Gretchen Larssen und der Ostseemord - B.C. Schiller - E-Book

Gretchen Larssen und der Ostseemord E-Book

B. C. Schiller

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Beschreibung

Ein düsterer Hochsommertag auf der Insel Rügen: Bei einer Ein düsterer Hochsommertag auf der Insel Rügen: Bei einer Routinekontrolle in dem kleinen Hafen Glowe werden ein Rentner erschossen und die Streifenpolizistin Famke Keller schwer verletzt. Die Täter können unerkannt in einem dunklen Wagen entkommen. Die Hauptkommissarin Gretchen Larssen und ihr Team ermitteln und finden auf einem der ankernden Boote Blutspuren und die Buchstaben S.O.S. in die Bordwand geritzt. War die Polizistin Famke einem Verbrechen auf der Spur und von wem stammt das Blut mit dem Hilfeschrei? In Gretchens Privatleben kündigen sich neue Impulse an. Ihre Jugendliebe Finn hat eine Überraschung und sie muss sich entscheiden. Mit großer Ungeduld wartet Gretchen auf den Besuch eines Mediums, das ihr vielleicht neue Spuren zu ihrem verschwundenen Sohn Niki liefern kann. Die neue Küstenkrimi-Reihe von B.C. Schiller ist nicht nur sehr spannend, sondern besticht auch durch liebevoll gezeichnete Charaktere. Jeder Krimi ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen Bänden gelesen werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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INHALT

Anmerkung

Über die Autoren B.C. Schiller

Bücher von B.C. Schiller

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Danksagung

Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management e.U. urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management e.U.,

A – 4020, Linz, Derfflingerstrasse 14, August 2024, Jänner 2026

Lektorat: Wolma Krefting, bueropia.de

Korrektorat: bueropia.de

Covergestaltung: Buchcoverdesign.de, Chris Gilcher

Bildmaterial: Adobe Stock ID 326095140

Wir haben uns erlaubt, einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als LeserInnen werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

ÜBER DIE AUTOREN B.C. SCHILLER

Barbara und Christian Schiller leben und arbeiten in Wien und auf Mallorca mit ihren beiden Ridgebacks Calisto & Emilio.

Gemeinsam waren sie über 20 Jahre in der Marketing- und Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für spannende Krimis und packende Thriller.

B.C. Schiller gehören zu den erfolgreichsten Spannungs-Autoren im deutschsprachigen Raum. Bisher haben sie mit ihren Krimis über 3.500.000 Leser begeistert.

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BÜCHER VON B.C. SCHILLER

Aus der Gretchen-Larssen-Reihebisher erschienen:

GRETCHEN LARSSEN UND DAS OSTSEEMÄDCHEN: der erste Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DAS DÜNENOPFER: der zweite Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DER OSTSEEZORN: der dritte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DIE OSTSEESCHULD: der vierte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DER KÜSTENMÖRDER: der fünfte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DER OSTSEEMORD: der sechste Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DIE OSTSEETRÄNEN: der siebte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DAS OSTSEEHERZ: der achte Band mit Gretchen Larssen

GRETCHEN LARSSEN UND DER OSTSEEFROST: der neunte Band mit Gretchen Larssen

BÜCHER VON B.C. SCHILLER

MALLORCA-INSELKRIMI:

MÄDCHENSCHULD – ist der erste Band der neuen spannenden Mallorca-Inselkrimi-Reihe mit der Inspectora Ana Ortega und dem Europol-Ermittler Lars Brückner. Die Krimis sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

SCHÖNE TOTE – der zweite Band mit Ana Ortega und Lars Brückner.

FAMILIENBLUT – der dritte Band mit Ana Ortega und Lars Brückner.

BÜCHER VON B.C. SCHILLER

DUNKELSTEIG – Trilogie - Krimi:

DUNKELSTEIG – RACHE: der erste Band mit Felicitas Laudon

DUNKELSTEIG – SCHULD –der zweite Band mit Felicitas Laudon

DUNKELSTEIG – BÖSE: der dritte und letzte Band mit Felicitas Laudon

Psychothriller:

DIE FOTOGRAFIN

DIE SCHWESTER

DIE EINSAME BRAUT

BÜCHER VON B.C. SCHILLER

TONY-BRAUN-THRILLER:

TOTES SOMMERMÄDCHEN – der erste Tony-Braun–Thriller –

»Wie alles begann«

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der zweite Tony-Braun-Thriller

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der dritte Tony-Braun-Thriller

ALLE MÜSSEN STERBEN – der vierte Tony-Braun-Thriller

DER STILLE DUFT DES TODES – der fünfte Tony-Braun-Thriller

RATTENKINDER – der sechste Tony-Braun-Thriller

RABENSCHWESTER – der siebte Tony-Braun-Thriller

STILLER BEOBACHTER – der achte Tony-Braun-Thriller

STRANDMÄDCHENTOD – der neunte Tony-Braun-Thriller

STILLES GRABESKIND – der zehnte Tony-Braun-Thriller

Alle Tony-Braun-Thriller waren monatelang Bestseller in den Charts. Die Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

BÜCHER VON B.C. SCHILLER

Die TARGA-HENDRICKS-Thriller:

DER MOMENT, BEVOR DU STIRBST – der erste Fall mit Targa Hendricks

IMMER WENN DU TÖTEST – der zweite Fall mit Targa Hendricks

DUNKELTOT, WIE DEINE SEELE – der dritte Fall mit Targa Hendricks

Die DAVID-STEIN-Thriller:

DER HUNDEFLÜSTERER – David Steins erster Auftrag

SCHWARZER SKOPRION – David Steins zweiter Auftrag

ROTE WÜSTENBLUME – David Steins dritter Auftrag

RUSSISCHES MÄDCHEN – David Steins vierter Auftrag

FREMDE GELIEBTE – David Steins fünfter Auftrag

EISIGE GEDANKEN – David Steins sechster Auftrag

TODESFALTER – David Steins siebter Auftrag

LEVI-KANT-Wien-Krimi:

BÖSES GEHEIMNIS – der erste Cold Case

BÖSE TRÄNEN – der zweite Cold Case

BÖSES SCHWEIGEN – der dritte Cold Case

GRETCHEN LARSSEN UND DER OSTSEEMORD

KÜSTENKRIMI

B.C. SCHILLER

KAPITELEINS

Die Dämmerung vertrieb den Tag und der Himmel über Rügen färbte sich purpurn. Im Licht der untergehenden Sonne wirkte die Ostsee wie flüssiges Quecksilber, das langsam in den silbrigen Streifen am Horizont überging.

Ein altes Golf Cabrio hielt mit quietschenden Reifen im Hafen von Sassnitz. Die Wagentüren wurden geöffnet und zwei Personen stiegen aus. Die Frau hatte dunkelblonde Haare, trug Jeans und eine abgewetzte Lederjacke. Sie hieß Gretchen Larssen und war Hauptkommissarin der Mordkommission Rügen. Der Mann neben ihr war gut aussehend, groß und blond. Es war Gretchens Jugendliebe Finn Petersen. Beide hatten vorgehabt, einen entspannten Nachmittag und Abend auf Finns Bauernhof zu verbringen, als sie durch den Anruf eines älteren Fischers aus ihrer beschaulichen Ruhe aufgeschreckt wurden:

»Finn, deine Nichte Solveig steckt in ziemlichen Schwierigkeiten«, hatte der Mann aufgeregt ins Telefon gesprochen. Finn und Gretchen zögerten keine Sekunde und brausten sofort nach Sassnitz, wo ein älterer Mann mit Vollbart sie bereits erwartete.

»Das verrückte Mädchen glaubt, dass der Frachter vom Müllkönig giftiges Zeugs geladen hat«, brummte der Fischer, als beide neben ihm standen. Mit seinen schwieligen Fingern wies der Alte hinaus auf das bleigraue Wasser der Ostsee, wo in der Dämmerung ein Schiff aus dem Hafen in Richtung Polen auslief.

»Alles schön und gut, aber wo ist Solveig?«, fragte Finn nervös und kniff die Augen zusammen, um in der aufgewühlten See etwas zu sehen.

»Ich kann etwas erkennen! Dort draußen neben dem Frachter treibt ein kleines Motorschlauchboot mit drei Personen!«, rief Gretchen. Der Wind blies ungemütlich über die Bootsanleger und sie musste sich energisch gegen die Sturmböen stemmen, um nicht umgeweht zu werden.

»Das ist doch eine vollkommen verrückte Aktion!«, fluchte Finn und rief den Wetterbericht auf seinem Handy auf. »Für den Abend gibt es bereits eine Sturmwarnung.« Dann wählte er die Nummer seiner Nichte. »Verdammt, geh schon ran«, ärgerte er sich, als das Klingeln unbeantwortet blieb. »Bei dem Wellengang in See zu stechen, ist gefährlich, das habe ich den jungen Leuten auch gesagt, aber die haben einfach nicht auf meine Warnung gehört«, brummte der Fischer und spuckte einen brauen Batzen Kautabak auf das Pflaster. »Deswegen habe ich dich angerufen.«

»Das war wirklich super von dir«, bedankte sich Finn und steckte sein Handy wieder ein. »Wir brauchen dringend ein schnelles Boot, um Solveig und die beiden anderen zurückzuholen.«

»Das wird schwierig, mit diesen Kähnen haben wir bei diesem Seegang keine Chance.« Suchend blickte sich Gretchen um. Zum Glück kam gerade ein Beamter der Wasserschutzpolizei aus dem Gebäude der Dienststelle. »Ich habe eine Idee.« Sie kannte den Mann, denn er hatte ihr vor einem Jahr bei einem Einsatz geholfen, bei dem beinahe ein kleines Mädchen ertrunken wäre.

»Hallo, Gretchen, das wird heute ein ungemütlicher Abend«, sagte der Polizist.

»Gut, dass ich dich treffe, Bert«, antwortete Gretchen und erklärte dem Mann kurz, was geschehen war.

»Okay, dann müssen wir sofort auslaufen und die unvorsichtigen jungen Leute retten, ehe es dunkel wird«, meinte Bert.

»Wir begleiten euch«, erwiderte Gretchen. Sie folgten dem Mann und stiegen mit ihm in das Einsatzboot.

Kurz darauf preschte das Schnellboot der Wasserschutzpolizei los und hielt direkt auf das kleine Schlauchboot zu, das von den aufgepeitschten Wellen hin und her geworfen wurde. Die drei Passagiere klammerten sich ängstlich an die Sicherheitsseile, um nicht über Bord gespült zu werden.

»Was um alles in der Welt macht deine Nichte bei diesem Sauwetter auf dem Wasser?«, fragte Bert Finn, der breitbeinig am Bug des Schiffes stand.

»Meine Nichte engagiert sich bei einem Verein für den Umweltschutz und glaubt, dass der Frachter dort Giftmüll geladen hat«, antwortete Finn.

»Wenn diese Umweltschützer einen dringenden Verdacht haben, dann sollten sie das bei unserer Stelle melden. Das ist unser Job. So bringen sie sich bloß selbst in Gefahr.« Der Polizeibeamte schüttelte missbilligend den Kopf über so viel Leichtsinnigkeit und steuerte weiter auf die jungen Umweltschützer zu. Nur noch ein paar Meter trennten sie von dem Schlauchboot, das wie ein unlenkbarer Spielball auf den Wellen tanzte. Plötzlich erfasste eine starke Böe das kleine Boot, hob es seitlich in die Höhe. Die Insassen wurden durcheinandergewirbelt und Gretchen sah, wie Solveig in die wilde Ostsee geschleudert wurde, während die beiden anderen jungen Leute zum Glück an Bord blieben. Geistesgegenwärtig griff sie nach einem Rettungsring und warf ihn dem Mädchen zu, das hilflos im Wasser trieb.

»Schnapp dir den Reifen!« Finn formte seine Hände zu einem Trichter, um gegen den heulenden Wind anzuschreien, der seine Stimme übertönte. Plötzlich türmte sich hinter Solveig eine große Welle auf, brach direkt über ihr und begrub das Mädchen unter sich.

»Solveig! Verdammt, ich muss sie retten!«, rief Finn in Panik. Hastig schlüpfte ihr Freund aus seinen Sneakers, warf die Öljacke ab und sprang über die Reling ins Wasser.

Solveigs Kopf tauchte auf, prustend spuckte sie eine Ladung Salzwasser aus, wedelte wild mit den Armen. Angsterfüllt blickte Finns Nichte umher, entdeckte den Rettungsring und klammerte sich daran.

»Halt dich gut fest, Mädchen!«, rief ein Wasserschutzbeamter und begann das Tau, an dem der Rettungsring befestigt war, einzuholen.

»Wo ist Finn geblieben?« Gretchen beugte sich über die Reling und starrte in das bleierne Wasser. Die beiden anderen Umweltschützer wurden gerade von den Männern der Bootsbesatzung geborgen, doch von ihrem Lebensgefährten fehlte jede Spur.

Gretchen spürte, wie ihr Herz wild zu schlagen begann. Bald würde es komplett dunkel sein und damit wurde eine Rettungsaktion sehr viel schwieriger. Pures Adrenalin schoss durch ihren Körper und schreckliche Gedanken jagten durch ihren Kopf. Schon hatte sie ihre Lederjacke ausgezogen und die Boots von den Füßen gestreift.

»Gretchen, bist du verrückt?«, hörte sie noch Berts Stimme.

»Nimm wenigstens das Rettungsseil.«

Routiniert schlang Gretchen den Gurt um ihre Hüften, als sie über die Reling kletterte. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte sie noch, doch dann hörte Gretchen die beruhigende Stimme ihres verschwundenen Sohnes Niki in ihrem Ohr.

»Dir kann nichts geschehen, Mama.«

»Nein, Niki, ich passe auf.« Gretchen löste ihre Hände von der Reling und sprang in die wild bewegte See. Unter Wasser verstummten der Motorenlärm und der tosende Wind. Wo war nur Finn geblieben? Gretchen kam wieder zurück an die Oberfläche, versuchte sich zu orientieren. In diesem Moment tauchte weiter draußen ein blonder Haarschopf zwischen zwei Wellenbergen neben dem sinkenden Schlauchboot auf. Das musste Finn sein. Hastig kraulte Gretchen darauf zu, doch der Gurt behinderte sie. Ohne lang zu überlegen, öffnete sie die Schließe und warf das Sicherungsseil ab. Als sie endlich die Stelle erreicht hatte, war ihr Freund wieder verschwunden. Sofort tauchte Gretchen unter und suchte nach Finn. Plötzlich sah sie, dass sich Finns Fuß in dem umlaufenden Seil des Schlauchboots verhakt hatte. Mit beiden Händen packte Gretchen das Tau und zerrte daran, versuchte es so weit zu dehnen, dass Finn seinen Fuß herausziehen konnte. Endlich schaffte sie es, das Tau zu lösen, und ihr Freund schwamm nach oben. Gretchen folgte ihm und sog gierig die Luft ein, als sie an die Oberfläche kam.

Sie packte Finn unter den Achseln und blickte sich suchend um, konnte aber zunächst das Schnellboot der Wasserschutzpolizei nirgends entdecken. Da klatschte mit einem Mal ein Rettungsring direkt neben ihr ins Wasser und aus dem Grau des Sturms tauchte das rettende Boot auf.

»Puh, das war aber knapp«, schnaufte Finn, als sie beide Minuten später klatschnass an Deck lagen. »Danke, dass du mich gerettet hast«, seufzte er und drückte ihr einen Kuss auf die feuchten Wangen.

»Das nächste Mal musst du vorsichtiger sein. Ich habe doch sonst niemanden mehr, der mich mit italienischen Schlagern versorgt«, sagte Gretchen und spürte, wie eine Welle des Glücks sie erfüllte.

KAPITELZWEI

Der kleine Hafen von Glowe mit seiner zangenförmigen Mole lag direkt neben dem langen Schaaber Strand. Noch am Morgen war der Himmel strahlend blau gewesen, doch am Abend zerstörten dunkle Wolken die sommerliche Idylle. Der Wind frischte auf und Famke Keller musste ihre Polizeimütze mit der Hand festhalten, damit sie nicht fortgeweht wurde.

Sie war eine attraktive Frau mit einem freundlichen Lächeln, aber mit traurigen Augen. Famke hatte kurzes lockiges Haar, war Ende zwanzig und wollte schon immer Polizistin werden. Mit viel Disziplin und Konsequenz hatte sie diesen Wunsch in die Tat umgesetzt und war jetzt Streifenpolizistin in dem kleinen Polizeiposten in Wiek auf der Halbinsel Wittow. Kurz vor dem Ende ihres Dienstes hatte am Abend jemand telefonisch einen Parkschaden beim Glower Hafen angezeigt. Deshalb waren Famke und ihr Kollege Heimo Markewitz gerade vor Ort, aber weder ein beschädigtes Fahrzeug noch ein Anrufer waren zu sehen.

»Schon wieder falscher Alarm. Das waren sicher diese verdammten Kids, die uns einen Streich spielen«, sagte Heimo verstimmt. »Wenn ich die in die Finger kriege, dann brumme ich ihnen eine saftige Geldstrafe auf.«

»Ja, ja, die Jugend von heute, hat nur Unsinn im Kopf«, stimmte Famke ihrem Kollegen zu. Sie wusste natürlich, dass Heimo weder Namen noch Autokennzeichen verlangt hatte, als der Anruf hereinkam. Heimo war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, mit seiner neuen Freundin zu chatten. Famke lehnte sich an die Kühlerhaube des Streifenwagens und blickte zum Hafen hinunter.

Nicht mehr lange, dann war ihr Streifendienst zu Ende und sie konnte nach Hause fahren. In Gedanken sah sie sich bereits in ihrem kuscheligen Wohnzimmer auf der Couch sitzen und ein Buch lesen. Betty, ihre getigerte Katze, schnurrte um ihre Beine und im Fernsehen lief eine Tierdokumentation. Vielleicht würde sie auch noch ein paar Kerzen anzünden, um wenigstens so eine romantische Atmosphäre zu zaubern. Genauso stellte sie sich einen gemütlichen Abend vor. Doch die Wirklichkeit hatte nichts für Romantik übrig, denn zu Haus wartete Famkes Vater Volker bereits ungeduldig auf sein Abendessen. Ihr Vater war Frührentner und nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt. Deshalb konnte er nicht mehr für sich selbst sorgen, sondern war auf die Hilfe seiner Tochter angewiesen. Sie sorgte nun schon seit einigen Jahren für ihn, machte den Haushalt, kochte und fuhr ihn zum Arzt. Das war alles andere als gemütlich.

»Was hast du denn am Wochenende Schönes vor?«, riss ihr Kollege sie aus diesen trüben Gedanken.

»Ich? Nichts Besonderes«, erwiderte Famke reserviert. »Wahrscheinlich werde ich mich wie immer um meinen Vater kümmern, dann aus der Bücherei ein Buch holen und es mir daheim gemütlich machen.«

»Weshalb organisierst du nicht eine Pflegerin für deinen Vater?«, schlug Heimo vor. »Dann hast du etwas mehr Freizeit. Und überhaupt, warum gehst du nicht manchmal aus und lernst einen netten Mann kennen?«

»Ich mag mein Leben, so wie es ist, und fühle mich zu Hause ganz wohl«, entgegnete sie und rückte ihre Polizeimütze zurecht.

»Ganz wie du meinst«, sagte ihr Kollege lapidar, dessen Interesse an Famkes Privatleben bereits wieder erloschen war. »Nächste Woche feiern wir übrigens Bjarnes Geburtstag auf der Wache. Du bist doch dabei, oder?«

»Mal sehen«, erwiderte Famke gedehnt und zwang sich zu einem Lächeln. Alleine die Vorstellung, mit fünf Männern in einem engen Raum zu stehen, ließ sie erschauern.

»›Mal sehen‹ bedeutet bei dir sicher Nein«, brachte es Heimo auf den Punkt. »Pass bloß auf, dass du dich nicht zu sehr absonderst, du weißt doch, wie es bei uns abläuft.« Ihr Kollege kam langsam näher und musterte sie unverhohlen von oben bis unten. »Was stimmt bloß nicht mit dir?«

»Mit mir ist alles in Ordnung. Bitte misch dich nicht in meine privaten Angelegenheiten«, konterte sie und spürte, wie sich in ihrem Inneren alles zusammenzog. Ein Junkie hatte das Leben ihrer Mutter beendet und Famke hatte es als Kind mitangesehen. Das hatte sie geprägt, und sie hielt sich von Männern fern, denn die brachten nur Unglück. »Mach endlich deine Zigarettenpause«, sagte sie rasch zu Heimo und bemühte sich, ruhig zu wirken.

»Ist ja okay«, winkte Heimo ab. Ihr Kollege zog eine Packung Zigaretten aus der Brusttasche seiner Uniform. »Ich muss auch noch telefonieren. Du weißt ja, meine neue Flamme.« Heimo zwinkerte ihr vielsagend zu. »Dann können wir endlich Feierabend machen. Hier ist ja tote Hose.« Ihr Kollege wies hinunter zum Hafen, wo auf dem Parkplatz nur noch einige wenige Autos standen. Dann ging Heimo ein paar Schritte hinauf zu einer Mauer, um in der windgeschützten Ecke dahinter seine Zigarette anzuzünden und zu telefonieren.

Plötzlich trug der Wind einige Wortfetzen zu Famke und sie horchte auf. Die lauten Stimmen kamen vom Bootshafen und klangen aufgebracht. Sie blickte konzentriert in die Richtung, konnte aber in der Dunkelheit nur schemenhafte Gestalten erkennen. ›Sind das die Anrufer wegen des Parkschadens? Vielleicht ist es ja doch kein Dumme-Jungen-Scherz gewesen, und es wurde tatsächlich ein Wagen beschädigt.‹ Famke zupfte ihre Uniform zurecht und eilte die schmale Straße hinunter zum Bootshafen. Als sie den Parkplatz fast erreicht hatte, fuhr gerade ein Auto die gewundene Straße hinauf. Es war ein dunkler Kombi, ein älteres Modell, das eine Abgaswolke hinter sich herzog. ›Ob dieser Wagen überhaupt noch TÜV hat?‹, ging es Famke durch den Kopf und sie beschloss, das Fahrzeug zu kontrollieren, um sich die Prüfplakette am Kennzeichen genau anzusehen. Langsam kam der Kombi näher. Mit einem Mal spürte Famke eine merkwürdige Beklemmung in sich hochsteigen, die sie so gar nicht kannte. In ihrem Hinterkopf schrillte eine Alarmglocke, aber sie konnte sich nicht erklären, warum sie plötzlich dieses mulmige Gefühl hatte.

Famke trat vom Straßenrand mitten auf die Fahrbahn. Sie hielt die Hand hoch und der dunkle Wagen verlangsamte sein Tempo. Langsam ging sie auf das Fahrzeug zu. Der Motor röhrte und die Abgaswolke aus dem Auspuff löste sich in der Dunkelheit auf. Der Himmel war jetzt violett, nur kurz vertrieb der starke Wind die Wolken und die bleiche Sichel des Mondes erhellte die Straße. Das fahle Licht traf kurz die Windschutzscheibe des Autos und beleuchtete die beiden Insassen des Wagens. Es war eine junge Frau, aber die andere Person konnte Famke nicht erkennen, da sie eine Mütze trug.

»Das gibt´s doch nicht«, murmelte Famke überrascht, als sie das Gesicht der jungen Frau erkannte. Sie trat an den Kombi heran und bedeutete dem Fahrer, das Seitenfenster zu öffnen. Prüfend ließ Famke den Blick ins Innere schweifen. ›Merkwürdig‹, dachte sie, ›ich habe mich also doch nicht getäuscht.‹ »Was machst du denn hier? Man sucht dich bereits«, fragte Famke die junge Frau, die sie mit großen Augen anstarrte. »Und wer sind Sie?« Doch die fremde Person antwortete nicht, sondern blickte mit leblosen Augen starr an ihr vorbei und hielt mit einer Hand das Lenkrad umklammert.

»Was machst du überhaupt hier am Hafen?«, wandte sie sich wieder an die Beifahrerin. »Hat’s dir die Sprache verschlagen?«

»Dürfen wir jetzt weiter?« Die unbekannte Person klopfte nervös auf das Lenkrad.

»Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.«

»Natürlich. Einen Moment.« Die Person beugte sich nach unten, um die Dokumente aus der Ablage zu nehmen.

Plötzlich hörte Famke hinter sich schlurfende Schritte und trat kurz zur Seite.

Ein alter Mann blieb schwer atmend neben der Fahrertür stehen und sagte: »Ich muss Ihnen etwas mitteilen, Frau Wachtmeister.«

»Worum geht’s denn?« Famke wollte weiterreden, doch plötzlich knallte ein Schuss und sie erstarrte. Der Alte stürzte auf den Boden. Famke begriff nicht, was gerade passiert war, so sehr wurde sie von der Situation überrollt. Doch nach einer Schrecksekunde rief sie laut: »Polizei! Sofort aussteigen!«

Plötzlich erwachte die Beifahrerin aus ihrer Starre und rief mit verzweifelter Stimme:

»Famke, hau ab!«

Als sie ihren Namen hörte, zuckte Famke zusammen, näherte sich der Fahrertür und riss ihre Waffe aus dem Holster. Doch in diesem Moment wurde ein zweites Mal aus dem Wagen heraus geschossen. Der Knall war so laut, dass es Famke in den Ohren klingelte. Ein grelles Mündungsfeuer blitzte auf, als das Geschoss aus dem Lauf zischte. Sie spürte einen leichten Stoß und taumelte nach hinten. Erstaunt blickte sie an ihrem Körper herab, bemerkte Blut durch das blaue Uniformhemd sickern. ›Mist, ich habe das Hemd doch erst gestern frisch gewaschen‹, ging es ihr absurderweise durch den Kopf.

Im nächsten Moment heulte der Motor des Kombis laut auf, bevor er mit durchdrehenden Rädern in der dämmrigen Nacht verschwand. Sekundenlang starrte Famke ungläubig auf den sich rasch vergrößernden Blutfleck auf ihrem Bauch, dann gaben plötzlich ihre Knie nach und alles wurde schwarz.

KAPITELDREI

Der starke Wind war abgeflaut und der silberne Streifen am Horizont leuchtete bereits im Dämmerlicht über die metallgraue Ostsee. Die hohen Gräser auf den Dünen wiegten sich zu einer unhörbaren Melodie, und eine salzige Brise umschmeichelte Gretchens Gesicht. Unwillkürlich griff sie nach Finns Hand, der neben ihr im Wagen saß, während Solveig auf dem Rücksitz pausenlos WhatsApp-Nachrichten verschickte. Alle drei trugen Klamotten der Wasserschutzpolizei und fröstelten noch von dem unfreiwilligen Bad in der Ostsee.

Als Gretchen Finns Finger spürte, verflog mit einem Schlag die Aufregung der letzten Stunden. Auf Rügen fühlte sie sich wohl und die Insel war ihre Heimat geworden. Sie liebte die langen Strände, die verwunschenen Plätze, auch das unbeständige Wetter und die raue See.

Als sie auf die Straße nach Binz einbog, verlangsamte sie unwillkürlich das Tempo und warf einen Blick auf das kleine Holzkreuz, das an der Wegkreuzung stand. Die Gabelung hieß ›Klabautereck‹ und war der Schauplatz von Gretchens persönlicher Tragödie. Hier hatte ihr Mann John vor einigen Jahren einen tödlichen Autounfall gehabt, und ihr Sohn Niki, der auch im Wagen saß, war seit damals spurlos verschwunden. Alle bisherigen Suchaktionen blieben erfolglos, doch Gretchen hatte bis zum heutigen Tag nicht aufgegeben, nach ihrem kleinen Sohn zu suchen.

Wie so oft tauchten bei diesen Gedanken die düsteren Bilder der Vergangenheit in Zeitlupe vor ihrem geistigen Auge auf: Sie sah Nikis strahlendes Lachen, als er ihr den letzten Kuss auf die Wange drückte, sie sah ihren Mann John, der die Szene mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck beobachtete. Und plötzlich fielen ihr Johns letzte Worte ein, an die sie sich zuvor noch nie erinnert hatte. »Drück deinen Sohn nochmals fest an dich, vielleicht wird es das letzte Mal sein«, hatte ihr Ex-Mann gemurmelt. ›Was John wohl damit gemeint hat? Ist es vielleicht doch kein Unfall gewesen?‹ Gretchen nahm sich vor, dem Therapeuten ihres Mannes wieder einmal einen Besuch abzustatten. Vielleicht würde sie endlich erfahren, welche Probleme John gehabt hatte.

»Woran denkst du gerade? Du siehst so ernst aus«, fragte Finn, der die Titel einer alten, selbst aufgenommenen Musikkassette mit Italo-Songs studierte.

»Ach nichts, nur ein Moment der Erinnerung. Hoffentlich ist Edda zu Hause und macht uns heißen Ingwertee«, lenkte Gretchen rasch von der Frage ab.

Wie immer, wenn zwischen den Dünen das weiß getünchte Kapitänshaus ihrer Großmutter auftauchte, wurde es Gretchen ganz warm ums Herz. Seit dem Tod ihrer Eltern vor vielen Jahren war dieses Haus zu ihrem Ruhepol geworden. Gretchen parkte ihren Golf hinter dem Campingplatz ›Oma Schulzes Paradies‹, und sie gingen zwischen den Dünen auf das Haus zu. Als Gretchen die Eingangstür öffnete, kamen ihr sofort der dicke Kater Kapitän und der eitle Dackel Otto entgegen, um sie freudig zu begrüßen. Interessiert schnupperte Otto an ihrem Trainingsanzug, der einen Geruch nach Fisch und Meerwasser verströmte.

»Wie seht ihr denn aus?« Edda trat aus der Küche und stemmte die Arme in die Hüften. Sie war weit über siebzig Jahre alt, doch mit ihrer Agilität und den blitzenden grauen Augen hielt man sie für etliche Jahre jünger.

»Ach Oma, wir haben ein gefährliches Abenteuer hinter uns.« Gretchen erzählte Edda im Schnelldurchlauf von der Rettungsaktion der jungen Leute.

»Du darfst bei so einem Wetter nicht auf die See hinaus«, meinte Edda zu Solveig, die missmutig am Tisch saß und den Kater streichelte.

»Hier geht es um ein Umweltverbrechen, da kann man sich von dem bisschen Wind nicht abhalten lassen«, antwortete das Mädchen patzig.

»Die Ostsee ist unberechenbar, man muss ihr mit Ehrfurcht begegnen«, antwortete Edda. »Dein Onkel hat dich gerettet, Fräulein, vergiss das nicht. Ohne ihn wärst du wie eine Ratte abgesoffen. Du redest von Umweltschutz und hast nicht den geringsten Respekt vor der Natur. Wer keine Demut vor den Gewalten der See hat, der hat auch keine Liebe für die Umwelt.«

Verblüfft hörte Gretchen die Sätze aus Eddas Mund. So vehement und streng hatte sie ihre Großmutter nur ganz selten reden hören. Aber Edda hatte natürlich recht.

»Das stimmt doch gar nicht«, verteidigte sich Finns Nichte und schüttelte ihre blonde Mähne. »Aber man muss Prioritäten im Leben setzen.«

»Papperlapapp«, wischte Edda Solveigs Einwand beiseite. »Wie hättet ihr denn diesen Frachter aufgehalten? Etwa mit eurem Schlauchboot?«

»Na klar, sie hätten uns doch nicht überfahren können.« Solveig zuckte mit den Schultern.

»So ein großes Schiff fährt noch viele Meter, ehe es endlich beidrehen und stoppen kann. Der Bug hätte euch zermalmt und wenn nicht der, dann die Schiffsschraube«, wetterte Edda.

»Das war wirklich eine dumme und unüberlegte Aktion«, ergänzte Finn Eddas Kommentar.

Solveig schwieg, und Gretchen spürte, dass Finns Nichte einsah, dass ihre Großmutter doch irgendwie recht hatte.

»Ich muss nach den Wohnwagen sehen«, sagte Edda. »Der Sturm war heute außerordentlich stark.«

»Wir helfen dir natürlich«, sagte Gretchen und stand auf. Hastig eilten sie zwischen den Dünen hindurch zu den Wagen.

›Oma Schulzes Paradies‹ war kein gewöhnlicher Campingplatz, denn ihre Großmutter hatte nach dem Tod ihres Mannes, Kapitän Holger, die hölzernen Schindelwagen eines alten Zirkus gekauft und von Inselkünstlern mit Tieren bemalen lassen. So gab es einen Delfinwagen, einen Bärenfamilienwagen, eine Krabbenunterkunft und noch viele andere. Die Häuser auf Rädern waren in einem Halbrund um einen gemauerten Grillplatz aufgestellt und mit bunten Lichterketten untereinander verbunden. Auf einer kleinen Bühne davor saß eine blonde Frau in einem Holzfällerhemd, die auf der Gitarre ›Layla‹ spielte und dazu den Text summte.

»Jule, hast du auch die Fensterläden der Wagen geschlossen?«, fragte Edda.

»Aber klar, Chefin«, erwiderte Jule. Grübelnd legte sie ihre Hand an die Schläfe. »Du bist doch Solveig, die Umweltschützerin?«

»Ja, woher kennst du mich?«, fragte Solveig und wurde rot dabei.

»Ich habe die Beiträge deines Umweltschutz-Blogs oft gelesen. Interessante Dinge, die ihr da aufdeckt«, meinte Jule anerkennend. Dann stand sie auf und trat zu Gretchen. »Ach, meine Liebe, hast du vielleicht ein paar Euro für mich?«

»Sag mal, Jule, arbeitest du nicht Teilzeit für Edda? Da musst du doch jetzt etwas eigenes Geld haben?«, wunderte sich Gretchen.

»Doch, natürlich, aber ich sponsore einen jungen Straßenmaler in Binz. Der kann sich mit deinem Geld die Malkreide leisten. Ich bin sozusagen nur die Vermittlerin«, erklärte Jule und lächelte treuherzig.

»Jule, diese Geschichte ist einfach zu gut, um nicht wahr zu sein«, schmunzelte Gretchen und steckte Jule zehn Euro in die Brusttasche. Es war eine Art Ritual zwischen den beiden, dass Gretchen jedes Mal, wenn sie auf Jule traf, von ihr um ein paar Euro angeschnorrt wurde. »Jetzt kannst du mit uns überprüfen, ob der Sturm etwas beschädigt hat.«

Sie gingen von Wagen zu Wagen und Solveig betrachtete mit großen Augen die auf das Holz gemalten Tiere.

»Der Campingplatz ist ja voll cool«, meinte das Mädchen dann zu Edda, als sie wieder zurück zum Kapitänshaus gingen. »Du hast ja sogar Solarpanels für die Beleuchtung.«

»Was denkst denn du? Dass ich keine alternativen Energien nutze, bloß weil ich alt bin?«, kicherte Edda. »Ich mache uns jetzt einen guten Tee«, meinte sie dann und blickte über ihre Brille hinweg Gretchen an. »Schwarzer Tee mit einem Schuss Cognac, das ist doch dein Lieblingsgetränk, stimmt’s, Gretchen?«

»Ach, Oma. Das war das Lieblingsgetränk vom Kapitän«, erwiderte Gretchen mit sorgenvoller Miene. »Ich trinke nur starken Kaffee.« Edda war fit und agil, vergaß aber ab und an verschiedene Dinge, so auch, dass Gretchen Espresso doppio liebte.

»Wirklich? Na, dann mache ich dir eben einen Kaffee. Ich hätte schwören können, dass du Tee mit Cognac trinkst.« Edda warf Gretchen einen nachdenklichen Blick aus ihren grauen Augen zu, während sie in die Küche ging.

»Das kann doch jedem mal passieren, Oma«, wiegelte Gretchen ab. Sie wollte nicht daran denken, dass auch ihre Großmutter älter wurde und eines Tages sterben würde. Spontan griff Gretchen nach Eddas Hand und drückte sie fest. »Du bleibst immer bei mir.«

KAPITELVIER

Italienische Schlager dröhnten über die Dünen, vermischten sich mit dem Rauschen der See und verebbten in der abendlichen Atmosphäre. Gretchen hatte die Lautstärke des alten Kassettendecks in ihrem Golf Cabrio fast bis zum Anschlag aufgedreht, und ›Bello e impossibile‹ von Gianna Nannini drang leicht übersteuert aus den hölzernen Boxen, die ihr Vater noch eigenhändig im Fond des Golfs installiert hatte.

Der Wagen parkte auf der Straße bei ›Oma Schulzes Paradies‹, und Finn war gerade dabei, die Scharniere des braunen Stoffdachs zu schmieren, damit dem sommerlichen Cabriofeeling nichts mehr im Weg stand.

»Ist es nicht schön, dass wir nach der heutigen Aufregung einen relaxten Abend verbringen können«, meinte Gretchen vergnügt und drehte sich entspannt zu dem Italo-Sound. Plötzlich vibrierte das Handy in der Gesäßtasche ihrer Jeans und als sie es herauszog, warf Finn einen raschen Blick darauf.

»Ich glaube, das war’s mit dem ruhigen Abend.« Ihr Freund deutete auf den Namen, der auf dem Display erschien. Es war Gretchens junger Kollege Henry Bülow.

»Was gibt’s, Henry?«, fragte Gretchen. Aber ihre Intuition sagte ihr schon jetzt, dass etwas geschehen war und sie an einen Tatort gerufen werden würde.

»Sorry, Gretchen. Ich weiß, es ist heute dein freier Abend, aber ich kann den Chef nicht erreichen.«

»Alles klar. Was ist passiert?«

»Ein älterer Mann wurde oben bei Glowe erschossen und eine Kollegin von uns ist schwer verletzt worden«, drang Henrys verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher. »Mehr weiß ich leider auch noch nicht.«

»Okay, ich bin auf dem Weg.« Gretchen trennte die Verbindung und drehte sich zu Finn. »Tut mir leid, ich muss sofort los. Wir haben einen Toten und eine schwer verletzte Kollegin.«

»Ach du Scheiße.« Finn klappte das Stoffdach des Cabrios zurück. »Das Verdeck funktioniert wieder. So kannst du wenigstens während der Fahrt noch die frische Luft genießen.«

»Super.« Gretchen drückte Finn einen Kuss auf den Mund und stoppte die Kassette. Wie immer, wenn eine Mordermittlung begann, legte Gretchen in ihrem Kopf den Schalter um und tauschte die fröhliche Stimmung gegen die düstere Polizeiarbeit.

Auf der Schnellstraße fuhr sie an Prora vorbei, passierte den Fährhafen von Sassnitz und erreichte nach einer längeren Fahrt den kleinen Hafenort Glowe. Der Zuweg zum Hafen war bereits weiträumig abgesperrt, und Gretchen sah Henrys roten Ford Mustang am Straßenrand stehen. Sie parkte dahinter und stieg aus. Ein uniformierter Kollege nickte grüßend und hob das Absperrband hoch, damit Gretchen hindurchschlüpfen konnte. Henry kam ihr auf der Straße entgegen. Ihr Kollege war braun gebrannt und trug wie immer Jeans und ein enges T-Shirt, das seinen durchtrainierten Körper vorteilhaft zur Geltung brachte. ›Wie schafft er das bloß immer, so gut auszusehen‹, dachte Gretchen neidisch und nahm sich zum wiederholten Male vor, endlich mit Pilates und Ähnlichem zu beginnen.

»Warst du im Solarium?«, fragte sie Henry, während sie sich Latexhandschuhe überstreifte.

»Wo denkst du hin, das ist Natur pur«, erwiderte ihr Kollege stolz. »Es gibt einen neuen Strandclub in Sassnitz, kann ich dir nur empfehlen.«

»Ich bin nicht der Typ, der stundenlang ruhig in der Sonne liegen kann«, winkte Gretchen ab. »Wo ist eigentlich Kampe?«, fragte sie.

»Ich habe unseren Chef leider noch immer nicht erreicht«, informierte Henry sie.

Gretchen nickte und ging weiter zum Tatort. Die angeschossene Polizistin lag auf einer Rollbahre, neben ihr stand der Notarzt.

»Die Verletzte war bis jetzt noch nicht transportfähig. Ich musste sie zunächst stabilisieren«, sagte der Mediziner zu Gretchen. Der Arzt winkte den Sanitätern, die die Trage mit der Polizistin vorsichtig in den Krankenwagen schoben, der mit rotierenden Blaulichtern verschwand.

»Es wurden zwei Schüsse abgefeuert. Die Kollegin heißt übrigens Famke Keller, ist Streifenpolizistin und war mit einem zweiten Polizisten am Hafen unterwegs, weil es einen Anruf wegen eines Parkschadens gegeben hat«, sagte Henry, während Gretchen sich der Leiche auf der Fahrbahn zuwandte. Es war ein älterer Mann, der eine helle Leinenhose und ein Poloshirt trug. Das Shirt war in Brusthöhe, wo die Kugel den Mann getroffen hatte, blutverschmiert.

»Das ist Wilhelm Lauterbach, er ist Bewohner der Seniorenresidenz ›Juliusruh‹ am Tromper Wiek. Die Anlage befindet ganz in der Nähe«, erklärte ihr Kollege und schwenkte einen laminierten Ausweis in der Hand.

Gretchen kniete sich zu dem Toten und blendete dabei sofort die Umweltgeräusche aus. Ihr Blick schweifte über das angespannte Gesicht des erschossenen Rentners. »Du wirkst wütend, worüber hast du dich geärgert, bevor dich der Tod aus dem Leben riss? Auf jeden Fall hast du nicht damit gerechnet, auf diese Art zu sterben.« Gretchen warf einen Blick zurück, wo die Leute der Spurensicherung die Positionen der Opfer mit speziellen Aufklebern kenntlich machten. Anscheinend hatte Wilhelm Lauterbach seitlich hinter der Polizistin gestanden, als er getroffen wurde. ›War sein Tod vielleicht bloß ein dummer Zufall?‹ Gretchen stand auf und winkte Henry zu sich. »Ich habe eine Theorie, wie diese Schießerei abgelaufen sein könnte«, meinte sie. »Wir wissen, dass die Schüsse aus einem Auto gekommen sind. Wahrscheinlich hat Famke den Wagen angehalten, weil sie den Fahrer kontrollieren wollte. Irgendetwas durfte nicht von unserer Kollegin entdeckt werden, deshalb wurde sofort geschossen und der erste Schuss hat den alten Mann getroffen. Der Rentner stand anscheinend ein Stück hinter Famke, sie hat sich vielleicht ein wenig zur Seite gedreht und peng! Die zweite Kugel wurde dann gezielt auf sie abgefeuert.«

»Du glaubst also, dass Wilhelm Lauterbach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist?«, überlegte Henry.

---ENDE DER LESEPROBE---