Griechische Mythologie - Ludwig Preller - E-Book

Griechische Mythologie E-Book

Ludwig Preller

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Beschreibung

In "Griechische Mythologie" entfaltet Ludwig Preller ein facettenreiches und systematisches Panorama der antiken Götter- und Heldensagen, die das kulturelle und geistige Erbe Griechenlands prägen. Der nüchterne, zugleich poetische Stil Prellers ermöglicht es, die komplexen Zusammenhänge der Mythen verständlich und anschaulich zu machen. Mit einem analytischen Ansatz nähert sich der Autor den Quelltexten und bietet dem Leser nicht nur eine chronologische Erzählung, sondern auch tiefere Einblicke in die symbolische Bedeutung und die gesellschaftlichen Funktionen der Mythen innerhalb der griechischen Zivilisation. Prellers Werk ist nicht nur eine Sammlung von Erzählungen, sondern ein umfassendes Referenzwerk für das Verständnis antiker Mythologie im Kontext ihrer Zeit. Ludwig Preller, ein herausragender deutscher Philologe und Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts, widmete sein Leben der Erforschung der antiken Kulturen. Sein profundes Wissen über die griechische Sprache und Literatur, kombiniert mit einem leidenschaftlichen Interesse an Mythologie, führte ihn dazu, diese umfassende Analyse zu schreiben. Preller wollte nicht nur die Geschichten der Mythen bewahren, sondern sie auch als bedeutende kulturelle Identität der griechischen Antike und deren Einfluss auf die europäische Literatur hervorheben. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die ein tieferes Verständnis für die Komplexität der griechischen Mythologie entwickeln möchten. Ob für Studierende der Klassischen Philologie, Literaturinteressierte oder einfach Neugierige – Prellers präzise und zugleich lebendige Prosa wird Sie in die Welt der antiken Götter und Mythen entführen. Lassen Sie sich von den zeitlosen Geschichten berauschen und genießen Sie die Schönheit und Grausamkeit dieser faszinierenden Erzählungen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ludwig Preller

Griechische Mythologie

Bereicherte Ausgabe. Troja und der trojanische Krieg, Odysseus, Prometheussage, Tantalidensage, Heraklessage…
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547679776

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Griechische Mythologie
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen dichterischer Bildermacht und philologischer Strenge entfaltet sich in Ludwig Prellers Griechische Mythologie die Spannung eines Wissens, das die alten Erzählungen ordnet, ohne ihren Zauber zu ersticken, das Variationen registriert und zugleich nach Zusammenhängen sucht, das die Stimme der Quellen sorgfältig vernimmt und dennoch ein Gesamtbild wagt, wodurch der Leser lernt, Mythen als vielstimmige, historisch gewachsene Sinngebilde zu betrachten, in denen Götter, Heroen und Orte nicht nur Figuren des Erzählens, sondern auch Spiegel kollektiver Erfahrung sind, deren Bedeutungen sich mit jeder Überlieferungsschicht verschieben und die in der gelehrten Darstellung ihre Strukturen, Motive und Gegensätze freilegen.

Ludwig Prellers Werk ist ein groß angelegtes wissenschaftliches Handbuch zur Mythologie der Griechen, verfasst im Geist der klassischen Philologie und angelegt als systematische Darstellung der Götter- und Heroengeschichten. Der Schauplatz des Buches ist nicht eine einzelne Region oder Epoche, sondern die vielgestaltige Welt des antiken Mittelmeerraums, in der lokale Kulte, panhellenische Feste und literarische Traditionen ineinandergreifen. Entstanden ist das Werk Mitte des 19. Jahrhunderts, in einer Phase, in der die Altertumswissenschaft ihre Methoden schärfte und den Stoff antiker Überlieferungen in gründlichen, quellennahen, systematischen Kompendien für Forschung und gebildete Öffentlichkeit zusammenfasste.

Ausgangspunkt der Darstellung ist die geordnete Erschließung des Pantheons und der heroischen Überlieferung: Preller sammelt, wägt und ordnet Berichte aus Dichtung, Historiografie und antiquarischer Literatur, um aus der Fülle der Varianten ein nachvollziehbares Bild zu gewinnen. Die Stimme des Buches ist nüchtern, erklärend, bisweilen meditativer Ernst, getragen von präziser Terminologie und behutsamen Übergängen. Der Stil bleibt dicht, aber lesbar, weil Definitionen, Verweise und Zusammenfassungen Orientierung geben. Der Ton ist respektvoll gegenüber den Quellen und zugleich kritisch in der Bewertung von Widersprüchen; das Leseerlebnis gleicht einer geleiteten Annäherung, die Überblick und Differenzierung in Balance hält.

Zentrale Themen sind die Ordnung und die Vielfalt der Mythen zugleich: Genealogien strukturieren Beziehungen zwischen Göttern und Heroen, doch jede Überlieferung bewahrt lokale Färbungen und rituelle Bindungen. Das Werk zeigt, wie Erzählmotive wandern, sich neu justieren und an Festkalender, Kultorte und politische Konstellationen zurückgebunden bleiben. Ebenso tritt die Spannung zwischen poetischer Gestaltung und religiöser Praxis hervor, zwischen bildkräftigen Narrativen und den Formen des kultischen Handelns. Indem die Darstellung Varianten dokumentiert, macht sie sichtbar, dass mythisches Wissen kein geschlossenes System bildet, sondern ein dynamisches Feld, in dem Deutung, Konkurrenz und Erinnerung zusammenwirken.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es den Blick für die komplexe Gemachtheit kultureller Erzählungen schärft. Es zeigt, wie kollektive Identitäten sich in Geschichten aushandeln, wie Motive über Zeiten hinweg weiterleben und zugleich ihre Bedeutungen verändern. Wer sich mit Literatur, Kunst, Politik oder Medien beschäftigt, erkennt Muster von Heroisierung, Gründung, Schuld und Versöhnung, die bis in die Gegenwart wirken. Zugleich lehrt die quellennah angelegte Darstellung einen kritischen Umgang mit Tradition: Varianten sind keine Fehler, sondern Spuren unterschiedlicher Stimmen, Orte und Interessen, die einander ergänzen, widersprechen oder neu interpretieren.

Wer Prellers Darstellung heute liest, begegnet den sprachlichen und methodischen Voraussetzungen des 19. Jahrhunderts, doch gerade diese historische Perspektive macht das Werk lehrreich. Die Systematisierung legt offen, welche Fragen Gelehrte an Mythen richteten: Herkunft, Funktion, Verbreitung, Verhältnis von Dichtung und Kult. Damit wird die Lektüre zu einer doppelten Übung: Sie vermittelt Stoffkenntnis und zeigt zugleich, wie wissenschaftliche Ordnungsmuster Wahrnehmung formen. Das Buch lässt sich produktiv neben neueren Forschungen lesen, die archäologische, anthropologische oder religionsgeschichtliche Zugänge vertiefen; seine klare Gliederung und Quellennähe bleiben ein tragfähiges Fundament. Gleichzeitig sensibilisiert es für Grenzen scheinbar geschlossener Systeme.

Diese Einleitung versteht Prellers Griechische Mythologie als Einladung, in ein weit verzweigtes Archiv antiker Bedeutungen einzutreten und sich von seiner geduldigen, sorgfältigen Ordnung führen zu lassen. Das Buch verspricht keine schnelle Erklärung, sondern eine Schule des genauen Sehens und Vergleichens, in der das Einzelne seinen Ort im Gefüge erhält. Wer sich darauf einlässt, gewinnt Orientierung in der Fülle und behält zugleich Sinn für Nuancen. So wird die Lektüre zu einem eindrücklichen Gang durch das Gedächtnis Europas, dessen alte Geschichten nicht verstummen, sondern neue Fragen an Gegenwart, Sprache und gemeinschaftliches Handeln stellen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Ludwig Prellers Griechische Mythologie bietet eine umfassende und methodisch geordnete Darstellung der Götter- und Sagenwelt der Griechen. Als klassischer Philologe des 19. Jahrhunderts zielt Preller darauf, verstreute Überlieferungen zu sichten, zu prüfen und in eine nachvollziehbare Struktur zu bringen. Das Werk verknüpft literarische Zeugnisse mit antiquarischen Nachrichten und berücksichtigt, wo möglich, ikonographische Hinweise. Leitend ist das Anliegen, mythische Erzählungen nicht isoliert zu lesen, sondern in ihrem religiösen, kultischen und historischen Kontext zu verstehen. Die Anlage folgt einer systematischen Abfolge, die vom Allgemeinen zum Besonderen führt und zugleich regionale Unterschiede sichtbar macht.

Am Anfang stehen methodische Vorüberlegungen zur Natur des Mythos, zu seinem Verhältnis von Dichtung, Religion und sozialer Praxis sowie zur Auswertung der Quellen. Preller erläutert, wie er Widersprüche zwischen Versionen als Zeugnisse lebendiger Tradition deutet und durch sorgfältige Quellenkritik ordnet. Er betont die Bedeutung der ältesten Dichtungen und Hymnen, ohne spätere Bearbeitungen zu ignorieren, und arbeitet mit etymologischen, vergleichenden und kulturhistorischen Argumenten. Daraus entsteht ein Raster, das zeitliche Schichtungen, lokale Varianten und funktionale Aspekte unterscheidet. Diese Grundsätze bestimmen die anschließende Darstellung und geben Kriterien für Ordnung, Gewichtung und Interpretation vor.

Die Darstellung setzt bei den kosmischen und theogonischen Mächten an. Genealogien werden aus den maßgeblichen Dichtungen rekonstruiert, grundlegende Gegensätze wie Ordnung und Chaos, Himmel und Erde, Licht und Nacht werden als mythische Strukturprinzipien kenntlich gemacht. Preller zeigt, wie solche Urmächte in späteren Traditionen umgedeutet oder in Kult und Ritual verankert werden. Dabei bleibt die Vielfalt der Überlieferungen sichtbar: konkurrierende Abstammungsreihen, regionale Prioritäten und poetische Neuschöpfungen werden nicht geglättet, sondern in ihre Kontexte gestellt. Diese Etappe bereitet die Systematik der personalen Gottheiten vor und markiert den Übergang von kosmologischer Erzählung zu religiöser Institution.

Im Zentrum steht die Ordnung der olympischen Götter, deren Funktionen, Zuständigkeiten und Beiname in Beziehung zu Kultorten und Festen gesetzt werden. Preller verknüpft mythische Episoden mit kultischer Praxis, um die Spannweite zwischen dichterischer Ausgestaltung und religiöser Verehrung zu zeigen. Er arbeitet Unterschiede zwischen panhellenischen Vorstellungen und lokalen Sonderprägungen heraus und zeigt, wie dieselbe Gottheit je nach Ort unterschiedliche Schwerpunkte erhält. Feste Erzählkerne und weitere Zeugnisse dienen als Orientierungspunkte, ohne Widersprüche zu nivellieren. So entsteht ein profilierter Überblick über die Hauptgottheiten und ihr Wirken im religiösen und gesellschaftlichen Leben der griechischen Poliswelt.

Ein weiterer Schwerpunkt gilt den chthonischen Mächten, den Unterweltsvorstellungen und den Mysterienkulten. Preller untersucht Begriffe, Rituale und Erzählmotive, die mit Fruchtbarkeit, Tod und Wiederkehr verbunden sind, und ordnet sie den jeweiligen Kultgemeinschaften zu. Dabei dient die Unterscheidung zwischen öffentlichem Kult und initiatorischen Praktiken als analytisches Werkzeug. Er zeigt, wie Erzählungen um Untergang, Rettung oder Erneuerung in Festkalendern und rituellen Handlungen verankert sind und regionale Profile prägen. Die Vielfalt der Zeugnisse wird behutsam gebündelt, sodass Zusammenhänge sichtbar werden, ohne die Eigenart einzelner Traditionen zu überblenden. Vergleichende Beobachtungen klären, wie ähnliche Motive an verschiedenen Orten unterschiedliche Bedeutungen annehmen.

Im Anschluss wendet sich Preller den Heroen und Sagenkreisen zu. Er ordnet genealogische Linien, regionale Herkunftsorte und politische Funktionen der Heroenkulte und verknüpft sie mit den großen Zyklen. Dabei geht es weniger um vollständige Nacherzählung als um typologische und historische Einordnung: die Rolle des Heros als Stifter, Bezwinger, Grenzgänger oder Schutzpatron; die Verbindung von lokaler Identität und überregionalem Mythos; die Anpassung älterer Motive an neue Kontexte. Durch systematische Querverweise werden Verwandtschaften und Abgrenzungen sichtbar, ohne die erzählerische Offenheit der Traditionen zu verengen. Kultische Spuren wie Weihungen und Feste werden dabei als Anhaltspunkte für historische Verortungen genutzt.

Die Gesamtdarstellung mündet in ein Bild griechischer Religion, das gleichermaßen Einheit und Vielfalt umfasst. Prellers Ansatz, mythische Erzählungen über Quellenkritik, Kultgeschichte und sprachliche Präzision zu ordnen, etabliert ein dauerhaftes Bezugssystem, an dem spätere Forschungen anknüpfen. Leitend ist die Einsicht, dass Mythen nicht als bloße Dichtung zu begreifen sind, sondern als soziale Praxis, identitätsstiftende Erinnerung und religiöse Deutung. Damit wirkt das Werk über seine Zeit hinaus: Es bietet ein Instrumentarium, um komplexe Überlieferungen verstehbar zu machen, und prägt bis heute die systematische Annäherung an die griechische Mythologie, bei zugleich nüchterner Distanz zu Spekulationen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Ludwig Prellers Griechische Mythologie entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den deutschsprachigen Gelehrtenmilieus von Weimar, Dorpat und Jena. Die Epoche war geprägt von den Universitäten Berlin, Leipzig, Dorpat (Tartu) und Jena, dem Netzwerk des 1829 gegründeten Deutschen Archäologischen Instituts sowie der starken Gymnasialkultur des neuhumanistischen Bildungssystems. Preller (1809–1861), geboren in Hamburg und ausgebildet als klassischer Philologe, arbeitete zunächst in Weimar an Bibliothek und Sammlungen und wirkte später als Professor. Sein Umfeld verband Bibliotheken, Museen und Seminare zu einer eng verzahnten Infrastruktur, die Antike als historisch erschließbares Gesamtgebiet auffasste.

Seit dem späten 18. Jahrhundert hatte sich mit Friedrich August Wolf, August Böckh und Karl Otfried Müller eine quellenorientierte Altertumswissenschaft herausgebildet. Sie ersetzte allegorische Deutungen der Aufklärung durch historisch‑philologische Verfahren: kritische Textkonstitution, systematische Sammlung von Testimonien, Bezug auf Inschriften und antike Autoren wie Homer, Hesiod, die Tragiker, Herodot, Pausanias und Apollodor. Mitte des 19. Jahrhunderts galt Mythologie nicht mehr primär als moralisches Sinnbild, sondern als Bestandteil griechischer Religion, Gesellschaft und Kunst. Diese Umstellung auf Quellenkritik und Kontextualisierung prägte Aufbau, Sprache und Belegdichte der wichtigsten mythographischen Handbücher, zu denen Prellers Werk bald zählte.

Preller studierte in Leipzig und Berlin und arbeitete in den 1830er Jahren in Weimar als Kustos an der herzoglichen Bibliothek und den Kunstsammlungen. 1840er Jahre: Berufung an die deutschsprachige Universität Dorpat in Livland, danach Professur in Jena. 1854 veröffentlichte er seine Griechische Mythologie in zwei Bänden; 1858 folgte eine Römische Mythologie. Das griechische Werk ordnete Stoffe nach Göttern und Heroen, konsolidierte verstreute Textzeugen und verwies auf Kultorte und antike Literatur. Die formale Klarheit und der Quellennachweis machten es schnell zu einem verbreiteten Nachschlagewerk für Philologen, Lehrer und Studierende im deutschsprachigen Raum.

Das Buch spiegelt das 19. Jahrhundert als Zeitalter der Systematisierung. In Anlehnung an Handbuch‑ und Lexikonformen präsentierte Preller Mythen als überprüfbare Traditionen mit regionalen Varianten, statt als freie Dichtung. Die Konzentration auf Kult, genealogische Zusammenhänge und literarische Belege folgt der historischen Schule um Böckh und Müller. Zugleich korrespondiert die klare Gliederung mit der universitären Didaktik der Seminare, in denen Exzerpieren, Indizieren und Kommentieren gelehrt wurden. Preller arrangierte die Materie so, dass Leser Primärstellen rasch finden und vergleichen konnten, was den damals gewünschten kontrollierten Umgang mit antiken Quellen förderte. Dies stärkte auch die Anschlussfähigkeit zu Schulkommentaren und Bibliographien.

Parallel professionalisierte sich die Archäologie. Eduard Gerhard und seine Schüler erschlossen Vasenbilder und Reliefs als Zeugnisse mythologischer Erzählmuster; das Deutsche Archäologische Institut vernetzte Forschung und Publikation. Preller berücksichtigte ikonographische Hinweise aus der Kunst, jedoch auf Grundlage literarischer Quellen. Nach seinem Tod wurden spätere Auflagen von Carl Robert stark erweitert und banden Funde ein, die die zweite Hälfte des Jahrhunderts prägten, darunter die deutschen Grabungen in Olympia (ab 1875) sowie die von Heinrich Schliemann propagierten Befunde in Troja und Mykene. So verschob sich die Materialbasis des Werkes, sein methodischer Kern blieb jedoch philologisch.

Die Revolutionen von 1848/49 und nachfolgende Hochschulreformen betrafen Preller unmittelbar, da er 1848 nach Jena ging. In den liberalen Kleinstaaten Mitteldeutschlands hielten sich Traditionen der Weimarer Klassik, während die Universitäten Forschung und Lehre stärker verzahnten. Der altsprachliche Unterricht blieb Grundlage der höheren Bildung; Kenntnisse der Götter‑ und Heldensagen waren für Literatur‑, Kunst‑ und Geschichtsstudium erforderlich. Prellers Handbuch bot hierfür verlässliche Orientierung, indem es Texte, Lokalkulte und Namensformen vereinheitlichte. Seine nüchterne Darstellung passte zu einer Wissenschaftskultur, die politische Umbrüche durch methodische Strenge und institutionelle Kontinuität zu kompensieren suchte. Dies erhöhte den Gebrauchswert im Seminar- und Prüfungsbetrieb.

Nach 1861 prägten Überarbeitungen den weiteren Einfluss. Carl Robert edierte erweiterte Ausgaben, die in Forschung und Lehre als Preller‑Robert zirkulierten und bis ins frühe 20. Jahrhundert Standardstatus behielten. Während komparative Indogermanistik und Religionswissenschaft – etwa bei F. Max Müller – neue Deutungsmodelle boten, blieb das Werk auf quellenkritische Beschreibung der griechischen Überlieferung ausgerichtet. Epigraphik, Numismatik und archäologische Korpora lieferten zusätzliche Belege, ohne den systematischen Aufbau zu verändern. Damit fungierte das Buch als Stabilitätsanker in einem Feld, das durch neue Funde und theoretische Debatten rasch expandierte. Zahlreiche Neuauflagen und Nachdrucke belegten seine anhaltende Präsenz in Bibliotheken.

Im historischen Rückblick erscheint Prellers Griechische Mythologie als Kommentar zu einer Epoche, die Antike als Lehr‑ und Forschungsgegenstand institutionell verankerte. Es verdichtet die Ideale des deutschen Historismus: Exaktheit, quellennahe Darstellung, geographische und kultische Differenzierung. Zugleich vermittelt es zwischen humanistischer Bildungstradition und der sich etablierenden Archäologie. Das Werk überdauerte Generationswechsel und die politische Neuordnung nach 1871 als zuverlässige Referenz. Obwohl spätere Forschung viele Details neu bewertete, markiert es einen Kanonbildungsmoment, in dem Wissen durch Handbücher normiert und dauerhaft zugänglich gemacht wurde – ein charakteristisches Produkt des Wissenschaftssystems des 19. Jahrhunderts und seiner Verlagskultur.

Griechische Mythologie

Hauptinhaltsverzeichnis
Band 1: Theogonie & Die Götter
Band 2: Die Heroen

Band 1: Theogonie & Die Götter

Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Vorrede zur ersten Auflage.

Vorrede zur zweiten Auflage.

Einleitung.

Der Inhalt im Allgemeinen

Die drei Abschnitte

Die Zeit vor Homer und Hesiod

Homer und Hesiod

Die übrige Poesie und die bildende Kunst

Die übrige Litteratur

Das mythologische Studium neuerer Zeit

Erster Abschnitt.Theogonie

Weltanfänge

Von den Titanen und der Titanomachie

Neue Weltkämpfe

Typhon

Die Gigantomachie

Die Menschheit

Ursprung und Vorzeit

Die Geschlechter

Prometheus

Die Aloiden

Zweiter Abschnitt. Die Götter

Der Himmel

Hauptgötter.

Zeus

Hera

Hephaestos

Athena

Apollon

Artemis

Ares

Aphrodite

Hermes

Hestia

Nebengötter.

Die himmlischen Erscheinungen.

Helios

Eos

Selene

Morgenstern und Abendstern

Orion

Der Sirios und die Hundstage (Aristaeos, Aktaeon, Linos)

Plejaden und Hyaden

Die übrigen Sternbilder

Winde und Wolken

Die Umgebung des Zeus und der Olympier.

Themis und die Horen

Eurynome und die Chariten

Mnemosyne und die Musen

Nike

Iris

Hebe

Ganymedes

Die Umgebung der Aphrodite insbesondere.

Eros, Himeros, Pothos, Anteros, Amor und Psyche

Peitho

Hermaphroditos

Geburts- und Heilgötter.

Eileithyia

Asklepios

Das Schicksal

Die Moeren

Ate, Litai, Hybris, Nemesis, Adrasteia

Tyche

Der gute Dämon und die gute Tyche

Die Gewässer und das Meer

Das Geschlecht des Okeanos

Die Flüsse

Die Quellen und Bäche

Pontos und sein Geschlecht

Nereus und die Nereiden

Thaumas. Die Harpyien

Phorkys und Keto

Atlas und die Hesperiden

Poseidon

Amphitrite

Triton und die Tritonen

Ino Leukothea und Melikertes Palaemon

Die Teichinen

Proteus

Glaukos Pontios

Die Sirenen

Skylla

Die Plankten und die Symplegaden

Die Giganten, Kyklopen und Phaeaken der Odyssee

Die Insel des Aeolos

Erde, Erdeleben, Unterwelt

Gaea

Rhea Kybele

Die Kureten, Korybauten und idaeischen Daktylen

Dionysos

Die Nymphen

Die Satyrn

Silen und die Silene

Priapos

Pan

Demeter und Persephone

Pluton und Persephone

Die Unterwelt

Die Erinyen

Schlaf und Tod

Anhang.

Die Kabiren und Kabirmysterien

VORREDE ZUR ERSTEN AUFLAGE.

Inhaltsverzeichnis

Die Aufgabe ein Handbuch der griechischen Mythologie zu schreiben war besonders deshalb eine schwierige, weil sich eine feste Methode, eine sichere Tradition in diesem Fache bekanntlich weniger als sonst befolgen läßt. Ich habe mich also den bewährtesten Forschern so viel als möglich angeschlossen, aber doch Vieles, ja das Meiste selbst aufbauen müssen, gewöhnlich ohne eine genauere Begründung als die durch den Zusammenhang im Ganzen gegebene. Um so mehr muß ich wünschen und bitten daß das Buch vor jedem Urtheil über das Einzelne in seinem ganzen Zusammenhange gelesen und geprüft werden möge, auch wegen der zu Grunde liegenden Ansichten über Entstehung und Entwickelung der griechischen Mythologie, worüber ich mich in der Einleitung nur sehr kurz habe erklären können.

Sollten meine Freunde in diesem Buche einen Fortschritt bemerken, so gestehe ich außer fortgesetzten Studien das Meiste diesen beiden Umständen zu verdanken. Einmal belehrte mich eine wenn gleich kurze Reise in Griechenland über so manches die Natur und die allgemeinen geschichtlichen Bedingungen des Landes Betreffende, was sich auf der Studirstube bei dem besten Willen nun einmal nicht ergründen läßt. Zweitens war es eben diese Aufgabe, das Ganze der Mythologie zu durchforschen und zu gestalten, was mich mehr als ich selbst vermuthen konnte über vieles Einzelne aufgeklärt und mir oft überraschend neue Gesichtspunkte aufgeschlossen hat. So genau hängt hier Alles zusammen, oft mit sehr feinen und nur dem geübteren Auge wahrnehmbaren Fäden.

Da ich unter Mythologie die weitere Ausführung des in der Naturreligion angelegten bildlichen Triebes durch Sage Poesie und Kunst verstehe, so habe ich vorzüglich dieses Bildliche hervorgehoben und manches Andre, was nach herkömmlicher Weise in der Mythologie mit besprochen wird, nur beiläufig berühren wollen. Vornehmlich gilt dieses vom Cultus, von der Ethnographie und Geschichte der ältesten Zeit, auch von dem Cultur- und Religionsgeschichtlichen, über welche Punkte man oft eigenthümliche und ausgebildete Ansichten ausgesprochen finden wird, ohne daß ich jetzt eine andre als vorläufige Begründung hinzufügen konnte.

Weil das Material der mythologischen Forschung sehr weit zerstreut ist und der speciellen Untersuchungen, vollends seitdem die Kunstmythologie ein so weites Feld gewonnen hat, überreichlich viele geworden sind, so habe ich von der üblichen Methode der litterärischen Anmerkungen nicht abweichen zu dürfen geglaubt, zumal da sich in diesen Anmerkungen auch manches die Sache Betreffende kürzer besprechen ließ. Doch habe ich in den Citaten und Nachweisungen keine Vollständigkeit beabsichtigt, sondern nur so viel geben wollen als zur Hinweisung auf die wichtigsten Quellen, zur Stütze mancher eigenthümlichen Combination, endlich zur Orientirung der selbständig weiter Forschenden angemessen zu sein schien.

Der Umfang des Buches ist trotz alles Strebens nach Kürze zuletzt doch größer geworden als beabsichtigt war. Indessen glaube ich behaupten zu können, daß der ganze und weitverzweigte Bau der griechischen Mythologie von mir um ein Bedeutendes vollständiger und übersichtlicher als es bisher der Fall gewesen durchmessen worden ist. Namentlich wird man in diesem Handbuche auch die heroische Mythologie in der Ordnung und Ausbreitung bearbeitet finden, welche das Interesse der Sache und der jetzige Stand dieser Forschungen längst fordern durften.

Weimar im Juli 1854.

VORREDE ZUR ZWEITEN AUFLAGE.

Inhaltsverzeichnis

Dieses Buch hat in der ersten Auflage eine so günstige Aufnahme gefunden, daß ich mich eben deswegen verpflichtet gefühlt habe es in der zweiten nach bestem Wissen und Willen zu vervollkommnen. Ich habe es also einer durchgängigen Revision unterworfen und dabei nicht allein Vieles berichtigt und verändert, sondern auch viele neue Zusätze gemacht. Wer die Schwierigkeiten des mythologischen Studiums und die große Regsamkeit der Forschung, wie sie gegenwärtig auf diesem Gebiete beschäftigt ist kennt, wird sich darüber nicht wundern. Es kam hinzu daß ich bei der ersten Auflage aus allzueifrigem Streben nach Kürze Manches nur mit wenigen Worten berührt hatte, was sowohl im Interesse der Sache als der möglichen Misverständnisse wegen ausführlicher hätte besprochen werden müssen. Auch in den Citaten bin ich in dieser Ausgabe genauer und vollständiger gewesen, da Viele mir gerade wegen dieser den Text unterstützenden und beglaubigenden Nachweisungen ihren besonderen Dank ausgedrückt haben.

Andre Punkte, auf welche ich weder eingehen wollte noch konnte, namentlich solche welche die Geschichte der griechischen Religion und Mythologie, den Cultus, die geschichtlichen und Culturverhältnisse des griechischen Volks betreffen, muß ich auch diesmal einer andern Gelegenheit vorbehalten. Dieses Gebiet ist zu groß, als daß man sich bei einem für den praktischen Gebrauch bestimmten Handbuche nach Lust und Neigung darin ergehen könnte, und meine Zeit hat mir bis jetzt nicht erlaubt in freieren wissenschaftlichen Abhandlungen darauf zurückzukommen.

Möge dieses Buch, welches mir viele Freunde erworben hat, sich in solcher Gunst ferner behaupten und seiner Bestimmung, eine brauchbare und dauerhafte Grundlage des Studiums der griechischen Mythologie zu bilden, durch diese neue Bearbeitung näher gebracht worden sein.

Der zweite Band, welcher die Mythologie der örtlichen Sage und der heroischen Dichtung sammt dem Register zu beiden Bänden enthält, wird baldigst nachfolgen.

Weimar im August 1860.

EINLEITUNG.

1. Der Inhalt im Allgemeinen.

Inhaltsverzeichnis

Der Inhalt der griechischen Mythen1 ist ein überaus mannichfaltiger, je nach dem Alter und der Stufe der Mythenbildung welcher sie angehören. Der ältesten Zeit entsprechen jene grandiosen Bilder einer einfachen, aber seelenvollen Naturanschauung, wie man ihnen besonders unter den Göttermythen begegnet, in dem Culte des Zeus, der Athena, des Apollon, des Hermes u. A. Die elementaren Kräfte und Vorgänge der Natur, Sonnenschein, Regen, der Blitz, das Fließen der Ströme, das Wachsen und Reifen der Vegetation, werden dabei als eben so viele Handlungen und wechselnde Zustände beseelter Wesen vorgestellt und in bildlichen Erzählungen ausgedrückt, welche noch zwischen Allegorie und Mythus schwanken, so daß sie oft den Eindruck von dichterisch ausgeführten Hieroglyphen machen. Jedenfalls gehören sie zu dem Schönsten von Naturpoesie was es geben kann, und sie zeugen von einer so tiefinnigen Sympathie zwischen der menschlichen Seele und dem Naturleben, wie sie in unsern civilisirten Tagen höchstens der Dichter oder der begeisterte Naturforscher empfindet. Eine eigenthümliche Wendung solcher Dichtungen ist diese, daß die auffallenden Wirkungen und Erscheinungen der Natur nicht selten unter dem Bilde von Thieren vorgestellt werden, deren Gestalt, Gemüthsart oder Bewegung einen verwandten Eindruck machte, womit wir uns also auf dem Wege zur orientalischen Thiersymbolik befinden. Indessen darf von dem griechischen Volk vorausgesetzt werden daß es sehr bald den Fortschritt zur vollkommenen Vermenschlichung der Götter gemacht hat, wie sie zum Wesen des Mythus in seiner engeren Bedeutung gehört und gerade den griechischen Polytheismus eigentümlich characterisirt. Nun wurde die Gestalt der Götter nach Anleitung des sinnlichen Eindrucks gedacht den eine Naturerscheinung machte, ihr Character nach Anleitung der begleitenden Empfindung, wie z. B. die Klarheit des Himmels zur Vorstellung von Einsicht und Reinheit, seine Donner und Blitze zu der von gebietender Weltherrschaft, seine Wolken und Stürme zu der von Streit und Unfrieden, der daraus niederströmende Regen zu der von zeugerischer Kraft und Ueppigkeit führte. Und indem man diese Götter als menschlich geartete Wesen zugleich um das menschliche Leben besorgt und für dasselbe bedacht glaubte, kam man weiter dahin einem jeden seinen bestimmten Antheil an dieser Fürsorge zuzumessen, wie sie zu seinem bildlichen Character paßte, wie z. B. Zeus als der Herrschende das Königthum überhaupt vertritt, seine Gemahlin, die strenge und eifersüchtige Himmelskönigin für alle Rechte der Ehe eintritt, Athena die stürmische und kriegerische in der Schlacht waltet, Poseidon als Gott der gleichsam galoppirenden Wellen zugleich zu dem Gotte der Pferdezucht und zu dem ritterlichen Gotte schlechthin geworden ist: Uebertragungen bei denen wir die Kühnheit und Anmuth des Fortschritts von einer Gedankenreihe zur andern nicht genug bewundern können, obwohl wir etwas Aehnliches auch an den Schöpfungen der Sprache und den verschiedenen Bedeutungen jedes älteren Wortstamms beobachten, dessen Geschichte gleichfalls die einer fortlaufenden Reihe von Uebertragungen eines elementaren sinnlichen Eindrucks auf immer entlegnere und künstlichere Vorstellungen zu sein pflegt. Weiter wurde, wie dieses gleichfalls bei den Wörtern zu geschehen pflegt, bei fortschreitender Entwicklung die erste Naturempfindung oft vergessen und nur das ethische Bild von Muth und Kraft, Schnelligkeit und Jugend, Schönheit oder Klugheit festgehalten und in entsprechenden Erzählungen ausgeführt, womit wir uns schon auf dem Boden der Heldensage befinden. Wieder andere Stufen und Metamorphosen der Mythenbildung ergeben sich daraus daß diese bildlichen Erzählungen mit der Zeit zu dem Stoffe und historischen Hintergrunde der gesammten Poesie und Kunst wurden, welche eine Menge der schönsten ästhetischen Motive darin vorgebildet fanden und je nach ihren besondern Zielen und Gattungen daraus weiter fortentwickelten, wie denn auch in dieser Hinsicht die griechische Mythologie einzig in ihrer Art und so durchgebildet wie keine ist. Endlich kamen die Gründer und Gesetzgeber der Staaten, die Theologen und Philosophen, die Geschichtsforscher, die Geographen, die Astronomen, alle bei jenen Sagen und Dichtungen der Vorzeit anknüpfend und sie nach ihrer eigenthümlichen Weise auffassend, erklärend, umbildend, so daß sie immer von neuem überarbeitet und auf einen neuen Inhalt übertragen wurden. Kurz es läßt sich nichts Mannichfaltigeres und Wandelbareres denken als diese griechischen Mythen, daher sich etwas allgemein Gültiges auch weder von ihrer Form noch von ihrem Inhalte sagen läßt. Von ihrer Form nur etwa dieses, daß sie unter allen Abwandlungen doch immer eine bildliche bleibt, mag sie nun als Mythus oder als Sage, als Märchen oder als Legende oder unter welcher Gestalt sonst auftreten: von ihrem Inhalte, daß sich in ihnen die verschiedensten Elemente, thatsächliche und ideale, und zwar unter den verschiedensten Bedingungen und Anregungen immer von neuem mischen und gestalten. Eben deshalb ist nichts verkehrter als in der Mythologie überall nur einen und denselben Inhalt zu suchen, sei es ein physischer oder ein ethischer oder ein historischer.

Fußnote

1 Μῦϑοι[1] sind eigentlich Reden, Erzählungen, von μυϑέομαι, wie fabulae von fari und unsre Mären und Sagen, speciell die religiösen und poetischen Ueberlieferungen von der Vorzeit der Götter, Helden und Wunder, welche ohne Anspruch auf historische oder philosophische Wahrheit zu machen, den Kern der Ueberzeugungen und Thatsachen des ältesten nationalen Lebens der Griechen in bildlicher Form überlieferten und von den Dichtern , Künstlern, Historikern und Philosophen meist sehr frei behandelt wurden. Μυϑολογία ist der Inbegriff dieser Erzählungen, bald mit besondrer Rücksicht auf ihre bildliche und poetische Bedeutung bald mit der auf ihr hohes Alterthum, daher μυϑολογία bisweilen wie ἀρχαιολογία gebraucht wird und οἱ μῦϑοι wie τὰ ἀρχαῖα. Die Aufgabe der Mythologie umschreibt im Allgemeinen Strabo 10, 474 πᾶς ο περὶ τῶν ϑεῶν λόγος ἀρχαίας ἐξετάζει δόξας καὶ μύϑους, αἰνιττομένων τῶν παλαιῶν ἃς εἶχον ἐννοίας φυσικὰς περὶ τῶν πραγμάτων καὶ προστιϑέντων ἀεὶ τοῖς λόγοις τὸν μῦϑον.

2. Die drei Abschnitte.

Inhaltsverzeichnis

Die Eintheilung des reichen Stoffs in die drei Abschnitte der Theogonie[2], der Götter- und der Heroensage wird sich von selbst rechtfertigen. Doch ist es nöthig über das Verhältniß der einzelnen Glieder dieser Eintheilung zu einander Einiges hinzuzusetzen.

Der Abschnitt von den Göttern ist nicht allein an Umfang, sondern auch an Bedeutung bei weitem der wichtigste. Es handelt sich darin vornehmlich von den Cultusgöttern, gleichsam den Wurzelbegriffen der griechischen Mythologie, aus welchen sich alle übrigen Bilder und Sagen entwickelt haben und von denen namentlich die theogonischen Dichtungen und die von den Heroen als spätere Sprossen angesehen werden müssen. Als die eigentlichen Nationalgötter des griechischen Volkes haben sie die ganze Geschichte dieses Volkes in allen ihren äußern und geistigen Bewegungen mit durchgemacht und sind nicht allein die ehrwürdigsten Monumente dieser Geschichte, sondern auch die merkwürdigsten Merkmale von derselben, indem sich alle bedeutenderen Thätigkeiten und Erfahrungen des griechischen Volkes in diesen Götterdiensten wiederspiegeln und ihre Eindrücke in ihnen zurückgelassen haben, namentlich die jener ältesten Zeit, wo die Mythologie noch selbst im Flusse war und darum alle Eindrücke um so leichter aufnahm. Unter einander verglichen sind diese Götter von sehr verschiedener Macht und Bedeutung, je nachdem sie entweder ein Hauptgebiet oder ein untergeordnetes Gebiet des Naturlebens und des menschlichen Lebens betreffen. Im Ganzen aber lassen sie sich am natürlichsten eintheilen nach den drei großen Einheiten der Natur, Himmel Wasser und Erde, denen die drei Kronidenbrüder Zeus Poseidon und Pluton als eben so viele Herrscher entsprechen, jeder von vielen andern Göttern umgeben, die zu ihm entweder in dem Verhältnisse der Verwandtschaft oder in dem der dienenden Umgebung gedacht werden. Die Götter des Himmels sind wie in allen Naturreligionen die herrschenden und obersten, auch die zahlreichsten, durch Mythologie und Cultus am meisten verherrlichten, weil der Himmel von jeher und bei allen Völkern der Sitz und Ursprung alles Höchsten und Heiligsten gewesen ist. Zeus Athena und Apollon bilden gleichsam einen engeren Ausschuß aus dieser höchsten himmlischen Götterwelt, Zeus als Herrscher und Vater aller Götter und Menschen, Athena und Apollon als seine Lieblingstochter und sein Lieblingssohn: neben ihnen die übrigen olympischen Götter in sehr verschiedenen Thätigkeiten und Rechten, auch sie wieder von vielen untergeordneten Göttern und secundären Mächten des Naturlebens und der sittlichen Weltordnung umgeben. Ein anderes und eigenes Gebiet ist dann zweitens das alles fließenden und strömenden Wassers, besonders des Meeres, in welchem Poseidon waltet, auch er von vielen dienenden und secundären Göttern der Meeresfluth, der Flüsse, der Wellen umgeben, welche die Wirkungen und Erscheinungen des flüssigen Elementes unter sehr verschiedenen Bildern darstellen. Endlich die Erde, welche zugleich als tiefe Erde die Unterwelt ist, die eigentliche Herrschaft des Pluton, und als fruchtbare Ursache und Mutter aller vegetativen Schöpfungen in Wäldern und Gebirgen, auf den Aeckern und Fluren das Gebiet der Demeter und des Dionysos.

Die Theogonie verhält sich zu diesem centralen Abschnitte von den Cultusgöttern wie eine ideale Vorgeschichte, wobei man sich vor dem Irrthum hüten muß als ob die theogonischen Götter, weil sie ältere heißen und zu sein scheinen, wirklich ältere gewesen wären, also einem früheren Glauben angehört hätten. Es ist dieses so wenig der Fall, daß sich ihre spätere Entstehung aus abgesonderten Cultusnamen der nationalen Götter in verschiedenen Fällen wirklich nachweisen läßt, und im Allgemeinen muß sie von selbst einleuchten, sobald man das wahre Princip der theogonischen Dichtung überhaupt richtig ergriffen hat. Dasselbe beruht nehmlich auf dem dichterischen Bestreben diese schöne und sinnige Ordnung der Welt, wie sie jetzt besteht und vom Zeus und den übrigen Göttern regiert wird, auf mythologische Weise zu rechtfertigen, d. h. von früheren Vorgängen der Götterwelt abzuleiten: wobei man die ausserordentlichen Naturrevolutionen, von denen man in Griechenland und den benachbarten Ländern die deutlichsten Spuren sah oder durch Nachklänge der Sage wußte, als Bilder von Götterkämpfen aufnahm, aus denen Zeus erst als Sieger hervorgegangen sein mußte um das Scepter der Welt zu übernehmen und jene schöne Ordnung zu begründen. Dazu kam der natürliche Trieb sich die Anfänge der Dinge und den Ursprung der menschlichen Cultur zu denken, wie sich aus jenen die Welt in einer Stufenfolge von göttlichen Generationen bei wechselnder Herrschaft immer höher erhoben und wie der Mensch durch seine Cultur zwar die Naturkräfte beherrschen gelernt, aber dadurch mit der Gottheit wie in einen Zwiespalt gerathen sei.

Bei weitem am meisten entwickelt und ins Einzelne ausgebildet ist endlich der dritte Abschnitt, die Heroensage, besonders wenn man die außerordentliche Anzahl von örtlichen Ueberlieferungen, epischen Liedern und ganzen Epopöen sammt allen späteren poetischen Gattungen und bildlichen Darstellungen bedenkt, welche zu dieser Entwicklung theils beigetragen theils sich selbst mit und an derselben immer weiter ausgebreitet haben. Dieser Abschnitt hat dadurch den Schein einer gewissen Selbständigkeit bekommen, wie dieses schon der bloße Ausdruck Sage andeutet, welche man von dem Mythus dadurch zu unterscheiden pflegt daß man bei ihr einen mehr faktischen und historischen Inhalt voraussetzt, während der Mythus ganz oder überwiegend ideeller Natur sei. Und allerdings ist die Heldensage der Abschnitt der Mythologie, wo das wirkliche Leben der Nation und dessen früheste Geschichte am unmittelbarsten an den Tag tritt, in aller seiner Eigenthümlichkeit und mit dem ganzen natürlichen Gerüste seiner landschaftlichen Wohnsitze, seiner Stämme und edlen Geschlechter, seiner ältesten Wanderungen und Kriege. Wenn wir aber auf die religiösen und mythologischen Anfänge dieser Sagenbildung zurückgehen, so werden wir doch auch wieder auf dieselben Götter und Naturmächte zurückgeführt, von welchen jener centrale Abschnitt der Cultusgötter handelt, so daß also auch diese Welt der Helden nur für einen eignen und besonders reich entwickelten Sproß des alten nationalen Götter- und Naturglaubens gelten kann. Kurz diese Vorzeit der Heroen ist keine historische und reale, sondern auch sie ist eine ganz oder überwiegend ideale, nur daß sie mehr als alle andere Mythologie mit historischen und realen Verhältnissen durchwachsen und gleichsam staffirt ist. Es sind dieselben Götter und Naturkräfte, welche der alte Volksglaube und die älteste Naturdichtung verherrlichte, aber sie sind aus dem übersinnlichen Dasein ihrer göttlichen Verehrung und einer bildlichen Bedeutung auf den wirklichen Boden des irdischen und menschlichen Daseins hinübergetreten, vermittelst einer kühnen Vermischung der idealen Welt des Glaubens mit der nationalen Geschichte und der wirklichen Gegenwart, wie sie sich in den epischen Dichtungen aller Völker wiederholt, die es zu einer eigentlichen Heldensage gebracht haben. In der griechischen ist auf diesem Wege das mittlere Geschlecht der Heroen entstanden, welche in der Sage gewöhnlich als menschliche Söhne und dienende Werkzeuge der Götter erscheinen z. B. Herakles des Zeus, Theseus des Poseidon, aber eigentlich diese menschgewordenen Götter selbst sind, welche nun als Helden und Führer ihres Volkes entweder das griechische Land und die griechische Natur von allen Ungethümen einer primitiven Wildniß befreien oder die nationalen Feinde bezwingen, auf kühnen Abenteuern vorangehen und neue Staaten begründen, vor allen übrigen auch hier wieder die Mächte des Lichtes und des Himmels. Und es ist, setzen wir hinzu, auf diesem Wege zugleich jene älteste Vorzeit und das ganze griechische Land, ja die ganze den Griechen bekannte Welt, besonders da wo ihre Grenzen ins Unbekannte verflossen, so völlig und gründlich idealisirt und poetisch gleichsam umgeschaffen worden, daß man auch in dieser Hinsicht immer mit dem verführerischen Scheine einer historischen Wirklichkeit zu kämpfen hat, wie denn nichts so sehr als diese sogenannte mythische Geographie und Geschichte sowohl die älteren als die neueren Forscher mit ihren phantastischen Trugbildern geneckt hat.

3. Die Zeit vor Homer und Hesiod.

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In dieser Periode müssen sich die meisten Mythen und Sagen gebildet haben. Und zwar wirkten einige Umstände mehr dahin dieselben immer mehr ins Polytheistische und unendlich Mannichfaltige auszubilden, andere diese Mannichfaltigkeit bis zu einem gewissen Grade wieder auszugleichen und auf bestimmte Gruppen und Systeme der Götter und gewisse vorherrschende Kreise der Sage zurückzuführen.

So ist gleich die Natur in Griechenland eine eben so eigenthümliche als zur Vielseitigkeit des nationalen Denkens und Lebens von selbst anleitende. Ueberall wölbt sich der Himmel mit einer gleich durchsichtigen Klarheit und Reinheit, aber indem die Gebirgsgegenden die wechselnden Zustände der Atmosphäre am meisten empfanden, Schnee Regen Stürme und alle Arten der Wolkenbildung, waren die tieferen Thäler und die Inseln um so mehr den Wirkungen der Sonne und im Sommer des Sonnenbrandes ausgesetzt, der die schnell gereifte Blüthe des Jahres eben so schnell wieder zerstört und dadurch auch die religiöse Empfindung zu entsprechenden Allegorieen stimmte. Dort strecken hohe Berge ihre Gipfel in den blauen Aether und erregten dadurch die Vorstellung thronender Götter, welche auf diesen Gipfeln Wolken sammeln und Blitze schleudern; hier dehnen sich weite Niederungen mit größeren Flußthälern, wo ein fruchtbarer Ackergrund mit seinen Saaten und Erndten alljährlich die Bilder des Lebens und des Todes erneuerte. Und dazu überall das Meer, das feste Land von allen Seiten umgürtend und gleichsam tragend, aber auch mit seiner Brandung gegen die Küste tobend und tief in die Buchten und unterirdischen Schluchten eindringend, während der weite Spiegel des hohen Meeres von allen Höhen sichtbar ist und in der Ferne mit dem Horizonte verschwimmt, das schönste Bild zugleich von einer unendlichen Ausdehnung und von einer letzten Begrenzung. Es ist kein anderes Land wo alle Arten und Formen des Naturlebens so dicht neben einander und in so vielgestalteter Mischung gegeben wären, und es leuchtet von selbst ein daß dieses sowohl für die Lebensweise und Cultur seiner Bewohner als für seine Eintheilung nach Landschaften und Stämmen die wichtigsten Folgen haben mußte. Jagd und Viehzucht im Gebirge, Weinbau und Ackerbau im Thale, Schifffahrt und Fischfang an den Küsten und auf den Inseln, jede Thätigkeit mit ihren eigenthümlichen Folgen und Bildern für den religiösen Glauben und für die Sagenbildung. Und in diesen vielverzweigten und nach bestimmten Naturbedingungen immer von neuem gespaltenen und eng begrenzten Landschaften welche Menge verschiedener Stämme, jeder mit seinen besonderen Eigenthümlichkeiten der Anschauung, der Gemüthsbildung, der Erinnerung.

Dazu kamen zweitens viele und frühe Berührungen mit dem Auslande, welche man häufig in Abrede gestellt hat, die aber von der Sage selbst und in den ältesten uns bekannten Gedichten so bestimmt angedeutet werden und sich überdies, wenn man die ganze Natur und Lage des griechischen Landes ins Auge faßt, so von selbst verstehen, daß länger kein Zweifel daran sein sollte. Ueberall mußte das Meer, mußten die vielen Inseln die Völker, welche vor den Griechen in diesen Gewässern die herrschenden waren, an die griechischen Küsten führen, und da diese Völker den Griechen damals an Bildung und Unternehmungsgeist überlegen waren, so werden sie sich nicht allein unter ihnen niedergelassen, sondern auch mit ihrem Handel und mit ihren Waaren die Elemente ihrer Bildung und ihres Götterdienstes ihnen mitgetheilt haben. Vorzüglich ist dabei auf die Volksstämme zu achten, welche wir in dieser Zeit über die Inseln und Küsten sowohl von Griechenland als von Kleinasien, ja theilweise bis hinüber nach Italien und Sicilien ausgebreitet finden, die Leleger[3] und Karer, die Tyrrhener und unter welchen Namen sie sonst auftreten. Es leidet keinen Zweifel daß diese Völker zugleich mit den Culturstaaten des Orients in lebhaftem Verkehre standen und viele Bildungselemente von ihnen angenommen hatten, namentlich mit den Phöniciern und den ihnen verwandten canaanitischen Stämmen, welche durch ihren Betrieb zur See an alle Küsten und Inseln des Mittelmeeres geführt wurden und sich mit jenen Stämmen häufig zu gemeinschaftlichen Unternehmungen vereinigten. Dazu kommt daß in manchen Gegenden von Griechenland und gewöhnlich gerade dort, wo die Cultur und die Sage am frühesten thätig ist, an den Küsten des Peloponnes, unter den Inseln vorzüglich auf Kreta, in den nördlicheren Theilen in Theben, so manche eigentümliche Sagen und wahrscheinlich ausländische Culte auftauchen; man achte besonders auf den Cult der Aphrodite und auf die orientalischen Elemente der Heraklessage. Nur erscheinen alle diese Niederlassungen in der späteren Zeit so ganz wie weggewaschen von der Strömung des wahren hellenischen Volksthums, alle Elemente der ausländischen Gottesdienste und Sagenbildung so ganz in den griechischen Volksgeist aufgelöst und durch denselben umgebildet, daß diese Einwirkungen jedenfalls nur periodisch vorübergehende gewesen sein können. Gleichsam die ersten Anregungen welche die griechische Nation, so lange sie noch mehr in der Passivität verharrte, von außen her empfangen hat, wie jedes Volk und jedes Individuum, so begabt und eigentümlich wir es uns denken mögen, doch solchen Einwirkungen ausgesetzt bleibt, ja ohne dieselben sich niemals nach seiner Eigenthümlichkeit wird entwickeln können.

Endlich die vielen Kriege und Wanderungen und Ansiedelungen übers Meer, wie sich diese gleichfalls in der Sage deutlich ausdrücken und großentheils auch schon durch die Geschichte bekannt sind. Denn auf jene Zeiten der Passivität, in denen die Griechen als ackerbauende oder waldbewohnende Pelasger und in patriarchalischen Zuständen erscheinen, folgte eine Periode der Erregung, welche zunächst von den kräftigeren und von dem Auslande weniger berührten Gebirgsstämmen des Nordens ausging, sich aber allmälig der ganzen Nation von einer Landschaft zur andern mittheilte, endlich über die Grenzen und Küsten des griechischen Mutterlandes hinausgriff, so daß zuletzt dieser ganze Complex von Ländern dadurch vollkommen umgestaltet wurde: wie in späteren Zeiten der europäische Norden durch gleichartige Bewegungen und Wanderungen mehr als einmal erneuert wurde. Die Folge dieser Bewegungen war aber nicht blos eine Unterwerfung der früheren Bewohner durch die Eroberer, sondern auch eine Mischung der verschiedenen Bildungsstufen und Bildungselemente, welche Mischungen von der geschichtlichen Ueberlieferung zwar weniger als jene Eroberungen hervorgehoben werden, in culturgeschichtlicher Hinsicht aber noch wichtiger als diese sind. So sind damals namentlich auch die Culte und Sagen der verschiedenen Völker und Stämme gründlich durch einander geschüttet und auf neue Formen und Bedingungen der Natur und noch mehr der ethischen Lebensauffassung übertragen worden. Z. B. die Phönicier verschwanden nun allmälig aus den griechischen Gewässern und die Karer und Leleger in den Küstenländern und auf den Inseln wurden bis hinüber nach Asien von den Griechen unterworfen, aber es blieb die Aphrodite auf Kythera, auf Akrokorinth, in Theben und in anderen Gegenden, es blieben die Dioskuren und andere Culte, deren Ursprung wahrscheinlich lelegisch ist, und es spannen sich ihre mythologischen Kreise unter den neuen Stämmen und Staaten weiter fort, in eigenthümlicher Umbildung der darin gegebenen religiösen und symbolischen Motive, die nun meistens einseitig in ethischer und praktischer Bedeutung aufgefaßt wurden. Auch die alten pelasgischen Naturgötter der centralen Landschaften wurden weniger unterdrückt als im Sinne des hellenischen Volksthums umgebildet, indem sie in der Gestalt von ethisch bedeutenden Göttern oder in der von Heroen wieder auftauchten. Die allgemeine Folge aber von allen diesen Bewegungen mußte diese sein, daß sowohl das System der griechischen Götter als das der heroischen Sagen immer verwickelter wurde.

Wirkten also diese und andere Umstände dahin der griechischen Mythologie immer mehr den Character der Mannichfaltigkeit zu verleihen, so daß der Sinn zuletzt in der Fülle des mythischen Stoffes zu ersticken drohte, so fehlte es andererseits nicht an solchen Umständen, Thätigkeiten und Mittelpunkten der Sagenbildung, welche diesem Triebe entgegenwirkten, die wuchernde Menge von Bildern und bildlichen Gestalten schlichteten und unter einander ausglichen und bei aller Differenz der localen Culte und Sagen doch immer wieder eine nationale Einheit behaupteten oder wiederherstellten.

Namentlich waren solche Mittelpunkte der Sagenbildung die größeren Staaten, im Peloponnes besonders der von Argos, welcher damals über einen großen Theil der Halbinsel dominirte und zugleich weitreichende Verbindungen zur See hatte, unter den alten mythischen Dynastieen der Persiden zu Tirynth, der Pelopiden zu Mycen, welche durch höchst alterthümliche Baudenkmäler an Ort und Stelle noch jetzt von sich zeugen. Ferner das alte Theben und der Staat der Kadmeionen in Boeotien, von dessen streitbarer Macht und großer Herrlichkeit die Thebais sammt vielen anderen Sagen Zeugniß ablegt. Desgleichen die weit verbreiteten Minyer mit den alten Mittelpunkten ihrer Macht, Orchomenos in Boeotien und Jolkos am pagasetischen Meerbusen, wo die Argonauten ihre Fahrt beginnen, das nicht weniger weit verzweigte Geschlecht der Aeaciden, an die sich die ältesten Erinnerungen des Hellenenstammes knüpften, unter den Inseln das Minoische Kreta, ein alter Mittelpunkt der lelegischen und karischen Bevölkerung, in Asien das trojanische Reich, welches in einem ziemlich weiten Umfange über die benachbarten Völker und Landschaften in Asien und Europa geherrscht zu haben scheint. Lauter alte Mittelpunkte des Götterdienstes und der heroischen Sage, welche das Andenken dieser Staaten und Völker allerdings durch viele mythische Ueberlieferungen entstellt haben, von denen man aber dennoch behaupten darf daß sie in jener frühen Zeit, wo sich die meisten Sagen gebildet haben, durch Macht, Bildung und Reichthum vor allen übrigen hervorragten, so daß sie auch für die Sagenbildung der minder bedeutenden Landschaften und Staaten gewisse centrale Beziehungen und maßgebende Bedingungen aufgestellt haben werden.

Noch wichtiger sind in dieser Hinsicht die heiligen Stätten von allgemeiner nationaler Bedeutung, in der älteren Zeit besonders Dodona und der Olympos mit den umliegenden Bergen und Thälern, beide in den nördlicheren Gegenden Griechenlands, weil die hellenische Bevölkerung damals noch meist in diesen Gegenden ihre Stammsitze hatte. Sowohl Dodona als der Olympos sind in der Geschichte des Zeuscultus und weil dieser die centralisirende Mitte der gesammten griechischen Götterwelt ist, auch in der des olympischen Göttersystems mit allen sich anschließenden Sagen von der größten Bedeutung, vorzüglich der Olympos, wo sich einer alten Cultusstätte dieser Götter ein eben so alter Dienst der Musen anschloß, in welchem sich die mythischen Gesänge und Traditionen z. B. von der Titanomachie, von den Zeugungen der Götter, von den Ehen und Kindern des Zeus, von dem olympischen Götterstaate längere Zeit in bestimmten Sängerschulen fortgepflanzt zu haben scheinen, bis sie sich von dort weiter verbreiteten. Weiter sind in dem Apollinischen Dienste Delos und Delphi, in dem der Athena Athen, in dem der Demeter Eleusis, in dem peloponnesischen Zeusdienste das arkadische Lykaeon und Olympia, für die Inseln und für Asien das idaeische Gebirge von Kreta und das von Troja solche alte Mittelpunkte gewesen, in denen bestimmte Systeme der Götterwelt mit den entsprechenden Legenden und Gebräuchen zuerst selbständig ausgebildet, dann über einen weiten Kreis von Amphiktyonen oder in Filialculten ausgebreitet wurden. Nachmals ist Athen, weniger durch das Alterthum seiner Sagen als durch die sinnige Einsicht womit seine Götterdienste und Feste geordnet waren und begangen wurden, wie durch die außerordentliche Kunst mit welcher man die Tempel und den Gottesdienst ausstattete, auch als Mittelpunkt aller feineren Bildung und Humanität, in einem sehr weiten Kreise in gleichem Sinne vermittelnd und vorbildend thätig gewesen.

Am allerkräftigsten aber hat in dieser Hinsicht gewiß die mythologische Dichtung selbst gewirkt, die wir uns in dieser Periode eben so productiv als im höchsten Grade beweglich und wandernd denken müssen, als eine ununterbrochene Fülle von Liedern und Sagen, welche aus localen Anlässen wie aus eben so vielen Quellen immer von neuem aufsprudelten, aber durch Gesang und Volkssage alsbald von Ort zu Ort getragen wurden, so daß sie immer ein Gemeingut der ganzen Nation blieben. Es lassen sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit folgende Klassen von Dichtungen und Sagen unterscheiden, deren verschiedene Wirkung sich auch in der Mythologie ziemlich deutlich darstellt: 1) Die hieratische Poesie und Mythenbildung der Hymnen und Legenden, welche am meisten an bestimmte örtliche Beziehungen geknüpft und eben deshalb gewöhnlich das Eigenthum der Localculte blieb, wie noch Pausanias solche Legenden sehr alterthümlichen Klanges in vielen Gegenden von Griechenland antraf. Indessen ist wenigstens der Hymnengesang solcher heiligen Stätten, wie sie vorhin beschrieben wurden, sehr bald auch in weiteren Kreisen wirksam geworden, zumal da auch er ein Eigenthum der epischen Kunstpoesie wurde, wie sie die Sänger von Ort zu Ort an den Festen der Götter zu üben pflegten. Als Beispiele einer solchen Ueberarbeitung können die sogenannten Hymnen Homers dienen, während wir leider eine derartige Sammlung gottesdienstlicher Gesänge, wie die indische Litteratur sie an den Vedas besitzt, uns kaum unter den Griechen selbst möglich denken können. 2) Das Volkslied in seiner lyrischen Gestalt, wie es bei allen volkstümlichen Anlässen des Lebens, in Lust und Schmerz oder bei der Arbeit gesungen wurde, meistens in schwermüthiger Weise und von gleichartigem Inhalt, wie sich davon ein Grundzug durch die ganze griechische Mythologie und Lebensanschauung hindurchzieht. Eine wie weite Verbreitung solche Weisen, die immer von einem bestimmten mythologischen Inhalte begleitet waren, schon in der frühesten Zeit fanden, beweist u. A. das Linoslied. 3) Das Volkslied und die Volkssage im engeren Sinne des Wortes d. h. das epische Volkslied, wie es vorzüglich in kriegerisch bewegten Zeiten entsteht und in der männlichen Gestalt des Kriegsliedes und der Heldensage unter den Edlen und Wehrhaften von Mund zu Mund geht. Eine solche poetische Bewegung werden wir uns in Griechenland besonders in den Zeiten zu denken haben, wo jene Kriege und Wanderungen, von denen die Rede gewesen, die ganze Nation lange in Athem hielten und die damals noch vorherrschenden Könige und Edlen ihrem Volke bei vielen kühnen Unternehmungen zu Lande und zur See vorangingen. Da tönte das Lied, wie es in allen ähnlichen Zeiten gesungen ist, von kühnen Helden und von schönen Frauen, von großen Thaten und gefährlichen Abenteuern, von Frauenhuld, Frauenraub und blutiger Rache, daher auch das griechische Epos von solchem Inhalte ganz erfüllt ist. Und die Aoeden trugen solche Lieder von Ort zu Ort, von einem Hofe der Anakten und von einem Feste zum andern, und es ward ihnen große Gunst und große Ehre, wodurch sich ihre Kunst immer mehr vervollkommnete, so daß sich zuletzt ein eigner Stand und eine eigne Kunstübung der Aoeden bildete, wie uns auch dieses alles in der Ilias und Odyssee und durch die an diese Gedichte sich anschließende Tradition in deutlichen und characteristischen Bildern vorgestellt wird. Als den allgemeinen Stoff aber, in welchem sich diese Lieder und Gesänge bewegten, pflegen sie selbst zu nennen die κλέα ἀνδρῶν d. h. die Sagen der Vorzeit, welche sich bald nach bestimmten Kreisen gliederten, nach dem des Herakles, des Theseus und Meleager, der Argonauten, des thebanischen Kriegs, endlich des neuesten und beliebtesten von dem trojanischen Kriege. Die alte Götterwelt und die alte Göttersage mit ihren einfachen Grundzügen der sinnbildlichen Naturdichtung und dem erhabenen Ernste ihres Liedes von der Weltbildung und den Weltkämpfen der Götter erscheint neben diesen kriegerischen Sagen schon fast wie eine die sich überlebt hat und im Begriffe ist sich ganz zu verweltlichen. Namentlich ist es von Homer oft genug hervorgehoben daß er von den Göttern zwar viel und mit großer Anmuth erzählt, aber selten mit religiösem Ernste, gewöhnlich mit einer naiven Schalkhaftigkeit, wie sie sich von selbst einstellen mußte sobald der Sinn für jene alte Naturdichtung verschwand, in welcher namentlich die Liebeshändel und die Kämpfe der Götter und sonst alle die paradoxen Bilder der Göttergeschichte, wenn sie sie bereits kannte, ohne Zweifel eine andere Bedeutung gehabt hatten.

4. Homer und Hesiod.

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Wenn also Herodot behauptet daß Homer und Hesiod etwa vierhundert Jahre vor seiner eignen Generation den Griechen ihre ganze Götterlehre gedichtet hätten2 und daß es vor ihnen nur pelasgische und aegyptische Götternamen und wenige ganz unbestimmte Anschauungen und Symbole gegeben habe, so erhellt aus dem Vorhergehenden von selbst daß diese Behauptung wesentlich einzuschränken ist. Der Einfluß des Orients ist von Herodot jedenfalls übertrieben und hat überhaupt einer von jenen entlegneren Culturstaaten des Orients stattgefunden, so ist derselbe weit eher bei den Phöniciern und den ihnen theils verwandten theils von ihren Bildungselementen ergriffenen Völkern und Staaten Kleinasiens und Kretas zu suchen als in Aegypten. Und was Homer und Hesiod betrifft so hat ohne Zweifel zur Ausbildung und Verbreitung der polytheistischen Bilder und Formen das griechische Epos außerordentlich viel beigetragen. Aber unmöglich können diese beiden Dichter allein das bewirkt haben, da die ihnen zugeschriebenen Gedichte doch nur die ältesten Monumente der griechischen Litteratur waren, keineswegs die ältesten Gedichte schlechthin, so daß jene beiden überall nur für die älteste Quelle der Mythologie gelten können, gleichsam für die Depositäre der epischen Tradition ältester Zeit, keineswegs für die Urheber derselben. Aber selbst von dem Epos würde es zu viel gesagt sein, wenn wir ihm die Entstehung der ganzen Mythologie zuschreiben wollten. Viele alte Bilder und Symbole müssen längst vorhanden gewesen sein und die epische Dichtung als solche wird überhaupt auf die ältere Tradition der Hymnen, der Volkssagen, der Volkslieder gestützt weit mehr in dem Sinne förderlich gewesen sein, daß bestimmte Namen und Systeme der Götter, bestimmte Genealogieen, bestimmte Kreise der Heldensage vor allen übrigen Anerkennung erlangten, als daß sie alle diese religiösen und bildlichen Vorstellungen neu erfunden hätte. Von Homer und Hesiod ist überdies zu beachten daß sie zwei Collectivnamen sind, nicht allein für das was die Griechen für das Aelteste in ihrer epischen Litteratur hielten, sondern auch für zwei verschiedene Gattungen der epischen Poesie und der mythologischen Tradition, wie sich diese ohne Zweifel längere Zeit vor ihnen festgestellt hatten. Das Homerische Epos ist mehr das weltliche und ritterliche, wie es sich in den Kreisen der Aoeden und an den Höfen der Anakten ausgebildet hatte, das Hesiodische mehr religiöser und didaktischer Art, wie es sich in dem Musendienste am Helikon und an ähnlichen Stätten entwickelt hatte. Und auch die Form der epischen Tradition ist bei beiden Dichtern eine verschiedene, wie dieses gleichfalls in der Mythologie und für alle folgende mythologische Dichtung viele wichtige Folgen gehabt hat. Bei Homer finden wir die kunstvollere des epischen Volksliedes, wo die Sage sich nach gewissen Abschnitten des mythologischen Vorgangs abtheilt und gliedert, wodurch nicht allein die Einheit der Handlung, sondern auch die dramatische Lebendigkeit der Erzählung sehr gefördert wird, so daß seine Gedichte eine Schule aller besseren epischen und dramatischen Dichtung geworden sind. Bei Hesiod dagegen ist, wenigstens in den mythologischen Gedichten (Theogonie und Eoeen) die genealogische Verknüpfung der fortlaufende Faden an welchem sich das Ganze abspinnt, so daß wir in ihm das Vorbild aller gleichartigen mythologischen Dichtungen erkennen können. Denn in beiden Gattungen ist bekanntlich nachmals lange und von vielen Dichtern fortgedichtet worden, in der Homerischen von Stasinos, Arktinos, Lesches u. A., welche den Trojanischen Sagenkreis in allen seinen einzelnen Abschnitten, wie sie vor zwischen und nach der Ilias und Odyssee lagen, mit Benutzung älterer Lieder und Sagen vollständig ausgedichtet haben, dazu aber auch den thebanischen Sagenkreis und den des Herakles und selbst den der Theogonie bearbeiteten, so daß zuletzt die ganze Sagengeschichte daraus in einem fortlaufenden Ganzen zusammengesetzt werden konnte. Und in der Hesiodischen Manier sind auf gleiche Weise Asios, Eumelos und andere Dichter thätig gewesen, so daß am Ausgange dieser epischen Periode der mythologische Stoff durch die vereinte Thätigkeit so vieler Dichter schon ziemlich vollständig aus den örtlichen Quellen der Volkssage gesammelt und nach poetischen Motiven überarbeitet vorgelegen haben muß.

Fußnote

2 2, 53 οὗτοι δέ εἰσι οἱ ποιήσαντες ϑεογονίην Ἕλλησι καὶ τοῖσι ϑεοῖσι τὰς ἐπωνυμίας δόντες καὶ τιμάς τε καὶ τέχνας διελόντες καὶ εἴδεα αὐτῶν σημήναντες.

5. Die übrige Poesie und die bildende Kunst.

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Auf diese Weise war der Mythus zu dem geworden was die Alten gewöhnlich darunter verstehn: für die Nation eine ideale Geschichte ihrer Vorzeit, welche von den Anfängen der Dinge bis zu der Rückkehr der Herakliden als ununterbrochenes Ganze fortlief, für die Dichter und Künstler der edelste Stoff für alle ihre Schöpfungen und Uebungen, so weit sie einen historischen Inhalt hatten. Unter den Dichtern ist dabei vorzüglich auf die Lyriker und Dramatiker zu achten3. Bei jenen war das vorherrschende Motiv das subjective Element der Empfindung und des reflectirenden Unheils, indem diese Dichter häufig die reiferen Vorstellungen ihrer Zeit mit den Bildern der älteren Tradition auszugleichen suchten, in welcher Beziehung Stesichoros Epoche machte, indem er einen beträchtlichen Theil der Heldensage in chorischen Compositionen zu großen lebensvollen Bildern überarbeitet hatte. Für uns sind die Epinikien Pindars[4] die wichtigste Quelle dieser lyrischen Mythologie, von besonderem Interesse auch deshalb, weil man nirgends so deutlich wie aus diesen Gedichten sieht wie eng alle diese Sagen und Bilder mit dem wirklichen Nationalleben der Griechen verflochten, wie tief sie in alle Verhältnisse eingedrungen, wie gegenwärtig sie allen Kreisen und Ständen waren. Was das Drama betrifft so war dieses ja aus dem bacchischen Cultus hervorgegangen, daher es sich zunächst in diesem Sagenkreise bewegte. Aber sehr bald hat sich doch auch diese Gattung über die ganze Breite der mythischen Tradition ausgedehnt, so daß der gesammte Sagenvorrath, wie ihn das Epos oder die immer noch fortfließende Quelle der örtlichen Sage überlieferte, nun auch von diesen Dichtern aufs neue überarbeitet wurde. In religiöser und mythologischer Hinsicht der wichtigste ist unter ihnen Aeschylos, sowohl wegen seines tief frommen, noch ganz von der idealen Wahrheit der Mythen ergriffenen Gemüthes als wegen der trilogischen Composition seiner Stücke, mittelst welcher er größere mythologische Complexe in drei Tragödien und einem angehängten Satyrdrama in einer fortlaufenden dramatischen Darstellung zu umspannen pflegte. Dahingegen Sophokles sich besonders in die tragischen Momente der Heldensage des epischen Cyclus zu vertiefen und daraus die vollendetsten Lebens- und Characterbilder menschlicher Leidenschaft und menschlicher Hinfälligkeit zu schaffen liebte, während Euripides bei aller Größe seines außerordentlichen Talentes doch in mythologischer Hinsicht nicht mehr für eine reine Quelle gelten kann, da er die überlieferten Stoffe durch kühne Erfindungen und Deutungen im Geiste seiner Zeit nicht selten entstellt hat; in welcher Hinsicht ihm die späteren Dichter nur zu bereitwillig folgten. Neben den Tragikern haben sich dann auch die Komiker, besonders Epicharm und die Dichter der mittleren attischen Komödie, viel mit mythologischen Stoffen beschäftigt, meist in travestirender und parodirender Behandlung der dazu einladenden Götter- und Heldengeschichte, wie sich davon manche Spuren in der gewöhnlichen Tradition erhalten haben. Endlich müssen neben den Schöpfungen der Poesie auch alle Monumente der bildenden Kunst für eine außerordentlich wichtige Quelle des mythologischen Studiums gelten, sowohl wegen des außerordentlichen Reichthums der von ihnen überlieferten Bilderwelt als wegen der eigenthümlichen Bedingungen und Aufgaben, unter denen sie den Mythus auffaßten und ausdrückten. Was jenen betrifft so braucht man sich nur zu erinnern daß die Alten nicht allein ihre Tempel und öffentlichen Gebäude und zwar von außen und von innen mit Bildern und Gruppen aus der Götter- und Heroensage zu verzieren pflegten, sondern auch alle sonstigen Denkmäler des Cultus und der Geschichte, sammt den Gräbern und Sarkophagen, den Utensilien des täglichen Lebens, den Gemmen Münzen und Schmucksachen. Und diese Fülle von bildlichen Darstellungen der Mythologie ist vollends eine ganz überschwengliche geworden, seitdem mit den gemalten Vasen, wie sie sich in Italien und in anderen Gegenden so zahlreich gefunden haben und noch fortgesetzt finden, eine Klasse von Denkmälern aufgetaucht ist, deren Bilder hinsichtlich der mythologischen Thatsachen mannichfaltiger sind als alle übrigen und dabei über einen großen, ja den wichtigsten Zeitraum des antiken Kunst- und Religionslebens nach größtentheils rein griechischen Productionen einen Ueberblick gewähren. Das Verhältniß aber der bildlichen Kunstübung zum Mythus muß man sich nicht etwa so denken, als ob die Künstler wie unsere Kenntniß der Mythen lediglich oder hauptsächlich von den Dichtern abgehangen hätten. Vielmehr brachte ihre Stellung zu dem unmittelbaren Leben und seinen sehr verschiedenen Aufgaben, besonders zu dem örtlichen Cultus es von selbst mit sich daß ihnen die religiösen und mythologischen Traditionen auch aus manchen entlegneren Quellen zuflossen, und die sinnbildliche Natur ihrer Schöpfungen vergönnte ihnen so Manches auszudrücken, was sonst verloren gegangen wäre. Auch ist die poetische Ueberlieferung älterer Zeit so lückenhaft, daß jede Art von Ergänzung sehr willkommen ist, und wirklich verdanken wir namentlich den älteren Vasenbildern manchen Zug aus der griechischen Götterwelt und der epischen Sage, der sonst entweder ganz unbekannt geblieben wäre oder doch nicht in seiner vollen Bedeutung erfaßt werden könnte. Ueberall aber hing bei den Griechen das sinnliche und plastische Bild ihrer Götter und Heroen, wie es die alte Symbolik des Cultus gedacht, die epischen Dichter weiter ausgeführt, die Künstler der besten Zeit in idealen Gestalten fixirt hatten, mit ihrer mythischen Geschichte und deren religiöser Bedeutung so eng zusammen, daß eine Vervollständigung dieser Geschichte durch die entsprechenden Bilder der Kunstwelt in keiner Mythologie fehlen darf.

Fußnote

3 Die Fragmente der Lyriker sind citirt nach der Sammlung von Bergk, poetae lyrici gr. Lips. 1853 ed. 2, die der Tragiker nach der von Nauck, trag. gr. fragm. Lips. 1856, die übrigen Stellen der Dramatiker nach den Poet. Scen. Gr. ed. W. Dindorf, Lips. 1830.

6. Die übrige Litteratur.

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Die übrige Litteratur verhielt sich zu dem Mythus auf sehr verschiedene Weise, je nach den besonderen Zielen jeder Gattung, aber zu thun hatten alle mit ihm und bis auf die streng wissenschaftliche konnte ihn nicht leicht eine umgehen, so wichtig war er für das gesammte nationale Leben, sowohl als Vehikel der meisten religiösen Vorstellungen als weil er durch die Poesie und Kunst immer mehr zu einer überall gegenwärtigen Thatsache der Bildung und des Geschmacks geworden war. Die Dichter sangen und sammelten und überarbeiteten diese alten Fabeln immer von neuem, bis an die letzten Grenzen des Heidenthums und der alten Welt, wobei aus dem hellenistischen und römischen Zeitalter besonders solche Gedichte zu beachten sind, in denen entweder neue mythologische Stoffe oder neue Gesichtspunkte ihrer Ueberarbeitung zuerst zur Anwendung kamen, z. B. die Dichtung von den Metamorphosen, von den mythologischen Liebeshändeln, von den Sternbildern u. s. w. Die Geographen und Historiker erzählten, sichteten und deuteten, bald nach genealogischen bald nach chronologischen oder chorographischen Rücksichten, oder sie bemühten sich aus litterärischen und örtlichen Quellen die mythologische Tradition so vollständig als möglich zu sammeln, in welcher Beziehung aus älterer Zeit Pherekydes und Hellanikos, aus späterer die Atthiden-Schreiber und der große Haufe der Mythographen und Alterthümler zu bemerken sind. Unter den Geographen sind besonders Strabo und Pausanias wichtig, beide für die örtliche Kenntniß von Griechenland und der gräcisirten Welt, Pausanias dadurch daß er einen großen Theil des griechischen Mutterlandes unter den Antoninen bereiste, indem er die Merkwürdigkeiten der Religion und Kunst von Ort zu Ort beschrieb und die örtlichen Sagen und Legenden sammelte. Endlich die Philosophen verhielten sich zu den Mythen entweder abweisend und skeptisch, oder sie benutzten sie als bildlichen und biegsamen Stoff um durch Deutung und allegorische Erklärung ihre eigenen Meinungen damit zu unterstützen, wie die Pythagoreer, Plato und einige Akademiker, besonders die Stoiker, zuletzt die Neuplatoniker. Noch andere Philosophen oder Theologen, und diese sind für die Mythologie und noch mehr für die Religionsgeschichte von vorzüglicher Wichtigkeit, suchten auch wohl auf das religiöse Leben unmittelbar einzuwirken, indem sie den Gottesdienst in ihrem Sinne umzugestalten oder ausländische Culte einzuführen strebten, wohin namentlich diejenigen Dichter gehören, welche unter dem erborgten Namen alter mythischer Sänger ganze neue mythologische Systeme zum Behufe gewisser mysteriöser Religionsübungen schufen, besonders die Pythagoriker und Orphiker. Dahingegen andere Schriftsteller einer falschen Aufklärung zu Liebe von der gesammten Religion und Mythologie nachzuweisen suchten daß sie nichts weiter als eine künstliche Erfindung und der Kern davon eine einfache prosaische Geschichte sei, eine in der historischen Litteratur seit Ephoros sehr verbreitete Art die Mythen zu überarbeiten, welche man Pragmatismus nennt oder Euhemerismus, letzteres nach einem Schriftsteller der in dieser Manier am allerweitesten gegangen war. Ferner brachte es der litterarische Bedarf und der Unterricht von selbst mit sich daß eigene Hülfsbücher des mythologischen Studiums entstanden, unter denen die durch die ältere Mythographie der Griechen bestimmte Bibliothek des Apollodor und die meist aus dramatischen Dichtern geschöpften Fabeln Hygins die bekanntesten sind, abgesehen von so manchen anderen mythologischen Sammlungen und Abhandlungen, wie deren sehr verschiedenartige noch erhalten sind4. Endlich sind zu erwähnen die erklärenden Anmerkungen oder Scholien der Grammatiker zu den mythologischen Dichtern älterer und neuerer Zeit (Homer, Pindar, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Apollonios,. Rhodios, Theokrit, Virgil u. A.), von denen aus sonst verlorenen Schriftstellern manches Seltene gerettet ist.

Fußnote

4 Die kleinere griechische Litteratur dieser Art ist gesammelt von Th. Gale Opusc. Mythologica phys. et eth., Amstel. 1688, und von A. Westermann Μυϑογράφοι, Brunsv. 1843, vgl. auch L. Ann. Cornutus de Nat. Deorum ed. F. Osann, Gott. 1844. Die lateinische von Th. Muncker Mythographi lat., Amstelod. 1681. 2 Voll. und von G. H. Bode Scriptores rer. myth. lat. tres, Cell. 1834. 2 Voll.

7. Das mythologische Studium neuerer Zeit.

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