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Prophetinnen im Alten Testament? Ihre männlichen Kollegen, nach denen ganze Bücher benannt wurden, stellen sie an Zahl und Bedeutung in den Schatten. Entdecken Sie die Geschichten dieser Frauen: Mirjam, Hulda, Debora, die meist als "Hexe" gedeutete Frau von En Dor, die eine Falschprophetin ist - und lassen Sie sich überraschen von den Deutungen der oft übersehenen Prophetinnen wie Noadja, der Prophetin, zu der Jesaja geht, den prophetisch redenden Töchtern in den Büchern Ezechiel und Joël oder den am Eingang des Offenbarungszeltes Dienst tuenden Frauen. Irmtraud Fischer leuchtet diese Texte durch einen genderfairen Ansatz aus, besteht auf einer Sichtbarmachung des weiblichen Anteils an der Prophetie, indem sie den geschlechtsneutral verwendeten Plural "Propheten" mit prophetisch begabten Menschen wiedergibt und das Phänomen der Prophetie in seiner theologischen Bedeutung für den gesamten Kanon herausarbeitet. Für die zweite Auflage wurde die Diskussion der letzten beiden Jahrzehnte in ihrer Substanz integriert und der Band an den griffigen, leicht lesbaren Stil der beiden anderen Bände der Trilogie angeglichen.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Irmtraud Fischer
Gotteskünderinnen
Prophetinnen in der Hebräischen Bibel
Zweite, überarbeitete Auflage
Verlag W. Kohlhammer
Umschlagabbildung:
Hilde Goldschmidt: Selbst, vor geöffnetem Fenster stehend (Aquarell, um 1945/48, 48 × 41 cm; Sammlung Gerhard Schneider, Olpe)
2., überarbeitete Auflage 2025
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-045098-1
E-Book-Formate:
PDF: ISBN 978-3-17-045099-8
epub: ISBN 978-3-17-047161-0
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Cover
Vorwort zur 1. Auflage
Vorwort zur grundlegend überarbeiteten 2. Auflage
I Eine geschlechterfaire Auslegung biblischer Texte
1. Gottesstreiterinnen – Gotteskünderinnen – Gotteslehrerinnen
1.1 Ein geschlechterfairer Forschungsansatz mit feministischer Option
1.2 Eine dem Bibeltext und den Geschlechtern gerechte Sprache: Die Gottheit Israels, Prophetie und prophetische Menschen
1.3 Vom Sein und vom Werden: Die Bibel als sinnvoller Erzählzusammenhang und als historisch gewachsener Text
1.4 Erzählte und erzählende Zeit: Der Bibeltext zwischen Erzählzusammenhang und literarischer Religionsgeschichte
1.5 Geschlechtergrenzen überschreitende Textbezüge – ein interessantes Phänomen innerbiblischer Schriftauslegung
1.6 Wer verfasst im Kulturkreis des Alten Orients prophetische Texte?
II Prophetie und Prophetinnen in der jüdischen und christlichen Bibel
1. Welche Bücher gehören zur Prophetie?
2. Prophetinnen in allen biblischen Kanonteilen
2.1 Prophetinnen im christlichen Kanonteil der Prophetie
2.2 Prophetinnen im jüdischen Kanonteil der Prophetie
3. Die Tora als normative Kraft: Prophetie in Gesetzestexten
3.1 Prophetisch Begabte, die von JHWH wegführen: Dtn 13,2-6
3.2 Prophetie im Verheißungsland ist Prophetie in der Nachfolge von Mose: Dtn 18,9-22
3.3 Das Konzept »Mose als Prophet« und seine Relevanz für den Kanonteil der Prophetie
III Die Prophetinnen der Hebräischen Bibel
1. Mirjam, die Prophetin der Tora: Nicht nur mit Mose, auch mit ihr hat Gott gesprochen!
1.1 Die Prophetin Mirjam antwortet JHWH: Die hymnische Deutung des Exodusgeschehens in Ex 15
1.2 Mirjams Kampf um Teilhabe an der Prophetie: Num 12 zwischen Misogynie und Selbstbehauptung
1.3 Ohne Mirjam geht es nicht! Ihr Tod und seine Folgen in Num 20
1.4 Mirjam in den Genealogien: Die Geschwisterrelation als Signal für die Gleichwertigkeit
1.5 Mirjams Aussatz: Eine Warnung vor Kompetenzüberschreitungen
1.6 Mose, Aaron, Mirjam, Bileam und Micha: Keine Prophetie ohne Sendung, kein Volk ohne Antwort
2. Frauen, die am Eingang des Begegnungszeltes ihren Dienst versehen – sind das Prophetinnen?
2.1 Der Dienst der Frauen am Eingang zum Begegnungszelt: Ex 38,8; 1 Sam 2,22
2.2 Der Eingang zum Begegnungszelt – kein marginaler Ort!
2.3 Die Frauen am Begegnungszelt in Schilo: Zwischen Dienstaufgabe und sexueller Gewalt am Arbeitsplatz
2.4 Forschungsmeinungen zur Dienstfunktion der Frauen: So schnell kann frau zur Putzfrau werden!
2.5 Aus welcher Gabe der Frauen macht Bezalel das metallene Becken für das Offenbarungszelt?
2.6 Die Schreibtafel in der Hand der Kultprophetinnen
3. Debora in der Nachfolge Moses und Mirjams
3.1 Israel wird durch Gott gerettet – und durch zwei Frauen (Ri 4)
3.2 Die oberste Frau im Staat als Mutter: Das Deboralied (Ri 5)
3.3 Das konterkarierte Kriegsverbrechen der Vergewaltigung
3.4 Das Verhältnis von Deboraschlacht und Schilfmeergeschehen: Zwischen Typologie und Sukzession
3.5 Debora, die Prophetin der Richterzeit, im biblischen Erzählzusammenhang
3.6 Debora in der Nachfolge von Mose und Samuel in der Nachfolge Deboras
4. Die Frau von En-Dor: Wahre und falsche Prophetie im Verheißungsland
4.1 Saul gegen Samuel: Ein Kräftemessen zwischen Prophetie und Königtum
4.2 Eine Falschprophetin im Dienste JHWHs?
4.3 Kalbsbraten nach Hausfrauenart oder rituelles Totenmahl?
4.4 Samuel und die Frau von En-Dor im Licht von Dtn 18,9-14
4.5 Wo wahre Prophetie verworfen wird, versagen alle regulären Mittel der Gottesbefragung: 1 Sam 28 im Licht von Dtn 18,15ff.
4.6 Eine alte Geschichte oder eine altertümelnde Geschichte?
4.7 Die »Prophetin« von En-Dor und Samuel, der Prophet in der Nachfolge von Mose
5. Hulda, die Prophetin in der Nachfolge von Mose
5.1 Die Huldaerzählung im Kontext der Geschichte Joschijas
5.2 Jerusalem zu Zeiten Jeremias und Zefanjas: Die erzählte Zeit
5.3 Wer ist Hulda?
5.4 War Hulda eine Falschprophetin? Huldas Orakel über Joschijas Tod
5.5 Die von Hulda approbierte »Joschijanische Reform« auf dem Hintergrund anderer Kultreformen
5.6 Königtum und Prophetie in gelungener Beziehung: Auf Hulda wird gehört
5.7 Hulda in der Chronik
5.8 Der Geschichte in die Karten schauen: Hulda in der Nachfolge von Mose
5.9 Die Rahmung der Frühen Prophetie durch prophetische Frauen im Moseamt
6. Die Prophetin, zu der Jesaja geht: Ehefrau oder Kultprophetin?
6.1 Ist im Text alles so klar, wie es dargestellt wird?
6.2 Variable Inszenierungen: Wovon unterrichtet uns Jes 8,1-4?
6.3 Gibt die Bibel Einblick in das »Privatleben« großer Männer?
6.4 Ein Blick in die Requisitenkammer einer Zeichenhandlung
6.5 Variationen der Rollenvergabe bei einer Zeichenhandlung
6.6 Jesaja und die Prophetin in der Nachfolge von Mose: Prophetie als Aktualisierung der Tora
6.7 Die einzige wahre Prophetin der Prophetenbücher: Schriftprophetie und Kinder mit symbolischen Namen
7. Die prophetisch redenden Töchter im Ezechielbuch: Das Fallbeispiel falscher Prophetie im Kanonteil der Schriftprophetie
7.1 Männer und Frauen prophezeien nach eigenem Belieben
7.2 Strafdrohung gegen die Propheten, die dem Volk nicht die Mauer machen (Ez 13,1-16)
7.3 Strafdrohung gegen die prophezeienden Töchter des Volkes, die über Leben und Tod entscheiden (Ez 13,17-23)
7.4 Das Diptychon der Falschprophetie im Ezechielbuch: Vernachlässigung, Verwirklichung und Erlöschen des mosaischen Amtes
8. Die Demokratisierung des Geistes in Joël 3: Das prophetische Volk in der Nachfolge von Mose
8.1 Der Tag JHWHs als Tag der Geistbegabung
8.2 Die Wirkungen des Geistes: Führungscharisma und Prophetie
8.3 Der Geist Gottes und die Fähigkeit, nach der Weisung zu leben
8.4 Wer empfängt den Geist – nur das Gottesvolk oder alle Lebendigen?
8.5 Der Geist bewirkt die Prophetie – aber nicht in allen!
8.6 Eschatologische Finsternis oder Theophanie? Israel in prophetischer Funktion für die Völker
8.7 Wer sind die Entkommenen, und wer wird gerettet? Heilspartikularismus versus Heilsuniversalismus
8.8 Jo-El: »JHWH ist Gott« – auch für die Völker – und Israel ist seine prophetische Mittlerfigur
8.9 Der Spannungsbogen vom Anfang zum Ende der Prophetie in Israel
9. Noadja, die Prophetin, vor der sich Nehemia fürchtet: Die Unterstellung einer Königssalbung durch die Prophetin?
9.1 Was wird beim letzten Versuch, den Mauerbau zu verhindern, wirklich gespielt?
9.2 Aktion einer Clique oder Aufhetzung unterschiedlicher Gruppen gegeneinander: Wer sind Nehemias Widersacher?
9.3 Theologische Positionen der Prophetie und die soziale Stellung von Frauen in der Perserzeit
9.4 Der Eingang zum heiligen Bereich des Tempels – ein Ort mit Hinweischarakter für die Identität der Prophetin
IV Keine Kompensationsgeschichte: Die Erzählungen über Prophetinnen im theologischen Konzept der Prophetie
1. All die Prophetinnen versammelt: Ein Blick in das »himmlisch-irdische« Jerusalem in der späteren Perserzeit
2. Die Geschichte der Prophetie als Geschichte von prophetisch Begabten aller Geschlechter
3. Konsequenzen für eine biblisch begründete Ämtertheologie
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Als die Idee zu diesem Buch entstand, gab es zu den biblischen Prophetinnen kein einschlägiges Buch auf dem Markt. Zu einzelnen Prophetinnen und Texten, wie etwa zu Mirjam oder Debora, waren zwar wissenschaftliche Monographien aus den späten 80er Jahren vorhanden, aber das Material um die von Frauen getragene Prophetie wurde offensichtlich als zu »dünn« für eine Monographie erachtet, zumal ja in deutschsprachigen Ländern noch immer die Vorstellung herrscht, dass die eigentliche Prophetie »Schriftprophetie« sei und in den »Prophetenbüchern« beinah keine Frauen als Subjekte der Prophetie vorkommen. So war klar, dass ein Buch über Prophetinnen sich vor allem den Erzählungen über Prophetie im sogenannten »Deuteronomistischen Geschichtswerk« widmen muss. Dass eine solche Fragestellung mit einer Revision des Verständnisses der Prophetie verbunden ist, versteht sich von selbst. Vorarbeiten zu diesem Konzept, die in das Jahr 1994 zurückgehen, habe ich in den letzten Jahren sukzessive publiziert. Dabei haben mich vor allem zwei Artikel von Fachkollegen inspiriert, die das engere Verständnis von Prophetie als Schriftprophetie in Bezug auf Prophetinnen bereits verlassen haben: Rainer Kesslers Artikel über Mirjam und die Prophetie der Perserzeit und Udo Rüterswördens Beitrag über Hulda.
Im November 2001 ist die lesbar geschriebene Habilitationsschrift von Klara Butting zum Thema erschienen. Wir wussten etwa ein Jahr lang, dass wir beide mit einem kanonischen Ansatz zum selben Thema arbeiten. Während Klara Butting sich auf Mirjam, Debora und Hulda beschränkt, wird dieses Buch, das Prophetie vom Ämtergesetz des Deuteronomiums her versteht, thematisch breiter angelegt sein und bezüglich mancher Texte auch zu anderen Ergebnissen kommen. Die Fragestellung scheint jedenfalls in der Luft zu liegen. Vielleicht regen die beiden Bücher weitere Arbeiten an, die das in der christlichen Exegese traditionell androzentrisch enggeführte Phänomen der Prophetie in aller altorientalischen Weite wahrzunehmen versuchen.
Die »Gotteskünderinnen« wagen noch mehr als die »Gottestreiterinnen« den schwierigen Spagat zwischen lesbarem Buch und Fachpublikation. So ist der erste Teil, die Einleitung, als methodische und hermeneutische Hinführung für theologisch interessierte Laien gedacht. Andere Passagen, die etwa penibel die Belege mantischer Praktiken im AT besprechen, sind mehr als Stützung meiner Thesen für wissenschaftlich Interessierte gedacht. Sie sind in kleinerer Schrift gedruckt und können daher auch überblättert werden, da die Ergebnisse teils am Schluss, teils durch Übersichtstabellen zusammengefasst werden.
Für die Fertigstellung der Druckvorlage habe ich vielfältigen Dank auszusprechen. Allen voran meiner bewährten Mitarbeiterin Claudia Rakel, die die Formatvorlage erstellt hat, und Christina Leisering, die mit ihrer Genauigkeit beim Gegenlesen eine unentbehrliche Hilfe war. Für das mühsame Korrekturlesen danke ich zudem Christina Nießen, für Registererstellung und Literaturbeschaffung Julia Kausch und Christian Braunagel sowie meiner Sekretärin Gertrud Schäfer. Jürgen Schneider danke ich für die bereits bewährte, völlig unkomplizierte und gerade darin nicht selbstverständliche Zusammenarbeit mit dem Verlag.
Bonn, im Juli 2002
Irmtraud Fischer
Die bei ihrem Erscheinen allererste Monographie zu allen Prophetinnen im Alten Testament und zu einer genderfairen Deutung des Phänomens der Prophetie ist nun über zwei Jahrzehnte alt. Inzwischen ist auf diesem Forschungsgebiet viel in Bewegung gekommen. Es sind nicht nur weitere Monographien zu den Prophetinnen erschienen, sondern auch Publikationen, die nach queeren Subjekten der Zukunftsergründung und Gegenwartsdeutung fragen, sowie geschlechtsspezifische Sprachformen ins Spiel bringen. Die Thematik ist also viel präsenter geworden.
Bis dato hoben sich die Gotteskünderinnen von den anderen beiden Bänden der Trilogie, von Gottesstreiterinnen und Gotteslehrerinnen insofern ab, als sie 100 Seiten umfangreicher und vor allem mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat, Literaturliste und Bibelstellenregister versehen waren und damit der Gattung einer wissenschaftlichen Monographie zuzuordnen waren. Mit dieser grundlegend überarbeiteten Auflage wird versucht, auch diesen Band für ein theologisch an Frauen- und Genderforschung interessiertes Publikum anzugleichen. Auch wenn an einigen Stellen neue Tendenzen aufgezeigt werden wie etwa zur geschlechtlichen Disposition von prophetisch Agierenden, ist der Band vor allem gekürzt, in manchem einfacher lesbar gemacht worden. Zudem wurde er an die neue Rechtschreibung angepasst. Viele detaillierte Analysen am Hebräischen wurden herausgenommen und im Ergebnis zusammengefasst; wo das Hebräische nicht für die Argumentation unumgänglich notwendig ist, wurde es gelöscht. Interessierte können die dahinterstehenden Untersuchungen in der 1. Auflage nachlesen. Die geschätzte Leser*innenschaft wird aber dennoch in so manche Detailanalyse eingeführt und die Autorin hofft, dass sie diese ebenso spannend findet wie sie selber.
Eine intensive Auseinandersetzung mit der seit zwanzig Jahren erschienenen facheinschlägigen Literatur hätte wiederum zu einer wissenschaftlichen Monographie geführt, was nicht im Sinne einer Neuauflage im Kontext der Trilogie sein konnte. Die Gotteskünderinnen haben ihren spezifischen Ort in der Forschungsgeschichte; auch deshalb blieb das Buch in seiner Grundstruktur erhalten und auch die grundlegenden Thesen der Gotteskünderinnen wurden nicht verändert. Einen aktuelleren Forschungsstand bietet ohnedies der von mir und Juliana Claassens herausgegebene Prophetieband der im Kohlhammer-Verlag erscheinenden Reihe »Die Bibel und die Frauen«, der in vielen Artikeln vielfältige neue Aspekte aufzeigt.
Für das Korrekturlesen danke ich meiner Studienassistentin Ella Maria Binder. Für die gute Zusammenarbeit mit dem Kohhammer-Verlag, der diesmal auch die Formatierung übernommen hat, danke ich stellvertretend Florian Specker, der in bewährter Weise die Publikation betreut hat. Dem Verlag danke ich, dass er die Trilogie, deren erster Band nun 30 Jahre alt ist und in mehrere Sprachen übersetzt wurde, immer noch in seinem Portfolio behalten möchte.
Bad Aussee – Udine, Frühjahr 2025
Irmtraud Fischer
Dieses Buch befragt mit einer geschlechterfairen Hermeneutik unter dem Titel »Gotteskünderinnen« das Phänomen der Prophetie. Es geht der Bedeutung von Prophetinnen im vielstimmigen Konzert der biblischen Überlieferung nach und sucht auch für den Kanonteil der Prophetie nach einer geschlechtergerechten Deutung und Sprachwahl. Die biblische Forschung redet beinahe immer noch ausschließlich von »Propheten«, sowohl zur Bezeichnung des Kanonteils und der einzelnen Bücher als auch zur Benennung jener Menschen, die nach Zuschreibung des Bibeltextes hinter diesen Zeugnissen stehen.
Wie der Titel bereits zu erkennen gibt, versteht sich dieses Buch als Fortsetzung der »Gottesstreiterinnen«.[1] Die Erzählungen um die Frauen der Genesis werden dort mit jenen um die Männer als Einheit gelesen und nicht – wie dies in Schulbüchern oder bibelpastoralen Publikationen bis heute noch der Fall ist – als Ergänzungen zu einer aus den Patriarchen-Erzählungen gestalteten Volksgeschichte verstanden. Da eine isoliert geschriebene Frauengeschichte als Kompensationsgeschichte wahrgenommen würde, die abermals die Männergeschichte als die Norm der »offiziellen« Geschichtsdarstellung bestehen lässt, benannte ich die »Väter-Erzählungen« nicht in »Mütter-Erzählungen« um, sondern in »Erzeltern-Erzählungen«, eine Bezeichnung, die sich mittlerweile bis in die derzeit gültige katholische Einheitsübersetzung der Bibel durchgesetzt hat.
Mit einem geschlechterfair zu nennenden Forschungsansatz heben die »Gottesstreiterinnen« – und inzwischen auch die nach diesem Band erschienenen »Gotteslehrerinnen«[2] – die Erzählungen um die Frauen aus der Trivialisierung, in welche sie die Rezeptionsgeschichte und auch die Exegese der letzten hundert Jahre häufig abgedrängt hat. Die so entstandene Trilogie bewertet die eineGeschichte der beiden Geschlechter als Welt erzeugende Erzählungen,[3] die politische und theologische Geschichtsdarstellungen des Gottesvolkes Israel verarbeiten, um nach Zeitenwenden und Krisen orientierungs- und identitätsbildend zu wirken.
Feministische Exegese konnte bei der Ersterscheinung des Buches bereits auf ein reiches Forschungsspektrum, auf verschiedenste hermeneutische Ansätze und auf eine ausgefeilte Adaption von Methoden zurückblicken. Inzwischen bekommt man den Eindruck, dass eine Scheu vor der Verwendung des Adjektivs »feministisch« entstanden ist und nur mehr Geschlechterforschung betrieben werden soll. Ich habe in meinen Büchern stets einen geschlechterfairen Forschungsansatz vertreten, der die Tatsache thematisiert, dass das Geschlecht nicht nur eine Analysekategorie der feministischen Theorie, sondern jeglicher Forschung ist, auch wenn diese sie nicht offenlegt. Dieser Ansatz zeigt den sogenannten Genderbias der traditionellen Forschung auf: Fragestellungen werden geschlechtsspezifisch formuliert, Methoden unterschiedlich angewendet und Forschungsergebnisse aufgrund des Geschlechts der Erzählfiguren divergierend ausgewertet. Zudem mahnt er zur Vorsicht, wo Geschlechterstereotypen des christlichen Abendlandes vor allem der beiden letzten Jahrhunderte zur Beurteilung der in den Texten dargestellten Realität in biblischen Zeiten verwendet werden.
Da Frauen auch heute selbst in unseren Breiten noch immer nicht gleich ermächtigt sind, Gesellschaft, Kultur, Religion und auch Sprache zu prägen, ist Geschlechterforschung nicht neutral zu betreiben, sondern mit einer feministischen Option. Diese Parteilichkeit zugunsten des weiblichen Geschlechts hat den Anspruch, die ungerechten Geschlechterverhältnisse in gerechtere umzuwandeln.
Historische Texte, die in einer patriarchalen Kultur entstanden sind, sind in Bezug auf die Geschichte von Frauen und von Personen, die nicht den binären Normen einer heterosexuellen Gesellschaft entsprechen, wie Eisberge zu sehen: Nur ein kleiner Bruchteil ist sichtbar, der große Rest ist im Meer des Vergessens untergetaucht. Bei der kreativen Rekonstruktion[4] dieser unsichtbar gemachten Wirklichkeit muss bezüglich weiblicher und queerer Prophetie daher angenommen werden, dass die wenigen Notizen auf ein wesentlich breiteres Phänomen hinweisen. Das biblische Textgebäude kann jedoch nicht einfach durch die Hervorhebung bislang vernachlässigter Teile restauriert werden, sondern bedarf in der Folge einer grundlegenden Adaptierung.
Zudem muss die Rezeptionsgeschichte der biblischen Texte kritisch befragt werden.[5] Der gender-faire Forschungsansatz in diesem Buch hat heutige Leser*innen im Blick, für die die biblischen Texte nicht einfach antike Befunde der Historie darstellen, sondern die davon überzeugt sind, dass aus diesen Schriften Gott die Menschen auch heute noch anreden will. Das Mühen um eine geschlechtergerechte Darstellung und Gestaltung von Gesellschaft, Kultur und Religion ist von diesem Gesichtspunkt her kein modischer »Schnick-Schnack«, sondern eine schlichte Notwendigkeit. Wenn die Bibel als kanonischer Text heute noch bedeutsam sein soll, muss sie für die Fragen von heute zum Sprechen gebracht werden.
Aneignung der Tradition ist aber nie unverändertes Weitergeben von Übernommenem, sondern immer kreative Aktualisierung desselben. Ein solches Vorhaben ist keineswegs neu, sondern bereits innerbiblisch gut bezeugt. Als berühmtestes Beispiel kann hier das Neue Testament angeführt werden, das mit einer speziellen theologischen Hermeneutik die Hebräische Bibel liest.
Seit Menschen im Alltag nicht mehr das Hebräisch der Bibel sprechen, ist die Notwendigkeit einer Übersetzung und Aktualisierung der Sprache gegeben. Die Aneignung der biblischen Tradition muss sich dabei heute um eine geschlechtergerechte Sprache bemühen. Um eine antiquierte Ausdrucksweise, die jüngere Menschen nicht mehr anspricht, zu vermeiden, hat man Bibelübersetzungen immer wieder revidiert. Auch wenn es in manchen Ländern in den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrtausends intensive Bemühungen um geschlechtergerechte Bibeln gab, ist in den offiziellen deutschsprachigen Bibelübersetzungen diesbezüglich immer noch viel zu wenig geschehen. Der Trend geht aktuell mit dem steigenden Erfolg von rechten und rechtsradikalen Weltanschauungen, denen auch viele konservative Christen zusprechen, allerdings in die gegenläufige Richtung. Die Bemühungen um eine geschlechterfaire Sprache werden als »Genderismus« diffamiert und mancherorts sogar verboten. Selbst Papst Franziskus, der im Übrigen weltweit Menschenrechtsverletzungen anprangert, schließt sich diesen Desavouierungskampagnen an, die behaupten, dass das Ziel der Genderforschung die Zerstörung der traditionellen Familie sei. Umso wichtiger wird in den kommenden Jahren eine aufklärerische Wissenschaft sein, die allgemein verständlich darlegen kann, worum es in Geschlechterfragen wirklich geht.
Die Sprache der Hebräischen Bibel hat einige Besonderheiten gegenüber dem Deutschen, die bei einer adäquaten Übersetzung zu berücksichtigen sind. So kennt das Hebräische kein sächliches Geschlecht und auch keine geschlechtsneutralen Substantive, was allein schon die Möglichkeit einer neutralen Umschreibung sprachlich unmöglich macht. So ist etwa die gängige Bezeichnung »Söhne Israels« nur dann wirklich korrekt, wenn ausgeschlossen werden kann, dass weibliche Personen mitgemeint sind. Im Deutschen muss die korrekte Übersetzung daher »Kinder« oder »Nachkommen« lauten, da es nach heutigem Sprachgebrauch schlichtweg unmöglich ist, dass »sieben Söhne« einen Sohn und sechs Töchter bezeichnen können. Ein einziges männliches Subjekt macht im Hebräischen eine Mehrzahl von Frauen und queeren Personen zu einer männlich beschriebenen Gruppe. Ebenso ist es mit der Bezeichnung »Väter«, die in den meisten Fällen die »Eltern« meinen. Eine entsprechende geschlechtsneutrale Vokabel, wie sie das Deutsche hat, steht im Hebräischen nicht zur Verfügung.
Die androzentrische Engführung gilt auch für die hebräischen Verbformen, die zwar sowohl im Singular als auch im Plural in der 2. und auch 3. Person zwischen Männern und Frauen differenzieren, aber wiederum bei Vorhandensein eines einzigen männlichen Individuums eine Mehrzahl grammatikalisch immer maskulin präsentieren.
Da der Genderbias in der Sprache grammatikalisch nur die männlichen Subjekte und Objekte sichtbar macht, wird als Folge davon der weibliche Anteil an der historischen Realität verschwiegen. Allein die Tatsache, dass nur wenige Menschen etwas von Prophetinnen im Ersten Testament wissen, zeigt, wie unangemessen die Beschreibung des Phänomens der Prophetie durch den Ausdruck »Propheten« ist. In diesem Buch wird daher die übliche Sprachwahl »Prophet« und »Propheten«, die für den ganzen Kanonteil, für ein einzelnes Buch, aber auch für eine prophetisch begabte Gestalt oder Erzählfigur stehen kann, in der Regel vermieden. Sowohl für das Gesamtphänomen als auch für den Kanonteil wird der Begriff »Prophetie« verwendet. Zur geschlechtsneutralen Bezeichnung der »Propheten« wird meist eine adjektivische Umschreibung wie »prophetisch begabte Menschen« oder »prophetische Figuren« gewählt. Solche Ausdrücke sind zwar keine wortwörtlichen Wiedergaben und klingen etwas holprig, aber sie sind im Deutschen dann die einzig korrekten, wenn ausgeschlossen werden kann, dass explizit nur Propheten oder ausschließlich Prophetinnen gemeint sind. Die Schreibungen ProphetInnen, Prophet*innen oder Prophet_innen wird damit nicht aus ästhetischen Gründen weitgehend vermieden, sondern aus der Einsicht heraus, dass diese Schreibweise schlecht hörbar gemacht werden kann und sich daher andere Bezeichnungen durchsetzen sollten.
Eine geschlechtsneutrale Sprachwahl soll in Ansätzen auch für die Rede von Gott versucht werden. Dort, wo der Gottesname steht, wird aus dem Hebräischen Text das Tetragramm JHWH übernommen, das aber aus Respekt vor der entsprechenden jüdischen Tradition unvokalisiert bleibt. Denn der jüdischen Überlieferung, die die Aussprache des Gottesnamens verbietet, haben wir ja all die auszulegenden Texte zu verdanken. Somit folgt dieses Buch nicht der aus der griechischen Bibelübersetzung stammenden christlichen Tradition, die den Gottesnamen mit Kyrios, »Herr«, übersetzt, denn in der heutigen Alltagssprache bezeichnet »Herr« nur mehr das männliche Geschlecht, nicht aber die in der Antike intendierte absolute Herrschaft.
Wo im Hebräischen der Gattungsname El, »Gott«, steht, wird auch so übersetzt. Der für JHWH meist verwendete Plural »Elohim«, der in der Bibel sowohl die Einzahl als auch die Mehrzahl bezeichnen kann, wird meist mit »Gottheit« übersetzt. Dies ist einerseits nicht falsch und bewirkt andererseits eine grammatikalisch weibliche Fortführung. Es mag gewiss Einwände gegen diese Übertragung geben, aber dieses Buch nimmt dafür das biblische Verbot ernst, sich kein einengendes Bild von JHWH zu machen: Dtn 4,16 verbietet in der Auslegung des Bilderverbotes an erster Stelle das männliche Gottesbild.
Eine verfremdende Wiedergabe des Textes wird grundsätzlich auch bei der Übersetzung des Hebräischen ins Deutsche gewählt. Aus meiner Vortragstätigkeit weiß ich, dass gerade eine teils die hebräische Wortstellung nachahmende, möglichst konsequent gleiche Übersetzung einer Vokabel, die die Leitworttechnik des Hebräischen und die Stilfiguren sichtbar macht, die Aufmerksamkeit steigert, obwohl dies zu Lasten eines glatten und schönen Deutsch geht. Gerade den Lesenden, die den Hebräischen Text nicht selbst übersetzen können, wird so die Fremdheit der biblischen Sprache bewusst gemacht, was zu aufmerksamerem Lesen anregt.
Die Bücher der Hebräischen Bibel werden im Folgenden als Sammlung kanonischer Texte verstanden, die in sich eine sinnvolle und für die Gemeinschaft, die diese Texte als Heilige Schriften anerkennt, auch sinngebende Einheit, den kanonischen Endtext, bilden. Diese Sammlung hat eine lange Geschichte, die zwar nicht mehr in allen Einzelheiten nachzuvollziehen ist, für deren Wachstum es jedoch Anhaltspunkte in den Texten selbst gibt. Die daraus sich ergebenden Thesen zur Entstehung ganzer Kanonteile, einzelner Bücher, größerer Erzählzusammenhänge sowie kleiner Texteinheiten werden teils durch Hinweise aus anderen biblischen oder auch außerbiblischen Texten, Bildern und archäologischen Zeugnissen gestützt.
Die historisch-kritisch orientierte Forschung, die die letzten zweieinhalb Jahrhunderte im deutschen Sprachraum geprägt hat, hat die Suche nach den Ursprüngen von Texten gerade im Kanonteil der Prophetie sehr ernstgenommen. In der Verfolgung ihres Zieles, den »Sitz im Leben«, die Entstehungssituation eines Textes, zu erheben, hat sie zum Teil sogar eine vorliterarische, mündliche Überlieferung angenommen, die noch rekonstruierbar sei. Bei zwei der im Folgenden zu besprechenden Texten war dies besonders relevant: Sowohl das Mirjamlied (Ex 15,20f.) als auch das Deboralied (Ri 5) wurden traditionell zu den ältesten Texten der Bibel gerechnet.
Im letzten halben Jahrhundert, in dem nicht nur die Pentateuchforschung, sondern auch die Forschung an der Prophetie in einem grandiosen Umbruch begriffen war, ist das Vertrauen in die Rekonstruktion der Vorstufen des heutigen Endtextes immer mehr geschwunden. Viele Passagen werden inzwischen wesentlich später datiert. Zudem zeigt sich eine intensivere Hinwendung zum kanonischen Endtext, zumal nicht irgendwelche Vorstufen des Textes, sondern die Bibeltexte im letzten Stadium ihrer Entstehung die »Heilige Schrift« bilden. Man setzt nicht mehr nur beim »Werden« des Textes an, sondern wieder mehr bei seinem »Sein«, bei den einzelnen Erzählungen, die häufig narratologisch untersucht werden, bei Büchern und sogar bei den Buchsammlungen. Ein höheres Alter von Texten stellte zwar nie ein deklariertes Kriterium für höhere Dignität dar, wurde aber häufig implizit so verhandelt. Ein redaktioneller Text ist nicht weniger bedeutsam als einer, der wahrscheinlich nahe an den erzählten Ereignissen steht. »Die Naivität früherer Generationen, die vom vorliegenden Text aus unmittelbar auf das mündliche Wort des Propheten rückschließen zu können glaubten, ist uns ein für allemal genommen.«[6]
Im Folgenden wird der historischen Entstehungssituation von Texten nur dann nachgegangen, wenn dies für die Fragestellung relevant ist. Wenn die Entstehungssituation und -zeit eines Textes im Blick ist, wird von erzählender Zeit gesprochen, wenn die Zeit, in der eine Geschichte spielt, thematisiert wird, ist von erzählter Zeit die Rede.[7] In den seltensten Fällen fallen in der Bibel diese beiden »Zeiten« zusammen. Die Botschaft gilt dabei immer den Menschen der Entstehungszeit. Wenngleich narrativ häufig versucht wird, ältere Milieus durch »originalgetreue« Darstellung postulierter früherer Lebensverhältnisse zu entwerfen, so trägt das Erzählte immer auch das Kolorit seiner Zeit ein. Verschriftlichung geschieht im Alten Orient immer absichtsvoll, da nur wenige Leute des Schreibens und Lesens mächtig und zudem umfangreichere Schreibmaterialien kostbar waren.
Erzählungen, die den Anspruch haben, Geschichte darzustellen, dürfen jedoch nicht einfach als historisch zutreffend angenommen werden, will man nicht einem Biblizismus oder sogar Fundamentalismus verfallen. Die Textentstehungs- und Religionsgeschichte können aber auch nicht die biblische »Fabel«, den roten Faden biblischer Geschichtsdarstellung, als Gesamtentwurf in Frage stellen, da dieser ja nicht historisch, sondern als theologisch relevante Welt erzeugende Erzählung konzipiert ist. Die historische Rückfrage ist aber für das Verständnis soziokultureller Gegebenheiten wie Recht, Sitte und Brauch immer unumgänglich.
Gerade in spät entstandenen biblischen Texten gibt es das Phänomen, dass ältere Texte, die bereits eine Art sakrosankten Charakter gehabt haben, in vielfältiger Weise aufgegriffen werden: Erzählfiguren werden den bereits als bedeutend anerkannten biblischen Figuren nachgestaltet, Situationen und Problemkonstellationen, die aus frühen Schriften bekannt sind, werden aufgegriffen, und ganze Texte werden durch Zitate eingespielt. In der wissenschaftlichen Literatur wird das Phänomen solcher Textbezüge meist »Intertextualität« genannt. Diese stellt jedoch keine Fragen nach dem historischen Wachstum und dem soziokulturellen Kontext, was ich für biblische Texte jedoch für unerlässlich erachte. Ich verwende daher lieber das Konzept der Rezeption, das ein zeitliches Nacheinander voraussetzt, auch wenn die historische Relation nicht immer eindeutig geklärt werden kann. Rezeption ist nie einfache Wiederholung oder Zitation, sondern immer mit Veränderung verbunden, denn man will ja den Text für geänderte Zeiten neu sprechen lassen.
Für literarhistorisch späte Texte, die Frauen als eigenständige Subjekte der Handlung darstellen, ist dabei ein Phänomen bemerkenswert, das in den letzten Jahren immer mehr in den Blick geraten ist: Weibliche Figuren werden in den Erzählungen männlichen Figuren nachgestaltet, wodurch sie in die Nachfolge bedeutsamer Männer gestellt werden. Dieses als Genderbender oder als transgender zu bezeichnende Phänomen, das als Netz von Textbezügen die Geschlechtergrenzen überschreitet und dekonstruiert, ist durchaus ambivalent und kann unterschiedlich gedeutet werden.
Wird das Phänomen für Frauen und nicht binär heterosexuelle Personen
positiv
gedeutet, so kann daraus auf soziale Verhältnisse geschlossen werden, in denen (freilich innerhalb patriarchal strukturierter Kulturen) Mitglieder dieser Gruppen den Männern annähernd gleichgestellt waren. Sie können auch – oder sogar – in klassische Männerrollen eintreten. Die Funktion solcher Geschlechtergrenzen überschreitender Textbezüge kann daher sowohl der Darstellung der
Egalität
aller Geschlechter dienen als auch präskriptive Funktion haben: Frauen und LGBTIQ* Personen sollen den Männern gleichwertig werden. Die betreffenden Texte wollen zu einem Veränderungsprozess in diese Richtung anregen.
Wird das Phänomen für Frauen
negativ
interpretiert, so sieht man dahinter die Vorstellung, dass JHWH in raren Einzelfällen
sogar Frauen
oder LGBTIQ* Menschen benutzt, um seine Stärke und Macht zu erweisen. Sogar durch die Hand einer Frau vermag er zu retten, und sogar durch den Mund einer Frau kann sein Wort ergehen (z. B. Jaël und Debora).
Noch negativer wird der Sachverhalt gedeutet, wenn man annimmt, dass die weibliche Handlungsfigur durch Angleichung an eine männliche Erzählfigur bildlich gesprochen erst »zum Mann werden« muss, um ernstgenommen zu werden.
[8]
Welche wertende Deutung gewählt wird, hängt nicht nur von der Einstellung zur patriarchalen Gesellschaftsstruktur ab, die nach den Kriterien des Geschlechts, des sozialen Standes, der ökonomischen Ressourcen, der Ethnizität, der Religion, des kolonialen Status und des Alters diskriminiert. Die Wahl wird auch von der Einschätzung bestimmt, ob die Bibel überhaupt frauenbefreiende Texte beinhaltet oder ob sie nicht vielmehr ein Buch ist, das die Unterdrückung von allen nicht heterosexuellen und nicht männlichen Subjekten legitimiert.
Meine Position dazu ist von Realismus bestimmt: Es gibt in der Bibel Texte, die die Unterordnung von Frauen, ja sogar die Gewalt gegen sie legitimieren oder zumindest nicht eindeutig genug ablehnen. Diese wurden im Christentum gerne und breit rezipiert. Aber es gibt genauso Texte, die die Herrschaft von Menschen über andere, insbesondere der männlichen über die weiblichen, nicht für gottgegeben, sondern für eine Ordnung der in Sünde gefallenen Welt betrachten (vgl. Gen 3,16).[9] Und es gibt viele, in den christlichen Gemeinden weitgehend unbekannte Texte über Frauen und queere Menschen in leitenden gesellschaftlichen Positionen, denen neue Seiten abzugewinnen sind, wenn man sie mit einer feministischen Option befragt.
Frauenfiguren werden innerbiblisch also nicht nur durch andere Frauenfiguren gedeutet. So wird in den folgenden Kapiteln zu erweisen sein, dass Prophetinnen nicht allein in der Nachfolge Mirjams stehen, wie etwa Klara Butting meint,[10] sondern auch in der Nachfolge von Mose.
Wer im letzten Jahrhundert in der alttestamentlichen Wissenschaft in traditioneller Weise ausgebildet wurde, denkt beim Phänomen der Prophetie automatisch an die Schriftpropheten,[11] deren Bücher allesamt mit Männernamen benannt sind. Wir wissen freilich heute durch historisch-kritische Forschung, dass an diesen Schriftprophetenbüchern sehr viele Hände gearbeitet haben. Die Worte der »Gottesmänner« sind in ihrer Herkunft beileibe nicht geklärt. Bei manchen der Propheten ist mit Sicherheit anzunehmen, dass sie selbst keine einzige Zeile ihres Buches verfasst haben (z. B. Amos) – was natürlich nicht ausschließt, dass Prophetenbücher dennoch originale Worte von historischen Prophetengestalten überliefern können.
Mit der Einsicht, dass jene, die den heutigen hebräischen Text verfasst haben, selbst wenn es sich um authentische Worte handeln sollte, nicht mit den Propheten identisch sind, stellt sich die Frage nach der Autor*innenschaft anders. Erst recht ist dies der Fall bei Fortschreibungen von prophetischen Büchern. Deutlich sichtbar werden die Fortschreibungen etwa im Jesajabuch: Jesaja erhält nach der sogenannten »Denkschrift« Jes 6-8 den Auftrag, selbst Worte aufzuschreiben. Ein Nukleus des Buches ist damit vielleicht auf die historische Figur, die im ausgehenden 8. Jhd. in Jerusalem wirkt, zurückzuführen. Aber das Jesajabuch, das wir heute vor uns haben, beinhaltet Texte, die beinah ein halbes Jahrtausend später entstanden sind. Die prophetischen Kreise, die an diesem Buch weiterschreiben, verstehen sich damit ganz eindeutig in der Nachfolge des großen Jerusalemer Propheten. Sie aktualisieren seine Botschaft in ihre jeweils veränderte Zeit und Situation hinein. Dabei wollen sie gerade nicht als eigenständige prophetische Gestalten in Erscheinung treten, sondern schreiben ihre Prophetie in der Nachfolge von Jesaja anonym.
Aber: Wer sagt uns eigentlich, dass es Schüler, ausschließlich Nachfolger des Jesaja waren, deren Texte uns im Buch überliefert sind? Wir können mit unserem historischen und literaturwissenschaftlichen Instrumentarium nicht auf Verfasser*innen von biblischen Texten zurückschließen, wenngleich sich bei manchen Texten die Trägerschaft enger eingrenzen lässt. Wir können daher nicht mit Sicherheit sagen, ob Frauen an den »Prophetenbüchern« mitgeschrieben haben. Wir können aber auch nicht behaupten – wie dies die traditionelle Forschung a priori ohne Reflexion tut – dass an diesen Büchern nur Männer als Verfasser beteiligt waren. Nancy Lee hat mit einem bahnbrechenden Buch[12] versucht, in Texten, die Frauen zugeschrieben werden, die stilistische Eigenheit der Triplette zu erheben und findet diese auch in anderen Texten wieder. Auch wenn man dadurch vielleicht einer Abfassung durch Frauen näherkommt, wissen wir schlicht und einfach nicht, wie hoch der Anteil von Frauen an den prophetischen Büchern darüber hinaus sein könnte.
Wenn nun aber in der Bibel von Frauen die Rede ist, die Lieder dichten oder Texte aufschreiben, ist es wahrscheinlich, dass diese in biblischen Büchern auch zu finden sind – wenngleich es durchaus nicht jene sein müssen, die man Frauen in den Mund oder in die Feder legt. Prophetische Texte sind diesbezüglich mit dem Verdacht zu lesen, dass nur das männliche Geschlecht in Erscheinung tritt und Frauen in der Prophetie zu Randerscheinungen gemacht werden. Wenn in der Bibel von Frauen in einer Berufsgruppe überhaupt die Rede ist, dann ist damit zu rechnen, dass das dahinterliegende historische Phänomen größere Ausmaße hatte. Es ist also anzunehmen, dass es erheblich mehr Frauen gab, die prophetisch tätig waren, als uns dies die »Prophetenbücher« weismachen wollen. Wenn Frauen in einer Berufsgruppe wahrscheinlich nicht tätig waren, haben wir in biblischen Texten davon auch keine Nachrichten (z. B. schlachtopfernde JHWH-Priesterinnen). Wenn aber die Bibel von Prophetinnen spricht, dann ist nicht nur damit zu rechnen, dass es diese tatsächlich gab, sondern dass es wesentlich mehr gab, als die Schrift uns dies überliefert, und dass sie erheblich größere Bedeutung hatten, als dies aus den oft auf Notizen reduzierten Informationen hervorgeht.
Wenn Prophetie in christlichen Kontexten bis heute Großteils als ein ausschließlich von Männern getragenes Phänomen gesehen wird, so haben wir zum Glück nicht nur die biblischen Texte der »Schriftpropheten«, die auf prophetische Tätigkeit von Frauen schließen lassen. Prophetie ist nicht nur kein ausschließlich männliches Phänomen, sie ist auch kein ausschließlich israelitisches Phänomen. Die Archäologie hat im letzten Jahrhundert viele schriftliche Zeugnisse ans Licht gebracht, die prophetische Texte aus dem Umfeld der altisraelitischen Kultur belegen.
Die neuere Forschung hat diese Funde, die aus Archiven stammen und daher vorrangig staatspolitisch relevante Prophetie bezeugen, intensiv nach dem Genderaspekt befragt und ist zu dem interessanten Ergebnis gekommen, dass Prophetie in allen Geschlechtern zu bezeugen ist. Allen voran ist die ein Jahr nach diesem Buch erschienene bahnbrechende Monographie von Martti Nissinen über Prophetie im AO zu nennen, die auch das Geschlecht der prophetischen Subjekte reflektiert.[13] Wilda Gafney widmet diesen Texten in ihrem Buch zu den biblischen Prophetinnen ein ausführliches Kapitel.[14] In seiner Monographie über die altorientalische Prophetie stellt Jonathan Stökl jeweils die Frage nach dem Geschlecht der prophetischen Menschen für Texte aus unterschiedlichen Kontexten und Epochen.[15] Corrine L. Carvalho hat mit demselben Autor einen spannenden Sammelband zur Thematik herausgegeben.[16] Die Frage des Geschlechts jenseits binärer heterosexueller Normen hat Martti Nissinen in mehreren Publikationen gestellt und kam zum Ergebnis, dass aus den Befunden Prophetie queerer Menschen philologisch mehrfach zu belegen ist.[17]
So sind etwa aus den Briefen, die sich im Archiv der syrischen Stadt Mari fanden, viele Zeugnisse für prophetisches Reden bezeugt. Das zahlenmäßige Verhältnis der aufgefundenen Prophetien (die ja nur ein Ausschnitt sind!) belegt ungefähr gleich viele Texte von Prophetinnen wie von Propheten. Man mag nun einwenden, dass diese Belege zeitlich sehr weit von der israelitischen Königszeit, in der die frühesten Texte der Bibel entstanden, entfernt sind (ca. 1717-1695 v. Chr.). Obwohl die Maritexte sicher nicht als »Paralleltexte« zu biblischer Prophetie zu lesen sind, zeigen sie in ihren sprachlichen Mustern dennoch Ähnlichkeiten mit manchen biblischen Stellen. Dies weist auf ein relativ konstantes Konzept hin, wie Prophetie vermittelt wird, um als solche erkannt zu werden. Im vorderorientalischen Kulturraum finden sich geprägte prophetische Ausdrucksweisen wie etwa die Botenformel, Visionen, Träume und Zeichen oder auch Dynastieverheißungen an den König.
Zeitlich näher an der alttestamentlichen Schriftprophetie sind die neuassyrischen Prophetien aus der Epoche Asarhaddons und Assurbanipals (ca. 680-630 v. Chr.). Die namentlich gezeichneten Texte stammen mit wenigen Ausnahmen alle von Frauen. D. h. Frauen haben nach den derzeit zugänglichen Belegen zeitgenössischer Prophetie außerhalb der Bibel in prophetischer Funktion sogar die Oberhand. Wir bewegen uns hier in knapp nachjesajanischer bis jeremianischer Zeit. Das heißt, dass prophetische Frauen im Kulturfeld des Alten Orients, zu dem eben auch Israel gehört, etwas völlig Normales waren und keine Aufmerksamkeit erregende Ausnahme.[18] Was mit der Hermeneutik des Verdachts bereits erhoben wurde, wird damit auch von historischer Seite bekräftigt. Ein Beispiel für die Prophetie einer Frau sei hier angeführt:
»Aus dem Munde der Rimutte-allate aus der Stadt Darachuja, die innerhalb der Berge (liegt). Fürchte dich nicht, Asarhaddon! Ich, Bel, spreche mit dir. Die Balken deines Herzens überwache ich wie deine Mutter, [die] dich ins Leben rief. 60 große Götter sind mit mir hingetreten, dich zu beschützen. Sin (steht) zu deiner Rechten, Schamasch zu deiner Linken, 60 große Götter stehen um dich herum (und) gürteten deine Lenden. Vertraue nicht auf Menschen, deine Augen erhebe (und) schaue auf mich! Ich, die Ischtar von Arbela, stimmte dir den Assur freundlich. (Als) du ganz klein warst, habe ich dich aufgehoben. Fürchte dich nicht, preise mich!«[19]
Wenn sich in Bezug auf die literarische Gattung und auf den Inhalt prophetischer Botschaften (vgl. etwa das Heilsorakel »Fürchte dich nicht!« oder die Selbstvorstellung der Gottheit mit »Ich bin…«) Übereinstimmungen zwischen biblischer und außerbiblischer Prophetie feststellen lassen, dann stellt sich die Frage, ob wir auch bei der geschlechtsspezifischen Verteilung mit einem ähnlichen Phänomen zu rechnen haben.
Die prophetischen Texte, die Frauen zugeschrieben werden, unterscheiden sich dabei weder durch Inhalt noch in der literarischen Form wesentlich von den anonymen oder den Männern zugeschriebenen Texten. Die Frage nach weiblicher Autor*innenschaft ist daher mit besonderer Vorsicht zu behandeln. Ob sich auch in diesen Texten ein Triplettenstil nachweisen lässt, den Lee für Frauen charakteristisch hält, ist noch nicht erwiesen. Sicher wird danach zu fragen sein, ob die Lebenszusammenhänge von Frauen in den Texten authentisch präsent sind oder ob sie vielmehr in der männlichen Sichtweise derselben dargestellt werden. Worte, die ein Text einer Frau in den Mund legt, können sehr wohl von einer androzentrischen Sichtweise geprägt sein. Denn auch heute noch können sehr konservative Frauen das patriarchale System und das auf Männer fixierte Weltbild authentischer vermitteln als aufgeschlossene Männer. Wir haben also deutlich zu unterscheiden zwischen Autor*innenschaft, die bei biblischen Texten nie eindeutig zu beantworten ist, und Frauen- bzw. Männerstimmen, die in den Texten präsent sind. Die beiden sind nicht deckungsgleich. Wie Athalya Brenner und Fokkelien van Dijk-Hemmes angenommen haben,[20] ist eine geschlechtsspezifische Betrachtungsweise weniger in Bezug auf die Verfasserschaft möglich, wohl aber in Bezug auf den androzentrischen oder gynozentrischen Blickwinkel, unter dem die Texte verfasst sind.
Mit der Hellenisierung des Vorderen Orients in der Folge des Eroberungszuges Alexanders des Großen wird für die jüdischen Gemeinden ab dem 3. Jhd. v. Chr. die Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische notwendig, weil ihre Mitglieder zunehmend mehr Griechisch sprechen und an der hellenistischen Kultur Anteil nehmen. Die Septuaginta (= LXX) genannte griechische Bibelübersetzung entsteht in einem Zeitraum von mehreren Jahrhunderten. Ob diese fortlaufend in die griechische Sprache und teils auch in das griechische Denken übertragenen Bücher, die ja in Rollen- und nicht in gebundener Kodexform geschrieben waren, bereits in einer festen Abfolge angeordnet waren, darüber gibt es kaum Auskünfte. Da sich die frühen Christen bei ihrer Mission der im jüdischen Kontext entstandenen Septuaginta bedienten, verwarf die jüdische Gemeinschaft schließlich diese teils sehr freie Übertragung ihrer Bibel und erarbeitete für ihren Gebrauch neue griechische Übersetzungen. Die Septuaginta wurde damit mehr und mehr zum christlichen »Alten Testament«.
Das Alte Testament übernimmt zwar alle Bücher der Hebräischen Bibel, folgt aber weder in der Anordnung der Bücher noch in der Zuordnung einzelner Schriften zu den Kanonteilen der in der späteren jüdischen Tradition überwiegend belegten Reihenfolge.[21] Die heute hierzulande als katholische Tradition geltende Erweiterung des Alten Testaments durch zusätzliche, in den ältesten belegbaren Originalen meist nur in griechischer Sprache belegte Schriften (sogenannte deuterokanonische oder apokryphe Bücher), findet sich seit frühchristlicher Zeit. Die Kirchen der Reformation haben aber aufgrund der damaligen zeitgeschichtlichen Strömung des Humanismus und seines Rufes, an die historisch belegbaren Quellen zurückzugehen, ausschließlich den Umfang der Hebräischen Bibel als kanonische Schriften übernommen.
Beide christliche Kanonversionen weisen in ihrer heutigen Form, die in den kirchlichen Bibelübersetzungen zutage treten, Inkonsequenzen auf: Die Reihenfolge der Bücherfolgt in beiden Fällen nicht der Hebräischen Bibel, sondern der christlichen Rezeption derselben. Gleichzeitig wird jedoch den Übersetzungen nicht der Text der griechischen Septuaginta zugrunde gelegt, der an einigen Stellen massiv vom hebräischen abweicht, sondern jener der Hebräischen Bibel, der allerdings an manchen Stellen nach der Septuaginta korrigiert wird.[22] Diese Inkonsequenzen bei der Rezeption von unterschiedlichen Traditionen sind aufgrund theologiegeschichtlicher Entscheidungen zustande gekommen. Sie können und müssen daher sowohl auf ihre Sinnhaftigkeit als auch auf ihre Folgen für das Verständnis der Texte befragt werden.
Tab. 1: Die unterschiedlichen Kanonteile der Prophetie
Jüdische Kanonanordnung:
Christliche Kanonanordnung:
Mittelstellung zwischen Tora und Schriften
Schlussstellung im AT, gefolgt vom NT
Zugehörigkeit von Büchern:
Zugehörigkeit von Büchern:
Vordere Prophetie: Jos – 2 Kön +
Hintere Prophetie:
3 große (Jes, Jer, Ez) +
12 kleine Propheten (Hos-Mal)
Die Anordnung der biblischen Bücher in unseren deutschsprachigen Bibelausgaben folgt im Wesentlichen den heute als Haupttradition angesehenen Versionen der griechischen und lateinischen Übersetzung,[23] die in Gesetz (Pentateuch), geschichtliche Bücher (dazu zählen in der Lutherbibel die Bücher von Gen-Est), Weisheit und Psalmen sowie Prophetenbücher gegliedert ist. Der klassische christliche Prophetiekanon umfasst damit ausschließlich jene Bücher, die nach Propheten benannt sind. Er erweitert die in der Hebräischen Bibel eine Trias bildenden Propheten Jesaja, Jeremia und Ezechiel durch Daniel zu den sogenannten vier »großen Propheten«. Diesen lässt er die Sammlung der zwölf sogenannten »kleinen Propheten«, die im Dodekapropheton zusammengefasst sind, folgen.
Damit endet der christliche Kanonteil der Prophetie mit Maleachi und seiner Ankündigung, vor dem Tag JHWHs den Propheten Elija zu senden (Mal 3,23f.). In den christlichen Gesamtbibelausgaben liest man diese Verse unmittelbar vor den Evangelien und ihrer Frage, ob denn nicht Johannes der Täufer (Mt 11,14; 17,10-13; Lk 1,17) oder sogar Jesus (Mt 16,14; Mk 6,15; 8,28; Lk 9,19) der wiedergekommene Elija sei. Elija und Mose treten nach diesem Verständnis in der »Verklärungsperikope« gemeinsam als die Verkörperung von »Gesetz und Propheten« und als Zeugen der Beglaubigung für ihren neutestamentlichen Nachfolger auf.[24]
Der unmittelbare Anschluss der Erzählungen über Jesus von Nazareth an den Schluss der Prophetie im AT wurde in der Theologiegeschichte nicht als neutrales Zusammentreffen zweier Buchteile, sondern als theologisch relevante Fortsetzung angesehen. Klaus Koch[25] hat das Wort von der »Profeten-Anschluß-Theorie« geprägt: Den zu großen Einzelgängern hochstilisierten Männern, die die Religion Israels entscheidend formten, konnte mit dieser theologisch gewerteten Kanonabfolge nahtlos der Gründer des Christentums, der »Charismatiker« Jesus von Nazareth gegenübergestellt werden: Der alles Bisherige in den Schatten stellende Mann konnte als Anschluss und Abschluss für eine lange Reihe großer Männer verstanden werden, die allerdings durch den jüdischen Nomismus etwa ein halbes Jahrtausend unterbrochen worden sei. Die ausschließlich christliche, teils massiv antijüdische Ausrichtung dieses theologischen Ansatzes wird damit bereits deutlich.
Der Hebräischen Bibel, deren Text in der historisch-kritischen Forschungstradition bei der Übersetzung der Vorzug gegeben wird, muss auch mit ihrer Kanonanordnung, die das Christentum nicht übernommen hat, mehr Gehör verschafft werden. Wie lohnend das gerade für das Verständnis der Prophetie und vor allem für die Frage nach Prophetinnen ist, wird im Folgenden gezeigt werden. Da das Prophetiekonzept des Hebräischen Kanons das im kanonischen Endtext intendierte ist, ist es nicht nur für jüdische Lesende ertragreich.
Tab. 2: Prophetinnen im jüdischen und christlichen Kanon
Hebräische Bibel – jüdisch
Christliche Bibeln
Tora:
Mirjam(nur Ex 15,20,
implizit in Num 12)
Pentateuch:
Mirjam(nur Ex 15,20,
implizit in Num 12)
Geschichtsbücher:
Debora (Ri 4,4)
Hulda (2 Kön 22,14ff.; 2 Chr 34,22ff.)
Noadja (Neh 6,14)
+ implizit:
diensttuende Frauen am Offenbarungszelt(1 Sam 2,22; vgl Ex 38,8)
Prophetin von En-Dor (1 Sam 28,3ff.)
Jüdischer Prophetiekanon:
Debora (Ri 4,4)
Hulda (2 Kön 22,14ff.)
Prophetin, zu der Jesaja geht (Jes 8,3)
prophetisch redende Töchter (Ez 13,17ff.; Joël 3,1)
+ implizit:
diensttuende Frauen am Offenbarungszelt(1 Sam 2,22; vgl. Ex 38,8)
Prophetin von En-Dor (1 Sam 28,3ff.)
Christlicher Prophetiekanon:
Prophetin, zu der Jesaja geht (Jes 8,3)
prophetisch redende Töchter (Ez 13,17ff.; Joël 3,1)
Schriften:
Noadja (Neh 6,14)
Hulda (2 Chr 34,22ff.)
Talmud (Megilla 14a): Sara, Mirjam, Debora, Hanna, Abigajil, Hulda, Ester
Wie unterschiedlich der Befund in den beiden Traditionen ist, zeigt allein bereits diese Aufstellung. Für die Wahrnehmung oder Ausblendung weiblicher Prophetie macht es einen Unterschied, ob Prophetinnen in Geschichtsbüchern als Handlungsfiguren vorkommen, oder ob ihnen ein Platz in der Prophetie eingeräumt wird.
Wie Konrad Schmid[26] unlängst gezeigt hat, sind in kaum einem anderen Bereich des ATs die Ergebnisse der klassischen historisch-kritischen Exegese so populär geworden wie beim Prophetenbild. Die Propheten sind nach diesen Forschungen – und sind es in unserem Alltagsbewusstsein noch immer – Männer von einsamer, intellektueller und spiritueller Kraft. Ihre Namen sind allesamt Männernamen, und der Mainstream der Prophetenforschung war davon überzeugt, dass sie charismatische Einzelgestalten waren, die die Religion Israels ab der zweiten Hälfte der Königszeit zu dem gemacht hätten, was wir heute in den alttestamentlichen Texten vorfinden und was in der Forschung die »israelitische Religion« – wohl gemerkt nicht die jüdische – genannt.
In einer derart androzentrischen Forschungstradition ist auch kein Gespür dafür da, das Fehlen großer Frauen in dieser Reihe wahrzunehmen; und das, obwohl im NT bei Lk 2,36-38 ein – offensichtlich in der Exegese kaum als solcher erkannter – Anknüpfungspunkt hergestellt wird: Dem frommen Mann Simeon wird Hanna an die Seite gestellt, deren Lobpreis zwar nicht direkt zitiert wird, die aber im Gegensatz zu Simeon explizit als »Prophetin« bezeichnet wird. Die Prophetin Hanna hat (wenn man von den prophetisch redenden Töchtern in Ez 13,17ff. und Joël 3,1 einmal absieht) im christlichen Prophetiekanon allerdings nur eine einzige Vorgängerin: die Prophetin, zu der der Prophet Jesaja nach Jes 8,3 geht und deren Kind einen sprechenden Namen erhält. In der Bücherfolge der Hebräischen Bibel sieht dies aber wesentlich anders aus und lässt sich als genuin biblisch erweisen.
Das Judentum kennt nach dem Traktat Megilla 14a des Babylonischen Talmuds sieben Prophetinnen: Sara, Mirjam, Debora, Hanna, Abigajil, Hulda und Ester. Die Reihe dieser Frauen macht bereits klar, dass »die Prophetin« völlig anders definiert ist als das weibliche Pendant zu dem, was sich Christenmenschen unter Propheten vorstellen. Der Talmud bedenkt Frauen mit dem Titel »Prophetinnen«, die es in besonders intensiver Weise mit Gott zu tun haben und mit ihm reden. Der Ansatz für ein solches Verständnis ist bereits in der Bibel selbst gegeben und nicht auf weibliche Figuren begrenzt, wenn etwa eine der sehr späten Schichten des Pentateuchs in Gen 20,7.17 den Patriarchen Abraham zum fürbittenden »Propheten« macht.
Wie die obige Tabelle zeigt, stimmt die talmudische Reihe von Prophetinnen nicht mit jener überein, die in der Hebräischen Bibel als Prophetinnen bezeichnet werden. Implizit, dies wird noch zu erweisen sein, sind in der Hebräischen Bibel auch die im christlichen Kontext meist als »Hexe von En-Dor« bezeichnete Frau aus 1 Sam 28,3ff. und vermutlich auch die am Offenbarungszelt ihren Dienst leistenden Frauen aus Ex 38,8 und 1 Sam 2,22 in die Prophetie einzureihen.
Aufgrund der unterschiedlichen Kanoneinteilung werden die im hebräischen Text »Prophetinnen« genannten Frauen in der jüdischen und christlichen Tradition unterschiedlichen Teilen der Bibel zugeordnet. Der Pentateuch, der in der christlichen Tradition meist auch als Geschichtsbuch verstanden wird, kennt Mirjam als Prophetin. Wenn im jüdischen Kanon Mirjam die einzige Prophetin in der Tora ist und dort an die Seite von Mose gestellt wird (Ex 15; vgl. Num 12), so ist zu vermuten, dass dieser Frau eine Sonderstellung zukommt, die Auswirkungen auf den unmittelbar folgenden Kanonteil der Prophetie hat.
Die Hebräische Bibel reiht die in der christlichen Tradition als Geschichtswerke verstandenen Bücher Josua – 2 Könige zu den sogenannten Nebiim rischonim, zu den »Frühen« oder »Vorderen Propheten«. Dadurch wird Prophetie nach der Sichtweise der Hebräischen Bibel nicht – wie in der christlichen und vor allem in der wissenschaftlich-exegetischen Tradition der letzten zwei Jahrhunderte – auf die »Schriftprophetie« enggeführt, sondern um die Erzählungen über prophetische Figuren ausgeweitet. Durch eine solche Kanoneinteilung wird das in der kirchlichen Praxis oft zu findende Missverständnis, dass »Propheten« immer nur Männer gewesen seien, da doch die vier großen und die zwölf kleinen Prophetenbücher unter den Namen von männlichen Propheten überliefert seien, entscheidend korrigiert. Dass diese Sichtweise der Prophetie wesentlich »biblischer« ist als das christliche Verständnis der Prophetie als Schriftprophetie, erweisen nicht nur die (literarhistorisch späten) großen Geschichtsrückblicke, die die gesamte Geschichte Israels als von der Prophetie begleitet darstellen,[27] sondern vor allem das Verständnis der Prophetie in der Tora, dem »Grundgesetz« Israels. Die Tora genießt in der Hebräischen Bibel einen Ehrenvorrang vor allen anderen Büchern, vergleichbar den Evangelien innerhalb des NTs. Es ist daher anzunehmen, dass das Prophetieverständnis der Tora die Sichtweise der Prophetie entscheidend beeinflusst.
Wie die Tora Prophetie definiert, was die Aufgabe der Prophetie ist und welchen Stellenwert sie hat, erfahren wir nicht nur aus den Erzählungen über prophetische Figuren, die in der Tora auftreten, sondern vor allem aus zwei einschlägigen Texten des Deuteronomiums, aus Dtn 13,2-6, dem Gesetz gegen abtrünnige prophetische Menschen, und aus Dtn 16,18-18,22, der sogenannten »Ämtergesetzgebung«, die in ihrem letzten Teil auf die Prophetie eingeht.
Das erste Gesetz, das in der Tora auf prophetisch begabte Menschen zu sprechen kommt, nimmt als Fallbeispiel an, dass diejenigen, die eingesetzt wurden, um zu JHWH hinzuführen, von ihm wegführen wollen. Vor jeglicher Vorschrift, was Prophetie in Israel sein soll, wird also der Fall der Falschprophetie, die nicht im Namen der Gottheit Israels geschieht, abgehandelt.
(2) Wenn in deiner Mitte ein prophetischer oder ein Träume träumender Mensch aufsteht und dir Zeichen oder Wunder gibt, (3) und es kommt das Zeichen und das Wunder, von denen er zu dir geredet hat, indem er sagte: »Wir wollen hinter anderen Gottheiten hergehen, die du nicht kanntest, und wollen ihnen dienen!« (4) Auf die Worte jenes prophetischen sowie auf die Träume solcher träumender Menschen sollst du nicht hören. Denn JHWH, eure Gottheit, prüft euch, um zu erkennen, ob ihr JHWH, eure Gottheit, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebt. (5) Hinter JHWH, eurer Gottheit, sollt ihr hergehen, sie sollt ihr fürchten, ihre Gebote sollt ihr halten, auf ihre Stimme sollt ihr hören, ihr sollt ihr dienen und an ihr sollt ihr hängen. (6) Aber jener prophetische oder jener Träume träumende Mensch ist des Todes. Denn Widerspenstigkeit hat er geredet gegen JHWH, eure Gottheit, die euch herausgeführt hat aus dem Land Ägypten und die dich freigekauft hat aus dem Sklavenhaus, um dich vom Weg abzubringen, auf dem JHWH, deine Gottheit, dir befohlen hat zu gehen. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen!
Der Abschnitt 13,2-6 steht im Rahmen dreier Verordnungen für den Fall der Verführung zum Abfall von JHWH. Dabei wird nicht in der für das Kasusrecht üblichen 3. Pers. formuliert (wenn jemand etwas tut, dann...), sondern Israel in seiner Gesamtheit (in 2. Pers. Sg.) angesprochen. In allen drei Fällen ist vorauszusetzen, dass die Verführung, vom Hauptgebot der ausschließlichen Verehrung JHWHs abzuweichen, aus der Mitte Israels selber kommt. Jegliche Anstiftung zum Abfall von JHWH ist eine gravierende Verfehlung. Wenn aber Verführende, die besonders dazu qualifiziert sein sollten, zur Gottheit Israels hinzuführen, besonders nahestehende Menschen oder sogar eine ganze Gemeinde dazu aufruft, ist dies ein Sakrileg: In V. 2-6 verführt ein prophetischer Mensch, in V. 7-12 sind es Familienmitglieder sowie Freunde, in V. 13-19 eine ganze israelitische Stadt, die damit allesamt gegen das Erste Gebot, gegen den Ausschließlichkeitsanspruch JHWHs verstoßen.
An erster Stelle wird ein prophetisch begabter Mensch genannt, der »in deiner Mitte« »aufsteht«. Damit wird einerseits deutlich, dass es sich eindeutig um israelitische Prophetie handelt. Andererseits wird bereits durch die Formulierung des eigenmächtigen »Aufstehens« die mangelnde Legitimation durch JHWH angedeutet. Denn das Prophetiegesetz formuliert im krassen Gegensatz dazu, dass JHWH einen Propheten wie Mose aus Israels Mitte »aufstehen lassen« wird (Dtn 18,15.18).
Die Offenbarung im Traum wird hier wie in Num 12,6 der Prophetie zugeordnet, im AT ist sie allerdings nicht auf Prophetie beschränkt (vgl. z. B. Josef in Gen 39; Abimelech in Gen 20,3-7). Anders als etwa in Joël 3,1, wo die verheißene kollektive Begabung mit dem Geist, der die Prophetie bewirkt, auch durch Träume angezeigt wird, oder im späten Danielbuch (2,1ff.), spielt bei Jeremia die Traumoffenbarung in der Auseinandersetzung mit Falschprophetie eine überaus zweifelhafte Rolle. Der Traum wird dort als ungeeignetes Offenbarungsmittel gesehen, weil er in spezifischer Gefahr stehe, nur erfunden und erlogen zu sein (vgl. Jer 23,25-32). Die Trägerschaft solcher Traumoffenbarung wird ähnlich wie in Dtn 13,2 als prophetisch und als »Träume träumend« charakterisiert. Da sich in der Bibel weder ein Beleg von prophetischem Träumen noch ein erzählender Text findet, der eine Traumoffenbarung mit einer Frau in Verbindung bringen würde, könnte man schließen, dass die Traumschauung vorwiegend ein männliches Phänomen darstellt.
Die Tatsache, dass eine falsche Prophetie mit Worten, Zeichen oder Wundern, die sogar »gegeben« werden und auch eintreffen können, überhaupt in Israel möglich ist, wird als Prüfung Gottes deklariert. Ein solcher Mensch hat ein todeswürdiges Verbrechen begangen. Der Schlusssatz »Du sollst das Böse in deiner Mitte wegschaffen« steht üblicherweise bei der Ahndung von Kapitalverbrechen. Anders als im Prophetiegesetz von Dtn 18,19ff. wird das Eintreffen nicht als Zeichen für die Echtheit des Wortes gewertet, denn eine Botschaft, die explizit von JHWH wegführt, bedarf keiner weiteren Kriterien, um sie als falsch zu entlarven.
