Griechische Mythologie - Ludwig Preller - E-Book

Griechische Mythologie E-Book

Ludwig Preller

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Beschreibung

Das Buch 'Griechische Mythologie' von Ludwig Preller ist ein Meisterwerk, das sich mit den faszinierenden Mythen und Legenden des antiken Griechenlands auseinandersetzt. Preller präsentiert die Geschichten von Göttern, Helden und Monstern auf eine fesselnde und zugängliche Weise, die sowohl für Experten als auch für Neulinge auf dem Gebiet der Mythologie geeignet ist. Der Autor kombiniert akademische Genauigkeit mit einem anregenden Erzählstil, der den Leser in die Welt der griechischen Götter und Helden eintauchen lässt. In diesem Titel werden die kulturellen, historischen und literarischen Kontexte der griechischen Mythologie eingehend untersucht, was einen umfassenden Einblick in die Bedeutung und Relevanz dieser alten Geschichten bietet. Ludwig Preller war ein renommierter deutscher Altphilologe und Mythologe, der sein umfangreiches Wissen und seine Leidenschaft für die griechische Antike in dieses beeindruckende Werk einfließen ließ. Seine fundierte Expertise auf dem Gebiet der klassischen Philologie und Mythologie macht ihn zu einem vertrauenswürdigen und einflussreichen Autor in diesem Bereich. Preller versteht es, komplexe Themen verständlich darzustellen und seine Leser mit seiner tiefen Kenntnis und seinem Enthusiasmus zu begeistern. 'Griechische Mythologie' ist ein unverzichtbares Buch für alle, die sich für die antike Welt und ihre faszinierenden Geschichten interessieren. Sowohl für Studenten der Mythologie als auch für allgemein historisch Interessierte bietet dieses Werk einen einzigartigen Einblick in die reiche Tradition der griechischen Mythologie. Mit einer geschickten Mischung aus Akribie und Erzählkunst wird der Leser auf eine aufregende und lehrreiche Reise durch die antike Mythologie Griechenlands geführt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 2508

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ludwig Preller

Griechische Mythologie

Bereicherte Ausgabe. Troja und der trojanische Krieg, Odysseus, Prometheussage, Tantalidensage, Heraklessage…
Einführung, Studien und Kommentare von Teresa Winkler

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-3027-3

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Griechische Mythologie
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen der schillernden Vielfalt überlieferter Göttergeschichten und dem beharrlichen Drang gelehrter Ordnung entfaltet Griechische Mythologie von Ludwig Preller den Versuch, das mythische Wissen der Griechen in eine nachvollziehbare Gestalt zu bringen, die Stimmen von Epos, Kult und lokaler Überlieferung miteinander ins Gespräch zu setzen und so ein Panorama zu entwerfen, in dem die Macht der Erzählung ebenso sichtbar wird wie die historischen Bedingungen ihrer Tradierung, während zugleich die Frage, wie sich poetische Bilder, religiöse Praxis und regionale Besonderheiten zu einem Ganzen fügen, zur leitenden Spannung eines Werks wird, das Überblick, Genauigkeit und interpretative Vorsicht miteinander verbindet und den Leser auf eine gedankliche Reise durch Ursprünge, Wandlungen und Bedeutungsfelder des Mythos führt.

Das Werk ist eine wissenschaftliche Überblicksdarstellung und mythographisches Handbuch der Klassischen Philologie; sein Schauplatz ist die antike Welt der Griechen, von panhellenischen Zentren bis zu lokalen Heiligtümern und Sagenräumen, deren Stimmen in Texten, Bräuchen und Bildern nachhallen. Zuerst Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlicht, steht es im Kontext einer Epoche, in der systematische Quellenarbeit, historisch-kritische Methode und vergleichende Perspektiven die Philologie prägten. Prellers Darstellung sucht Ordnung ohne Verflachung: Sie bündelt verstreute Zeugnisse, ordnet Material nach Gestalten und Gruppen und stellt Zusammenhänge her, ohne die Vielstimmigkeit des Stoffes zu nivellieren, wodurch ein verlässlicher Einstieg in die Mythenwelt entsteht.

Die Ausgangssituation ist programmatisch schlicht: Aus verstreuten antiken Zeugnissen entsteht eine strukturierte Karte des Götter- und Heroenwissens. Preller sammelt, sichtet und ordnet, vergleicht Varianten, verweist auf Kulte, Feste und ikonographische Hinweise, und lässt die Quellen im Vordergrund stehen. Das Leseerlebnis ist entsprechend sachlich und konzentriert: eine ruhige, präzise Stimme, die Zusammenhänge freilegt, Widersprüche nicht glättet und Deutungen transparent macht. Stil und Ton sind gelehrt, jedoch nicht hermetisch; die Systematik gibt Halt, ohne den Bewegungsraum der Mythen zu verengen. Man liest weniger Erzählung als eine kartographische Anleitung durch ein weit verzweigtes Bedeutungsgeflecht.

Im Zentrum stehen Fragen nach Gestalt und Funktion der Gottheiten, nach genealogischen Beziehungen, nach Heldenzyklen und ihren lokalen Prägungen sowie nach dem Verhältnis von Erzählung und religiöser Praxis. Preller zeigt, wie Mythen in Kulten verankert sind, wie Orts- und Stifterlegenden Erinnerung strukturieren und wie Motive von Region zu Region wandern. Die Vielfalt der Varianten wird nicht als Störung, sondern als historisch gewachsene Realität behandelt. Dadurch rückt das Wechselspiel von Mythos, Polisleben und Festkultur in den Blick, ebenso wie die Rolle von Überlieferungsmedien, die vom Epos bis zur bildlichen Darstellung reichen und Bedeutungen über Zeiten hinweg modulieren.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es eine quellengesättigte, sorgfältig geordnete Grundlage bietet, auf der sich eigenständige Interpretationen aufbauen lassen. Wer antike Literatur, Theater, Kunst und Kultpraktiken verstehen will, findet hier ein Raster, das Namen, Funktionen, Verwandtschaften und regionale Bezüge klärt, ohne die Komplexität zu reduzieren. Zugleich sensibilisiert die Darstellung für die historische Tiefendimension kultureller Muster: Sie zeigt, wie Mythen in Sprache, Ritual und Bild lebendig bleiben, wie sie Sinn stiften und Gemeinschaft ordnen, und liefert damit einen Kompass, der auch moderne Umdeutungen und Anspielungen besser lesbar macht.

Eine zeitgenössische Lektüre profitiert davon, das Werk als Produkt seiner Entstehungszeit mitzudenken: Terminologie, Ordnungskategorien und Prioritäten spiegeln das 19. Jahrhundert, dessen Forschungsideale und Debatten die Darstellung geprägt haben. Gerade deshalb ist Prellers Ansatz lehrreich: Die vorsichtige Quellenkritik, die Neigung zur Dokumentation vor Spekulation und das Bemühen, Varianten nebeneinander stehen zu lassen, sind Tugenden, die weiterhin tragen. Neuere Ansätze ergänzen und differenzieren, doch die Sorgfalt der Materialbasis bleibt ein Gewinn. So erweist sich das Buch sowohl als Referenz für den Stoff als auch als historisches Dokument wissenschaftlicher Selbstverständigung.

In seiner Zusammenschau lädt Griechische Mythologie dazu ein, die mythische Topographie Griechenlands geduldig zu erkunden, die Fäden zwischen Erzählung, Kult und sozialem Gedächtnis zu verfolgen und die Beweglichkeit der Formen als Stärke zu begreifen. Die Lektüre eröffnet eine verlässliche Orientierung, ohne die Faszination des Unabgeschlossenen zu bannen, und verbindet philologische Genauigkeit mit kulturgeschichtlichem Weitblick. Wer sich auf diese Ordnung einlässt, entdeckt nicht nur einen Kanon von Gestalten, sondern ein offenes System, das bis in Gegenwartskünste und Alltagsmetaphern ausstrahlt und zeigt, warum die alten Geschichten weiterhin Räume für Denken und Imagination eröffnen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Griechische Mythologie von Ludwig Preller ist ein im 19. Jahrhundert verfasstes Standardwerk, das die Götter- und Sagenwelt der Griechen systematisch erschließt. Ausgangspunkt ist nicht die bloße Nacherzählung, sondern eine geordnete Darstellung nach Gottheiten, Heroen, Kultorten und Überlieferungssträngen. Preller verbindet philologische Sorgfalt mit antiquarischem Interesse und fragt, wie sich Mythen in Religion, Dichtung und Kunst verkörpern. Das Buch führt die Lesenden von grundlegenden Begriffen und Fragestellungen zu einer Gesamtübersicht des Materials. Es will die Einheit hinter der Vielfalt der Varianten sichtbar machen, ohne lokale Eigenarten zu glätten, und bietet so einen nüchternen, quellennahen Überblick.

Zu Beginn umreißt Preller Quellenlage und Methode. Er stützt sich auf Epen wie Homer und Hesiod, auf Lyrik und Tragödie, auf Historiker, Inschriften und archäologische Zeugnisse, insbesondere Kultpraxis und Bildmotive. Varianten werden nicht als Fehler, sondern als Zeichen lokaler Traditionen behandelt. Genealogien, Epitheta und Funktionen einer Gottheit werden aus den Texten heraus zusammengestellt und mit Heiligtümern, Festen und Riten verknüpft. Bei konkurrierenden Deutungen wägt er ab und bevorzugt nachvollziehbare Bezüge zu Kult und Sprache. Diese Anlage legt die Ordnung des Buches fest: vom kosmogonischen Rahmen über die Hauptgötter bis zu den Heroen und Sagenkreisen.

Den Auftakt bildet die Darstellung der Entstehung und Ordnung der Götterwelt. Aus frühen, oft poetischen Schichten werden Urkräfte, Generationenfolgen und die Ablösung älterer Mächte durch jüngere herausgearbeitet. Die Konflikte um Herrschaft und die Etablierung des olympischen Systems erscheinen als mythische Verdichtung verschiedener Traditionen. Preller zeigt, wie genealogische Muster und kosmische Funktionen zusammenwirken und sich in Kulttiteln oder Opferbräuchen spiegeln. Er achtet darauf, literarische Systematisierungen von regional verankerten Vorstellungen zu unterscheiden. Dadurch wird die theogonische Erzählung weniger als lineare Geschichte, denn als Rahmen sichtbar, der spätere Götterbilder und Zuständigkeiten ordnet. Die Rolle des Himmels- und Erdgottes sowie Meeres- und Unterweltkräfte wird dabei in Beziehung gesetzt.

Es folgt die ausführliche Behandlung der großen olympischen Gottheiten. Für Zeus, Hera, Athena, Apollo, Artemis, Hermes, Aphrodite, Ares, Hephaistos, Poseidon, Demeter, Hestia und Dionysos sammelt Preller Namen, Attribute, Aufgabenbereiche und bedeutende Heiligtümer. Er vergleicht panhellenische Prägungen mit lokalen Kultbildern und Festkalendern, um Divergenzen erklärbar zu machen. Ikonographische Zeugnisse dienen der Kontrolle literarischer Aussagen. Leitend ist die Frage, wie Zuständigkeiten sich überschneiden, verschieben oder in Epitheta abgespalten werden. Dadurch entsteht ein differenziertes Bild eines Pantheons, das nicht starr ist, sondern durch Ort, Anlass und Ritual situationsbezogen unterschiedliche Ausprägungen annimmt. Konflikte zwischen Göttern liest er als Spuren konkurrierender Kulttraditionen.

Ein weiterer Abschnitt widmet sich chthonischen Mächten, personifizierten Kräften und Zwischenwesen. Nymphen, Musen, Chariten, Erinnyen oder Moiren werden aus ihren Funktionen in Natur- und Sozialordnung hergeleitet und mit spezifischen Opferritualen verknüpft. Die besondere Stellung von Unterweltsgottheiten und die Nähe zu Ahnenkulten erhalten eigenes Gewicht. Auch Mysterienkulte erscheinen nicht isoliert, sondern als Teil lokaler Ordnungen mit festem Kalender und klaren Rollen. Preller zeigt, wie solche Gruppen die Übergänge zwischen Göttern, Daímonen und Heroen markieren und wie sprachliche Benennungen, Attribute und Orte helfen, Mehrdeutigkeiten auszuhalten, statt sie vereinheitlichend aufzulösen. Bildliche Szenen stützen dabei die Rekonstruktion von Funktionen und Rangverhältnissen.

Der umfangreiche Teil zu Heroen und Sagenkreisen ordnet Gestalten nach Herkunftslandschaften und thematischen Linien. Herakles, Theseus, die Argonauten und die Geschichten um Theben oder Troja stehen exemplarisch für die Verflechtung lokaler Kulte mit panhellenischer Erzähltradition. Preller sammelt Taten, Verwandtschaften, Heiligtümer und Feste, um die soziale Funktion der Heroen sichtbar zu machen. Genealogien erscheinen als Instrumente politischer Legitimation und als Brücken zwischen Mythos und Erinnerung. Dabei wird gezeigt, wie Dichterfassungen ältere Schichten bündeln, ohne sie vollständig zu ersetzen. Entscheidende Pointen der großen Zyklen werden ausgespart, die strukturellen Rollen der Beteiligten jedoch deutlich herausgearbeitet.

Im Schlusszug fasst das Werk die Leitideen zusammen: Mythen sind für Preller keine Zufallserzählungen, sondern Ausdruck einer lebendigen Religions- und Kultgemeinschaft, deren Bilder, Lieder und Feste wechselseitig aufeinander verweisen. Die systematische Ordnung dient nicht der Vereinheitlichung, sondern der Sichtbarmachung historischer Schichtung und regionaler Vielfalt. Damit entsteht ein Arbeitsinstrument, das spätere Forschung genutzt und erweitert hat. Die nachhaltige Wirkung liegt in der nüchternen Verbindung von Text, Kult und Kunst, die bis heute einen sachlichen Zugang eröffnet und Leserinnen und Lesern erlaubt, die griechische Mythologie als dynamisches, aus Kontexten geformtes System zu begreifen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand Ludwig Prellers Griechische Mythologie im Umfeld der deutschen Staaten des Deutschen Bundes. Träger der Gelehrsamkeit waren Universitäten wie Berlin, Göttingen und Leipzig, geprägt von den preußischen Bildungsreformen Wilhelm von Humboldts. Philologische Seminare professionalisierten die Quellenarbeit, während humanistische Gymnasien Griechisch und Latein zur zentralen Allgemeinbildung machten. Institutionell wirkte das 1829 in Rom gegründete Institut für Archäologische Korrespondenz als internationales Netzwerk für Antikenstudien. Museen wie das Berliner Alte Museum und die Münchner Glyptothek förderten den Zugang zu Originalen. Ein leistungsfähiges Verlagswesen in Leipzig und Berlin erleichterte die schnelle Verbreitung wissenschaftlicher Handbücher.

Seit dem späten 18. Jahrhundert hatte sich die Altertumswissenschaft als umfassende Disziplin etabliert, getragen von Leitfiguren wie Friedrich August Wolf, August Boeckh und Friedrich Gottlieb Welcker. Sie verband Philologie, Geschichte und Archäologie und verschob die Mythendeutung von allegorischen Lesarten hin zu quellengestützter, historischer Analyse. Karl Otfried Müllers programmatische Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologie (1825) forderten eine systematische, quellenkritische Darstellung. In den 1850er Jahren standen zuverlässige Textausgaben, Inschriftenverzeichnisse und ikonografische Kataloge zunehmend bereit. Diese methodische Infrastruktur bereitete das Feld, in dem Prellers Werk als umfassende, geordnete Darstellung des griechischen Götter- und Heroenwesens reüssieren konnte.

Politisch prägte die Gründung des Königreichs Griechenland (1832) die europäische Wahrnehmung der Antike. Die bayerische Dynastie unter König Otto förderte deutsche Kontakte nach Athen; Gelehrte, Künstler und Sammler reisten vermehrt. Eduard Gerhard und andere verbanden archäologische Funde mit literarischen Zeugnissen und legten Register für Vasenbilder und Mythenmotive an. Parallel setzte die systematische Epigraphik mit dem von Boeckh angestoßenen Corpus Inscriptionum Graecarum ein. Diese Entwicklungen lieferten der Mythenforschung neue, überprüfbare Daten. Prellers Darstellung profitierte von diesem wachsenden Befundkorpus, indem sie literarische Traditionen mit kultischen und ikonografischen Hinweisen der damaligen Forschung in Beziehung setzte.

Die Jahre um 1848/49 brachten revolutionäre Erschütterungen und anschließend restaurative Politik, doch die philologische Forschung behauptete ihren Anspruch auf Sachlichkeit und Quellenkritik. Im Unterrichtswesen verlangten Lehrpläne verlässliche, klar gegliederte Nachschlagewerke für die antike Religion. Handbücher, die Stofffülle ordneten und Verweise auf antike Autoren boten, waren daher besonders gefragt. Griechische Mythologie schloss an diese Bedürfnisse an, indem sie eine systematische, für Studium und Unterricht geeignete Zusammenstellung lieferte. Gleichzeitig spiegelte das Werk die Prioritäten eines Bildungsbürgertums, das kulturelle Autorität aus der Beherrschung klassischer Texte und aus kontrollierter, dokumentierter Kenntnis antiker Überlieferung bezog.

Prellers Griechische Mythologie erschien in den 1850er Jahren in zwei Bänden und etablierte sich rasch als Referenzwerk im deutschsprachigen Raum. Sein kompiliertes, doch quellenbezogenes Verfahren machte es für Forscher, Lehrer und Studenten gleichermaßen nutzbar. Nach Prellers Tod (1861) blieb das Werk präsent; spätere, erheblich erweiterte Neubearbeitungen durch den Archäologen Carl Robert verbreiteten es unter dem Doppelnamen Preller‑Robert weiter. Damit wurde die Darstellung zu einem langlebigen Standard, der bis ins späte 19. und frühe 20. Jahrhundert hinein herangezogen wurde. Die Editionsgeschichte belegt den anhaltenden Bedarf an zuverlässigen, geordneten Mythographie-Handbüchern innerhalb der klassischen Altertumswissenschaft.

Das Werk ordnete die Götter, Heroen und Kulte systematisch und dokumentierte ihre Namen, Epitheta, genealogischen Bezüge und wichtigsten Mythen mit Verweisen auf antike Quellen wie Homer, Hesiod, die Hymnen, die Tragiker, Herodot, Apollodor und Pausanias. Soweit verfügbar, griff Preller zusätzlich auf Monumente, Vasenbilder und Reliefs zurück, die in den damaligen Katalogen beschrieben waren. Leitend war ein historisch-philologisches Vorgehen: die Zusammenstellung und kritische Sichtung überlieferter Varianten statt spekulativer Gesamterklärungen. In dieser Form entsprach das Buch dem zeitgenössischen Anspruch, Mythen als historisch gewachsene, regional differenzierte Überlieferungen zu behandeln, deren Deutung an überprüfbare Zeugnisse gebunden ist.

Die Grenzen des Werks ergeben sich aus seinem Entstehungszeitpunkt. Es konnte die großen Ausgrabungen und Funde der folgenden Jahrzehnte nicht berücksichtigen: Schliemanns Unternehmungen in Troja und Mykene in den 1870er Jahren, die deutschen Grabungen in Olympia ab 1875 oder die systematischen Arbeiten in Delphi und auf Kreta um 1900 veränderten die Quellenlage erheblich. Ebenso gewann die vergleichende Indogermanistik und naturmythologische Deutung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Einfluss, ohne Prellers Darstellung zu bestimmen. Parallel setzte mit Roschers Ausführlichem Lexikon der griechischen und römischen Mythologie (ab 1884) eine noch breitflächigere Erschließung ein.

Als Kommentar zu seiner Epoche belegt Prellers Griechische Mythologie die Institutionalisierung einer historistisch arbeitenden, quellenkritischen Gelehrsamkeit und die Verknüpfung von Philologie mit aufkommender Archäologie. Es verkörpert den Bildungsanspruch des deutschsprachigen 19. Jahrhunderts, Wissen in Handbuchform zu systematisieren, zu belegen und didaktisch verfügbar zu machen. Die anhaltende Nutzung und spätere Erweiterung zeigen, wie stark das Bedürfnis nach geordneten, verlässlichen Überblicken die Mythendeutung prägte. Zugleich markiert das Buch eine Schwelle: noch vor den großen Grabungen entstanden, fasst es den bis dahin erreichbaren Kenntnisstand zusammen und macht ihn dauerhaft anschlussfähig für die spätere Forschung.

Griechische Mythologie

Hauptinhaltsverzeichnis
Band 1: Theogonie & Die Götter
Band 2: Die Heroen

VORREDE ZUR ERSTEN AUFLAGE.

Inhaltsverzeichnis

Die Aufgabe ein Handbuch der griechischen Mythologie zu schreiben war besonders deshalb eine schwierige, weil sich eine feste Methode, eine sichere Tradition in diesem Fache bekanntlich weniger als sonst befolgen läßt. Ich habe mich also den bewährtesten Forschern so viel als möglich angeschlossen, aber doch Vieles, ja das Meiste selbst aufbauen müssen, gewöhnlich ohne eine genauere Begründung als die durch den Zusammenhang im Ganzen gegebene. Um so mehr muß ich wünschen und bitten daß das Buch vor jedem Urtheil über das Einzelne in seinem ganzen Zusammenhange gelesen und geprüft werden möge, auch wegen der zu Grunde liegenden Ansichten über Entstehung und Entwickelung der griechischen Mythologie, worüber ich mich in der Einleitung nur sehr kurz habe erklären können.

Sollten meine Freunde in diesem Buche einen Fortschritt bemerken, so gestehe ich außer fortgesetzten Studien das Meiste diesen beiden Umständen zu verdanken. Einmal belehrte mich eine wenn gleich kurze Reise in Griechenland über so manches die Natur und die allgemeinen geschichtlichen Bedingungen des Landes Betreffende, was sich auf der Studirstube bei dem besten Willen nun einmal nicht ergründen läßt. Zweitens war es eben diese Aufgabe, das Ganze der Mythologie zu durchforschen und zu gestalten, was mich mehr als ich selbst vermuthen konnte über vieles Einzelne aufgeklärt und mir oft überraschend neue Gesichtspunkte aufgeschlossen hat. So genau hängt hier Alles zusammen, oft mit sehr feinen und nur dem geübteren Auge wahrnehmbaren Fäden.

Da ich unter Mythologie die weitere Ausführung des in der Naturreligion angelegten bildlichen Triebes durch Sage Poesie und Kunst verstehe, so habe ich vorzüglich dieses Bildliche hervorgehoben und manches Andre, was nach herkömmlicher Weise in der Mythologie mit besprochen wird, nur beiläufig berühren wollen. Vornehmlich gilt dieses vom Cultus, von der Ethnographie und Geschichte der ältesten Zeit, auch von dem Cultur- und Religionsgeschichtlichen, über welche Punkte man oft eigenthümliche und ausgebildete Ansichten ausgesprochen finden wird, ohne daß ich jetzt eine andre als vorläufige Begründung hinzufügen konnte.

Weil das Material der mythologischen Forschung sehr weit zerstreut ist und der speciellen Untersuchungen, vollends seitdem die Kunstmythologie ein so weites Feld gewonnen hat, überreichlich viele geworden sind, so habe ich von der üblichen Methode der litterärischen Anmerkungen nicht abweichen zu dürfen geglaubt, zumal da sich in diesen Anmerkungen auch manches die Sache Betreffende kürzer besprechen ließ. Doch habe ich in den Citaten und Nachweisungen keine Vollständigkeit beabsichtigt, sondern nur so viel geben wollen als zur Hinweisung auf die wichtigsten Quellen, zur Stütze mancher eigenthümlichen Combination, endlich zur Orientirung der selbständig weiter Forschenden angemessen zu sein schien.

Der Umfang des Buches ist trotz alles Strebens nach Kürze zuletzt doch größer geworden als beabsichtigt war. Indessen glaube ich behaupten zu können, daß der ganze und weitverzweigte Bau der griechischen Mythologie von mir um ein Bedeutendes vollständiger und übersichtlicher als es bisher der Fall gewesen durchmessen worden ist. Namentlich wird man in diesem Handbuche auch die heroische Mythologie in der Ordnung und Ausbreitung bearbeitet finden, welche das Interesse der Sache und der jetzige Stand dieser Forschungen längst fordern durften.

Weimar im Juli 1854.

VORREDE ZUR ZWEITEN AUFLAGE.

Inhaltsverzeichnis

Dieses Buch hat in der ersten Auflage eine so günstige Aufnahme gefunden, daß ich mich eben deswegen verpflichtet gefühlt habe es in der zweiten nach bestem Wissen und Willen zu vervollkommnen. Ich habe es also einer durchgängigen Revision unterworfen und dabei nicht allein Vieles berichtigt und verändert, sondern auch viele neue Zusätze gemacht. Wer die Schwierigkeiten des mythologischen Studiums und die große Regsamkeit der Forschung, wie sie gegenwärtig auf diesem Gebiete beschäftigt ist kennt, wird sich darüber nicht wundern. Es kam hinzu daß ich bei der ersten Auflage aus allzueifrigem Streben nach Kürze Manches nur mit wenigen Worten berührt hatte, was sowohl im Interesse der Sache als der möglichen Misverständnisse wegen ausführlicher hätte besprochen werden müssen. Auch in den Citaten bin ich in dieser Ausgabe genauer und vollständiger gewesen, da Viele mir gerade wegen dieser den Text unterstützenden und beglaubigenden Nachweisungen ihren besonderen Dank ausgedrückt haben.

Andre Punkte, auf welche ich weder eingehen wollte noch konnte, namentlich solche welche die Geschichte der griechischen Religion und Mythologie, den Cultus, die geschichtlichen und Culturverhältnisse des griechischen Volks betreffen, muß ich auch diesmal einer andern Gelegenheit vorbehalten. Dieses Gebiet ist zu groß, als daß man sich bei einem für den praktischen Gebrauch bestimmten Handbuche nach Lust und Neigung darin ergehen könnte, und meine Zeit hat mir bis jetzt nicht erlaubt in freieren wissenschaftlichen Abhandlungen darauf zurückzukommen.

Möge dieses Buch, welches mir viele Freunde erworben hat, sich in solcher Gunst ferner behaupten und seiner Bestimmung, eine brauchbare und dauerhafte Grundlage des Studiums der griechischen Mythologie zu bilden, durch diese neue Bearbeitung näher gebracht worden sein.

Der zweite Band, welcher die Mythologie der örtlichen Sage und der heroischen Dichtung sammt dem Register zu beiden Bänden enthält, wird baldigst nachfolgen.

Weimar im August 1860.

EINLEITUNG.

1. Der Inhalt im Allgemeinen.

Inhaltsverzeichnis

Der Inhalt der griechischen Mythen1 ist ein überaus mannichfaltiger, je nach dem Alter und der Stufe der Mythenbildung welcher sie angehören. Der ältesten Zeit entsprechen jene grandiosen Bilder einer einfachen, aber seelenvollen Naturanschauung, wie man ihnen besonders unter den Göttermythen begegnet, in dem Culte des Zeus, der Athena, des Apollon, des Hermes u. A. Die elementaren Kräfte und Vorgänge der Natur, Sonnenschein, Regen, der Blitz, das Fließen der Ströme, das Wachsen und Reifen der Vegetation, werden dabei als eben so viele Handlungen und wechselnde Zustände beseelter Wesen vorgestellt und in bildlichen Erzählungen ausgedrückt, welche noch zwischen Allegorie und Mythus schwanken, so daß sie oft den Eindruck von dichterisch ausgeführten Hieroglyphen machen. Jedenfalls gehören sie zu dem Schönsten von Naturpoesie was es geben kann, und sie zeugen von einer so tiefinnigen Sympathie zwischen der menschlichen Seele und dem Naturleben, wie sie in unsern civilisirten Tagen höchstens der Dichter oder der begeisterte Naturforscher empfindet. Eine eigenthümliche Wendung solcher Dichtungen ist diese, daß die auffallenden Wirkungen und Erscheinungen der Natur nicht selten unter dem Bilde von Thieren vorgestellt werden, deren Gestalt, Gemüthsart oder Bewegung einen verwandten Eindruck machte, womit wir uns also auf dem Wege zur orientalischen Thiersymbolik befinden. Indessen darf von dem griechischen Volk vorausgesetzt werden daß es sehr bald den Fortschritt zur vollkommenen Vermenschlichung der Götter gemacht hat, wie sie zum Wesen des Mythus in seiner engeren Bedeutung gehört und gerade den griechischen Polytheismus eigentümlich characterisirt. Nun wurde die Gestalt der Götter nach Anleitung des sinnlichen Eindrucks gedacht den eine Naturerscheinung machte, ihr Character nach Anleitung der begleitenden Empfindung, wie z. B. die Klarheit des Himmels zur Vorstellung von Einsicht und Reinheit, seine Donner und Blitze zu der von gebietender Weltherrschaft, seine Wolken und Stürme zu der von Streit und Unfrieden, der daraus niederströmende Regen zu der von zeugerischer Kraft und Ueppigkeit führte. Und indem man diese Götter als menschlich geartete Wesen zugleich um das menschliche Leben besorgt und für dasselbe bedacht glaubte, kam man weiter dahin einem jeden seinen bestimmten Antheil an dieser Fürsorge zuzumessen, wie sie zu seinem bildlichen Character paßte, wie z. B. Zeus als der Herrschende das Königthum überhaupt vertritt, seine Gemahlin, die strenge und eifersüchtige Himmelskönigin für alle Rechte der Ehe eintritt, Athena die stürmische und kriegerische in der Schlacht waltet, Poseidon als Gott der gleichsam galoppirenden Wellen zugleich zu dem Gotte der Pferdezucht und zu dem ritterlichen Gotte schlechthin geworden ist: Uebertragungen bei denen wir die Kühnheit und Anmuth des Fortschritts von einer Gedankenreihe zur andern nicht genug bewundern können, obwohl wir etwas Aehnliches auch an den Schöpfungen der Sprache und den verschiedenen Bedeutungen jedes älteren Wortstamms beobachten, dessen Geschichte gleichfalls die einer fortlaufenden Reihe von Uebertragungen eines elementaren sinnlichen Eindrucks auf immer entlegnere und künstlichere Vorstellungen zu sein pflegt. Weiter wurde, wie dieses gleichfalls bei den Wörtern zu geschehen pflegt, bei fortschreitender Entwicklung die erste Naturempfindung oft vergessen und nur das ethische Bild von Muth und Kraft, Schnelligkeit und Jugend, Schönheit oder Klugheit festgehalten und in entsprechenden Erzählungen ausgeführt, womit wir uns schon auf dem Boden der Heldensage befinden. Wieder andere Stufen und Metamorphosen der Mythenbildung ergeben sich daraus daß diese bildlichen Erzählungen mit der Zeit zu dem Stoffe und historischen Hintergrunde der gesammten Poesie und Kunst wurden, welche eine Menge der schönsten ästhetischen Motive darin vorgebildet fanden und je nach ihren besondern Zielen und Gattungen daraus weiter fortentwickelten, wie denn auch in dieser Hinsicht die griechische Mythologie einzig in ihrer Art und so durchgebildet wie keine ist. Endlich kamen die Gründer und Gesetzgeber der Staaten, die Theologen und Philosophen, die Geschichtsforscher, die Geographen, die Astronomen, alle bei jenen Sagen und Dichtungen der Vorzeit anknüpfend und sie nach ihrer eigenthümlichen Weise auffassend, erklärend, umbildend, so daß sie immer von neuem überarbeitet und auf einen neuen Inhalt übertragen wurden. Kurz es läßt sich nichts Mannichfaltigeres und Wandelbareres denken als diese griechischen Mythen, daher sich etwas allgemein Gültiges auch weder von ihrer Form noch von ihrem Inhalte sagen läßt. Von ihrer Form nur etwa dieses, daß sie unter allen Abwandlungen doch immer eine bildliche bleibt, mag sie nun als Mythus oder als Sage, als Märchen oder als Legende oder unter welcher Gestalt sonst auftreten: von ihrem Inhalte, daß sich in ihnen die verschiedensten Elemente, thatsächliche und ideale, und zwar unter den verschiedensten Bedingungen und Anregungen immer von neuem mischen und gestalten. Eben deshalb ist nichts verkehrter als in der Mythologie überall nur einen und denselben Inhalt zu suchen, sei es ein physischer oder ein ethischer oder ein historischer.

Fußnote

1 Μῦϑοι[1] sind eigentlich Reden, Erzählungen, von μυϑέομαι, wie fabulae von fari und unsre Mären und Sagen, speciell die religiösen und poetischen Ueberlieferungen von der Vorzeit der Götter, Helden und Wunder, welche ohne Anspruch auf historische oder philosophische Wahrheit zu machen, den Kern der Ueberzeugungen und Thatsachen des ältesten nationalen Lebens der Griechen in bildlicher Form überlieferten und von den Dichtern , Künstlern, Historikern und Philosophen meist sehr frei behandelt wurden. Μυϑολογία ist der Inbegriff dieser Erzählungen, bald mit besondrer Rücksicht auf ihre bildliche und poetische Bedeutung bald mit der auf ihr hohes Alterthum, daher μυϑολογία bisweilen wie ἀρχαιολογία gebraucht wird und οἱ μῦϑοι wie τὰ ἀρχαῖα. Die Aufgabe der Mythologie umschreibt im Allgemeinen Strabo 10, 474 πᾶς ο περὶ τῶν ϑεῶν λόγος ἀρχαίας ἐξετάζει δόξας καὶ μύϑους, αἰνιττομένων τῶν παλαιῶν ἃς εἶχον ἐννοίας φυσικὰς περὶ τῶν πραγμάτων καὶ προστιϑέντων ἀεὶ τοῖς λόγοις τὸν μῦϑον.

2. Die drei Abschnitte.

Inhaltsverzeichnis

Die Eintheilung des reichen Stoffs in die drei Abschnitte der Theogonie[2], der Götter- und der Heroensage wird sich von selbst rechtfertigen. Doch ist es nöthig über das Verhältniß der einzelnen Glieder dieser Eintheilung zu einander Einiges hinzuzusetzen.

Der Abschnitt von den Göttern ist nicht allein an Umfang, sondern auch an Bedeutung bei weitem der wichtigste. Es handelt sich darin vornehmlich von den Cultusgöttern, gleichsam den Wurzelbegriffen der griechischen Mythologie, aus welchen sich alle übrigen Bilder und Sagen entwickelt haben und von denen namentlich die theogonischen Dichtungen und die von den Heroen als spätere Sprossen angesehen werden müssen. Als die eigentlichen Nationalgötter des griechischen Volkes haben sie die ganze Geschichte dieses Volkes in allen ihren äußern und geistigen Bewegungen mit durchgemacht und sind nicht allein die ehrwürdigsten Monumente dieser Geschichte, sondern auch die merkwürdigsten Merkmale von derselben, indem sich alle bedeutenderen Thätigkeiten und Erfahrungen des griechischen Volkes in diesen Götterdiensten wiederspiegeln und ihre Eindrücke in ihnen zurückgelassen haben, namentlich die jener ältesten Zeit, wo die Mythologie noch selbst im Flusse war und darum alle Eindrücke um so leichter aufnahm. Unter einander verglichen sind diese Götter von sehr verschiedener Macht und Bedeutung, je nachdem sie entweder ein Hauptgebiet oder ein untergeordnetes Gebiet des Naturlebens und des menschlichen Lebens betreffen. Im Ganzen aber lassen sie sich am natürlichsten eintheilen nach den drei großen Einheiten der Natur, Himmel Wasser und Erde, denen die drei Kronidenbrüder Zeus Poseidon und Pluton als eben so viele Herrscher entsprechen, jeder von vielen andern Göttern umgeben, die zu ihm entweder in dem Verhältnisse der Verwandtschaft oder in dem der dienenden Umgebung gedacht werden. Die Götter des Himmels sind wie in allen Naturreligionen die herrschenden und obersten, auch die zahlreichsten, durch Mythologie und Cultus am meisten verherrlichten, weil der Himmel von jeher und bei allen Völkern der Sitz und Ursprung alles Höchsten und Heiligsten gewesen ist. Zeus Athena und Apollon bilden gleichsam einen engeren Ausschuß aus dieser höchsten himmlischen Götterwelt, Zeus als Herrscher und Vater aller Götter und Menschen, Athena und Apollon als seine Lieblingstochter und sein Lieblingssohn: neben ihnen die übrigen olympischen Götter in sehr verschiedenen Thätigkeiten und Rechten, auch sie wieder von vielen untergeordneten Göttern und secundären Mächten des Naturlebens und der sittlichen Weltordnung umgeben. Ein anderes und eigenes Gebiet ist dann zweitens das alles fließenden und strömenden Wassers, besonders des Meeres, in welchem Poseidon waltet, auch er von vielen dienenden und secundären Göttern der Meeresfluth, der Flüsse, der Wellen umgeben, welche die Wirkungen und Erscheinungen des flüssigen Elementes unter sehr verschiedenen Bildern darstellen. Endlich die Erde, welche zugleich als tiefe Erde die Unterwelt ist, die eigentliche Herrschaft des Pluton, und als fruchtbare Ursache und Mutter aller vegetativen Schöpfungen in Wäldern und Gebirgen, auf den Aeckern und Fluren das Gebiet der Demeter und des Dionysos.

Die Theogonie verhält sich zu diesem centralen Abschnitte von den Cultusgöttern wie eine ideale Vorgeschichte, wobei man sich vor dem Irrthum hüten muß als ob die theogonischen Götter, weil sie ältere heißen und zu sein scheinen, wirklich ältere gewesen wären, also einem früheren Glauben angehört hätten. Es ist dieses so wenig der Fall, daß sich ihre spätere Entstehung aus abgesonderten Cultusnamen der nationalen Götter in verschiedenen Fällen wirklich nachweisen läßt, und im Allgemeinen muß sie von selbst einleuchten, sobald man das wahre Princip der theogonischen Dichtung überhaupt richtig ergriffen hat. Dasselbe beruht nehmlich auf dem dichterischen Bestreben diese schöne und sinnige Ordnung der Welt, wie sie jetzt besteht und vom Zeus und den übrigen Göttern regiert wird, auf mythologische Weise zu rechtfertigen, d. h. von früheren Vorgängen der Götterwelt abzuleiten: wobei man die ausserordentlichen Naturrevolutionen, von denen man in Griechenland und den benachbarten Ländern die deutlichsten Spuren sah oder durch Nachklänge der Sage wußte, als Bilder von Götterkämpfen aufnahm, aus denen Zeus erst als Sieger hervorgegangen sein mußte um das Scepter der Welt zu übernehmen und jene schöne Ordnung zu begründen. Dazu kam der natürliche Trieb sich die Anfänge der Dinge und den Ursprung der menschlichen Cultur zu denken, wie sich aus jenen die Welt in einer Stufenfolge von göttlichen Generationen bei wechselnder Herrschaft immer höher erhoben und wie der Mensch durch seine Cultur zwar die Naturkräfte beherrschen gelernt, aber dadurch mit der Gottheit wie in einen Zwiespalt gerathen sei.

Bei weitem am meisten entwickelt und ins Einzelne ausgebildet ist endlich der dritte Abschnitt, die Heroensage, besonders wenn man die außerordentliche Anzahl von örtlichen Ueberlieferungen, epischen Liedern und ganzen Epopöen sammt allen späteren poetischen Gattungen und bildlichen Darstellungen bedenkt, welche zu dieser Entwicklung theils beigetragen theils sich selbst mit und an derselben immer weiter ausgebreitet haben. Dieser Abschnitt hat dadurch den Schein einer gewissen Selbständigkeit bekommen, wie dieses schon der bloße Ausdruck Sage andeutet, welche man von dem Mythus dadurch zu unterscheiden pflegt daß man bei ihr einen mehr faktischen und historischen Inhalt voraussetzt, während der Mythus ganz oder überwiegend ideeller Natur sei. Und allerdings ist die Heldensage der Abschnitt der Mythologie, wo das wirkliche Leben der Nation und dessen früheste Geschichte am unmittelbarsten an den Tag tritt, in aller seiner Eigenthümlichkeit und mit dem ganzen natürlichen Gerüste seiner landschaftlichen Wohnsitze, seiner Stämme und edlen Geschlechter, seiner ältesten Wanderungen und Kriege. Wenn wir aber auf die religiösen und mythologischen Anfänge dieser Sagenbildung zurückgehen, so werden wir doch auch wieder auf dieselben Götter und Naturmächte zurückgeführt, von welchen jener centrale Abschnitt der Cultusgötter handelt, so daß also auch diese Welt der Helden nur für einen eignen und besonders reich entwickelten Sproß des alten nationalen Götter- und Naturglaubens gelten kann. Kurz diese Vorzeit der Heroen ist keine historische und reale, sondern auch sie ist eine ganz oder überwiegend ideale, nur daß sie mehr als alle andere Mythologie mit historischen und realen Verhältnissen durchwachsen und gleichsam staffirt ist. Es sind dieselben Götter und Naturkräfte, welche der alte Volksglaube und die älteste Naturdichtung verherrlichte, aber sie sind aus dem übersinnlichen Dasein ihrer göttlichen Verehrung und einer bildlichen Bedeutung auf den wirklichen Boden des irdischen und menschlichen Daseins hinübergetreten, vermittelst einer kühnen Vermischung der idealen Welt des Glaubens mit der nationalen Geschichte und der wirklichen Gegenwart, wie sie sich in den epischen Dichtungen aller Völker wiederholt, die es zu einer eigentlichen Heldensage gebracht haben. In der griechischen ist auf diesem Wege das mittlere Geschlecht der Heroen entstanden, welche in der Sage gewöhnlich als menschliche Söhne und dienende Werkzeuge der Götter erscheinen z. B. Herakles des Zeus, Theseus des Poseidon, aber eigentlich diese menschgewordenen Götter selbst sind, welche nun als Helden und Führer ihres Volkes entweder das griechische Land und die griechische Natur von allen Ungethümen einer primitiven Wildniß befreien oder die nationalen Feinde bezwingen, auf kühnen Abenteuern vorangehen und neue Staaten begründen, vor allen übrigen auch hier wieder die Mächte des Lichtes und des Himmels. Und es ist, setzen wir hinzu, auf diesem Wege zugleich jene älteste Vorzeit und das ganze griechische Land, ja die ganze den Griechen bekannte Welt, besonders da wo ihre Grenzen ins Unbekannte verflossen, so völlig und gründlich idealisirt und poetisch gleichsam umgeschaffen worden, daß man auch in dieser Hinsicht immer mit dem verführerischen Scheine einer historischen Wirklichkeit zu kämpfen hat, wie denn nichts so sehr als diese sogenannte mythische Geographie und Geschichte sowohl die älteren als die neueren Forscher mit ihren phantastischen Trugbildern geneckt hat.

3. Die Zeit vor Homer und Hesiod.

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In dieser Periode müssen sich die meisten Mythen und Sagen gebildet haben. Und zwar wirkten einige Umstände mehr dahin dieselben immer mehr ins Polytheistische und unendlich Mannichfaltige auszubilden, andere diese Mannichfaltigkeit bis zu einem gewissen Grade wieder auszugleichen und auf bestimmte Gruppen und Systeme der Götter und gewisse vorherrschende Kreise der Sage zurückzuführen.

So ist gleich die Natur in Griechenland eine eben so eigenthümliche als zur Vielseitigkeit des nationalen Denkens und Lebens von selbst anleitende. Ueberall wölbt sich der Himmel mit einer gleich durchsichtigen Klarheit und Reinheit, aber indem die Gebirgsgegenden die wechselnden Zustände der Atmosphäre am meisten empfanden, Schnee Regen Stürme und alle Arten der Wolkenbildung, waren die tieferen Thäler und die Inseln um so mehr den Wirkungen der Sonne und im Sommer des Sonnenbrandes ausgesetzt, der die schnell gereifte Blüthe des Jahres eben so schnell wieder zerstört und dadurch auch die religiöse Empfindung zu entsprechenden Allegorieen stimmte. Dort strecken hohe Berge ihre Gipfel in den blauen Aether und erregten dadurch die Vorstellung thronender Götter, welche auf diesen Gipfeln Wolken sammeln und Blitze schleudern; hier dehnen sich weite Niederungen mit größeren Flußthälern, wo ein fruchtbarer Ackergrund mit seinen Saaten und Erndten alljährlich die Bilder des Lebens und des Todes erneuerte. Und dazu überall das Meer, das feste Land von allen Seiten umgürtend und gleichsam tragend, aber auch mit seiner Brandung gegen die Küste tobend und tief in die Buchten und unterirdischen Schluchten eindringend, während der weite Spiegel des hohen Meeres von allen Höhen sichtbar ist und in der Ferne mit dem Horizonte verschwimmt, das schönste Bild zugleich von einer unendlichen Ausdehnung und von einer letzten Begrenzung. Es ist kein anderes Land wo alle Arten und Formen des Naturlebens so dicht neben einander und in so vielgestalteter Mischung gegeben wären, und es leuchtet von selbst ein daß dieses sowohl für die Lebensweise und Cultur seiner Bewohner als für seine Eintheilung nach Landschaften und Stämmen die wichtigsten Folgen haben mußte. Jagd und Viehzucht im Gebirge, Weinbau und Ackerbau im Thale, Schifffahrt und Fischfang an den Küsten und auf den Inseln, jede Thätigkeit mit ihren eigenthümlichen Folgen und Bildern für den religiösen Glauben und für die Sagenbildung. Und in diesen vielverzweigten und nach bestimmten Naturbedingungen immer von neuem gespaltenen und eng begrenzten Landschaften welche Menge verschiedener Stämme, jeder mit seinen besonderen Eigenthümlichkeiten der Anschauung, der Gemüthsbildung, der Erinnerung.

Dazu kamen zweitens viele und frühe Berührungen mit dem Auslande, welche man häufig in Abrede gestellt hat, die aber von der Sage selbst und in den ältesten uns bekannten Gedichten so bestimmt angedeutet werden und sich überdies, wenn man die ganze Natur und Lage des griechischen Landes ins Auge faßt, so von selbst verstehen, daß länger kein Zweifel daran sein sollte. Ueberall mußte das Meer, mußten die vielen Inseln die Völker, welche vor den Griechen in diesen Gewässern die herrschenden waren, an die griechischen Küsten führen, und da diese Völker den Griechen damals an Bildung und Unternehmungsgeist überlegen waren, so werden sie sich nicht allein unter ihnen niedergelassen, sondern auch mit ihrem Handel und mit ihren Waaren die Elemente ihrer Bildung und ihres Götterdienstes ihnen mitgetheilt haben. Vorzüglich ist dabei auf die Volksstämme zu achten, welche wir in dieser Zeit über die Inseln und Küsten sowohl von Griechenland als von Kleinasien, ja theilweise bis hinüber nach Italien und Sicilien ausgebreitet finden, die Leleger[3] und Karer, die Tyrrhener und unter welchen Namen sie sonst auftreten. Es leidet keinen Zweifel daß diese Völker zugleich mit den Culturstaaten des Orients in lebhaftem Verkehre standen und viele Bildungselemente von ihnen angenommen hatten, namentlich mit den Phöniciern und den ihnen verwandten canaanitischen Stämmen, welche durch ihren Betrieb zur See an alle Küsten und Inseln des Mittelmeeres geführt wurden und sich mit jenen Stämmen häufig zu gemeinschaftlichen Unternehmungen vereinigten. Dazu kommt daß in manchen Gegenden von Griechenland und gewöhnlich gerade dort, wo die Cultur und die Sage am frühesten thätig ist, an den Küsten des Peloponnes, unter den Inseln vorzüglich auf Kreta, in den nördlicheren Theilen in Theben, so manche eigentümliche Sagen und wahrscheinlich ausländische Culte auftauchen; man achte besonders auf den Cult der Aphrodite und auf die orientalischen Elemente der Heraklessage. Nur erscheinen alle diese Niederlassungen in der späteren Zeit so ganz wie weggewaschen von der Strömung des wahren hellenischen Volksthums, alle Elemente der ausländischen Gottesdienste und Sagenbildung so ganz in den griechischen Volksgeist aufgelöst und durch denselben umgebildet, daß diese Einwirkungen jedenfalls nur periodisch vorübergehende gewesen sein können. Gleichsam die ersten Anregungen welche die griechische Nation, so lange sie noch mehr in der Passivität verharrte, von außen her empfangen hat, wie jedes Volk und jedes Individuum, so begabt und eigentümlich wir es uns denken mögen, doch solchen Einwirkungen ausgesetzt bleibt, ja ohne dieselben sich niemals nach seiner Eigenthümlichkeit wird entwickeln können.

Endlich die vielen Kriege und Wanderungen und Ansiedelungen übers Meer, wie sich diese gleichfalls in der Sage deutlich ausdrücken und großentheils auch schon durch die Geschichte bekannt sind. Denn auf jene Zeiten der Passivität, in denen die Griechen als ackerbauende oder waldbewohnende Pelasger und in patriarchalischen Zuständen erscheinen, folgte eine Periode der Erregung, welche zunächst von den kräftigeren und von dem Auslande weniger berührten Gebirgsstämmen des Nordens ausging, sich aber allmälig der ganzen Nation von einer Landschaft zur andern mittheilte, endlich über die Grenzen und Küsten des griechischen Mutterlandes hinausgriff, so daß zuletzt dieser ganze Complex von Ländern dadurch vollkommen umgestaltet wurde: wie in späteren Zeiten der europäische Norden durch gleichartige Bewegungen und Wanderungen mehr als einmal erneuert wurde. Die Folge dieser Bewegungen war aber nicht blos eine Unterwerfung der früheren Bewohner durch die Eroberer, sondern auch eine Mischung der verschiedenen Bildungsstufen und Bildungselemente, welche Mischungen von der geschichtlichen Ueberlieferung zwar weniger als jene Eroberungen hervorgehoben werden, in culturgeschichtlicher Hinsicht aber noch wichtiger als diese sind. So sind damals namentlich auch die Culte und Sagen der verschiedenen Völker und Stämme gründlich durch einander geschüttet und auf neue Formen und Bedingungen der Natur und noch mehr der ethischen Lebensauffassung übertragen worden. Z. B. die Phönicier verschwanden nun allmälig aus den griechischen Gewässern und die Karer und Leleger in den Küstenländern und auf den Inseln wurden bis hinüber nach Asien von den Griechen unterworfen, aber es blieb die Aphrodite auf Kythera, auf Akrokorinth, in Theben und in anderen Gegenden, es blieben die Dioskuren und andere Culte, deren Ursprung wahrscheinlich lelegisch ist, und es spannen sich ihre mythologischen Kreise unter den neuen Stämmen und Staaten weiter fort, in eigenthümlicher Umbildung der darin gegebenen religiösen und symbolischen Motive, die nun meistens einseitig in ethischer und praktischer Bedeutung aufgefaßt wurden. Auch die alten pelasgischen Naturgötter der centralen Landschaften wurden weniger unterdrückt als im Sinne des hellenischen Volksthums umgebildet, indem sie in der Gestalt von ethisch bedeutenden Göttern oder in der von Heroen wieder auftauchten. Die allgemeine Folge aber von allen diesen Bewegungen mußte diese sein, daß sowohl das System der griechischen Götter als das der heroischen Sagen immer verwickelter wurde.

Wirkten also diese und andere Umstände dahin der griechischen Mythologie immer mehr den Character der Mannichfaltigkeit zu verleihen, so daß der Sinn zuletzt in der Fülle des mythischen Stoffes zu ersticken drohte, so fehlte es andererseits nicht an solchen Umständen, Thätigkeiten und Mittelpunkten der Sagenbildung, welche diesem Triebe entgegenwirkten, die wuchernde Menge von Bildern und bildlichen Gestalten schlichteten und unter einander ausglichen und bei aller Differenz der localen Culte und Sagen doch immer wieder eine nationale Einheit behaupteten oder wiederherstellten.

Namentlich waren solche Mittelpunkte der Sagenbildung die größeren Staaten, im Peloponnes besonders der von Argos, welcher damals über einen großen Theil der Halbinsel dominirte und zugleich weitreichende Verbindungen zur See hatte, unter den alten mythischen Dynastieen der Persiden zu Tirynth, der Pelopiden zu Mycen, welche durch höchst alterthümliche Baudenkmäler an Ort und Stelle noch jetzt von sich zeugen. Ferner das alte Theben und der Staat der Kadmeionen in Boeotien, von dessen streitbarer Macht und großer Herrlichkeit die Thebais sammt vielen anderen Sagen Zeugniß ablegt. Desgleichen die weit verbreiteten Minyer mit den alten Mittelpunkten ihrer Macht, Orchomenos in Boeotien und Jolkos am pagasetischen Meerbusen, wo die Argonauten ihre Fahrt beginnen, das nicht weniger weit verzweigte Geschlecht der Aeaciden, an die sich die ältesten Erinnerungen des Hellenenstammes knüpften, unter den Inseln das Minoische Kreta, ein alter Mittelpunkt der lelegischen und karischen Bevölkerung, in Asien das trojanische Reich, welches in einem ziemlich weiten Umfange über die benachbarten Völker und Landschaften in Asien und Europa geherrscht zu haben scheint. Lauter alte Mittelpunkte des Götterdienstes und der heroischen Sage, welche das Andenken dieser Staaten und Völker allerdings durch viele mythische Ueberlieferungen entstellt haben, von denen man aber dennoch behaupten darf daß sie in jener frühen Zeit, wo sich die meisten Sagen gebildet haben, durch Macht, Bildung und Reichthum vor allen übrigen hervorragten, so daß sie auch für die Sagenbildung der minder bedeutenden Landschaften und Staaten gewisse centrale Beziehungen und maßgebende Bedingungen aufgestellt haben werden.

Noch wichtiger sind in dieser Hinsicht die heiligen Stätten von allgemeiner nationaler Bedeutung, in der älteren Zeit besonders Dodona und der Olympos mit den umliegenden Bergen und Thälern, beide in den nördlicheren Gegenden Griechenlands, weil die hellenische Bevölkerung damals noch meist in diesen Gegenden ihre Stammsitze hatte. Sowohl Dodona als der Olympos sind in der Geschichte des Zeuscultus und weil dieser die centralisirende Mitte der gesammten griechischen Götterwelt ist, auch in der des olympischen Göttersystems mit allen sich anschließenden Sagen von der größten Bedeutung, vorzüglich der Olympos, wo sich einer alten Cultusstätte dieser Götter ein eben so alter Dienst der Musen anschloß, in welchem sich die mythischen Gesänge und Traditionen z. B. von der Titanomachie, von den Zeugungen der Götter, von den Ehen und Kindern des Zeus, von dem olympischen Götterstaate längere Zeit in bestimmten Sängerschulen fortgepflanzt zu haben scheinen, bis sie sich von dort weiter verbreiteten. Weiter sind in dem Apollinischen Dienste Delos und Delphi, in dem der Athena Athen, in dem der Demeter Eleusis, in dem peloponnesischen Zeusdienste das arkadische Lykaeon und Olympia, für die Inseln und für Asien das idaeische Gebirge von Kreta und das von Troja solche alte Mittelpunkte gewesen, in denen bestimmte Systeme der Götterwelt mit den entsprechenden Legenden und Gebräuchen zuerst selbständig ausgebildet, dann über einen weiten Kreis von Amphiktyonen oder in Filialculten ausgebreitet wurden. Nachmals ist Athen, weniger durch das Alterthum seiner Sagen als durch die sinnige Einsicht womit seine Götterdienste und Feste geordnet waren und begangen wurden, wie durch die außerordentliche Kunst mit welcher man die Tempel und den Gottesdienst ausstattete, auch als Mittelpunkt aller feineren Bildung und Humanität, in einem sehr weiten Kreise in gleichem Sinne vermittelnd und vorbildend thätig gewesen.

Am allerkräftigsten aber hat in dieser Hinsicht gewiß die mythologische Dichtung selbst gewirkt, die wir uns in dieser Periode eben so productiv als im höchsten Grade beweglich und wandernd denken müssen, als eine ununterbrochene Fülle von Liedern und Sagen, welche aus localen Anlässen wie aus eben so vielen Quellen immer von neuem aufsprudelten, aber durch Gesang und Volkssage alsbald von Ort zu Ort getragen wurden, so daß sie immer ein Gemeingut der ganzen Nation blieben. Es lassen sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit folgende Klassen von Dichtungen und Sagen unterscheiden, deren verschiedene Wirkung sich auch in der Mythologie ziemlich deutlich darstellt: 1) Die hieratische Poesie und Mythenbildung der Hymnen und Legenden, welche am meisten an bestimmte örtliche Beziehungen geknüpft und eben deshalb gewöhnlich das Eigenthum der Localculte blieb, wie noch Pausanias solche Legenden sehr alterthümlichen Klanges in vielen Gegenden von Griechenland antraf. Indessen ist wenigstens der Hymnengesang solcher heiligen Stätten, wie sie vorhin beschrieben wurden, sehr bald auch in weiteren Kreisen wirksam geworden, zumal da auch er ein Eigenthum der epischen Kunstpoesie wurde, wie sie die Sänger von Ort zu Ort an den Festen der Götter zu üben pflegten. Als Beispiele einer solchen Ueberarbeitung können die sogenannten Hymnen Homers dienen, während wir leider eine derartige Sammlung gottesdienstlicher Gesänge, wie die indische Litteratur sie an den Vedas besitzt, uns kaum unter den Griechen selbst möglich denken können. 2) Das Volkslied in seiner lyrischen Gestalt, wie es bei allen volkstümlichen Anlässen des Lebens, in Lust und Schmerz oder bei der Arbeit gesungen wurde, meistens in schwermüthiger Weise und von gleichartigem Inhalt, wie sich davon ein Grundzug durch die ganze griechische Mythologie und Lebensanschauung hindurchzieht. Eine wie weite Verbreitung solche Weisen, die immer von einem bestimmten mythologischen Inhalte begleitet waren, schon in der frühesten Zeit fanden, beweist u. A. das Linoslied. 3) Das Volkslied und die Volkssage im engeren Sinne des Wortes d. h. das epische Volkslied, wie es vorzüglich in kriegerisch bewegten Zeiten entsteht und in der männlichen Gestalt des Kriegsliedes und der Heldensage unter den Edlen und Wehrhaften von Mund zu Mund geht. Eine solche poetische Bewegung werden wir uns in Griechenland besonders in den Zeiten zu denken haben, wo jene Kriege und Wanderungen, von denen die Rede gewesen, die ganze Nation lange in Athem hielten und die damals noch vorherrschenden Könige und Edlen ihrem Volke bei vielen kühnen Unternehmungen zu Lande und zur See vorangingen. Da tönte das Lied, wie es in allen ähnlichen Zeiten gesungen ist, von kühnen Helden und von schönen Frauen, von großen Thaten und gefährlichen Abenteuern, von Frauenhuld, Frauenraub und blutiger Rache, daher auch das griechische Epos von solchem Inhalte ganz erfüllt ist. Und die Aoeden trugen solche Lieder von Ort zu Ort, von einem Hofe der Anakten und von einem Feste zum andern, und es ward ihnen große Gunst und große Ehre, wodurch sich ihre Kunst immer mehr vervollkommnete, so daß sich zuletzt ein eigner Stand und eine eigne Kunstübung der Aoeden bildete, wie uns auch dieses alles in der Ilias und Odyssee und durch die an diese Gedichte sich anschließende Tradition in deutlichen und characteristischen Bildern vorgestellt wird. Als den allgemeinen Stoff aber, in welchem sich diese Lieder und Gesänge bewegten, pflegen sie selbst zu nennen die κλέα ἀνδρῶν d. h. die Sagen der Vorzeit, welche sich bald nach bestimmten Kreisen gliederten, nach dem des Herakles, des Theseus und Meleager, der Argonauten, des thebanischen Kriegs, endlich des neuesten und beliebtesten von dem trojanischen Kriege. Die alte Götterwelt und die alte Göttersage mit ihren einfachen Grundzügen der sinnbildlichen Naturdichtung und dem erhabenen Ernste ihres Liedes von der Weltbildung und den Weltkämpfen der Götter erscheint neben diesen kriegerischen Sagen schon fast wie eine die sich überlebt hat und im Begriffe ist sich ganz zu verweltlichen. Namentlich ist es von Homer oft genug hervorgehoben daß er von den Göttern zwar viel und mit großer Anmuth erzählt, aber selten mit religiösem Ernste, gewöhnlich mit einer naiven Schalkhaftigkeit, wie sie sich von selbst einstellen mußte sobald der Sinn für jene alte Naturdichtung verschwand, in welcher namentlich die Liebeshändel und die Kämpfe der Götter und sonst alle die paradoxen Bilder der Göttergeschichte, wenn sie sie bereits kannte, ohne Zweifel eine andere Bedeutung gehabt hatten.

4. Homer und Hesiod.

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Wenn also Herodot behauptet daß Homer und Hesiod etwa vierhundert Jahre vor seiner eignen Generation den Griechen ihre ganze Götterlehre gedichtet hätten2 und daß es vor ihnen nur pelasgische und aegyptische Götternamen und wenige ganz unbestimmte Anschauungen und Symbole gegeben habe, so erhellt aus dem Vorhergehenden von selbst daß diese Behauptung wesentlich einzuschränken ist. Der Einfluß des Orients ist von Herodot jedenfalls übertrieben und hat überhaupt einer von jenen entlegneren Culturstaaten des Orients stattgefunden, so ist derselbe weit eher bei den Phöniciern und den ihnen theils verwandten theils von ihren Bildungselementen ergriffenen Völkern und Staaten Kleinasiens und Kretas zu suchen als in Aegypten. Und was Homer und Hesiod betrifft so hat ohne Zweifel zur Ausbildung und Verbreitung der polytheistischen Bilder und Formen das griechische Epos außerordentlich viel beigetragen. Aber unmöglich können diese beiden Dichter allein das bewirkt haben, da die ihnen zugeschriebenen Gedichte doch nur die ältesten Monumente der griechischen Litteratur waren, keineswegs die ältesten Gedichte schlechthin, so daß jene beiden überall nur für die älteste Quelle der Mythologie gelten können, gleichsam für die Depositäre der epischen Tradition ältester Zeit, keineswegs für die Urheber derselben. Aber selbst von dem Epos würde es zu viel gesagt sein, wenn wir ihm die Entstehung der ganzen Mythologie zuschreiben wollten. Viele alte Bilder und Symbole müssen längst vorhanden gewesen sein und die epische Dichtung als solche wird überhaupt auf die ältere Tradition der Hymnen, der Volkssagen, der Volkslieder gestützt weit mehr in dem Sinne förderlich gewesen sein, daß bestimmte Namen und Systeme der Götter, bestimmte Genealogieen, bestimmte Kreise der Heldensage vor allen übrigen Anerkennung erlangten, als daß sie alle diese religiösen und bildlichen Vorstellungen neu erfunden hätte. Von Homer und Hesiod ist überdies zu beachten daß sie zwei Collectivnamen sind, nicht allein für das was die Griechen für das Aelteste in ihrer epischen Litteratur hielten, sondern auch für zwei verschiedene Gattungen der epischen Poesie und der mythologischen Tradition, wie sich diese ohne Zweifel längere Zeit vor ihnen festgestellt hatten. Das Homerische Epos ist mehr das weltliche und ritterliche, wie es sich in den Kreisen der Aoeden und an den Höfen der Anakten ausgebildet hatte, das Hesiodische mehr religiöser und didaktischer Art, wie es sich in dem Musendienste am Helikon und an ähnlichen Stätten entwickelt hatte. Und auch die Form der epischen Tradition ist bei beiden Dichtern eine verschiedene, wie dieses gleichfalls in der Mythologie und für alle folgende mythologische Dichtung viele wichtige Folgen gehabt hat. Bei Homer finden wir die kunstvollere des epischen Volksliedes, wo die Sage sich nach gewissen Abschnitten des mythologischen Vorgangs abtheilt und gliedert, wodurch nicht allein die Einheit der Handlung, sondern auch die dramatische Lebendigkeit der Erzählung sehr gefördert wird, so daß seine Gedichte eine Schule aller besseren epischen und dramatischen Dichtung geworden sind. Bei Hesiod dagegen ist, wenigstens in den mythologischen Gedichten (Theogonie und Eoeen) die genealogische Verknüpfung der fortlaufende Faden an welchem sich das Ganze abspinnt, so daß wir in ihm das Vorbild aller gleichartigen mythologischen Dichtungen erkennen können. Denn in beiden Gattungen ist bekanntlich nachmals lange und von vielen Dichtern fortgedichtet worden, in der Homerischen von Stasinos, Arktinos, Lesches u. A., welche den Trojanischen Sagenkreis in allen seinen einzelnen Abschnitten, wie sie vor zwischen und nach der Ilias und Odyssee lagen, mit Benutzung älterer Lieder und Sagen vollständig ausgedichtet haben, dazu aber auch den thebanischen Sagenkreis und den des Herakles und selbst den der Theogonie bearbeiteten, so daß zuletzt die ganze Sagengeschichte daraus in einem fortlaufenden Ganzen zusammengesetzt werden konnte. Und in der Hesiodischen Manier sind auf gleiche Weise Asios, Eumelos und andere Dichter thätig gewesen, so daß am Ausgange dieser epischen Periode der mythologische Stoff durch die vereinte Thätigkeit so vieler Dichter schon ziemlich vollständig aus den örtlichen Quellen der Volkssage gesammelt und nach poetischen Motiven überarbeitet vorgelegen haben muß.

Fußnote

2 2, 53 οὗτοι δέ εἰσι οἱ ποιήσαντες ϑεογονίην Ἕλλησι καὶ τοῖσι ϑεοῖσι τὰς ἐπωνυμίας δόντες καὶ τιμάς τε καὶ τέχνας διελόντες καὶ εἴδεα αὐτῶν σημήναντες.

5. Die übrige Poesie und die bildende Kunst.

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Auf diese Weise war der Mythus zu dem geworden was die Alten gewöhnlich darunter verstehn: für die Nation eine ideale Geschichte ihrer Vorzeit, welche von den Anfängen der Dinge bis zu der Rückkehr der Herakliden als ununterbrochenes Ganze fortlief, für die Dichter und Künstler der edelste Stoff für alle ihre Schöpfungen und Uebungen, so weit sie einen historischen Inhalt hatten. Unter den Dichtern ist dabei vorzüglich auf die Lyriker und Dramatiker zu achten3. Bei jenen war das vorherrschende Motiv das subjective Element der Empfindung und des reflectirenden Unheils, indem diese Dichter häufig die reiferen Vorstellungen ihrer Zeit mit den Bildern der älteren Tradition auszugleichen suchten, in welcher Beziehung Stesichoros Epoche machte, indem er einen beträchtlichen Theil der Heldensage in chorischen Compositionen zu großen lebensvollen Bildern überarbeitet hatte. Für uns sind die Epinikien Pindars[4] die wichtigste Quelle dieser lyrischen Mythologie, von besonderem Interesse auch deshalb, weil man nirgends so deutlich wie aus diesen Gedichten sieht wie eng alle diese Sagen und Bilder mit dem wirklichen Nationalleben der Griechen verflochten, wie tief sie in alle Verhältnisse eingedrungen, wie gegenwärtig sie allen Kreisen und Ständen waren. Was das Drama betrifft so war dieses ja aus dem bacchischen Cultus hervorgegangen, daher es sich zunächst in diesem Sagenkreise bewegte. Aber sehr bald hat sich doch auch diese Gattung über die ganze Breite der mythischen Tradition ausgedehnt, so daß der gesammte Sagenvorrath, wie ihn das Epos oder die immer noch fortfließende Quelle der örtlichen Sage überlieferte, nun auch von diesen Dichtern aufs neue überarbeitet wurde. In religiöser und mythologischer Hinsicht der wichtigste ist unter ihnen Aeschylos, sowohl wegen seines tief frommen, noch ganz von der idealen Wahrheit der Mythen ergriffenen Gemüthes als wegen der trilogischen Composition seiner Stücke, mittelst welcher er größere mythologische Complexe in drei Tragödien und einem angehängten Satyrdrama in einer fortlaufenden dramatischen Darstellung zu umspannen pflegte. Dahingegen Sophokles sich besonders in die tragischen Momente der Heldensage des epischen Cyclus zu vertiefen und daraus die vollendetsten Lebens- und Characterbilder menschlicher Leidenschaft und menschlicher Hinfälligkeit zu schaffen liebte, während Euripides bei aller Größe seines außerordentlichen Talentes doch in mythologischer Hinsicht nicht mehr für eine reine Quelle gelten kann, da er die überlieferten Stoffe durch kühne Erfindungen und Deutungen im Geiste seiner Zeit nicht selten entstellt hat; in welcher Hinsicht ihm die späteren Dichter nur zu bereitwillig folgten. Neben den Tragikern haben sich dann auch die Komiker, besonders Epicharm und die Dichter der mittleren attischen Komödie, viel mit mythologischen Stoffen beschäftigt, meist in travestirender und parodirender Behandlung der dazu einladenden Götter- und Heldengeschichte, wie sich davon manche Spuren in der gewöhnlichen Tradition erhalten haben. Endlich müssen neben den Schöpfungen der Poesie auch alle Monumente der bildenden Kunst für eine außerordentlich wichtige Quelle des mythologischen Studiums gelten, sowohl wegen des außerordentlichen Reichthums der von ihnen überlieferten Bilderwelt als wegen der eigenthümlichen Bedingungen und Aufgaben, unter denen sie den Mythus auffaßten und ausdrückten. Was jenen betrifft so braucht man sich nur zu erinnern daß die Alten nicht allein ihre Tempel und öffentlichen Gebäude und zwar von außen und von innen mit Bildern und Gruppen aus der Götter- und Heroensage zu verzieren pflegten, sondern auch alle sonstigen Denkmäler des Cultus und der Geschichte, sammt den Gräbern und Sarkophagen, den Utensilien des täglichen Lebens, den Gemmen Münzen und Schmucksachen. Und diese Fülle von bildlichen Darstellungen der Mythologie ist vollends eine ganz überschwengliche geworden, seitdem mit den gemalten Vasen, wie sie sich in Italien und in anderen Gegenden so zahlreich gefunden haben und noch fortgesetzt finden, eine Klasse von Denkmälern aufgetaucht ist, deren Bilder hinsichtlich der mythologischen Thatsachen mannichfaltiger sind als alle übrigen und dabei über einen großen, ja den wichtigsten Zeitraum des antiken Kunst- und Religionslebens nach größtentheils rein griechischen Productionen einen Ueberblick gewähren. Das Verhältniß aber der bildlichen Kunstübung zum Mythus muß man sich nicht etwa so denken, als ob die Künstler wie unsere Kenntniß der Mythen lediglich oder hauptsächlich von den Dichtern abgehangen hätten. Vielmehr brachte ihre Stellung zu dem unmittelbaren Leben und seinen sehr verschiedenen Aufgaben, besonders zu dem örtlichen Cultus es von selbst mit sich daß ihnen die religiösen und mythologischen Traditionen auch aus manchen entlegneren Quellen zuflossen, und die sinnbildliche Natur ihrer Schöpfungen vergönnte ihnen so Manches auszudrücken, was sonst verloren gegangen wäre. Auch ist die poetische Ueberlieferung älterer Zeit so lückenhaft, daß jede Art von Ergänzung sehr willkommen ist, und wirklich verdanken wir namentlich den älteren Vasenbildern manchen Zug aus der griechischen Götterwelt und der epischen Sage, der sonst entweder ganz unbekannt geblieben wäre oder doch nicht in seiner vollen Bedeutung erfaßt werden könnte. Ueberall aber hing bei den Griechen das sinnliche und plastische Bild ihrer Götter und Heroen, wie es die alte Symbolik des Cultus gedacht, die epischen Dichter weiter ausgeführt, die Künstler der besten Zeit in idealen Gestalten fixirt hatten, mit ihrer mythischen Geschichte und deren religiöser Bedeutung so eng zusammen, daß eine Vervollständigung dieser Geschichte durch die entsprechenden Bilder der Kunstwelt in keiner Mythologie fehlen darf.

Fußnote

3 Die Fragmente der Lyriker sind citirt nach der Sammlung von Bergk, poetae lyrici gr. Lips. 1853 ed. 2, die der Tragiker nach der von Nauck, trag. gr. fragm. Lips. 1856, die übrigen Stellen der Dramatiker nach den Poet. Scen. Gr. ed. W. Dindorf, Lips. 1830.

6. Die übrige Litteratur.

Inhaltsverzeichnis

7. Das mythologische Studium neuerer Zeit.

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Auch in dem neueren Zeitalter der Bildung hat sich die griechische Mythologie als integrirender Bestandtheil des classischen Alterthums und wegen ihres vielseitigen und anziehenden Inhaltes so wie ihrer nahen Beziehung zur Kunst und Poesie immer einer fleißigen Pflege zu erfreuen gehabt. Italiener, Franzosen, Holländer, Engländer und Deutsche wetteiferten in der Sammlung und Erklärung dieser Mythen und Sagen, wobei sich alsbald sehr verschiedene Methoden geltend machten. So haben die Italiener die alten Fabeln entweder mit poetischem Behagen blos nacherzählt, oder sie setzten voraus daß in ihnen der Schatz einer halb verklungenen oder auch willkürlich verdunkelten Lehre der Vorwelt stecke, welcher durch allegorische Interpretation gehoben werden müsse (Io. Boccatius seit 1472, Lil. Greg. Gyraldus seit 1548, Natalis Comes seit 1568). Die niederländische Periode der Alterthumsforschung dagegen, wo sie sich nicht auf bloße Sammlungen des Stoffs beschränkte, pflegte der theologischen Ueberzeugung zu folgen daß das Heidenthum überhaupt und namentlich die Mythologie die mißverstandene und entstellte biblische Offenbarung sei (G. J. Vossius seit 1642, Ez. Spanheim), während die Franzosen lange Zeit die pragmatische Methode angewendet haben, entweder in der euhemeristischen Weise[5] (Banier) oder nach dem Grundsatze daß die Götter bestimmte Götterdienste und Culte bedeuten die sich unter einander befehden und verdrängen, die Mythologie überhaupt also eine Geschichte der alten Religionen sei, welche auf solche Weise aber nicht nach ihren innern Motiven, sondern nur nach ihrem äußerlichen Verhalten erwogen werden (Freret). Endlich in Deutschland behauptete sich, sobald das Studium der Mythologie allgemeineren Anklang fand, auf lange Zeit das Dogma von einer monotheistischen Urreligion, welches gewöhnlich in dieser Form auftritt. Einerseits denkt man sich ein sogenanntes Urvolk mit einer reineren Gotteserkenntniß, welche aber früh entstellt worden und unter dem großen Haufen der Völker durch die polytheistische Mythologie nur wie in den gebrochenen Strahlen einer bildlichen Ausdrucksweise fortgepflanzt sei, unter den Priestern und Eingeweihten dagegen vermittelst der Mysterien und auf anderen Wegen einer esoterischen Tradition als monotheistische und deistische Ueberzeugung überliefert wurde. Andrerseits pflegte man anzunehmen daß der Orient, bald Aegypten bald Indien bald andere Völker oder Priesterschaften, die ältesten Inhaber dieser primitiven Gotteserkenntniß gewesen seien: woraus sich von selbst sehr verschiedene Methoden der theologischen und philologischen Forschung ergeben (Plessing, Kanne, Görres u. A.). Außerdem fehlte es auch nicht an solchen Mythologen, welche einen bestimmten wissenschaftlichen Inhalt, besonders Astronomie (Dupuis, Court de Gebelin, Dornedden), aber auch Chemie (Jac. Toll, Schweigger) in den griechischen Mythen suchten und auf den kühnen Wegen der allegorischen Interpretation auch diesen Inhalt zu finden wußten.

Dann kam die Zeit der neueren Philologie und Alterthumsforschung, wo das classische Alterthum der selbständige Gegenstand eines eignen wissenschaftlichen Studiums wurde und nicht allein die Sprachen, sondern auch alle Lebenskreise und geistige Thätigkeiten der Alten einer neuen Prüfung und Forschung unterzogen wurden, deren Vortheile alsbald der Mythologie zu Gute kamen. Zuerst war es Heyne, der sich um sie verdient machte, in vielen einzelnen Arbeiten und Abhandlungen sammelnd und erklärend und in besonderen akademischen Vorträgen. Darauf Creuzer als Schüler Heyne's, aber auch als Anhänger jener Lehre von dem primitiven Monotheismus und der höheren Erkenntniß des Orients, welche durch symbolische Auslegung der Mythen wiedergewonnen werden müsse, mit Vorlesungen welche sich zu ihrer Zeit eines außerordentlichen Beifalls erfreuten, und mit dem berühmten Werke über Symbolik und Mythologie, dessen bleibendes Verdienst sowohl in der fleißigen Sammlung des Materials als in der geistreichen und lebendig bewegten Deutung besteht. Doch fehlte es auch nicht an Ueberschwenglichkeiten und Ungenauigkeiten, welche theils in dem Zeitgeiste theils in jenen falschen Voraussetzungen begründet waren und zunächst bei J. H. Voß einen scharfen Widerspruch fanden, dessen Verdienste um die kritische Behandlung der Mythologie weit größer sein würden, wenn nicht auch er sich mit der Zeit in manche unbegründete Voraussetzungen verwickelt hätte. Der Nachfolger von Voß auf dem Gebiete der Mythologie ist Chr. A. Lobeck, dessen Ausführung der von Voß begründeten Kritik an den wichtigsten Fragen zur Geschichte der Mysterien und der mystischen Theologie und Poesie5 der Sache ausserordentlich genützt hat. Ferner sind G. Hermann, Ph. Buttmann, C. A. Böttiger durch viele Untersuchungen und Abhandlungen für die Mythologie thätig gewesen, G. Hermann besonders durch etymologische und litterärische Studien, Buttmann durch wesentliche Verbesserung der mythologischen Methode, indem er sowohl den Voraussetzungen des Pragmatismus als denen der allegorischen Interpretation entgegen trat, in welcher Hinsicht er von dem Philosophen Solger durch anregende Vorlesungen und Abhandlungen unterstützt wurde, Böttiger indem er, obwohl dem Pragmatismus ergeben, zuerst das archäologische Studium mit dem der Mythologie in Verbindung setzte und auf diese Weise die sogenannte Kunstmythologie begründete. Eine neue Anregung und wesentliche Bereicherung erfolgte darauf durch K. O. Müller, welcher die Eigentümlichkeit des griechischen Geistes und der griechischen Nationalentwicklung besonders dem Orient gegenüber mit glücklichem Erfolge geltend machte und dabei überall auf den volkstümlichen Ursprung und Inhalt der griechischen Mythologie sowie auf das örtliche Gewebe der Götterculte zurückging, auch die gesammte Methode der mythologischen Forschung von neuem beleuchtete und begründete6 ; wobei indessen das Princip der Autochthonie und die Bedeutung der localen Eigentümlichkeiten nicht selten übertrieben und die geschichtlichen Momente im Allgemeinen mehr als die idealen hervorgehoben wurden. Neben ihm wirkte besonders F. G. Welcker, ausgezeichnet sowohl durch feines Natur- und Sprachgefühl als durch tiefe Kenntniß der griechischen Poesie und Kunst, deren mythologische Beziehungen und Bedeutungen noch von keinem Gelehrten mit gleich vielseitiger Bildung und gleichem Zartgefühl für alles Bildliche nach allen Richtungen hin erwogen und geltend gemacht sind. Ferner haben sich G. W. Nitzsch und C. F. Nägelsbach durch ihre Homerischen Studien, C. Göttling durch seine meist mit Hesiod beschäftigten Untersuchungen, G. F. Schoemann durch seine Arbeiten über Aeschylos und Hesiod, Konr. Schwenck durch seine etymologischen und mythologischen Forschungen, E. v. Lasaulx durch eigentümliche Auffassung des religiösen und sittlichen Lebens der Alten, P. F. Stuhr und F. Lauer durch ihre Bemühungen um das systematische Studium der griechischen Mythologie, K. F. Hermann und Schoemann durch ihre Lehrbücher der gottesdienstlichen Altertümer, andere Gelehrte durch andere Forschungen und Abhandlungen, Lehrbücher, Handbücher und Wörterbücher7, ein jeder nach seiner Weise um dieses Studium verdient gemacht.