Mareike Wendemann von ihrem Bruder sprach. Sie schien ihn wirklich zu lieben.
»Hat Ihr Bruder denn Feinde? Gab es in letzter Zeit Probleme?«
Sie überlegte.
»Nichts Konkretes. Er eckt natürlich mit seiner Art immer wieder an, es gibt viele Neider. Wenn er einen schlechten Tag hat, geht er in die Stadt und sucht Streit. Aber wenn Sie mich fragen, war das immer recht harmlos. Er hat es mir danach jedes Mal erzählt und dann darüber gelacht.«
»Ich wäre Ihnen trotzdem dankbar, wenn Sie ein paar Details zu den Auseinandersetzungen aufschreiben könnten. Namen, Zeitpunkte, wenn möglich auch, worum es ging. Es kann ja sein, dass die anderen Parteien die Auseinandersetzungen nicht so lustig fanden. Wir müssen alle Hinweise ernst nehmen.«
Sie schaute ihn erschrocken an.
»Meinen Sie wirklich? Ich weiß nicht, ob ich mich an alles erinnere.«
»Jedes Detail ist wichtig. Hier ist meine Karte, wenn Sie etwas hören, dann melden Sie sich bitte direkt bei uns. Wo können wir Sie am besten erreichen?«
Frau Wendemann kramte in der Tasche ihrer Strickjacke und reichte ihm ebenfalls eine Visitenkarte. Becker stand auf und verabschiedete sich, während sie vor sich auf den Tisch starrte.
»Herr Kommissar?«, rief sie ihm hinterher, als er gerade den Gastraum in Richtung Küche verlassen wollte.
»Ja?«
»Was meinen Sie, wann wir wieder öffnen können? Ich muss ja die Gäste anrufen, die reserviert haben, und Ihnen neue Termine anbieten. Wir sind in den nächsten fünf Wochen komplett ausgebucht. Teilweise warten die Leute sehr lange, bis sie einen Tisch bei uns bekommen.«
Becker wollte gerade seinem Ärger Luft machen, überlegte es sich dann aber anders.
»Ich sage Ihnen so schnell wie möglich Bescheid«, antwortete er knapp und verließ den Raum.
Veronika unterhielt sich leise mit Thiel, dessen Team dabei war, die polierten Oberflächen der Küche zu begutachten.
»Könnt ihr schon was zum Blut sagen?«, fragte Becker.
Thiel blickte auf und nickte.
»Auf die Schnelle können wir davon ausgehen, dass es menschliches Blut ist. Eine Übereinstimmung mit der DNA des mutmaßlichen Opfers müssen wir erst im Labor untersuchen. Das Gleiche gilt für das Frühstück, das wir sicherstellen konnten.«
»Er scheint mittendrin unterbrochen worden zu sein«, überlegte Veronika.
»Wie meinen Sie das?«
»Das Brot war halb abgebissen, dickt belegt mit Lyoner-Scheiben, können Sie sich das vorstellen? Der Kaffee war noch voll, doch der Ingwer-Shot leer«, erklärte sie ihm.
»Der Ingwer-was?«
»So ein kleines braunes Fläschchen mit Ingwersaft drin. Manchmal ist noch Kurkuma dabei, schmeckt gruselig, soll aber gesund sein. Sollten Sie mal probieren.« Dabei knuffte sie ihn in die Seite.
Thiel schmunzelte.
»Was denken Sie, bis wann Sie hier fertig sind? Frau Wendemann fragt das für ihre Planung. Sie will wissen, wann sie wieder öffnen kann.«
Becker amüsierte sich über die fragenden Blicke, die Veronika und Thiel ihm zuwarfen. Er zuckte nur die Schultern.
»Ich frag ja nur.«
»Weißt du schon was?«
Mareike schüttelte den Kopf. Sie hatte sich von Christoph Glaser eine Zigarette geben lassen und zog gierig daran.
»Was sollen wir denn nur tun? Wenn er sich doch melden würde.«
»Glaubst du, er ist abgehauen?«
»Ich weiß es nicht, es passt so gar nicht zu ihm. Er würde uns doch zu einhundert Prozent wissen lassen, wenn er sich über etwas geärgert hätte. Und dann das Blut. Vielleicht hat er es zu weit getrieben?«
»Was meinst du?« Christoph schnippte hektisch die Asche ab.
»Ach nix.«
»Mareike, wenn du etwas weißt, musst du es der Polizei sagen.«
»Ich weiß nichts Genaues. Du kennst ihn doch auch, er liebt es, mit dem Feuer zu spielen. Vielleicht wollen sie ihm nur Angst machen.«
»Wer denn?«
»Es ist nur so eine Ahnung. Ich muss später versuchen, mehr darüber herauszufinden.«
»Und die Polizei?«
»Die sollte erst einmal nichts davon wissen. Das könnte sonst gefährlich für ihn werden.«
Jetzt flüsterten die beiden nur noch. Christoph Glaser atmete tief durch, drückte seine Zigarette auf dem Boden aus. Dann hob er sie auf und warf sie in einen alten Blumentopf, der auf der Fensterbank stand.
»Und jetzt?«
»Jetzt müssen wir planen, wie es weitergeht. Ich muss gleich die Gäste von heute Abend anrufen und ihnen absagen. Der Kommissar von eben will mir Bescheid geben, sobald wir wieder in die Küche können. Dann müssen wir die Lieferanten anrufen …«
»Waren die eigentlich heute da?«
»Im Kühlraum steht alles. Markus hat das wohl entgegengenommen. Wahrscheinlich sollte ich der Polizei deren Kontaktdaten noch geben.«
Glaser schaute seine Chefin erstaunt an.
»Das wäre sicher gut«, sagte er vorsichtig.
»Was machen wir mit der Ware von heute? Markus würde ausrasten, wenn wir eine Lieferung verkommen lassen.«
»Gib die verderblichen Waren dem Team mit, die sollen zu Hause üben. Ich gehe dann auch mal und bleibe auf Abruf, okay? Oder brauchst du hier Hilfe?«
Mareike schüttelte den Kopf. »Du könntest aber schon mal einen neuen Postenplan machen. Am besten orientierst du dich an den Plänen, die ihr erstellt habt, als Markus die Fernsehauftritte hatte. Du hast ihn ja schon ein paarmal vertreten und hast sowieso den besten Überblick, wer fit ist und wer welche Rolle übernehmen kann. Die Karte bleibt erst einmal, wie sie ist. Auch fürs Wochenende. Oder weißt du, ob er etwas anderes geplant hatte?«
»Er hat an einem Rehrücken gearbeitet, auf Preiselbeergelee und Topinamburpüree. Ich hab es probieren dürfen, aber weiß nichts Näheres dazu. Ich kann mich aber auch daranmachen, wenn du willst?«
Mareike schüttelte den Kopf.
»Lieber nicht, wir lassen das jetzt so. Vielleicht kommt er schnell zurück, dann brauchen wir uns den Aufwand nicht machen. Die Gäste wissen ja nichts von seinem Verschwinden.«
»Und wenn er nicht zurückkommt?«
Sie hielten beide die Luft an. Dann straffte Mareike die Schultern, schaute Christoph direkt in die Augen: »Das wird nicht passieren. Er lebt, das spüre ich, und er wird zurückkommen. Ganz sicher.«
Ihr Blick traf ihn unvermittelt und es lief ihm kalt den Rücken hinunter. Er schüttelte das ungute Gefühl ab. Wenig später stieg er auf seinen Motorroller, mit dem er sich in den Vormittagsverkehr in der Innenstadt einfädelte.
Seine Gedanken rasten. War das wirklich sein Moment? War das der richtige Zeitpunkt, aus Markus’ Schatten zu treten und sein eigenes Talent unter Beweis zu stellen? Er wusste, dass er es konnte. Dass alle ihn unterschätzten. Mareike würde er schnell auf seine Seite ziehen müssen, das Team würde ihn schon akzeptieren. Das musste einfach klappen. Aber er hatte kein gutes Gefühl dabei.
Pochender Kopfschmerz war das Erste, was er fühlte, als er ganz langsam zu sich kam. Vorsichtig tastete er mit der Hand an seinen Kopf, wischte sich kalten Schweiß von der Stirn. Sein Mund fühlte sich an, als wäre er mit Sandpapier ausgelegt. Bittere Gallenflüssigkeit schwappte ihm die Kehle hoch.
Was war geschehen? Wo war er?
Mit der Zeit gewöhnten sich seine Augen an die staubige Dunkelheit. Den muffigen Geruch nahm er erst nach und nach wahr, es gab kein Fenster, nur einen schmalen Lichtstreifen, der sich unter der Tür durchkämpfte.
Adrenalin schoss durch seinen Körper, als er die Metallschlinge an seinem Handgelenk bemerkte. Was sollte das? Mit einer ruckartigen Bewegung versuchte er, sich zu befreien, doch der Draht schnitt sich tief in seine Haut. Er sog vor Schmerz die Luft durch die Zähne, was einen Hustenreiz auslöste.
»Scheiße«, japste er zwischendurch, doch der aufgewirbelte Staub nahm ihm fast den Atem. Du musst dich beruhigen.
Er konnte sich nur noch dunkel erinnern, was geschehen war. Er hatte gefrühstückt, wie jeden Morgen. Die Sachen aus dem Kühlschrank genommen, sich ein Brot und einen Kaffee gemacht und war im Kopf den Tag durchgegangen. Er hatte die Waren angenommen. Sich diese Szenen in Gedanken zurückzuholen, war nicht schwierig. Sie gehörten zu seiner Routine. Jeder einzelne Arbeitstag begann für ihn genau so.
Und dann? Dann flimmerte ein Bild in seiner Erinnerung. Ihm war übel geworden. Der Boden hatte sich bewegt, er hatte den Halt verloren. War gestürzt.
Wieder tastete er mit der Hand an den Hinterkopf, fühlte ein Pflaster, darunter einen stechenden Schmerz. Irgendjemand hatte ihn verarztet, nachdem er sich verletzt hatte. Aber warum hatte man ihn hierhergebracht? Das war kein Krankenhaus.
Er schaute sich um, bemüht, ruhig zu atmen. Er versuchte, sich zu konzentrieren, trotz seines schlechten Zustands. Er saß auf einem Feldbett, einer Pritsche, darauf eine fleckige Decke, Modell Bundeswehr-Camouflage. Daneben ein Eimer. Wieder kam ihm die Gallenflüssigkeit hoch, dieses Mal konnte er sie nicht zurückhalten. Er erbrach sich neben den Eimer. Sein Schädel schien zu explodieren, der Schmerz war unerträglich.
Schluchzend hielt er sich die Augen zu.
Er war offensichtlich entführt worden und hatte keine Ahnung, wer ihn hier festhielt und warum. Ihm war schwindelig. Langsam ließ er sich auf die Pritsche zurücksinken. Sie würden ihn schon suchen. Mareike. Sie würde alles in Bewegung setzen, um ihn zu finden. Wenn es um Lösegeld ging, würde sie es besorgen. Egal wie viel.
Wie lange war er schon hier? Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, aber seine Schwester würde nicht lockerlassen, bis man ihn entdeckte.
Er konnte ihr vertrauen. Vielleicht nur ihr. Sie würde ihn finden. Er war sich sicher. Bald. Ganz bestimmt. Die Dunkelheit kroch langsam in sein Bewusstsein zurück, er konnte sich nicht dagegen wehren, auch nicht, als er ein kratzendes Geräusch an der Tür hörte. Die Ohnmacht war zu stark.
»Okay, was haben wir?«
Veronika stand vor dem ovalen Konferenztisch, an dem sie ihr Team versammelt hatte. Oder zumindest den Teil, der übrig war. Sylvia Meyer war auf einem zweiwöchigen Fortbildungskurs, Philipp Weissmann saß mit gebrochenem Sprunggelenk zu Hause. Ein Sportunfall, Blutgrätsche beim Saarbrücker Derby in der Bezirksklasse. Saar 05 gegen den SC Halberg Brebach. Wenigstens hatte sein Team gewonnen, hatte Weissmann Veronika geschrieben. Sie konnte sich nur wenig freuen, denn aufgrund der Sparmaßnahmen auf politischer Ebene waren sie chronisch unterbesetzt, da traf sie Weissmanns Ausfall besonders hart. Sie hatte später noch einen Termin mit ihrem Chef Lothar Klein, er musste ihr einfach Verstärkung genehmigen.
Bis dahin waren sie also zu dritt. Becker blätterte in seinen Mitschriften und Max Langner blickte angestrengt auf das Display seines Laptops, aus dem er noch ein paar Datenbankeinträge ziehen sollte.
»Na ja, wir haben Blutspuren, die wahrscheinlich von einem Menschen stammen. Einen vermissten Erwachsenen, dessen Handy und Schuhe zurückgeblieben sind. Ein angebrochenes Frühstück, welches gerade auf Spuren untersucht wird. Und kein offensichtliches Motiv«, fasste Becker die Faktenlage pragmatisch zusammen.
»Na, großartig.«
»Zumindest ist die Spurensicherung im Restaurant fertig, sie untersuchen gerade noch den Außenbereich, aber laut Thiel, ich zitiere, wird man in dem Saustall sowieso nichts finden.«
Veronika und Becker schmunzelten bei Langners Worten. Dem Rechtsmediziner wäre es am liebsten, wenn sich alle Ermittelnden nur schwebend dem vermeintlichen Tatort nähern würden.
»Da wird Frau Wendemann aber froh sein«, frotzelte Becker. »Das war schon komisch, oder? Ich meine, sie steht unter Schock, weil ihr Bruder vermisst wird, und sorgt sich dann trotzdem noch um die Öffnungszeiten ihres Restaurants.«
»Stimmt schon, aber wisst ihr, wie schwer es ist, dort einen Tisch zu bekommen? Meine Geschwister und ich wollten unseren Eltern das mal zum Hochzeitstag schenken, weil meine Mutter immer so davon geschwärmt hat. Drei Monate wartet man da. Irre. Und wir dachten, dass das mit zwei Tagen Vorlauf dann schon klappt. Schöne Pleite.« Langner tippte sich dabei mit dem Finger gegen die Stirn. »Und dann die Preise. Das ist eine Geld-Druck-Maschine, wenn ihr mich fragt.«
Veronika dachte nach. Erst vor zwei Tagen hatte sie mit Sebastian Kirschmeier dort in tiefen, gepolsterten Stühlen gesessen und diese besondere Atmosphäre genossen. Allein die einzelnen Gänge, sie hatte überhaupt nicht gewusst, wo sie anfangen sollte. Wahre Geschmacksexplosionen in ihrem Mund. Und erst der Wein dazu, sie war nahezu euphorisch gewesen, wie ein kleines Mädchen, das sich zum ersten Mal in seinem Leben ganz neue Sphären erschließt.
Sebastian schien da unbeeindruckter, das war eher seine Welt, in die sie sich da reinbegeben hatte. Und, so musste sie es sich leider eingestehen, in dem Moment fand sie das wahnsinnig anziehend. Wie so ein James-Bond-Verschnitt, gerührt und nicht geschüttelt. Sie seufzte tief.
»Alles okay, Veronika?«
Sie schreckte zusammen. »Äh, ja. Schon gut. Ich, äh, ich war nur in Gedanken versunken. Ich frag mich, also, wenn wir von einer Entführung ausgehen, dann frag ich mich, ob es da wirklich nur um Geld geht oder ob er sich mit irgendjemandem angelegt hat. Ein Sympathiebolzen scheint er ja nicht gewesen zu sein.«
»Hmm, stimmt schon. Aber eine Geldforderung ist ja bisher nicht eingegangen. Das kann natürlich noch dauern, aber trotzdem sollten wir uns anschauen, was der gute Herr Wendemann so für Geschäfte gemacht hat. Oder er ist einfach ausgerutscht, zum Arzt gegangen und taucht wohlbehalten wieder auf. Die Option gibt es ja auch noch.«
»Ohne Schuhe?«
»Hmmm.«
»Ich frag mal im Dezernat für Wirtschaftskriminalität nach, okay? Vielleicht haben die ja Infos zu ihm.« Langner sprang auf und verließ den Raum.
»Musst du gleich noch zu Lothar?«, fragte sie Becker.
Veronika nickte.
»Er soll uns mehr Leute schicken. Sobald wir die Infos von Thiel haben oder uns Hinweise erreichen, geht hier die Post ab.«
»Hab ich auf dem Zettel, drück mir die Daumen. Kannst du bei Thiel Druck machen? Es wäre super, wenn wir wüssten, wessen Blut das ist. Das ist ja auch noch nicht klar.«
»Wird gemacht, Chef.«
Veronika machte sich auf den Weg zu Lothar Kleins Büro. Wie immer mit einem leicht mulmigen Gefühl, denn ihr Vorgesetzter hatte in der letzten Zeit sehr wechselhafte Laune und je nach Tagesform hagelte es entweder Kritik oder Lobeshymnen. Sie wusste auch noch nicht, wie sie mit ihrem eigenen Restaurantbesuch umgehen sollte. Musste sie das melden? War sie damit befangen? Ganz zu schweigen von dem, was danach gefolgt war und was sie seitdem versuchte, aus ihrem Kopf zu verdrängen. Das schlechte Gewissen nagte an ihr, sie würde sich früher oder später der Tatsache stellen müssen, dass sie einen Riesenfehler begangen hatte.
Obwohl es in den Gängen des Kommissariats frisch war, lief ihr der Schweiß den Rücken hinunter. Kleins Assistentin begrüßte sie mit einem Lächeln und bedeutete ihr mit der Hand, in sein Büro durchzugehen. Sie klopfte und betrat den Raum. Ihr Chef stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster und bewegte sich keinen Zentimeter. Na prima, dachte Veronika, so ein Tag also.
»Was höre ich da?«
Veronika kam sich vor wie beim Schuldirektor, der eine unartige Schülerin zur Rede stellte.
»Sie meinen den neuen Fall? Der vermisste Sternekoch?«
»Warum erfahre ich das nicht von Ihnen?« Er hatte sich vor ihr aufgebaut, für ihre Begriffe einige Zentimeter zu nah. Sein Kehlkopf hüpfte vor ihren Augen auf und ab.
»Ich bin ja jetzt hier. Und wir sind erst seit knapp einer halben Stunde wieder zurück. Viel direkter geht es eigentlich nicht.« Veronika war genervt, sie brauchte mehr Leute für ihr Team und nicht einen Vortrag darüber, wie und wann ihr Chef hätte informiert werden müssen.
»Der Oberstaatsanwalt hat mich eben auf meinem privaten Handy angerufen und mir alles erzählt. Und ich stand da wie Otto, hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Sehr unangenehm, kann ich Ihnen sagen, Hart.«
»Und woher weiß es der Oberstaatsanwalt? Ich kann mich nicht erinnern, ihn vor Ihnen informiert zu haben.« Jetzt wurde Veronika wütend, diese Stadt raubte ihr noch den letzten Nerv. Immer wusste irgendjemand irgendwas von irgendwem und erzählte es dem Nächsten und der wiederum dem Nächsten – das Saarland brauchte überhaupt keine Tageszeitung, die Mund-zu-Mund-Propaganda war deutlich schneller und effizienter.
»Na, der hat natürlich Kontakte. Der ging bei den Wendemanns ein und aus, ich nehme an, dass ihn Mareike angerufen hat.«
»Sie kennen Frau Wendemann persönlich?«
Veronika merkte, dass die Frage ihrem Chef unangenehm war. Er hatte zu viel verraten. Als jemand, der in diesen gehobenen Kreisen verkehrte, wollte er wohl nicht abgestempelt werden.
»Flüchtig«, räumte er zerknirscht ein. »Der Oberstaatsanwalt hat sie mir mal vorgestellt. Bei einem Essen.«
»Oh, wie schön«, erwiderte Veronika mit gekünstelter Freude. »Sie sind also in den Genuss von Wendemanns Kochkünsten gekommen. Klasse. Dann sind Sie sicher auch daran interessiert, dass wir den Fall schnell lösen. Und das führt mich auch gleich zu meinem größten Anliegen. Wir sind aktuell zu dritt im Team, warten auf die Ergebnisse der Spurensicherung und der Gerichtsmedizin, um mit den Befragungen der Angestellten anzufangen. Ganz zu schweigen von etwaigen Verbindungen Wendemanns in verschiedene Richtungen, die wir noch prüfen müssen. Geldwäsche, organisiertes Verbrechen, Schutzgeld – alles Optionen, die wir nicht das erste Mal in der Gastronomie vorfinden würden.«
»Der Markus doch nicht«, gab Klein energisch zurück.
»Ach, und das wissen Sie so genau? Woher, wenn ich fragen darf?« Veronika war in Fahrt, diese Vetternwirtschaft ging ihr gehörig auf die Nerven.
Klein knetete seine Fingerknöchel und die Kommissarin genoss den kurzen Moment, in dem sie ihn wanken sah.
