Gottvertrauen und Menschenliebe - Klaus Koziol - E-Book

Gottvertrauen und Menschenliebe E-Book

Klaus Koziol

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Beschreibung

1958 als Übergangspapst gewählt, 1963 als einer der größten Päpste des 20. Jahrhunderts gestorben: Angelo Giuseppe Roncalli - Johannes XXIII. Weniger als 90 Tage nach seiner Wahl kündigte er überraschend ein Ökumenisches Konzil an und initiierte damit einen nie erwarteten Aufbruch in der katholischen Kirche. Woher nahm Johannes XXIII. den Mut und die Zuversicht? Was prägte sein Denken und Handeln, seine Spiritualität, sein tiefes Interesse an den Menschen? Im Jahr des Konzilsjubiläums zeichnet Klaus Koziol ein faszinierendes Portrait dieses Papstes, der noch heute zahllosen Menschen als "der gute Papst" in Erinnerung ist und ihnen Orientierung für ihr Leben geben kann.

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Inhalt

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Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Klaus Koziol

Gottvertrauen und Menschenliebe

Johannes XXIII.

Seine Spiritualität für heute

Patmos Verlag

INHALT

I. Es wird heiter sein: Hinführung

II. Er hat die Niedrigkeit seines Dieners angeschaut: Umgrenzungen

1. Biografische Markierungen

2. Regionales Herkommen

3. Personale Begegnungen

4. Historische Fundierung

III. Der Wille Gottes ist unser Friede: Leitlinien

1. Leben aus dem Gehorsam

2. Gelassenheit durch Gehorsam

3. Mut durch Gehorsam

4. Klugheit durch Gehorsam

5. Selbstbewusstsein durch Gehorsam

6. Freiheit durch Gehorsam

IV. Soweit möglich: Umsetzungen

1. Lebenslernprogramm: Einfachheit

2. Lebenslernprogramm: Integration des Kreuzes

3. Lebenslernprogramm: Eigene Heiligung als Weltauftrag

4. Lebenslernprogramm: Von einer Stunde zur andern

V. Gott und dem Menschen dienen: Konkretionen

1. Für eine menschendienliche Kirche

2. »Die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes«

3. Sich in Gott fallen lassen

Anmerkungen

I. Es wird heiter sein1: Hinführung

In welch einer Welt leben wir denn! Wenn wir heute den Stand der Entwicklung über alle technischen Bereiche hinweg festhalten wollten, wäre dies morgen schon veraltet. Und was für die Technik gilt, gilt in ganz ähnlicher Weise für die Formen und Bedingungen unseres Zusammenlebens. Auch hier scheint das einzig verlässlich Stetige das Unstetige zu sein. Will man diese gesamte gesellschaftliche Entwicklung charakterisieren, dann kann man wohl von »Beschleunigungsgesellschaft« sprechen. Die gesellschaftliche Entwicklung beschleunigt sich in einem Maße, dass es einem Angst und Bange werden kann. Glaubt man, in einem Bereich mithalten zu können, so darf man sicher sein, dass man in einem anderen Bereich schon längst abgehängt ist. Einen Überblick zu behalten, ist unmöglich, wenn man schon die schlichte Datenmenge sieht, die wir konsumieren müssten.

In dieser Beschleunigungsgesellschaft ist eine Überforderung des Menschen schon im Kern angelegt. Wenn sich alles so schnell verändert, haben wir das Gefühl, schlicht nicht mehr mitzukommen. Denn auch unsere bisherigen Helfer, um Überblick und Einordnung zu ermöglichen, nämlich Institutionen, wie Staat, Parteien, Vereine oder Kirchen, verlieren in dieser sich selbst vorantreibenden Beschleunigungsgesellschaft ihre Kraft und Deutungshoheit. Wir Menschen müssen das Gefühl bekommen, nicht nur den Überblick zu verlieren, sondern auch alleine gelassen zu werden, schlicht: Wir müssen da selber durch. Das ist leicht gesagt, aber schwer getan. Schauen wir uns beispielsweise die Zahl der depressiven Erkrankungen an, so kann man durchaus einen Zusammenhang von sich steigernder Unüberschaubarkeit und depressiver Reaktion erkennen. »Depressiv wird, wer Gewichte trägt, ohne zu wissen warum.«, sagt Peter Sloterdijk2. Die Angst steigt, dieser Welt nicht mehr gewachsen zu sein, und letztlich auch nicht mehr sich selbst gewachsen zu sein. Denn die Anforderungen von außen, die an mich gestellt sind, ziehen Anforderungen nach sich, die ich an mich selbst zu stellen beginne. Wenn die Welt so beschleunigt agiert, dann erwarte auch ich von mir, dass ich Schritt halte mit diesem vorgegebenen Tempo und merke aber, dass dieser Versuch zum Scheitern führt. Aber dadurch, da der öffentliche Eindruck entsteht, die rasante gesellschaftliche Entwicklung sei unhinterfragbar richtig, bleibt nur die Möglichkeit, den Grund für meine Unfähigkeit Schritt zu halten, bei mir selbst zu suchen. Und schon sind wir wieder bei einer im System angelegten Überforderung.

Das ist eine große Anfrage und ich wage zu sagen: Mit Papst Johannes XXIII. haben wir ein Angebot. Hier ist einer ganz anders und passt deshalb als Lebenstrainer genau in diese Zeit. Was meine ich damit? Johannes XXIII. war ein alltäglicher Mensch, mit den Schwächen und Ängsten, die einen Menschen unserer Zeit umtreiben. Er hofft und leidet wie jeder von uns. Genialität ist ihm fremd und doch wagt er etwas, er wagt es, sich als Christ dieser Überlebensaufgabe zu stellen, in dieser Welt leben zu können, in dieser Welt sich anzunehmen zu lernen und aktiv in dieser Welt mitgestaltend zu leben. Er nimmt sein Christ-sein ernst, ja radikal ernst, aber nicht als Asket oder heiliger Entrückter, sondern in der radikalen Alltäglichkeit. Johannes XXIII. zeichnet dies aus: Die radikale Hingabe an Gott und die Menschen. Doch er lebt nicht das Leben eines Aussteigers, der sich zum Beispiel für eine Sache aufopfert, sondern er ist ein Einsteiger, der versucht, diese Radikalität in Beruf und der alltäglichen Verantwortung zu leben. Darin kann er uns Wegweiser sein, uns in den Forderungen des Tages zu zeigen, wie wir unserer Verantwortung gerecht werden können und einen Weg in den gegebenen gesellschaftlichen Dynamiken und Überforderungen finden können – unseren Weg zu gehen und ihn gut zu gehen.

Wenn wir Johannes XXIII. mit auf unseren Weg nehmen, dann können wir mit den Grundlagen, die Johannes für uns anbietet, einen Weg finden, der Überforderung Herr zu werden, wir können lernen, mutig auf ein Ziel zuzugehen und uns einen Lebenssinn zusprechen zu lassen. Der Lebenstrainer Johannes XXIII. kann uns mithelfen, zu leben.

Aber Moment: Mit dem Wegbegleiter Johannes macht es nicht einfach klick und wir haben die Sicherheit über unser Leben erlangt. Johannes kämpft sein ganzes Leben mit sich und seinem Weg, er fühlt sich zeitlebens als schwacher Mensch, der immer wieder den eigenen Vorsätzen nicht gerecht wird, der aber immer wieder neu versucht sich aufzumachen, seinen Weg zu Gott als seinen Weg zur Menschwerdung zu gehen. Und dabei getraute sich Johannes radikal zu sein, radikal alltäglich und radikal die Schwächen des Menschen – seine Schwächen – ernst zu nehmen. Ein schwacher Mensch in den überbordenden Anforderungen des Alltags – so sah sich Johannes, und hierin gründet er seinen Weg zu Gott. Das hieß für ihn: keine Überforderungen in seinen Bemühungen, kleine Schritte, aber diese immer wieder. Sich wenig vornehmen, aber Sicherheiten einbauen, damit man diese kleinen Schritte nicht vergisst.

Und dieser um seine Schwäche wissende Johannes XXIII. wagt einen noch radikaleren Schritt: Er nimmt Gott ernst. Man stelle sich vor, da sagt einer – und zieht das auch durch: Ich mache keine Pläne für mein Leben, sondern ich lasse mich von Gott führen, da sagt einer: »Der Herr wird denen entgegenkommen, die verstehen in den Tag zu leben, immer ihre Pflicht tun, mit Ruhe, Würde und Geduld, ohne sich den Kopf heiß zu machen wegen der Dinge, die morgen oder in Zukunft geschehen können.«3

Da spricht ein radikaler Nonkonformist, der nicht in unsere Zeit zu passen scheint, der die Zeit nimmt, wie sie ist, der sich aber nicht verrückt machen lassen will von den Aufgeregtheiten oder Zwangsläufigkeiten dieser Zeit, sondern der radikal auf Gott vertraut, ganz – so möchte man sagen – wie es das Paul Gerhardt-Lied ausdrückt:

»Befiehl du deine Wege,

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt

(…)

Auf, auf, gib deinem Schmerze

Und Sorgen gute Nacht!

Laß fahren, was dein Herze

Betrübt und traurig macht.

Bist du doch nicht Regente,

Der alles führen soll:

Gott sitzt im Regimente

Und führet alles wohl.«

Und das Schöne an Johannes XXIII.: Er denkt nicht nur so und versucht – versucht! – danach zu leben, sondern er nimmt uns quasi an die Hand, teilt mit uns seine Bemühungen, Fortschritte und Rückschritte, gibt uns solchermaßen Kraft für ein neues Wagnis, ein neues Wagnis, uns auf Gott einzulassen. Denn dieser Schritt macht frei, er macht uns frei, zu unseren Sehnsüchten und unseren Ängsten zu stehen, aber auch frei, mutig unseren Weg gehen zu können und dabei die faszinierende Vielfalt des Lebens sehen zu können, schlicht: leben zu können.

II. Er hat die Niedrigkeit seines Dieners angeschaut4: Umgrenzungen

Ob es sich um einen Menschen handelt, der die geistliche Dimension wenig reflektiert, oder um einen Papst wie Johannes XXIII., der »in der Gegenwart Gottes (ging), wie gewöhnlich jemand durch die Straßen seiner Heimatstadt geht«5, – für die Spiritualität eines Menschen ist es von entscheidender Bedeutung, welche Grundkoordinaten das äußere Leben für das innere, spirituelle Leben bereithält und wie die so getragene Spiritualität wieder prägend nach außen wirken kann. Diese Dialektik zwischen Sammlung und Sendung gilt es zu reflektieren. So gesehen stimmt der Satz: »Wir sind, was wir wurden« auch und gerade für die Spiritualität eines Menschen, wobei die »Filtersysteme«, die die äußere Welt für die innere kondensieren, die Genese und Wirkmächtigkeit der je eigenen Spiritualität vorformen und somit die je unterschiedliche Einmaligkeit darstellen.

Welche Parameter stellt nun das Leben dem Angelo Giuseppe Roncalli – so der bürgerliche Name von Johannes XXIII. – zur Verfügung, damit er hieraus seine »Filtersysteme« bilden konnte, damit er hieraus seine Spiritualität hat wachsen lassen können? Ein von der Spiritualität geprägtes Leben fällt nicht als deus ex machina vom Himmel, sondern es wurde erlebt und in den Umgrenzungen des Lebens gelebt und erfahren. Unter welchen Koordinaten dann ein solch gelebtes Leben bewertet und gewichtet wird, das stellt die Vorstufe zur Spiritualität dar, eben erst die Sammlung, dann die Sendung.

Zuerst also zu den Umgrenzungen im Leben des Angelo Roncalli, die die Folie zur eigenen Bewertung und zur Konkretion seiner Spiritualität lieferten. Beginnend mit einem kurzen biografischen Aufriss sollen daran anschließend die regionalen und personalen Parameter skizziert werden, um seine historische Verankerung darzustellen, um dann letztlich die Voraussetzungen zum entscheidenden Schritt hin zur auf Gott bezogenen Dimension seiner Spiritualität leisten zu können.

1. Biografische Markierungen

Angelo Giuseppe Roncalli, am 25. November 1881 in Sotto il Monte bei Bergamo im Lombardischen geboren, stammt aus einer kinderreichen und armen Bauernfamilie. Seine Eltern Marianna und Giovanni Battista Roncalli hatten 13 Kinder, nach drei Mädchen war Angelo der erste Sohn. Das Überleben der Familie funktionierte auch deshalb, weil sie zum Zeitpunkt seiner Geburt eingebettet war in eine Großfamilie mit etwa dreißig Personen6, eine Großfamilie, die sich gegenseitig unterstützen konnte. Angelo Roncalli hat kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um auf seine Herkunft, vor allem auf seine Herkunft aus einer armen Familie hinzuweisen. In seinem Geistlichen Tagebuch schreibt er 1954, er sei »arm, aber als Kind ehrbarer und bescheidener Leute geboren«7, »die Armut hat mich von Kindheit an in ihre Arme geschlossen und sie entlässt mich auch jetzt nicht, da ich Bischof bin.«8 Dieser immer wiederholte Rekurs auf seine Herkunft aus einer einfachen und armen Familie, den er auch als Papst nur selten unterlässt, scheint für ihn gleichsam ein Spiegel gewesen zu sein, um seine Schritte des Gewordenseins beurteilen und einordnen zu können.

Der kleine Angelino wuchs nicht nur in einer armen Familie auf, sondern auch in einer Familie, die von einer selbstverständlichen Religiosität und Frömmigkeit geprägt war. »Geistlich war die Familie gekennzeichnet von einer kraftvollen Frömmigkeit, wie sie dem bäuerlichen Milieu einer Landpfarrei eigen war. Die Brennpunkte dieser Frömmigkeit waren das abendliche Rosenkranzgebet und der tägliche Besuch der Frühmesse.«9 Schon früh weiß Angelino, dass er Priester werden will, ein Wunsch, für den es als männlichen Erstgeborenen nicht unbedingt offene Ohren gegeben haben muss. Eine bäuerliche Pacht in solch kritischer Größe, damit eine große Familie gerade noch ernährt werden kann, braucht nicht nur alle Hände zur Mitarbeit, sondern es muss auch die Vorsorge und Versorgung der ganzen Sippe für das Fortbestehen des bäuerlichen Betriebes, vor allem durch den ältesten Sohn, gewährleistet werden. »Schon der Sieben- und Achtjährige scheint sich mit der Idee beschäftigt zu haben, Priester zu werden. Genaugenommen bedeutete dies, dass er wünschte, wie Don Rebuzzini (sein Dorfpfarrer, Ko.) zu sein. Angelo mag beobachtet haben, dass der Pfarrer noch mehr als sein Onkel Zaverio mit Gebeten, Büchern und religiösen Gegenständen lebte und wie niemand anders im Dorf geachtet war. (…) Auf die Frage nach dem Ursprung seines Priestertums hat er als Papst einmal erzählt – geschah es mit ein wenig augenzwinkerndem Spott? –, dass diese Gnade wahrscheinlich auf ihn gekommen sei, als er durch das Fenster beobachtete, wie ehrerbietig die Dorffrauen Don Rebuzzini begegneten.«10

Zwei Markierungen tauchen hier schon auf, die für ihn in seiner weiteren Entwicklung wichtig wurden: das Ideal eines Dorfpfarrers als Seelenhirte für die ihm Anvertrauten und die Gestalt seines ledigen Onkels Zaverio, der ihn in die traditionellen Formen der Frömmigkeit einführte.

Beide Grundmuster eines »basalen« Katholizismus flossen in die Genese seiner Spiritualität und seines Handelns mit ein.

Die schulische »Karriere« des jungen Angelo weist die nahezu üblichen Formen für einen Jungen aus einer armen bäuerlichen Familie seiner Zeit auf, der Priester werden soll. Latein bekommt er vom Gemeindepfarrer beigebracht, das bischöfliche Seminar in Celana konnte er besuchen, weil Verwandte in der Nähe ihn über die Woche aufnahmen. Doch als sich diese Verwandten nach Erbschaftsstreitereien weigerten, ihn weiter aufzunehmen und Angelo gezwungen war, den ganzen Weg zwischen Sotto il Monte und Celana täglich zurückzulegen, und er hierbei überfordert war, meldete der Vater ihn von der Schule ab, so dass vorerst nicht mehr an den Priesterberuf zu denken war. »Sehr wahrscheinlich hätten die Roncalli sich mit dem Fehlschlag abgefunden, der ihre geheimen Bedenken eher bestätigte. Don Rebuzzini aber ließ sich nicht entmutigen. Alles kam jetzt auf einen urteilsfähigen Menschen an, und als dieser erwies sich der Pfarrer. Angelo brauchte offenbar Ruhe und Zeit; sein Platz war das Seminar in Bergamo, wohin er von Anfang an gehört hätte. Vor allem benötigte er also einen Wohltäter.«11 Und dieser wurde auch in Person des Bruders des Pachtherrn der Roncallis, eines gräflichen Klerikers aus Bergamo gefunden. Bis zur Priesterweihe war sein Stipendium gesichert.

Bergamo, wo sich Roncalli nur mir kurzen Unterbrechungen bis 1920 aufhalten sollte, galt als die Priesterschmiede Italiens, brachte es doch eine große Zahl von Priestern hervor. Doch soweit war es für Roncalli noch nicht. Erst elf Jahre alt, musste er zuerst die Schule und die Vorbereitungsstudien vorantreiben, um als Vierzehnjähriger mit dem geistlichen Gewändern und der Tonsur versehen, ins Priesterseminar aufgenommen zu werden.

Diese Zeit markiert auch in anderer Hinsicht eine Zäsur, und zwar beginnt Angelo Roncalli, kaum 14 Jahre alt, mit seinen Notizen und Frömmigkeitsregeln, die die ersten Seiten seines »Geistlichen Tagebuchs«12 werden sollten, ein theologisch-religiöses Genre, das er bis in die Zeit als Papst hinein, vor allem als Exerzitienbegleitung und -reflexion, nutzen sollte. Schon als 20-jähriger gibt er seinen Aufschrieben die Bezeichnung »Tagebuch der Seele«13, ein Tagebuch, das einen wichtigen Schlüssel zur Spiritualität Johannes XXIII. darstellt. Noch im Seminar in Bergamo schreibt Angelo Roncalli im Jahre 1900: »Gott hat mich geschaffen, obgleich er mich nicht braucht, und obgleich die Ordnung des Weltalls, die ganze Welt um mich, auch ohne mich bestehen würde. Wieso also glaube ich für diese Welt so notwendig zu sein? Was bin ich denn anderes als eine Ameise, ein Sandkörnchen? Warum also mache ich mich so groß vor mir selbst? Stolz, Hochmut, Eigenliebe! Wozu bin ich auf Erden? Um Gott zu dienen! Er ist mein unumschränkter Herr, weil er mich erschaffen hat; weil er mich erhält, bin ich sein Knecht. Also muss mein Leben ganz ihm geweiht sein, seinen Willen zu erfüllen, stets und in allem.«14

Ab Januar 1901 setzt der junge Roncalli seine Studien in Rom fort, ein Stipendium ermöglicht es ihm. Bis zu seiner Priesterweihe am 10. August 1904 wird er in Rom bleiben, unterbrochen vom Militärdienst, den er als »Einjähriger« ab November 1901 abzuleisten hat. »Wie hässlich ist die Welt, wie abstoßend, wie schmutzig. Während meines Militärjahres habe ich es mit Händen greifen können. Das Militär ist eine Quelle, aus der Fäulnis aufsteigt, um die Städte zu überschwemmen. Wer vermag sich aus dieser Flut von Schmutz zu retten, wenn Gott ihm nicht hilft?«15

Was sind für den jungen Priester Roncalli die Quintessenzen seines theologischen Studiums? In seinen Tagebucheintragungen zu den Weiheexerzitien vom August 1904 zitiert er hierzu einen Satz Pius’ X., der kurz zuvor zum Papst gewählt wurde, für den Roncalli wegen seiner oberitalienischen und armen Herkunft immer eine Zuneigung verspürte, dann als Papst noch verstärkt, da Pius X. auch einer seiner Vorgänger als Patriarch von Venedig war: »Meine lieben Söhne, studiert; studiert eifrig, aber bleibt gute, sehr gute Menschen, ich bitte euch.«16 Das »Aber« war für Roncalli das Schlüsselwort, so wundert es nicht, wenn er schreibt: »Der Laienbruder Tommaso, der meine Zelle sauber macht und mich bei Tisch bedient, dieser gute Bruder regt mich zur Betrachtung an. Über das Jünglingsalter ist er schon hinaus; sein Benehmen ist höflich, die große, schlanke Gestalt verhüllt ein langer schwarzer Habit, den er nie anders als heilig bezeichnet. Immer ist er frohen Mutes und spricht nur von Gott und der göttlichen Liebe. (…) Einfach wie ein Geschöpf, das keine anziehende Ideale und kein blendendes Gepränge kennt, ist er der Diener aller, ein einfacher Laienbruder, fürs ganze Leben. Gemessen an der Tugend dieses Laienbruders bin ich wirklich ein Nichts. Ich sollte den Saum seiner Kutte küssen und auf ihn hören wie auf einen Lehrer. (…) Ach, Bruder Tommaso, wie viel vermagst du mich zu lehren.«17

Hier ist schon ein wichtiger Eckpfeiler seiner Spiritualität vorgezeichnet: die Einfachheit auch und gerade verwirklicht im Idealbild des Priesters.

Gleich nach der Priesterweihe kommt es zu einer gravierenden Veränderung: Roncalli wird Sekretär beim gerade neu geweihten Bischof Giacomo Radini-Tedeschi seiner Heimatdiözese Bergamo. Diese zehn Jahre als Sekretär bis zum frühen Tod des Bischofs im August 1914 sollen später gründlicher reflektiert werden, weil Roncalli in dieser Zeit mit diesem außergewöhnlichen Bischof prägende Eindrücke und Erfahrungen erhielt, die für sein späteres Handeln leitend waren.

Über die Zusammenarbeit mit seinem Bischof kam Roncalli auch in Kontakt mit einem Kardinal, der für ihn die Bedeutung der Kirchengeschichte und die Verankerung in der Geschichte klar werden ließ, dem er aber nur über seine Schriften begegnen konnte. Es war der Heilige Karl Borromäus (1538–1584), der als Kardinal in Mailand die Umsetzung der Beschlüsse des Trienter Konzils vehement vorantrieb. Auch diese Begegnung mit der Kirchengeschichte und mit einem Kardinal, der die Auswirkungen eines Konzils erfahren hatte und sich daran machte, die Beschlüsse umzusetzen, soll später genauer erörtert werden.

Das Jahr 1914 brachte nicht nur weltgeschichtlich große Umwälzungen, auch Roncalli bekam die Auswirkungen zu spüren, wurde er doch zum Militär, erst als Sanitätssoldat, dann als Feldkaplan eingezogen. Ein stattlicher Schnurrbart deutet darauf hin, dass es für ihn auch eine Zeit des Umbruchs war. Erschwerend kam hinzu, dass sein Bischof Radini-Tedeschi 1914 starb und er mit seinem neuen Diözesanbischof bei Weitem nicht dasselbe Vertrauensverhältnis aufbauen konnte. Dass in dieser Zeit auch Pius X. starb und Benedikt XV. Papst wurde, scheint für Roncalli nur noch stärker das Gefühl des Verlusts und die Notwendigkeit der Neuorientierung hervorgerufen zu haben. So schrieb er während der Exerzitien vom 28. April bis 3. Mai 1919 in sein Geistliches Tagebuch: »Es gab Tage, da ich nicht wusste, was der Herr von mir in der Nachkriegszeit wollte. Jetzt besteht keinerlei Grund mehr zur Unsicherheit und Ausschau nach anderen Dingen: das Apostolat für die studierende Jugend, das ist meine Hauptaufgabe, das ist mein Kreuz.«18 Roncalli wurde Leiter eines Studentenheimes in Bergamo, doch nur so lange, bis er auf Vermittlung ehemaliger Mitschüler 1921 vom Papst zum Präsidenten des Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung für Italien nach Rom berufen wurde. »Für Roncalli war das ein sehr harter Schlag: Es handelte sich darum, so vieles aufzugeben: sein Bergamo, das Erbe von Radini-Tedeschi, die Seelsorgearbeit und schließlich die historischen Forschungen, denen er sich so leidenschaftlich widmete. Zunächst fühlte er sich sehr geängstigt, aber dann entschloss er sich, dem Ruf Folge zu leisten, bestärkt auch von vielen Freunden, die vielleicht auch damit rechneten, dass sein Bleiben in Bergamo unerträglich werden könnte, da ein harmonisches Verhältnis Roncallis zum Bischof nicht auf Dauer gesichert schien.«19

Kaum hatte sich Roncalli in Rom installiert, stirbt Benedikt XV. Anfang 1922 und mit Achille Ratti wird ein Bibliothekar und Kirchengeschichtler Papst, den Roncalli aus seiner Zeit in Bergamo und über die Freundschaft seines Bischofs mit dem Mailänder Kardinal Ferrari gut kannte. Der nunmehrige Papst Pius XI. war ein großer Förderer der Mission und sehr an der Arbeit Roncallis und seiner Behörde interessiert. So konnte Roncalli 1924 in sein Tagebuch notieren: »Das Werk der Propaganda Fide ist für mich das Leben meiner Seele und meines Lebens. Ihm gehören jetzt und immer mein Verstand, mein Herz, meine Worte, meine Feder, meine Gebete, meine Mühen, die Opfer, meine Tage, meine Nächte in Rom und außerhalb. Ich wiederhole es: all das und für immer.«20 Ehrend kam für Roncalli 1924 die Aufgabe hinzu, als Professor für Patrologie an der Lateranuniversität zu unterrichten. Außerdem entsprach es sicherlich den Interessen Roncallis. Doch die Freude für sein neues Amt währte nur kurze Zeit: Im November 1924 zum Professor ernannt, bekam er von Papst Pius XI. im Februar des folgenden Jahres den Auftrag, als Apostolischer Visitator nach Bulgarien zu gehen. Die hiermit verbundene Bischofsweihe empfing er am 25. März 1925. »Ich habe nicht nach diesem neuen Amt getrachtet und es mir auch nicht gewünscht. Doch der Herr hat mich mit so offensichtlichen Zeichen seines Willens dazu auserwählt, dass jede Weigerung eine schwere Schuld bedeuten würde. Er ist also verpflichtet, meine Armseligkeit zu verhüllen und meine Unzulänglichkeit auszugleichen. (…) Die Kirche will mich zum Bischof machen und als apostolischen Visitator nach Bulgarien schicken, in einer Mission des Friedens. Vielleicht erwarten mich auf diesem meinem Wege viele Bedrängnisse. (…) Ich will für immer nun auch den Namen Joseph (Giuseppe) führen, den ich im Übrigen bereits in der Taufe erhalten habe, zu Ehren des treuen Patriarchen, der mir, nach Jesus und Maria, mein erster Patron sein soll.«21

Zu seinem Wahlspruch als Bischof wählt sich Roncalli »Oboedientia et pax« (Gehorsam und Frieden), ein Wahlspruch, von dem er sagt, dass diese Worte »in etwa meinen Werdegang und mein Leben« beinhalten.22