Grenzverkehr - Mohrmann Cornelia - E-Book

Grenzverkehr E-Book

Mohrmann Cornelia

0,0

Beschreibung

Kommissar Ivo Golob wird endlich in seine Heimatstadt Wien zurückversetzt. Doch zuvor muss er noch einem guten Freund den letzten Wunsch erfüllen: ein gemeinsamer Besuch der Bregenzer Festspiele. Diese Aufführung wird zum Desaster. Hinter den Kulissen der Seebühne findet man die Überreste einer Leiche, die auf eine Hinrichtung durch die Mafia hindeutet. Kriminalhauptkommissar Emmeran Vilsmayr nutzt derweil seine Suspension in Altötting um den betrügerischen Verleger seiner Frau ausfindig zu machen, der wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. Zurück in Wien, wird Golob zu einem an der Autobahn abgestellten LKW gerufen. Der grausige Fund konfrontiert Golob mit einer skrupellosen Schlepperbande, deren Spur ihn ausgerechnet nach Bayern führt. Ein neuer gemeinsamer Fall für die nicht immer freiwillig zusammenarbeitenden deutsch-österreichischen Kommissare Vilsmayr und Golob. Cornelia Mohrmanns zweiter Band der spannenden und humorvollen Lokalkrimireihe schreckt auch vor politisch brisanten Themen nicht zurück und begeistert erneut mit dem österreichisch-bayerischen Ermittlerduo.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

GRENZVERKEHR 

Danksagung 

 

 

 

 

Vollstandige e-Book-Auflage 2024 

 

Originalausgabe: GRENZVERKEHR 

© 2024 RICCARDI-Books 

ein Imprint der Spielberg Verlagsgruppe, Neumarkt 

Lektorat: Sophia Andermahr 

Umschlaggestaltung: © Ria Raven, www.riaraven.de 

Bildmaterial: © shutterstock.com 

Alle Rechte vorbehalten. 

Vervielfaltigung, Speicherung oder Úbertragung konnen zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. 

 

ISBN: 978-3-95452-131-9 

 

www.spielberg-verlag.de 

 

 

 

Cornelia Mohrmann lebt und arbeitet in der Nahe von Frankfurt am Main. Nach ihrem Debut »GRENZFALLE«, legt sie mit »GRENZVERKEHR« ihren zweiten Kriminalroman vor.

 

 

 

 

 

»Für Franziska Franke, die mir geduldig gezeigt hat, dass sich der Meister vor allem in der Beschränkung zeigt«

Geschichte und Personen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.

GRENZVERKEHR 

Wann hatte er, Emmeran Xaver Vilsmayr, Erster Kriminalhauptkommissar bei der Kripo zu Mühldorf am Inn, zuletzt einen so prächtigen Frühsommertag erlebt wie heute? Unwillkürlich dachte er beim Anblick des azurnen Junihimmels, über den hübsche kleine weiße Wölkchen in Schäfchenform in sanftem Gleichschritt segelten, an seine Großmutter Emmerentia, Witwe des größten und darum wohlhabendsten Metzgermeisters zu Altötting. Diese war im Jahr seiner Erstkommunion an einem ebenso schönen Tag zu Grabe getragen worden. Er kannte die „Ahne Emmerenz“, die als Ehefrau eines angesehenen Stadtmetzgers nie hatte darben und knausern müssen, auch nicht während zweier Kriege und einer Inflation, immer nur mit straff aufgebundener grauer Knotenfrisur und schlichter hochgeschlossener Kleidung aus stumpfem schwarzem Stoff, sommers wie winters.

Emmeran Vilsmayr schlenderte über den Kapellplatz zu Altötting, seiner Heimatstadt. Sein nächster offizieller Termin würde erst in zweieinhalb Stunden stattfinden. Außerdem war die halbe Abteilung außer Haus - Fortbildung zum Thema „Diskriminierung und Polizeigewalt“. Ein Schmarrn... aber insofern gut für ihn, als dass er heute eventuell noch ein Mittagsschläfchen im Untersuchungsraum der Betriebsärztin würde einschieben können. Da stand eine wirklich bequeme, breite und gut gepolsterte Untersuchungsliege und dienstags übte die Frau Doktor ihre ärztliche Tätigkeit in Wasserburg aus. Kein Publikumsverkehr, kein Telefongeklingel. Nur er auf der Liege...

Er nahm Platz an seinem angestammten kleinen Tisch im Poststüberl, die Saalchefin Monika kam sofort mit dem Zettel, auf dem die Tagesempfehlungen ausgedruckt waren, und, weil es ziemlich warm war, einer Flasche Wasser zu ihm herüber.

„Grüß Gott, Herr Vilsmayr. Wie gehts?“

„Dank schön, sehr gut. Und Ihnen, Monika?“ Die Saaloberin strahlte über ihr ganzes Gesicht. „Bin vor drei Tagen Großmutter geworden! Fritzi heißt’s.“ Sie wedelte mit ihrer Serviette imaginäre Brosamen von der Tischdecke.

„Ja, da schau her! Ich gratuliere recht herzlich! Schön, dass die Buben wieder auf die alten Namen getauft werden!“, freute sich Vilsmayr mit ihr.

Monika öffnete die Wasserflasche und schenkte das Glas halb voll. „Net Fritz. Fritzi. A Dirndl.“ Vilsmayr zuckte die Achseln. „Dann wird eben des Nächste ein Bub. Hauptsache gesund“, kommentierte er jovial.

Monika warf ihm einen Blick zu, wie er ihn von dieser freundlichen und bodenständigen Frau noch nie zugeworfen bekommen hatte. „Wenn’s meinen, Herr Erster Kriminalhauptkommissar. Natürlich - Hauptsache gesund, und sonst sollten wir im 3. Jahrtausend angekommen sein...“ Doch ehe Vilsmayr überhaupt eine Erwiderung auf etwas machen konnte, was seiner Meinung nach beinahe eine ausgeschamte Frechheit war, besann sich die Saaloberin eines Besseren, nämlich auf ihre Professionalität. „Als Beilage heut zum letzten Mal in dieser Saison Spargel, Herr Vilsmayr. Wenn Sie den mögen, empfehle ich dazu ein Schweinerückensteak.“

Bildete sich Vilsmayr das nur ein, oder glitten ihre Blicke für Sekundenbruchteile an seiner gewölbten Vorderseite hinab? „Ganz mager, Herr Vilsmayr.“ Also doch... und er begann sich leicht zu grämen. Hätte er in diesem Moment gewusst, was in der nächsten halben Stunde auf ihn zugerollt kommen würde, er hätte dieses Geplänkel genossen und seine manchmal durchaus charmante Schlagfertigkeit die Oberhand gewinnen lassen.

Da aber ein zu Dreiviertel volles Wasserglas nicht einmal ansatzweise so etwas wie eine Kristallkugel für Weissagungen war, blieb Vilsmayr aus Prinzip leicht eingeschnappt - und gab zurück: „Na. Kein Gemüse oder trockenes Zeug!“

Monika blieb unerschütterlich. „Kalbsnierenbraten hätten wir auch. Wäre der genehm? Mit Knödeln und abgebräunter Soße? Eventuell ein kleiner Häuptelsalat?“ Vilsmayr nickte gnädig. Den Salat ließ er durchgehen, denn geschult durch lange Jahre des Verheiratetseins erkannte er ziemlich genau den Punkt, ab dem mit einer reifen Weibsperson alles verscherzt war. „Bringen Sie mir noch bitte vorneweg ein Helles.“, reagierte er gerade noch geistesgegenwärtig.

Die Kellnerin hatte schon längst wieder auf professionellen Gleichmut umgeschaltet. „Ein kleines? Oder eine Halbe?“ Vilsmayr überlegte kurz, unter Einbeziehung der aktuellen Fakten. „Na. A Maß.“ Wann, überlegte er kurz, hatte er zuletzt tagsüber UND unter der Woche eine Maß Bier getrunken?

Das Bier stand fünf Minuten später vor ihm. Eine junge Servicekraft, eine brünette junge Frau mit aufgesteckten kunstvollen Zöpfen, hatte den Literkrug vorsichtig vor ihn auf den Tisch gestellt. Wie es den Anschein hatte, war es für sie eine gewisse körperliche Strapaze gewesen. Hübsch sah sie aus in dem einheitlichen Trachtenkleid mit der altrosa Schürze. Bloß schade, dass ihre Unterarme mit irgendwelchen Tätowierungen verhunzt waren. Der alte Tandler, dachte Emmeran Vilsmayr wehmütig und nahm einen kräftigen ersten Schluck, hätte so etwas bei seinem Personal unter keinen Umständen geduldet. Aber, und wer konnte es schon mit Bestimmtheit wissen, vielleicht waren solche illustrierten Biermadln auf der Wiesn seit kurzem der letzte Schrei? Auf alle Fälle war das Bier wirklich frisch gezapft und herrlich kühl. Und ... war heute nicht ein schöner Tag?

Keine zehn Minuten später brachte Monika den Kalbsnierenbraten, dessen zwei ausgesucht schöne große Scheiben von der leichten bräunlichen Soße glänzten, flankiert von den beiden symmetrisch drapierten Knödeln ... fast schon ein erotisches Tableau. Der Kopfsalat, der auf seinem wirklich kleinen Tellerchen daneben grün vor Neid hinmickerte, störte dieses sinnliche Szenario kein bisschen. Dazu noch der Duft, der Vilsmayr leise in der Nase kitzelte...

Eine Bratenscheibe, einen Knödel und die Hälfte der Biermaß später blickte er auf seine Uhr - und stellte erstaunt fest, dass erst eine gute halbe Stunde vergangen war. Er wollte sich gerade ein weiteres Stück vom Braten einverleiben, als er aus den Augenwinkeln gewahrte, dass sich eine hochgewachsene Gestalt mit schnellen Schritten auf ihn zubewegte, ohne zu fragen den zweiten Stuhl am Tisch fortzog und ihm gegenüber Platz nahm. Als ob dies nicht schon eine sakrische Unverfrorenheit dargestellt hätte, legte dieser dreiste Eindringling statt eines Grußes auch noch einen schmalen Aktendeckel neben seinen Maßkrug.

Vilsmayr hob endlich seinen Blick, doch bevor er lospoltern wollte, erkannte er, dass es sich um den Polizeipräsidenten handelte. Wolfgang Motzhardt. Ein Augsburger, und darum gewiss nicht sein Freund. Er schluckte den Bratenbissen nur halb zerkaut hinunter, traute sich aber nicht, mit Bier nachzuspülen.

Denn der Blick, den Motzhardt in diesem Augenblick aus zusammengekniffenen Augen auf das große - und leider schon halbleere - Bierseidel warf, war alles andere als wohlwollend. „Grüß Gott, Herr Motzhardt!“, nuschelte Vilsmayr.

„Grüß Gott, Herr Vilsmayr. Sieht nach einer ausgiebigen Mittagspause aus, wie?“

„Immer nur dienstags, Herr Polizeipräsident! Sind Sie vielleicht auch hungrig, nach der langen Anfahrt aus München?...“, startete Emmeran Vilsmayr einen schwächlichen Beschwichtigungsversuch.

„Danke, nein.“, erwiderte Motzhardt schmallippig und legte die Fingerspitzen seiner linken Hand auf den Aktendeckel, der in einem blassen Orange gehalten war. „Was zu trinken?“, kartete Vilsmyar nach. Aber das klang schon weitaus kleinlauter. Denn auf dem Aktendeckel stand der Vermerk „Vertraulich“ und in dessen Mitte, wo er nun alle Blicke auf sich ziehen musste, der Name „Scheidegger“. Vilsmayrs Herz war da schon längst an seinem Hosenboden angekommen. Er räusperte sich hilflos.

Der Scheidegger Toni. Jesusmaria, was war er, der gerade einmal zwanzigjährige Polizeischüler Emmeran Vilsmayr, froh - ach was, überglücklich gewesen, als nach drei Monaten der endlosen Demütigung endlich einer in seine Klasse kam, der ebenso klein und schmächtig war wie er. Der Scheidegger Toni, den man wegen seiner Trichterbrust bei der Bundeswehr nicht genommen hatte, der aber - dank elterlicher Beziehungen, wie man damals munkelte - vom Polizeiarzt als unbedingt diensttauglich angesehen worden war.

Der Scheidegger Toni und der Vilsmayr Emmeran hatten einander gesucht und gefunden. Einer war des anderen Schutz und Bollwerk. Wenn nur der Toni nicht alleweil so ein loses Maul gehabt und sich immer wieder um Kopf und Kragen geredet hätte. Wie ein kleiner Kläffer von Hund, der sich einbildet, mit Dobermännern und Rottweilern mithalten zu können.

„Was haben Sie sich bei dieser Aussage gedacht, Vilsmayr?“, fragte Motzhardt mit gesenkter Stimme und bohrendem Blick. „Bei dieser UNAUFGEFORDERTEN Aussage?“

Vilsmayr blickte den übrigen Knödel an, als könnte dieser als Souffleuse fungieren. „Der Herr Scheidegger ist ein integrer Kollege, Herr Polizeipräsident. Kein unsauberer Umgang. Keine Gewaltanwendung, wo nicht nötig. Ist nicht bestechlich...“, murmelte er und schickte Motzhardt einen waidwunden Blick hinüber.

Der rollte mit den Augen. „Ja, ja, steht alles in seiner Personalakte. Es ist nur so, Herr Vilsmayr, und das müssen auch Beamte Ihrer Generation kapieren, und zwar ganz schnell und vollständig... es ist nur so, dass sich die Zeiten geändert haben und ein ganz anderer Wind weht... und das, was sich ihr Busenfreund Scheidegger da erlaubt hat, geht eben nicht mehr als Stammtischwitz durch...“

„Sondern?...“, wandte Vilsmayr ein. „Sondern als rassistische und frauenfeindliche Äußerung im Dienst gegenüber einer Schutzbefohlenen. Vor mehreren Zeugen.“, belehrte ihn der Polizeipräsident. „Ein gefundenes Fressen für die Presse und sämtliche legalen oder illegalen Medien, die ohnehin die Ansicht vertreten, die deutsche Polizei sei flächendeckend von rechtspolitischem Gedankengut unterwandert!“

„Der Toni hat das nicht so gemeint.“, bekräftigte Vilsmayr. Aus den Augenwinkeln erkannte er, dass die Schaumkrone auf seinem Restbier mittlerweile verschwunden war.

Scheidegger hatte eine Handvoll Polizeirekruten zum Reaktionstraining abgeholt. Unter den Schülern befand sich eine junge Frau, dunkelhäutig, wahrscheinlich afrikanischer Herkunft. Ein fesches Dirndl. Der Toni hatte ihr zugenickt und gemeint, dass sie beim Nachttraining ihren weiblichen Nachteil („Ihr Madln seids ja leider fast alle nachtblind“) durch die Tatsache, dank ihrer ‘schwarzen Haut bei Dunkelheit perfekt getarnt’ zu sein, fast wieder wettmachen würde. Die Rekrutin hatte böse dreingeschaut - und weiter nichts gesagt. Den Toni anschwärzen und hintenrum verpetzen, das hatte sie sich später dann aber doch getraut. Der war aus allen Wolken gefallen - und direkt auf ihn zugegangen.

„Die wollen mich wegen Rassismus am Arsch kriegen! Emmeran - bin ich ein Rassist?“, wehklagte er. „Ganz gewiss nicht, Toni. Was für ein ausgeschamtes Weibsstück! Die nehmen heute bei der Polizei jeden, der daherläuft - und so danken die es unsereinem.“

Emmeran Vilsmayr erschien am folgenden Tag spontan und ohne Vorladung bei der Dienstaufsicht und gab in der anhängigen Angelegenheit die Zeugenaussage zu Protokoll, dass der Polizeihauptkommissar erstens das N-Wort nicht benutzt hatte und dass es zweitens wissenschaftlich erwiesen sei, dass über 70 Prozent der Frauen bei Dunkelheit Probleme mit ihrem Sehvermögen hatten. Also die Mehrheit.

 

~~ 

 

„Das war jetzt die vorletzte.“, verkündete Ivo Golob und versuchte, sich an Vicky vorbei auf die Terrasse seiner Wohnung in der Mondseer Straße in Braunau zu schleichen. Die Gerichtsärztin erwischte ihn am Bündchen seines ausgeleierten Vereins-Sweatshirts. „Wo willst hin?“, wollte sie beiläufig wissen.

Golob murmelte etwas von „Frischer Luft“ und machte Befreiungsversuche, die Ludovika Zrenner verdächtig energisch vorkamen, zusätzlich zu der Tatsache, dass sich eben das mächtigste Gewitter in diesem Jahr über dem Innviertel ergoss. Sie schüttelte nur den Kopf. „Auch wenn du dich beim Rauchen maximal beeilst und für den Tschick statt sieben nur vier Minuten brauchst - du wirst trotzdem nass bis auf die Unterhosen!“, versuchte sie, Golob von seinem unheiligen Vorhaben abzubringen.

Natürlich wurmte es ihn zum wiederholten Mal, dass er diese Wette gewonnen hatte. Gewonnen, ha! So ein typisches Gezocke zum Jahreswechsel nach dem Schema: „Wenn X eintritt, dann gelobe ich Y...“ Plempert und hirnrissig, und es gab noch nicht einmal eine sogenannte win-win-Situation: „Wenn ich VOR meinem Geburtstag die Rückversetzung nach Wien bekomme, dann höre ich mit dem Rauchen auf!“

Seine Freundin hatte Recht - das Mistzeug war nicht nur eine Droge, es war eine regelrechte Guillotine für die wichtigsten Organsysteme. Er erinnerte sich sogar einen Moment an den rasselnden Husten seines Hausherrn, damals, als er ein fünfjähriger Bub gewesen war und bei seiner Mutter im fünften Stock einer Mietskaserne in Favoriten gelebt hatte, bis er volljährig war und gemustert wurde. Damals, als achtzehnjähriger Bursche und aktiver Handballer, rannte er die sechs Stockwerke hinauf, gleich zwei Stufen auf einmal nehmend und geriet so gut wie gar nicht außer Atem. Jetzt keuchte er ab der dritten Etage... Sie hatte Recht, und das zuzugeben UND umzusetzen, das stak wie ein gigantischer Stachel im Fleisch seines männlichen Selbstverständnisses.

Das Gewitter machte Anstalten, in Richtung Mondsee weiter zu ziehen. Dort würde es sich an den Bergen verfangen und elementar austoben. Womit seine Chancen sehr gut standen, nicht bis auf die Unterwäsche durchnässt zu werden. Verstohlen tastete er nach dem zerknautschten Päckchen in seiner Gesäßtasche.

In diesem Moment klingelte es an der Wohnungstüre. „Ich geh schon!“, rief Vicky pflichteifrigst aus, froh darüber, aus der lästigen Hocke zu kommen. Jetzt oder nie! Golob machte einen fröhlich entschlossenen Satz auf die Terrassentüre zu, deren Scheibe von abertausenden Regentropfen übersät war.

„Ivo, ist für dich! Ein Einschreiben. Du musst quittieren.“, rief ihm Vicky nach.

Mist!

Vor der Türe stand ein dunkles triefendes Individuum, das so nass und vermummt war, dass Golob nicht erkennen konnte, ob es sich um Weiblein oder Männlein handelte. Das Triefende streckte ihm ein Lesegerät mit einem Stick entgegen. „Bitte da unten rechts unterschreiben, Herr Oberleutnant!“. Jetzt erkannte er an der Stimme Frau Zaggerl, die Zustellerin. „Grüß Gott, Frau Zaggerl! Warum haben Sie bei diesem Wetter nicht einfach abgewartet, bis Sie das Einschreiben…“ - er drehte das erstaunlich wenig durchnässte Kuvert im Standardformat kurz um, um nach dem Absender zu sehen. Das Schreiben stammte aus Wien, doch die Tinte war so verlaufen, dass er weder einen Familien- noch einen Straßennamen erkennen konnte -, “bis Sie das Einschreiben ausgeliefert haben?“

Frau Zaggerl brummte, was wohl so etwas wie einen Widerspruch bedeutete. „Ich muss Einschreiben bis 16 Uhr aushändigen. Und jetzt ist zehn vor vier.“

Vicky mischte sich ein: „Ihr letzter dienstlicher Gang heute, Frau Zaggerl?“ Die Triefende nickte, Vicky fuhr fort: „Mögen Sie vielleicht einen heißen Tee?“

„Bitte keine Umstände!“, rief Frau Zaggerl aus, aber Vicky war schon im Inneren der Wohnung verschwunden. Derweil versuchte Golob, mit seinen großen und dicken Fingern den Umschlag zu öffnen, was ihm nach etlichen Anläufen auch gelang. Er fischte etwas heraus, das wie ein Billett aussah. Dahinter steckte eine Postkarte älteren Datums mit einer Aufnahme des Klosters Melk. Die Rückseite war dicht und klein beschrieben, die Handschrift schlecht leserlich und ihm nicht vertraut.

Vicky erschien mit einer großen Henkeltasse, aus der es gemütlich dampfte. „Bitte schön und wohl bekomms.“ Dankbar nahm die Zustellerin den Becher entgegen und nahm einen genüsslichen Zug. Vermutlich hätte sie in diesem Moment auch einen Aufguss aus Brennnesseln oder Tomatenkraut dankbar entgegengenommen.

Golob inspizierte das längliche Billet, das leicht glänzte und auf gutes, stabiles Papier gedruckt war. Er hatte Recht behalten - eine Eintrittskarte für eine Vorstellung des Rigoletto bei den Bregenzer Festspielen in zehn Tagen... Oper, Herrjeh! Hatte Vicky das etwa bestellt? Er versuchte, die Postkarte zu entziffern.

Frau Zaggerl hatte sich den Tee zügig einverleibt und gab Vicky dankbar die Tasse zurück. Erst dann spähte sie an Dr. Zrenner und Ivo Golob vorbei durch die Diele in das kahle Wohnzimmer. „Ziehen Sie etwa aus, Herr Oberleutnant?“ „Ja, Frau Zaggerl, man hat mich nach Wien zurückbeordert.“, erteilte er Auskunft.

„Ach, wie schade. Aber ... na ja, was ist Braunau schon im Vergleich zu Wien.“ Sie schniefte leise; ob wegen der rasch abgestürzten Temperaturen oder vor Wehmut, darüber ließ sie Golob und Dr. Zrenner im Unklaren. „Ich werde Braunau in bleibender Erinnerung bewahren.“, machte der Oberleutnant einen halbherzigen Tröstungsversuch.

„Na dann! Behüt’ Sie Gott!“ Frau Zaggerl deutete ein Winken an und troff den Hausflur zurück zur Eingangstüre. In diesem Moment bellte Petzi, die Rattlerhündin des Vermieters im Obergeschoss, los. Dr. Zrenner schloss rasch die Wohnungstüre, damit das schneidende Gekläff, das gelegentlich kurz von irritiertem Aufjaulen unterbrochen wurde, etwas gedämpft wurde. Das mochte jetzt gut und gerne eine halbe Stunde so anhalten.

 

Vicky grinste: „Das gehört wohl zu den Sachen, die du an Braunau gewiss nicht vermissen wirst.“

Er grinste zurück: „Wohl wahr. Wobei das Viecherl alt wird - vor einem halben Jahr hat’s schon losgebellt, wenn jemand geläutet hat. Jetzt kläfft sie erst, wenn der Besucher geht...“ Er zog Dr. Zrenner an sich und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. Das tat er gerne, denn die Pathologin war um einiges kleiner als er. Sie erduldete es mit einem kurzen Brummen.

Nachdem dies geschehen war, wandte sich Golob wieder dem mysteriösen Einschreiben zu. Wie er die Postkarte auch drehte und wendete, vor die Augen oder weit vor sein Gesicht hielt, es gelang ihm nicht, das Geschriebene zu entziffern.

„Du brauchst möglicherweise eine Lesebrille, Ivo!“, konstatierte Dr. Zrenner. „Dann lies halt du!“, gab er leicht gekränkt zurück

Dr. Zrenner nahm ihm die Postkarte aus der Hand, schüttelte kurz den Kopf und murmelte etwas von „Kindergartentante“ ehe sie sich um die Entzifferung des Textes bemühte. Nach nur wenigen Augenblicken ließ sie die Karte abrupt sinken und schaute Golob mit einem so seltsamen Ausdruck an, dass er kurz das Gefühl hatte, sein Herzschlag würde aussetzen.

Für ein paar Sekundenbruchteile, die sich zu dehnen schienen wie das Warten auf einen verspäteten Regionalzug, geschah nichts.

Dann sprach Vicky die Worte: „Es ist von Piroska.“ Sie hielt sich die Hand vor den Mund. „Und, Herrgottnocheins, jetzt setz dir halt meine Brille auf und lies selber!“

Ivo Golob widersprach nicht, noch nicht einmal in Gedanken. Draußen hatte sich das Gewitter zügig entfernt und durch die immer noch offenstehende Terrassentüre wehte ein Hauch, der fast unangenehm kühl war.

Piroska. Natürlich. Die meist abwesende, ansonsten schweigsame Frau seines Freundes und Mentors Sandor Fekete. Pensionist, ehedem Generalmajor der Österreichischen Bundeskriminalpolizei, mit dessen Hilfe er einen in Österreich und Deutschland agierenden geisteskranken Massenmörder hatte überführen können. Der sich, nachdem sich der Seegang gelegt hatte, für eine rasche Rehabilitation seines Schützlings eingesetzt - und vor allem für eine diskrete Rückbeorderung nach Wien gesorgt hatte. Beförderung nach Antritt seiner neuen Stelle. Der sein Pensionistendasein genoss wie keiner, was nicht nur das Herauf- und Herunterkochen umfangreicher Rezeptbücher bedeutete. Das letzte Vierteljahr hatte sich Fekete freilich rar gemacht. Er wolle zur Kur nach Héviz, schließlich würde auch er alt...

Nun konfrontierte ihn seine Frau Piroska mit einer anderen Wahrheit. Sozusagen mit der wahren Wahrheit. Sie schrieb, man hätte bei ihrem Mann vor einem halben Jahr Bauspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Eine Operation hatte er abgelehnt, wegen seiner Leibesfülle. Die Chemotherapie vor einem Quartal hätte ihm hart zugesetzt, der Tumor sei weitergewachsen. Man hätte ihm notfallmäßig einen Stent... Morphinpflaster ... Das medizinische Bulletin verstand er nicht und lehnte es ab, sich dafür interessieren zu müssen. Er hatte es bereits in der vierten oder fünften eng beschriebenen Zeile erfasst, dass ihm etwas Erschütterndes mitgeteilt werden sollte. Piroskas Schrift hatte, wenn man es denn so bezeichnen konnte, immer wieder gestockt, den Fluss verloren. Ihre Nachricht war ihr alles andere als leicht von der Feder gegangen. Sein Freund und Mentor Sandor würde nicht mehr allzu lange am Leben sein.

Golob übersprang Schmerzmittelpumpen und Palliativdienst... Denn der Kern, der ihn und nur ihn anging, zu dem kam Piroska zum Schluss. Es sei Sandors innigster Wunsch, dass ihn Ivo Golob zu dieser Vorstellung auf der Bregenzer Seebühne begleiten möge. „A kis barátóm....“, murmelte er.

Dr. Zrenner blickte ihn von unten mit der antrainierten Gefasstheit einer Ärztin an. „Wirst du fahren?“

Langsam und vorsichtig, als hätte man ihm ein schwächliches Neugeborenes in seine großen Hände gelegt, steckte er die Opernkarte und den Brief von Piroska in den Umschlag zurück. „Selbstverständlich. Gleich nachher ruf ich die Piroska an, das Organisatorische regeln.“ Ivo Golob machte eine abwehrende Bewegung und begab sich zielstrebig auf die Terrasse.

 

~~ 

 

Der Aktendeckel, den Motzhardt so unhöflich direkt neben Vilsmayrs Mittagsmahl gelegt hatte, enthielt einen fast komplett ausgefüllten und bereits von Motzhardt unterschriebenen Urlaubsantrag.

Der Polizeipräsident, der dann doch seinem inneren Schweinehund nachgegeben und sich ein kleines stilles Wasser bestellt hatte, stieß mit dem Zeigefinger auf jene Zeile hinab, in der die Dauer des Urlaubs festgelegt wurde, und blickte Vilsmayr gnadenlos an. „Ab heute. Keine Diskussion. Das heißt, Sie verschwinden vom Radar der Presse, Medien, ach was, von der gesamten Öffentlichkeit. Keine wie auch immer gearteten Verlautbarungen über diese Sache. Sie können es nur schlimmer machen. Nicht nur, weil ich Sie ziemlich gut kenne, Vilsmayr. Sondern weil die Zeiten anders geworden sind...“

Ohne einen Einwand abzuwarten, setzte der Polizeipräsident das aktuelle Datum in die Sparte „Urlaubsbeginn“ und blickte Vilsmayr wieder durchdringend an. „Das mit den Verlautbarungen gegenüber Dritten gilt auch für Ihren engsten Familien- und Freundeskreis. Wer auch immer - Frau, Kinder, Schafkopfpartner, Hund, Katze - auf diese Angelegenheit angesprochen wird, ist zum Stillschweigen verdonnert. Zuwiderhandlungen“ - hier bediente sich Motzhardt sogar des juristischen Fachausdrucks - „fallen auf Sie zurück. Ohne Ausnahme.“

Die Spitze seines Kugelschreibers schwebte über dem Feld „Urlaubsende“. „Sechs Wochen ab heute.“, beschloss er und trug ein Datum Ende Juli ein. Motzhardt sicherte seine Kugelschreibermine und trank sein Wasser in einem Zug aus. Immerhin besaß er so viel Stil, das geleerte Glas nicht auf die Tischplatte zu knallen. „Ihr Urlaubsbudget lassen Sie meine Sorge sein. Es könnte sich sogar so entwickeln, dass ich Ihren Urlaub verlängern muss. Aber das ist Zukunftsmusik.“

Er erhob sich und schloss korrekt einen Knopf seines Sakkos. Seine Miene überflog eine leichte Anmutung von Freundlichkeit. „Vilsmayr, wir verstehen uns. Und überhaupt - warum fahren Sie mit Ihrer Frau nicht ein wenig fort? Innerhalb von Deutschland, versteht sich. Vielleicht kommen Sie dabei auf andere Gedanken.“ Motzhardt verließ die Gaststube zügigen Schritts.

Es dauerte eine Weile, bis Emmeran Vilsmayr aus seiner Schockstarre erwachte. Seine Blicke wanderten zwischen dem für seine Unterlagen bestimmten Exemplar des Urlaubsantrags und seiner restlichen Mahlzeit umher. Reflektorisch schnitt er ein Stück Kalbsnierenbraten ab, tunkte es kurz in die Soße und steckte es in den Mund. Es war kalt geworden und fühlte sich an wie ein Stück Schwammtuch. Es schmeckte genauso nach nichts.

Vilsmayr winkte Monika heran. „Ich möchte zahlen!“

An diesem schönen sonnigen Tag trug er nur einen leichten Trachtenjanker aus Leinen, doch sogar in dieser Sommerjacke schwitze er nach wenigen Schritten über den Kapellplatz wie ein gebrühtes Schwein.

Die Zeiten hatten sich geändert... ja mei. Taten sie dies nicht immer und überall? Einer seiner beiden Buben lebte mit einer Frau zusammen, mit der er nicht verheiratet war. Die beiden hatten zwei Töchter. Ahne Emmerenz hätte über solchen gschlamperten Verhältnissen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und irgendwas gezetert von „der Sünden fürchten“. Schwul sein war kein Straftatbestand mehr, sondern fast schick. Und in irgendeiner Behörde, dem Landratsamt in Mühldorf, glaubte er sich zu erinnern, gab es seit einem Jahr keinen Damen- und Herrenabtritt mehr, sondern eine „Toilette für alle“. In Mühldorf, wohlgemerkt...

Ja, Zeiten ändern sich. Er konnte nur nicht verstehen, warum einem grundanständigen Polizeibeamten wie dem Scheidegger Toni aus einem kleinen harmlosen Witz einen Strick zum Erhängen drehen wollte. Erneut stieg Wut in ihm hoch. Himmelherrgottsakrament!! Anscheinend durfte man GAR NICHTS mehr sagen. Deutschland als humorfreie, weil politisch korrekte Zone... Deshalb war er ja dem Toni beigesprungen. Die sollte sich nicht so anstellen, diese kleine überzwerche Rekrutin...

Sein jüngerer Sohn war eine Zeitlang zu Beginn seines Fachhochschulstudiums mit einem Mädchen aus Ghana zusammen gewesen. Luitgard hatte sich schnell mit Ambre angefreundet. Er selbst hatte seinem Sohn allerdings zu verstehen gegeben, dass er sein „schwarzes Gschpusi“ besser nicht mehr mit nachhause bringen sollte. Ins christkatholische Altötting. Nicht einmal ein halbes Jahr darauf hatte Ambre seinen Buben verlassen. Die Ahne Emmerenz hätte das mit Sicherheit gebilligt...

Er befand sich auf der Höhe der Wallfahrtskapelle, und reflektorisch schickte er sich an, sie über die Außengalerie zum umrunden. Gegen den Uhrzeigersinn. So hatte er es schon als Bub gehalten, wenn er Trost, Ermunterung oder eine Eingebung von einem höheren Ort brauchte.

An diesem Tag war in dem Umgang wenig los, die Leute hatten bei dem schönen Wetter anderes zu tun als Votivtafeln aufzuhängen und Kerzen anzuzünden. Eine einzige Frau, deutlich jünger als er, steckte vor einem Täfelchen, das sie gerade aufgehängt hatte, eine Friedhofskerze an und ging zum Gebet auf die Knie. Vilsmayr schüttelte unmerklich den Kopf. Auf der Tafel erkannte er die Zeichnung eines Wickelkinds im Steckkissen und darunter die Bitte an die Mutter Gottes „Maria hilf!“. Offensichtlich erhoffte sich die junge Frau Abhilfe wegen eines bisher unerfüllten Kinderwunsches. Aber dafür zündete man kein Ewiges Licht an. Ein Ewiges Licht gehörte auf ein Grab. Ja, die Zeiten änderten sich - und mittlerweile gab es wohl nicht wenige an sich gläubige Katholiken, die sich mit der kirchlichen Etikette nicht mehr auskannten. Oder denen so etwas egal war. Die dafür aber laut rumkrakeelten wegen Mobbing...

Vilsmayr hatte nun sowohl Lust als auch Hoffnung auf göttliche Inspiration verloren. Von oben gab es in dieser Angelegenheit offensichtlich keinen Aviso. Pflichtschuldig vollendete er seine Runde und bekreuzigte sich beim Verlassen der Galerie. Die Zeiten änderten sich - aber das Böse, das Böse blieb sich und der Menschheit irgendwie treu. Es war immer und überall - und dadurch seine zuverlässige Konstante. Dumm nur, dass ihm daraus kein Trost erwachsen wollte.

 

~~ 

 

Seinen ersten Schrecken, der ihn trotz gewisser Vorwarnung auf dem Bahnsteig in Bregenz überrollt hatte, hatte Golob noch relativ gut überspielen können. Verarbeiten konnte er ihn jedoch nicht so recht, und so vermied er es krampfhaft, Sandor Fekete anzuschauen, wenn sie sich miteinander unterhielten. Am Steuer - Ivo Golob war mit dem eigenen Wagen von Braunau nach Bregenz gefahren - war das nicht weiter schwer, denn er musste sich intensiv auf den Verkehr in der Vorarlberger Landeshauptstadt konzentrieren.

Golob hatte sich sogar, wie um sich von seiner vorahnenden Angst abzulenken, sowohl mit der Handlung der Oper Rigoletto als auch mit der aktuellen Inszenierung von Stölzl vertraut gemacht.

„Ivo, kis barátóm, du bist still. Sehr still.“, kam es vom Beifahrersitz. Golob blickte krampfhaft geradeaus, denn zwanzig Meter vor ihm schlingerte ein älterer Mercedes unruhig zwischen zwei Fahrspuren hin und her, respektive der Fahrer beanspruchte einfach alle beide. Was daran liegen mochte, dass ein aufgeblasenes grünes Schlauchboot aufs Dach des Kfz gebunden war.

„Entschuldige, Sandor! Hier fahren verdammt viele Idioten rum... und wir wollen doch rechtzeitig bei der Seebühne sein.“ Golob seufzte.

„Es fahren ÜBERALL IMMER Idioten herum. “, erwiderte Fekete. Und seufzte ebenfalls. „Aber wir haben noch eine gute Stunde Zeit.“

In diesem Moment entschied sich der Mercedesfahrer für die rechte Fahrspur. Golob reagierte blitzschnell, trat aufs Gaspedal und zog zügig am Schlauchboottransporter vorbei. Etwas blitzte am rechten Fahrbahnrand rot auf... „Scheiße!“, fluchte Golob leise vor sich hin.

Fekete kicherte. „Der grüne Zeppelin war dazwischen. Heidi Klum würde jetzt zu dir sagen: Schätzchen, für Dich gibts leider kein Foto...“

Ivo Golob versuchte, auf die nunmehr freie vierspurige Straße vor sich zu achten. Und war mit großer Anstrengung bemüht, nicht laut loszulachen.

„Nicht jeder hat es verdient, auf so teuren UND hässlichen Fotos drauf zu sein.“, kartete Fekete nach. Wenn er genau hinhörte, meinte Golob, einer leichten Atemlosigkeit bei seinem Mentoren gewahr zu werden. „Nur gut“, fuhr dieser fort, „dass jetzt keiner mehr einen Schnappschuss von mir machen möchte...“

Im selben Moment entdeckte Golob eine ziemlich schäbig wirkende Pizzabude am rechten Straßenrand mit dem Fähnchen „Eis“ neben der Eingangstüre. Ein typischer Laden für Trucker kurz vor einer Landesgrenze. Er stieg aufs Bremspedal und zog seinen Wagen eilig und darum nachlässig in eine der Parkbuchten beim Eingang.

„Hab ich was Falsches gesagt, kis barátom?“, wollte Fekete irritiert wissen. Doch Ivo Golob antwortete nicht, stellte den Motor ab, stieg aus, öffnete die Autotür auf der Beifahrerseite und bedeutete Fekete mit hingehaltener Hand, dass er ihm beim Aussteigen behilflich sein wollte. Sein Blick war jetzt direkt und fest. „Du hast nichts Falsches gesagt, Sandor. Ich bin ein Depp. Und jetzt trinken wir einen Kaffee!“, erwiderte Golob und zog mit einer einzigen Bewegung den bemitleidenswert dünnen Fekete vom Beifahrersitz. „Aber nur, wenn ich ein Eis kriege!“, schmunzelte Fekete.

In diesem Moment fuhr der überladene Mercedes mit dem froschgrünen Zeppelin auf dem Dach hinter ihnen vorbei.

Sandor Fekete, so Ivo Golobs Einschätzung, hatte seit ihrem letzten Treffen sein Körpergewicht um 40 Prozent reduziert. Irgendjemand hatte seine Kleidung mehr oder weniger geschickt enger genäht. Was jedoch auch der fähigste Änderungsschneider nicht im mindesten günstig beeinflussen konnte war, dass Fekete mittlerweile auch die eigene Haut um 40 Prozent zu groß bemessen war.

„Jetzt hast mich lang genug angeschaut, kis barátóm.“, konstatierte Fekete und winkte dem erleichtert wirkenden Padrone zwecks Ehrlichmachung. Er legte einen Fünf-Euro-Schein auf den Tisch und erhob sich mit ziemlichem Kraftaufwand, ohne auf Wechselgeld zu warten. „Schöner werde ich nicht werden, weder bis morgen noch bis in einem Monat.“ Er ging langsam an Golob vorbei in Richtung Ausgang. „Aber danke für die Kaffeepause. Hat gutgetan. Und war lieb gemeint.“

Golob beeilte sich aufzustehen um Fekete zu begleiten. Viele Worte hatten sie nicht gewechselt - aber die richtigen Einschätzungen und Antworten gegeben. Genau dafür war Freundschaft da.

 

~~ 

 

Vorsichtig drehte Vilsmayr seinen Hausschlüssel im Schloss um. „Luitgard?“, rief er. Doch es wartete keine Antwort auf ihn. Das verebbende Rauschen im Wasserkasten der Toilette indes verriet ihm, dass sich jemand - höchstwahrscheinlich seine Frau Gemahlin - im Hause befinden musste. Die Zustellerin der Deutschen Post AG jedenfalls pflegte bei ihnen daheim nicht aufs Klo zu gehen.

„Luitgard??“

Er gestattete es sich, seine Stimme ein wenig zu erheben. Gleichzeitig hörte er die aufgeregte Stimme seiner Frau aus der Küche, aus der weder Braten- noch sonstiger Essensduft in seine Nasenlöcher drang. Langsam schlich er sich in Richtung Küchentüre, die dank bernsteinfarbener Riffelverglasung Licht und Umrisse durchließ. Er sah Luitgards kleine Silhouette unruhig hin- und herwandern. „Bruder Euphrasius... wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?“

Vilsmayr runzelte die Stirn, verhielt sich aber ansonsten ruhig. Hatte Luitgard wieder Muttikummer wegen einem der Buben und benötigte deshalb geistlichen Beistand? Egal, was auch immer, er mochte sie diesbezüglich nicht bloßstellen. Stattdessen begab er sich auf Zehenspitzen zurück zur Haustüre, öffnete sie ein wenig und warf sie mit Schwung zurück ins Schloss. Den solchermaßen erzeugten Knall fand er wirklich beeindruckend. Wahrscheinlich fertigte Luitgard gerade den Bruder Euphrasius mit den Worten ab: „Ich muss jetzt Schluss machen, mein Mann ist gerade heimgekommen. A bisserl früh... Danke und pfüät Eahna!“

Vilsmayr stürmte denn auch nicht sofort in die Küche, sondern hängte seinen Leinenjanker auf, stellte wie sonst auch seine Aktentasche neben dem Garderobenspiegel ab und wusch sich die Hände.

Als er das Esszimmer betrat, gewahrte er, dass die Küchentüre jetzt offenstand und Luitgard drinnen werkelte. „Hallo mein Schatz! Du bist heut aber früh dran!“, plapperte sie. Ihr hektisches Sprechtempo und ihre leicht erhöhte Tonlage verrieten ihm, dass er entweder ungelegen erschienen war oder aber sie ein Mordstrumm Sorge auf der Seele hatte. Wahrscheinlich beides.

„Ich koch uns gerade einen Kaffee. Magst? Leider hab ich keine Kaffeestückerl da. Aber Plätzchen - von der Reni...“ Sie klapperte weiter mit Tassen und Löffeln.

Vilsmayr begab sich zu seiner Frau in ihre gemütliche Küche. Für Luitgard war dieser Raum eindeutig das Herzstück des ganzen Hauses. Sie war eine passionierte und begnadete Köchin, zumindest was die traditionelle Bayerische Küche anging.

In diesem Moment bekam Vilsmayr zum zweiten Mal an diesem Tag ein richtig schlechtes Gewissen. Das erste hatte ihm Motzhardt beschert. Das zweite und jetzige... Er trat auf seine Frau zu und nahm sie richtig fest in den Arm. Luitgard quietschte vor Überraschung auf, genoss aber die handfeste Zärtlichkeit. Rasch drückte er ihr einen Kuss auf die Wange. „Kaffee is guat!“, erwiderte er. „Und tut mir leid, ich hätt doch Kaffeestückerln auf dem Heimweg besorgen können, ich Depp! Gibt’s jetzt halt die Plätzchen von der Reni...“

Luitgard machte sich lachend los. „Emmeran, ist doch gut. Sei bitte so nett und bring schon mal das Geschirr ins Esszimmer...“

Vilsmayr tat wie geheißen. Sein väterliches Haus besaß, da es noch zu Zeiten des „Kini“ gebaut worden war, ein veritables Erkerzimmer, in welchem, seit er sich erinnern konnte, der Kaffee serviert wurde. Er deckte den kleinen runden Tisch ein. Luitgard kam mit der Kaffeekanne, setzte sich Vilsmayr gegenüber und schenkte aus. Eine Weile geschah nichts, keiner redete - erst jetzt breitete sich die befürchtete Spannung zwischen ihnen aus.

Natürlich war es Luitgard, die das ein wenig unheilschwangere Schweigen brach. „Als dann, wer von uns beiden fängt an? Vielleicht einmal du, Emmeran?“

 

~~ 

 

Zu seiner eigenen Überraschung gefiel Golob die Operndarbietung. Musikalisch erkannte sogar er ein paar „Gassenhauer“. Und das Bühnenbild erinnerte ihn an einen überdimensionalen Spielwarenladen - mit dem riesigen beweglichen Kopf, der nicht mehr grün war wie auf den letzten Aufnahmen, sondern ein Clownsgesicht trug. Abseits stand etwas, das wie ein haushoher Fesselballon aussah, eine gelbe Montgolfière. Dahin stieg zum Singen besonders gerne Gilda, die eifersüchtig bewachte Tochter des Rigoletto, die sehr schöne Koloraturen sang. Schade, fand Golob in diesem Moment, dass sie am Ende durch eine Verwechslung ihr Leben lassen musste, versehentlich erstochen vom eigenen Vater... der zumindest für den Umstand des Personenaustauschs so gar nichts konnte. Warum nur konnte man nicht den elenden Sparafucile in den Sack stecken? Oder Maddalena, dieses Flittchen?...

Und schon war die erste Pause fällig, anständig lauter Beifall brandete auf und die Besucher verließen ihre Plätze in Richtung Catering.

Offensichtlich war für Golob und Fekete ein Tisch mit zwei Stühlen reserviert worden, der elegant eingedeckt war. Golob sah sich unsicher um, obwohl der Tisch eine eindeutige Reservierung auf ihrer beider Namen auswies.

„Nun setz dich schon, Ivo!“, forderte Fekete den Jüngeren auf. „Glaubst du, ich mag eine Stunde lang rumstehen? So viel Halt gibt kein Sektglas dieser Welt...“ Eilfertig zog Golob einen Stuhl zurück und half Fekete sich niederzulassen, ehe auch er Platz nahm.

Sofort erschien wie aus dem Nichts eine junge Servicekraft, adrett in Schwarz mit langer weißer Kellnerschürze und blonder Pferdeschwanzfrisur. Sie trug eine Magnumflasche Sekt in der Hand.

„Guten Abend, die Herren, schön, dass Sie da sind! Darf es ein Gläschen Sekt sein? Spezialabfüllung vom Weißburgunder von Schlumberger.“, grüßte sie freundlich, und ihre Beflissenheit, vorgetragen mit einer hohen Zwitscherstimme, klang sogar ehrlich. Fekete vollführte eine einladende Handbewegung und wartete, bis die Kellnerin auch vom Wasser ausgeschenkt hatte.

„Was hat die Küche denn an warmen Kleinigkeiten zu bieten?“, wollte er wissen. Golob musste leicht grinsen - inwieweit auch immer Feketes Appetit nun krankheitsbedingt noch vorhanden war - die ästhetisch in der Tischmitte arrangierten Schnittchen waren zu zierlich und für zwei erwachsene Männer schlichtweg zu wenige. Also musste nach solch geschmäcklerischen Hors d`Oevres hoffentlich noch etwas folgen.

„Zum einen Buchweizenblini mit Beluga- und Forellenkaviar und Schmand. Crevettenspieße mit Zwergauberginen, in Ouzo flambiert, und als vegetarisches Angebot kleine Mangold-Feta-Quiches mit einem Salatbouquet.“, wurde ihm gehorsam Auskunft erteilt.

Sandor Fekete nickte beifällig: „Schön, schön! Bitte bringen Sie uns eine Kombination. Und ich möchte dazu einen Grünen Veltliner - welchen hätten’s denn da?“

„Ein Federspiel Jahrgang 2018 von Frischengruber aus Rossatz.“, kam es prompt zurück. „Führen Sie auch halbe Flaschen?“ „Selbstverständlich.“ „Dann bitte ich darum.“

„Und der Herr?“, wandte sich die Kellnerin an Golob. Der musste nicht lange nachdenken. „Bitte ein kleines Pils.“ „Sehr wohl.“ Die sympathische junge Dame entfernte sich. Keiner der beiden schaute ihr hinterher - demzufolge eine perfekte Servicekraft.

„Du kennst mich...“, meinte Golob, auf seine Bierbestellung anspielend. Fekete zuckte die Achseln und erhob seine Flute. „Darauf, dass es uns nie schlechter gehen möge als heute!“, hob er an und führte sein Glas zum Mund.

Trotzdem erwiderte Golob: „Ich danke dir, Sandor, für diesen schönen Abend, und diese exquisite Einladung!“

Fekete wies mit dem Kinn auf die Canapées. „Nun lang schon zu, ich kann’s ja schon selber fühlen, dass dir der Magen zwischen den Knien hängt. Aber das Schnitterl da mit dem Lachs - des lass bitte mir!“, meinte er - und -zack- hatte er seine Hand schon danach ausgestreckt. Genüsslich biss er in das kleine Brotstück und schloss einen Moment die Augen.

Nachdem Fekete ausgekaut und noch einen Schluck Wasser genommen hatte, gab er eine Erklärung ab. „Weißt, kis barátóm, meine Piroska hat sich bei schlauen Internetdoktoren belesen und daher die Information bezogen, dass Fett Gift für die Bauchspeicheldrüse ist. Alkohol natürlich auch. Also kein Lachs mehr, keine Leberpastete, kein Schlagobers, kein Marillenschnaps, kein ... ach zum Teufel, kein gar nichts mehr, was einem auf Erden noch Freuden bereiten kann. Und da oben“, Fekete wies diskret mit dem Zeigefinger himmelwärts, „da oben gibts nur noch Manna. Kein Mensch weiß, wie Manna schmeckt. Vermutlich wie der Zwieback bei der Armee. Und was die andere Richtung angeht:“, jetzt senkte er seinen Blick zu Boden, „Wahrscheinlich Nulldiät auf Dauer.“ Er seufzte und hob wieder seine Flute zum Mund.

Golob hatte schon das zweite Canapée so diskret es ging verdrückt und wischte sich einen Krümel Ziegencamembert aus dem Mundwinkel.

Fekete spielte mit dem Stiel seines Sektglases. So wie er da vor ihm saß, leicht zusammengesunken in einem Anzug, der zwar behelfsmäßig enger genäht, aber immer noch viel zu groß war, erinnerte ihn sein Mentor an eine Schildkröte, deren Hals mit den tiefen Längsfalten und der papierdünnen Haut aus einem viel zu großen Panzer - in diesem Fall aus dem geschätzt um 5 Nummern zu weiten Hemdkragen - ragte. Der Eindruck eines uralten Reptils wurde dadurch noch verstärkt, dass Feketes blaugraue Augen, deren Weißes nun auch noch ins Gelbliche spielten, tief in ihren Höhlen lagen. Wären da nicht Feketes lebhafte Mimik und sein ungebrochener Humor gewesen, wäre er, Ivo Golob, höchstwahrscheinlich unter einem dringlichen Aufwand aufgestanden - um auf der Toilette hemmungslos in Tränen auszubrechen. Postmortalen Verfall hatte er seinem Beruf gedankt allzu oft sehen müssen, und er fand ihn abstoßend. Doch auf das Verfallen und Dahinwelken VOR dem Tod konnte er sich ebenso wenig einlassen. Erst recht nicht bei einem wirklich guten Freund.

Fekete ließ sich ein Brötchen mit Miniaturspiegelei schmecken. „Meine Piri, kvedenc! Ich glaub, es kommt mich schwerer an, sie zurücklassen zu müssen, als sie, am Ende übrig zu bleiben. Seit dem letzten Krieg ist das wohl das Los der Frauen und sie kommen damit ganz gut zurecht. Je nachdem. Piri besucht jetzt wenigstens zweimal in der Woche einen ungarischen Priester... der wollte uns auch daheim besuchen, um mich ... ja, was... um mir das Paradies in Aussicht zu stellen.“

In diesem Moment entdeckte Golob in der Peripherie die Servicekraft mit einem großen Tablett auf sie zu halten, für ihn die letzte Chance, das letzte Canapée wegzuputzen. Blauschimmelkäse mit schwarzem Sesam. Fekete bekam seinen Wachauer Veltliner und Golob sein Pils, wobei er mit freudiger Überraschung feststellte, dass es keine der untauglichen österreichischen Marken war, sondern Allgäuer Brauhaus aus Kempten.

Fekete ließ sowohl seine Blicke als auch seine Nasenöffnungen über dem lieblich dampfenden Inhalt der Platte schweifen. „Also“, fuhr er fort, „hab ich es so arrangiert, dass Piri immer dann ihren Kuttenbrunzer besucht, wenn ich zur Chemo muss. Und so sind alle zufrieden: Die Katholische Kirche, die Spitalsverwaltung und die Pharmaindustrie. Soll uns keiner nachsagen, wir wären nicht kooperativ! Jó édvágyat!“ Und er packte sich gleich zwei Crevettenspieße auf eines der beiden absurd kleinen Tellerchen, die mitgeliefert worden waren.

 

~~ 

 

„Der Scheidegger Toni...“ Luitgard schüttelte ihren Kopf und blickte auf die Hälfte des Plätzchens, von dem sie eben abgebissen hatte und das sie noch zierlich zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Dann seufzte sie und legte den Rest auf ihre Untertasse. Mit der freien Hand griff sie nach Vilsmayrs Linker, die dieser nicht zurückzog. „Kennst du den Spruch ‘Das Gegenteil von gut gemacht ist nicht schlecht gemacht, sondern gut gemeint’?“, setzte sie hinzu.

„So ungefähr.“, erwiderte er leise. „In diesem Sinn hat der Toni ja auch diese Bemerkung gemacht. Weil er gesehen hat, dass diese jung Schw... Rekrutin schon sakrisch nervös war. Wollt er halt witzig sein, damit sie sich entkrampft... Und was is draus worden? Ein echter Krampf!“ Vilsmayr spürte, dass sich Wasser in seinen Lidwinkeln ansammelte. Schnell drehte er sich zur Seite, zog blitzschnell sein Taschentuch heraus und schnäuzte sich ausgiebig.

Luitgard stand diskret auf, um Plätzchen auf dem noch zu dreiviertel vollen Teller nachzufüllen. Mit dem pratzvollen Teller in der Hand stellte sie sich jedoch hinter ihn und setzte sich nicht etwa. Sie legte ihre freie Hand auf seine Schulter und streichelte sacht darüber.

„Du bist ein guter Mensch, Emmeran Xaver Vilsmayr der Jüngere.“, stellte sie in einem Ton fest, der so ruhig war wie ihre Berührung. „Etwas anderes, als dass du versucht hättest, deinem Freund beizuspringen, hätte ich von dir auch nicht erwartet. Und jetzt hast du Angst vor dem Fluch der guten Tat...“. Sie setzte sich ihm nicht gegenüber, sondern zog ihren Stuhl über Eck. Der Blick aus ihren großen rehbraunen Augen war tief. Einen kurzen, süßen Moment dachte er an das junge Dirndl, dem er versehentlich im Festzelt nach dem Prinzregent Luitpold - Schießen einen Bierseidel über das Gewand gekippt hatte. Anno 1977 war das gewesen. Oder 1978? Richtig waidwund hatte sie ihn angeschaut... und ihm war nichts besseres eingefallen, als „Entschuldigens scho...“ zu stammeln und ihr zur Wiedergutmachung seinen neuen Gamsbart anzubieten, welchen er als Dritter beim Juniorenschießens gewonnen hatte. Mit einem ebenso gestammelten „Dank schön!“ hatte sie die Trophäe entgegengenommen und sie so unschlüssig in ihrer zarten kleinen Hand hin und her gedreht wie eine Kommunionskerze, die ihr nicht gehörte.

Der Gamsbart und das klassische Dirndl mit dem blauweiß kleinkarierten Oberteil, dem schwarzen Röcki und der hellblauen Vorschürze zerfuhren vor seinem inneren Auge wie ein Streubild aus buntem Sand.

Er räusperte sich. „Der Fluch hat mich schon eingeholt. Sechs Wochen Zwangsurlaub - mit Option auf Verlängerung. Ein Maulkorb, der auch meiner Familie und meinen Freunden angepasst wurde.“ Dann blickte er auf. Der Blick seiner Frau war immer noch braun, aber klar, nicht mehr scheu und verletzt wie vor gut vierzig Jahren.

„Luitgard, damit es dir klar ist - wenn da irgendwer von einer Zeitung oder einem Fernsehsender oder von so einem ... so einem Dings wie diesem Facebook an der Tür klingelt und will was wissen zu dem Vorfall... “, druckste er.

„Dann“, antwortete seine Frau, „dann bin i stad wie eine Tote. Und die Buben ruf ich gleich nachher an, um ihnen genau das anzuschaffen.“ Als wäre ihr Beschluss der selbstverständlichste auf der Welt und darum absolut indiskutabel, lüftete sie den Porzellandeckel der Kaffeekanne und linste hinein. „Fast leer. Magst noch welchen?“ Sie blickte in sein Gesicht, das eine unschlüssige bis verdutzte Miene aufgezogen hatte. „Oder doch lieber einen Bärwurz?“

 

~~ 

 

Sandor Fekete hatte Golobs Angebot, sich bei ihm während der Promenade unterhaken zu dürfen, dankend angenommen. Und so gingen sie langsam auf der rechten Seite der Zuschauertribüne am Uferweg entlang. Es hatte zu dämmern begonnen und war überraschend schnell kühl geworden, weshalb sich die meisten Zuschauer während der langen Pause wieder ins Innere des Festspielhauses zurückgezogen hatten.

Eben dies hatte auch Golob vorgeschlagen, doch Fekete hatte abgelehnt. „Ich will dir was zeigen Ivo. Weißt du, ich kenne den Bühnentechniker, der, wenn du so willst, diesen Clownskopf technisch erst machbar... du wirst sehen. Ganz, wie man sagt, ‘Old school’. Simple Mechanik und Hydraulik, weil die elektronische Steuerung unter Wasser immer wieder störanfällig... aber schauen wir uns das ruhig näher an.“

Bisher waren Golob nur die zusammengebündelten Kabelschlangen, die kurz über der Oberfläche des mittlerweile bleigrauen Bodensees herumschwebten, aufgefallen. Doch wenn er genauer hinsah und wegen der Dämmerung - und von mir aus auch wegen Alterssichtigkeit gepaart mit Lichtschwäche im Frühstadium - die Augen leicht zusammenkniff, entdeckte er Seilzüge aus daumendicken Stahlkabeln, die unter dem Bühnenboden gebündelt und in andere Richtungen geleitet wurden.

Fekete dirigierte seinen Begleiter an die Kaimauer. „Jetzt“, erklärte er voll kindlicher Vorfreude, „jetzt wirds richtig spannend! Im nächsten Akt kriegt dieser Kasperlkopf eine ganz andere, richtig gruselige Bedeutung. Und - er kann mehr Bewegungen vollführen als sich von links nach rechts zu drehen“

Wie abgesprochen schlossen und öffneten sich die Augendeckel des Riesenkopfes. Und er änderte seine Farbe: von Bunt zu einem fahlen Grünspangrün. „Du siehst, der Kopf besteht aus Lamellen.“, erklärte Fekete. „Und die kann man um 180 Grad kippen. Aus vierfarbbunt wird grün. Hokuspokus fidibus...“ Er kicherte wie ein Schulbub, der seinem Lehrer Senf unter die Türklinke geschmiert hatte... „Und jetzt kommt noch, dass er nickt.“

In der Tat vollführte der Grünkopf einen sehr angedeuteten Knicks, aus dem er sich nicht mehr erheben mochte. „Ja wie,“, zweifelte Golob, „ist das jetzt etwa alles? Ehrlich - wenn ich in einen Animationsfilm von 1995 gehe, ist da mehr dahinter...“

Fekete ging darauf nicht weiter ein. „Der hat Probleme mit der Mechanik...“, meinte er fassungslos. „Ja, ja, die gute alte, unfehlbare Steinzeitmechanik...“, spöttelte Golob und beobachtete das angespannte, zentimeterweise Hin- und Hergeruckele des Riesenkopfs nachgerade schadenfroh. Aufgeregte Rufe unter den Bühnenarbeitern zeugten allerdings von anscheinend ernsthafteren Hemmnissen.

Fekete brummelte ungehalten vor sich hin. „Typischer Vorführeffekt...“ Er schnaubte: „Lass uns gehen, kis barátóm!“

„Ah geh, naa net! Jetzt fangt der Spaß doch erst an!“, widersprach Golob, der beobachtete, wie gleich zwei motorisierte Seilwinden eilig auf das kleine technische Zwischendeck gebracht wurden.

„Bitte...“, gab Fekete nach, freilich nicht ohne den Nörgler „Aber mir wird jetzt kalt!“ nachzuschieben.

Nicht dass Ivo Golob ein schadenfroher Mensch gewesen wäre. Aber dieses im Prinzip sinnlose Gekabble zwischen Sandor und ihm war doch exakt das Momentum, das sich sein todgeweihter Freund für einen einzigen, möglicherweise letzten gemeinsamen Abend in einem sehr, sehr schwarzen Winkel seiner Seele gewünscht hatte.

Karabiner wurden angeschnallt, die Seilwinden wurden unter aufgeregtem Zurufen vorsichtig in Bewegung gesetzt. Golob hatte keine Bau- oder Ingenieurserfahrung; trotzdem entging es ihm nicht, dass es nach kurzer Bemühung erneut zu einem Stillstand kam. Die verankernden Stahlseile liefen teilweise ins Wasser hinunter, wahrscheinlich den enormen Hebelwirkungen geschuldet, mutmaßte Golob, der sich auf sein rudimentäres Wissen im Bereich mechanischer Physik berief.

Dort schien es wirklich erhebliche Probleme zu geben, denn man hatte eilends mehrere 1000W - Scheinwerfer herbeigebracht. „Die sollen hinmachen!“, knirschte Fekete. „Es geht in einer Viertelstunde weiter.“

 

~~ 

 

„Und das ärgert dich jetzt, Emmeran?“, wollte Luitgard wissen, während sie sich noch ein Reni-Plätzchen einverleibte. Vilsmayr schnaubte leise und zuckte mit den Achseln.

WAS ihn wirklich ärgerte war der Umstand, dass Motzhardt Vilsmayrs Rolle in der Geschichte so maßlos hochspielte. Als ob ER diesen hirnlosen Spruch getan hätte und nicht der Scheidegger Toni. „Ja. Nein. Mich schabt, dass der Motzhardt mir gezielt am Zeug flicken will.“, grollte er.

Luitgard, die sich erhoben hatte, gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Glaub mir, des legt sich. Und überhaupts - du hast jetzt Urlaub, bei vollem Gehalt. Für sechs Wochen mindestens...“, frohlockte sie.

Vilsmayr erhob sich ebenfalls; der Kaffee wollte hinaus. „Ja mei, schon. Aber ich, ich kann nix tun!“, verfiel er wieder ins Lamentieren. Luitgard, die bereits unterwegs in Richtung Küche war, rief ihm über die Schulter zu: „An Schmarrn, Emmeran. Die Pergola muss neu gestrichen werden. Und das Dachl gerichtet. Ich könnt dir wirklich genug anschaffen...“

Er kam ihr langsam hinterher. „Ja, freilich. Arbeiten könnt ihr Weiberleut genug verteilen...“, maulte er. Und erst, als sie bereits wieder in ihrem Sanktuarium, der Küche, werkelte, fiel es ihm wieder ein: „Und was ist jetzt mit deiner Sache?“

 

~~ 

 

In diesem Moment kippte der Kopf um fast neunzig Grad nach hinten, gerade wie bei jemandem, der die Milchstraße betrachten will. „Gehört das auch zur Inszenierung?“, wollte Golob wissen.

Doch Fekete ging nicht darauf ein, sondern starrte wie gebannt auf das, was im selben Moment von einer der Seilwinden eilig aus den dunklen Fluten des Obersees and die frische Luft befördert wurde. Die aufgeregten Rufe der Bühnenarbeiter schwollen zu blankem Entsetzen an.

In der Ferne konnte Golob noch sehr gut sehen, vor allem dank der gleißenden Ausleuchtung. Was er da mittlerweile auf dem Zwischendeck erkannte, war ein grauer Klotz. Eines der Bühnenmechanikseile - vermutlich das, was den Zug des Requisitenkopfs beim Nicken auffangen sollte - hatte sich ganz fest um etwas verwickelt, was auf einer Seite aus dem Kloben herausragte.

„Jesusmariaundjosef...“, entfleuchte es Fekete.

Golob rieb sich die Augen und blinzelte, um ja scharf sehen zu können. „Sag jetzt bloß nicht, Sandor, dass das AUCH zum Rigoletto gehört...“

Wenn es Ivo Golob richtig interpretierte, ragten aus einer Seite des Klotzes ein Paar Unterschenkel heraus. Darin hatte sich das Stahlseil offensichtlich verfangen.

Der obere Teil des Körpers - Golog vermutete, dass es sich um einen menschlichen handelte, denn einem Tier legte kaum jemand einen Satz Betonschuhe an - fehlte. Derweil steckte das, was sich normalerweise weiter unten anschloss, nämlich Knöchel und Füße, vermutlich im Klotz. Aus den Rufen waren Schreckensrufe geworden, die wiederum planloses Hin- und Herrennen mit sich brachten.

Golob packte seinen Mentor sanft am Ellenbogen. „Komm, Sandor, lass uns gehen. Wir sind heute nicht im Dienst!“ Doch Fekete machte sich los und funkelte seinen Begleiter an: „Őrült vagy? Spinnst du? Jetzt fängt der Spaß doch erst an!“

 

~~ 

 

Vilsmayr zog wortlos den Kontoauszug aus seiner Gesäßtasche, den er vorhin auf dem Heimweg bei der Bankfiliale ausgehändigt bekommen hatte.

Respektive, der Automat, an dem er seine Auszüge ansonsten ausdruckte, hatte nur eine Summierung ausgegeben mit dem Kommentar: „Letzter Auszug in der 23. Woche gedruckt. Seither keine weiteren Kontobewegungen.“, worüber er sich sehr gewundert hatte. Es war Monatsmitte, alle wesentlichen Daueraufträge waren abgebucht, sein nächstes Gehalt erwartete er erst in 10 Tagen.

Da er sich zu regulären Verkehrszeiten in der Filiale befand, begab er sich an den nächsten freien Schalter und bat um einen Zweitauszug der letzten 10 Arbeitstage. Welcher ihm ohne weitere Nachfragen ausgehändigt wurde.

Die Überraschung fand er erst auf der letzten Seite: Eine Überweisung von 2500 Euro an einen Himmelswiese - Verlag, Stichwort „Kochbuch Großmutter Christl“. Er hatte keine Großmutter dieses Namens, Luitgard aber sehr wohl. Und er hatte auch keine zweieinhalbtausend an einen Verlag Soundso überwiesen. Auch das würde Luitgard zu verantworten haben. Ob das nun mit ihrer nervösen Telefonitis zu tun hatte, darauf konnte er sich freilich keinen Reim machen; aber eine eigenmächtige Überweisung eines vierstelligen Betrags ... dazu würde sie sich äußern müssen.

„Kannst du mir erklären, Luitgard, warum du zweieinhalbtausend für ein Kochbuch ausgibst? Von unserem gemeinsamen Konto? Ohne das mit mir abzusprechen?“, brüllte er. Er hatte die ehrliche Absicht gehegt, weder unfreundlich noch wie ein Inquisitor zu klingen, aber seine plötzlich aufwallende Wut machte dies zunichte. „Was fällt dir eigentlich ein, Weib?

Luitgard zuckte zusammen und schaute ertappt drein.

„Ich meine“, setzte er voll Zorn nach, „wenn mir das nicht heute aufgefallen wäre, dann doch spätestens am Monatsletzten. Oder hältst du mich für einen Deppen?“

Luitgards Gesicht war vor Scham dunkelrot geworden. „Es hätt schon da sein sollen...“, stammelte sie. „Am Monatsanfang hätt’s schon da sein sollen... aber immer wieder ist was dazwischengekommen.“

Vilsmayr sagte ein paar Augenblicke gar nichts. An seiner Schläfe pochte eine Ader, seine Augen blitzten. Als von ihr nichts weiter kam, setzte er nach: „Mit ‘Es’ meinst Du wohl das Kochbuch, gell? Mit den Rezepten deiner Großmutter, der Neureiter Christl?“

Erleichtert nickte sie, ihr Gesicht verlor allmählich seine ungesunde Farbe. Dennoch blieb sie nach wie vor stumm.

Der Erste Kriminalhauptkommissar kannte ein derartiges Verhalten nur zu gut. So verhielten sich wirklich viele, die einer Straftat verdächtig waren, und denen man ihr Vergehen quasi auf den Kopf zusagte. Vielleicht gab der Vernehmende als nächstes ja eine Fehleinschätzung von sich - und man war der Sicherheit des Unverdächtigseins wieder einen entscheidenden Schritt näher...

„Du wolltest also, dass die wirklich guten Rezepte von deiner Großmutter nicht verloren gehen?“, fuhr er fort, um einen verbindlicheren Ton bemüht. Was ihm nicht sehr überzeugend gelingen wollte.

Luitgard nickte rasch und beifällig: „Das ist doch eine feine Sache! Kochbücher verkaufen sich immer, und Regionalküche ist doch stark im Trend, wie man so schön sagt. Ich weiß doch, wie du ihr Brezengröstl magst, und dass man das in keinem Gasthaus mehr kriegt...“ Sie eilte in die Küche und kehrte mit einer speckigen schwarzen Kladde zurück, deren Seiten von den Küchendünsten über die Jahrzehnte gewellt waren. Die Seite, die sie zufällig aufschlug, war bedeckt von antiken Fettspritzern und klitzeklein in Sütterlin niedergeschriebenen Rezepturen. Gelegentlich standen Randbemerkungen in einer anderen, großzügigeren Schrift daneben. „Schau hier: Ihre Ochsenbrust in Preißelbeer-Kren-Soße. Das Haschee aus Beuscherl nach Jägerart...“ Nunmehr trat wieder Röte in ihr Gesicht - aber es war eine kreisrunde, freudeglänzende Röte, die sich ausschließlich auf ihren Wangen ausbreitete.

Vilsmayr lief bei der bloßen Erwähnung des „Beuscherls auf Jägerart“ das Wasser im Mund zusammen. Er schüttelte sich. „Trotzdem - du hättest mich fragen sollen. Von dem Geld hätten wir sehr gut in Kitzbühel Urlaub machen können - und zwar zweimal.“

Luitgard verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Was willst denn du in Kitzbühel, Emmeran? Wo es dir doch schon in Bad Kohlgrub zu mondän ist!“

Er ignorierte ihre Spitze, streckte die Hand nach dem Küchenwälzer aus und berührte fast ehrfürchtig die aufgeschlagene Seite. „Nach meinem Verständnis würde das hier jeder bayerische Verlag, der etwas auf sich hält, herausbringen wollen und können.“

Auch Luitgard schwieg, wobei sie ihr Schweigen nach wenigen Augenblicken brach. „Naa. Ganz so ist’s nicht! Ich hab schon rumtelefoniert bei den Verlagen, die ich so von meinen Kochbüchern her kenn. Kein Interesse. Das muss was Abgefahrenes sein, am besten von so einem schwulen Koch aus Israel, der nur vegetarisch kocht...“ Vilsmayr schüttelte energisch den Kopf.

Luitgard fuhr fort: „Oder es hieß, dass sich die jüngeren Leute zwar sehr mit ihrer Ernährung befassen, aber eben leider ganz anders. Vegan oder ohne Gluten. Oder sie laden sich ihre Rezepte gleich im Internet runter...“ Sie seufzte. Vilsmayr nickte. „Schon frustrierend, gell? Aber wie ich dich kenne, gibst du nicht so schnell auf?“

Luitgard zuckte die Achseln. „Ich war drauf und dran. Ich hätte es sein lassen, wenn mir nicht zufällig eine Dame aus der Seniorinnengymnastik von ihrer Schwiegertochter erzählt hätte, die ein energetisches Buch in einem Kleinverlag rausgegeben hat und das seither läuft wie geschnitten Brot.“

Der Erste Kriminalhauptkommissar stand auf und wanderte ein wenig im Erkerzimmer auf und ab. So wie er es in seinem Büro immer zu tun pflegte, wenn seine Gedankenkreise sich verknoteten. Er blieb stehen. „Ist das der gleiche Verlag?“, wollte er wissen.

Seine Frau sah ihn zunächst verständnislos an, ehe sie seine Folgerung begriff. „Nein, freilich nicht. Ich habe nur gewusst, dass ich es doch so auch versuchen könnte.“ Sie knibbelte an ihrem Schürzenbändel. „Aber dann wollte ich es wirklich richtig machen. Ich bin nicht so gut im Schreiben, das weißt du doch, Emmeran. Das hab ich doch erst noch lernen müssen... und hier in Altötting wollte ich nicht, da hätte mich jemand kennen können. Mir ist schon klar, dass du das nicht verstehst. Ist ja auch nicht schlimm. Der Klausi hat mir beim Recherchieren im Internet geholfen - ob es irgendwo so Fernkurse gibt. Und davon gibt’s Dutzende, also auch mit Kamera... oder Video...“

„Des nennt man ‘online’.“, wurde sie von Vilsmayr belehrt. Sie blickte ihn beleidigt an: „Siegst es, ich bin a damischs Hascherl. Schon klar, dass solche Kurse blutnötig sind für mich...“

Ihr Mann beeilte sich, hinter sie zu treten und seine Arme um ihre Schultern zu legen. „Lernen ist für jeden nötig. Und auch Kochbücher von der Neureiter Christl schreiben sich nicht von alleine so gut, dass sie auch von Saupreußen gelesen und vor allem verstanden werden können. Entschuldige schon, der damische Hirsch, das bin wohl ich!“ Um seine Rede zu verdeutlichen, drückte er ihr einen zarten Kuss auf den Scheitel. „Und an was für einem Kurs hast du teilgenommen?“

„An einem mit richtiger Videoschaltung. Mit sechs anderen Teilnehmern. Jedes Mal eine andere Aufgabe, die anderen und ich haben unsere Texte hinschicken müssen als E-Mail. Der Klausi hat mir gezeigt, wie das geht...“

Vilsmayr strich sich übers Kinn. „Darf ich des Diplom denn sehen?“, begehrte er zu wissen. „Freili!“ Luitgard sprang beflissen auf und machte sich, wo auch sonst als in der Küche, zu schaffen. Wenn ich jemals, kam es Vilsmayr dabei in den Sinn, nach irgendwelchen Indizien oder Corpora delicti im Zusammenhang mit Luitgard suchen müsste, dann in unserer Küche...

Luitgard kehrte mit einem nicht eben bemerkenswerten Blatt Papier zurück, das sie in eine Plastikhülle mit gelochtem Rand gesteckt hatte. „Hier, schau, Emmeran!“

Er musterte das lieblos gestaltete Diplom, auf dem sogar der Vorname seiner Frau falsch geschrieben war: Liutgart statt Luitgard. Oder der Diplomaussteller beharrte aus welchen Gründen auch immer auf der althochdeutschen Version. „Liutgart Vilsmayr hat vom 12. März bis zum 19. Mai 2019 erfolgreich am online-Seminar ‘Creative Writing’ teilgenommen. Die Kursgebühren von -“ aha, jetzt kam der Diplomiermeister zu dem, was ihm möglicherweise wichtiger war als Lerninhalte - „Euro 500,- wurden beglichen. Gezeichnet - Thomas Stephan, Nördlingen, den....“ „Sauber.“, meinte er tonlos.

„Die fünfhundert Euro waren von meinem Sparbuch.“, erklärte Luitgard beflissen.

‘Aber die zweitausendfünfhundert, die hast du dir dafür ohne mich zu fragen abgezweigt.’, - diese Erwiderung wäre ihm zu jeder anderen Zeit über die Lippen gekommen. Warum jetzt nicht? Flog da plötzlich ein unsichtbarer Engel der Güte durchs Zimmer? Nein. Vilsmayr war gedanklich nur einen Schritt weiter. „Handelt es sich bei ‘Thomas Stephan’ zufällig auch um deinen Verleger? Der nicht liefert?“

Luitgard schlug sich die Finger ihrer rechten Hand vor den Mund. „Wie kommst darauf, Emmeran?“, murmelte sie.

Er hielt ihr das noble Diplom in seiner PET-Folie unter die Nase, mit einem seiner dicklichen Finger auf eine kleingedruckte Unterzeile zeigend. „Weil da steht ‘Himmelswiese-Verlag - Nördlingen. HRN 12006401525 Sitz Donauwörth’. Eine offizielle Geschäftsadresse.“

Sie warf ihm von unten so eine Art Dackelblick zu. Eigentlich ihre allerausgeschamteste Waffe, wenn sie etwas Ungeheuerliches bei ihm durchsetzen wollte. „Umsonst bist du nicht Erster Kriminalhauptkommissar!“, stellte sie fest. Er räusperte sich nur, bevor er sich endlich wieder setzte.

„Also“, hob Luitgard an und schien nach Worten zu ringen, „das handhaben größere Verlage so, die richtigen Gewinn machen. Kleine Verlage, so hat es mir der Herr Stephan erklärt, also für die ist es zunächst einmal ein Risiko, ein Buch von jemandem herauszubringen, der überhaupt nicht bekannt ist. Oder das Buch ist nichts Neues - so wie mein Kochbuch. Und das Buch muss lektoriert werden...“

„Lektoriert - so was wie überarbeitet?“, hakte Vilsmayr nach.

„Nicht so ganz. Überarbeiten muss es der Autor. Wenn der Lektor, in meinem Fall die Lektorin, grobe Fehler findet. Oder der Schreibstil ist schlimm. Das Lektorat kostet auch Geld, denn ein kleiner Verlag kann sich’s nicht leisten, eigens Lektoren anzustellen. Das, so hat’s mir der Thomas Stephan aufgesteckt, geht dann auf Stundenhonorar....“

„... was sich bei so etwas Hochintellektuellem wie einem bayerischen Kochbuch dann schon einmal locker auf zweieinhalbtausend belaufen dürfte? Erzähl bitte keinen Schmarrn!“, ereiferte sich Vilsmayr.

„Na, nicht bloß Lektorat. Da kommen noch der Satz, das Layout, die Gestaltung vom Cover und den Klappentexten, der Druck, der Vertrieb...Und den Druckauftrag, den hat er irgendwelchen Slowenen oder Polen wieder entziehen müssen. Jetzt will er das Kochbuch in der Slowakei drucken lassen. Das ist nämlich billiger...“, zählte Luitgard auf, bis Vilsmayr eine abwehrende Handbewegung machte.

„Das, Haserl, sind alles ganz normale Schritte in der Entwicklung. Wenn ein Fabrikant bei jemandem die Lizenz für ein neuartiges Produkt kauft, dann produziert er alles, aber auch alles, auf eigenes Risiko. Der Lizenzgeber ist bei der gesamten Finanzierung außen vor. Und beim Risiko, dass sich des Glump nicht verkauft, auch.“, erklärte er.

Luitgard starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Und mit ebensolchem Mund. „Jetzt, wo du’s sagst...“ Sie drückte ihre Hand auf die Augen und schüttelte sich leicht. Schluchzte sie wirklich leise - oder bildete er sich das am nur Ende ein? „Was bin ich bloß für eine damische Kuh!“, hauchte sie. „Und was hab ich jetzt davon? Noch nicht mal meine 20 Autorenexemplare, die im Vertrag stehen...“

Vilsmayr war bemüht, sich so vorsichtig auszudrücken wie ihm möglich war. „Wenn ich es richtig berechnet habe, hast du für jedes Exemplar von ‘Großmutter Christls Bayerisches Kochbuch’ diesem sauberen Herrn Stephan zehn Euro und fünfzig Cent bezahlt. Ohne bisher die Ware zu Gesicht bekommen zu haben...“

Mittlerweile liefen die Tränen über Luitgards Gesicht hinab. Ohne lange nachzurechnen, korrigierte sie: „Zwanzig Euro. Und fünfzig Cent...“

Kopfschüttelnd kommentierte Vilsmayr: „Weißt du Haserl, wie ein Jurist das nennt, wenn jemand bezahlte Ware ohne nachweisbaren Grund oder das Einwirken höherer Gewalt nicht vertragsgemäß liefert?“ Luitgard schluckte. „Betrug?“, erwiderte sie zögernd. „Genau. Betrug. Und Betrug wird, wenn er zur Anzeige gebracht und nachgewiesen wird, dann auch strafrechtlich verfolgt.“

Wie immer, wenn sie sich in einem momentan unlösbaren Dilemma befand, kaute Luitgard auf dem Nagel ihres linken Daumens herum. Dann sprang sie abrupt auf. „Ich hol des Geld wieder! Ich schwör’s bei Großmutter Christls Grab und Gebeinen!“, stieß sie hervor.

Vilsmayr erschrak fast vor der wütenden Entschlossenheit seiner 159cm großen Ehefrau. Dann erhob er sich ebenfalls. „Und ich, ich helf dir dabei! Diesen Urlaub, den ich nicht gewollt habe, den werde ich sinnvoll ausnutzen!“