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37 Jahre war Greta an der Seite des SPD-Politikers Herbert Wehner: als Bürochefin, Fahrerin, Mitarbeiterin, Begleiterin, Ehefrau und Pflegerin. An Greta Wehner ist, so Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, "eine Politikerin verlorengegangen". Ihr Weg ist kein typischer Lebenslauf – und auch keine typische Emanzipationsgeschichte. Greta entsprach keinem Klischee. Viele der in sie gesetzten Erwartungen, erfüllte sie nicht. Aber auf ihre eigene Art und Weise übertraf Greta alle Erwartungen. Sie behauptete sich im Politbetrieb, als dieser noch mehr denn je eine reine Männerdomäne war. Dabei setzte sie ihr Leben lang Maßstäbe für mitmenschliches, demokratisches und solidarisches Handeln. Über 20 Jahre gehörte der Autor Christoph Meyer zu den engsten Begleitern von Greta Wehner. Er konnte auf ihren gesamten Nachlass zurückgreifen. Herausgekommen ist eine gleichermaßen spannende wie persönliche Biografie.
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Seitenzahl: 460
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
Umschlagmotiv: Sammlung Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung, Dresden
Innenlayout: Sibylle Schug, München
Satz und E-Book Konvertierung: VerlagsService Dietmar Schmitz, Erding
ISBN 978-3-7844-8497-6
www.langenmueller.de
Inhalt
Suchbild
I. Kindheit
Arbeiterfamilien
Kinderjahre
Widerstand
Verfolgung
Geschichtsbilder
II. Jugend in Schweden
Flüchtlingsleben
Kriegsjahre
Familienumbau
Horizonterweiterung
Hörbilder
III. Sozialarbeiterin
Heimkehr
Berufsleben
Frauenbilder
IV. Zu dritt
Nothelferin
Familienbetrieb
Familienleben
Grenzenlosigkeit
Grenzüberwindung
Ostwärts
Ölandbilder
V. Zu zweit
Abschiede
Heirat
Rollenverschiebung
Reisen
Pflegerin
Politikerbilder
VI. Greta tritt vor
Allein?
Auftritt
Angriffe
Deutungshoheit
Dresden
Erinnerungsbild
Abkürzungsverzeichnis
Quellen- und Literaturverzeichnis
Archivgut und andere Primärquellen
Veröffentlichte Quellen
Literatur
Bildnachweis
Danksagung
Personenverzeichnis
Greta Wehner – ihr Jahrhundert im Rechenschieber
»Freiheit und Recht besteht nur dann wirklich, wenn es in den täglichen Kleinigkeiten des Lebens anerkannt wird.«
(Greta Burmester, 1953)
»Helfen. Und arbeiten und nicht verzweifeln. Und auch die skeptischen Leute die Erfahrung erleben lassen, dass es mit Ehrlichkeit geht.«
(Herbert Wehner, 1964)
Suchbild
Der Autor ist Zeitzeuge zugleich. Darum werden dieses und andere Bilder, hier und an anderen Stellen, in den Fluss der Erzählung eingefügt.
Ein Parteikongress, Anfang der Sechzigerjahre. Der Saal ist dicht besetzt. Vorne stehen Tische mit weißem Tuch, daran sitzen Funktionäre, weiter hinten, gedrängt in Stuhlreihen, das Publikum, die Basis. Dunkle Anzüge, weiße Hemdkragen, Krawatten, die Herren meist mittleren Alters, nur vereinzelt Damen im Kostüm. Rechts steht ein kleiner, älterer Herr am Redepult. Es ist der Vorsitzende, Erich Ollenhauer. Hinter ihm erhebt sich ein deutlich jüngerer Mann. Unverkennbar im Profil: der Regierende Bürgermeister von Berlin. Der Fotograf will einen historischen Moment festhalten. Hier stellt sich ein Hoffnungsträger vor. Viele Hände klatschen Beifall. Erwartungsvolle Blicke. Willy Brandt ist Kanzlerkandidat. Endlich hat die Partei eine frische Alternative zum Alten, zu Adenauer.
Das ist die Diagonale von links unten nach rechts oben. Sie dominiert das Bild, auch das Geschichtsbild. Aber da geht noch eine weitere Linie durch das Bild, sie ist schwächer, kreuzt die andere in entgegengesetzter Richtung. In der linken oberen Bildhälfte vor den Stuhlreihen ist eine junge Frau zu sehen. Stehend, kurzes dunkles Haar, Seitenscheitel, breite Wangenknochen. Groß gewachsen, dunkel gekleidet, Perlenkette, eine Hand vor dem Mund, überlegend. Ihr Blick ist nicht auf die ebenfalls stehenden Hauptfiguren gerichtet. Er geht in die rechte untere Bildhälfte, zum Präsidiumstisch. Die Herren dort sind nur von schräg hinten zu sehen. Einer sitzt etwas nach vorn gebeugt, er scheint den Blick der Frau zu erwidern. Braucht er etwas?
Der Mann, das kann Herbert Wehner sein. Die Frau, das ist Greta. Greta Burmester, später Greta Wehner, weiß sicher nicht, dass sie gerade fotografiert wird. Sonst wäre sie gar nicht ins Bild gelaufen. Denn Greta tut alles, nämlich das, was sie für das Notwendige hält, für Herbert. Sie drängt sich nicht nach vorn. Im Gegenteil, wenn sie einmal zu sehen ist, dann oft nur am Bildrand, im Hintergrund. Greta sorgt dafür, dass der Mann arbeiten kann. Im Politikbetrieb wie im Privatleben hält sie Herbert Wehner den Rücken frei. Ihre Hilfe ist notwendig, damit der wichtigste Stratege der deutschen Sozialdemokratie, der Architekt auch dieses historischen Moments, weiterarbeiten kann.
Da steht sie nun, in ihrem Rücken die Stuhlreihen der Parteibasis, die Funktionärsriege im Blick. Gretas aufrechter Stand hebt das hierarchische Oben und Unten etwas auf, ihre Erscheinung gibt dem kalten Schwarzweiß etwas Wärme. Ohne Greta ist das Bild nicht vollständig.
Als Gegenentwurf zu klassischen Rollenbildern taugt Greta nicht. Sie passt aber auch in keines hinein. Sie ist die Tochter von Herbert Wehners Frau Lotte, aber sie ist nicht seine Stieftochter. Aus gesundheitlichen Gründen kann die Mutter ihren Mann nicht auf seinen Reisen und Terminen begleiten. Diese Aufgabe fällt Greta zu; aber sie ist kein schmückendes Beiwerk mit karitativer Nebentätigkeit. Sie ist keine Politikerfrau. Greta organisiert Herberts Termine, fährt ihn überall hin, ist stets mit Hilfe zur Stelle. Aber ebenso wie im Privaten gibt es auch im Beruflichen keine Stellenbeschreibung, die auf Greta passt. Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau, der Spruch allerdings trifft hier zu.
Die alte Bundesrepublik Deutschland, das Wirtschaftswunderland, ist männerdominiert. Männer und Frauen sind gleichberechtigt, verspricht das Grundgesetz, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Nicht nur auf Parteitagen, in der gesamten Politik, im Berufsleben und in den Familien, überall haben die Männer das Sagen. Kindergartenplätze sind rar. Frauen, die heiraten, hängen ihren Beruf an den Nagel und dienen ihren Männern und Kindern als Hausfrauen und Mütter. Arbeitende Frauen sind meist alleinstehende Frauen, oft in untergeordneten Stellungen, in helfenden Berufen: Krankenschwestern, Sekretärinnen, Sozialarbeiterinnen. So auch Greta Burmester.
Greta, Jahrgang 1924, ist die Tochter eines Hamburger Widerstandskämpfers, den die Nazis ermorden, als sie noch keine zehn Jahre alt ist. Mit Mutter und Bruder flüchtet sie nach Schweden, dort lernt Lotte Burmester 1944 Herbert Wehner kennen und lieben. In dieser Zeit geht Greta eigene Wege.
Im Jahr 1953 ist sie Fürsorgerin in Offenbach am Main. Im Sommer, kurz nach dem Aufstand vom 17. Juni – es ist Bundestagswahlkampf – wird Greta aus ihrem Berufsleben gerissen. Herbert ruft an, Lotte hat einen schweren Herzinfarkt und liegt im Krankenhaus. Der Abgeordnete, Ausschussvorsitzender und Mitglied im Parteivorstand, hat keine persönliche Hilfe zu Hause und kein eigenes Personal im Büro: Greta, du musst kommen! Sie bittet ihren Vorgesetzten um unbezahlten Urlaub. Der wird ihr verweigert. Herbert sagt: Dann musst du eben kündigen, eine Arbeit findest du immer wieder. Greta fährt mit dem Zug nach Bonn, sie kündigt und zieht zu Herbert und ihrer Mutter.
Greta ist 28 Jahre alt. Die erste Dienstreise führt sie nach Schweden, zum Kongress der Sozialistischen Internationale. Die Ärztin ihrer Mutter hat dazu geraten, dass Herbert nicht allein nach Stockholm fährt. Lotte hat Angst um Herbert, und diese Angst sei lebensgefährlich für die schwerkranke Frau. Besser, es fährt jemand mit. Am 11. Juli, Herberts 47. Geburtstag, geht es los, von Bonn über Hamburg nach Lübeck. An Bord der Fähre von Travemünde nach Trelleborg ist nahezu die komplette SPD-Spitze: Vorsitzender Erich Ollenhauer, Parteikassierer Alfred Nau und so weiter. Die Genossen haben Durst. Genau gesagt: Sie fürchten, im alkoholfeindlichen Skandinavien trockengelegt zu werden. Also werden Schnapsflaschen gekauft und gleich an Ort und Stelle eröffnet. Greta ist entsetzt. Um das Schlimmste zu verhindern, tut sie das ihre. Selbst trinkt sie sonst nie, aber heute lässt sie sich ein Glas nach dem anderen geben. In unbeobachteten Momenten kippt sie das Zeug über die Reling. Das bemerkt keiner, aber: »Das half nur gar nichts, denn die haben immer neuen Schnaps gekauft.«[1] [Anmerkung zur Wiedergabe direkter Rede: Aufgrund der besseren Lesbarkeit werden alle Zitate an die derzeit gültige Rechtschreibung angepasst. Charakteristische sprachliche Eigenheiten werden jedoch beibehalten.]
Von den politischen Debatten des Kongresses bekommt Greta so gut wie nichts mit. Für sie ist die Reise ein willkommenes Wiedersehen mit Schweden, dem Land ihrer Jugend im Exil. Sie hat auch keine wichtigen Aufgaben, außer eben Herbert zu begleiten. Auf dem Besuchsprogramm stehen eine Schifffahrt in den Schären mit dem gesamten Kongress, ein Abstecher nach Uppsala sowie ein Besuch auf Schloss Drottningholm. Greta sieht dort ein Theaterstück, eine Art »Achtzehnhundertwittkohltheater«, »mit Barock und so«.
Zurück in Deutschland rutscht Greta voll hinein in das Leben mit »Mutti und Herbert«. Ein Termin jagt den anderen. Von nun an ist Greta immer mittendrin, drei Jahrzehnte lang. Die Fürsorgerin sorgt für ihre Mutter und deren Mann, sie bringt Ordnung in das Leben der beiden und in seine Arbeit, in den politischen wie in den privaten Betrieb. Ohne sie geht es nicht. Gretas Hilfe ist lebensnotwendig.
Juli 1953: Greta an Bord des Dampfers »Drottningholm« auf dem Mälarsee
Wenn Greta sich zu Hause um ihre kranke Mutter kümmert, kann Herbert politische Termine wahrnehmen. Und wenn Herbert bei Mutti ist, dann führt Greta Gespräche mit Leuten, die Rat und Hilfe suchen. Sie denkt: »Das ist auch nicht viel anders als Fürsorgearbeit.« So geht es im Wahlkreis in Hamburg-Harburg, so geht es unterwegs im Wahlkampf, und so geht es dann in Bonn, nach der Wahl. Da fragt Herbert Greta, ob sie sich nicht um sein Büro im Bundestag kümmern kann, und so versucht sie auch dort, »etwas Grund reinzubringen«. Sie sortiert die Akten, bearbeitet die Post, führt die Terminkalender. Im Jahr darauf macht Greta den Führerschein. Von da an fährt sie Herbert zu fast allen Terminen. Dienerin, Fahrerin, Sekretärin, Ordonnanz, Adjutantin, Büroleiterin, Referentin, Begleiterin, Fürsorgerin, Pflegerin, all diese Wörter beschreiben Teile von Gretas Tätigkeit, keines jedoch trifft den Kern. »Helferin, nicht Dienerin«, schlägt Hans-Jochen Vogel später vor.[2]
Als Lotte stirbt, 1979, bleibt Greta mit Herbert allein. Die Beziehung der beiden wird noch enger, 1983 heiraten sie. Da ist Herbert aus dem Parlament ausgeschieden und bereits schwer krank. Die Demenz ist noch unerkannt, aber sie greift immer weiter um sich, bis sie den ganzen Alltag des Paares bestimmt. Greta pflegt Herbert, das formelhafte Wort dafür heißt »aufopferungsvoll«. Intensiv, belastend, liebevoll, das alles trifft auf diese letzten Jahre mit Herbert zu.
Zum Ruhestand werden die Jahre nach seinem Tod 1990 für Greta nicht. Sie fährt in den Osten Deutschlands, will »ein Stück von Herbert« in seine Heimat zurückbringen und wird so zur Mutmacherin in Sachsen. Sie hilft, ein Bildungswerk zu gründen und setzt sich öffentlich und wirksam für Demenzkranke und deren Angehörige ein. 1996, mit über siebzig Jahren, zieht sie ganz nach Dresden. Soweit ihre Kräfte es zulassen, nimmt sie weiter Stellung, setzt sie sich für die Entwicklung der Demokratie ein.
1998 komme ich nach Dresden, ein Jahr später meine Frau Margarete. Zwanzig Jahre, bis zu ihrem Tod 2017, ist Greta Teil unseres Lebens. Ein Buch über Herbert zu schreiben, den ich persönlich nicht mehr kennengelernt habe, das war historisches Handwerk, verbunden mit vielen Erzählungen und Eindrücken der Atmosphäre, die nicht zuletzt Greta vermitteln konnte. In erster Linie aber eben doch wissenschaftliche Quellenarbeit. Die leiste ich jetzt auch, wenn ich über Greta Wehner schreibe. Aber einen Menschen persönlich eng gekannt zu haben, das ist doch etwas Anderes. Bei mir liegt nicht nur Papier, hinzu kommt Erinnerung. Der Autor ist Zeitzeuge zugleich. Darum werden dieses und andere Bilder, hier und an anderen Stellen, in den Fluss der Erzählung eingefügt.
Greta, Lotte und Herbert auf dem SPD-Parteitag in Hannover 1960
Dieses Frauenleben in das Jahrhundert des Feminismus einzuordnen, fällt schwer. Gewiss ist Greta Wehner keine Feministin, weder in der Theorie noch praktisch. Aber sie ist auch keine Untergebene, Ausgebeutete. Sie tut stets, eigenständig, was sie für das Nötige hält. Sie leistet – und das ist einer der klassischen Begriffe für Tätigkeitsfelder der Sozialen Arbeit – Einzelfallhilfe, aber eben nicht im professionellen Feld, sondern in der Politik und zu Hause und überall und für die zwei Menschen, die ihr näherstehen als alle anderen, für die zwei, die sie liebt.
Das wiederum hat sie mit all den Millionen Hausfrauen und Müttern gemein, aber sie ist weder Hausfrau noch Mutter. Weder Goldenes Buch noch Goldenes Blatt. Kein Muster passt richtig. Greta zieht eine Linie, die quer zu allen gängigen Bildern läuft. Greta Wehner, 1924 bis 2017, eines ganzen Menschen Leben.
I. Kindheit
Arbeiterfamilien
Ihre Mutter stammte aus Flensburg, ihr Vater aus Hamburg. Geboren aber wurde Greta am 31. Oktober 1924 in Harxbüttel, das liegt bei Braunschweig. Wie kam das?
Als ich sie nach ihrer Herkunft frage, erklärt Greta als erstes, kurz und knapp: »Die Mutter war wichtiger als der Vater.« Überhaupt waren die Frauen in ihrer Familie die bemerkenswerteren, die stärkeren Persönlichkeiten, meint Greta. Die Familie Clausen war eine Arbeiterfamilie. Großvater Clausen war Stemmer auf einer Flensburger Werft. Er stammte ebenso wie seine Frau Margarethe, geborene Nielsen, von Flensburger Werftarbeitern ab. Allerdings gab es auch etwas bessergestellte Vorfahren. Ein Urgroßvater mütterlicherseits war Prediger, also eine Art Pfarrer im nordschleswigschen Bov, das nach dem Ersten Weltkrieg zu Dänemark kam. Von diesem Familienzweig stammen die schönen antiken Möbel im Eingangsbereich von Gretas Wohnung.[3]
Die Großeltern wohnten mit ihren Kindern, das waren drei Töchter, in der Norderstraße, nahe der Förde. Es gab auch noch einen Jungen, Frieder, der aber schon mit einem halben Jahr starb. Die Norderstraße war die alte Flensburger Durchfahrtsstraße von Süd nach Nord. Nicht sehr breit. Von dort gingen noch schmalere Gassen zum Hafen ab, mit Häusern, die langgezogene Höfe hatten, mit vielen Werkstätten und kleinen Fabriken, zum Beispiel einer Zigarrenfabrik.
Beide Großeltern waren aktive Sozialdemokraten. Im Kaiserreich mit seiner Klassenjustiz und mit unzureichenden Arbeitnehmerrechten kämpften sie für Gerechtigkeit. Diesen Kampf beantworteten die Herrschenden oft mit noch schärferer Ungerechtigkeit. Gretas Großvater beteiligte sich an einem Streik auf der Werft und wurde ausgesperrt. In seinem Fall hatte das zur Folge, dass er in ganz Flensburg und Umgebung keine Arbeit mehr bekam. Damit die Familie nicht in Not käme, versuchte er sich zunächst beim Deichbau an der Nordseeküste, dann fand er eine Arbeit auf einer Werft in Husum. In dieser Zeit eröffnete seine Frau einen Weiterverkauf von Backwaren in der eigenen Wohnung. Die befand sich in einem sehr alten Haus, ohne Sonne und Licht, ohne fließendes Wasser und nur mit Gasbeleuchtung. Gretas Tante Frieda erinnert sich: »Wir hatten acht Zimmer, aber eines hinter dem anderen gelegen, das war natürlich sehr unpraktisch. Aber wir hatten ein sehr gutes Elternhaus. Ich besinne mich nicht einmal darauf, dass wir irgendwie gescholten wurden, unser Vater guckte mal zur Seite, und in seinem Blick merkte man, dass etwas nicht richtig war.«[4]
Gretas Mutter Lotte, ihre zwei Jahre ältere Schwester Anna und die drei Jahre jüngere Frieda, mussten früh mit anpacken. So holten sie sonntags mit einem Bollerwagen Brötchen und Kuchen von einem Bäcker in der Nähe des Nordermarkts. Und sie trugen Zeitungen aus, sozialdemokratische Zeitungen.
Ihren Namen bekam Greta nach ihrer Großmutter Margarethe, die von ihrem Vater nur Greta gerufen wurde, wobei er das »G« – dänisch – wie »Ch« aussprach. Margarethe Clausen und ihre Schwester Johanne Hansen, beide geborene Nielsen, wurden im Mai 1908 Mitglieder der SPD. Sie wären bestimmt früher beigetreten, aber sie durften nicht. Erst zu dieser Zeit erlaubte das Reichsvereinsgesetz Frauen, einer Partei beizutreten. Zuvor hatten sie bei Versammlungen der Flensburger Sozialdemokraten als Garderobieren gearbeitet, weil sie dann hinter dem Vorhang den Diskussionen folgen konnten, ohne von der Polizei gesehen und verjagt zu werden.
Eine besonders große Bedeutung in Gretas Leben hat ihre Großtante Johanne Hansen, »Tante Hanne«, deren Mann aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurückgekehrt war. Selbst, zu ihrem großen Bedauern, kinderlos, hat Tante Hanne, so Greta, dennoch eine ganze Menge Kinder miterzogen. Auch ihr Bruder Peter und sie waren oft bei ihr, in den Schulferien dann immer. Tante Hanne kümmerte sich abwechselnd um zahlreiche Kinder. Bis ins Alter hinein war sie montags bei der einen Familie, dienstags bei einer anderen, und so weiter. »Nur samstags bin ich zu Hause, dann können alle, die wollen, mich besuchen«, erklärte sie. Bei den Ziehkindern handelte es sich nicht nur um Verwandte, sondern teilweise auch um die Kinder oder gar Enkelkinder ihrer Jugendfreunde. Wahrscheinlich zu ihrem 95. Geburtstag, so erinnert sich Greta, kam eine junge Frau mit einem zweijährigen Kind. »Das ist meine Butendeern«, stellte Tante Hanne die junge Mutter vor, »der habe ich laufen gelernt.«
Tante Hanne hat die ganze Zeit, brieflich auch, als sie im schwedischen Exil waren, die Verbindung zu ihrer Nichte und deren Kindern gehalten. Sie stand in der Familie – über die Zeitläufte hinweg – für Kontinuität. Sie starb erst 1973 kurz vor ihrem 100. Geburtstag, und Herbert Wehner hielt die Trauerrede, in der er sagte, »sie verkörperte das Beste, was die arbeitenden Menschen hervorbringen können – Solidarität«. Tante Hanne war so etwas wie eine Institution und, so meint Greta, »wohl die bekannteste Sozialdemokratin in Flensburg«[5].
Von dieser Familie, erinnert sich Greta, hat sie erfahren und gelernt, was Solidarität ist. Wenn sie einmal sonntags Kuchen kauften, gingen die Clausens immer ins Mariencafé, das lag recht weit entfernt von ihrer Wohnung. Als Kind fragte Greta ihre Mutter, warum sie immer nur in dieses Café gingen und nicht auch einmal in ein anderes, näher gelegenes. Da bekam sie zur Antwort, dieses Café sei entstanden, weil frühere Werftarbeiter, die wie ihr Großvater ausgesperrt worden waren, irgendwie versuchen mussten, mit der Familie über die Runde zu kommen, und darum haben sie das Café aufgemacht. »Alle Arbeiter, die in der Lage waren, mal Kuchen zu kaufen, gingen in dieses Café.« Das Mariencafé ist also wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, und zuletzt ist Greta mit Herbert Wehner im Jahr 1980 dort gewesen. »Damals, als ich mit Herbert da war, das letzte Mal, haben die sich riesig gefreut.«
In Gretas Erinnerung waren die Verbindungen zur Familie ihrer Mutter meist stärker als zur väterlichen, obwohl die väterliche Verwandtschaft in ihren Kinderjahren ebenso in Hamburg lebte wie sie selbst. Der Vater ihres Vaters, Franz Burmester, kam aus Geesthacht, östlich von Hamburg-Bergedorf. Dort hatte die Familie Burmester ein kleines Haus mit Hinterhof, in dem Platz für eine Ziege und ein oder zwei Schweine war, von denen das eine Gretas Großvater gehörte, »und da gab es im Winter Grützwurst von dem Schwein«. Ebenso wie sein Sohn war der Großvater Schiffszimmermann, und er war ebenso wie die mütterlichen Großeltern von Greta Mitglied der SPD. Er pflegte aber »wahrscheinlich ein herkömmliches patriarchalisch-autoritäres Verhältnis in Bezug auf Frauen und Familie«, ganz anders als bei den Großeltern Clausen. Deren Verhältnis zueinander sei »ausgesprochen gleichberechtigt« gewesen. Greta erinnert sich an eine Aussage ihrer Tante Frieda von Anfang der Neunzigerjahre, wonach diese kein Ehepaar kannte, »was mit einer solchen tiefen Liebe zusammengelebt hat« wie ihre Eltern.
Dieses war, sagt Greta, beim väterlichen Großvater mit Sicherheit nicht der Fall, auch wenn sie ebenso wie ihre Mutter die recht früh verstorbene Großmutter nicht mehr kennengelernt hat. Ihr Vater hatte aber eine Schwester, die Tante Marie, welche deutlich älter war als er und »die wohl sehr gelitten hat«. Marie wurde von »Opa Burmester« geschlagen, und ihr jüngerer Bruder konnte das nicht ertragen, sodass er in sehr jungen Jahren aus dem väterlichen Haushalt ausgezogen ist, offenkundig im Streit. Tante Marie aber blieb bis zuletzt beim Großvater. Außerdem hatte Gretas Vater einen Bruder, ihren Onkel Heinrich, der ebenfalls einige Jahre älter war als er. Jedenfalls hatte er schon als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen.
Gretas Mutter Charlotte Nicoline Johanna Clausen, gerufen Lotte, kam am 20. August 1903 in Flensburg zur Welt. Sie gehörte ebenso wie ihre Schwestern und ihre späteren Ehe-männer zur Kriegsjugend des Ersten Weltkrieges, einer Generation, die als die erste von drei »politischen Generationen« des 20. Jahrhunderts gilt, junge Leute, deren Kindheit ganz von den Auswüchsen dieses Krieges geprägt wurde und die nach »von Kompromissen freiem und radikalem, dabei aber organisiertem, unspontanem, langfristig angelegtem Handeln« trachteten. Diese Feststellung eines Historikers zielt zwar vor allem auf männliche Bürgerkinder und spätere nationalsozialistische Täter ab – aber unter ganz anderen politischen Vorzeichen und in ganz anderer Richtung gerieten damals offenkundig auch weibliche Arbeiterkinder in Schwingung. Greta jedenfalls blickt distanziert auf die Generation ihrer Eltern: »›Gesponnen‹ haben wohl viele Heranwachsende der 1.-Weltkriegs-Jungen-Leute.«[6]
Lotte Clausen war eines der ersten Mädchen, die in Schleswig-Holstein eine Gärtnerlehre abschlossen. Eine ihrer ersten beruflichen Stationen führte sie nach Dresden, in eine Großgärtnerei, welche gerne junge Frauen und Mädchen einstellte, weil diese damals üblicherweise mit einem Hungerlohn abgespeist werden konnten. Die Mädchen wohnten oft noch bei ihren Eltern. Anders sah das aber für die weit gereiste Lotte aus. Fern von Zuhause konnte sie sich in Dresden nicht halten, und so ging sie nach Hamburg.
Die Clausen-Schwestern (Anna, Lotte und Frieda) um 1913
Dort fand sie – spätestens 1923 – eine feste Anstellung bei der jüdischen Bankiersfamilie Warburg im Altonaer Vorort Blankenese, einem feinen, großbürgerlichen Villenviertel. Dort, auf dem Kösterberg, einem Hügel etwa 100 Meter oberhalb der Elbe, hatten die Warburgs gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein stattliches Anwesen mit Wald-, Park- und Gartenflächen erworben und darauf zwei hübsche und prächtige Häuser als Sommersitz errichten lassen, die sie zeitweise auch als Dauerwohnort nutzten. Das erschien, inmitten der Krisenjahre der Weimarer Republik, wie eine Oase. Für eine aus einfachen Verhältnissen stammende junge Gärtnerin war diese berufliche Tätigkeit in ihrem erlernten Beruf ein Glücksgriff. Und auch die politischen Verhältnisse schienen sich zu stabilisieren. Nach Krieg, Revolution, Putschversuchen, Ruhrbesetzung und Inflation kam Deutschland vorerst zur Ruhe. Hitler, noch von begrenzter Prominenz, saß im Gefängnis, die Währungsturbulenzen waren vorüber. 1924 war, wie einer der Warburgs, der Bankier Paul, es nannte, »das Jahr, in dem der Krieg eigentlich erst endete und der Wiederaufbau begann«.[7]
Lotte war politisch aktiv, natürlich in der sozialdemokratischen Jugendorganisation. Deren Blankeneser Gruppe traf sich im Hause eines jüdischen Sozialdemokraten, des bedeutenden Literaturwissenschaftlers Walter A. Berendsohn. In dessen Haushalt arbeitete die jüngere Schwester Frieda, und bei den politischen Gesprächen dort lernte Lotte einen hochgewachsenen, sympathischen jungen Mann mit offenem Blick kennen, den 1901 geborenen Carl Burmester. Dieser hatte zu der Zeit eine Beschäftigung als Schiffszimmermann und Bootsbauer auf einer Segelschiffswerft. Die beiden kamen zusammen, und im Frühjahr 1924 wurde Lotte schwanger. Sie würden ein Paar bleiben, aber nicht heiraten, denn sie wollten, wie Greta sich erinnert, »das 1924 in Kraft getretene Jugendwohlfahrtsgesetz auf die Probe stellen«. Es ist rätselhaft, was sie mit dieser Probe bezweckten, denn das neue Gesetz sah klipp und klar vor: »Mit der Geburt eines unehelichen Kindes erlangt das Jugendamt des Geburtsorts die Vormundschaft.«[8]
Nun waren die Warburgs zwar säkular und liberal gesinnt, demokratisch, aufgeklärt, aber eine unverheiratete Schwangere im eigenen Haus, das ging ihnen dann doch zu weit. Die noch minderjährigen Töchter der Familie – und davon gab es in jener Generation eine ganze Reihe – sollten sich daran kein Beispiel nehmen, und so verlor Lotte ihre Anstellung. Die bittere Entlassung versüßten die Warburgs dem jungen Paar dadurch, dass sie ihnen eine andere Tätigkeit in der Nähe von Lübeck vermittelten. Jedoch, diese Arbeit war so »unmöglich« beziehungsweise »unerträglich«, dass Lotte Clausen und Carl Burmester schnell von dort weiterzogen – etwas südwärts, mitten hinein in ein jugendbewegtes Experiment.[9]
Junge, linke Idealisten wie sie hatten um diese Zeit in Harxbüttel bei Braunschweig die »Landkommune Horstkamp« gegründet. Haus und Grundstück mitsamt einer Konservenfabrik gehörten der Familie des jungen Pädagogen Hans Löhr, der gemeinsam mit seinem Freund Hans Koch, dem Erfinder der ersten tragbaren motorisierten Hackmaschine für Gemüse, zu den Gründern der Kommune gehörte. Ziel des Projekts sollte es sein, »ein Modell für eine friedlichere Welt zu entwerfen und neue Lebensformen zu prüfen«. Diese wollten sie später dann als sozialistische Siedler in Brasilien in die Tat umsetzen. »Es war eine bunte Schar, die das Arbeiten nicht gerade erfunden hatte«, berichtet Greta aus den Erzählungen ihrer Mutter.[10]
Spätestens im Mai 1924, jedenfalls noch vor der Kartoffellege, wurden Lotte und Carl Teil der Kommune in Harxbüttel. »Arbeit gab es dort für eine tüchtige Gärtnerin reichlich, es wurde Gemüse angebaut, vor allem Spargel, der in der eigenen Konservenfabrik verarbeitet wurde. Für einen handwerklich versierten Mann wie meinen Vater gab es ebenfalls viel zu tun – aber es gab kein Geld! Meine Eltern hungerten und ich mit ihnen«, so Greta. Für die Bezahlung der Hebamme musste Lottes Schwester Frieda aufkommen, die gerade in Ausbildung war und dafür immerhin eine Vergütung bekam.[11]
Ende Oktober 1924 herrschte warmes, sonniges Herbstwetter. Gegen Mittag machte Lotte, deren errechneter Geburtstermin bereits eine Woche zurücklag, einen Spaziergang an der frischen Luft. »Alles ringsum lag so friedlich dem Licht ausgesetzt, als söge es die Wärme in sich. Ich ging im Zwiegespräch mit Dir – Du solltest doch endlich kommen.« Bei dem schönen Wetter – warum warten auf den nebligen November? Bei diesen Gedanken war es der werdenden Mutter, als ob ihr Kind plötzlich einen Satz machte. Sie fasste das als Ankündigung auf, dass es nun losgehen würde, ging ins Haus und sagte es dem werdenden Vater.[12]
Der lachte nur und meinte, junge Frauen könnten eben schlecht warten. Bald schon setzten dann die Wehen ein, aber Carl Burmester war der Meinung, bei Erstgebärenden dauere das ohnehin länger, und er könne sich Zeit lassen. Lotte drängte ihn jedoch, zügig das Pferd anzuspannen, mit dem Wagen ins Nachbardorf zu fahren und die Geburtshelferin zu holen. Und sie hatte Recht. Die Hebamme ließ sich Lottes Zustand schildern und bat Carl, die Pferde anzutreiben, »sonst kämen sie zu spät und so war ich auch schon halb geboren, als sie ankamen«.[13]
Am 4. November 1924 meldete die Hebamme Magdalene Kunkel auf dem Standesamt von Groß Schwülper, dass in Harxbüttel, im Hause Nr. 11, die ledige Charlotte Clausen um zwei Uhr in der Nacht zum Reformationstag, dem 31. Oktober 1924, ein Mädchen zur Welt gebracht habe, welches den Namen Greta erhielt. So die Geburtsurkunde. Daneben befindet sich ein weiterer Eintrag des Standesbeamten, wonach der Schiffszimmerer Carl Burmester am 19. August 1925, knapp zehn Monate später also, »das nebenbezeichnete Kind ›Greta‹ als das seinige anerkannt« und am gleichen Tag – einen Tag vor Lottes Geburtstag – in Hamburg die Ehe mit der Mutter des Kindes geschlossen habe.[14]
Zur Geburt ihres Kindes hatte Lotte sich gewünscht, »dass ich einen guten Menschen gebären möge, mit einem weiten Herzen für die Not, aber auch die Schönheit des Lebens.« Dieser Wunsch sollte in Erfüllung gehen.[15]
Kinderjahre
Bei aller Liebe zu neuen Formen des Zusammenlebens – schon lange vor Gretas Geburt war klar: Das abenteuerliche Leben in der alternativen Landkommune war für die junge Familie unmöglich. Die Clausen-Burmesters litten weiter Hunger. Schon wenige Wochen nach der Geburt gingen sie wieder nach Norden, zunächst nach Hamburg. Dort stellte ein Kinderarzt fest, dass die kleine Greta zwar reichlich Milch von ihrer Mutter bekomme, diese selbst aber so stark an Unterernährung leide, dass der Mangel sich auf ihr Kind übertrage. Der Arzt riet der jungen Mutter, zu ihren Eltern zu fahren, damit sie ausreichend Nahrung bekämen. So zog Lotte mit ihrer kleinen Tochter weiter nach Flensburg.[16]
Lotte Clausen mit Tochter Greta, 1925 – dieses Bild hatte Gretas Vater auf seiner Südamerikafahrt dabei
Spätestens Anfang Januar 1925 kehrten Mutter und Kind jedoch wieder nach Hamburg zurück. Ihre erste Unterkunft fanden sie in einer Laube in einem Schrebergarten am Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel. Es war ein eiskalter Winter, das Wasser in der Waschschüssel war häufig gefroren. Die junge Mutter traute sich kaum aufzustehen, weil sie das Kind bei sich unter der Bettdecke hatte, um es warmhalten zu können. Nach diesem sehr kalten Januar fand sie eine andere Unterkunft in Fuhlsbüttel, im Dachgeschoss.[17]
Zu dieser Zeit bekam der junge Vater, Carl Burmester, in seinem Beruf an Land keine Arbeit, und so fuhr er zur See, weit hinaus, unter anderem bis hin nach Südamerika. Bei der Reederei hinterließ er einen Zettel, auf dem stand, dass Lotte seine Heuer bekommen sollte, doch als sie das Geld abholen wollte, bekam sie es nicht, »weil sie nicht Burmester hieß, sondern Clausen«. Ein weiterer Grund für die Eheschließung im August 1925.
Gut anderthalb Jahre nach Greta, im Mai 1926, wurde ihr Bruder Jens-Peter (gerufen: Peter) geboren. Zu diesem Zeitpunkt wohnte die Familie noch in dem Dachgeschoss. Das barg ein großes Problem für die Mutter, denn sie hatte nun ein sehr quirliges, neugieriges kleines Mädchen und einen neugeborenen Jungen, und die konnte sie nicht beide gleichzeitig die Treppe heruntertragen. Aber sie konnte die Tochter auch nicht allein oben lassen, weil sie sonst herabgestürzt wäre. Also musste sie immer Greta zuerst hinunterbringen und dann Peter mit dem Kinderwagen nachholen.
Das führte aber dazu, dass das kleine Mädchen seine kurzzeitige Freiheit öfters einmal nutzte und dann »verschwunden« war. Einmal wurde Greta irgendwo an der Alster stadteinwärts gefunden, was ziemlich weit weg war. Ein anderes Mal wurde sie auf dem Flugplatz zwischen den Schafen entdeckt. »Schafe sind offenbar interessant«, meint Greta dazu. Jedenfalls wurde sie einige Male bei der Polizei abgeliefert. Einmal saß sie, von den Polizisten dort abgesetzt, in der Wache auf einer Bank; neben ihr hockte ein großer Schäferhund, der jedes Mal knurrend drohte, wenn das Kind sich auch nur ein bisschen bewegte. Von da an hatte Greta Angst vor großen Hunden.
Nach Peters Geburt im Frühjahr 1926, die Eltern waren ja schon verheiratet, zeigte der Vatersvater auf einmal Interesse an der jungen Familie. Opa Burmester meinte jedenfalls, da sei nun ein »Stammhalter«, und um den müsse er sich kümmern. Er machte also ein Haus ausfindig, ein altes Bauernhaus an der Hummelsbütteler Landstraße. Es hatte zu dem alten Dorf Fuhlsbüttel gehört. Die eine Hälfte des Hauses, mit großem Giebeltor, wo früher Vieh und Heu hereingebracht wurden, beherbergte eine Kohlenhandlung, die andere Hälfte das eigentliche Wohngebäude mit Fenstern. Diese Seite bekam die junge Familie, und sie erfreute sich nun einer recht geräumigen Wohnung: »So viel Platz hatten wir frühestens, als wir dann auf dem Heiderhof wohnten«, in den Sechzigerjahren also.
Aber es war ein alter Hof ohne jegliche sanitären Einrichtungen, es gab keinen Abfluss, kein fließendes Wasser in der Küche, keine Toilette mit Wasserspülung, sondern nur irgendwo draußen ein stinkendes Plumpsklo. Hinter der Küche lag das Wohnzimmer, und dann kam eine alte Diele, rechts davon gingen kleine Schlafzimmer ab. Peter und Greta schliefen auf der Diele, in von ihrem Vater gezimmerten Betten, und so hatten sie ein recht großes Kinderzimmer. »Wir haben gut gelebt, aber meine Mutter hatte schwere Arbeit«, vor allem mit der vielen Wäsche und dem ständigen Gang zur Pumpe, erinnert sich Greta.
Das Leben war nicht leicht für Arbeiterinnen und Arbeiter. Für deren Kinder gab es kaum Kindergartenplätze. Vater Carl Burmester war in jener Zeit immer wieder arbeitslos, da musste er sich regelmäßig auf dem Arbeitsamt melden, zum »Stempeln«. Zu diesen Fahrten nahm er Greta vorne auf dem Fahrrad mit. Eine reguläre, feste Stellung erlangte er nie. Mutter Lotte verdiente ein bescheidenes Zubrot als Zeitungsausträgerin. »Wir haben sehr knapp gelebt«, erinnert sich Greta. Zu dem Gehöft an der Hummelsbütteler Landstraße gehörte, hinter der Kohlenscheune auf dem Weg hinunter zur Alster, eine größere Fläche Gartengelände. Dort baute die Familie Kartoffeln an, Gemüse und Beerenobst; erst damit hatten sie genug zu essen.
In dieser Zeit wurde die Mutter schwer krank, Greta vermutet dahinter eine »unwillentlich abgebrochene Schwangerschaft«; Lotte soll Zwillinge erwartet haben. Dabei verlor sie so viel Blut, dass sie ins Krankenhaus in Barmbek eingeliefert wurde. Peter und Greta kamen mit dorthin und blieben auch eine Nacht, dann wurden sie provisorisch in einem Kinderheim in der Nähe der Klinik untergebracht. Dies war für Greta ein schockierendes Erlebnis. Im Treppenhaus nämlich hing ein Kruzifix, »ein lebensgroßer Heiland mit blutiger Wunde«, und Greta »sah also dieses große leidende zerschnittene Menschenbild, das hat furchtbar auf mich gewirkt«. Das kleine Mädchen und sein Bruder kamen zum ersten Mal mit katholischen Symbolen in Berührung. Vor lauter Angst sträubten die Kinder sich, und so wurde der Schock noch größer, als sie in Betten mit hohen Gittern gesteckt und darin festgebunden wurden. Denn, so Greta, das war ganz anders als bei ihrer Mutter, die immer alles erklärte: »Keiner hat uns irgendwas erklärt.«
Die schwarze Pädagogik hatte jedoch bald ein Ende; der Vater holte die Kinder ab und brachte sie nach Müden an der Örtze in der Lüneburger Heide, dort war ein kleines Heim, welches vom ISK, dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund, unterhalten wurde. Der ISK war eine von der Sozialdemokratie abgesplitterte Sekte nichtmarxistischer Sozialisten, Anhängerinnen und Anhänger des Philosophen Leonard Nelson und seiner Lebensgefährtin und Mitarbeiterin Minna Specht. Die Organisation war antiklerikal, undemokratisch, lebensreformerisch und vegetarisch ausgerichtet.
Müden gehört zu den schönen Kindheitserinnerungen von Greta. Dort war es ganz anders als in dem katholischen Heim. Ein ländliches Idyll, in der Heide, nah bei einem kleinen Fluss. Ein zweigeschossiges Haus mit Reetdach, das fast bis zur Erde hinunterreichte. Fenster gab es nur an den Giebelseiten. »Walmdachartig, aber nicht gebrochen, sondern es ging oben spitz zu und dann mit einer Rundung nach unten.« Im Erdgeschoss lagen nur wenige Räume, darunter die Küche, und im Obergeschoss, »in der spitzgewölbten Rundung«, standen an beiden Seiten Doppelbetten. Wahrscheinlich, meinte Greta, waren es nur dreimal zwei Betten auf jeder Seite; ein Foto der Gruppe zeigt die Leiterin Etty Gräffe mit etwa 15 Kindern und Jugendlichen.[18]
In Müden fühlten sich die Kinder sehr wohl, sie genossen dort viele Freiheiten; sie kamen auch noch ein zweites Mal dorthin, aber dann, es muss 1930 gewesen sein, mussten sie den Ort wechseln. Dies hing damit zusammen, dass der ISK meinte, Kinder sollten nicht von ihren Eltern aufgezogen werden. Nun war aber Etty erkrankt, und ausgerechnet Lotte Burmester übernahm die Vertretung, und nun mussten Greta und Peter weichen, dorthin, wo auch schon Ettys Kinder untergebracht waren: in die Walkemühle im nordhessischen Adelshausen bei Melsungen, ein anderes Heim des ISK unter Leitung von Minna Specht persönlich. Die Walkemühle war jedoch nicht in erster Linie für Kinder. Dort war auch die Erwachsenenabteilung untergebracht, außerdem eine politische Kaderschule für Jugendliche sowie eine Schule und eben ein Kindergarten.
So fortschrittlich, weltoffen und reformpädagogisch sich der ISK auch gab, für Greta ist die Walkemühle keine gute Erinnerung. Als Kind mit knapp sechs Jahren, so meint sie, hat man schon viel eigene Meinung, auch eigene Erinnerung, und so erinnert sie sich daran, dass dort plötzlich ein Geschrei losging: »Die Zigeuner kommen, macht die Tore zu!« Greta fragte, warum denn da die Tore zugemacht werden müssten – die Antwort fiel so aus, dass sie widersprach: »Wieso, Zigeuner sind doch auch Menschen?« Diese Erinnerung sorgte dafür, dass Greta nach dem Krieg in Bezug auf Menschen, die aus dem ISK zur Sozialdemokratie kamen, immer etwas skeptisch blieb. Hohe ethische Prinzipien haben, selbst aber elitär sein und Menschen verachten, die nicht die Chance zu entsprechender Bildung bekommen, so sah es Greta.
Im Frühjahr 1931 kam Greta in Hamburg zur Schule; um diese Zeit zog die Familie an den Wiesendamm in Barmbek, das blieb ihre Adresse bis 1933. Ab dem Sommer ging sie auf die Meerweinschule, das war, neben der Stadtteilschule Winterhude, der Telemannschule und der Lichtwarkschule, auf die Helmut und Loki Schmidt gingen, eine der demokratisch und reformpädagogisch ausgerichteten Hamburger Bildungseinrichtungen. So durfte Greta schon im ersten Schuljahr 14 Tage auf Schullandheimfahrt verbringen.[19]
Ihr Klassenlehrer im ersten Jahr war eben jener Hans Löhr, der die Landkommune in Harxbüttel begründet hatte, in welcher sie geboren worden war. An ihm war aber in Gretas Augen weniger der Unterricht bemerkenswert als die Tatsache, dass er eine Zeit lang ebenfalls am Wiesendamm im Nachbartreppenhaus wohnte – und dass er dort einen Affen als Haustier hielt.[20]
Eines Tages traf der Lehrer Gretas Mutter und fragte sie, wie es ihrer Tochter denn gehe. Lotte war irritiert: »Wieso?« – »Na, die ist doch krank.« – »Nee warum, die geht doch jeden Morgen in die Schule?« – »Nein«, sagte der Lehrer, »die ist schon länger nicht gekommen.« Die beiden verabredeten sich. Die Mutter sollte nichts sagen, aber versuchen herauszubekommen, was Greta da heimlich mache. Sie schlich ihrer Tochter also hinterher und sah sie im Stadtpark spielen, mit einem anderen schwänzenden Schüler. Als sie ihm das berichtete, meinte Hans Löhr: »Lass sie man, die kommt von selbst wieder«, und, so sagt Greta, so war das auch. Eines Tages aber, nach dem Ende der Sommerferien, war der Lehrer nicht mehr da, weil er seinen Traum wahr machen wollte und nach Südamerika gegangen war. Und so übernahm eine Kollegin, Margarethe Martens, die Klasse – und Greta.[21]
Eine besonders gute Schülerin war Greta nicht, anders als ihr Bruder Peter, »dem das alles zufiel«, und der schon vor ihr lesen lernte. In ihrem ersten Zeugnis schrieb die Lehrerin, Greta könne zwar noch nicht schreiben, aber »sie malt alles, was sie mitteilen will, genau auf und schickt das als Brief«. Die Lehrerin schätzte Greta als fürsorglich und sozial verantwortlich in jeder Hinsicht ein. Greta selbst erinnert sich: »Ich bin immer gerne zur Schule gegangen, aber ich war keine Leuchte.« Zu Margarethe Martens entwickelte Greta ein besonders herzliches Verhältnis. Nach dem Krieg, 1953, machte sie ihre alte Lehrerin in Rantum auf Sylt ausfindig. Dort bewohnte sie ein winziges Haus. Die beiden verabredeten sich; am Bahnhof wurde Greta gleich erkannt, und die beiden Frauen freundeten sich schnell an. Margarethe Martens nahm Greta einmal in ihren Schulunterricht mit und stellte sie den Dorfschulkindern als leuchtendes Beispiel vor: »Das ist die Greta, von der ich euch erzählt habe. Und da seht ihr mal, da kann auch was aus Menschen werden, wenn sie es schwer in der Schule haben.«[22]
Das lag mit Sicherheit nicht zuletzt an der liebevollen und fürsorglichen Erziehung durch die jungen Eltern, wenngleich Gretas Mutter sich selbst später wesentlich kritischer sah. »Wenn man 21 Jahre alt ist, und das war ich ja erst bei Deiner Geburt«, schrieb Lotte ihrer Tochter zu deren 21. Geburtstag 1945, »dann ist man sich noch nicht ganz klar über den ganzen Umfang der Verantwortung und der Bedeutung dessen, dass man Mutter ist.« Sie sei in Gretas Kindheit viel zu schematisch vorgegangen, entsprechend der Predigt der damaligen Kinderpflege: »Ein Kind muss so viel schlafen, so viel essen; und so viel Bewegung haben.« Inzwischen würde sie es »ganz anders halten, vor allem viel mehr auf die persönliche Eigenart achten«. Bei allen Gedanken und Plänen für die Zukunft ihrer Kinder habe Lotte den entscheidenden Fehler zu wenig bedacht: das Leben selbst mit seinen »Problemen, Ideen und Schlägen« und wie es »besonders Euer und unser persönliches Leben hin und her warf«. Das Ergebnis fand Lotte aber dennoch gelungen. Greta habe sich ihre Ursprünglichkeit erhalten: »Trotz allen Problemen und Ideen unserer Zeit bist Du Dir in Deinem Wesen treu geblieben, versuchst Dir und den anderen gerecht zu werden, begnügst Dich nicht mit Oberflächlichkeit, und wagst es, allein zu stehen in Deiner Sache und Deinen Anschauungen.«[23]
Greta selbst beschreibt sich als Kind so: »Ich war eigenwillig und eigensinnig und nicht zu beherrschen, wenn mir Befehle erteilt wurden, aber ›fügsam‹, wenn ich verstanden hatte. Ich war ehrlich mir selbst und anderen gegenüber und schwer gekränkt, wenn mir nicht geglaubt wurde.« Eine eigenständige, starke Persönlichkeit zu werden, das hatte Greta bitter nötig, gerade angesichts der heftigen Schläge, denen das Leben der jungen Familie Burmester in den Jahren ab 1933 ausgesetzt war.[24]
Widerstand
Politik gemacht hatten Gretas Eltern schon immer, schließlich wurden sie ja in die Arbeiterbewegung hineingeboren. Ihre Mutter wurde mit 16 Jahren Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, und dann 1923 auch in der SPD. Lotte und Carl lernten sich in Hamburg-Blankenese bei der sozialdemokratischen Jugend kennen, also wahrscheinlich über politische Gespräche. Die führten sie, sicher auch aus Enttäuschung über missglückte und steckengebliebene soziale Reformen in der Weimarer Zeit, weiter nach links, schließlich zu den moskautreuen Kommunisten. Mutter Lotte trat 1927 der KPD bei und übernahm dort verschiedene Aufgaben, unter anderem wurde sie 1932 Frauenleiterin in Barmbek-Zentrum. Vater Carl, ebenfalls in der KPD, war nicht nur in der kommunistischen Gewerkschaftsbewegung aktiv, sondern auch im Arbeiter-Samariterbund und im Vorstand des KPD-Bezirks Wasserkante. 1932 kandidierte er für die Hamburger Bürgerschaft.[25]
Da scheint es ein Widerspruch, dass Gretas Eltern außerdem noch enge Verbindungen zu lebensreformerischen, sonst ganz und gar nicht marxistischen Gruppen wie dem ISK unterhielten, sonst hätte die Mutter ja nicht in Müden eine Vertretung als Kindergruppenleiterin angetreten und der Vater dort handwerklich ausgeholfen. Aber schließlich waren sie in der KPD keine Spitzenfunktionäre, und zu jener Zeit, vor den Exzessen des Stalinismus, passten Linientreue und Lebensreform wohl noch zusammen. Zum Freundes- und Bekanntenkreis zählten auch Sozialdemokraten und Angehörige der kleinen »Zwischenparteien« KPO und SAP. Die kleine Greta jedenfalls empfand nie einen großen Gegensatz zwischen den verschiedenen Organisationen. »Das spielte keine Rolle in meiner frühen Kindheit. Das war vermutlich noch sehr viel mehr vermengt und fließend.«[26]
Gretas Eltern waren Leute, die keinen Widerspruch leben wollten zwischen ihren politischen Überzeugungen und ihrem aktiven Tun. So kam für das Ehepaar Burmester nur aktiver Widerstand gegen die Nazis in Frage. Konsequent – und mit bösen Folgen für die Familie.
Am 30. Januar 1933 übergab der alte Reichspräsident Paul von Hindenburg die Macht an Adolf Hitler. Als erstes setzten die Nazis die Presse- und Versammlungsfreiheit weitgehend außer Kraft; nach dem Reichstagsbrand Ende Februar wurden die Grundrechte aufgehoben, und mit dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 übertrug die Reichstagsmehrheit, mit Ausnahme der Sozialdemokraten, das Gesetzgebungsrecht vom Parlament auf die Regierung. Damit war die Demokratie in Deutschland abgeschafft.
Besonders früh und besonders hart traf der Terror des Regimes die Kommunisten. Ein KPD-Aufruf zum Generalstreik gegen die Machtergreifung war wirkungslos geblieben. SA-Schläger beherrschten die Straßen. Die »Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat« vom 28. Februar 1933 führte zum Verbot der KPD- und SPD-Presse sowie zur Verhaftung zahlreicher Abgeordneter und Funktionäre. »Schutzhaft« nannten die Nationalsozialisten dieses Instrument. Es diente keineswegs dem Schutz der Betroffenen, sondern der Zerschlagung des Rechtsstaates, der Rechtsbeugung und dem Foltern und Ausschalten politischer Gegner. Überall im Reich schossen die Folterkeller, »wilde« Konzentrationslager, »Schutzhaftlager« wie Pilze aus dem Boden. Die KPD bekam bei der letzten Reichstagswahl am 5. März unter diesen Bedingungen noch gut 12 Prozent der Stimmen, doch ihr Mandat durften die Gewählten gar nicht erst antreten. Das Vermögen der Partei wurde beschlagnahmt und die Organisation verboten.
Auf die illegale Arbeit war die KPD insgesamt sehr schlecht bis gar nicht vorbereitet. Konspiratives Verhalten, Vorsicht und Umsicht waren kaum eingeübt. Das betraf nicht nur die Basis, das betraf auch die Parteispitze bis hinauf zum Vorsitzenden Ernst Thälmann, der bereits am 3. März 1933 in seiner Wohnung verhaftet wurde. Die Zahl der Verschleppten und Gefangenen wird für Ende 1933 auf 60 000 bis 100 000 geschätzt.[27]
In Hamburg wurde die Strafanstalt Fuhlsbüttel zum Konzentrationslager umfunktioniert, zunächst vor allem für Kommunisten und Sozialdemokraten; Frauen kamen ins »Schutzhaftlager«, also das Konzentrationslager Moringen im südlichen Niedersachsen. An der Stadthausbrücke richtete sich nach SA und SS Anfang 1934 die Geheime Staatspolizei (Gestapo) ein – das »Stadthaus« wurde »zu einem Haus des Schreckens, der Brutalität und der Folter«.[28]
Familie Burmester (um 1930): Carl, Greta, Peter, Lotte (v.l.n.r.)
Jegliche Art von Opposition, jeglicher Widerstand bedeutete in dieser Zeit und fortan bis zum Ende des Regimes Gefahr für Leib und Leben. Zahlreiche Widerstandskämpferinnen und -kämpfer bezahlten ihren Einsatz gegen die unmenschliche Terrorherrschaft mit Unfreiheit, Tortur und Tod.
Während die Nazis für Ruhe und Ordnung in ihrem Sinne sorgten, geriet das Leben der Familie Burmester in totale Unordnung. Der gesamte Alltag, die Atmosphäre veränderte sich. Das war schon ganz zu Beginn des Jahres 1933 zu spüren. Im Vorjahr waren die Kinder noch durch die Straße gelaufen und hatten gebrüllt: »Nazi verrecke, scheiß in die Ecke, Hitler, das Schwein, macht’s wieder rein!« Greta ist keineswegs stolz auf diesen Spruch, erinnert sich aber genau, dass sie sich so etwas im Januar 1933 nicht mehr trauten. Es ging nicht mehr um lautes Aufmucken, es ging jetzt darum zu lernen, Dinge zu verheimlichen. Etwa als die Eltern den Kindern eine Adresse gaben, zu der sie laufen sollten, dort bekämen sie den Schulranzen vollgesteckt mit Papier, und dann gehe es zu einer anderen Adresse, dort würden sie wieder leergeräumt. Dabei schärfte die Mutter ihnen ein: »Dann müsst ihr aber nicht wissen lassen, dass die Ranzen schwer sind.«[29]
Die Mutter war jetzt viel unterwegs. Greta und Peter mussten lernen, selbst zurechtzukommen. Einmal hatten sie Hunger und wollten sich Eier machen, Spiegeleier, so wie sie es bei der Mutter beobachtet hatten. Greta nahm also ein Ei, zerschlug es, doch es landete nicht in der Pfanne, sondern auf dem Fußboden. Vergeblich versuchte sie, es mit dem Pfannenheber aufzuheben; die »Sauerei« wurde noch größer. Es blieb nur sauber machen, das Ei aber war weg. »Und wir waren knapp.«
Die Eltern schärften Greta und Peter ein, nie einen Namen zu nennen, »denn dann gefährdet ihr Genossen.« Der Freundeskreis der Kinder schrumpfte zusammen. Außerhalb der Schule hatten sie kaum noch Kontakt zu Gleichaltrigen. Es kam zu Hausdurchsuchungen, dabei beschlagnahmen die Nazis unter anderem die Kinderbücher, etwa die Romane von Lisa Tetzner, einer aus Sachsen stammenden Autorin.[30]
Schon im Frühjahr 1933 vertrieb die Wohnungsbaugesellschaft die Familie aus ihrer Wohnung am Wiesendamm. Die Vermieterin begründete die Aufforderung zur Räumung damit, dass die Burmesters von den Nazis verfolgt wurden und sich verbergen mussten. Greta erinnert sich: »Wir sind aus dieser Wohnung in großer Hast bei Nacht und Nebel ausgezogen; in der Küche blieben die Gardinen hängen, die wir beim Vorbeifahren mit der Hochbahn sehen konnten.«[31]
Jetzt waren sie wohnungslos. Einmal, am 12. März, traf die Familie sich noch bei Opa Burmester. Da schrieben sie gemeinsam eine Postkarte, an Tante Hanne: »Wir sind ausgeflogen, sind fahrende Gesellen geworden«, hieß es da. Dann wurden sie getrennt. Die Kinder kamen zunächst bei KPD-Genossen unter, wo genau, weiß Greta nicht mehr, jedenfalls war sie auf der einen Seite einer großen Sandkuhle in der Gegend des heutigen Volksparkstadions, in der die Nazis Schießübungen veranstalteten, Peter auf der anderen Seite. Die Eltern tauchten unter. Mutter Lotte, laut Gerichtsurteil »zweifellos eine eifrige Funktionärin«, organisierte den Versand und die Verteilung illegaler Flugschriften. Sie wurde im Juli 1933 das erste Mal verhaftet und blieb – ohne förmliche Anklage – bis zum 23. September in »Schutzhaft«. Vater Carl wurde bereits im April verhaftet und erst im November wieder freigelassen.[32]
In dieser Zeit kam »Stammhalter« Peter dann zu Opa Burmester und Tante Marie, während Greta im gutbürgerlichen Hamburg-Eppendorf unterkam, in der Mansteinstraße, wo das Ehepaar Rosa und Hans Görtz wohnte. Der Ehemann war aktiver KPD-Funktionär, er wurde schon im März 1933 verhaftet und gleich zu zehn Monaten verurteilt. Er saß in der Strafanstalt Lübeck-Lauerhof ein; die Jahre bis zu seinem tragischen Tod im Mai 1945 verbrachte er in den Konzentrationslagern Fuhlsbüttel und Neuengamme. Seine Ehefrau, die nur 1,48 Meter große Rosel, war Jüdin. Sie geriet im Laufe der NS-Zeit zunehmend in das Netz aus persönlichem Terror und Ausgrenzung, kam nach ihrer Verhaftung 1944 erst nach Fuhlsbüttel, dann nach Auschwitz, wo sie am 27. Januar 1945, völlig entkräftet, befreit wurde.[33]
Bei Rosel Görtz ging es Greta gut. Sie bekam viele Eier zu essen, was sie sich im Nachhinein mit jüdischen Essgewohnheiten erklärt. Jedenfalls wurde sie umsorgt; nur Fahrgeld für den nun weiteren Schulweg war keines für sie übrig. Da fiel Gretas Lehrerin Margarethe Martens auf, dass das Mädchen immer so blass und abgekämpft zum Unterricht kam. Sie fragte, warum sie immer so müde sei, und Greta erzählte ihr, dass sie ja schon anderthalb Stunden aus Eppendorf gelaufen war. Von da an kaufte sie Greta jede Woche von ihrem Geld eine Wochenkarte für die Hochbahn. Als Lotte aus der »Schutzhaft« entlassen wurde, gab die Lehrerin dem Kind erneut Geld: »Jetzt gehst du und kaufst Brot und Eier für deine Mutter, damit sie sich wieder erholt.«[34]
Die Familie bemühte sich auch während der Verfolgungszeiten um Zusammenhalt. Das war nicht einfach, denn die Nazis kündigten Verhaftungen nicht an. Greta erinnert sich: »Die Eltern waren dann einfach weg.« Einmal nahm Lotte die Kinder mit in die Nähe des Untersuchungsgefängnisses; an dessen Seite lag ein Friedhof, und an der anderen Seite waren die Reste eines alten Wallgrabens. Die Mutter ging mit den Kindern dorthin und erklärte ihnen: »Wir spielen da miteinander, und ihr lauft immer weit weg und ich rufe dann ›Wer kommt in meine Arme?!‹, und ihr schreit dann so laut ihr könnt euren Namen.« Tatsächlich winkte jemand aus dem Fenster des Gefängnisses, vielleicht, so meinte Lotte, war das der Vater, aber Greta ist sich da nicht sicher.
Nachdem die Eltern aus der Schutzhaft entlassen wurden, im Herbst 1933, zog die Familie wieder in eine gemeinsame Wohnung, nach Dulsberg, einen an Barmbek angrenzenden Stadtteil, ebenfalls im Hamburger Norden. Die Verhältnisse in der über einen Laubengang zu erreichenden Wohnung waren sehr bescheiden; es gab dort nur ein Zimmer mit Wohnküche und WC. Der Keller des Hauses verfügte immerhin über eine Gemeinschaftswaschküche und ein Gemeinschaftsbad.[35]
Die illegale Arbeit der Eltern ging in dieser Zeit weiter. Greta erinnert sich an ein Treffen zu Silvester 1933. Nach dem üblichen Weihnachtsbesuch bei Opa Burmester fuhr die Familie »irgendwo in die Heide«, dort verbrachten sie mehrere Nächte und trafen sich mit Freunden. Sie feierten fröhlich den Jahreswechsel, auch auf der Straße, im Dunkeln singend – »unsere Eltern waren ja auch keine alten Leute«, und dort wurden »eben auch Sachen besprochen, mit Sicherheit besprochen«.[36]
Verfolgung
Zu Beginn der Sommerferien 1934 sahen Greta und Peter ihren Vater zum letzten Mal. Wie üblich sollten sie die Ferien bei Tante Hanne in Flensburg verbringen. Carl Burmester brachte die beiden zur Bahn. Zur Abfahrt winkten sie – das war es. Als sie einige Wochen später aus den Ferien zurückkehrten, waren die Eltern verhaftet, und es war Tante Marie, die die Neunjährige und den Achtjährigen in Hamburg erwartete.[37]
Nach der Verhaftung, am 10. Juli 1934, war die Ehe der Eltern vor dem Hamburger Landgericht geschieden worden, und zwar, wie es im späteren Gerichtsurteil gegen Lotte heißt, »aus Verschulden des Mannes«. Auf der Internetseite zu den Hamburger Stolpersteinen heißt es sogar, die Ehe sei »gescheitert«. Greta sieht das anders. Sie geht davon aus, dass die Scheidung nur formal erfolgte, und zwar ausgehend von Mutter Lotte, um die Gefährdung ihres Mannes zu verringern. Denn die Gestapo hatte, so Greta, der Mutter immer wieder vorgeworfen, sie »würde meinen Vater zum politischen Widerstand verführen«. Greta jedenfalls spürte nichts von einem Zwist. »Meine Mutter hat sich nicht als geschieden, sondern als verwitwet betrachtet.«[38]
Die NS-Behörden bemühten sich, die Ereignisse des Sommers 1934 zu vertuschen. Sie behaupteten, Gretas Vater sei nicht ermordet worden, sondern habe bereits am 7. August 1934 Selbstmord verübt. Dagegen sprechen eine Reihe von Zeugen, so der Großvater, Franz Burmester, der am 18. September im Hafenkrankenhaus die Leiche seines Sohnes identifizieren musste, sowie der Anwalt der Familie Burmester, der spätere Hamburger SPD-Bürgermeister Paul Nevermann. Er bescheinigte Greta im August 1949 schriftlich, dass ihr Vater von der Gestapo in ihrem Hauptquartier an der Stadtbrücke ums Leben gebracht wurde: »Ich war 1934 als Anwalt tätig und verteidigte mehrere Personen, die zur gleichen Zeit mit Ihrem Vater in Haft waren. Ich kann mich genau entsinnen, dass Carl Burmester sich nach schweren Misshandlungen aus dem Fenster stürzte und sofort seinen Verletzungen erlag.« Laut Sterbeurkunde ist das Todesdatum der 17. September 1934.[39]
Lebensmüde war Carl Burmester keineswegs. Ob er nun die Misshandlungen durch die Folterknechte nicht mehr ertrug oder auf keinen Fall die eigenen Genossen unter der Folter ans Messer liefern wollte – für Lotte, Greta und Peter ist immer klar gewesen: Das war kein Selbstmord, das war Mord.
Der Leichnam von Carl Burmester wurde eingeäschert. Zur Beisetzung erhielt Lotte Hafturlaub. Ihr Schwiegervater holte sie zusammen mit den Kindern an der Hochbahn ab; von dort ging es zum Friedhof. Greta erinnert sich: »Es war eine Urnenbeisetzung, wobei die Urne kein verziertes Gefäß war, wie man es sonst kennt, sondern sie sah aus wie eine Konservendose. Normalerweise kommt so etwas dann in eine äußere Schmuckurne, aber bei uns gab es das Geld dafür nicht. Und, da sagte meine Mutter: ›So, jetzt legt ihr noch mal die Hand auf die Urne.‹ Ich kann mich erinnern, dass ich gesagt habe: ›Das ist ja gar nicht warm‹, denn ich hatte erzählt bekommen, der Mensch ist verbrannt, und dachte also an Wärme. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich bei der Beisetzung bitterlich geweint habe. Es war wohl einfach so, dass man am Anfang erst begreifen musste, was geschehen war.«[40]
Gretas Bruder erinnerte sich an eine kleine Ansprache ihrer Mutter: »Wir wollen nicht traurig sein, dass wir nur zu dritt hinter Carls Urne hergehen. In Gedanken folgen uns Tausende Genossinnen und Genossen mit Fahnen, und die Kapellen spielen dazu den Trauermarsch. Und alle ehren sie unseren Vater.«[41]
Dann musste die Mutter wieder ins Gefängnis. Die Kinder sollten zu Verwandten kommen, die Wohnung in Dulsberg war schon ausgeräumt. Nur ein Kochtopf und einige wenige Gegenstände waren übrig. Lotte sagte zu ihren Kindern: »So, und jetzt essen wir nochmal zusammen und feiern Abschied.« Jedes durfte sich ein Essen wünschen, Peter und seine Mutter eine Karbonade, also ein Kotelett, Greta wählte eine Bratwurst. So saßen sie gemeinsam auf dem Fußboden, aßen aus der Pfanne und sangen »Lustig ist das Zigeunerleben«. Dieses gemeinsame Abschiedsessen hat sich Greta besonders eingeprägt. Für sie ist es ein Beispiel, wie Lotte sich bemühte, bewusst gemeinsam mit ihren Kindern durchs Leben zu gehen.[42]
Lotte Burmester wurde am 11. Dezember 1934 vom Strafsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« verurteilt. In der Urteilsbegründung gegen Lotte und ihre dreizehn männlichen Mitangeklagten hieß es, die Angeklagten hätten 1933 in verschiedenen Stadtteilen für die KPD gearbeitet, dort Funktionen in der Partei und »im kommunistischen Versandapparat« versehen. Sie hätten dabei das »hochverräterische Unternehmen« vorbereitet, »mit Gewalt die Verfassung des Reiches zu ändern«, indem sie einen organisatorischen Zusammenhalt gepflegt und die Massen durch »Verbreitung von Schriften« beeinflusst hätten. Lotte Burmester, so das Gericht, sei »zweifellos eine eifrige Funktionärin« gewesen. Für sie aber spreche der persönliche Eindruck und dass sie nach dem Tode ihres Mannes für ihre Kinder sorgen müsse. Das biete »hinreichend Gewähr dagegen, dass sie Versuchungen zu kommunistischer Tätigkeit nicht erliegen wird« (die doppelte Verneinung war sicher ein Versehen – aber so trifft der Satz wenigstens zu). Sie wurde zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt. Zwei Monate und drei Wochen Untersuchungshaft wurden auf die Strafe angerechnet. Die Zeit sollte sie im Gefängnis Lübeck-Lauerhof absitzen.[43]
Erneut trennten sich die Wege der Kinder. Peter kam nach Kassel, zur älteren Schwester seiner Mutter, Tante Anna und ihrem Mann Paul Peters. Greta kehrte nach Barmbek, an den Wiesendamm zurück; sie zog zum Bruder ihres Vaters, zu Onkel Heinrich und Tante Clara. Das waren in ihrer Erinnerung »alte Sozialdemokraten, so richtig bodenständige Leute«, nicht arm und nicht reich; sie wohnten gegenüber vom Barmbeker Bahnhof in einem Haus aus der Zeit der Jahrhundertwende, mit Wohnküche, Balkon, Schlafzimmer, Wohnzimmer und einer guten Stube«. Nach Gretas Eindruck lebten sie dort »sehr solide«.[44]
In dieser Zeit, der Haftzeit ihrer Mutter, wurde Greta schwer krank. Zu Pfingsten 1935 war sie bei Opa Burmester zu Besuch, und die Familie machte einen Ausflug an die Elbe. Dort wurde Greta schlecht, sie bekam Fieber, wurde krank und immer kränker, bis die Verwandten dann einen Arzt holten. Greta hatte keine Stimme mehr, bekam Atemnot. Der Arzt erkannte gleich, dass sie in Lebensgefahr war. Sie kam ins Krankenhaus Lohmühle, in einen »Riesensaal, nur durch Vorhänge abgeteilt«, und dann kam die Diagnose: Kehlkopfdiphtherie. Greta wurde in die Infektionsabteilung verlegt. Ihre Erkrankung stand am Anfang einer Reihe von Infektionen in Hamburg. Ein Mädchen aus ihrer Klasse hatte sich auch angesteckt. Dabei handelte es sich um Maria, »ein sehr zartes Kind mit langen, dunklen etwas krausen Zöpfen«, die einzige Schulfreundin, an welche Greta sich erinnert. Maria starb an der Krankheit. Greta blieb mehrere Monate im Krankenhaus, bis in den Hochsommer in der Infektionsabteilung; danach kam sie in eine andere Abteilung, weil sowohl ihr Herz als auch ihre Nieren angegriffen waren. Zwei Jahre durfte sie in der Schule nicht mitturnen. Die Diphtherie hatte Folgen: Gretas Herz blieb bis an ihr Lebensende geschwächt.
Die Mutter durfte in der Haft keine Besuche empfangen und nur einmal pro Monat einen Brief schreiben. Als Greta krank wurde, gingen sämtliche Briefe an die Familie zu ihr in die Klinik. Lotte erkrankte im Spätsommer 1935 ebenfalls schwer, an Asthma. Ein Arzt sorgte dafür, dass sie aus der Strafanstalt ins Krankenhaus gebracht wurde und tat alles, um ihre Rückkehr in die Haftanstalt hinauszuzögern. Im Oktober schließlich wurde sie aus der Haft entlassen und konnte nach Hamburg zu ihren Kindern zurückkehren.
Greta, Lotte und Peter in Flensburg (um 1932)
