Gretchen Larssen und der Küstenmörder - B.C. Schiller - E-Book

Gretchen Larssen und der Küstenmörder E-Book

B. C. Schiller

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Beschreibung

Wenn du dich von deinen Liebsten trennst, dann bist du tot … Am Nonnensee auf der Insel Rügen finden Schüler einen Kinderwagen mit einem weinenden Baby. Von der Mutter fehlt jede Spur. Hauptkommissarin Gretchen Larssen und ihr Kollege Henry Bülow entdecken am Seeufer die Leiche der jungen Krankenschwester Liz. Alles deutet auf einen Ritualmord hin. Doch bald nehmen die Ermittlungen eine Wendung, und der Chefarzt einer Klinik gerät ins Fadenkreuz der Polizei. Er soll ein heimliches Verhältnis mit Liz gehabt haben. Aber dann findet Gretchen heraus, dass es vor Jahren bereits einen ähnlichen Mord gegeben hat, der nie aufgeklärt wurde. Treibt ein wahnsinniger Frauenmörder auf der Insel Rügen sein Unwesen …? In Gretchens Privatleben geben ihr die Beziehung zu Finn und die Zwiesprache mit ihrem verschwundenen Sohn Niki viel Kraft, denn diesmal muss sie ihrer Großmutter Edda wegen eines schweren Schicksalsschlages beistehen. Jeder Krimi ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen Bänden gelesen werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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INHALT

Anmerkung

Über die Autoren B.C. Schiller

Bücher von B.C. Schiller

Bücher von B.C. Schiller

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Danksagung

Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management e.U. urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management e.U.,

A – 4020, Linz, Derfflingerstrasse 14, April 2024, Jänner 2026

Lektorat: Wolma Krefting, bueropia.de

Korrektorat: Manuela Tiller, textwerk-koeln.de

Covergestaltung: Buchcoverdesign.de, Chris Gilcher

Bildmaterial: Adobe Stock ID 326095140

Wir haben uns erlaubt, einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als LeserInnen werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

ÜBER DIE AUTOREN B.C. SCHILLER

Barbara und Christian Schiller leben und arbeiten in Wien und auf Mallorca mit ihren beiden Ridgebacks Calisto & Emilio.

Gemeinsam waren sie über 20 Jahre in der Marketing- und Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für spannende Krimis und packende Thriller.

B.C. Schiller gehören zu den erfolgreichsten Spannungs-Autoren im deutschsprachigen Raum. Bisher haben sie mit ihren Krimis über 3.500.000 Leser begeistert.

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BÜCHER VON B.C. SCHILLER

Aus der Reihe „Gretchen Larssen“ sindbisher erschienen:

GRETCHEN LARSSEN UND DAS OSTSEEMÄDCHEN: der erste Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DAS DÜNENOPFER: der zweite Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DER OSTSEEZORN: der dritte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DIE OSTSEESCHULD: der vierte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DER KÜSTENMÖRDER: der fünfte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DER OSTSEEMORD: der sechste Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DIE OSTSEETRÄNEN: der siebte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DAS OSTSEEHERZ: der achte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DER OSTSEEFROST: der neunte Band mit Gretchen Larssen

MALLORCA-INSELKRIMI:

MÄDCHENSCHULD – ist der erste Band der neuen spannenden Mallorca-Inselkrimi-Reihe mit der Inspectora Ana Ortega und dem Europol-Ermittler Lars Brückner. Die Krimis sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

SCHÖNE TOTE – der zweite Band mit Ana Ortega und Lars Brückner.

FAMILIENBLUT – der dritte Band mit Ana Ortega und Lars Brückner.

BÜCHER VON B.C. SCHILLER

DUNKELSTEIG – Trilogie - Krimi:

DUNKELSTEIG – RACHE: der erste Band mit Felicitas Laudon

DUNKELSTEIG – SCHULD –der zweite Band mit Felicitas Laudon

DUNKELSTEIG – BÖSE: der dritte und letzte Band mit Felicitas Laudon

Psychothriller:

DIE FOTOGRAFIN

DIE SCHWESTER

DIE EINSAME BRAUT

BÜCHER VON B.C. SCHILLER

TONY-BRAUN-THRILLER:

TOTES SOMMERMÄDCHEN – der erste Tony-Braun–Thriller –

»Wie alles begann«

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der zweite Tony-Braun-Thriller

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der dritte Tony-Braun-Thriller

ALLE MÜSSEN STERBEN – der vierte Tony-Braun-Thriller

DER STILLE DUFT DES TODES – der fünfte Tony-Braun-Thriller

RATTENKINDER – der sechste Tony-Braun-Thriller

RABENSCHWESTER – der siebte Tony-Braun-Thriller

STILLER BEOBACHTER – der achte Tony-Braun-Thriller

STRANDMÄDCHENTOD – der neunte Tony-Braun-Thriller

STILLES GRABESKIND – der zehnte Tony-Braun-Thriller

Alle Tony-Braun-Thriller waren monatelang Bestseller in den Charts. Die Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

BÜCHER VON B.C. SCHILLER

Die TARGA-HENDRICKS-Thriller:

DER MOMENT, BEVOR DU STIRBST – der erste Fall mit Targa Hendricks

IMMER WENN DU TÖTEST – der zweite Fall mit Targa Hendricks

DUNKELTOT, WIE DEINE SEELE – der dritte Fall mit Targa Hendricks

Die DAVID-STEIN-Thriller:

DER HUNDEFLÜSTERER – David Steins erster Auftrag

SCHWARZER SKOPRION – David Steins zweiter Auftrag

ROTE WÜSTENBLUME – David Steins dritter Auftrag

RUSSISCHES MÄDCHEN – David Steins vierter Auftrag

FREMDE GELIEBTE – David Steins fünfter Auftrag

EISIGE GEDANKEN – David Steins sechster Auftrag

TODESFALTER – David Steins siebter Auftrag

LEVI-KANT-Wien-Krimi:

BÖSES GEHEIMNIS – der erste Cold Case

BÖSE TRÄNEN – der zweite Cold Case

BÖSES SCHWEIGEN – der dritte Cold Case

GRETCHEN LARSSEN UND DER KÜSTENMÖRDER

OSTSEEKRIMI

B.C. SCHILLER

KAPITELEINS

An einem strahlenden Frühlingstag im April begegnete das Mädchen Alva zum ersten Mal dem Bösen. Doch davon ahnte sie noch nichts, als sie in den dunklen Nonnensee sprang. Der Nebel, der wie ein feuchtes graues Tuch über der Insel Rügen lag, hatte sich ein wenig gelichtet und erste Sonnenstrahlen verwandelten die Oberfläche des Sees in ein schimmerndes Schmuckstück. Mit kräftigen Zügen kraulte das Mädchen durch das Wasser, versuchte, ihren Freund Sven abzuhängen, der hinter ihr schwamm.

Die beiden Jugendlichen waren Schüler eines Sportgymnasiums und hatten sich an diesem Morgen beim Nonnensee verabredet, um für einen Schulwettkampf zu trainieren. Ihr Ziel war eine rote Boje, die gut zweihundert Meter vom Ufer entfernt auf den Wellen tanzte und im Sonnenlicht glänzte. Die Boje war bereits in greifbarer Nähe und diesmal würde Alva gewinnen. Doch bevor sie ihr Ziel erreichte, wurde sie plötzlich von hinten im Nacken gepackt und nach unten gezogen. Vor Schreck riss Alva den Mund auf, schluckte eine ziemliche Portion Wasser, strampelte mit den Beinen und versuchte sich verzweifelt aus der Umklammerung zu lösen. Doch die starken Arme drückten sie hinab bis zu dem Seegras, das bereits gierig an ihren Füßen leckte. Während das Mädchen gegen das Ertrinken ankämpfte, kam ihr absurderweise die alte Sage über den Nonnensee in den Sinn. Sie war nie abergläubisch gewesen und fand diese Geschichte immer lächerlich, die man sich auf Rügen unter den alten Bewohnern erzählte. Angeblich hatte es hier früher ein Kloster gegeben, in dem Nonnen angehalten waren, ein gottgefälliges Leben zu führen. Die Klosterschwestern waren aber mehr den sinnlichen Genüssen als der Askese zugewandt, und ihre Ausschweifungen waren bald auf der ganzen Insel berüchtigt. So schickte Gott eine Sturzflut auf das Kloster herab, die Gebäude versanken in den Wassermassen, und dort, wo sie gestanden hatten, bildete sich der See. Laut der Sage trieben seither die Nonnen als Wassergeister ihr Unwesen, lockten arglose Schwimmer hinaus auf das dunkle Wasser und zogen sie in die Tiefe.

Alva mobilisierte ihre letzten Kräfte, riss sich los und schnellte wieder nach oben. Keuchend blickte sie sich um.

»Ich habe gewonnen!«, rief Sven, klatschte die Boje ab und grinste dabei spitzbübisch.

»Das war total daneben!«, fauchte Alva. »Du hast mich unter Wasser gedrückt und ich wäre beinahe ertrunken.«

»Ach, hab dich nicht so, das war doch nur ein kleiner Spaß«, erwiderte ihr Schulfreund lachend.

Alva wollte etwas darauf entgegnen, doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit durch eine Bewegung am Ufer abgelenkt. Ein Kinderwagen stand einsam am Rand des Sees und schaukelte sanft vor und zurück. Sie kniff ihre kurzsichtigen Augen zusammen, um mehr zu erkennen. »Siehst du den Kinderwagen dort am Ufer?«, rief sie aufgeregt.

»Ja und?« Sven blickte Alva fragend an. »Was soll denn damit sein?«

»Das ist doch merkwürdig, ich sehe mir den einmal genauer an.« Als sich Alva dem Ufer näherte, trug der Wind ein seltsames Geräusch in ihre Richtung. Es klang hoch und dünn, war herzzerreißend. ›Das hört sich an wie das Weinen eines Babys‹, dachte Alva beunruhigt und lauschte angestrengt. Kein Zweifel, ein Baby jammerte und schien jetzt auch wild hin und her zu strampeln. Deshalb wiegte sich der Kinderwagen auch plötzlich heftiger vor und zurück und begann langsam in Richtung See zu rollen.

»Hey!«, rief sie zum Ufer. »Passt denn keiner auf das Kind auf?« Doch niemand reagierte auf ihre Rufe. Alvas Herz schlug bis zum Hals und sie verdoppelte ihr Tempo. Nicht auszudenken, wenn das Baby ins Wasser fiele, dann würde es ertrinken.

Nur noch wenige Meter trennten Alva vom Seeufer. Das Weinen wurde immer lauter und jetzt erkannte Alva auch kleine Hände, die hilfesuchend ins Leere griffen. Endlich erreichte sie das Ufer und lief auf den Kinderwagen zu, der sich bereits bedenklich zur Seite neigte. Alva streckte den Arm aus, erwischte den geschwungenen Haltegriff gerade noch rechtzeitig, ehe der Wagen ins Wasser kippte, und riss ihn zurück.

»Keine Angst, mein Kleines. Jetzt bist du in Sicherheit.« Während Alva beruhigend auf das Baby einredete, zog sie den Kinderwagen vom Ufer weg an einen sicheren Platz. Langsam verflüchtigte sich das Adrenalin aus ihren Adern, und erst jetzt spürte Alva den kalten Wind auf ihrer nassen Haut.

»Das war aber knapp.« In der Zwischenzeit war auch Sven zurück ans Ufer geschwommen, hatte ihre Sachen vom Fahrrad geholt und näherte sich Alva. Dann legte er ihr ein Handtuch über die Schultern. »Trockne dich ab, du erkältest dich sonst noch.«

»Wo ist bloß die Mutter abgeblieben?«, fragte Alva und blickte sich suchend um, während sie in ihren Trainingsanzug schlüpfte.

»Wir sollten die Polizei verständigen«, meinte Sven. »Ich hol mein Handy. Das liegt noch im Rucksack beim Fahrrad.«

»Bleib aber nicht zu lange weg«, antwortete Alva ängstlich.

»Du wirst dich doch alleine nicht fürchten?«, fragte Sven spöttisch.

»Natürlich nicht. Los, hau ab!« Vor ihrem Freund wollte Alva auf keinen Fall als Angsthase dastehen, obwohl sich ein merkwürdiges Gefühl in ihrem Inneren ausgebreitet hatte.

Als Sven verschwunden war, untersuchte sie den Kinderwagen. Dort lag ein kleiner Rucksack, aus dem ein Fläschchen ragte. ›Hat jemand das Baby ausgesetzt?‹ Das unangenehme Gefühl in ihrem Bauch wurde stärker. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung. »Hallo, ist hier jemand?«, rief Alva, doch sie bekam keine Antwort. Nur ein Schwarm Vögel flatterte erschrocken mit lautem Gekreische aus einem nahen Wäldchen zwischen den Nebelschleiern hinauf in die Sonne. Dann legte sich wieder eine lähmende Stille über den dunklen See.

Das Baby begann erneut zu schreien und Alva hob es hoch, um es zu beruhigen. Mit dem weinenden Kleinkind am Arm blickte Alva über den See, auf dessen Wellen die rote Boje wie ein Alarmsignal tanzte. Zwischen dem hohen Schilfrohr sah sie plötzlich einen Schatten. ›Werde ich beobachtet?‹ Vor Schreck drückte sie das Baby stärker an ihre Brust. Ein Gefühl der Bedrohung stülpte sich über Alva wie eine erstickende Decke, und sie atmete heftig aus und ein. Mit dem Säugling auf dem Arm wich sie zurück.

»Sven, wo bist du?«, rief sie zaghaft. Keine Minute länger wollte sie hierbleiben und beschleunigte ihre Schritte. Eilig bahnte sie sich ihren Weg durch das Gestrüpp am Ufer, stieß mit dem Fuß gegen etwas Weiches. Wie paralysiert verharrte sie und ihr Herz pochte zum Zerspringen. Vorsichtig blickte Alva auf den Boden, sah ein nacktes Bein, über das sie fast gestolpert wäre. Dann begann sie zu schreien.

KAPITELZWEI

Das Drama begann nur wenige Minuten, nachdem das Einkaufszentrum in Bergen geöffnet worden war. Doch davon wusste die junge Frau noch nichts, die auf dem Parkplatz aus ihrem alten Golf Cabrio stieg und zum Eingang eilte. Sie trug Jeans und eine Lederjacke, ihre dunkelblonden Haare hatte sie straff zu einem Zopf nach hinten gebunden. Auf den ersten Blick wirkte alles an ihr normal, wäre da nicht die Pistole gewesen, die in einem Holster an ihrem Gürtel steckte. Die gut aussehende Frau hieß Gretchen Larssen und trug die Waffe völlig legal, denn sie war Hauptkommissarin der Kriminalpolizei von Rügen.

Heute war ein besonderer Tag für Gretchen. Genau vor zwei Jahren war ihr Sohn Niki nach einem Autounfall spurlos verschwunden, und trotz einer intensiven Suche gab es bisher keine Spur von ihm. Diesen Jahrestag wollte Gretchen gemeinsam mit ihrem Freund Finn Petersen und ihrer Großmutter Edda begehen, um an ihren Sohn zu denken und ihn so vor dem Vergessen zu bewahren.

Aus diesem Grund war sie in das Shoppingcenter gefahren, um für den Abend noch einen besonderen Stoffdelfin zu kaufen, denn Niki liebte Delfine über alles. Als sie an der Kasse des Spielwarengeschäfts stand und einen niedlichen Delfin mit freundlichem Lächeln bezahlte, hörte sie plötzlich lautes Geschrei vom anderen Ende des Einkaufszentrums.

»Hilfe!«, rief eine Frauenstimme und ihr Schrei vervielfältigte sich in der fast leeren Mall, wurde zu einem Chor der Verzweiflung.

Hastig eilte Gretchen an den Läden vorbei, kam zum hinteren Bereich des Centers, wo eine Frau stand und händeringend nach oben zu der Galerie im zweiten Stock schaute.

»Bitte lass Elias frei«, schluchzte sie.

»Ich bin von der Polizei. Was ist geschehen?«, fragte Gretchen die weinende Frau. Sie blickte zur Galerie hinauf und sah einen Mann, der einen kleinen Jungen über die Brüstung hielt. Das Gesicht des Kindes war angstverzerrt und es klammerte sich mit der Hand an das Geländer. Doch die Miene des Mannes wirkte hart und undurchdringlich, und Gretchen ahnte, dass sie nur wenig Zeit hatte, um das Schlimmste zu verhindern.

»Er will Elias hinunterwerfen und mich damit bestrafen«, wimmerte die Frau verzweifelt.

»Du bist an allem schuld«, hörte Gretchen die Stimme des Mannes. »Du hättest dich nie von mir trennen dürfen.«

»Du weißt doch genau, warum. Du hast dich einen Scheiß um Elias gekümmert und auch mich wie das letzte Stück Dreck behandelt. Bitte, mach nichts Unüberlegtes!«, rief die Frau panisch.

»Warum hast du mich verlassen?«, erwiderte der Mann. »Du zerstörst mutwillig unsere Familie. Willst du das denn wirklich?«

»Ich kann einfach nicht mehr mit dir leben. Das musst du doch verstehen. Du hast mich immer nur kontrolliert. Das ertrage ich nicht mehr.«

»Provozieren Sie Ihren Mann nicht«, flüsterte Gretchen. »Reden Sie lieber mit ihm über Ihren Sohn.«

»Elias liebt dich und er kann doch nichts dafür«, schluchzte die Frau, drehte sich zu Gretchen und packte sie an den Schultern. »So tun Sie doch endlich etwas, Sie sind doch Polizistin!«

»Machen Sie keinen Blödsinn, denken Sie an Ihren Sohn, für den Sie ein Vorbild sind«, rief Gretchen zu dem Mann hinauf. »Es gibt sicher noch einen Ausweg. Wir können doch über alles reden!« Hastig blickte sie sich um, winkte einen der herbeieilenden Security-Männer zu sich. »Alarmieren Sie sofort die Feuerwehr und den Rettungsdienst«, trug sie ihm auf. Als der Mann verschwunden war, blickte Gretchen wieder nach oben. »Wie heißt denn der hübsche Junge?«

»Elias und wer sind Sie?«, fragte der Mann irritiert.

»Ich komme jetzt zu Ihnen hoch, dann können wir uns besser unterhalten«, sagte Gretchen und sprintete die Treppe hinauf. Als sie die zweite Etage erreichte, atmete sie noch einmal kräftig durch, überlegte sich ihre Strategie und näherte sich dann vorsichtig dem Mann. Der Vater trug Chinos und ein legeres Leinensakko. Sein Gesicht war aufgedunsen und seine Augen rot unterlaufen. Wegen seiner fahrigen Bewegungen machte er den Eindruck, als wäre er die ganze Nacht wach gewesen. Seinen Sohn hielt er vor sich über die Brüstung, sodass die Beine des Jungen in die Tiefe baumelten. Der Vater musste das Kind nur loslassen und sofort würde es nach unten stürzen.

»Ich bin Gretchen Larssen und wie heißen Sie?«, fragte sie und schob sich Zentimeter für Zentimeter an den Mann heran.

»Hauke Stein. Ich bin Journalist bei der Rügener Post«, erwiderte der Mann und musterte Gretchen argwöhnisch. »Ihren Namen habe ich schon einmal gehört«, überlegte er dann.

»Das kann durchaus sein. Die Zeitungen haben damals groß über meinen Fall berichtet, als mein Mann tödlich verunglückt und mein Sohn Niki aus dem Unfallauto verschwunden ist. Ich kann also verstehen, wie Sie sich fühlen, wenn man plötzlich alleine und ohne Familie ist. Auch ich wollte mich von meinem Mann trennen.« Wieder machte Gretchen einen kleinen Schritt auf Hauke zu.

»Dann sind Sie ja nicht besser als Amelie.« Hauke wies nach unten, wo seine Frau ängstlich nach oben blickte.

»Das mag sein, aber ich bin dem Schlag meines Herzens gefolgt und habe teuer dafür bezahlt. Heute auf den Tag genau vor zwei Jahren ist mein Sohn Niki verschwunden.«

»Wie können Sie mit dieser Ungewissheit weiterleben?«, fragte der Journalist und versuchte ganz langsam, die Hand des Kindes vom Geländer wegzuziehen.

»Ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber ich bin in ständigem Dialog mit meinem Sohn. Er hilft mir weiterzuleben, und ich habe meine Oma, die mich davor bewahrt hat, in den Abgrund zu stürzen«, redete Gretchen unentwegt weiter.

»Lass los, Elias, gleich ist es vorbei, es tut nicht weh«, hörte sie Hauke flüstern und sah, wie er Finger um Finger des kleinen Jungen von dem Handlauf löste.

›Was soll ich bloß tun?‹, dachte Gretchen und überlegte blitzschnell ihre Möglichkeiten.

›Mama, zeig dem Jungen den Delfin, den du für mich gekauft hast‹, hörte Gretchen plötzlich Nikis Stimme in ihrem Kopf und reflexartig handelte sie.

»Ich habe etwas für dich, Elias«, sagte sie und zog die Tüte mit dem Stoffdelfin aus ihrer Jackentasche. »Magst du Delfine?«

Ruckartig bewegte der kleine Junge den Kopf in Gretchens Richtung und nickte.

»Möchtest du ihn haben?« Wieder nickte Elias und Gretchen schob sich noch näher heran. »Ist es okay, wenn ich Elias den Delfin schenke?«, fragte sie Hauke.

»Wieso tun Sie das?« Irritiert blickte Hauke umher, wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte.

»Weil ich möchte, dass dieser Delfin Elias Glück bringt. Er war eigentlich für die heutige Feier meines Sohnes gedacht, aber Niki findet es sicher in Ordnung, dass Elias das Stofftier bekommt.«

Nur noch wenig Schritte trennten Gretchen von Hauke und seinem Sohn. Wenn sie jetzt den Arm ausstreckte, dann könnte sie das Kind erreichen und wegreißen. Doch noch zögerte sie. Unauffällig warf Gretchen einen Blick nach unten, wo in der Zwischenzeit Feuerwehr und Sanitäter eingetroffen waren und gerade ein großes Sprungpolster hereintrugen.

»Sie wollen mich bloß hinhalten«, zischte Hauke, der jetzt ebenfalls die Einsatzkräfte bemerkt hatte. Plötzlich riss der Vater Elias Hände von dem Geländer, doch in diesem Augenblick sprang Gretchen nach vorne, erwischte den Jungen am Arm und zog ihn zurück auf die rettende Galerie. Durch den Schwung stürzte sie zu Boden, hielt den Jungen aber fest umklammert. Aus den Augenwinkeln sah sie mehrere Security-Männer aus dem Aufzug stürmen, um Hauke festzuhalten.

Langsam erhob sich Gretchen und drückte Elias den Delfin in die Arme. »Der ist für dich, mein Kleiner. Wie mutig du warst«, sagte sie und ging dann langsam mit dem Jungen an der Hand die Treppe hinunter, wo er von seiner völlig aufgelösten Mutter mit tränenreichen Küssen überschüttet wurde.

»Danke«, sagte sie zu Gretchen und umarmte sie überschwänglich. »Sie haben meinem Kind das Leben gerettet. Wie kann ich das nur jemals gutmachen?«

»Ist schon in Ordnung«, winkte Gretchen ab und trat zu den Polizisten, um ihre Aussage zu machen. Dann verließ sie das Shoppingcenter, ging zu ihrem Wagen. Sie blieb einige Minuten mit geschlossenen Augen sitzen und ließ das Geschehen Revue passieren. Noch immer hatte sie Nikis Stimme im Ohr. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie kein Geschenk mehr für ihren Sohn hatte. Doch dann hörte sie seine Stimme: ›Das macht doch nichts, der Junge braucht den Delfin dringender als ich. Ich bin stolz auf dich, Mama.‹

KAPITELDREI

Das gleichmäßige Rauschen der Wellen war besänftigend, und Gretchen kam langsam zur Ruhe, als sie an den Strand ging. Der Nebel hatte sich fast gänzlich verzogen und die Ostsee leuchtete im Morgenlicht. Noch immer hörte sie Nikis Stimme, die so real geklungen hatte, dass sie für einen Augenblick dachte, ihr Sohn würde neben ihr stehen. ›Gibt es an diesem Jahrestag eine besondere Verbindung zu Niki?‹, dachte sie und setzte sich in den Sand. In diesem aufgewühlten Zustand konnte sie unmöglich im Polizeipräsidium erscheinen, deshalb war sie zur Küste gefahren, um sich zu sammeln. Sie ging gerade zurück zu ihrem Wagen, als ihr Handy klingelte. Es war ihr Kollege Henry Bülow.

»Hallo, Gretchen, wir haben eine Leiche«, hielt sich Henry nicht lange mit Begrüßungsfloskeln auf, sondern kam direkt auf den Punkt. »Ich schicke dir die Koordinaten.«

»Okay, bis gleich.«

Die mystische Atmosphäre verflüchtigte sich, und der Schatten eines Verbrechens legte sich über den frühlingshaften Morgen und verdüsterte Gretchens Stimmung. ›Was ist das nur für ein komischer Tag‹, dachte sie. ›Zuerst ein durchgedrehter Familienvater und jetzt eine Leiche.‹

Sie setzte sich in ihr altes Golf Cabrio und fuhr zum Tatort, dessen Koordinaten ihr Henry bereits aufs Handy geschickt hatte. Gretchen kannte die Gegend rund um Parchtitz, wo sich der Nonnensee befand. Als Kind war sie mit ihrer Großmutter Edda einige Male hier gewesen. Sie waren am Ufer entlanggewandert, und ihre Oma hatte dem kleinen Gretchen die über achtzig Vogelarten gezeigt, die das Naturschutzgebiet bevölkerten. Im Augenblick wirkte der See still und friedlich, breitete sich vor Gretchen wie ein schimmerndes Samttuch aus. Am nördlichen Ufer waren in der Ferne einige Datschas zu erkennen, die häufig an Sommerfrischler vermietet wurden, aber der Großteil des Sees und der angrenzenden Wiesen waren unberührte Naturlandschaft.

Das einzig Störende an dieser friedlichen Idylle waren ein Polizeifahrzeug und ein blauer Karmann Ghia, die am Wegrand standen. Gretchen parkte dahinter, stieg aus ihrem Golf, als ihr bereits ihr jüngerer Kollege Kommissar Henry Bülow entgegenkam. Wie immer war er sehr figurbetont gekleidet mit engem T-Shirt und knackigen Jeans. Aber das konnte er sich bei seinem durchtrainierten Körper auch leisten. In der Hand hielt Henry einen Kaffeebecher, dessen Aroma verführerisch duftete.

»Sorry, dass ich dich so früh rausscheuchen musste«, sagte er und drückte Gretchen den Becher in die Hand. »Ich hoffe, ich kann das mit einem starken Caffè Doppio wiedergutmachen.«

»Den kann ich jetzt gut brauchen. Ich hatte bereits einen anstrengenden Morgen, aber Gott sei Dank ist alles glimpflich verlaufen«, sagte Gretchen und erzählte ihrem Kollegen von dem dramatischen Einsatz im Einkaufszentrum. Dann nahm sie den Kaffeebecher und trank einen großen Schluck des schwarzen Gebräus. »Wo bekommst du nur immer diesen guten Kaffee her?«, fragte Gretchen.

»Du weißt doch, die Oldtimer-Werkstatt meines Vaters ist ganz in der Nähe und er hat eine Profi-Kaffeemaschine«, meinte Henry mit einem Augenzwinkern und strich sich über seine streichholzkurzen Haare.

»Was liegt vor?«, erkundigte sie sich.

»Zwei Schüler haben hier am Ufer des Nonnensees ein weinendes Baby in einem Kinderwagen und etwas entfernt die Leiche einer jungen Frau gefunden.« Henry deutete auf ein Mädchen und einen Jungen, die bei einem Beamten standen und sich gegenseitig umklammerten, so als hätten sie Angst davor, alleine zu bleiben. »Ich habe die beiden schon befragt. Das Mädchen hat die tote Frau im Gebüsch entdeckt, und vorher hatte sie das Gefühl, beobachtet worden zu sein.»

»Hat sie jemanden gesehen, kann sie etwas beschreiben?«, fragte Gretchen, die aus Erfahrung wusste, dass Zeugenaussagen immer mit großer Vorsicht zu bewerten waren. Oft standen die Personen unter Schock und glaubten bestimmte Dinge gesehen zu haben.

»Nein, das Mädchen kann sich an nichts Konkretes erinnern. Auch der kleine Parkplatz am Straßenrand ist leer«, fügte Henry rasch hinzu.

»Dann wird die Mutter des Kindes wahrscheinlich nicht weit von hier wohnen«, schlussfolgerte Gretchen, während sie ein paar Latexhandschuhe aus ihrer Jeansjacke fischte und auf dem schmalen Uferstreifen zu dem Kinderwagen ging. Auf dem Weg kam ihre eine Polizistin mit einem Bündel entgegen.

»Das Baby aus dem Kinderwagen«, sagte die Beamtin und wiegte behutsam das in eine Decke gehüllte Kleinkind. »Es ist ein süßes Mädchen.«

Die Kleine schlief friedlich in den Armen der Polizistin und nuckelte an ihrem Daumen. »Sie machen das super, deshalb sind Sie jetzt vorübergehend die Babysitterin, bis jemand vom Jugendamt kommt«, sagte Gretchen zu der Frau.

Dann wandte sich Gretchen dem Kinderwagen zu. Vorsichtig hob sie die weiche Flauschdecke hoch, doch da war nichts weiter als ein pinkes Leintuch, das über die Matratze gespannt war.

»In dem Bettchen befand sich ein Rucksack mit einem Fläschchen und einem Ausweis.« Henry zeigte Gretchen eine Plastiktüte, in der sich eine Mitarbeiterkarte des Klinikums Bergen befand.

»Liz Albrecht, OP-Krankenschwester«, las Gretchen und betrachtete die Porträtaufnahme. »Wo befindet sich die Leiche?«, fragte sie ihren Kollegen.

»Gleich hier vorne.« Henry wies auf die niedrigen Büsche am Ufer, aus denen ein helles Bein hervorlugte.

Gretchen schlüpfte unter dem rot-weiß-roten Polizeiabsperrband hindurch. Im Gestrüpp lag die halb nackte Leiche einer Frau zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren. Als Gretchen die tote Frau genauer betrachtete, gab es keinen Zweifel, es war Liz Albrecht. Rund um ihren Körper war das Gras niedergedrückt, wirkte wie eine Aura des Todes. Der Wind raschelte in den Büschen und träge Wellen plätscherten leise an das Ufer. Vom Wasser aus hätte man die Tote für eine Sonnenanbeterin halten können, denn sie trug nur einen dünnen Slip. Liz hatte eine sportliche Figur und die Arme schützend über ihre Brüste gelegt. Ihr Gesicht war klar und ebenmäßig, der Mund ein wenig geöffnet, was ihren Zügen einen sinnlichen Ausdruck verlieh. Das kurze rötliche Haar stand kreuz und quer von ihrem Kopf ab. An ihrem Hals zeigte sich ein roter Striemen, der wie eine zu eng geschnürte Kette wirkte. Jeans, T-Shirt und Pullover lagen ordentlich gefaltet und übereinandergestapelt neben der toten Liz. Ihre blauen Sneaker waren auf dem Päckchen abgestellt. »Die Kleidung ist fast militärisch akkurat zusammengelegt«, meinte Henry.

»Stimmt, diese Anordnung ist sicher kein Zufall«, antwortete Gretchen und machte mit dem Handy ein Foto von der Kleidung. »Auch die Arme wurden sicher vom Mörder in diese Position gebracht.« Gretchen kniete sich neben Liz und berührte mit ihrem Latexhandschuh die Haut. Der Körper der jungen Frau war kalt, aber die charakteristischen Totenflecken hatten die marmorne Haut noch nicht entstellt. Der Mord war also erst vor Kurzem geschehen.

»Ist es auch kein Zufall, dass die Leiche am Ufer des Nonnensees liegt, um den sich doch die irrsten Geschichten ranken?« Gretchen deutete auf den See hinaus. »Vom Wasser aus ist die Leiche gut sichtbar. Vielleicht eine Aufforderung für die Geister der Nonnen, Liz zu sich zu holen.«

»Glaubst du, dass die Tote ein ausschweifendes Leben geführt hat?«, überlegte Henry. »So wie damals die gotteslästerlichen Nonnen?«

»Der Mörder könnte sich das gedacht haben. Du bist übrigens in Rügens Sagenwelt ziemlich bewandert«, lobte Gretchen ihren Kollegen.

»Ich habe als Kind immer mit Begeisterung Sagen gelesen. Das Mystische hat mich total fasziniert.«

»Echt?«, fragte Gretchen überrascht. »Ich dachte, du warst schon damals nur an Autos interessiert.«

»Auch Oldtimer besitzen eine mystische Aura. Denk nur daran, was so ein Wagen alles erlebt hat«, meinte Henry. Sein Handy piepste. »Die Kollegen von der Spurensicherung sind gleich da, ich weise sie ein.«

Während Henry am Straßenrand auf die Kollegen wartete, nutzte Gretchen die Gelegenheit, um in einen stummen Dialog mit der toten Liz zu treten.

»Wolltest du schwimmen gehen?«, fragte Gretchen leise und lauschte auf eine Antwort aus dem Totenreich. »Aber wo ist dann dein Badeanzug? Und wer hätte auf das Baby aufgepasst? Was hast du dann so früh am Morgen hier gesucht?« Wieder wartete sie auf eine Antwort. Die Gräser seufzten und trugen ein leises Wispern zu Gretchen. »An dieser Stelle hast du deinen Mörder getroffen«, flüsterte sie. »Hier hat er dich wahrscheinlich als Tote abgelegt. Warst du mit ihm verabredet, Liz? Etwa zum Sex?«, fragte sie weiter. »Ein stiller Ort und eine ausgefallene Sexpraxis, die aus dem Ruder gelaufen ist? Nein, nicht so früh am Morgen, und du hättest auch niemals dein Kind mitgenommen«, gab sie sich gleich selbst die Antwort. ›Welche Bedeutung haben dieser mystische Ort und die penibel gefaltete Kleidung?‹, überlegte Gretchen. ›Woran bist du gestorben?‹ Gretchen musterte die dünne Linie, die sich wie ein feines blutrotes Halsband in Liz’ blasse Haut eingebrannt hatte. Das würde die Rechtsmedizin sicher herausfinden.

Gretchen kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn mit einem Mal vernahm sie hinter sich ein Rascheln. Nele Schmidt, die Rechtsmedizinerin, tauchte zwischen den Sträuchern auf. »Was für ein schönes Fleckchen Erde«, meinte die Ärztin und blickte auf den im Sonnenlicht funkelnden See. »Es ist für Ende April abnorm warm, findest du nicht auch? In dem Overall bekomme ich überhaupt keine Luft, obwohl ich ihn immer zwei Nummern größer bestelle«, schnaufte sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nele war Gemeindeärztin in Bergen und leitete auch die Rechtsmedizin. »Dann wollen wir mal sehen, was hier Sache ist.« Konzentriert untersuchte sie die Leiche. »Wisst ihr schon, wer die Tote ist?«, fragte sie.

»Ja, sie heißt Liz Albrecht.«

»Tja, Liz starb wahrscheinlich zwischen sechs und acht Uhr morgens«, stellte Nele nach einiger Zeit fest, nachdem sie die Temperatur der Leiche gemessen hatte. »Hier wurde die Frau wahrscheinlich auch ermordet«, konstatierte sie. »Das Gras ist überall niedergedrückt. Der Mörder machte auch keine Anstrengungen, das Opfer zu verbergen.«

»Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Die Frau liegt hier wie auf dem Präsentierteller«, ergänzte Gretchen.

»Was kannst du uns zur Todesursache sagen?«, fragte sie die Ärztin dann.

»Du hast sicher schon den roten Streifen am Hals der Toten bemerkt?«, erwiderte Nele.

»Stimmt.« Gretchen nickte, während die Rechtsmedizinerin sich über die Leiche beugte, um die Verletzung genauer in Augenschein zu nehmen.

»Die Frau wurde stranguliert«, meinte Nele und richtete sich wieder auf. »Und zwar mit einem dicken Draht. Da bin ich mir ziemlich sicher.« Nele wies auf die aufgeplatzte Haut unterhalb des Kehlkopfes. »Aber wie gesagt, genaue Details gibt es erst nach der Obduktion.«

»Es sieht also nicht nach einer spontanen Tat aus?«, schlussfolgerte Gretchen.

»Ich glaube nicht, dass jemand zufällig einen dicken Draht mit sich herumschleppt«, antwortete Nele.

»Und was schließt du daraus?«, wollte Gretchen wissen.

»Die Frau wurde nicht einfach nur mit einem Draht erwürgt, sondern ich tippe auf eine Garotte. Damit hat man sie langsam stranguliert.«

»Eine ziemlich exotische Tötungsmethode, findest du nicht?«, überlegte Gretchen. »Außerdem gibt es eine Garotte sicher nicht an jeder Straßenecke zu kaufen.«

»Man kann sie nach Anleitung im Internet selber basteln, wenn man handwerklich halbwegs begabt ist«, antwortete Nele. »Du benötigst nur einen Draht, den du zum Beispiel zwischen den zwei Griffen eines Expanders fixierst, und fertig ist das Ding.«

»Braucht man viel Kraft, um jemanden damit zu erdrosseln?« Gretchen sah Nele fragend an.

»Nein. Eine Garotte ist sehr effektiv, wenn man die Hebelwirkung nutzt.«

»Es könnte also möglicherweise auch eine Frau den Mord begangen haben.«

KAPITELVIER

Polizeidirektor Konstantin Kampe betrachtete sich ausgiebig im Spiegel, zupfte seine Krawatte zurecht und strich sein dunkelblaues Sakko glatt. Der Anruf von Heinrich Bolte hatte ihn ziemlich überrascht. Dass sich der Chef des Bundeskriminalamts mit ihm zu einem informellen Gespräch treffen wollte, war ziemlich ungewöhnlich. ›Vielleicht will man mich beim BKA in Berlin haben‹, überlegte Kampe. Er wusste natürlich aus dem internen Polizei-Netzwerk, dass bereits ein Nachfolger für Bolte gesucht wurde, der ja bald in Rente gehen würde.

Während der Fahrt in das Strandlokal ›Zum Einsiedlerkrebs‹ in Sassnitz dachte Kampe darüber nach, wie er sich bei einem derartigen Angebot verhalten sollte. Denn sein bisher recht singuläres Privatleben hatte in der letzten Zeit eine überraschende Wendung genommen. Und daran hatten zwei Frauen einen großen Anteil. Mit seiner Nachbarin, der Künstlerin Lila, hatte er eine emotionale Frau kennengelernt, die längst verschüttete Gefühle bei ihm wieder hervorholte. Und dann war vor Monaten seine Tochter Alice aufgetaucht, um nach der Trennung von ihrem Mann einen Neuanfang zu wagen. Erst vor Kurzem hatte sie den kleinen Caspar bekommen, seinen ersten Enkel, und im Moment wohnten sie bei ihm. Natürlich klang es verlockend, in führender Position für das BKA zu arbeiten, aber wollte er deswegen sein frisch belebtes Privatleben aufgeben?

Während Kampe darüber nachgrübelte, klingelte sein Handy. Es war sein Mitarbeiter Henry Bülow.

»Chef, wir haben eine Frauenleiche am Nonnensee.«

»Das klingt nicht gut. Ich bin im Moment auf dem Weg zu einer wichtigen Besprechung«, erwiderte Kampe. »Anschließend komme ich zum Tatort.«

»Kein Stress. Gretchen ist bereits hier. Ich wollte Sie nur informieren. Wir sehen uns dann später im Büro.«

»Na, dann ist ja alles in Ordnung«, seufzte Kampe erleichtert.

›Was würde ich nur ohne Gretchen machen?‹, dachte er und verabschiedete sich von Henry. Als er seinen Mercedes vor dem Lokal parkte, legte er noch schnell die ›Gnossiennes‹ von Eric Satie in den CD-Player. Das war sein Musikritual, mit dem er sich immer positiv für den Alltag und auch für dieses Gespräch motivieren konnte. »Polizeidirektor auf Rügen oder Leiter des BKA in Berlin, das ist hier die Frage«, murmelte er halblaut und schloss die Augen. Nach zwei Minuten piepste die Uhr auf seinem Handy und er stieg aus dem Wagen. Kampe blickte in den blauen Himmel und eine angenehme Brise kündigte einen wunderbaren Tag an. Sogar das heutige Wetter auf der Insel machte ihm die Entscheidung schwer.

Das Lokal ›Zum Einsiedlerkrebs‹ in Sassnitz war ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen und dementsprechend bereits am Vormittag gut besucht. Kampe mochte das maritime Ambiente des Lokals mit seinen Fischernetzen an den Wänden, den rohen Planken auf der Terrasse und den dicken Tauen, von denen die Sonnensegel fixiert wurden. Die Speisekarte war in Form eines Steuerrades gehalten, das man drehen musste, um an das gewünschte Gericht zu gelangen. Heinrich Bolte saß im Schatten eines Sonnenschirms, der sich im Wind blähte, und trug Jeans, eine Lederjacke und eine dunkle Sonnenbrille. Sofort kam sich Kampe in seinem formellen Anzug ein wenig deplatziert vor. Überhaupt machte Bolte einen ziemlich fitten, dynamischen Eindruck und wirkte kein bisschen wie ein zukünftiger Rentner.

»Danke, dass Sie sich so kurzfristig Zeit genommen haben, Herr Polizeidirektor«, begrüßte ihn Bolte.

»Aber ich bitte Sie«, winkte Kampe ab. »Wenn das BKA ruft, dann sind wir doch sofort zur Stelle.«

»Das freut mich zu hören. Kaffee?« Bolte winkte einer Serviererin und bestellte Kaffee und Wasser für beide.

»Was für ein prachtvoller Tag, finden Sie nicht auch?«, versuchte Kampe sich in Small Talk. »Sind Sie mit Ihrer Familie in Urlaub hier?«

»Ja, und da kann ich das Angenehme gleich mit dem Nützlichen verbinden«, kam Bolte sofort auf den Grund ihres Treffens zu sprechen.

»In der Führungsebene des BKA wird demnächst aus Altersgründen eine Arbeitsstelle frei«, begann Bolte und hielt kurz inne, als die Kellnerin den Kaffee brachte. »Und da wir aus unseren Analysen erfahren haben, dass Sie und Ihr Team hier auf Rügen hervorragende Arbeit leisten, wollte ich mit Ihnen über diese vakante Stelle reden.«

»Das ehrt mich sehr«, antwortete Kampe geschmeichelt. »Aber dieses Angebot kommt ein wenig plötzlich, da kann ich nicht ad hoc eine so weitreichende Entscheidung treffen.« Er griff nach seiner Kaffeetasse und wartete auf Boltes Reaktion.

»Das verstehe ich voll und ganz, mein Lieber«, erwiderte Bolte. »Außerdem können Sie ja nicht Ihr Einverständnis geben, ohne die betroffene Person selbst gefragt zu haben.«

»Die Person?« Kampe blickte verwirrt hoch. »Entschuldigen Sie, aber ich kann Ihnen im Moment nicht ganz folgen.«

»Ach, das tut mir leid. Ich dachte, Sie wüssten bereits, dass wir eine neue Eingreiftruppe aufbauen und deshalb die fähigsten Kriminalbeamten des Landes dafür gewinnen möchten. In Ihrem Fall ist das Hauptkommissarin Gretchen Larssen.«

»Ach, um Gretchen geht es«, erwiderte Kampe und musste sich zusammenreißen, um nicht allzu enttäuscht zu wirken. ›Ich habe mich wie ein Idiot benommen‹, dachte er insgeheim und versuchte, eine unbeteiligte Miene zu machen.

»Das stimmt, Hauptkommissarin Larssen ist meine fähigste Mitarbeiterin, die ich nicht gerne verlieren möchte«, sagte er. »Aber natürlich werde ich ihr dieses ehrenvolle Angebot unterbreiten.«

»Das ist gut, es wäre ein Gewinn für das BKA, wenn diese kompetente Polizistin zu unserem Team stoßen würde«, meinte Bolte. »Anders als hier auf Rügen hätte Larssen in Berlin natürlich auch tolle Aufstiegsmöglichkeiten.«

»Ich werde sehen, was ich tun kann«, entgegnete Kampe mit säuerlicher Miene und warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr. ›Da war doch noch etwas?‹, überlegte er und zückte sein Handy. »Entschuldigen Sie mich bitte, aber ich habe noch einen Termin.«

»Ja, als Polizeidirektor ist man selbst auf so einer kleinen Insel immer eingespannt«, lachte Bolte und trank seinen Kaffee aus.

»So ist es«, antwortete Kampe, während er durch seine Kalendernotizen scrollte. Schließlich fand er den Eintrag: ›Klaus: Verhandlung, ob Verfahren wieder aufgenommen wird.‹ »Ich muss mich jetzt leider entschuldigen.« Kampe stand auf und schüttelte Bolte die Hand.

Er winkte seinem Kollegen noch einmal zu, während er über die Terrasse zur Promenade ging. Die Ostsee glitzerte im Sonnenlicht und der sanfte Wind vertrieb auch Kampes schlechte Laune. ›Wenigstens muss ich keine Entscheidung treffen, die ich vielleicht später bereut hätte‹, dachte Kampe, als er sich in seine Limousine setzte und zu dem Termin mit Klaus fuhr.

Das Amtsgericht in Bergen befand sich in einem beeindruckenden neogotischen Klinkerbau mit hohen gewölbten Fenstern, einem gezackten Giebel und einem Rundturm an der Seite. Kampe parkte seinen Wagen und eilte auf das große Portal zu. Im Inneren erwartete ihn bereits Klaus Berger.

»Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe«, entschuldigte sich Kampe. »Aber ein wichtiger Termin mit dem BKA hat länger gedauert.«

»Die erste Gerichtssitzung beginnt gleich«, erwiderte Klaus nervös. »Du weißt ja, dass es um die Wiederaufnahme des Verfahrens geht.«

Kampe leitete vor Jahren die Ermittlung, nachdem Klaus’ Tochter von einem betrunkenen Autofahrer auf dem Zebrastreifen überfahren worden und im Krankenhaus verstorben war. Der Fahrer hatte durch seine Freundin ein Alibi erhalten und wurde freigesprochen. Aber Klaus wollte das so nicht hinnehmen und stand jahrelang mehrmals im Monat als lebendes Mahnmal vor Kampes Haus, um ihn daran zu erinnern, dass der Fall wieder aufgenommen werden sollte. Was als lästiges Stalken begonnen hatte, entwickelte sich in letzter Zeit zu einer losen Freundschaft zwischen den beiden. Und heute war es endlich so weit: Das Gericht würde entscheiden, ob es genügend stichhaltige Gründe gab, den Fall neu aufzurollen.

»Was habe ich dir gesagt? Am Ende siegt immer die Gerechtigkeit«, sagte Kampe nach der Sitzung und klopfte seinem Bekannten auf die Schulter.

»Das heißt, die Polizei nimmt die Ermittlungen wieder auf?«, vergewisserte sich Klaus.

»So ist es. Das Alibi des Unfallverursachers ist geplatzt, deshalb landet der Fall wieder bei der Verkehrspolizei.«

---ENDE DER LESEPROBE---