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Am Ufer der Salzach wird eine tote Frau gefunden. Dummerweise liegt der Fundort genau zwischen Österreich und Bayern.Inspektor Golob muss in die Ermittlungen seinen bayerischen Kollegen Oberinspektor Emmeran Vilsmayr einbeziehen. Mentalitäten prallen aufeinander. Die Zusammenarbeit gestaltet sich kompliziert. Dann wird eine weitere Frauenleiche entdeckt. Golob reist nach Wien und ermittelt auf eigene Faust. Vilsmayr von der Kripo Altötting hat seine ganz eigenen Theorien und ist genervt von den begriffsstutzigen Kollegen seiner Dienststelle.Die besten Voraussetzungen für eine bayerisch-österreichische Polizeiarbeit.
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Inhaltsverzeichnis
Grenzfälle
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Epilog
Cornelia Mohrmann lebt und arbeitet in der Nähe von Frankfurt am Main. Mit »Grenzfälle« legt sie ihren ersten Kriminalroman vor.
Vollständige e-Book Ausgabe 2021
Copyright © 2021 RICCARDI-Books
ein Imprint der Spielberg Verlagsgruppe, Neumarkt
Lektorat: Sigrid Müller
Umschlaggestaltung: © Ria Raven, www.riaraven.de
Bildmaterial: © AlexAlex - photocase
© Rudy and Peter Skitterians - pixabay
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel
›Primadonna stirb‹ im Imprint Wolfstein
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung
können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden
(e-Book) ISBN: 978-3-98551-059-7
www.spielberg-verlag.de
Geschichte und Personen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Grenzfälle
1.
Sie war nackt.
Über ihre weichen, femininen Formen spannte sich eine Haut, die seiner Einschätzung nach immer noch zart und elastisch gewesen sein musste, obwohl die Frau die Fünfzig überschritten haben durfte. Keine Narben, soweit er erkennen konnte.
Sein kritischer Blick glitt an ihrem Körper nach oben. Schöne, volle Lippen, leicht geöffnet wie zu einem sanften Seufzer, nur ein wenig blass. Ihre nassen halblangen Haare, die in einem Mahagoniton frisch gefärbt waren, klebten an ihrem Kopf.
Von ihrem restlichen Gesicht wandte er lieber rasch den Blick ab. Für seinen Geschmack hatte sie zu lange im Wasser gelegen. Es war Winter, präziser gesagt Januar, seit Jahreswende war das Thermometer ganztägig unter null Grad geblieben, allerdings ohne in extreme Minusgrade abzusacken.
Das bedeutete, dass im Moment nicht viel Getier unterwegs war, um sich seinen Teil an frischem Fleisch zu holen. Vor allem aber keine Insekten.
„Genug gesehen, Herr Golob?“, wollte Ludovika Zrenner, die an diesem Tag diensttuende Gerichtsmedizinerin und Vertragsärztin der österreichischen Kriminalpolizei, wissen. Sie hüstelte, dabei stob eine Wolke weißer Atemluft aus ihrem Gesicht. Golob nickte und stieß seine geballten Hände in seine Anoraktaschen. Er hatte in der Eile vergessen, Handschuhe mitzunehmen. Dr. Zrenner zog den Reißverschluss des schwarzen Leichensacks zu. Wieder einmal lag ein – wie immer sinnlos – ausgelöschtes Menschenleben in einer Hülle aus Polyurethan vor ihnen auf dem Boden.
Dieser Boden war hart gefroren und gehörte zum bewaldeten, östlichen Steilufer der Salzach; gegenüber, auf der deutschen Seite, lag Burghausen. Es hatte zu dämmern begonnen, wie stets an gleichmäßig bedeckten Wintertagen glanzlos und früh. Die Kollegen von der Spurensicherung hatten den Uferspazierweg bereits vor zwei Stunden weiträumig gesperrt; um diese Stunde jedoch waren keine Wanderer mehr unterwegs. Zwischen den kahlen Baumkronen spannte sich ein bleifarbener Himmel, der lediglich von Saatkrähen bevölkert war. Irgendwo hallte durch das in diesem Teil enge Salzachtal ein Geräusch, das gut und gerne ein Schuss hätte sein können.
Ivo Golob schüttelte sich, als wolle er die nasse Kälte des Flusses loswerden, und blickte dem Leichensack nach, den zwei Sanitäter auf eine Trage gepackt hatten und nun über den Uferweg davontrugen. Eine kleine Person, schoss es Golob durch den Kopf, etwa 1,60 m groß. Er grub seine unbehandschuhten Hände tiefer in die Taschen seiner Daunenjacke.
„Hatte sie etwas bei sich?“, fragte er, sobald die Routine in seinem Verstand angesprungen war wie ein Notaggregat und den Schrecken im Zaum hielt, den er immer noch – sogar nach zwanzig Jahren Tätigkeit für die Mordkommission der österreichischen Kriminalpolizei – jedes Mal verspürte, wenn er eilig an den Fundort einer Leiche gerufen wurde, deren Sterbeumstände suspekt erschienen … Dr. Zrenner winkte eine Beamtin der Spurensicherung heran. „Habt ihr irgendwas?“, wollte sie wissen.
Ivo Golob atmete hörbar ein. „Soll das heißen, Frau Doktor, dass die Leiche einfach so aufgefunden wurde: Ohne Kleidung, ohne jedwede Ausweisdokumente?“ Seine dunklen Augen hefteten sich durchdringend an die Rechtsmedizinerin. Sie hielt seinem Blick stand.
„Was dachten S’?!“, erwiderte sie unerschütterlich. „Persianermantel? Hosenanzug? Wann i Sie ruf: ‚Nackerte Wasserleichen‘?!“ Dr. Ludovika Zrenner schüttelte den Kopf. „Männer! Zuhörn können’s aafach net!“
Der Oberleutnant überhörte ihre respektlose Erwiderung.
„Nun?“, wollte Zrenner von der jungen Beamtin wissen. Mittlerweile waren mehrere 1000 Watt Scheinwerfer aufgestellt worden, um den Fundort auszuleuchten. Das Dröhnen des Stromaggregats machte die Krähen auf den Bäumen – die wahrscheinlich immer noch auf ein Häppchen zum Abendessen spekulierten – erneut nervös; ihr aufgeregtes Krächzen übertönte kurzfristig den Lärm des Dieselmotors. Die junge Polizistin hielt einen durchsichtigen Kunststoffbeutel hoch, der ein Stück Stoff enthielt. Das Textil war nass, wirkte fein, fast durchscheinend, und war einfarbig blassblau. „Das war um das linke Knie der Toten gewickelt.“
„Ist das alles?“, fragte Golob. Seine Finger begannen, klamm zu werden, er unterdrückte einen Fluch. Das hier konnte sich noch ein paar Stunden hinziehen. Die Beamtin nickte. Dr. Zrenner kramte in den Innentaschen ihres gefütterten Parkas und angelte eine zerknautschte Packung Camel Filter heraus. „Tscha“, meinte sie, „nicht gerade das geeignetste Outfit für einen Winterspaziergang an der Salzach. Mal schaun, ob sich noch was findet … mögen S’ auch an Tschick?“ Sie hielt dem Oberleutnant die Zigaretten hin.
Der schüttelte mit zusammengebissenen Lippen den Kopf.
„Danke, hab mir‘ s schon lang abgewöhnt!“
Ludovika Zrenner blickte den Sanitätern und der Trage mit dem Leichensack nach, die allmählich von Wald und Dämmerung aufgeschluckt wurden. Der Leichenwagen parkte ein ganzes Stück weiter oben auf einem Holzabfuhrweg. Nachdenklich blies sie den Rauch aus. „Stumpfe Gewalt“, meinte sie, ohne irgendwie gefragt worden zu sein. „Sie haben sie nur von vorne gesehen, Herr Golob – aber irgendwer hat mit einem schweren Gegenstand wie ein Besessener auf ihren Hinterkopf eingeschlagen. Das dürfte sie nicht lange überlebt haben. Ich schätze, das war die Todesursache. Aber das behalten S’ erst amal für sich, Herr Oberleutnant – ich muss erst noch die ganzen Feinarbeiten machen.“
Golob rieb seine eisigen Finger. „Bis wann hab ich Ihren Bericht, Frau Doktor?“ Die Gerichtsmedizinerin kniff ihre Augen – sie schienen dunkel, fast schwarz – zusammen. „Den von der Obduktion morgen Abend – is grad net so viel los; außer zwei erfrorenen Sandlern liegt nichts an. Tox und Drogen eher in zwei Tagen, die Proben müssen nach Linz.“ Sie warf ihre Kippe in den Schnee, wo sie zischend verglühte. „Dann also Servus, Herr Oberleutnant. Ich darf jetzt Feierabend machen“, setzte sie ihrem Abschiedsgruß überflüssigerweise hinzu, zog sich ihre dicke Strickmütze tiefer in die Stirn und stapfte davon, ihrer warmen Wohnung entgegen. Der Oberleutnant blickte ihr, ohne es zu wollen, hinterher. Eine nicht eben große, leicht rundliche Frau Mitte Fünfzig, die ihr Haar immer noch offen und schulterlang trug und mit Henna leuchtend rot färbte.
Vor etwa einem halben Jahr waren er und die Vertragsärztin bei einer Schulung in Linz zuerst mit einer vom Abendbuffet gemopsten, angebrochenen Flasche Zweigelt auf ihrem spartanischen Einbettzimmer des Tagungshotels gelandet, nachdem sie zuvor wie fast alle anderen Teilnehmer ordentlich vorgeglüht hatten. Als der Zweigelt geleert worden war, landeten sie schließlich miteinander im Bett.
Manchmal glaubte er, je länger ihr intimes Zusammenkommen zurücklag, dass dies womöglich gar nicht geschehen, sondern nur ein Traum gewesen war. Golob schüttelte den Kopf und ging hinunter zum Ufer der Salzach.
Gruppenoberleutnant Strauss kam ihm entgegen. „Servus, Ivo! Zu kalt zum Sterben, was?!“ – „Zu kalt für alles Mögliche …“, brummte Golob. Eigentlich mochte er den Leiter der Spurensicherung gerne leiden, es war sogar schon vorgekommen, dass sie abends miteinander auf ein bis mehrere Biere weggegangen waren.
Matthias Strauss griff wortlos in eine seiner ausgebeulten Jackentaschen und hielt Golob ein Paar Fleecehandschuhe hin. „Ich seh dir’s ja an der Nasenspitze an, dass du Eiszapfen hast statt Finger!“, meinte er grinsend. Gierig griff Golob nach dem hingehaltenen Handschuhpaar und streifte es mühsam über. Strauss‘ Grinsen wurde noch breiter: „Fix Laudon – was hast denn du für eine Handschuhgröße? Dieselbe wie der Yeti?“ Nun kam auch der Oberleutnant um ein leises Lächeln nicht herum: „Zehn – warum? Und überhaupt: Wenn ich auf Männer stehen würde, würd ich dir jetzt einen Heiratsantrag machen!“ – „Ah – geh!“
Schweigend gingen die beiden nebeneinander her hinab zum Ufer. Strauss räusperte sich. „Es gab im weiteren Umkreis um die Fundstelle keine Spuren von Menschen. Nur Trittsiegel von Wild – Reh, Fuchs.“ Er blickte zu Golob hoch. „Was das bedeutet, brauche ich dir wohl nicht zu erklären …“ Golob war einen Moment lang abgelenkt von dem wohligen Gefühl der Wärme, die langsam in seine eisigen Finger zurückströmte. Dann nickte er, zunächst mechanisch, dann rasch begreifend. „Sie wurde angeschwemmt“, stellte er fest. Nun war es an Matthias Strauss zu nicken.
„Und jetzt zeig mir bitte, wo sie gefunden wurde!“, forderte der Oberleutnant den Leiter der Spurensicherung auf. Wortlos führte Matthias Strauss ihn zu einer Uferstelle, wo der Schnee auf dem Waldboden durch zahlreiche Füße schon längst festgetreten war. Die Stelle war nichtssagend: Etwas Totholz hing hinab ins dunkle, gluckernde Wasser der Salzach. Schwacher Bewuchs mit dürren Gräsern, auf denen sich eine zarte Puderschicht Schnee abgesetzt hatte. Von den Sicherungsbeamten plattgetretenes welkes Farnkraut, das in seiner Hinfälligkeit an den ewigen Kreislauf der Natur erinnerte. Ein wenig angespülter Müll, nicht genug, um einen Umweltschützer aufzuregen.
Sie standen nebeneinander an der Böschung; mittlerweile war es völlig dunkel geworden. „Kaugummi?“, fragte Strauss den Oberleutnant und hielt ihm eine Packung Wrigleys Spearmint hin. Der lehnte erneut ab. „Nun“, meinte Strauss, „sie ist also von irgendwo her von der Salzach angeschwemmt worden … Pech für uns …“
Ivo Golob erwiderte nichts, sondern starrte auf die Silhouette der Burghausener Burganlage, die sich gegen den undifferenzierten Nachthimmel abhob, und auf das nördlich von der Stadt gelegene, hell erleuchtete Chemiewerk. Es roch nach neuem Schnee.
„Ja, Pech für uns …“, erwiderte er mit fatalistischer Tonlosigkeit. Dann starrte er hinunter auf die ausgewaschene und hart gefrorene Böschung.
„Prallhang. Gleithang …“, murmelte er.
„Bitte schön?“, fragte Strauss ein wenig ratlos.
„Die Salzach ist ein natürlich verlaufender Fluss, zumindest hier ist sie nicht begradigt. Das soll heißen, dass sie wie jeder Fluss mäandert. Das bedeutet, dass die Strömung von den Kurven, die sozusagen nach außen führen, weggeht – und damit unvermindert auf die gegenüber liegende Innenkurve trifft“, erklärte Golob.
„Aha“, meinte Strauss. „Wie’s ausschaut, stehen wir an so einer Innenkurve.“ Ivo Golob nickte. Einen winzigen Moment lang ärgerte sich, dass er die ihm vorhin von Dr. Zrenner angebotene Camel abgelehnt hatte. Denn ihm war schon längst bewusst, welche Konsequenzen diese Umstände nach sich zogen.
„Und wie’s ausschaut, werden wir die deutschen Kollegen informieren müssen. Weil man die Dame wohl auf deren Hoheitsgebiet zu Wasser gelassen hat“, stellte der Oberleutnant fest. Auf einmal waren seine Finger wieder kalt. Strauss schnaubte. „Soll ich mit Burghausen telefonieren?“, schlug er vor. Golob schüttelte den Kopf.
„Ich telefoniere mit Mühldorf“, ergab er sich in sein amtlich bestimmtes Schicksal.
2.
„Leckts mi am Arsch!!“, brummte der Erste Polizeihauptkommissar Emmeran Vilsmayr, wuchtete seinen stämmigen Körper aus dem Bürosessel und öffnete seinen Garderobenschrank. Energisch schlüpfte er in seinen Lodenmantel und stülpte sich seinen Hut auf den Kopf.
Afra Praxl, seine Sekretärin, die ihm seit mehr als dreißig Jahren den Rücken freihielt, hatte ihr gleichmütig freundliches Gesicht aufgesetzt. „I mein ja bloß, dass der Herr Polizeipräsident des Statement gern bis morgen Abend hätt, damit er’s noch gegenlesen kann, eh er in Urlaub fahrt!“, erklärte sie und schob ihrem Chef unauffällig einen dicken Aktenstapel auf den Schreibtisch.
Vilsmayr schnaubte. „Ah, gehen S’! Dann könnt mir der Herr Polizeipräsident gleich ‘s Arschlecken anschaffen bei dieser damischen saupreußischen Kuh von der Blöd-Zeitung!“
„Der Herr Polizeipräsident meint‘s eben gut …“
Seinen Mantel zuknöpfend, schnaubte Vilsmayr. „An Schmarrn meint er, der Sauschwab, der Datschiburger!“ – der Polizeipräsident stammte aus Augsburg – „I fahr jetzt rüber nach Altötting zum Tandler, mittag essen. Pfüat Eahna, Frau Praxl!“ Darauf stapfte er aus seinem Arbeitszimmer.
Seine Sekretärin schaute ihm hinterher; erst als er den Raum verlassen hatte, legte sie einen einzelnen Schriftsatz oben auf den Aktenberg. Sie kannte den Ersten Polizeihauptkommissar gut genug – vermutlich sogar besser als ihren Ehemann – um sich sicher zu sein, dass er das politisch so brisante Statement gegenüber einer gewissen überregional erscheinenden Tageszeitung mit sehr hoher Auflage bis morgen Mittag stillschweigend auf ihren Schreibtisch legen würde. Polizeipräsident Motzhardt würde es gegenlesen, wo nötig korrigieren, und damit eine unangenehme und nervöse Kuh vom Eis schieben. Aber um erst in der Lage zu sein, einen so heiklen Schriftsatz zu entwerfen, dazu bedurfte der Erste Polizeihauptkommissar eines angehobenen Blutzuckerspiegels.
Zu diesem Zweck begab er sich wie jeden Dienstagmittag von der Polizeidirektion in Mühldorf am Inn in das traditionsreiche Hotel zur Post am Kapellplatz zu Altötting. Da montags Schlachttag war, gab es dort dienstags traditionelle bayerische Gerichte mit Innereien.
Vilsmayr stapfte über die ausgeaperte Schneedecke des Kapellplatzes, ließ die Wallfahrtskapelle rechts liegen und strebte der Post auf der Stirnseite zu. Ein schneidender Nordostwind fegte über den Platz und ließ eine Gruppe von Ordensschwestern, die ihm in vor Kälte zusammengeduckter Haltung entgegenkam, aussehen wie eine Pinguinfamilie. Vilsmayr musste schmunzeln, da er sich an die Anekdoten seiner Schwestern über die Pinguine aus der Klosterschulzeit erinnert fühlte. Auch er hatte ein paar Jahre exklusiver Erziehung durch die Jesuiten genießen dürfen, musste dann aber die Oberstufe am Staatlichen Gymnasium in Altötting absolvieren. Leutselig warf er den Bräuten Jesu ein „Grüß Gott“ entgegen und tippte an seinen Hut. Er wartete sogar noch einen halben Augenblick lang auf das „Vergelt’s Gott!“, dann lenkte ihn die Vorfreude auf ein saftiges Beuscherl endgültig ins Poststüberl.
Schon beim Eintreten nahm Monika, die Saalchefin, Notiz von ihm, nickte ihm freundlich zu und winkte eine der jungen Servierkräfte diskret herbei, die dem Ersten Polizeihauptkommissar aus dem Walklodenmantel half und auch seinen Hut entgegennahm. Währenddessen hatte sich Monika bereits mit einer Speisekarte bewaffnet und wartete auf ihren Stammgast, um ihn ins Hinterzimmer des Poststüberls zu führen. Ein feines Ritual, das sich mit nur wenigen Unterbrechungen seit nunmehr zwanzig Jahren herausgebildet hatte und das ebenso verlässlich war wie die Agenda eines Hochamts. Vilsmayr ließ sich am Stammtisch an der Stirnseite des Raumes, wie stets direkt vor der Wand mit den Fotografien, nieder. „Grüaß Eahna Gott, Herr Polizeihauptkommissar! Mir ham heut a paniert’s Kalbsbries, und wenn S’ mögen a Leberknödelsuppen vorneweg“, schlug die große, kräftige Kellnerin vor.
„Passt scho! A kloans Dunkels hätt i gern dazu!“ – „Gerne.“ Monika zog sich zurück, Vilsmayr wandte sich wie jedes Mal der Fotogalerie in seinem Rücken zu. Die Wand hinter ihm war von mindestens fünfzig schlicht gerahmten Fotografien überzogen, die teils älteren, teils aktuelleren Datums waren. Manche von ihnen waren sogar signiert und gewidmet. Dass diese Zurschaustellung eine entfernte Ähnlichkeit mit den Votivtafeln im Wandelgang der Wallfahrtskapelle hatte, war möglicherweise keine Absicht. Aber ein beeindruckender Effekt.
Auf den älteren schwarz-weißen Bildern, die aus den Siebzigern und Achtzigern stammten, war noch der alte Tandler zu sehen; ab den farbigen Neunzigerjahren wurde er zunehmend von seinem Sohn abgelöst. Händeschüttelnde Männer, strahlend wie Sieger, demonstrativ Lodenanzüge – von Vilsmayrs jüngerem Sohn verächtlich „Raiffeisen-Smoking“ genannt – oder auch Tracht tragend. Die vollen Wangen ebenso glänzend wie die Augen, die hungrig in die Kamera blickten. Die Hände, die sich in den Händen von Mächtigeren, Bedeutenderen verankert hatten, ein minutenlanges Schütteln und rituelles ineinander Verkrallen zelebrierend.
Der Bürgermeister von Altötting – ein beliebtes, immer wieder gerne genommenes Opfer der Verbrüderung vor dem unbestechlichen Auge der Lokalpresse. „Es kommen, es schwinden die herrschenden Menschen im ewigen Rhythmus den Wogen des Thalatos gleichend...“ – im Schwarz-weiß der späten Siebziger, der frühen Achtziger ein kleines Männchen mit kahlem Quadratschädel, über dem vereinzelte Strähnen in akkurater Horizontalität gezogen waren. Querkämmerisches Gesamtkonzept ewiger Dynamik und damit Jugend.
Diverse Landräte, Mainstream in Nadelstreifen und stromlinienförmiger parteipolitischer Überregionalität. „Das Eigenständige bewahren. Aus der Kraft der Region schöpfen. Visionen für unser Land angehen.“
Der Ministerpräsident.
FJS – für alle Nicht-Bayern: Franz Josef Strauß – schätzte Aufnahmen in Schwarz-weiß. Edmund Stoiber bevorzugte Farbe – wohl, weil er die bei weitem blassere Persönlichkeit war. Den Beckstein, diesen protestantischen mittelfränkischen Hundling, hatte man gar nicht erst aufgehängt. Und Magic Horst, der hatte sich hier noch nicht sehen lassen … Aber die Hoffnung, die stirbt bekanntlich immer zu allerletzt …
Vilsmayr wartete geduldig auf sein kleines Dunkles. Und sah derweilen mit stolzer Andacht hinauf zu einer Schwarz-weiß-Aufnahme, auf welcher der stiernackige Ministerpräsident Strauß dem alten Tandler herzlich die Hand schüttelte. Im Hintergrund standen zwei junge Männer, eben noch erkennbar ausgeleuchtet, nebeneinander und peilten mit glühendem Stolz in die Kamera. Der junge Tandler, groß, breitschultrig, mit vollen dunklen Haaren, neben ihm sein gleichaltriger Spezl, etwas kleiner, um einiges gedrungener. Auch auf seinem Kopf sprossen damals die Haare noch üppig. Emmeran Xaver Vilsmayr. FJS hatte ihm und dem jungen Tandler, nachdem die Lokalpresse diese Aufnahme geschossen hatte, kurz und mit freundlicher Miene zugenickt, ehe sich der erfolgreichste Ministerpräsident, den der Freistaat Bayern je hatte, zusammen mit dem alten Tandler, dem Landrat und dem Bürgermeister in den Nebenraum des Bräustüberls zurückgezogen hatte …
„Ihr Bier, Herr Polizeihauptkommissar“, räusperte sich Monika diskret und stellte das Glas mit schäumender, dunkelbrauner Flüssigkeit vor ihm ab. „Prosit!“, setzte sie hinzu.
„Dank schön!“, erwiderte er, bevor er Schnauzbart und Lippen zuerst in den cremefarbenen Schaum und dann ins Bier tunkte. Das Dunkle vom Postbräu war wie immer satt gemälzt.
In diesem Moment ertönte der Bayerische Defiliermarsch.
Dies war überhaupt das allererste Mal, dass Vilsmayrs Diensthandy während der dienstäglichen Mittagspause in Tandlers Posthotel klingelte. Ungläubig starrte Vilsmayr auf das Display, nachdem er einen vorsorglichen Schluck Dunkelbier genommen hatte. Sein Büro … immerhin. Gott sei Dank nicht seine Privatnummer. Er ließ es ungläubig sechsmal klingeln, mindestens, nahm das Gespräch dann an, während die Saaloberin Monika mit dem schön angerichteten Kalbsbries mit Wellnudeln auf ihn zuhielt.
„Was gibt’s denn?“, blubberte er.
Monika setzte das appetitliche Bries mit einem ebenso appetitlichen Lächeln vor ihm ab. „Lassen S’ Eahna schmecken, Herr Vilsmayr!“, ermunterte sie ihn. Vilsmayr nickte.
„Herr Polizeihauptkommissar? Da ist Braunau in der Leitung …“ Afra Praxl machte allein akustisch den Eindruck, aufgrund dieser unerhörten Störung vor Scham in irgendeinem Boden versinken zu wollen.
Das Kalbsbries duftete. Es duftete nach Vilsmayrs Kindheit. Nach den Schlachttagen. Nach frischem Heu. Nach einem locker weiß-blau bewölkten Himmel. Nach summenden Bienen … Seine mit der Gabel bewehrte Rechte schnellte vor, spießte einen goldbraun ausgebackenen Brocken auf und führte ihn an seine sehnsüchtigen Lippen. Weich wie Butter, sämig im Inneren. Eine elende Sünde, voll von teuflischem Cholesterin. Das Bries – liegt es nicht direkt über dem Herzen …?
Vilsmayr kaute andächtig zu Ende. Braunau … Jetzt war Schluss mit lustig. „Herr Polizeihauptkommissar …?“ – „Ja??“ Ein letztes Schlucken. „Braunau – ein Oberleutnant Golob. Weiblicher Leichenfund gestern am späten Nachmittag an der Salzach – direkt gegenüber Burghausen“, setzte Frau Praxl hinzu. Vilsmayr schluckte. „Stellen ‘S den Ösi halt durch!“, seufzte er ergeben.
Die Salzach war eigentlich kein Fluss, in dem Menschen zu Tode kamen, weder freiwillig noch unfreiwillig. Den Wildwasserkanuten und ähnlichen Gestörten war sie zu zahm. Die Selbstmörder warfen sich bevorzugt auf die ICE-Trasse. Und im Suff purzelte da kaum einer hinein – zu wenige Gasthäuser in der nächsten Nähe. Vilsmayr rekapitulierte kurz; wenn er sich recht besann, lag der letzte Leichenfund an der Salzach gut und gerne zwanzig Jahre zurück – ein Jäger, den ein Herzinfarkt auf seinem Ansitz dahingerafft hatte. Er wurde neugierig, obwohl er immer noch ziemlichen Hunger hatte.
„Vilsmayr, Bayerische Kriminalpolizei!“, meldete er sich höchst offiziell.
Am anderen Ende schnaufte es leise. „Ah, grüß Gott, Ivo Golob, Kripo Braunau am Inn. Es tut mir leid, dass ich Sie beim Mittagsmahl stören muss, Herr Kollege Vilsmayr! Ich wollte Sie nur in Kürze informieren, bevor der offizielle Zirkus losgeht.“ Die sehr nahe wirkende Stimme von diesem Golob klang Vilsmayr nicht unsympathisch im Ohr, obwohl es der befürchtete wienerische Singsang war. Der letzte Braunauer Kriminaler, mit dem Vilsmayr zu tun gehabt hatte, war ein kerniger Zillertaler gewesen, fast schon ein Landsmann.
„Des is freundlich von Eahna. Wann, wer, wo?“, kam Vilsmayr sofort zum Wesentlichen. Denn gebackenes Bries kühlte immer sehr schnell aus.
„Eine Tote weiblichen Geschlechts, Identität unbekannt, Alter würde ich auf Ende vierzig schätzen, zumindest nicht mehr blutjung, aber auch noch keine Greisin. Sie ist gestern am Nachmittag am östlichen Steilufer der Salzach aufgefunden worden“, berichtete Golob. ‚Macht der aber lange Sätz‘!, dachte Vilsmayr. Aber gut – habe ich Zeit zum Essen. „Hmm“, murmelte er um ein Stückchen Bries herum. „Was Bsonders?“, wollte er pflichtgemäß wissen. Der Ösi machte eine kurze Pause. Wollte er ihn etwa beeindrucken – oder machte er auf Betroffenheit? Vilsmayr hatte von ihm die Vision, dass er lang und dürr war und höchstwahrscheinlich einen besorgten Dackelblick hatte, den er ganz unterschiedlich einsetzen konnte.
„Ja, schon. Zum einen war die Tote unbekleidet. Zum anderen ist sie dort, wo man sie gefunden hat, angeschwemmt worden,. Beim Fundort gab es nämlich keine Spuren von Menschen“, führte Golob aus, was Vilsmayr ein kurzes Schnauben entlockte. „Aha. Und wer hat’s dann gfunden? Fuchs oder Has?“
Erneut schwieg sich dieser Golob aus. Freilich klang es diesmal eher gekränkt. „Ein Forstadjunkt auf einer Kontrollfahrt durch sein Revier. Er hat sich vollkommen korrekt verhalten, als er durch sein Fernglas etwas Ungewöhnliches erblickt hat – näher als 20 Meter ist er zu Fuß nicht hingegangen.“
„Brav!“, zollte Vilsmayr Respekt. „Die Republik Österreich geht mit echtem Augenmaß bei der Auswahl ihrer Beamten zu Werk!“. Diesmal überhörte Golob die Spitze – und ging direkt zum Gegenangriff über: „Die erste Pressemeldung ist heute Morgen raus. War noch sehr neutral gehalten. Was in der Zeitung nicht erwähnt wurde, ist die Tatsache, dass die Gendarmerie des Bundeslandes Salzburg auch 5 km flussaufwärts auf österreichischer Seite am Ufer keinerlei Spuren gefunden hat. Und wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, wie die Salzach bei Burghausen verläuft, dann kann das nur eins bedeuten …“
Golob, der erneut wahrlich genug Worte gemacht hatte, um Vilsmayr den Verzehr von mindestens drei Stücken Kalbsbries zu ermöglichen, hatte nun ein leicht triumphales Vibrieren in der Stimme, das Vilsmayr den fortgesetzten Verzehr des Brieses irgendwie verleidete. „… nämlich, dass die Tote von der deutschen Seite stammen muss!“
„Leckts mi am Arsch!“
Mehr fiel Emmeran Vilsmayr nicht ein.
Und zum ersten Mal in dreißig Jahren Servicetätigkeit erschrak Saaloberin Monika von den Emotionen eines Gastes.
3.
Über der pechschwarzen Silhouette eines halb zerfallenen Gebäudes ging ein Vollmond auf, wie sie noch keinen gigantischeren erblickt hatte, hellgolden und sanft schimmernd. Die Umrisse der Krater wirkten weich, nicht in jenem harten Kontrast, wie sich sonst durch Teleskope Krater und Meere gegen Hügel und Ebenen des Erdtrabanten abzeichnen.
Sie schloss einen Moment lang die Augen. Um die volle Scheibe des Mondes in dieser Größe betrachten zu können, hätte sie durch ein astronomisches Fernrohr mit einer Vergrößerung von 1:5.000 blicken müssen. Ihr fehlte in diesem Moment die vage Liebkosung einer warmen Sommernachtsbrise. Das Zirpen von Grillen. Der Duft von Meer, Seetang, Lavendel, Wein. Sie konnte sich nicht erinnern, in den letzten zehn, nein, fünfzehn Jahren solches Verlangen nach Berührungen auf ihrer Haut verspürt zu haben. Sie schüttelte sich leicht.
Sie öffnete ihre Augen einen Spalt breit – da patrouillierten zwei Gestalten auf den Zinnen des dunklen Gebäudes, offensichtlich Krieger, denn sie konnte die Umrisse von Helmen und langen Spießen erkennen.
„Wie schön ist die Prinzessin Salome heut‘ Abend …“, wisperte es an ihrem Ohr. Warmer Atem streifte ihre Haut, die feinen Flaumhärchen richteten sich auf – sie zuckte unwillkürlich zusammen.
„Nun genieße es!“, raunte die helle Stimme erneut an ihrem Ohr.
„Und danach, danach will ich dir etwas ganz Besonderes zeigen. Etwas, das vor dir noch keiner zu sehen bekommen hat!“
Hektisches Stakkato der Holzbläser holte sie in die Realität zurück, die jedoch alles andere als schmerzhaft war. Schon lange, so schoss es ihr im selben Moment fast genießerisch durch den Sinn, hatte sie sich nicht mehr so leicht, unbeschwert und über dem Grau der letzten Jahre schwebend gefühlt wie in den vergangenen Tagen. Hedwig, eine ihrer wenigen wirklich engen Freundinnen, hatte für dieses wabernde, drückende Grau die Diagnose „Pechsträhne“ bereitgehalten und sofort wie ein guter, verantwortungsvoller Arzt ihre astrologischen Datenbanken konsultiert und ihr immer wieder Mut gemacht. Vorübergehende Oppositionen, Saturn, Jupiter, ein langer Plutotransit. Aus dem Off ertönte, nur unterlegt von wenigen Celli und Kontrabässen, die Stimme des Propheten, der einen Psalm intonierte.
Das Grau. Es war mehr, es war etwas anderes gewesen als ungünstige Planetenkonstellationen oder eine gedrückte Stimmung aufgrund hormoneller Ladehemmung. Wobei sie Letzteres für realistischer hielt. Grau war: Das Leben war ungerecht. Ungerecht zu Frauen, die sich auf der falschen Seite des 35. Lebensjahrs befanden. Aber Grau war zugleich auch nicht Schwarz. Man konnte sich darin einrichten, ja, es sich geradezu bequem machen wie mit einer extra großen Tasse Salbeitee mit Honig, wenn man eine dicke Erkältung in aller Ruhe auskurieren musste.
„Nein, ich höre nicht auf die Stimme meiner Mutter! Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan haben!“ Die tragende Stimme der Sopranistin trug den Widerhall kindlicher Auflehnung in sich. Wie ein verwöhntes, sich in der Trotzphase befindendes Mädchen, das sich vor der Supermarktkasse und – viel wichtiger! – vor großem Publikum unter Schmerzensrufen auf den Boden warf. Weil es das kleine Einhorn aus rosa Glitzerplastik nicht bekommen sollte. Oder den Kopf eines biblischen Propheten.
Sein Gesicht kam ihrem Hals wieder sehr nahe, sie spürte die sich ihr nähernde Wärme. „Das ist wirklich dekadent!“, flüsterte sie mit verlegenem Schlucken – etwas Passenderes fiel ihr in diesem Moment voll ungreifbarer Intimität nicht ein. Gleichzeitig machte sich ein unerhörter Schauer in ihr breit, die wohlige Erkenntnis des Gleichklangs ihrer Seelen. Um etwas von dieser Tragweite zu begreifen, dazu musste man einen Menschen mitnichten seit Jahren kennen. Er hieß Johannes.
„Es handelt sich um eine Partitur des ‚Rosenkavalier‘ – mit Notizen von Wilhelm Furtwängler …“, raunte Johannes‘ Stimme sanft in ihr Ohr.
Das abgeschlagene Haupt des Jochanaan war in dieser Inszenierung durch ein Gebilde ersetzt worden, das gewisse schauerliche Ähnlichkeit mit einem gebrühten Schweinskopf aufwies, und wie in der Auslage traditionsbewusster Metzger ruhte es, umgeben von Papierrüschen, auf einem Chromtablett, garniert mit stilisierten Früchten. Herodes‘ Befehl war ein gellender Schrei: „Man töte dieses Weib!“
4.
Afra Praxl klickte sich durch die Angebote eines Versandhauses für Babyartikel, als der Erste Polizeihauptkommissar Vilsmayr in sein Vorzimmer gestürmt kam. Seine Assistentin fuhr zusammen und schaffte es trotzdem irgendwie, rasch auf den Button für Minimierung zu drücken. Sie hatte Vilsmayr frühestens in einer halben Stunde zurückerwartet. Sie schoss von ihrem Drehstuhl hoch, um ihrem Dienstherren den Hut abzunehmen und aus dem Mantel zu helfen, dessen weicher Lodenstoff fein besprüht vom tauenden Schneegriesel und damit schwer war. „Sie san aber … scho früh zruck!“, konstatierte sie. Vilsmayr warf ihr einen Blick zu, der bei ihr sämtliche Körperflüssigkeiten gefrieren ließ. Ihr Gewissen stürzte ins Bodenlose ab – schließlich war das Surfen im Internet im Dienst strengstens verboten, doch dann begriff sie mit der ihr eigenen Mischung aus Chefkenntnis und mütterlicher Intuition, dass mitnichten ihr Verhalten die Ursache für Vilsmayrs Grantigkeit war. „Passt scho!“, grummelte er.
„Kaffee?“, schlug Praxl pragmatisch vor. Der Erste Polizeihauptkommissar seufzte seine Zustimmung, stellte sich an das linke Fenster, kehrte ihr den Rücken zu und steckte die Hände in seine Hosentaschen. Er schien angestrengt auf den verschneiten Hof hinauszuschauen. Seine Assistentin verließ ihn ebenso wortlos, ging in die Nische mit dem Kaffeeautomaten und kehrte mit einem Tablett zurück, auf dem sich Vilsmayrs persönlicher Kaffeehumpen, eine kleine Thermoskanne aus Chromargan, ein Milchtöpfchen, ein Süßstoffspender und zwei Raffaello befanden. Die spezielle Mischung des Ersten Polizeihauptkommissars, angezeigt bei der allergräulichsten Laune. Als sie sein Büro betrat, stand er immer noch so da, wie sie ihn verlassen hatte. Vilsmayr zog die Hände aus seinen Hosentaschen und drehte sich um. Durch die zahlreichen, im Moment noch tiefer eingegrabenen Querfalten auf seiner Stirn wirkte sein rundliches Gesicht mit den ebenso runden, ein wenig auseinanderstehenden Augen und seiner seltsam kleinen Nase so sorgenvoll wie das eines Mopses.
„Dank schön!“, murmelte er, räusperte sich dann ebenso wie seine Assistentin und hob mit sichtlich wiedergewonnener Festigkeit an: „Rufen‘S die entsprechenden Leut von der Mordkommission in einer Stunde zusammen – Krisensitzung, Bildung einer Task Force – mit Konferenzschaltung. Vorher machen’ S’ mir a Leitung nach Burghausen.“ Praxl nickte. „Die Konferenzschaltung wohi?“
„Braunau am Inn, Kripo, Oberleutnant Golob.“ – „Und soll I den Bräuning net besser glei her zitieren?“, schlug sie vor. Vilsmayr schüttelte den Kopf: „Na! Des lass I mir net nehma!“
In diesem Moment hörte er, wie das Faxgerät im Sekretariat Blatt um Blatt auszuspeien begann. Der Rest der Woche – und dies war so sicher wie ein Priester das Glöckchen bei der Wandlung läutete – würde unruhig bis ungemütlich werden.
*
Stets als Erster und stets als Letzter. So pflegte es Emmeran Vilsmayr bei Sitzungen, Meetings, Pressekonferenzen und anderen Zusammenkünften mit mehr als drei Beteiligten zu halten. Vilsmayr verabscheute es geradezu, als Letzter dazuzukommen – oder gar eilig als Letzter dazu gerufen zu werden, was leider in der Natur so mancher Dinge lag und damit unvermeidbar war. Er misstraute prinzipiell wichtigen Informationen aus dritter Hand, sogar wenn diese dritte Hand kompetent und loyal war.
Praxl, zuverlässig und fix wie immer, hatte, obwohl sie mit dem Room-Management des Polizeisystems immer noch auf leidigem Kriegsfuß stand, einen Besprechungsraum im dritten Stock belegt. Sie pinnte Faxe an die Metaplan-Wand, fuhr den Beamer hoch, bereitete die Konferenzschaltung vor und kochte ihrem Chef nebenbei noch einen Kaffee.
Der saß am Kopfende des Konferenztischs, beachtete seine Assistentin nicht weiter, sondern linste mit über dem Bauch verschränkten Armen unauffällig zur Tür. In Gedanken spekulierte er über die Reihenfolge, in der die Mitglieder der neuen Task Force höchstwahrscheinlich eintreffen würden. Zuerst wohl die Kommissarin Pichetseder vom Vermisstendezernat mitsamt ihrem Laptop. Dann der Türke vom Morddezernat I, Oberkommissar Gümüş, der so gar nicht wie ein Türke aussah und obendrein, wie er ehrlich zugeben musste, ein guter Ermittler war. Ein sehr guter sogar. Vielleicht hatte er sogar noch einen Oberwachtmeister dabei. Dann eine Weile niemand, dann die ganze Blase vom Morddezernat II, Oberkommissar Rinderknecht, Kommissar Weihwadl, Oberkommissar Aumüller. Vermutlich würde die ganze Bagage wieder nach Rauch stinken, weil sie bis eben auf der Hubschrauberlandeplattform eine halbe Stange Marlboro – möglicherweise beschlagnahmte Schmuggelware – durchgezogen hatte. Und dann, wenn sich alle unter mehr oder weniger Geräusch und Stühlescharren endlich auf ihre vier Buchstaben verfügt und beruhigt hatten, dann, wenn er, Emmeran Vilsmayr, alle begrüßt und eben mit der Darstellung des Sachverhalts begonnen hatte, dann würde die Türe auffliegen und die Bühne freigeben für die Chefin von der Sitte, die bei weiblichen Leichenfunden stets am Anfang dazu gebeten wurde: Hauptkommissarin Irmi Straubinger.
Nebenbei bemerkte Vilsmayr, dass seine Weste nicht mehr ganz so sehr spannte wie an Neujahr. Er war zufrieden, allein durch den Verzicht auf den nachmittäglichen Topfenkuchen und das zweite Abendbier seine Weihnachtspfunde wieder verloren zu haben. Noch zufriedener war er, dass er mit seiner Prognose wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hatte – außer, dass das Walross Straubinger zusammen mit der II. Mord auflief.
„Grüß Gott, die Herrschaften!“, hieß Vilsmayr die Task Force willkommen und wartete, bis die Anwesenden ausgemurmelt hatten. In diesem Moment knackste es in der Telefonspinne, gefolgt von einem lang gezogenen Hupton. Praxl räusperte sich. „I glaub, des is Braunau“, fügte sie erklärend hinzu.
Der Vilsmayr bereits vertraute Singsang des österreichischen Kollegen setzte ein: „Grüß Gott, die Herrschaften auf der bayerischen Seite – hier spricht Oberleutnant Golob von der Kripo Braunau am Inn. Bei mir hab ich die Herren Gruppenoberleutnants Strauss und Jolesch.“ Der Österreicher schwieg eine kurze und bedeutsame Weile. „Wie Sie mittlerweile wohl alle wissen dürften, geht es um den gestrigen Fund einer weiblichen Leiche am österreichischen Ufer der Salzach, eineinhalb Kilometer flussabwärts von der nördlichen Stadtgrenze von Burghausen …“
Auf dem Whiteboard wurde eine detaillierte Karte des Salzachverlaufs bei Burghausen eingeblendet. „Herr Polizeihauptkommissar, wenn S‘ Ihren Kollegen bitte den Fundort zeigen würden!“, forderte Golob seinen bayerischen Kollegen auf. Vilsmayr griff zum Laserpointer. „Der Zeitpunkt des Funds war gestern, also am 4. Jänner, um Viertel nach zwei mittags. Die Tote wurde von einem Forstbeamten während einer Inspektionsfahrt durch sein Revier entdeckt. Sie hatte sich im Ufergestrüpp verfangen und ist ganz offensichtlich angeschwemmt worden. Die Bilder der Toten und vom Fundort habe ich Ihnen bereits gefaxt.“
Die bayerischen Kollegen lauschten konzentriert. „Die Identität der Toten“, fuhr der Österreicher fort, „ist unbekannt. Geschätztes Alter laut Gerichtsmedizin zwischen 45 und 55 Jahren. Kaukasische Rasse. Todesursache höchstwahrscheinlich Ausübung von stumpfer Gewalt auf den Hinterkopf aus nächster Nähe. Über den exakten Todeszeitpunkt und darüber, ob Drogen et cetera im Spiel waren, kann noch keine definitive Aussage gemacht werden.“ ‚Er erzählt schon wieder halbe Romane!‘, dachte Vilsmayr leicht amüsiert. Golob legte eine effektvolle Pause ein. „Bis auf einen Fetzen hellblauen Stoffes, der um ihr linkes Knie verheddert war, war die Tote unbekleidet.“
Das Walross von der Sitte verdrehte ihre Augäpfel unter den resedagrün geschminkten Lidern und seufzte. Weiblich, nackt, unnatürliche Todesursache und dann auch noch nicht identifiziert – das roch zumindest am Anfang nach unangenehmer Arbeit für sie.
„Der Stand der Ermittlungen der Kriminalpolizei zu Braunau am Inn, die formal zuständig ist, ist folgender:“, fuhr Golob fort, „Der Fundort der Toten im Weilhartsforst ist von unserer Seite für normalen Verkehr nicht zugänglich. Keine Landstraße, kein Spazierweg. Hundert Meter oberhalb der Salzach führt ein Holzabfuhrweg parallel zu Wasser, welchen der Forstbeamte benutzt hat. Wir haben den Fundort gestern großräumig abgesperrt und selbstredend nicht nur mehrere Kilometer flussaufwärts, sondern auch flussabwärts nach weiteren Spuren gesucht. Leider ohne Ergebnis.“
Golob machte eine Atempause, während der es mehrmals in der Leitung knackte. „Da es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein Gewaltverbrechen handelt, ersuche ich mit Genehmigung von höherer Stelle um Amtshilfe und enge Zusammenarbeit.“ Er schnaufte theatralisch, um seinem Antrag noch mehr Gewicht zu verleihen. Währenddessen bohrte Weihwadl so diskret es ihm möglich war in der Nase und zuckte schuldbewusst zusammen, ehe er sich fast verlegen bemühte, sein Fundstück unauffällig loszuwerden. ‚Saubär!‘, dachte Vilsmayr, bevor er dem Österreicher antwortete: „Passt scho „Ham S’ gestern vielleicht scho an Hubschrauber rausgschickt?“, wollte der Erste Polizeihauptkommissar wissen. Beifälliges Gemurmel von der Mordkommission II.
Es knackte erneut. „Freilich, haben wir! Von Überackern bis rauf zur Acher Brücke und wieder zurück. Unser Fotograf hat sich erlaubt, auch vom Burghausener Ufer Videoaufnahmen anzufertigen …“ In diesem Moment flog die Türe auf, und herein walzte unter Armerudern und Schnaufen ein weiteres Walross – Kommissar Bräuning, eiligst von Burghausen her zitiert. Er ließ sich ohne irgendeine Grußformel auf einen Stuhl neben seiner Artgenossin Straubinger plumpsen und blökte ungefragt los: „War der Fotograf denn autorisiert?“
Vilsmayr warf ihm einen Blick aus schmalen Augen zu: „Grüß Eahna Gott, Herr Kommissar Bräuning! Ein normaler Mensch braucht von Burghausen nach Mühldorf fünfundzwanzig, vielleicht a scho mal dreißig Minuten. San S’ vielleicht aufs Mofa umgstiegen, I moanat wegen der guten Stunde, die zwischen unserm Telefonat und Ihrem Eintreffen verstrichen ist?“ Bräuning nuschelte etwas von „Holzlaster“, der Erste Polizeihauptkommissar winkte ab. „Und überhaupts: Ja, der Fotograf war autorisiert. Zufrieden?“ ‚Hirsch, damischer!‘, dachte er bei sich. Und wenn er es genau bedachte, dann durfte sich der Bräuning, dieser Wambo, noch gute fünfzehn Jahre seinen Hintern in Burghausen breitsitzen, bis er pensionsreif war. So einen raffte weder eine Kugel noch ein Herzinfarkt hinweg – leider. Wenigstens hat er jetzt den Anstand, rot zu werden, schloss Vilsmayr seine kritischen Gedanken über den ihm durchaus verhassten und seines Erachtens inkompetenten Burghausener Kollegen ab. Einigermaßen zufrieden nahm er einen Schluck Kaffee. Kalt. Irgendwer von der Task Force hüstelte verlegen.
„Hat er etwas entdeckt, was uns allen weiterhelfen könnte?“ Vilsmayr war immer noch die Ruhe selbst, trotz des kalt gewordenen Kaffees. „Ja, das hat er, in der Tat“, antwortete Golob. „Und das wäre?“ – „Auf der Höhe des Südendes der Chemiewerke befindet sich direkt am Salzachufer etwas, was aus der Luft wie eine wilde Mülldeponie ausschaut. Mit frischen Reifenspuren. Sehr frischen sogar. Vielleicht is des was für Sie“, schlug Golob vor. „Auf jeden Fall, Herr Kollege – und vielen Dank einstweilen!“ Vilsmayr blickte in die Runde. „Also, meine Herren, Sie ham ‘s ghört! Auf geht’s nach Burghausen!“
5.
„Servus, Herr Oberleutnant!“ Was auch immer am Morgen nach dem Leichenfund im Weithartsforst an der Salzach bei Ivo Golob für eine gewisse Verwirrung gepaart mit leichtem Unbehagen sorgte, er konnte es nicht benennen. Dr. Zrenners offenkundige und tatendurstige Aufgeräumtheit oder der ein wenig herbe Kräutergeruch, der ihrer Teetasse entströmte? Dass sie einander nach jener Nacht weiterhin siezten, gehörte zu ihrer freundlichen Distanziertheit einfach dazu.
Wie immer hatte er die erste Nacht nach einem Leichenfund schlecht geschlafen. Das jedes Mal danach einsetzende Nachgrübeln über die Vergänglichkeit des Irdischen und die Sinnlosigkeit menschlicher Gewalt ließ sich nicht so leicht abstellen; es kam Golob sogar so vor, als nähme es an Intensität und Dauer von Mal zu Mal zu. Seine Mutter hatte dazu geneigt, sein jüngerer Bruder eher weniger. Aber der hatte es insgesamt klüger angestellt und war Golfprofi geworden, verdiente ordentlich Preisgelder, steckte als Pro darüber hinaus auch noch ordentlich ein und bewegte sich jeden Tag ausgiebig an der frischen Luft. Was bekanntermaßen gesünder war für Leib und Seele, als Nachtschichten zu schieben und im Laufen fettiges Langosch oder Käsekrainer zu verdrücken. Ivo Golob war, als er Dr. Zrenners Büro im Gerichtsmedizinischen Institut betrat, unausgeschlafen und deprimiert und spürte ein Brummen unter der Kalotte, als hätte er das Wachliegen mitsamt Grübelzwang mit einer ganzen Flasche Blaufränkisch von minderer Qualität bekämpft.
Der Raum war eigentlich mehr eine Zelle, vollgestopft mit dicken Aktendeckeln, Fachzeitschriften, deren Titel jeden braven Menschen sehr rasch das Gruseln lehren konnten, und Lehrbüchern, die nicht ganz so gruselig, sondern dank Altgriechisch und Latein sogar mit gewisser Würde herumstanden und -lagen. Schön, dass Dr. Zrenners einziges Fenster nach Osten hinausging und die Morgensonne hereinließ. Das Tagesgestirn schickte seine winterlich schräg stehenden Strahlen wie ein Scheinwerfer auf eine Serie von Schwarz-weiß-Aufnahmen der gestern gefundenen Toten am Setting des Fundorts. Golob musste schlucken; seine Magengrube verkrampfte sich kurz beim unwillkürlichen Gedanken an das, was er gleich über sich ergehen lassen musste.
Gleich neben der Magnetwand mit den Leichenfotos und dem Zeitungsausschnitt mit der unvermeidlichen, weil brandneuen Pressenotiz hatte die Vertragsärztin Kinderbilder in PVC-Sichthüllen aufgehängt, die offenbar etwas älteren Datums waren. Erst die für das Kindergartenalter typischen krakeligen Kopffüßler, später Menschen mit der korrekten Anzahl von Gliedmaßen und Fingern. Der Künstler – Golob mutmaßte, dass es sich wohl um einen Knaben handeln musste, denn er hatte neben Menschen bevorzugt Vehikel abgebildet – hatte offensichtlich wie viele seiner gleichaltrigen Kollegen die Lust am bildhaften Gestalten im späteren Grundschulalter verloren. Eine einzige Zeichnung, die ausgerechnet einen Gendarmen und sein Dienstfahrzeug darstellte, war ordentlich signiert: „FON KARLI FUR MAMA“.
„Guten Morgen, Frau Doktor!“, grüßte Golob zurück. „Ich stehe zur Verfügung …“, setzte er hinzu. Dr. Zrenner stellte ihre Teetasse ab, putzte ihre Brille mit den kleinen eckigen Gläsern und griff sich den Aktendeckel, der auf dem größten Stapel obenauf lag. „Ois dann!“, signalisierte sie ihr Einverständnis. „Geh‘ ma!“
Das Techtelmechtel mit der Frau Doktor war seinerzeit nicht übel gewesen, trotz des Alkoholpegels. Trotzdem hatte es keine Fortsetzung gegeben. Ivo Golob war auf der einen Seite, was Frauen anging, recht wählerisch – und die Frau Doktor hatte von ihm ungeachtet aller Bemühungen und ihrer Freundlichkeit, die schon etwas von Altruismus hatte, das Prädikat „Leider aus der Übung“ verpasst bekommen. Darüber hinaus war er auch kein Mann für eine Beziehungskiste, die über einem zugenagelt werden konnte wie ein Sargdeckel.
Dr. Ludovika Zrenner offensichtlich auch nicht. Sie ging mit ihm gleich korrekt, freundlich und kooperativ um wie vor ihrem OneNight-Stand. Sie mied ihn nicht – aber sie unterließ weitere Versuche einer Kontaktaufnahme: Keine zuckersüßen SMS mit Kussmündern und Herzchen, keine neckisch – zweideutigen Emails. Vermutlich hatte sie an jenem Abend genauso wie er nach längerer Abstinenz das dringende Bedürfnis nach Körperkontakt gehabt – und genoss danach den Zustand des Alleinsein-Dürfens anscheinend genauso wie er.
Sie führte den Oberleutnant durch die Katakomben des Rechtsmedizinischen Instituts; er hielt die Luft an, als fürchtete er, gleich hinter der nächsten Biegung vom Pesthauch der Verwesung angeweht zu werden. Wie immer war bestens gelüftet, aber es mochte nicht schaden, dass er, wie stets bei solchen Gelegenheiten, seinen Magen leer gelassen hatte. Aus einem Nebenraum ertönte Radiogedudel. Dr. Zrenner zog im Gehen weitere Aufnahmen aus dem Aktendeckel – zu Golobs Erleichterung waren es Kopien von Röntgenaufnahmen. „Impressionsfraktur der Kalotte parietookzipital …“, hob sie an. „Bittschön – was und wo?“, fiel der Oberleutnant ihr ungewollt schroff ins Wort. „Irgendwer oder irgendwas hat der armen Frau hinterrücks den Schädel eingeschlagen. Soweit klar, Herr Golob?“, stellte Dr. Zrenner richtig. Sie wirkte kein bisschen provoziert oder gar ärgerlich. Golob biss sich auf die Lippen. „Dann“, fuhr sie fort, „ham mer no a Serienfraktur 6. bis 10. Rippen rechts, ebenfalls offen, wahrscheinlich post mortem ebenso wie der glatte Unterarmbruch links. Die hats ordentlich derbeutelt nachm Sterben. Striemen, Schürfwunden, Kratzer, Ablederungen …“ Sie blieb unvermittelt stehen, zog ihre kleine, leicht knubbelige Nase kraus wie ein witterndes Karnickel und drehte ihr Gesicht hoch zum Oberleutnant.
„Golob! Hören S’!“, platzte es aus ihr heraus. „Also war’s scho nackert, als mer’s g’wassert hat!“ Der Oberleutnant starrte die Gerichtsmedizinerin an und rang gleichzeitig um Fassung. „San S’ sicher, Frau Doktor? I mein – mir san hier im Innviertel, net im 19. Bezirk von Wien …“, wagte er einzuwenden. Gleichzeitig wusste er, wie sinnlos dieser Einwand war. Dr. Zrenner wirkte wie stets unerschütterlich bis heiter, als sie die Steckkärtchen inspizierte, die an der Front der großen, speziellen Metallschubkästen an der Rückwand des großen Sektionssaals angebracht waren. Die Deckenbeleuchtung – in Kästen mit Riffelglas verpackte Neonröhren – flackerte leicht. Ihr unerbittlicher bläulicher Ton erzeugte im Oberleutnant sattsam bekannte Resignation. „Die ihr hier tretet ein, lasset fahren alle Hoffnung…“
Dr. Zenner zog kurzentschlossen eine der überdimensionierten Metallschubladen auf. „Aber Herr Golob!“, meinte sie mit mildem Tadel. „Wir beide wissen doch, dass das Böse immer und überall ist … naa, des war die falsche Laden, des is ja aaner von de Sandler!“ Beim Schubfach gleich rechts davon hatte sie mehr Glück.
„Ois dann, Herr Oberleutnant, wann S’ die Güte hätten und kurz mit anpackten?“
Eine Stunde und geschätzte fünfzig akute Attacken von Blümeranz später wusste der Oberleutnant zwar nicht viel mehr, außer dass die Tote in den Stunden vor ihrem Ableben gegessen und getrunken und höchstwahrscheinlich keinen Sex gehabt hatte – aber er war trotzdem zufrieden. Diese Zufriedenheit verdankte er vor allem dem Vermisstendezernat in der Landeshauptstadt Linz, welches Golob gerade in dem Moment eine SMS gesendet hatte, als Frau Dr. Zrenner ihre Knochensäge anließ, um nach dem Zurückschlagen des Skalps das Schädeldach der toten Frau aufzusägen. Das schrille Geräusch genügte, dass sich die Magenwände des Oberleutnants erneut zusammenzogen.
Nicht genug damit: als er just damit beschäftigt war, die SMS zu beantworten, marschierte Veronika Nöhle-Gruber in den Sektionsraum, warf wilde Blicke aus kobaltblau umrandeten Augen um sich, fächelte sich angewidert Luft zu, bevor sie tief einatmete und um Gehör bat: „Warum haben Sie ohne mich angefangen?“ Der Staatsanwalt, in diesem wie in anderen ähnlichen Fällen durch das Lospech des Dienstplans besiegelt, hatte bei jeder forensischen Leichenschau hinzugezogen zu werden. Dr. Zrenner hob zentimeterbreit ihren konzentrierten Blick.
„Weil S‘ sich um mehr als das akademische Viertel verspätet haben, Frau Oberstaatsanwältin. Und weil der Herr Oberleutnant …“ – ihr Blick auf Golob war bedeutend weniger frostig, als er sich kurz einbildete – „… eben pünktlich war. Ois dann?!“ Die Kalotte der Toten fiel zu Boden und kullerte ein wenig herum, weil die Obduzentin doch zu abgelenkt war, um sie rechtzeitig festhalten zu können. Die leicht düpierte Oberstaatsanwältin verstummte endgültig. „Machen S’ halt weiter!“, erwiderte sie spitz und zog einen Tiegel aus ihrer Aktentasche – eine gefakte LouisVuitton – von dessen Inhalt sie sich etwas unter die Nase tupfte. Das Aroma von Menthol und Kampfer verbreitete sich um sie herum wie eine Aura von ladyliker Unantastbarkeit.
Golob, der sich wieder seinem Handy widmete, nahm die Wiederholung der Befunde, die die Gerichtsmedizinerin für die Oberstaatsanwältin pflichtschuldigst abspulte, nur fragmentarisch wahr.
„Derzeit in A keine Person vermisst gemeldet passend zum Fall BN/IN 005/14. Weitere Info erbeten. Hptm. Grauner“ – „Danke, halte Sie auf Laufendem. Oblt. Golob“, simste er zurück. Die nächste Runde würde also in Mühldorf spielen. Sein erster Fall hier in Oberösterreich, der grenzüberschreitend war. In Wien war so etwas für ihn fast das täglich Brot gewesen. Immerhin – der deutschen Polizei eilte der Ruf voraus, dass sie korrekt, schnell und vor allem effizient zusammenarbeitete. Nun, dafür standen sie eben, die Piefkes. Wenn er sich da an die rumänischen Kollegen erinnerte – oder an die aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Er schickte seine Antwort ab und nickte den Damen zu. „Bis wann darf ich mit Ihrem Bericht rechnen, Frau Doktor?“, wollte er wissen, während er sein Handy in die Innentasche seiner Jacke gleiten ließ. „Wie gsagt“, meinte Ludovika Zrenner, als sie die Hirnhaut aufschnitt und zur Seite schlug wie die Blätter eines Buches, „die Toxikologie ham ma Ende der Wochen.“ Dann trat sie einen Schritt zurück und besichtigte das – für Oberleutnant Golob aus seiner Perspektive Gott sei Dank nicht sichtbare – Denkgehäuse.
„Jö, die Arme! Hat scho ordentlich aane übern Bluzzen kriegt. A ziemlicher Gaatsch!“
Golob sah, dass er davonkam. Sollte sich sein Unbehagen, das ausschließlich auf dem Szenario, nicht auf der Agonistin Dr. Zrenner beruhte, auf die Oberstaatsanwältin Nöhle-Gruber, diese Trutschen, übertragen – er würde es billigend in Kauf nehmen. Und als Nächstes würde er mit der zuständigen höheren Charge bei der Kriminalpolizei in Mühldorf telefonieren.
*
Grauners Fax mit der Liste von in Österreich vermissten weiblichen Personen zwischen 30 und 60 Jahren war bereits eingetroffen, Golob zog sie beim Vorbeigehen in Richtung Kaffeeautomat aus dem Gerät. Beim Kaffeeholen traf er Strauss. Er mochte den jungen, durchtrainierten Kollegen und sah ihm seine flapsigen Sprüche nach, denn in diesem Alter hatte er dasselbe blemperte Zeug von sich gegeben. Strauss war fix, diskret – und konnte um die Ecke denken. Dass er jedem stramm sitzenden Rock gerne und fast mit sittlichem Ernst hinterherschaute, verstand sich von selbst. Eben machte er sich einen Verlängerten, in Insiderkreisen auch „Frauentraum“ genannt. Strauss nickte seinem Vorgesetzten zu:
„Aa aan?“ Golob bejahte zerstreut. „Erst amal die Händ waschen …“, murmelte er und verschwand in Richtung Toiletten. Zuvor drückte er Strauss die aus Linz gefaxte Liste in die Hand. „Nehmen S’ dös mit dem Kaffee mit in mein Büro. Besprechung!“, ordnete er an.
Auf der Herrentoilette kam er endlich wieder zur Besinnung, nachdem er, wie so oft, kurz seiner leichtfertig verschenkten Chance, wie sein Bruder Profisportler zu werden, nachgetrauert hatte.
Strauss hatte Nahaufnahmen der „Salzach-Leiche“ – so wurde die am Vortag aufgefundene Tote intern der Griffigkeit wegen mittlerweile bezeichnet – an der Metaplan-Wand festgesteckt und daneben mit Bildern der vermissten Frauen angefangen. Eben betrachtete der junge Gruppeninspektor eine Aufnahme und legte sie mit einem Schmunzeln beiseite. „Die hier taugt net – wird seit 3 Wochen vermisst, geschätztes Gewicht zum Zeitpunkt des Verschwindens etwa 130 Kilo. So schnell, glaub i, nimmt kaa Mensch ab“, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. „San S‘ sicher, Strauss?“ Golob blies auf seinen Kaffee. „I maan – Glauben ghört in die Kirchen …“ Mit dem Daumen zeigte er auf die aussortierte Fotografie, von der ihn ein monströses Puddinggesicht mit aller Wehmut des Verkanntseins anstarrte. Strauss schluckte, so trockene Retourkutschen hatte er von seinem Vorgesetzten bisher nur sehr selten bekommen.
„I bin mir sicher!“, beeilte er sich zu erwidern. „Na oiso! Wann S‘ aan wirklich sichern Standpunkt ham, dann müssen S’ den auch als Überzeugung deklarieren. Sonst zeigt so aane wie Oberstaatsanwältin Nöhle-Gruber Bürscherln wie Ihnen, wo man den Most holt!“, belehrte der Oberleutnant seinen jüngeren Kollegen. Strauss schüttelte sich. „Hab i eben den Namen Nöhle-Gruber hörn müssen?“ Golob nickte. „Brr, des Schrapnell!“
Der Oberleutnant schob die Vermisstenfotos auf dem Besprechungstisch hin und her und auseinander. Sein prüfender Blick tastete die Gesichter darauf ab wie ein Scanner, während seine Lippen sich unmerklich bewegten. Strauss sprach ihn währenddessen nicht an, sondern beobachtete das Mienenspiel seines Vorgesetzten. Auch wenn er unter merkwürdigen, weil von höherer Seite etwas schwammig umschriebenen Umständen von Wien, genauer gesagt vom 10. Bezirk hierher, also ausgerechnet nach Braunau am Inn, versetzt worden war – was mit einer eiligen Beförderung zum Oberleutnant verknüpft wurde – war Ivo Golob vom 10. Wiener Bezirk ein Ruf, mehr noch, ein Nimbus vorausgeeilt. Fotografisches Gedächtnis war eine Komponente gewesen. Redet kaum, dafür aber keinen Blödsinn. Ist unempfänglich für Schutzgebühren, Handsalben und ähnliche außergehaltsmäßige Zuwendungen. Schießt ungern – und lausig. Hat noch nie, aber noch gar nie einen Kollegen angeschwärzt, in Schwulitäten gebracht oder im Stich gelassen. Noch nicht einmal, wenn dieser ein Dreckskerl war und es wirklich verdient gehabt hätte.
Als Ivo Golob vorletztes Jahr in Braunau am Inn eintraf, zunächst einmal nur mit zwei großen Koffern und einer Sporttasche, hatten die unvermeidlichen Verschwörungstheoretiker bereits Folgendes via Flurfunk über ihn in Umlauf gesetzt: Er weiß zu viel über den HypoBank-Skandal. Er ist weitläufig mit Helmut Zilk verwandt. Man hatte ihn zusammen mit dem Jörg Haider 2007 beim Heurigen gesehen. Sein Vater sei ein amerikanischer Geheimdienstler … Der Mann, der da also mit sperrigem Gepäck, aber zunächst ohne Meublement aufgetaucht war, war, so hatte Matthias Strauss geschätzt, Mitte vierzig, gut einsneunzig groß und athletisch gebaut mit riesigen Händen und ebensolchen Füßen. Stark gelockte, dunkle Haare, olivfarbene Haut, eine kurze, breite Nase und volle Lippen legten einen gewissen afroamerikanischen Einschlag in seinem Erbgut nahe. Strauss hatte ihn bisher nicht danach gefragt, denn für ihn spielte das keine Rolle. Golobs Händedruck, als sie sich einander vorgestellt hatten, hatte ihn schier getötet, dabei blickten die rehbraunen Augen des neuen Kollegen eher scheu auf ihn hinunter. Matthias Strauss war nämlich um einen Kopf kleiner.
Sie hatten einander sympathisch gefunden und gespürt, dass sie gut miteinander hackeln konnten. Das Geschwätz um die Hypobank und den Haider Jörg verstummte, gleichwohl Matthias Strauss bis jetzt nicht herausgefunden hatte, welcher polizeiinterne Skandal Golob nach Oberösterreich geführt hatte – und zwar ausgerechnet nach Braunau.
„Ois dann“, meinte Oberleutnant Golob, nachdem er circa zehn Minuten lang Fotos hinund hergeschoben und optisch gescannt hatte, „gehen mer’s an mit die Deutschen! Ihre Erfahrung, bitt schön?“ Strauss trank seinen letzten Rest kalt gewordenen Kaffees mit einem entschlossenen Schluck aus. „Der Verbindungsbeamte auf der deutschen Seite ist der Erste Polizeihauptkommissar Vilsmayr in Mühldorf. Mit dem müssen S’ Kontakt aufnehmen, an dem führt kaan Weg vorbei.“
„A laafer Kerl?“, wollte Golob wissen. Strauss lächelte ein säuerliches Lächeln. „Sagen mer amal: eigenwillig. Aber tüchtig.“ Sodann gewann Strauss’ Humor wieder die Oberhand. „Aber auf keinen Fall auch nur annähernd so schlimm wie die Nöhle-Gruber. Auch wann er ausschaut wie a Mops im Kärntenkittel.“ Golob unterdrückte ein Glucksen, das er gerade noch hinter vorgeschobenem Schluckauf verstecken konnte. „Wie und wo kann ich ihn erreichen, den deutschen Mops?“ – „Über sein Diensthandy.“
In diesem Augenblick gab Strauss’ eigenes Mobiltelefon ein Geräusch von sich, das an eine alte Fahrradklingel erinnerte.
„Strauss?“, meldete er sich, dann lauschte er eine ganze Weile, ehe er sich beim Anrufer bedankte. „Wann S’ wollen, können wir die Videoaufnahmen vom gestrigen Hubschraubereinsatz über der Salzach anschaun. Da gibt’s was zu sehn, was uns und die Deutschen interessieren könnt.“
6.
Die Schilde der judäischen Palastwache hatten Salome bedeckt, um Lynchjustiz gnädig und publikumstauglich zu kaschieren. Der Applaus ebbte langsam ab, wie sich auch die Sitzreihen leerten. Scharrende Geräusche hinter dem Samtvorhang verrieten, dass das Szenario aufgeräumt wurde. Morgen würde man hier den Idomeneo geben. Sie bückte sich nach ihrer Stola aus cremefarbener Pashminawolle – er war schneller; als er sich aufrichtete, blühten zwei kleine rosarote Flecken auf seinen schmalen Wangen, seine hellblauen Augen blitzten.
„Was für ein wundervoller Abend!“, rief sie aus. „Ich danke dir von Herzen!“ Er nickte beflissen. „Aber“, fuhr sie fort, „ich möchte ihn nicht so sangund klanglos versinken lassen. Wollen wir noch auf ein Gläschen Wein ins ‚Chez Richard‘ oder in den ‚Saitensprung‘?“
In diesem an sich seligen Moment bildete sie sich kurz ein, dass Johannes zusammengezuckt war. „Ich wollte dir doch die spezielle Partitur des ‚Rosenkavalier‘ zeigen. Und eine Flasche Rosé-Champagner liegt auch schon auf Eis …“, setzte er dagegen. Spielerisch ballte sie die Quasten ihres Pashminaschals zusammen und fuhr damit über den Rücken seiner langfingrigen und schmalen Hand.
„Wer könnte einem solch einmaligen Angebot schon widerstehen?!“, gab sie sich geschlagen. Er fasste sie sanft am Ellenbogen und dirigierte sie hinaus aus dem Zuschauersaal des Salzburgischen Landestheaters, aus dem Vestibül und der zugehörigen Tiefgarage. Im Auto – eine gut funktionstüchtige und doch charmant überlebte Citroën Deesse – gab es ein unverzichtbares Upgrade: einen CD-Spieler mit AUX-Funktion und Stereo-Lautsprechern. Dafür waren die alten Kunstledersitze ausgeleiert und darum unkomfortabel. Richard Strauss’ kieksende Klarinettentöne holten sie in die Realität zurück. Die deutsch-österreichische Grenze lag mittlerweile hinter ihnen.
An diesem Abend war Vollmond. Hart glänzend stand die weiß schimmernde Scheibe hoch am Himmel, beleuchtete die schneebedeckten Gipfel des Berchtesgadener Lands so intensiv und plastisch, als würden sie sich darum bewerben als Filmkulisse fungieren zu dürfen. Es war die kälteste Nacht seit der Wintersonnenwende, klirrend klar und windstill.
Nur ein zarter Schleier, ein Halo, in dem sich bei genauerem Hinschauen sogar die Farben des Regenbogens andeuteten, schmiegte sich um das Nachtgestirn. Sie wusste, dass dies ein – wenn auch eher selten zu beobachtender – Vorbote dafür war, dass Wolken aufziehen würden.
„Was den Mond verschleiert oder umfärbt in den Rauhnächten, kündet den Tod“, hatte ihre Urgroßmutter – sie hatte sie noch gekannt – einmal erklärt. Ach, woher, der Neue Jahr war noch ganz jung, die Rauhnächte waren vergangen. Und das Halo des Mondes…
„Sieht das nicht aus wie ein Heiligenschein?“, rief sie aus, ihre Stimme kletterte vor Begeisterung höher. Zuckte er etwa wieder zusammen? Kurz wandte er sein Gesicht dem Mond in seiner opaleszierenden Gloriole zu.
„Wundert dich das, angebetete Dame? Die Himmel rühmen nicht des Göttlichen Ehre – nur die deine!“ Er warf einen ebenso kurzen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. „Ein knappes Stündchen noch bis Burghausen“, meinte Johannes. Seine Deesse blubberte bestätigend. Sie kuschelte sich in ihren Schal, in ihr Alpaka-Cape, sie kuschelte sich überhaupt und ganz in Wohlbehagen und Erwartung zugleich. Dass sie diesen Mann, diesen ganz besonderen Mann kennengelernt hatte …
„Zu schön, um wahr zu sein!“, hätte Hedwig die Entwicklung dieses Abends kommentiert. „Lass es um Himmels Willen langsam angehen!“, hatte sie ihr geraten, nein vielmehr, sie beschworen.
„Wie lange warst du ohne Mann in deinem Leben?“, hatte Hedwig noch dazugesetzt und ihre Teetasse umklammert wie eine Gebetsmühle. „Sechs Jahre“, hatte sie geantwortet. „Sechs Jahre zu lang, wenn du mich fragst, Hedel, jedenfalls zu lang, um noch ein weiteres Jahr zu zögern oder Bedenken zu tragen.“ – „Aber so schnell?! Und gleich den Erstbesten?“ Hedwig gab nicht so schnell klein bei. Da lachte sie nur: „Und wenn der Erste zufällig auch der Beste ist? Ein Musiker, nein, denk doch, sogar ein Dirigent!“ Hedwig stellte ihre Teetasse ab und blickte sie so durchdringend an, als wäre sie ein Großinquisitor: „Ich bleibe dabei: Bitte überstürze nichts!“
