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Was bedeutet es, Christin zu sein und zugleich in der Kirche ein Amt auszuüben? Wie ist die Spannung, als Oberkirchenrätin »den Glauben« zu verkünden, und als Christin um diesen Glauben immer neu ringen zu müssen, auszuhalten? Und wo entsteht aus dieser Spannung produktiv Neues, Heutiges? Kerstin Gäfgen-Track erzählt hier, welche Inhalte des christlichen Glaubens ihr wichtig sind, warum sie dies sind und wie diese Inhalte ihrem Christinsein und ihrem Menschsein Richtung, Klarheit und Hoffnung geben – gerade auch im Zweifel und im Konflikt. Ein authentischer, kluger Bericht aus der Wirklichkeit leitenden Handelns in der Kirche in einer säkularen Welt.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2022
Was bedeutet es, Christin zu sein und zugleich in der Kirche ein Amt auszuüben? Wie ist die Spannung, im Amt »den Glauben« zu verkünden, und als Christin um diesen Glauben immer neu ringen zu müssen, auszuhalten? Und wo entsteht aus dieser Spannung produktiv Neues, Heutiges?
Kerstin Gäfgen-Track erzählt hier, welche Inhalte des christlichen Glaubens ihr wichtig sind, warum sie dies sind und wie diese Inhalte ihrem Christinsein und ihrem Menschsein Richtung, Klarheit und Hoffnung geben – gerade auch im Zweifel und im Konflikt.
Ein authentischer Versuch, in einer säkularen Welt Theologie und Spiritualität ins Gespräch zu bringen.
Kerstin Gäfgen-Track, geboren 1959, Dr. theol, ist seit
2003 Oberlandeskirchenrätin im Landeskirchenamt Hannover und seit 2016 auch theologische Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen.
Kerstin Gäfgen-Track
Gott glauben
Theologie und Spiritualität
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Copyright © 2022 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlagmotiv: © Gokcenim – iStockphoto.com
ISBN 978-3-641-29292-8V001
www.gtvh.de
Für die, die ihrer Sehnsucht Luft zum Atmen geben
»Und plötzlich, ganz ohne Ankündigung, ist das die Frage: Bin ich echt gewesen in dem, was ich gelebt habe? In meinem Denken, Sagen, Fühlen und Tun? Echt; genuine; autentico: Ich betrachte die Wörter, sage sie mir vor und bin unsicher, was sie – besonders in dieser Frage bedeuten. Und doch scheint mir die Frage dringlich, brennend, wichtiger als fast jede andere … Es geht um die großen Dinge, die wichtigen Entscheidungen, die bedeutsamen Worte, die umfassenden Gefühle, die aus der Tiefe heraus gewirkt haben.«1
Pascal Mercier
Inhalt
Hineindenken: Der Taxifahrer und die Jugendlichen
Die Spur meines Glaubens
Vom Glauben erzählen: mein Beruf
Haltung und Verantwortung
Glaubensweisen – so vielfältig wie die Menschen
Glaube geschieht
Die Sehnsucht Gottes und die Freiheit des Menschen
Von der Bildung des Glaubens
Getauft werden
Das andere leben mitten im Leben
Gott glauben
Gott erfahren
Gottes Präsenz in der Welt
Bekenntnis oder ich steh dazu
Gott zweifelnd denken in seiner Unbegreiflichkeit
Glauben leben
Einfach leben
Signaturen des Glaubens
Weltverantwortung
Frömmigkeit
Glaube verbindet
Auf der Suche nach einer christlichen Gemeinde
Gemeinsam glauben
Die Gemeinschaft der Heiligen
Von der gefährdeten Relevanz und dem Druck zu tiefgreifenden Reformen
Am Ende: Stehenbleiben und Innehalten
Dank
Anmerkungen
Hineindenken: Der Taxifahrer und die Jugendlichen
Der Zug nach Brandenburg hat so viel Verspätung, dass ich ein Taxi nehmen muss, um noch halbwegs pünktlich zu sein. »Zum Dom, bitte.« Der Fahrer mustert mich skeptisch von der Seite. »Ja, klar nicht vors Portal, sondern zum Durchgang auf den Burghof, bitte.« »Keine Ahnung, da war ich schon dreißig Jahre nicht. Mit der Schule muss ich mal da gewesen sein. Dahin wollte schon lange keiner mehr gefahren werden. Sie sind nicht aus Brandenburg, oder?« »Ich komme aus Hannover.« »Um in den Dom zu gehen?« »Ja, später. Erstmal werde ich mich mit dem Museum beschäftigen.« »Ach, da gibt es auch ein Museum?« »Sie können gerne den Dom und das Museum besichtigen und bald eröffnen wir ein Restaurant.« »Nee, nicht für mich. Für die Touristen. Macht neun Euro.«Der Taxifahrer fragt nicht, was es im Museum zu sehen gibt. Noch nicht einmal ein Restaurant am Dom interessiert ihn. Der Dom, großartiger steinerner Zeuge von über 850 Jahren christlichem Glauben und christlicher Kultur, sagt ihm nichts. Er will nichts von ihm wissen, fährt immer wieder einfach vorbei. Den Durchgang zum Burghof muss ich ihm zeigen.
Ich bin weder Museumspädagogin noch Restaurantmanagerin, vielleicht hat der Taxifahrer mich für eine solche gehalten. Hätte ich einflechten sollen, dass ich Pfarrerin bin? Ich hätte ihm von meiner Freude erzählen können, wenn ich in diesem wunderbaren Dom Gottesdienst feiern darf. Wenn mein Blick von seiner Architektur himmelwärts gezogen wird, ich über die Botschaft des wunderbaren Marienaltars nachdenke oder in der Krypta – ausgestaltet zur Erinnerung an die christlichen Märtyrer des 20. Jahrhunderts – bete, dann kann ich alles um mich herum vergessen. Der Dom fasziniert mich in seiner Schlichtheit und Klarheit. Ich lasse gerne die mächtige Tür im Portal ins Schloss fallen und mich von diesem jahrhundertelang durchbeteten Raum mit allen Sinnen ansprechen. Der Dom in der Fremde ist ein Heimatort für meinen Glauben, zu dem es mich immer wieder zieht. Einfach so daran vorbeifahren, für mich geht das nicht.
Doch selbst, wenn ich den Taxifahrer gebeten hätte, wenigstens einmal einen Blick in den Dom zu werfen, um vielleicht die Kraft zu spüren, die er verströmt, hätte er vermutlich abgelehnt. Denn warum sollte er es tun? Rund 88 % der Menschen in Brandenburg gehören keiner Kirche an. Nicht wenige haben noch nie einen Kirchenraum von innen gesehen und fühlen meist auch keine Veranlassung dazu. Sie erwarten sich von der Kirche für ihr Leben nichts. Sie wissen gar nicht, was sie sich davon erwarten könnten. Der Dom und die anderen Kirchen in der Stadt sagen ihnen nichts, die Ruderregatten auf dem Beetzsee, die Mopsfiguren für Vicco von Bülow oder das Industriemuseum interessieren sie vermutlich mehr.
Im Sommer 2020 haben Jugendliche eine Wiese an der Havel unterhalb des Doms zu ihrem abendlichen Treffpunkt erklärt; die Musik schallt mal lauter, mal leiser über das gesamte Domareal. Die Mitarbeiter*innen des Domstifts haben bewusst darauf verzichtet, die Polizei einzuschalten, und lassen sie feiern. Anstatt bei den Jugendlichen ebenso wie bei dem Taxifahrer darauf zu warten, dass diese in den Dom kommen, könnten wir vom Dom zur Wiese oder auf die Straße zu den Menschen, egal ob jung oder alt, gehen. Wir, die wir uns am Dom engagieren, könnten mit Menschen von uns aus die Begegnung suchen, unsere Dominsel dafür verlassen. Menschen nach ihren Erfahrungen fragen, mit den Jugendlichen die Schönheit des Lebens feiern und mit anderen seine Zerbrechlichkeit und Endlichkeit durchleiden. Hineingehen in das Leben, da wo es stattfindet. Auf die Geschichte des Taxifahrers oder einer zur Musik tanzenden jungen Frau hören.
Hineingehen in das Leben von Menschen und zugleich die Menschen in den Dom einladen. Den Wunsch habe ich schon. Nicht, damit sie ein altes Gemäuer von innen gesehen haben, im Museum die Geschichte des Domstifts kennenlernen, und auch nicht, um Spargel und Erdbeeren im domeigenen Restaurant zu schlemmen. Wenn es passierte, dass sie an einer Stelle entdeckten, angerührt zu sein, einen anderen Ton in ihrem Leben zu hören, dann könnte es ein Anhauchen des Geistes sein. Die Sehnsucht nach dem anderen im Leben, vielleicht wird sie dadurch wach.
Mein Ziel mit diesem Buch ist es – ich bin viel zu sehr durch und durch Theologin, als dass es anders sein könnte –, Inhalte des christlichen Glaubens zur Sprache zu bringen. Aber darum geht es mir nicht in erster Linie. Vielmehr möchte ich versuchen, den Glauben an den dreieinigen Gott so zu beschreiben, dass eine Spur sichtbar wird, auf der eigene existenzielle Erfahrungen gedeutet werden können. Ich hoffe, eine Spur zu legen, der Menschen auf ihrer Suche nach Gott folgen und für sich selbst neue Einsichten gewinnen können, was es heißen kann, Mensch zu sein. »Du hast mich geträumt gott/ wie ich den aufrechten gang übe/ und niederknien lerne/ schöner als ich jetzt bin/ glücklicher als ich mich traue/ freier als bei uns erlaubt.« (Dorothee Sölle)2
Bewusst spreche ich von »Gott« und versuche, nicht über GOTT, Gott*, Gott+ oder Gott*in einen lange Zeit männlich geprägten Begriff eines personalen Gottes zu gendern oder die weibliche Seite Gottes sprachlich »sichtbar« zu machen. »Gott« versuche ich als personal gedachtes, transzendentales Gegenüber, auf das die Kategorien von männlich, weiblich oder divers nicht angewandt werden können, zu verstehen und so davon auch zu schreiben unter der Verwendung des traditionellen Begriffs »Gott«. Theologisch angemessen halte ich ein Verständnis von Gott als eine personale Macht der Liebe.3 »Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.« (1. Johannes 4,16)4 Manifest und sichtbar geworden ist diese Liebe in Jesus Christus: »Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.« (1. Johannes 4, 9) Von Christus her will ich in diesem Buch dem nachspüren, was Gott glauben heißen kann. Dabei will ich konsequent vom Menschen her denken und von Erfahrungen, die Menschen mit diesem Gott machen können, so wie ich selbst voller Vertrauen und voller Zweifel an diesen Gott glaube. Ich hoffe darauf, dass Gott bis in alle Ewigkeit in der Liebe und durch sie präsent sein wird. Dass Vorstellungen von Gott nicht nur die Kategorien von Gender sprengen und über sie hinausgehen, ist die Herausforderung jeder gedanklichen Beschäftigung mit Gott.5 Es ist auch die große Herausforderung, dies angemessen zu versprachlichen.
Wenn ich als Pfarrerin über Gott, Glauben und die Gemeinschaft der Heiligen schreiben will, kann ich Themen wie Missbrauch, Antisemitismus und Rassismus nicht aussparen; sie sind Teil der Geschichte der christlichen Kirchen, in der ich stehe, auch der Kirche, zu der ich gehöre, und des Kontextes, in dem ich lebe und arbeite. So gehe ich an einigen Stellen darauf explizit, eher exkursartig, ein; implizit bilden sie immer wieder einen Teil meines Hintergrunds, aus dem heraus ich schreibe. Ich muss mich auch in meinem Alltag, beruflich wie privat, immer wieder damit auseinandersetzen, muss Stellung beziehen und auch persönlich Schuld bekennen, die wir als Vertreter*innen Kirche mittragen müssen.
Die Spur meines Glaubens
Als mich die Musik und die Unterhaltung der Jugendlichen auf der Wiese am Dom nicht einschlafen ließen, überlegte ich, was ich den Jugendlichen überhaupt sagen wollte, wenn ich zu ihnen auf die Wiese ginge. Vielleicht würde ich jemanden bitten mitzukommen. Ein bisschen mulmig wäre mir schon, ob sich die Jugendlichen überhaupt auf eine ihnen fremde Frau einlassen würden. Würden sie mir die Chance geben, ihnen zuzuhören, sie kennen und verstehen zu lernen zwischen Techno und Rap, Wasser und Wein, Liebe und Leiden an der Liebe? Auch wenn ich einige Übung darin habe, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen und dabei durchaus über existenzielle Fragen zu sprechen, gehen mir solche Gespräche nicht leicht über die Lippen. Ob ich am Ende von mir, meinem eigenen Leben und damit auch meinem Glauben erzählt hätte, habe ich mich in dieser Nacht mit den Stimmen und der Musik der feiernden Jugendlichen gefragt. Vielleicht müsste ich dafür mehr als nur einen Abend mit den Jugendlichen verbringen. So schnell kommen Gespräche, die mehr sind als small talk, nicht zustande. Am Ende war ich froh, müde von einem langen Tag ins Bett gegangen zu sein, und doch ärgerlich mit mir selbst, dass ich nicht spontan die Begegnung mit den Jugendlichen gesucht habe. Dass es dafür um kurz vor Mitternacht zu spät gewesen wäre, war nicht mehr als eine Ausrede.
Durch die Diskussion über die »Relevanz von Kirche«, die seit der Corona-Pandemie mit einer neuen Intensität geführt wird, denke ich in für mich neuen, eher noch ungewohnten Bahnen darüber nach, wie gerade jenseits der Kirchenmauern – extra muros ecclesiae – im nicht geschützten Raum von Kirche explizit vom Glauben gesprochen werden kann. Wie kann er im Taxi oder auf der Havelwiese bezeugt und gelebt werden? Dabei muss ich mit diesem Buch Farbe bekennen und ehrlich erzählen, warum ich glaube und was das für mein Leben und den Gedanken an das eigene Sterben heißt. Ebenso wichtig ist es, von anderen Menschen zu hören, warum sie vielleicht anders als ich glauben oder gerade nicht glauben. Das gelingt im Gespräch mit Menschen, die keine religiösen Überzeugungen vertreten oder sich religiös entfremdet haben, nur, wenn ich meine eigenen Erfahrungen mit dem Glauben in die Sprache und das Denken der säkularen Welt »übersetze« (Jürgen Habermas).6 Die säkulare Welt, das können die feiernden Jugendlichen auf der Wiese, der Taxifahrer ebenso wie Menschen aus Politik, Bildung und Gesellschaft sein, mit denen ich beruflich viel zu tun habe. Mit diesen unterschiedlichen Menschen möchte ich einen intensiven und ehrlichen Dialog über die Fragen des Lebens versuchen. Mitten im Leben in der Begegnung mit Menschen nach Gott suchen – zusammen mit anderen Christ*innen, mit konfessionslosen Menschen, erklärten Atheisten und mit denen, die von anderen Religionen und Weltanschauungen überzeugt sind. Für mich ist der Glaube »existenzrelevant« (Wolfgang Huber)7. Deshalb gibt es keinen Bereich meines Lebens, in dem mein Glaube keine Rolle spielt. Dabei sehe ich ein ständiges theologisches, wissenschaftlich fundiertes Arbeiten, das die existenzielle Dimension präsent hält und transparent macht, als unverzichtbar an für den Beruf der Pfarrerin bzw. des Pfarrers. Von dem Glauben sprechen, sich selbst theologisch und wissenschaftlich damit auseinandersetzen, das glückt nur, wenn die eigenen existenziellen Erfahrungen im Glauben transparent werden und das Wagnis eingegangen wird, sie als Erfahrungen mit und durch Gott zu deuten. Es gibt für mich kein größeres Wagnis als das, denn ich fürchte, mich an Gott mit meiner Interpretation zu »vergreifen«. Und auch, dass ich Menschen nicht erreiche mit dem, was es vielleicht heißen könnte, an Gott zu glauben.
Immer wieder werde ich gebeten, für andere zu beten, was mir nahegeht, gerade wenn mir die Person erklärt, sie könne es selbst nicht. Anderen Menschen ist es wichtig, dass ich Gottesdienste halte, auch wenn sie selbst nur selten diese oder andere Gottesdienste besuchen. Dann fällt mir wieder der Taxifahrer aus Brandenburg ein, der vermutlich noch nie einen Gottesdienst besucht hat. Die Frage eines Glaubens, der die Praxis des Glaubens auch für andere ausübt und danach lebt, ist virulent in Gesprächen und Mails mit einer Frau, mit der ich hin und wieder beruflich zu tun habe. Diese Frau hat für sich schon lange entschieden, dass an einen Gott zu glauben nicht ihre Sache sei und auch keine Not sie beten lehren werde. Dennoch sucht sie das Gespräch mit mir. Existenzielle Themen und die Frage danach, ob es einen Gott gebe, beschäftigen sie sehr. Es sind kontroverse Gespräche, und ich merke, wie wichtig es für sie ist, dass ich im Unterschied zu ihr glaube und ihr davon erzähle, ungeschminkt und ehrlich. Sie verwahrt sich gegen jeden Überzeugungsversuch schon im Ansatz, aber unsere Gespräche und Mailwechsel hören bislang nicht auf. Pfarrerin sein bedeutet für mich auch, sehr unterschiedlichen Menschen einen Platz im eigenen Leben und Glauben zu geben.
Vom Glauben erzählen: mein Beruf
Mittlerweile bin ich schon lange in der Kirchenleitung meiner Landeskirche tätig und arbeite an unterschiedlichen Aufgaben mit sehr verschiedenen Menschen zusammen, was mich ausfüllt. Trotzdem fehlen mir »meine« Gemeinde, das Feiern sonntäglicher Gottesdienste mit ihr, die Konfirmand*innen ebenso wie die Kirchweihfeste, der Eine-Welt-Eintopf und das Krippenspiel. In meine frühere Gemeinde fahre ich nur sehr selten, aber im zweiten »Corona-Sommer« war ich für kurze Zeit dort. Menschen sind mir unerwartet auch nach 20 Jahren mit einer großen Offenheit und Ehrlichkeit begegnet, was ich als Privileg und vor allem als Geschenk erlebt habe. Sie haben mir von ihren Existenzsorgen durch Corona, ihrer kranken Enkeltochter, ihrem risikoreichen beruflichen Neustart mit 60 Jahren, ihrem Glück, im Kirchenchor zu singen, oder ihrer Freude an der eigenen Malerei erzählt. Das hat mich sehr bewegt.
Aber auch ohne Gemeindepfarramt bin ich mit vielen Menschen über existenzielle Fragen im Dialog, ebenso wie über politische, ethische oder soziale Fragen, übe Seelsorge, halte Andachten, Gottesdienste und noch mehr Referate. Doch bleibt für mich die Arbeit als Gemeindepfarrerin eine ganz besondere, weil ich ein Stück ihres Alltags und Feiertags mit Menschen teilen darf. Einer Arbeitszeitregelung für Pfarrer*innen stehe ich skeptisch gegenüber, so sehr ich den Wunsch verstehen kann, nicht immer im Dienst zu sein. Dem Pfarrberuf wohnt eine bleibende Spannung inne, die auch durch Arbeitszeitregelungen nicht aufgehoben werden kann, weil sich die Situationen, in denen Pfarrer*innen als solche angesprochen werden, nicht in »acht Stunden Arbeitstage« einpassen lassen.
Wie öffentlich mein Amt und mit ihm meine Person sind, hätte ich mir nie träumen lassen. Während ich als Vikarin öfter mit zitternden Knien vor dem Altar stand, stehe ich heute mit einem Kloß im Hals vor manchem Pult. Für den christlichen Glauben und dafür, wie ich persönlich diesen Glauben zu begreifen versuche, stehe ich öffentlich ein, zeige ihn, gerade indem ich mich selbst zeige. Um das tun zu können, muss ich meinen Glauben intensiv reflektieren, eine praxis pietatis beständig einüben und mein Reden und Handeln davon bestimmt sein lassen. Aber ich bin keine »Vermittlerin« zwischen Gott und Mensch oder gar eine Vermittlerin von Heil, sondern ich versuche, in aller damit verbundenen Ambivalenz Gott zu bezeugen und mit meiner Existenz für den Glauben an diesen Gott einzustehen. »Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus.« (2. Korinther 4, 5a) Noch wichtiger als alles Reden und Predigen ist es, der Liebe und der Menschlichkeit Raum zu geben. So vertraue ich darauf, dass Gott zwischen den anderen Menschen und mir präsent sein kann, sich ereignet, weil er es so will – unverfügbar für Menschen. Die Präsenz Gottes gerade in der Liebe zwischen Menschen zu entdecken und zu deuten, das kann sehr schwer sein, manchmal unmöglich. Wenn es aber gelingt, ist es wunderbar.
Das, was mich in meinem Innersten angeht und umtreibt,8 davon will ich anderen Menschen so erzählen, dass ein Verstehen des »Geheimnisses des Glaubens« (1. Timotheus 3,9) für sie möglich wird und andere ihre eigenen Erfahrungen als Erfahrungen im Glauben interpretieren können. Dabei geht es um existenzielle Fragen, vor allem nach Liebe, Sinn, Wahrheit und Hoffnung im Leben und Sterben; um Gelingen und Scheitern ebenso wie um Schuld und Versöhnung. Darauf gibt es keine einfachen, immer »richtigen« Antworten; Menschen brauchen vielmehr Antworten, die für sie in ihrer Lebenssituation individuell tragfähig sind und ihnen neue Erfahrungen ermöglichen. Dabei kann ich mich auf die Antworten, aber auch Fragen meines Gegenübers einlassen und meine Fragen und die Antworten, die mich überzeugt haben, einbringen. Wenn es gelingt, kommen wir beide zu neuen Einsichten, werden uns unserer eigenen Überzeugungen neu gewiss, und neue Erfahrungen werden möglich.
Den eigenen Glauben zeigen macht verletzlich, gerade weil der Glaube »mich im Innersten angeht« und meine Identität zutiefst prägt. Hier angefragt zu werden, auf Kritik und Unverständnis zu stoßen, schmerzt in der Tiefe der eigenen Seele. Es geht nicht ohne die Offenheit, von der intimen Beziehung zwischen Gott und mir zu erzählen, die sich aber in ihrer Tiefe letztlich einem erzählenden Zugriff entzieht und deren Intimität ich im Letzten auch öffentlich wahren will. So verhandele ich ständig mit mir selbst um Distanz und Nähe. Die Distanz ist mir oft lieber als die Nähe, weil sie nicht so verletzbar macht. Manchmal bin ich mit mir gram über das, was ich von meinem Glauben preisgegeben habe, und manchmal ärgere ich mich über mich selbst, weil ich keinen Mut hatte, offen über meinen Glauben zu sprechen. Dabei ist es nicht unbedingt leichter, darüber mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die in derselben christlichen Tradition stehen, als mit anderen, die es nicht tun. Gespräche über den Glauben brauchen den Verzicht auf Wertungen des Glaubens oder Nichtglaubens der und des anderen ebenso wie des eigenen.
Pfarrerinnen und Pfarrer machen ihren eigenen Glauben de facto mit zur Grundlage ihres Berufs. Als ich beschlossen habe, Theologie zu studieren, war ich in meiner Kirchengemeinde vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert und habe bei Gottesdiensten mitgewirkt; aber dass ich als Pfarrerin nicht zuletzt von meinem Glauben würde öffentlich reden müssen, habe ich selbst im Studium nicht wirklich realisiert. Erst später begriff ich, dass für mich als Pfarrerin das Persönliche und damit bis zu einem gewissen Grad das Intime des Glaubens auch öffentlich ist, und lernte die klassische Vermeidungsstrategie gut, das Persönliche zurückzunehmen: viel Theologie als Rede über Gott und dabei nur sparsam oder indirekt über mich und meinen eigenen Glauben erzählen. So wurde ich eine akademisch gebildete Pfarrerin, die eher wenig von sich selbst und dem, was der Glaube konkret in meinem Leben bewirkte, zeigte. Es hätte den Taxifahrer weder interessiert, noch hätte es ihm konkret weitergeholfen, wenn ich ihm einen Vortrag über die geschichtliche und aktuelle Bedeutung des Brandenburger Doms gehalten hätte, oder den Jugendlichen, auf welchem historisch und kirchlich bedeutsamen Boden sie tanzten. Aber vielleicht hätte ich den Taxifahrer oder einige von den Jugendlichen erreicht, wenn ich sie danach gefragt hätte, was für sie in ihrem Leben wichtig sei, und ihrem Lebensgefühl nachgespürt hätte. Dann hätte ich auch selbst davon erzählen können, dass ich mit Leib und Seele Pfarrerin sei und der Dom einen wunderbaren Ort des Glaubens nicht nur für mich bildet. Ich bin immer wieder über meinen Schatten gesprungen und habe mich mit meiner Person, meinem Glauben und meiner Hoffnung in Begegnungen hineinbegeben, aber ich habe lange dafür gebraucht, das Verhältnis von Distanz und Nähe umzukehren. Aber so konsequent schlüpfe ich dann doch nicht aus meiner alten Haut und hadere deshalb mit mir, dass ich weder den Taxifahrer noch die Jugendlichen auf der Wiese angesprochen habe.
Das Wissen um die Unverfügbarkeit des Glaubens und noch viel mehr um die Unverfügbarkeit dessen, an den ich glaube, den Gott Jesu Christi, macht den Beruf der Pfarrerin ebenso wie den des Pfarrers oder Priesters zur Herausforderung, gar zur Unmöglichkeit. Als Pfarrerin will ich den Raum für die Transzendenz und für die Gegenwart Gottes im Alltag der Welt offenhalten. Damit bewege ich mich auf dünnem Eis. Den Glauben, so unverfügbar und fragil, wie er ist, verkörpern und sich selbst beim Erzählen der eigenen Erfahrungen mit Gott aufs Spiel setzen, das können die wenigsten allein aus sich heraus, dazu braucht es die »Gemeinschaft der Heiligen« und noch viel mehr Gottvertrauen.
