Gottfried Locher - Josef Hochstrasser - E-Book

Gottfried Locher E-Book

Josef Hochstrasser

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Beschreibung

Hochstrasser und Locher. Keiner hat den anderen zuvor persönlich gekannt. Doch bald schon wird klar: Die Chemie stimmt für Gespräche über brennende Fragen der Zeit.Gottfried Locher ist der oberste Reformierte im Land. Dennoch haben Amt und Ehre weder seinen Habitus noch sein Auftreten verdorben. Vor dem Fussballspiel isst er mitten in den Fans eine YB-Wurst. Er erklärt sich ohne Zögern bereit, einer Prostituierten und deren Schicksal zu begegnen. Auf der Kirchenfeldbrücke steht die Frage an, ob ein Mensch seinem Leben ein Ende setzen darf. Von Zeit zu Zeit zieht er sich ins Benediktinerkloster Einsiedeln zurück, um dort aus den Tagen der Einkehr neue Kraft zu schöpfen. Vielversprechend sind daher seine ökumenischen  Bestrebungen und die Verbindung zur katholischen Kirche. Locher beisst sich nicht an trennenden Spitzfindigkeiten fest. Er hat ein offenes Herz. Glaubwürdig stellt sich der privilegiert besoldete Geistliche in einer Predigt im Berner Münster den Fragen nach der weltweiten Armut. Und im Eingang zu Lochers Wohnung vor dem Bild des Jüngsten Gerichts, wo er gefragt wird, ob er denn zu meinen wisse, in welche Abteilung des Himmels oder der Hölle er dereinst gerate, fällt seine Antwort klar aus. Die Kirchen stehen seit geraumer Zeit im Clinch. Mit ihnen auch die Pfarrer.Hier steht einer hin und spricht offen, verständlich, ohne salbungsvolle Pfarrherrlichkeit. Gottfried Locher hat den theologischen Elfenbeinturm verlassen. Er bewegt sich im Alltag der Menschen, nimmt auf, was sie bewegt. Seine Antworten kommen nicht von der Kanzel, obwohl sie vom eindeutigen Standpunkt des Theologen zeugen. Aber sie laden die Leserschaft ein, seine Gedanken zu eigenen Überzeugungen weiterzuspinnen.Josef Hochstrasser ist Provokateur. Auferstehung versteht er als Aufstehen gegen ungerechte Verhältnisse. Das sei Ostern, sagt er. Ein idealer Partner also, um den Kirchenoberen herauszufordern.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2019

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JOSEF HOCHSTRASSER

GOTTFRIED LOCHER

Josef Hochstrasser

Gottfried Locher

Der ‹reformierte Bischof›auf dem Prüfstand

ZYTGLOGGE

Alle Rechte vorbehalten

Copyright: Zytglogge Verlag, 2014

Lektorat: Hugo Ramseyer

Korrektorat: Monika Künzi, Jakob Salzmann

Coverfoto: Fabian Unternährer, 13 Photo AG

Lithos: FdB, Für das Bild – Fred Braune, Bern

Gestaltung/Satz: Zytglogge Verlag

ISBN 978-3-7296-0855-9

eISBN (ePUB) 978-3-7296-2026-1

eISBN (mobi) 978-3-7296-2027-8

 

E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch

 

Zytglogge Verlag · Schoren 7 · CH-3653 Oberhofen am Thunersee

[email protected] · www.zytglogge.ch

Inhalt

1 Mein Freund, das Kamel

Berner Münster

2 Tigrinya, Paschtou, Kurmanci …

Asyl-Empfangszentrum

3 Kein Offside in der Kirche

Wankdorfstadion

4 Die Feindschaft Gottes predigt

Kloster Einsiedeln

5 Soll und Haben

Rumänien

6 Trittst im Morgenrot daher …

Bundeshaus

7 Die Katze spürt, wenn er kommt

Palliativ-Station

8 Lust und Liebe

Sex und Seele

9 Die Brücke

Sterben

10 Himmel nochmal!

Jüngstes Gericht

1

Mein Freund, das Kamel

Berner Münster

FOTO: KEYSTONE / PETER KLAUNZER

Am Sonntagmorgen geht es noch einigermassen. Die Laufwege im Berner Bahnhof sind nicht so verstopft wie sonst unter der Woche. Vereinzelte Wanderer streben zu den Bahnsteigen. Ein Fremdarbeiter wischt gedankenverloren mit einem Besen auf dem Boden herum. Die Schachfiguren beim Bärenplatz warten auf schlaue Spieler. Jene, die sie sonst mit Pokerface verschieben, schlafen wohl noch. Menschenleer ist auch der Platz vor dem Bundeshaus. Arg vornübergebeugt schleppt sich einzig eine alte Frau mit Gehstock und Plastiktasche vorwärts. Aus einiger Entfernung ertönen die Glocken des Berner Münsters. Zehn Uhr morgens: Sie laden zum Gottesdienst.

Zwei oder drei oder 0,5 Prozent

Gut zweihundert Menschen finden sich im altehrwürdigen, spätgotischen Münster ein. Überwiegend ältere Leute. Da und dort sitzt ein Jugendlicher, ein Farbtupfer unter viel Grau und Schwarz. Gottfried Locher leitet den Gottesdienst. «Klar hätte ich gerne mehr Junge im Gottesdienst», gesteht er später im Gespräch, «aber auch ich habe in jungen Jahren am Sonntagmorgen lieber ausgeschlafen.» Rund 56 000 Mitglieder zählt die reformierte Gesamtkirchgemeinde der Stadt Bern. Kaum 0,5% davon verbringen diesen Sonntagvormittag im Berner Münster. «Wäre schön, wenn das Münster jeden Sonntag voll wäre», findet Locher. Selten mal ist das der Fall, an Weihnachten etwa, oder bei Abdankungen, wenn eine gesellschaftlich hochrangige Persönlichkeit gestorben ist. Es hätten aber auch leicht weniger Gläubige den Weg zum Gottesdienst wählen können. Er kenne das aus seiner Zeit als Pfarrer der Schweizer Kirche in London, sagt er. «Manchmal waren wir da gerade mal zu fünft. Zwei davon – ältere Damen – habe ich gleich selber noch zuhause abgeholt und mit dem Pfarramtsauto in die Kirche an der Endell Street gefahren.» Aber eigentlich sei das kein anzustrebendes Kriterium, eine volle Kirche – «eher der Beweis, dass wir Pfarrer eitle Kerle sind». Bewegende Gottesdienste könne man auch mit einer Handvoll Leute feiern. Es gebe auch sehr schöne Feiern, wenn nur ein paar Leute in einem Kreis miteinander Bibel lesen, beten und Abendmahl feiern. Er zitiert Matthäus: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» (Mt 18,20) Entscheidend sei nicht die Anzahl Leute, sondern die Stimmung, die über einem Gottesdienst liegt. «Für ein Abendmahl braucht es im Minimum dich und mich. Das reicht.»

«Für ein Abendmahl braucht es im Minimum dich und mich. Das reicht.»

Die Alternative: Ausschlafen

Godi ist ein attraktiver Mann. Der Talar kleidet ihn gut. Er weiss wohl um sein vorteilhaftes Äusseres. Kollegen haben ihn auch schon deswegen auf die Schippe genommen. Jedenfalls räumt er ein: «Es ist nie egal, wie jemand auftritt, auch nicht in der Kirche. Allerdings nur für den ersten Eindruck – nachher geht es schon vorwiegend um Inhalte. Der Pfarrer ist nur der Transporteur.

Die Glocken sind verklungen, der Gottesdienst beginnt. Godi steht auf der Kanzel, wendet sein Gesicht bei der Begrüssung gewinnend von links über die Mitte nach rechts. Man spürt, er fühlt sich wohl hier. Er hat eine Beziehung zu diesem Gebäude – «das schönste Münster der Schweiz!» Aber eigentlich sei es egal, wo man predigt. Auf die Menschen komme es an. Jeder sitze da mit seiner Lebensgeschichte. Alle seien einzigartig. Wenn nur schon eine Handvoll Predigthörer da seien, sei es eine Kunst, allen etwas Passendes sagen zu können. «Alle erwarten etwas. Kirchgänger sind anspruchsvoll. Zu Recht! Ausschlafen wäre ja auch schön gewesen.»

«Kirchgänger sind anspruchsvoll. Zu Recht! Ausschlafen wäre ja auch schön gewesen.»

Wer am Sonntagmorgen freiwillig früh aufsteht, gehört zu einer kleinen Gruppe, die von der Kirche noch etwas erwartet. Es sei ein Privileg, vor solchen Leuten stehen zu dürfen. Und eine Verpflichtung. «Wer auf der Kanzel steht, muss etwas zu sagen haben. Und er muss es gut sagen. Beides ist wichtig.» Eine gute Predigt sei darum ein Kunstwerk und aufwändig in der Vorbereitung. Acht bis zehn Stunden brauche er dafür, sagt Locher, «meistens Nachtschicht». Jede Pfarrerin und jeder Pfarrer müsse seinen eigenen Stil finden. «Erste Regel: dich selber bleiben, sonst wird es peinlich.» Je älter er werde, sagt er, desto mehr glaube er an die Kraft der Predigt. Damit könne man bewegen, ermutigen, hie und da sogar trösten. Auf mancher reformierten Kanzel wird seit hunderten von Jahren gepredigt. «Manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter. Den Predigern in früheren Zeiten ging es vermutlich auch so. Das tröstet mich immer dann, wenn ich etwas weniger Schlaues von der Kanzel herunter ‹staggele›.»

Schuss von der Kanzel

Von ‹staggelen›, auf Deutsch zaudern, stottern, ist heute nichts zu spüren. Der Auftakt zum Gottesdienst ist politisch brisant: die blutigen Auseinandersetzungen auf dem Maidan-Platz in Kiew, der drohende Zerfall der Ukraine. Locher spannt den Bogen zum aktuellen Weltgeschehen. Nimmt er dazu Stellung? Werden die Kämpfe in der Ukraine zum Thema dieses Gottesdienstes? Fehlanzeige. Er ruft lediglich das Kriegstreiben ins Bewusstsein, appelliert an das Mitgefühl der Gläubigen für die Bevölkerung jenes leidgeplagten Staates im äussersten Südosten Europas. Aber mit dem Hinweis auf die politische Zerreissprobe in der Ukraine holt er die Politik auf die Kanzel. Landauf und landab schreien rechtsbürgerliche Kreise unverzüglich Verrat, sobald sich ein Pfarrer im Gottesdienst politisch äussert. Die Pfarrer sollen sich gefälligst um das Seelenheil der Gläubigen kümmern und die Politik den weltlichen Profis überlassen, lautet ihr Credo.

«Was Jesus sagt, das provoziert halt. Auch politisch. Damals wie heute.»

«Das sehe ich anders», sagt Locher. «Christentum betrifft das ganze Leben, meine Belange, deine Lebensführung, diejenige anderer Leute, unser gesamtes Zusammenleben. Politik ist ein Teil davon. Was Jesus tut und sagt, das provoziert. Auch politisch. Damals wie heute.» Allerdings müsse sich die Pfarrerin, der Pfarrer schon sehr gut überlegen, in welchem Fall Reden oder Schweigen angesagt sei. Wer immer gleich seine politische Meinung zum Besten gibt, der wird rasch einmal in eine bestimmte Ecke gestellt. Es gehe gerade nicht um die Meinung desjenigen, der auf der Kanzel steht. «Die Kunst ist, in der Predigt Jesus selber sprechen zu lassen. Meine politische Meinung ist Nebensache. Wichtig ist, was Christus zu sagen hat. Parteipolitik gehört nicht auf die Kanzel.» Im Glauben geht es nicht nur um mein persönliches Seelenheil – das zwar auch. Ebenso entscheidend ist das, was zwischen den Menschen geschieht, was sie einander zuliebe oder zuleide tun, die Gesellschaftspolitik. Aus ihr darf sich die Kirche niemals davonschleichen.

Auf der Grundlage dieser Überzeugung hat Locher den Predigttext gewählt. Darin wird erzählt, ein Mann habe Jesus versichert, alle Gebote streng befolgt zu haben und nun als Lohn gewiss das ewige Leben geschenkt zu bekommen. Jesus allerdings zeigte ihm einen blinden Fleck: «Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen!» (Mk 10, 21) Der Mann erbleichte. Kunststück, er war reich. Und Jesus schob nach: «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes.» (Mk 10, 25) Die Geschichte ist von enormer gesellschaftspolitischer Brisanz.

Wie dehnbar ist ein Nadelöhr?

Locher nimmt das drastische Bild der biblischen Erzählung auf: «Ein Kamel ist ein riesiges Tier, und ein Nadelöhr ist eine winzige Öffnung.» Die Botschaft ist eindeutig. «Das Kamel ist zu gross, und der Reiche kommt folglich nicht ins Himmelreich. Scheint alles ziemlich klar. Nicht sonderlich angenehm allerdings.» Unten im Kirchenschiff ist es mucksmäuschenstill. Und auf der Kanzel wird lapidar gefragt: «Wie dehnbar ist denn ein Nadelöhr?» Sicher sitzen im Berner Münster auch einige mit einem grossen Portemonnaie. Locher doppelt nach: «Es gibt nichts zu rütteln an dieser Aussage, ob das nun in unser Weltbild passt oder nicht, ob diese Botschaft sich mit einer etablierten, gutbürgerlichen Landeskirche verträgt oder nicht.» So klare Worte widerhallen nicht jeden Sonntag von den Säulen des Berner Münsters. Aber niemand verlässt den Kirchenraum. «Hüten wir uns vor Schönfärberei! Jesu Worte tun manchmal weh, verwässern wir sie nicht.» Und es folgen ein paar Beispiele aus der Kirchengeschichte, wo genau dies getan wurde.

«Jesu Worte tun manchmal weh. Verwässern wir sie nicht.»

Die ersten Christen versuchten das Bild vom Kamel und vom Nadelöhr noch wörtlich in ihrem Alltag umzusetzen. Mit dem ersten christlichen Kaiser Konstantin trat das Christentum einen phänomenalen Siegeszug durch ganz Europa an. Die Worte vom Kamel und vom Nadelöhr störten dabei gewaltig. Die kirchlichen Ideologen griffen zu abschwächenden Deutungen. Jesus habe wohl eher eine Art von geistiger Armut gemeint, lehrten sie. Selbst die Reformatoren werkelten am Text herum, bis er ihnen passte. Besonders trickreich zeigte sich Jean Calvin. Würde ein Reicher seinen Besitz verschenken, behauptete der Reformator aus Genf, würde er durch dieses persönliche Werk sich selber Heil verschaffen und Gottes gnädige Zuwendung unnötig machen. «Ein hartes Jesus-Wort traf auf allerlei theologische Weichspüler», bemerkt Locher dazu. Und der Soziologe Max Weber hielt es im Leben Normalsterblicher gar für völlig unrealisierbar. Doch Locher nennt leuchtende Beispiele in der radikalen Nachfolge Jesu, erzählt vom reichen Kaufmann Petrus Valdes aus Lyon, der sich im 12. Jahrhundert im Zuge einer Hungersnot von seinem gesamten Besitz trennte. Waldensergemeinden existieren noch heute in Italien, Deutschland und Südamerika.

Du bist ein Kamel

«Liebe Gemeinde», beendet Locher seine Predigt, «wiederholen wir nicht alle Irrwege der Auslegung der Jesusworte vom Kamel und vom Nadelöhr. Es macht keinen Sinn, aus etwas Klarem etwas Unklares zu machen.» Die Worte kommen nicht fordernd, schon gar nicht moralisierend. Sie appellieren an die alleinige Entscheidung eines jeden hier Anwesenden. Das ist gutreformatorische Tradition. Und so ganz ohne feinen Humor steigt der Geistliche nicht von seiner Kanzel. «Wem sagt man denn eigentlich: Du bist ein Kamel?», fragt er in den Kirchenraum hinaus. «Doch gewiss nur jemandem, den man zwar tadeln will, aber nicht bösartig, eher schon liebevoll. Nur ein Freund ist ein Kamel.» Das galt schon für Jesus. Er blickte den Reichen an und gewann ihn lieb. Er gab ihm eine Chance, wie Locher seiner Zuhörerschaft. Würde man allerdings einem Gedanken von Karl Marx folgen, müsste der Pfarrer ganz anders reden, etwa so wie seine berühmten Vorgänger, die Reformatoren. Marx hat gelehrt, das Sein bestimme das Bewusstsein. Wie ein Mensch gesellschaftlich situiert sei, so denke er auch. Folgerichtig müsste Gottfried Locher als gut verdienender Pfarrer die konsequente Befolgung der Forderung der Geschichte vom Kamel und vom Nadelöhr relativieren. Doch er winkt vehement ab, wohl wissend um seinen Auftrag. «Es geht nicht um meine Befindlichkeit. Als Prediger muss ich aufpassen, nicht meine persönliche Meinung religiös zu verbrämen. So leicht könnte man versucht sein, die eigene politische Überzeugung zu verkünden und dazu eine passende Bibelstelle auszuwählen.» Mit der Ordination habe er den Auftrag bekommen, Jesus zu verkünden, nicht sich selber. Pfarrer Locher als Sprachrohr des Nazareners? Er zögert. «Im besten Fall eines von vielen – und nicht für alle Gehörgänge geeignet. Vielleicht bin ich eher ein Briefträger. Unsere Kirche hat eine ganze Flotte davon, zum Glück. Und noch viel mehr mündige Männer und Frauen, die die Kanzelpost in eigener Kompetenz verstehen und anwenden. Ohne den Briefträger zu fragen.»

«Alle verzerren den Blick auf Jesus durch ihren eigenen Blick, inklusive ich.»

Gibt es denn überhaupt jemanden, der Jesus richtig versteht? Nach 2000 Jahren? Seine Zeitgenossen hätten es einfacher gehabt, sinniert Locher. «Nichts ersetzt die direkte Begegnung von Mensch zu Mensch. Ich verstehe dich besser, wenn ich mit dir einen Kaffee trinke, als wenn mir jemand von dir erzählt.» Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht gebe einen viel umfassenderen Eindruck von einer Person, als wenn man bloss Sachen von ihr zu lesen bekomme. Die Autoren der Bibel hätten nur indirekt von Jesus gewusst, zum Teil lägen Generationen dazwischen. «Ohne eigene Interpretationen erzählt niemand über Jesus – auch nicht die Bibel. Alle sehen Jesus durch ihren eigenen Blick, inklusive ich.» Das gelte für alle Kirchen und Konfessionen.

In heiterer Stimmung meint der oberste Reformierte des Landes, die Päpste würden wenigstens noch darauf hören, was ihre Vorgänger gesagt haben und was über Jahrhunderte in der christlichen Theologie nachgedacht worden sei. Das klinge zwar manchmal reichlich altmodisch, dafür habe es aber Tiefgang. Anders sei das bei den Evangelikalen am anderen Ende des Konfessionsspektrums, dort regiere vor allem die persönliche Befindlichkeit. ‹Spüren› sei bei ihnen wichtiger als Nachdenken, und was Jesus hatte sagen wollen, könne jeder nach eigenem Gutdünken behaupten. «Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Hören wir auf die Zeugen der Vergangenheit, denken wir darüber nach. Und hören wir auch auf uns: auf das, was uns unser Herz sagt.»

Unmodisch altmodisch

«Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt …» Das die ersten Worte des Liedes, das die Gemeinde zwischen Lesung und Evangelium singt. Es wird verhalten gesungen, die Gedanken von Paul Gerhardt, der dieses Lied im 17. Jahrhundert getextet hat, wollen nicht so recht über die Lippen kommen. Locher schwärmt: «Die Lieder von Paul Gerhardt sind umwerfend! Seine Texte sind zeitlos.» Erbauung für die Seele, will er sagen, und merkt sogleich: Erbauung tönt ziemlich verstaubt. «Dann halt Ermutigung, wenn dir das lieber ist.» Und murmelt noch: «Ich mag nun mal altmodische Wörter. Ich bin ein altmodischer Typ.» Junge wird er mit solchen Liedern nicht in die Kirche bringen. Worauf er erwidert: «Die Welt besteht nicht nur aus Jungen. Auch Alte haben Rechte. Zum Beispiel ein Recht auf Lieder, die ihnen passen. Und übrigens, auch die Jungen werden mal alt. So wie ich.»

«Das Heute ist nur die halbe Wahrheit.»

Der heutige Sonntagsgottesdienst verkommt jedenfalls nicht zur seichten Wohlfühl-Übung. Dafür sorgt die Erinnerung an Jesus von Nazareth. «Der Mann ist extrem provokativ. Ich rege mich immer wieder mal über ihn auf. Er hat die Menschen gewiss nicht absichtlich verletzt, aber er hat sie aus ihrer schläfrigen Gleichgültigkeit ziemlich unsanft wachgerüttelt.» Freude an der Provokation: Mindestens das hat Godi von Jesus übernommen. Das Bild vom Kamel und vom Nadelöhr steht beispielhaft für eine jesuanische Provokation. Es geht darin ja auch nicht nur um Gesellschaftskritik. Es geht um – wieder ein altmodisches Wort, das Godi mag – ‹das Himmelreich›. Jesus sage damit: «Es kommt noch etwas nach diesem Leben. Behaltet den Blick offen für das, was noch anbrechen will! Das Heute ist nur die halbe Wahrheit.» Das ist die wirkliche Provokation, erst recht heute, in einem Münster voller Leute, die angeblichen Himmelreichen skeptisch gegenüber stehen. «Jesus hat nichts gegen das Schätze-Sammeln. Im Gegenteil: Wenn schon Schätze-Sammeln, dann richtig, und richtig heisst nachhaltig, nämlich einen Schatz, der bleibt, einen Schatz im Himmel, nicht bloss vergänglich auf Erden, temporär sozusagen.»

Das Kreuz mit dem Kreuz

Der Gottesdienst geht dem Ende zu. Vor dem Ausgangsspiel der Orgel bittet Locher um den Segen für die, die heute gekommen sind, und auch für die Menschen in aller Welt. Und dann tut er, was in reformierten Kirchen unüblich ist: Er macht das Kreuzzeichen über die Gemeinde, erhebt die Hand nach links, «im Namen des Vaters», in die Mitte, «im Namen des Sohnes» und nach rechts, «im Namen des Heiligen Geistes». Genau wie ein katholischer Priester. Ich staune. «Das Kreuzzeichen gehört allen Konfessionen. Das ist nicht nur katholisch», verteidigt sich Godi nachher, «das gibt es auch im Protestantismus, bei den Lutheranern und den Anglikanern, und sogar bei den Reformierten, selten in der Schweiz, dafür in Afrika oder in Asien. Mir gefällt es. Das Kreuzzeichen heisst: Ich bin Christ. Nicht mehr und nicht weniger. Und überhaupt: Wenn ich Gottesdienst halte, kommen immer auch ein paar Lutheraner, Anglikaner und Katholiken. Sie freuen sich, wenn man an sie denkt.» Da ist er wieder, der Provokateur … Mit Schalk in den Augen liefert er noch nach: «Weisst du: Ein Kreuzzeichen tut allen gut. Sogar den Reformierten.»

«Ein Kreuzzeichen tut allen gut. Sogar den Reformierten.»

Viele Dutzend Hände schüttelt Pfarrer Locher nach dem Gottesdienst. Für jedermann findet er ein persönliches Wort. Gegen Schluss der langen Reihe steht ihm die Anstrengung dann doch ins Gesicht geschrieben.

Achtung: Theologie!

Eine knappe halbe Stunde warte ich auf dem Münsterplatz. Die fahle Februarsonne vermag nicht eigentlich zu wärmen. Die Gottesdienstleute sind längst in den Gassen verschwunden. Nur ein paar japanische Touristen sehen interessiert am Münster hoch. Endlich kommt auch Godi aus der Kirche. Wir spazieren zusammen über den Platz, die Herrengasse hinauf, wo er wohnt, keine fünf Minuten zu Fuss. Dort gibt es heissen Kaffee. Es ist gemütlich. Entspannung stellt sich ein.

Wir sprechen über Jesus – oder, wie Godi lieber sagt, «Christus». Dessen Ideen haben damals bei weitem nicht alle begrüsst, vor allem nicht Menschen mit Privilegien und Macht. Jesus stiess seine Zeitgenossen vor den Kopf, behauptete rundweg, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Das hat der historische Jesus wirklich gesagt? «Schon, ja. Warum sollte ich daran zweifeln? Jedenfalls lese ich es so im Evangelium.» Jesus, ein ungeheurer Selbstanspruch. Arrogant? «Selbstbewusst», sagt Godi und präzisiert sogleich: «Vielleicht eher: gottesbewusst.» Das ist der Schlüssel dazu, Christus zu verstehen.

Locher kommt in Schuss. Das unterscheide Jesus von einem gewöhnlichen Menschen. Ein solcher könne doch, wenn er bei Trost sei, unmöglich von sich selber behaupten: Schaut her, ich bin der Weg zum Himmel, und nur durch mich gelangt ihr zu Gott. Klar, von diesen Hochstaplern gebe es unzählige. «Die Welt ist voller solcher angeblicher Heilsbringer, die behaupten, sie hätten die Wahrheit gepachtet. Alle die wollen unsere Nachfolge, unsere Anbetung – und unser Geld. Aber keiner von ihnen hat die Oberhoheit über das, was richtig und wahr ist. Du und ich auch nicht. Die Wahrheit gehört Gott allein.»

«Glaubenssprache: wunderbar unvernünftig und trotzdem wahr.»

Aber könnte das nicht eine Erfindung der ersten Christen gewesen sein, diese Worte über den Weg, die Wahrheit und das Leben? Könnte das nicht alles sekundär sein, gar nicht das, was Jesus selber gesagt hat? Godi druckst ein wenig herum, scheint mir. Aber er ist ehrlich: «Sicherheit gibt es keine. Wie sollte ich dir beweisen, dass es sich wirklich so abgespielt hat, wie es in der Bibel steht?» Und doch passe nicht schlecht zusammen, was Jesus von sich sagt und wie er dann auch handelt. Dass er seine Wahrheit auch selber vorgelebt hat, das macht Jesus glaubwürdig. «Mein Reich ist nicht von dieser Welt», genau so verhält er sich. Kompromisslos, mit allen Konsequenzen. Und gewaltfrei, wie seine Botschaft. Wie niemand sonst hat Jesus sich selber als Brücke zwischen Gott und den Menschen verstanden, darum nennen wir Jesus «Gottes Sohn». Oder eben «Christus», das griechische Wort für ‹der Gesalbte›, ein Ehrentitel Gottes. Und darum ist seine Herkunft gleichzeitig menschlich-natürlich und göttlich-übernatürlich. In der Sprache des Christentums: gezeugt durch den Heiligen Geist und geboren von der Jungfrau Maria. Reichlich abstrakt. «Überhaupt nicht. Eher schon poetisch. Voller Bilder und schön zu lesen. Mir passt diese Glaubenssprache. Sie ist wunderbar unvernünftig und trotzdem wahr. Das Leben besteht nicht nur aus Vernunft. Es gibt noch eine andere Wahrheit. Wir brauchen eine Sprache, mit der wir von jener anderen Wahrheit sprechen können.»

Kein Sex: Gott wird Mensch

So leicht lasse ich Godi nicht vom Haken. Jesus vom Heiligen Geist gezeugt? Nicht von einem sterblichen Mann aus Fleisch und Blut? Bist du ein heimlicher Katholik? Ein schalkhaftes Grinsen begleitet Godis feine, reformierte Verteidigung: «Muss man jetzt schon katholisch sein, um daran zu glauben, dass Jesus Gottes Sohn ist? Die Reformatoren würden sich im Grab umdrehen, wenn sie das hörten, lieber Sepp. Kein Zwingli und kein Luther, auch kein Calvin oder Melanchthon würde etwas anderes sagen, als dass Jesus gezeugt ist durch den Heiligen Geist.» Zumindest hat er die Bibel auf seiner Seite. Wo aber bleibt der nüchterne Verstand? «Hast du ein Problem damit, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die nicht mit der Physik erklärt werden können? Zugegeben, du bist diesbezüglich nicht der Einzige. Dann sei aber bitte konsequent und streiche gleich alle Wunder, die Jesus angeblich vollbracht hat. Verzichte auch auf das Gebet, den Segen, die Fürbitte – alles total unvernünftig. Und vergiss auch gleich Ostern und die Auferstehung. Reiner Aberglaube …» Ich beginne zu verstehen: Wunder sind Wunder, nicht trotz, sondern wegen ihrer Unmöglichkeit. Wunder sind unmöglich, darum sind es Wunder. Aber vielleicht doch nur Hirngespinste? Godi gibt mir erstaunlicherweise recht: «Ganz viele Wunder sind Hirngespinste. Was die Leute alles so behaupten, was ihnen Wunderbares widerfahren sei: Das lässt sich gewöhnlich einfach wegerklären, meistens psychologisch.» Dann gibt es also keine Wunder? «Doch: dort, wo Gott selber am Werk ist. Warum sollte er sich an Naturgesetze halten müssen? Er steht über der Natur. Sie ist schliesslich sein Werk. Wunder durchbrechen Naturgesetze, sonst sind sie keine Wunder.» Aber Wunder sind Ausnahmen. Die Naturgesetze sind die Regel. «Auch sie hat Gott eingesetzt. Seine Schöpfung hält sich daran – ausnahmslos.»

«Jesus provoziert schon, bevor er überhaupt geboren ist.»

Was bedeutet das jetzt für die angebliche Zeugung durch den Heiligen Geist? Godi bleibt seiner Logik treu: «Sie ist entweder eine Lüge. Oder ein Wunder. Ich sehe keinen Grund für eine Lüge. Also bleibt das Wunder. Und also gibt es keine Beweise. Nur Zeugen. Entsprechend können wir nicht begreifen. Nur glauben. Unlogisch wäre aber die Behauptung, dass sie nicht stattgefunden haben können, solange gilt, dass Gott alles kann.» Einmal mehr merke ich, wie leidenschaftlich Godi seine Theologie betreibt. Kopf und Herz wollen zusammenkommen. «Dass Jesus nicht von einem Mann gezeugt worden sein soll, das ist ein Skandal für die Vernunft. Menschen werden normalerweise von Menschen gezeugt und geboren. Es ist ja auch schöner so, nicht übernatürlich, nicht durch angebliche Geister und angebliche Jungfrauen. Und doch: Die Geschichte geht eben gerade anders. Diesmal passiert etwas Aussergewöhnliches. Gott wird Mensch, diesmal und nur diesmal. Jesus provoziert also schon, bevor er überhaupt geboren ist.»

Marx liegt falsch

Von Sinnen sei Jesus gewesen, urteilten gewisse Leute, als dieser ihnen von einem Reich Gottes erzählte, von einer gerechten und friedvollen Gesellschaft, die zwar erst in der Zukunft komme, die aber durch sein Wirken im Keime schon da sei. In Godis Worten: «Noch nicht da und doch schon wirksam: Das ist das Reich Gottes.» Diese Botschaft war lebensgefährlich für Jesus. Der Mob trieb ihn aus Nazareth hinaus und wollte ihn von einem Felsen hinunterstürzen. Andere verlachten ihn als Schwärmer. Allein die Zukurzgekommenen hingen an seinen Lippen. Jesu kurzer Auftritt in der Öffentlichkeit führte zu Unruhen. Das passte den römischen Besatzern in Palästina nicht. Sie fürchteten, er könne ihrer Macht und ihrem Einfluss gefährlich werden. Sie beschlossen, ihn unschädlich zu machen, hängten ihn an ein Kreuz, wie so viele andere Aufwiegler gegen ihre Staatsmacht auch. «Jesus verkörpert eine Vision von einer anderen Welt. Er selber ist das Zeichen dafür, dass jene andere Welt möglich ist. Er selber ist der Wegweiser dorthin», sagt Godi hier in seiner Studierstube beim Kaffee. Religion als Vertrösten, als Opium des Volkes? «Von Vertrösten kann keine Rede sein. Jesus verlangt Nachfolge hier und jetzt. Er will ein persönliches, konkretes, lebensbestimmendes Engagement von dir und von mir. Marx liegt falsch in seiner Lesart des Christentums.»

Befreiungstheologen und feministische Theologinnen sprechen stets von Jesus, nie aber von Christus. Die Bezeichnung «Christus» sehen sie als einen Titel, den die ersten Christengemeinden dem geschichtlichen Jesus aus Nazareth aus Ehrerbietung gegeben haben, wie etwa die Verehrer des Filmstars Greta Garbo diese «die Göttliche» nennen. Kritische Theologen halten den Begriff «Christus» für gefährlich, weil sie ihn bereits für einen Ausdruck der beginnenden, frühchristlichen Herrschaftstheologie halten. Godi kann das nicht überzeugen. Er betont im Gegenteil immer beides: Jesus und Christus. «Ganz Mensch: Jesus. Ganz Gott: Christus. Jede Trennung wäre künstlich und falsch», sagt er.

Damit steht er uneingeschränkt hinter dem Konzil von Chalzedon aus dem Jahre 451 n. Chr. Wie aber soll das einen Menschen von heute bewegen? Warum findet Jesus, ausser in frommen Kreisen, kaum Interesse? Locher meint: «Wir sind weitgehend selber schuld. Und das kommt eben davon, weil wir die Geschichten von Jesus so verwässern, dass sie nicht mehr bitter schmecken. Weil wir seine Worte so abschwächen, dass sie nicht mehr unter die Haut gehen. Wie beim Kamel und dem Nadelöhr. Wir haben Jesus seiner Provokation beraubt. Damit tun wir das Gegenteil von dem, was er getan hat. Und damit werden wir selber zu jenen, die Jesus kritisiert hat.» Jesus wäre heute bestimmt wieder beim Tempelausräumen anzutreffen. «Da würde er auch vor den schönsten Münstern nicht Halt machen, befürchte ich. Er würde unsere Schönfärbereien verabscheuen. Seichte Predigten, die gescheit von allerlei philosophischen Einsichten reden, nur nicht vom kommenden Reich Gottes, damit könnte er vermutlich nichts anfangen.» Er, der gesagt hat: «Eure Rede sei ja, ja, nein, nein!»

«Wir haben Jesus seiner Provokation beraubt.»

«Allerdings würde Jesus auch heilen kommen, wie ein Arzt die Körper der Menschen und wie ein Psychotherapeut deren Seelen», sinniert Godi, und nüchtern meint er: «Auch ich habe den Mann aus Nazareth nötig. Jesus geht ja ausgerechnet zu den Sündern, die sind ihm am wichtigsten. Ich bin auch einer von denen.»

Nach dem Bibeltext gefragt, der ihn am meisten beeindruckt, nennt er nach nur kurzem Zögern: «Weihnachten und Ostern.» Tatsächlich verleihen die Texte von der Geburt Jesu und der übernatürlichen Auferstehung eine Bedeutung über das Hier und Jetzt hinaus. Es ist eine einzige Botschaft aus einer anderen Welt in der irdischen Biografie des Jesus von Nazareth. Da ist sie wieder, die Kraft jenes Mannes, die Locher eine Provokation nennt, jenseits aller berechnenden Vernunft.

Angenommen, Jesus hätte im heutigen Gottesdienst als Zuhörer unter der Kanzel gesessen; angenommen, er hätte sich die Predigt über das Kamel und das Nadelöhr angehört. Was hätte er wohl dem Prediger nachher beim Handschlag am Ausgang gesagt? Godi lächelt: «Jesus war ein feiner Mensch, drum hätte er wohl gesagt: ‹Danke, Herr Pfarrer!› Aber gedacht hätte er wohl: Mein Freund, du bist ein Kamel.»

2

Tigrinya, Paschtou, Kurmanci …

Asyl-Empfangszentrum

FOTO: KEYSTONE / CARLO REGUZZI, CHIASSO