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Mitreißendes Jugendbuch über das Geheimnis von Kaspar Hauser Nürnberg 1829. Greta hastet durch dunkle Gassen. Sie muss Kaspar Hauser treffen, den mysteriösen Fremden, der allen ein großes Rätsel aufgibt. Wurde er als Kind tatsächlich viele Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten, wie er behauptet? Gemeinsam mit ihrem Vater, dem berühmten Meisterdetektiv Dr. Grimaldi, stößt Greta auf ein immer größeres Dickicht aus Täuschungen und Geheimnissen …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Nürnberg 1829. Greta hastet durch dunkle Gassen. Sie muss Kaspar Hauser treffen, den mysteriösen Fremden, der allen ein großes Rätsel aufgibt. Wurde er als Kind tatsächlich jahrelang in einem Keller gefangen gehalten, wie er behauptet? Gemeinsam mit ihrem Vater, dem berühmten Meisterdetektiv Dr. Grimaldi, stößt Greta auf ein immer größeres Dickicht aus Täuschungen und Geheimnissen …
© Tamara Casula
Davide Morosinotto wurde 1980 in Norditalien geboren. Bereits mit 17 Jahren schrieb er seine erste Kurzgeschichte. Seitdem hat er über 30 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Sein Kinderbuch „Die Mississippi-Bande“ wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Für sein Jugendbuch „Shi Yu“ wurde er mit dem „Premio Strega“, dem wichtigsten Literaturpreis Italiens ausgezeichnet. Davide Morosinotto lebt als Autor, Journalist und Übersetzer in Bologna.
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Davide Morosinotto
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Thienemann
Liebe Leser:in,
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Davide Morosinotto und das Thienemann-Team
Der Doktor erreichte Nürnberg in einer Wolke verborgen.
In Wirklichkeit war es nur der Staub, den sein Vierspänner aufgewirbelt hatte. Die Leute aber würden diesen Moment später immer genau so vor Augen haben und sich an einen Wirbel erinnern, der auf die Stadt zukam, untermalt vom Hufgeklapper der Pferde, den Rufen des Kutschers und einem allgemeinen Gefühl von Chaos. Von Hast. Und von etwas Geheimnisvollen.
Es war im August des Jahres 1829, gegen drei Uhr nachmittags, und so heiß, dass sogar vornehme Herren ohne Jacke und Hut unterwegs waren.
Als sich die Wolke näherte, rief jemand: »Vorsicht!«, Kinder lachten, Hunde bellten und alle traten zur Seite. Die Wolke erreichte den Graben vor der Nürnberger Stadtmauer, überwand die Brücke und rollte unter dem Neutor hindurch. Dann hielt sie an und verwandelte sich innerhalb weniger Sekunden von einer Wolke in eine Kutsche, gezogen von vier Pferden mit Schaum am Maul und staubbedecktem Rücken.
Auch der Kutscher mit seinem hohen Zylinder und der Peitsche in der Hand sah sehr mitgenommen aus – wie ein Teufel, der soeben der Hölle entkommen war.
»Was ist los?«, rief jemand aus dem Inneren der Kutsche. »Warum haben wir angehalten? Sind wir etwa am Ziel?« Er sprach Hochdeutsch mit einem starken ausländischen Akzent.
Der Kutscher kratzte sich an der Wange, sodass unter der Schmutzschicht ein Streifen seiner Haut zum Vorschein kam.
»Nein, mein Herr, verzeihen Sie«, antwortete er. »Wir sind in Nürnberg, aber … ab hier weiß ich den Weg nicht mehr.«
»Dann erkundigen Sie sich gefälligst. Los, wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Verlegen schaute der Kutscher sich um. Rasch hatte sich eine neugierige Menge versammelt.
»Pardon«, sagte er, ohne jemand Bestimmten anzusprechen. »Können Sie mir sagen, wo ich den Bayerischen Hof finde?«
Weil es ein Luxushotel und noch dazu das bekannteste der Stadt war, redeten alle gleichzeitig auf ihn ein.
Der Kutscher, der in dem Durcheinander der Stimmen nichts verstand, suchte sich einen in Lumpen gekleideten Jungen heraus. »Du da! Weißt du, wo es ist? Dann spring auf!«
Der Junge ließ sich das nicht zweimal sagen und kletterte auf den Kutschbock. Kaum hatte er es sich auf seinem Platz neben dem Kutscher bequem gemacht, da begann er auch schon, den anderen Kindern die Zunge rauszustrecken und Grimassen zu schneiden. Der Kutscher wollte ihm eine Ohrfeige verpassen, doch der Junge wich geschickt aus und erklärte ihm endlich den Weg.
Währenddessen beugten sich die beiden Passagiere der Kutsche vor, um aus den Fenstern zu schauen. Der eine war ein Mann, der wohl schon etwas älter war, auch wenn sein Haar keine einzige graue Strähne aufwies. Er besaß einen Schnurrbart von erstaunlichem Ausmaß. Aus dem Fenster an der anderen Seite schaute ein Mädchen von dreizehn oder vielleicht vierzehn Jahren. Ihre Augen waren so hell, dass sie beinahe weiß wirkten, und ebenso hell waren ihre Haare. Abgesehen davon aber sah sie dem Mann auffällig ähnlich: die gleiche hohe Stirn, die gleichen hervorstehenden Wangenknochen, die gleiche, leicht nach links geneigte Nase.
»Meine Herrschaften!«, rief der Kutscher. »Das ist der Bayerische Hof. Wir sind angekommen.«
Das Hotel, ein L-förmiges Gebäude, lag direkt an einem Fluss. Der Name prangte in zwei Sprachen vorn auf der Fassade: HOTEL BAYERISCHER HOF – HÔTEL DE BAVIÈRE. Es wirkte altmodisch und gleichzeitig elegant, mit einem viereckigen Türmchen und blumengeschmückten barocken Fenstern und Balkons.
Als die Kutsche in den Innenhof fuhr, sprang der Kutscher vom Bock, um die Tür zu öffnen und zuerst dem Mann und dann dem Mädchen beim Aussteigen behilflich zu sein. Der Straßenjunge hüpfte ohne fremde Hilfe herunter, ließ sich mit einer Münze entlohnen und lief davon.
Inzwischen war aus dem Hotel ein weiß gekleideter Portier getreten. Wegen der Hitze lief ihm der Schweiß über das Gesicht.
»Willkommen, meine Herrschaften. Was kann ich für Sie tun?«
Der Mann mit dem Schnurrbart erwiderte barsch: »Ich wünsche eine Suite zu mieten, und zwar die beste. Sie muss zwei getrennte Zimmer haben, für meine Tochter Greta und mich. Und sie muss im ersten Stock liegen, ich steige nicht gern Treppen. Vor allem aber muss die Suite ruhig sein, damit ich mich auf meine Arbeit konzentrieren kann.«
Der Portier hatte aufmerksam zugehört, denn aufgrund seines starken Akzents war der Mann schwer zu verstehen.
Er schaute zuerst den Mann und dann das Mädchen an. »Wird noch jemand anderes bei Ihnen wohnen? Eine Hauslehrerin für die junge Dame vielleicht?«
Der Mann mit dem Schnurrbart wurde vor Zorn ganz rot im Gesicht. »Eine Hauslehrerin? Was für ein Unsinn! Sehen Sie denn nicht, dass niemand sonst in der Kutsche sitzt? Wir sind einfach nur zu zweit, Greta und ich!«
Der Portier nickte verwirrt. In einem angesehenen Hotel wie diesem war es keinesfalls üblich, dass ein erwachsener Mann und ein junges Mädchen in derselben Suite übernachteten, auch dann nicht, wenn sie in getrennten Zimmern untergebracht waren. Andererseits handelte es sich ohne jeden Zweifel um einen Vater und seine Tochter, man sah es auf den ersten Blick.
»Worauf warten Sie denn noch?«
»Ich werde mich sofort um Ihr Anliegen kümmern«, entgegnete der Portier. »Darf ich fragen, wie lange Sie bei uns zu wohnen gedenken, mein Herr?«
»Was für eine Frage! So lange wie nötig natürlich.«
»Sehr wohl, der Herr. Ich lasse gleich Ihr Gepäck holen. Folgen Sie mir bitte, Sie auch, wertes Fräulein.«
Der Portier wandte sich um und wischte sich verstohlen mit einem Taschentuch über die Stirn. Nach kurzem Zögern folgte Greta ihm.
Bevor ihr Vater ebenfalls ins Hotel hineinging, rief er dem Portier zu: »Noch etwas: Schicken Sie sofort einen Boten zum Bürgermeister.«
Wie vom Blitz getroffen blieb der Portier stehen.
»Zum Bürgermeister, mein Herr?«, stammelte er verblüfft. »Zu Herrn Binder?«
»Na, offenbar haben Sie doch ein bisschen Grips im Kopf. Richtig, Binder. Schicken Sie jemanden zu ihm, und einen weiteren Boten zum Freiherrn von Tucher. Sie sollen Bescheid geben, dass Doktor Grimaldi soeben aus Italien eingetroffen ist und sie zu sehen wünscht. So bald wie möglich.«
Die Suite war exquisit eingerichtet. Sie bestand aus einem Wohnzimmer mit Esstisch, zwei grünen Samtsofas und einem großen grünen, mit Tänzerinnen bemalten Kachelofen. Türen links und rechts führten in die beiden Schlafzimmer. Das große Wohnzimmerfenster ging auf den Fluss hinaus.
Greta trat an dieses Fenster und lächelte erleichtert.
»Entspricht alles Ihren Wünschen?«, erkundigte sich der Portier, der die beiden hinaufbegleitet hatte.
»Keinesfalls«, erwiderte Gretas Vater. »Die Suite ist zu klein und man kann den Fluss riechen. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie viele Insekten …«
»Eigentlich …«, stammelte der Portier, »ist das unsere beste Suite, genau wie von Ihnen gewünscht. Ein glücklicher Zufall, dass sie überhaupt frei ist. Hier hat sogar schon mal ein russischer Fürst übernachtet.«
»Offenbar ein sehr genügsamer Fürst. Meine Tochter und ich sind weitaus Besseres gewohnt.«
In Wahrheit war Greta mit der Suite sehr zufrieden, doch niemand fragte sie nach ihrer Meinung. Ihr Vater verlangte, den Hotelbesitzer – einen Herrn Auernheimer – zu sprechen und sich von ihm persönlich alle freien Suiten zeigen zu lassen. Das würde einige Zeit in Anspruch nehmen, dachte Greta, und es würde auch noch dauern, bis der Bürgermeister und der Freiherr eintrafen. Somit hatte sie ein paar Stunden ganz für sich. Sie beschloss, diese für ihre eigenen Nachforschungen zu nutzen.
Sie kehrte in den Innenhof zurück, wo der Kutscher und zwei Hausdiener immer noch damit beschäftigt waren, das Gepäck auszuladen. Niemand achtete auf Greta. Sie würden mich nicht einmal bemerken, wenn ich sie anrempeln würde, dachte sie. Sie war ja nur die Tochter des Doktors, eine Nebenfigur. Unsichtbar. Aber das hatte durchaus seine Vorteile.
Als sie draußen auf der Straße war, musste Greta unwillkürlich lachen. Endlich allein! Noch dazu in einer fremden Stadt und auf der Spur eines Geheimnisses!
Die Innenstadt von Nürnberg war von einer mittelalterlichen Stadtmauer umgeben und wurde von einem Fluss, der Pegnitz, in zwei Hälften geteilt. Über mehrere Brücken gelangte man von einem Teil der Stadt in den anderen.
Greta schlug eine Richtung ein, die ihr vielversprechend erschien. Als ihr ein elegant gekleideter Herr entgegenkam, deutete sie einen Knicks an und fragte: »Entschuldigen Sie, könnten Sie mir sagen, wie ich zum Unschlittplatz komme?«
Nachdem der Mann begriffen hatte, dass sie ihn tatsächlich angesprochen hatte, kratzte er sich unter dem Zylinder am Kopf. »Äh … ähm …« Er hüstelte. »Haben Sie sich verirrt, wertes Fräulein?«
»Nein, eigentlich nicht. Ich weiß, wo ich hergekommen bin, und würde dorthin auch zurückfinden. Aber ich wüsste gerne, wo der Unschlittplatz ist.«
»Und Sie haben niemanden, der Sie begleitet?«
Offenbar war es in dieser Stadt nicht üblich, dass Mädchen aus gutem Hause allein unterwegs waren.
»Meine Gouvernante wartet auf mich«, sagte Greta deshalb lächelnd. »Ich habe in einem Geschäft getrödelt und wir wollten uns am Unschlittplatz wieder treffen.«
Beruhigt erklärte ihr der Mann, wie sie zu dem von ihr gesuchten Platz kam.
Kurz darauf hatte Greta ihr Ziel erreicht. Der Unschlittplatz sah nicht besonders interessant aus: ein kleiner, von Fachwerkhäusern umgebener Platz mit einigen bescheiden wirkenden Geschäften und wenigen Bäumen.
»Und doch hat hier alles angefangen«, sagte sie zu sich selbst.
Eine Geschichte voller Entführungen, Verhaftungen und Verbrechen. Um sie aufzuklären, waren sie und ihr Vater hierher nach Nürnberg gekommen.
Greta prägte sich den Platz und seine Umgebung in allen Einzelheiten ein. Anschließend kehrte sie ins Hotel zurück.
Als sie die Treppe zum ersten Stock hinaufgegangen war, sah sie, dass ihr Vater sich doch für die erste Suite entschieden hatte, die ihnen gezeigt worden war – dieselbe, in der Greta wohlweislich schon ihre Tasche abgestellt hatte.
Der Doktor aber diskutierte bereits wieder mit einem Hotelangestellten.
»Was soll das heißen, dass der Freiherr mich zu sich nach Hause einlädt?«
»Äh … also, der Freiherr … Er möchte Sie zu sich bitten …«
»Aber davon kann keine Rede sein! Lauf sofort zu ihm zurück und sage ihm, dass er herkommen soll!«
»Aber, werter Herr«, protestierte der Page. »Das wird dauern und Sie sagten doch, dass es eilig ist …«
»Eben weil es eilig ist, solltest du unverzüglich zu ihm gehen. Und davor reservierst du mir einen Tisch im Restaurant für Punkt sieben Uhr heute Abend.«
Der Doktor schloss hinter dem Pagen die Tür. Erst jetzt schien er Gretas Anwesenheit zu bemerken und seufzte.
»Was hältst du davon, Greta?«
Er sprach jetzt nicht mehr Deutsch, sondern Italienisch.
»Wovon?«, fragte sie in derselben Sprache zurück. »Vom Abendessen beim Freiherrn?«
»Nein, von diesem Hotel.«
»Ich glaube, dass wir uns hier wohlfühlen werden«, antwortete Greta lächelnd.
»Gesegnet sei der Optimismus der Jugend … Nun gut, packen wir erst einmal aus.«
In ihren Koffern und Truhen befanden sich vor allem Bücher, die Greta und ihr Vater in allen verfügbaren Regalen unterbrachten. Als sie dort keinen Platz mehr fanden, stapelten sie den Rest auf Kommoden und auf dem Fußboden.
Um halb sieben zogen sie sich um und gingen in den eleganten Speisesaal hinunter, der von Öllampen erhellt wurde. Er war beinahe leer, bis auf ein Paar, das bereits mit dem Abendessen fertig war, einigen Geschäftsleuten und einem kränklich wirkenden Mann, der mit trauriger Miene heißes Wasser aus einer Tasse trank.
Der Doktor bestellte für Greta und sich eine Hühnerpastete als Vorspeise, gefülltes Rebhuhn mit Trüffeln, Hammelkoteletts Pompadour und glasierte Ente mit Maronenfüllung.
»Darf ich auch einen Nachtisch haben?«, bat Greta und entschied sich für eine Aprikosencreme mit Erdbeergelee.
Es schmeckte vorzüglich, dennoch hatte ihr Vater an allem etwas auszusetzen.
Greta hatte die Hälfte ihrer Aprikosencreme gegessen, als ein Hoteldiener an ihren Tisch trat. »Freiherr von Tucher und der Bürgermeister sind soeben eingetroffen. Was soll ich ihnen sagen?«
Der Doktor tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab. »Wir müssen uns über wichtige Angelegenheiten unterhalten. Deshalb werde ich sie in meiner Suite empfangen. Schicken Sie die Herren in zehn Minuten hinauf. Ein Kellner soll uns Cognac bringen. Ich hoffe, dass der besser ist als die Weine, die Sie uns bisher serviert haben.«
Eine Viertelstunde später saßen der Freiherr und der Bürgermeister auf den grünen Samtsofas und blickten den Doktor erwartungsvoll an.
Greta saß abseits, auf einem Stuhl neben dem Fenster. Niemand hatte sie auch nur eines Blickes gewürdigt. Vermutlich hatten die beiden Besucher ihre Anwesenheit nicht einmal bemerkt. So wie immer.
Doktor Grimaldi nahm einen Schluck Cognac. »Also, meine Herren, wo wollen wir anfangen?«
Der Bürgermeister lockerte den Knoten seiner dicken Seidenkrawatte. »Ich würde mit dem Dringlichsten beginnen: der Tatsache, dass ein Leben in Gefahr ist.«
»Vor ungefähr zwei Monaten erhielt eine unter unserem Schutz stehende Person einen anonymen Brief. Zwei weitere folgten. Die Kopien der Briefe sind in dem Päckchen enthalten, das wir Ihnen zugesandt haben. Aber ich habe auch die Originale dabei.«
Aus seiner Jackentasche zog der Bürgermeister einige von einem cremefarbenen Band zusammengehaltene Blätter und überreichte sie Gretas Vater.
Doktor Grimaldi entfernte das Band und begann zu lesen. Als er fertig war, streckte er Greta die Blätter entgegen. Der Freiherr bemerkte erst jetzt ihre Anwesenheit.
»Das Fräulein bleibt, um uns Gesellschaft zu leisten?«, fragte er auf Französisch. Er klang alles andere als begeistert.
»Meine Tochter«, erwiderte der Doktor, »begleitet mich überallhin und hilft mir bei meiner Arbeit. Sie ist gebildet und scharfsinnig, spricht fünf Sprachen und verfügt über ein phänomenales Gedächtnis.«
Verlegen nahm Greta ihm die Briefe ab und las sie aufmerksam durch. Für alle drei waren das gleiche Papier und offenbar auch die gleiche Tinte benutzt worden, doch die Schriften unterschieden sich voneinander.
Im ersten Brief stand: Ich werde dich umbringen, Kaspar Hauser.
Im zweiten: Kasper, bereite dich darauf vor zu sterben.
Und im dritten: Du wirst sterben, bevor du Nürnberg verlässt.
Greta sagte den Namen leise vor sich hin: »Kaspar Hauser.«
»Wir haben lange nachgedacht, ob wir Sie um Hilfe bitten sollen, Herr Doktor«, sagte der Bürgermeister. »Aber Sie sind uns von Herrn von Feuerbach empfohlen worden, dem Präsidenten des Appellationsgerichts von Ansbach.«
»Ich kenne ihn.«
»Außerdem war es unsere Pflicht, Vorkehrungen zu treffen. Ein Junge läuft Gefahr, ermordet zu werden. Und es ist nicht irgendein Junge.«
»Ich bin Arzt«, erwiderte Grimaldi, »und ich habe geschworen, jedes Menschenleben auf jede mir nur mögliche Weise zu retten … Sei es durch Wissenschaft oder aber durch meine Fähigkeit, Kriminalfälle zu lösen.«
»Nichtsdestotrotz«, schaltete der Freiherr sich ein, »dürfen wir nicht vergessen, dass Kaspar Hauser kein gewöhnlicher Junge ist. Das ist Ihnen sicherlich bekannt.«
»Nein, ich muss zugeben, dass ich nichts darüber weiß.«
»Aber Sie werden doch im letzten Jahr Zeitungen gelesen haben! Zudem haben wir Ihnen umfangreiche Dokumente zugesandt. Sie hatten sicherlich Gelegenheit, sie durchzusehen …«
»Nein, nein, ich habe nichts davon gelesen. Stellen Sie sich vor, dass Sie vor einem Mann stehen, der bisher auf dem Mond gelebt hat und nichts über die Welt und all ihren Klatsch und Tratsch weiß.«
Der Bürgermeister wirkte peinlich berührt, der Freiherr war wütend.
»Mein Herr! Über Ihre Unverschämtheit, meine Einladung zum Abendessen abzuschlagen, kann ich noch hinwegsehen, aber dieses Verhalten … So zu tun, als wüssten Sie nicht, wer Kaspar Hauser ist!«
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte Greta, die immer noch abseits auf ihrem Stuhl saß. »Ich versichere Ihnen, dass niemand Sie beleidigen will. Haben Sie bitte Vertrauen: Mein Vater hat so seine Methoden.«
Der Freiherr schüttelte den Kopf, während der Bürgermeister sich darauf beschränkte, abermals an seinem Cognac zu nippen.
»Ich erhielt Ihre Nachricht, als ich mich in Mailand aufhielt«, erwiderte Doktor Grimaldi. »Und das war ein Glück, da meine Tochter und ich uns gerade anschickten, in unser geliebtes Sizilien zurückzukehren. Von dort aus wäre die Reise zu Ihnen allzu weit gewesen. Doch das Schicksal wollte, dass ich Ihre Nachricht erhalte. Deshalb ersuche ich Sie, mir alles gründlich und von Anfang an zu schildern.«
Der Bürgermeister fischte eine Handvoll trockener Blättchen aus einer silbernen Tabakdose, stopfte damit seine Pfeife und zündete sie an.
»Wenn es so ist … Aber es ist eine lange Geschichte.«
»Es war vor etwas mehr als einem Jahr. Am 26. Mai 1828, um genau zu sein, dem Pfingstmontag. Gegen Mittag fiel dem Schuhmachermeister Herr Weickmann, dessen Werkstatt sich am Unschlittplatz befindet, ein seltsamer junger Mann auf, der vor der Werkstatt auf etwas zu warten schien. Er war wie ein Bauer gekleidet, hielt seinen Hut in der Hand und schaute sich um. Weickmann dachte, dass er vielleicht fremd in der Stadt war, und ging hinaus zu ihm. Der junge Mann hielt ihm einen Brief entgegen. Er war an den Rittmeister von Wessenig adressiert, Befehlshaber eines hier in der Stadt stationierten Regiments. Ich weiß nicht, ob Ihnen diese Informationen genügen … in den Unterlagen wird alles detailliert geschildert.«
Greta versuchte sich zu erinnern, wo am Unschlittplatz sie die Schuhmacherwerkstatt gesehen hatte. Ja: im dritten Gebäude auf der rechten Seite.
»Weickmann begleitete den Unbekannten zur Kaserne und versuchte unterwegs, sich mit ihm zu unterhalten. Doch das Einzige, was der Junge sagte, war: ›Ein solcher Reiter möchte ich werden, wie mein Vater gewesen ist.‹ In dem Brief, der anonym war, stand, dass der Junge eingezogen werden solle, da dort, wo er herkomme, kein Platz für ihn sei. Alles war sehr seltsam, denn außer diesem einen auswendig gelernten Satz sprach der Junge kein Wort Deutsch. Da man in der Kaserne nichts mit ihm anzufangen wusste, wurde er schließlich zur Kaiserburg geführt, in der auch das Gefängnis untergebracht ist.«
»Sie haben ihn ins Gefängnis gesperrt?«, unterbrach Grimaldi den Bürgermeister. Sein breiter Schnurrbart bebte.
Binder nickte verlegen. »Es erschien uns als die beste Lösung … Der Junge war uns ein Rätsel. Er hatte weder an den Händen noch an den Füßen Hornhaut, also konnte er kein Bauer sein. Er hatte die bleiche Haut eines Menschen, der noch niemals draußen an der Luft gewesen war, und auf beiden Armen fanden wir bei ihm Impfnarben.«
»Ah!«, unterbrach Doktor Grimaldi ihn abermals. »Folglich ein Adeliger?«
»Nicht unbedingt. Hier in Bayern impfen wir auch die einfachen Leute. Wie schon gesagt sprach der Junge kein Deutsch und auch keine andere Sprache. Aber er konnte seinen Namen schreiben: Kaspar Hauser.«
Greta versuchte, sich die Gefühle dieses Jungen vorzustellen, seine Verwirrtheit und seine Angst, als er in ein Gefängnis gesperrt wurde.
»Um es kurz zu machen«, fasste der Bürgermeister zusammen, »wir begriffen schließlich, dass Kaspar ein friedliches Wesen hat, und brachten ihn im Haus eines jungen Gymnasiallehrers unter: bei Professor Daumer. Dort wohnt der Junge derzeit. Innerhalb weniger Monate vermochte Daumer ihm Deutsch beizubringen, sodass Kaspar uns seine Geschichte erzählen konnte, die tatsächlich unglaublich klingt.«
Tja, dachte Greta. Das war auch der Grund, warum der Junge mittlerweile in ganz Europa berühmt war, warum Adelige ihn zu sich einluden und die Zeitungen ihm Artikel auf den ersten Seiten widmeten.
»Anscheinend kam Kaspar im Jahr 1812 zur Welt, somit müsste er inzwischen siebzehn Jahre alt sein. Allerdings wirkt er weitaus jünger.« Der Bürgermeister legte eine kleine Pause ein. »Die Geschichte, die er uns erzählt hat, ist wirklich eigenartig. Er behauptet, jemand habe ihn jahrelang gefangen gehalten, besser gesagt: sein ganzes bisheriges Leben lang. Wir konnten nicht aus ihm herausbekommen, wo das gewesen sein soll, aber mit Sicherheit war es nicht in Nürnberg. Kaspar hat uns ein dunkles, fensterloses Zimmer beschrieben. In seiner Zelle war es so eng, dass er mit ausgestreckten Armen zwei gegenüberliegende Wände gleichzeitig berühren konnte. Darüber hinaus war er gefesselt, damit er nicht fliehen konnte. Seine Ernährung bestand ausschließlich aus Wasser und Brot. Sein Magen hatte sich in solchem Maße daran gewöhnt, dass er bis heute Schwierigkeiten hat, etwas anderes zu sich zu nehmen. Hin und wieder wurde er von seinen Kerkermeistern mit Drogen betäubt und stellte dann beim Erwachen fest, dass er gesäubert und umgezogen worden war. Jahrelang hat niemand zu ihm gesprochen, er hat die Sonne nicht gesehen, und es ist ein Wunder, dass er nicht erblindet ist. Dann, eines Tages, wurde er plötzlich freigelassen. Ein Mann kam in die Zelle, brachte dem Jungen bei, seinen Namen zu schreiben, gab ihm den Brief, begleitete ihn bis in die Stadt und verschwand. Wir wissen nicht, wer der Mann ist, denn niemand hat ihn gesehen, nicht einmal Kaspar. Offensichtlich gelang es dem Unbekannten, sich stets hinter Kaspars Rücken zu verbergen oder sein Gesicht zu bedecken. Die Hinweise des Jungen, wo sich sein Gefängnis befand, sind noch spärlicher. Es könnte überall gewesen sein.«
Alle schwiegen. Die Luft war von Pfeifenrauch und Cognacduft erfüllt.
»Es handelt sich zweifellos um einen einzigartigen Fall«, sagte Grimaldi. »Doch diese Ereignisse liegen ein Jahr zurück. Glauben Sie, dass sie mit den Drohbriefen in Zusammenhang stehen?«
»Möglicherweise«, erwiderte der Bürgermeister. »Aber wir wissen es nicht. Die Briefe könnten von einem Verrückten abgeschickt worden sein … Oder aber von jenem Kerkermeister, der den Jungen so lange gefangen gehalten hat. Auf jeden Fall ist Kaspar in Gefahr. Und es ist unsere Pflicht, einen Mord zu verhindern.«
Als Greta diese Worte hörte, richteten sich die Härchen in ihrem Nacken auf. Bei Tage war ihr Nürnberg wie eine wohlhabende und anmutige Stadt vorgekommen, doch die nur schwach erhellte Suite vermittelte ihr mit einem Mal einen ganz anderen Eindruck.
Sogar das Rauschen des Flusses draußen vor dem Fenster kam ihr nun beunruhigend vor.
Doktor Grimaldi hatte gelogen.
Greta konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie vor zwei Wochen das Päckchen aus Nürnberg erhalten hatten. Es enthielt Hunderte von Papierblättern: eine von Bürgermeister Binder und dem Freiherrn unterzeichnete Nachricht sowie zahlreiche andere Unterlagen, darunter auch eine Bekanntmachung, die Binder im Oktober 1828 hatte verbreiten lassen. Darin wurde ausführlich Kaspar Hausers Geschichte geschildert. Außerdem waren mehrere Zeugenberichte beigelegt gewesen, Zeitungsausschnitte sowie Kopien der Drohbriefe.
»Worum geht es?«, hatte Greta gefragt. Das Päckchen hatte sie neugierig gemacht.
»Lies du dir das auch durch. Und geh packen, es wird Zeit, dass wir uns von Mailand verabschieden.«
»Fahren wir nach Sizilien zurück?«
»Eher nicht.«
Greta hatte gelächelt. Seit ihre Mutter gestorben und sie selbst aus der Klosterschule der frommen Schwestern hinausgeworfen worden war, war sie mit ihrem Vater gereist und hatte bald gemerkt, dass sie dieses Nomadenleben ebenso liebte wie das Lösen von rätselhaften Kriminalfällen. In Mailand hatten sie einem Mann geholfen, der fälschlicherweise eines Mordes angeklagt worden war, aber dieser Fall war nun gelöst und Greta hatte schon angefangen, sich zu langweilen. Also waren sie und ihr Vater in eine Kutsche gestiegen und hatten eine lange Reise zurückgelegt, die sie über den Gotthard-Pass auf die andere Seite der Alpen und durch die Schweiz hierher nach Bayern geführt hatte.
Während der Reise hatten sie den Inhalt des Päckchens mindestens zehnmal von vorne bis hinten gelesen. Also ja, Doktor Grimaldi hatte tatsächlich gelogen: Greta und er wussten bereits alles, was es über Kaspar Hauser zu wissen gab.
Allerdings war es ihnen wichtig gewesen, sich die ganze Geschichte noch einmal von Bürgermeister Binder erzählen zu lassen, einfach weil sich eine Geschichte mit jeder Wiederholung verändert. Greta war das schon oft aufgefallen. Wenn jemand etwas mehrmals erzählt, entscheidet er immer wieder neu, was er sagen und was er ungesagt lassen will, und dadurch kommen neue verräterische Hinweise ans Licht.
So stand beispielsweise in den Unterlagen, dass Kaspar Hauser nur an einem Arm eine Impfnarbe habe, während Binder gerade gesagt hatte, er habe an beiden Armen welche. Auch stand in den Unterlagen, dass in Kaspars Zelle etwas Licht eingedrungen sei und dass Kaspar, als er in Nürnberg eintraf, so etwas Ähnliches wie Deutsch gesprochen hatte.
Greta vertraute eher den Unterlagen, denn wie sollte sich ein Junge, der fünfzehn Jahre lang im Dunkeln eingesperrt gewesen war und noch nie einen Menschen sprechen gehört hatte, innerhalb weniger Tage an das Tageslicht gewöhnen und eine Sprache erlernen?
Möglicherweise hatten die Unterschiede in den Aussagen keine Bedeutung, aber das ließ sich jetzt noch nicht beurteilen. Also beschränkte Greta sich darauf, zuzuhören und sich das Gehörte zu merken. Früher oder später würde sie begreifen, was wirklich geschehen war. Da war sie sich sicher: So war es schon immer gewesen.
Am folgenden Morgen wurde sie vom hellen Sonnenlicht geweckt, wegen der nächtlichen Hitze hatten sie die Fensterläden nicht geschlossen. Ihr Vater schlief noch.
Bemüht, möglichst leise zu sein, wusch Greta sich in der bereitstehenden Waschschüssel, bürstete ihr langes blondes Haar gründlich durch und verließ die Suite. Nach dem Besuch der Toilette am Ende des Ganges ging sie hinunter in den Speisesaal und bestellte sich ein Glas warme Milch und ein Stück Nusstorte. Greta wusste, dass man in Deutschland eher herzhaft frühstückte. Doch sie war Italienerin und liebte Süßes. Deshalb die Torte, von der ein großzügig geschnittenes Stück serviert wurde.
Während sie aß, bemerkte sie an einem anderen Tisch einen Mann, der ihr bereits am Vorabend aufgefallen war: der Herr, der heißes Wasser getrunken hatte. Er wirkte unglücklich und hatte dunkle Ringe unter den Augen.
»Fräulein Grimaldi«, rief er zu ihr herüber. »Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.«
Greta schaute ihn schweigend an. Sie wurde nicht gerne beim Essen gestört.
Doch der Mann ließ sich dadurch nicht abschrecken. »Abraham Wassermann, zu Ihren Diensten. Ich bin der Herausgeber der Zeitung Allgemeines Intelligenzblatt der Stadt Nürnberg.«
Also war er Journalist.
»Es ist eine Ehre für unsere Stadt, einen derart illustren Gast wie Ihren Vater beherbergen zu dürfen. Darf ich nach dem Grund seines Besuchs fragen? Ihr Vater ist weithin berühmt und Nürnberg eine eher ruhige Stadt … Könnte der Besuch in Zusammenhang mit unserem geschätzten Kaspar Hauser stehen?«
Greta zuckte zusammen, was bei Wassermann einen Lachanfall auslöste. »Dann habe ich also richtig geraten. Aber machen Sie sich keine Gedanken, das war ein ziemlich leichtes Rätsel. Ich habe gestern den Bürgermeister und den Freiherrn hier im Hotel gesehen. Ich nehme an, dass die beiden auch die Hotelrechnung begleichen werden. Oder übernimmt das die Stadt? Ein schöner Batzen Geld!«
Greta ging auf, dass der Mann am Vorabend vielleicht nur deshalb heißes Wasser getrunken hatte, weil es das billigste Getränk auf der Karte war.
»Wenn Sie wollen, können Sie mit meinem Vater sprechen«, sagte sie. »Sie müssen allerdings warten, bis er aufgestanden ist.«
Damit erhob sich Greta von ihrem Platz und ließ mit Bedauern den Rest des Tortenstücks zurück.
Draußen schien die Sonne und Greta spazierte einfach los, ohne ein besonderes Ziel. Nach einer Weile stand sie auf dem Hauptmarkt, einem belebten Platz voller Marktstände. Auf der einen Seite grenzte der Platz an eine stattliche Kirche, an deren Fassade eine große Uhr angebracht war. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein Brunnen mit einem kunstvoll gefertigten goldenen Türmchen, das von Statuen umgeben war. Das Wasser sprudelte aus vier Speiern. Greta fiel auf, dass die Marktfrauen ihre Krüge jedoch an einem anderen, bescheidener aussehenden Springbrunnen füllten. Dabei unterhielten sie sich in ihrem Dialekt.
Einem plötzlichen Einfall folgend ging Greta zu einem Mädchen in ihrem Alter, das in der Schlange ganz hinten stand, und fragte sie nach dem Haus des Freiherrn von Tucher.
»Welches Haus?«, entgegnete das Mädchen. »Hier in der Stadt hat er viele.«
»Und in welchem davon könnte ich ihn finden?«
Das Mädchen antwortete, dass eine der Villen der Familie von Tucher nicht weit entfernt sei, und erklärte Greta den Weg.
Es dauerte eine Weile, bis Greta schließlich vor einer Villa stand, die beinahe so groß und eindrucksvoll war wie der Bayerische Hof. Freiherr von Tucher hatte sie am zurückliegenden Abend neugierig gemacht. Er war noch ziemlich jung, wirkte durch seine steife Ernsthaftigkeit jedoch wesentlich älter. Ob er etwas zu verbergen hatte? Auf jeden Fall musste sie sich einen vernünftigen Grund für einen Besuch bei ihm einfallen lassen, zumal er vielleicht auch nicht zu Hause war.
Greta überlegte immer noch, als sich plötzlich die Haustür öffnete. Ein pelziger Blitz schoss hinaus, sauste quer über die Straße und schlüpfte unter ihre langen Röcke. Greta hielt das kleine dunkle Etwas für eine Maus und schrie laut auf. Sie sprang zur Seite, doch das Wesen krallte sich außen an ihrem Kleid fest und kletterte daran hinauf, bis es auf der Höhe von Gretas Brust war.
Geistesgegenwärtig packte Greta das Tier, das sich in ihrem festen Griff wand, und blickte fassungslos in die runden Augen eines Affen. Oder, besser gesagt, eines Äffchens: Es war kaum größer als ein Eichhörnchen, sehr schlank und hatte einen langen schwarzen Schwanz. Auch am Körper war es schwarz, während die Arme weiß waren und das lange weiße Fell das Gesicht fast wie ein Kapuze einrahmte.
