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Herbert Spencer (1820-1903) war einer der einflussreichsten englischen Philosophen, der vor allem durch seine wissenschaftlichen Schriften bekannt wurde. Zusammen mit Charles Darwin und Thomas Huxley war er für die Akzeptanz der Evolutionstheorie verantwortlich. Sein bekannter Aufsatz über Erziehung: Intellectual, Moral and Physical" gilt als eines der nützlichsten und tiefgründigsten Bücher, die zum Thema Bildung geschrieben wurden. Zusammen mit Charles Darwin und Thomas Huxley war er für die Akzeptanz der Evolutionstheorie verantwortlich. In Grundlagen der Philosophie (First Principles), unterschied Spencer die Phänomene von dem, was er als das Unerkennbare bezeichnete - eine unbegreifliche Macht oder Kraft, von der sich alles ableitet. Er beschränkte das Wissen auf die Phänomene, d. h. auf die Erscheinungsformen des Unwissbaren. Er vertrat die Ansicht, dass diese Erscheinungen von ihrem Ursprung aus einen Evolutionsprozess durchlaufen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Wir vergessen allzuoft, dass nicht allein „ein Geist des Guten in dem Übel ist“ (König Heinr. V., IV. Aufz., 1. Sc.), sondern sehr allgemein auch ein Geist der Wahrheit im Irrthum. Während viele die theoretische Wahrscheinlichkeit zugeben, dass eine Unrichtigkeit meist einen Kern von Wahrheit in sich schliesse, behalten nur wenige diese theoretische Wahrscheinlichkeit im Sinne, wenn sie über die Meinungen anderer ein Urtheil fällen. Eine Ansicht, von der sich schliesslich herausstellt, dass sie den Thatsachen gröblich widerspricht, wird mit Unwillen oder Verachtung bei Seite geworfen; und in der Hitze des Gegensatzes untersucht kaum Einer, was denn an dieser Ansicht war, wodurch sie sich dem Geiste der Menschen empfahl. Und doch muss etwas derartiges daran gewesen sein; und es ist Grund vorhanden zu vermuthen, das dieses Etwas in ihrer Übereinstimmung mit bestimmten Erfahrungen der Menge bestand: eine ausserordentlich beschränkte oder ungenaue Übereinstimmung vielleicht, aber immerhin eine Übereinstimmung. Selbst die absurdeste Nachricht kann beinah in jedem Falle auf einen thatsächlichen Vorfall zurückgeführt werden, und hätte kein solcher thatsächlicher Vorfall stattgefunden, so würde auch diese abgeschmackte Verdrehung desselben nie existirt haben. Wenn gleich das verzerrte oder vergrösserte Bild, das nur durch das brechende Medium des Gerüchtes übermittelt wird, noch so sehr der Wirklichkeit unähnlich ist: — bei Abwesenheit des Gegenstandes wäre eben gar kein verzerrtes oder vergrössertes Bild entstanden. Und so verhält sich’s mit den menschlichen Ansichten im Allgemeinen. Wie durchaus falsch sie auch immer erscheinen mögen, es liegt doch in ihrer Natur begründet, dass sie wirklichen Erfahrungen entsprangen, dass sie ursprünglich irgend einen kleinen Betrag von Wahrheit enthielten, — und vielleicht noch enthalten.
Ganz besonders können wir dies mit Recht annehmen, wenn es sich um Ansichten handelt, welche lange bestanden und weite Verbreitung gefunden haben, und vor Allem, wenn dieselben von jeher vorhanden und beinah oder ganz allgemein in Geltung sind. Die Voraussetzung, dass irgendeine landläufige Meinung nicht gänzlich falsch sei, gewinnt an Kraft im Verhältniss zur Zahl ihrer Anhänger. Wenn wir zugestehen, wie wir es müssen, dass das Leben unmöglich ist ohne eine gewisse Übereinstimmung zwischen inneren Überzeugungen und äusseren Umständen; wenn wir deshalb zugestehen, dass die Wahrscheinlichkeit immer zu Gunsten der Richtigkeit, oder wenigstens der theilweisen Richtigkeit einer Überzeugung spricht; so müssen wir auch zugeben, dass höchst wahrscheinlich die von vielen Menschen allgemein gehegten Überzeugungen auch irgendwie begründet sind. Die Elimination individueller Irrthümer im Denken muss dann dem schliesslichen Urtheil sogar nachträglich noch einen gewissen Werth beifügen. Es möchte zwar eingewendet werden, dass manche weit verbreitete Ansichten auf Treu und Glauben angenommen werden; dass diejenigen, welche sie behaupten, keine Versuche zu ihrer Bewahrheitung machen; und daraus könnte geschlossen werden, dass die Menge der Anhänger einer Ansicht nur wenig zur Erhöhung ihrer Wahrscheinlichkeit beitragen könne. Allein dies ist nicht richtig. Denn eine Ansicht, welche ohne kritische Prüfung eine ausgedehnte Aufnahme findet, beweist eben dadurch, dass sie mit den verschiedenen ändern Ansichten derjenigen, welche sie auf nehmen, eine allgemeine Übereinstimmung besitzt; und insofern als diese verschiedenen ändern Ansichten auf persönliche Beobachtung und Beurtheilung gegründet sind, liefern sie eine indirecte Bürgschaft für eine, welche mit ihnen harmonirt. Es mag sein, dass diese Bürgschaft von geringem Werthe ist; aber immerhin ist sie von gewissem Werth.
Könnten wir bestimmte Gesichtspunkte in dieser Sache gewinnen, sie würden uns von grossem Nutzen sein. Es ist wichtig, dass wir uns, wenn immer möglich, etwas wie eine allgemeine Theorie der gangbaren Meinungen bilden, so dass wir ihren Werth weder überschätzen noch unterschätzen. Wenn wir zu einem richtigen Urtheil über streitige Fragen kommen wollen, so hängt viel von der geistigen Haltung ab, welche wir beobachten, während wir dem Streite zuhören oder an demselben Theil nehmen; und zur Beobachtung einer richtigen Haltung ist es uns nöthig, zu wissen, in welchem Maasse wahr und ebenso in welchem Maasse unwahr die menschlichen Ansichten im Durchschnitt sind. Einerseits müssen wir uns frei halten von jenem inneren Druck zu Gunsten vorgefasster Meinungen, welcher sich ausspricht in Glaubenssätzen wie z. B.: „Was Jedermann sagt muss wahr sein“, oder „Volkes Stimme ist Gottes Stimme“. Andererseits darf uns die durch einen Überblick über die Vergangenheit enthüllte Thatsache, dass die grosse Menge gewöhnlich im Irrthum war, nicht blind machen gegen das ergänzende Factum, dass die grosse Menge gewöhnlich nicht gänzlich im Irrthum war. Und da die Vermeidung dieser beiden Extreme eine Vorbedingung des „rechtgläubigen Denkens“ ist, so werden wir gut thun, uns mit einem Talisman gegen dieselben zu versehen, indem wir eine theoretische Abschätzung der Meinungen vornehmen. Zu diesem Zwecke müssen wir die besonderen Beziehungen betrachten, welche gewöhnlich zwischen Ansichten und Thatsachen bestehen. Thun wir dies mit Bezug auf eine derartige Ansicht, welche unter verschiedenen Formen zu allen Zeiten und unter allen Völkern geherrscht hat.
Die ältesten Traditionen stellen die Herrscher als Götter oder Halbgötter dar. Die ersten Könige wurden von ihren Unterthanen als übermenschlich von Ursprung und übermenschlich von Gewalt angesehen. Sie besassen göttliche Namen, empfingen Unterwürfigkeitsbezeugungen ähnlich denjenigen, welche vor den Altären der Gottheiten dargebracht wurden, und wurden in manchen Fällen wirklich angebetet. Wenn es noch des Beweises bedarf, dass die den Monarchen ursprünglich zugeschriebenen göttlichen und halbgöttlichen Eigenschaften denselben buchstäblich zuerkannt wurden, so finden wir ihn in der Thatsache, dass es heute noch wilde Völkerstämme giebt, unter welchen der Satz gilt, dass die Häuptlinge und ihre Nachkommenschaft göttlichen Ursprungs seien, oder, wie bei anderen, dass nur die Häuptlinge Seelen besitzen. Und in der That bestand im Zusammenhang mit diesen Ansichten der Glaube an die unbegrenzte Gewalt des Herrschers über seine Unterthanen, an ein absolutes Eigenthumsrecht auf dieselben, das sich sogar auf die willkürliche Bestimmung über Leben und Tod derselben erstreckte: wie dies selbst heute ljoch auf den Fidschi-Inseln der Fall ist, wo das Schlachtopfer ungefesselt dasteht, um auf den Befehl seines Häuptlings getödtet zu werden, indem es selbst erklärt: „Was der König befiehlt, muss geschehen!“
In etwas weniger barbarischen Zeiten und Völkern finden wir diese Ansichten einigermaassen modificirt. Der Monarch, statt buchstäblich für einen Gott oder Halbgott gehalten zu werden, wird angesehen als ein Mensch, der göttliche Macht besitzt und vielleicht mehr oder weniger göttlicher Natur ist. Er behält gleichwohl, wie im Orient bis auf den heutigen Tag, die Titel, welche seine himmlische Abkunft oder Verwandtschaft bezeichnen, und er wird mit Ceremonien und Worten begrüsst so unterwürfig wie diejenigen, welche der Gottheit dargebracht werden; — während Leben und Eigenthum seines Volkes, wenn auch nicht mehr praktisch so vollständig in seiner Gewalt stehen, so doch theoretisch als ihm angehörig betrachtet werden.
Im weiteren Fortschritt der Civilisation, wie er sich während des Mittelalters in Europa vollzog, wurden die gangbaren Meinungen in Betreff der Beziehungen zwischen Herrschern und Beherrschten noch mehr verändert. Die Lehre vom göttlichen Ursprung wird durch diejenige vom göttlichen Rechte ersetzt. Fortan kein Gott noch Halbgott mehr, noch selbst ein Gottentsprossener, wird der König jetzt blos noch als einfacher Stellvertreter Gottes angesehen. Die Huldigungen, welche man ihm darbringt, sind nicht mehr so maasslos in ihrer Unterwürfigkeit, und seine geheiligten Titel verlieren viel von ihrer Bedeutung. Und noch mehr, seine Macht hört auf unbeschränkt zu sein. Seihe Untergebenen bestreiten ihm das Recht, nach Willkür über ihr Leben und Eigenthum zu verfügen, und lassen die Unter-thanenpflicht nur in Form des Gehorsams gegen seine Gebote gelten.
Mit der ferneren Ausbildung der politischen Anschauungen verband sich eine immer weiter gehende Einschränkung der HerrscherGewalt. Der Glaube an die übernatürlichen Eigenschaften des Herrschers, der z. B. von uns (den Engländern) vor langer Zeit schon aufgegeben war, hat sich einzig noch in der Neigung des Volkes erhalten, dem Monarchen ungewöhnliche Güte, Weisheit und Schönheit zuzuschreiben. Das Wort Loyalität, welches ursprünglich die vollständige Unterwerfung unter des Königs Willen bezeichnete, bedeutet heut zu Tage ein blos nominelles Bekenntniss der Unterordnung und die Erfüllung gewisser ehrerbietiger Formen. Unsere politische Praxis sowohl wie unsere politischen Theorien verwerfen durchaus jene königlichen Vorrechte, welche einst unbeanstandet galten. Indem wir einige stürzten und andere an ihre Stelle setzten, haben wir nicht allein die göttlichen Ansprüche gewisser Menschen auf die Herrschaft, sondern auch den Besitz irgendwelcher sonstigen Rechte, die nicht der Zustimmung des Volkes entsprungen wären, verneint. Obgleich unsere Redeformen und unsere Staatsurkunden noch die Unterwerfung der Bürger unter den Herrscher versichern, so bekräftigen doch unsere wirklichen Ansichten und unsere tägliche Handlungsweise stillschweigend das Gegentheil. Wir gehorchen keinen Gesetzen, wir hätten sie denn selbst gemacht. Wir haben den Monarchen vollständig der gesetzgebenden Gewalt entkleidet, und wir würden unverzüglich rebelliren gegen die Ausübung einer solchen Gewalt selbst in Dingen vom geringsten Belang. Kurz die ursprüngliche Lehre ist bei uns ihrem Erlöschen nahe.
Die Verwerfung der primitiven politischen Ansichten hat übrigens nicht allein die Übertragung der Autorität eines Selbstherrschers an eine stellvertretende Körperschaft zur Folge gehabt. Die Meinungen, welche gegenwärtig über Regierungen im Allgemeinen, sie seien von welcher Art sie wollen, gehegt werden, sind sehr verschieden von denjenigen, die früher galten. Sie mochten volksthümlich oder despotisch sein, den Obrigkeiten wurde in vergangenen Zeiten eine unbegrenzte Gewalt über ihre Unterthanen zugestanden. Die Individuen waren zum Nutzen des Staates da, nicht der Staat zum Nutzen der Individuen. In unsern Tagen dagegen ist nicht allein der Volkswille in manchen Fällen an die Stelle des königlichen Willens gesetzt, sondern die Ausübung dieses Volkswillens ist auch auf ein viel kleineres Gebiet eingeschränkt worden. Obgleich z. B. in England keine bestimmte Lehre ausgebildet worden ist, welche der Regierungsgewalt Grenzen setzte, so sind ihr doch in der Praxis verschiedene Schranken gezogen, welche stillschweigend von Allen anerkannt werden. Es existirt kein Gesetzesparagraph, welcher förmlich erklärte, die Gesetzgebung dürfe nicht frei über das Leben der Bürger verfügen, wie die alten Könige es thaten, wenn sie Hekatomben von Opfern schlachteten; aber wäre unsere gesetzgebende Behörde im Stande, so etwas zu versuchen, so würde vielmehr ihre eigene Vernichtung als diejenige der Bürger die Folge sein. Wie vollständig wir die persönlichen Freiheiten der Unterthanen gegen die Angriffe der Staatsgewalt sichergestellt haben, würde sich schnell zeigen, wenn vorgeschlagen würde, kraft eines ParlamentsBeschlusses gewaltsam von der Nation oder irgend einer Klasse derselben Besitz zu ergreifen und ihre Dienste zu öffentlichen Zwecken zu verwenden, wie die Dienste der Völker durch frühere Herrscher verwendet wurden. Und sollte irgend ein Staatsmann eine Wiedervertheilung des Eigenthums anrathen, wie sie mehrmals in alten demokratischen Gemeinwesen durchgeführt worden ist, das Volk würde sich einstimmig gegen diese Ausdehnung der Regierungsgewalt über den Privatbesitz erheben.
Jedoch nicht allein diese fundamentalen Ansprüche des Bürgers dem Staate gegenüber sind in unsern Tagen sicher gestellt worden, sondern ebenso viele von geringerem Belang. Vor langen Jahren schon kamen die Gesetze, welche Kleidung und Lebensweise regelten, ausser Geltung, und jeder Versuch zu ihrer Wiederbelebung würde den Nachweis liefern, dass die öffentliche Meinung solche Dinge für ausserhalb des Bezirkes gesetzlicher Controle liegend erachtet. Während mehrerer Jahrhunderte haben wir in der Praxis daran festgehalten und haben es nun auch theoretisch festgestellt, dass jeder Mensch das Eecht hat, seinen eigenen religiösen Glauben zu wählen, statt solche Glaubenssätze auf Staatsautorität hin anzunehmen. Innerhalb der letzten Generationen haben wir vollkommene Redefreiheit eingeführt, trotz aller gesetzgeberischen Versuche, sie zu unterdrücken oder zu beschränken. Und in noch neuerer Zeit haben wir die Freiheit, mit wem es uns immer gefällt Handel zu treiben, beansprucht und schliesslich auch mit wenigen ausnahmsweisen Beschränkungen erhalten. So weichen also unsere politischen Ansichten weit ab von den früheren, nicht allein in Bezug auf das geeignete Medium, in welchem die über eine Nation auszuübende Macht niedergelegt wird, sondern auch in Bezug auf die Ausdehnung dieser Macht.
Und selbst hier hat die Veränderung nicht Halt gemacht. Neben den Durchschnittsansichten, welche wir eben als die unter uns gangbaren aufgeführt haben, existirt eine weniger allgemein verbreitete Ansicht, die in derselben Richtung noch weiter geht. Man findet Leute, welche behaupten, dass die Machtsphäre der Regierung sogar noch enger beschränkt werden müsse, als sie es in England ist. Die moderne Lehre, dass der Staat zum Wohle der Bürger da ist, welche nun zum grössten Theil die alte Lehre, dass die Bürger zum Nutzen des Staates da seien, verdrängt hat, wollen sie bis zu ihren letzten logischen Consequenzen durchführen. Sie behaupten, dass die Freiheit der Individuen, beschränkt einzig durch die gleiche Freiheit anderer Individuen, geheiligt sei, und dass die Gesetzgebung denselben billigermaassen keine weiteren Beschränkungen auferlegen könne, sei es, indem sie irgendwelche Handlungen verbiete, welche das Gesetz der allgemeinen Gleichberechtigung erlaubt, sei es, indem sie denselben etwas von ihrem Eigenthum abfordere, ausgenommen soviel als nöthig ist, um die Kosten für die Inkraftsetzung dieses Gesetzes selbst zu decken. Sie behaupten, die einzige Aufgabe des Staates sei, die Personen vor einander und vor einem auswärtigen Feinde zu schützen. Und wie im Verlaufe der Civilisation sich ununterbrochen die Neigung gezeigt hat, die Freiheiten des Subjects auszudehnen und die Functionen des Staates zu begrenzen, so, folgern sie, werden sich schliesslich die politischen Verhältnisse der Art gestalten, dass die persönliche Gewalt möglichst gross, die Regierungsgewalt möglichst klein sei, der Art also, dass die Freiheit jedes Einzelnen keine andere Einschränkung finde, als die gleiche Freiheit Aller, während die einzige Pflicht der Regierung die Aufrechterhaltung dieser Grenze sei.
Wir finden sonach zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten eine grosse Mannigfaltigkeit von Meinungen bezüglich des Ursprungs, der Machtsphäre und der Aufgaben der Regierung, Meinungen, deren Hauptgattungen, wie sie oben angedeutet wurden, in unzählige Arten zerfallen. Was kann nun über die Richtigkeit oder die Unrichtigkeit dieser Meinungen ausgesagt werden? Mit Ausnahme einiger weniger barbarischer Stämme wird die Vorstellung, dass der Monarch ein Gott oder Halbgott sei, als eine Absurdität betrachtet, die beinah die Grenzen der menschlichen Leichtgläubigkeit übersteigt. In wenigen Gegenden nur erhält sich noch eine unbestimmte Idee davon, dass der Herrscher irgendwelche übernatürliche Attribute besitze. Die meisten civilisirten Gemeinwesen, welche noch das göttliche Recht der Obrigkeit anerkennen, haben schon längst das göttliche Recht der Könige verworfen. Anderswo ist selbst der Glaube, dass an gesetzlichen Verordnungen irgendetwas Geheiligtes sei, im Aussterben begriffen: man fängt an, die Gesetze blos als etwas Conventionelles zu betrachten, — während die extremste Schule lehrt, dass die Regierung weder an und für sich irgendwelche Macht besitze, noch ihr durch Übereinkunft eine Macht übertragen werden könne; dass sie vielmehr eine Macht nur inne haben könne als Verwalterin jener moralischen Principien, welche von den nothwendigen Grundbedingungen des socialen Lebens ableitbar sind. Werden wir nun von diesen verschiedenen Ansichten mit ihren zahllosen Modificationen behaupten, dass eine derselben allein vollständig richtig und alle ändern durchaus falsch seien? oder müssen wir sagen, dass jede etwas Wahres enthält, das mehr oder weniger durch Irrthümer entstellt ist? Die letztere Alternative wird uns von einer genaueren Untersuchung aufgezwungen werden. Mögen sie auch, jede für sich, denjenigen, welche nicht unter ihnen erzogen worden sind, lächerlich erscheinen, jede dieser Lehren enthält doch als Lebenselement die Erkenntniss irgendeiner unbestreitbaren Thatsache. Direct oder indirect verlangt jede derselben eine gewisse Unterordnung individueller Handlungen unter sociale Forderungen. Es bestehen grosse Verschiedenheiten bezüglich der Gewalt, welcher diese Unterordnung zukommt; es bestehen grosse Verschiedenheiten bezüglich der Motive dieser Unterordnung, grosse Verschiedenheiten bezüglich ihrer Ausdehnung; aber alle stimmen darin überein, dass eine gewisse Unterordnung stattfinden müsse. Von der ältesten und rohesten Idee über Unterthanenpflicht herunter bis zur fortgeschrittensten politischen Theorie unserer Tage findet sich völlige Einstimmigkeit in Betreff dieses Punktes. Obgleich zwischen dem Wilden, welcher glaubt, dass sein Leben und Eigenthum unter der Willkür seines Häuptlings stehe, und dem Anarchisten, welcher jeder Regierung, sei sie autokratisch oder demokratisch, das Recht bestreitet, seine individuelle Freiheit einzudämmen, auf den ersten Blick ein vollständiger und unversöhnlicher Widerspruch zu bestehen scheint, so weist doch die genaue Untersuchung bei beiden die fundamentale Gemeinsamkeit der Meinung nach, dass es Grenzen giebt, welche die individuellen Handlungen nicht überschreiten dürfen, Grenzen, deren Begründung der Eine in des Königs Willen, der Andere in den billigen Ansprüchen der Mitbürger zu finden glaubt.
Es mag vielleicht auf den ersten Blick scheinen, als ob wir hier zu einer sehr unerheblichen Schlussfolgerung gekommen seien, zu der nämlich, dass eine gewisse stillschweigende Voraussetzung in gleicher Weise in allen diesen widerstreitenden politischen Glaubenssätzen enthalten sei, eine Voraussetzung, welche in der That von selbstverständlicher Gültigkeit ist. Es handelt sich jedoch nicht um den Werth oder die Neuheit der besondern Wahrheit, zu der wir jetzt gelangt sind. Mein Endzweck war, die allgemeinere Wahrheit in’s Licht zu setzen, welche wir zu übersehen geneigt sind, dass zwischen den entgegengesetztesten Ansichten gewöhnlich etwas Gemeinsames besteht, Etwas was von jeder als sicher angenommen wird, und dass man dieses Etwas wenn auch nicht als unbestreitbare Wahrheit aufstellen, so doch wohl als. das höchst wahrscheinlich Richtige ansehen darf. Einem Postulate aber, welches wie das oben angeführte nicht bewussterweise ausgesprochen, sondern ganz unbewusst gestellt wird, und zwar gestellt wird nicht durch einen Menschen oder eine Gesellschaft von Menschen, sondern durch zahlreiche menschliche Gesellschaften, welche bezüglich ihrer übrigen Ansichten in zahllosen Richtungen und Graden auseinandergehen: einem solchen Postulat ist der Vorrang gesichert vor jedem ändern, das irgend sonstwie vorgebracht werden könnte. Und wenn wie in diesem Falle das Postulat abstract ist, nicht auf eine concrete, der ganzen Menschheit gemeinsame Erfahrung sich gründet, sondern eine Induction aus einer grossen Mannigfaltigkeit von Erfahrungen voraussetzt, so können wir behaupten, dass es an Gewissheit den Po-stulaten der exacten Wissenschaften zunächst steht.
Auf diese Weise gelangen wir zu einer Verallgemeinerung, welche uns stets als Richtschnur dienen kann, wenn wir nach „dem Geist der Wahrheit im Irrthum“ suchen. Wenn die vorhergehende Auseinandersetzung die Thatsache in’s klare Licht setzt, dass in Ansichten, welche durchaus und im höchsten Grade falsch zu sein scheinen, doch ein kleiner Betrag von Wahrheit entdeckt werden kann, so zeigt sie uns auch die Methode, welche wir bei der Aufsuchung dieses kleinen Betrages von Wahrheit befolgen müssen. Diese Methode ist: alle Ansichten von derselben Gattung zu vergleichen, jene mannigfaltigen speciellen und concreten Elemente, in welchen solche Ansichten sich widersprechen, da sie sich gegenseitig mehr oder weniger aufheben, auf die Seite zu schaffen; zu beobachten, was nach Beseitigung der gegensätzlichen Bestandtheile übrig bleibt, und für diesen übrig bleibenden Factor einen abstracten Ausdruck zu finden, welcher sich in allen seinen auseinandergehenden Abänderungen als der richtige bewährt.
Die aufrichtige Annahme dieses allgemeinen Grundsatzes und die Befolgung des Weges, welchen derselbe vorzeichnet, werden uns von grossem Nutzen sein bei der Betrachtung jener chronischen Gegensätze, durch welche die Menschen geschieden werden. Indem wir denselben nicht allein auf allgemein gangbare Ideen anwenden, die uns nicht persönlich berühren, sondern auch auf unsere eigenen Ideen und diejenigen unserer Gegner, werden wir dazu gelangen, viel richtigere Urtheile zu fällen. Wir werden stets bereit sein, zu vermuthen, dass die von uns verfochtenen Überzeugungen nicht gänzlich richtig, und dass die gegnerischen Überzeugungen nicht gänzlich falsch sein möchten. Wir werden einerseits nicht, wie es die grosse Menge der Gedankenlosen thut, unsere Ansichten dadurch bestimmen lassen, dass wir zufällig gerade in diesem Zeitalter und auf diesem besondern Fleck der Erdoberfläche geboren sind; und anderseits werden wir dadurch vor jenem Fehler des oberflächlichen geringschätzenden Absprechens bewahrt bleiben, in welchen gewöhnlich diejenigen verfallen, die sich das Ansehen unabhängiger Kritiker geben.
Von allen Gegensätzen in den Ansichten ist der älteste, verbreitetste, tiefste und wichtigste derjenige zwischen Religion und Wissenschaft. Derselbe erhob sich, als die Erkenntniss der einfachsten Gleichförmigkeiten in den umgebenden Dingen dem ursprünglich allgemeinen Fetischismus eine Grenze setzte. Er zeigt sich überall im Gebiete des menschlichen Wissens: von ihm sind die Menschen beeinflusst bei der Erklärung der einfachsten mechanischen Vorgänge sowohl wie der complicirtesten Erscheinungen in der Völkergeschichte. Er wurzelt tief in den verschiedenen Gewohnheiten des Denkens bei den mannigfaltigen Gemüthsarten. Und die widerstreitenden Auffassungen von Natur und Leben, welche diese verschiedenen Denkweisen jeweils erzeugen, üben ihren guten oder schlechten Einfluss auf die Grundstimmung des Gefühls und die tägliche Handlungsweise aus.
Ein unaufhörlicher Meinungskampf wie der, welcher durch alle Jahrhunderte hindurch unter den Bannern der Religion und der Wissenschaft geführt worden ist, hat natürlicherweise eine Erbitterung hervorgerufen, welche einer gerechten Würdigung jeder Partei durch die andere sehr hinderlich ist. In höherem Grade als irgendein anderer Streit bildet dieser eine Illustration im grössten Maassstab für jene stets bedeutsame Fabel von den Rittern, die sich um die Farbe eines Schildes schlagen, von welchem keiner mehr als die eine Seite angesehen hat. Jeder Kämpfende, klar seine eigene Anschauungsweise der Frage überblickend, legt seinem Gegner Dummheit oder Unredlichkeit zur Last, weil er die Sache nicht von derselben Seite ansieht, während keiner die Aufrichtigkeit hat, auf seines Gegners Seite hinüberzugehen, um ausfindig zu machen, wie es kam, dass dieser Alles so verschieden anschaute.
Glücklicherweise entfalten unsere Zeiten eine zunehmende Gleichartigkeit des Fühlens, welche wir gut thun werden so weit zu führen, als unsere Natur es nur erlaubt. In demselben Verhältniss, als wir mehr die Wahrheit und weniger den Sieg lieben, werden wir auch immer mehr bemüht sein, zu erfahren, was es sein könnte, wodurch unsere Gegner veranlasst werden, so zu denken, wie sie es thun. Wir werden zu vermuthen anfangen, dass die Hartnäckigkeit der Meinung, welche sie an den Tag legen, bedingt sein müsse durch die Wahrnehmung von Etwas, was wir nicht wahrgenommen haben; und wir werden uns bestreben, den Antheil von Wahrheit, den wir gefunden haben, durch den von jenen entdeckten Antheil zu ergänzen. Indem wir eine mehr vernunftgemässe Schätzung der menschlichen Autorität anstellen, werden wir die Extreme von ungebührlicher Unterwürfigkeit sowohl als von ungebührlicher Auflehnung vermeiden, — werden wir nicht die Urtheile der einen als durchaus richtig, die der ändern als durchaus falsch betrachten, sondern uns vielmehr auf den eher zu verteidigenden Standpunkt zu stellen suchen, dass keine vollständig wahr und keine vollständig unwahr sei.
Betrachten wir denn, so viel als möglich diese unparteiische Haltung beobachtend, die beiden Seiten dieser grossen Streitfrage. Indem wir uns vor der Macht der Erziehung in Acht nehmen und den Einflüsterungen sectirerischer Gelüste kein Gehör schenken, wollen wir erwägen, welche Wahrscheinlichkeitsgründe a priori zu Gunsten der einen und der ändern Partei sprechen.
Der oben erläuterte allgemeine Grundsatz muss uns, wenn richtig angewendet, zu der Voraussetzung führen, dass die mannigfaltigen Formen religiösen Glaubens, welche existirt haben und noch existiren, alle eine gemeinsame Grundlage in irgendeiner letzten Thatsache haben. Um nach der Analogie zu schliessen: es ergiebt sich von selbst, nicht dass eine derselben durchaus richtig sei, sondern dass in jeder etwas Richtiges sich finde, das mehr oder weniger durch falsche Zugaben verdeckt ist. Es mag wohl der Geist der Wahrheit, der in irrthüm-lichen Glaubenssätzen enthalten ist, den meisten wenn nicht allen seinen Verkörperungen sehr unähnlich sein; und in der That, wenn derselbe, wie wir mit Recht erwarten dürfen, sehr viel abstracter ist als irgendeine der letzteren, so folgt schon daraus nothwendig seine Ungleichheit. Aber wie abweichend von ihren concreten Darstellungen sie auch sei, irgendeine wesentliche Wahrheit müssen wir darin zu finden erwarten. Die Annahme, dass diese vielgestaltigen Vorstellungen sämmtlich ganz und gar grundlos seien, stellt denn doch dem allgemeinen Menschenverstand, welcher sich ja in jedem individuellen Verstände forterbt, ein viel zu schlechtes Zeugniss aus.
Dieser ganz allgemeine Grund wird nun durch einige speciellere noch mehr befestigt. Der Voraussetzung, dass eine Anzahl verschiedener Meinungen von derselben Gattung irgendwelche gemeinsame tatsächliche Grundlage haben, muss in diesem Falle eine weitere Voraussetzung zugefügt werden, die sich von der allgemeinen Verbreitung dieser Meinungen ableitet. Religiöse Ideen der einen oder ändern Art sind beinah, wenn nicht durchaus, überall zu finden. Wäre es selbst richtig, dass, wie behauptet worden ist, Völkerstämme existiren, die nichts besitzen, was einer Schöpfungstheorie nahe käme; wäre es selbst richtig, dass erst, wenn eine gewisse Stufe der Intelligenz erreicht ist, die rudimentärsten Theorien dieser Art zum Vorschein kommen: die Folgen sind praktisch dieselben. Wird zugestanden, dass bei allen Rassen, welche eine gewisse Stufe der geistigen Entwickelung überschritten haben, unbestimmte Begriffe über den Ursprung und das verborgene Wesen der umgebenden Dinge sich vorfinden, so folgt daraus unmittelbar, dass solche Begriffe notwendige Producte des intellectuellen Fortschrittes sind. Ihre unendliche Mannigfaltigkeit dient blos dazu, den Schluss zu befestigen; denn sie zeigt uns eine mehr oder weniger unabhängige Entstehung derselben; sie zeigt uns, wie an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten gleiche Bedingungen zu einer ähnlichen Gedankenrichtung geführt haben, die auf analoge Resultate hinauslief. Dass diese zahllosen verschiedenen und doch verwandten Erscheinungen, wie sie alle Religionen dar stellen, zufällig oder künstlich hervorgerufen seien, ist eine unhaltbare Annahme. Eine aufrichtige Untersuchung der Thatsachen widerlegt vollständig die von Einigen aufgestellte Behauptung, dass Glaubenssätze priesterliche Erfindungen seien. Selbst vom Standpunkt einer blossen Wahrscheinlichkeitsfrage aus kann man vernünftigerweise nicht schliessen, dass in jeder vergangenen oder gegenwärtigen, wilden oder civilisirten Gesellschaft gewisse Mitglieder übereingekommen wären, die übrigen zu betrügen, und zwar auf so analogem Wege. Sollte aber Jemand behaupten, es sei irgendeine primitive Erdichtung von einer primitiven Priesterschaft ersonnen worden, bevor noch das Menschengeschlecht sich von einem gemeinsamen Mittelpunkt aus zerstreut habe, so liefert die Philologie die Widerlegung; denn die Philologie weist nach, dass die Zerstreuung des Menschengeschlechts begonnen hat, noch ehe eine Sprache existirte, welche genügend ausgebildet gewesen wäre, um religiöse Ideen auszudrücken. Ohnedies ist die Hypothese von einem künstlichen Ursprung, wäre sie auch sonst haltbar, nicht im Stande, die Thatsachen zu begründen: sie erklärt nicht, warum, trotz aller Wandelungen der Form, gewisse Elemente des religiösen Glaubens unverändert bleiben; sie zeigt uns nicht, wie es kam, dass, während die gegnerische Kritik von Jahrhundert zu Jahrhundert geschäftig war, einzelne theologische Dogmen zu zerstören, dies Alles die fundamentale Vorstellung nicht zerstört hat, welche diesen Dogmen zu Grunde liegt. Sie lässt uns ohne irgendwelche Aufklärung über den auffallenden Umstand, dass, wenn nationale Glaubenssätze in Folge der Absurditäten und Missbräuche,' die sich um sie herum angesammelt hatten, allgemein in Misscredit gerathen waren, was schliesslich zu Indifferentismus oder zu gänzlicher Verläugnung derselben führte, doch immer nach und nach eine Wiederbelebung derselben erfolgte, wenn auch nicht der Form, so doch dem Wesen nach den früheren gleich. — So vereinigen sich die allgemeine Verbreitung religiöser Ideen, ihre unabhängige Entwickelung unter verschiedenen Urvölkern und ihre grosse Lebensfähigkeit, um darzuthun, dass ihre Quelle nicht an der Oberfläche, sondern vielmehr sehr tief liegen müsse. Mit ändern Worten: wir müssen zugeben, dass dieselben, wenn sie nicht übernatürlichen Ursprungs sind, wie die Meisten behaupten, dann jedenfalls von allmälig gehäuften und entwickelten menschlichen Erfahrungen abzuleiten sind.
Wenn man aber behauptet, religiöse Ideen seien Producte des religiösen Gefühls, welches, um sich selbst zu genügen, sich Vorstellungen bildet, die es nachher in die Aussen weit versetzt und nach und nach für Eealitäten ansieht, so ist dadurch die Frage nicht gelöst, sondern nur weiter zurückverlegt. Ob nun das Bedürfniss der Erzeuger des Begriffs sei, oder ob Gefühl und Idee gemeinsame Abkunft haben, in jedem Falle entsteht die Frage: woher kommt das Gefühl? Dass es eine wesentliche Eigenschaft der menschlichen Natur ist, liegt in dieser Hypothese und kann auch von denen nicht geläugnet werden, welche andere Hypothesen vorziehen. Und wenn das religiöse Gefühl, das gewöhnlich bei der Mehrzahl der Menschen zu Tage tritt und gelegentlich auch bei denen geweckt wird, welche desselben zu entbehren scheinen, unter die menschlichen Erregungen gerechnet werden muss, dann dürfen wir es vernünftigerweise nicht ignoriren. Wir sind verpflichtet, seinem Ursprung und seiner Bedeutung nachzuforschen. Wir haben da eine Eigenschaft, welche, um wenig zu sagen, einen ungeheuern Einfluss gehabt, welche während der ganzen Vergangenheit, soweit die Geschichte zurückreicht, eine bedeutende Rolle gespielt hat und gegenwärtig das Lebensprincip ist für viele Einrichtungen, welche die Veranlassung zu fortwährenden Streitigkeiten und den Antrieb zu zahllosen täglichen Handlungen liefert. Jede „Lehre von den Dingen“, welche diese Eigenschaft nicht berücksichtigt, muss hienach höchst mangelhaft sein. Wenn auch aus keinem ändern Grunde, als weil es eine Frage der Philosophie ist, sind wir verpflichtet, zu sagen, welches die Bedeutung dieses Attributes sei; und wir können die Frage nicht ablehnen, ohne unsere Philosophie für incompetent zu erklären.
Zwei Annahmen nur stehen uns offen: entweder dass das Gefühl, welches den religiösen Ideen entspricht, ebenso wie alle ändern menschlichen Fähigkeiten durch einen besondern Schöpfungsact entstanden, oder dass es, in Übereinstimmung mit allen übrigen, aus einem Entwickelungsprocess hervorgegangen sei. Wenn wir die erste dieser beiden Alternativen annehmen, wie es allgemein unsere Vorfahren thaten und die ungeheure Mehrzahl unserer Zeitgenossen noch thut, so ist die Sache aufs kürzeste erledigt: der Mensch ist unmittelbar durch den Schöpfer mit dem religiösen Gefühl begabt worden, und diesem Schöpfer entspricht es, seiner Bestimmung gemäss. Nehmen wir aber die zweite Alternative an, so stossen wir auf die Fragen: welchen Umständen ist die Entstehung des religiösen Gefühls zuzuschreiben? — und: was ist sein Zweck? Wir sind verpflichtet, diese Fragen aufzuwerfen, und wir sind verpflichtet, Antworten auf dieselben zu finden. Indem wir, wie wir es bei dieser Annahme thun müssen, alle Fähigkeiten betrachten als hervorgegangen aus gehäuften Veränderungen, welche durch die Beziehungen des Organismus zu seiner Umgebung verursacht wurden, müssen wir auch einräumen, dass in dieser Umgebung gewisse Erscheinungen oder Bedingungen existiren, welche das Wachsthum des fraglichen Gefühls bestimmt haben, und damit geben wir zu, dass es so normal ist wie jedes andere Vermögen. Dazu kommt, dass, da nach der Hypothese von der Entwickelung niedrigerer Formen zu höheren das Endziel, nach welchem die fortschreitenden Veränderungen unmittelbar oder mittelbar hinstreben, Anpassung an die Anforderungen der Existenz sein muss, wir auch gezwungen sind, daraus zu folgern, dass dieses Gefühl auf irgendeine Weise zur Wohlfahrt der Menschheit beiträgt. So laufen schliesslich beide Alternativen auf dieselbe Folgerung hinaus. Wir müssen schliessen, dass das religiöse Gefühl entweder direct oder durch die langsame Thätigkeit natürlicher Ursachen geschaffen wurde, und welchen von diesen Schlüssen wir auch annehmen mögen, jeder fordert von uns, dass wir das religiöse Gefühl mit der gehörigen Rücksicht behandeln.
Eine weitere Betrachtung darf nicht übersehen werden, — eine Betrachtung, auf welche ganz besonders diejenigen, welche die Wissenschaften studiren, hinzu weisen sind. Mit festgestellten Wahrheiten beschäftigt und gewohnt, noch unerforschte Dinge anzusehen als Dinge, die später werden erforscht werden, sind sie sehr geneigt, zu vergessen, dass die Erkenntniss, wie umfassend sie auch sein mag, nie die forschende Frage zufrieden stellen kann. Positives Wissen füllt nie die ganze Sphäre des möglichen Denkens aus und kann sie nie ausfüllen. An der äussersten Grenze der Entdeckungen wird sich uns immer die Frage erheben: was liegt jenseits? Wie wir nicht im Stande sind, uns eine Grenze des Raumes zu denken, dergestalt, dass die Vorstellung von dem Raum, der jenseits dieser Grenze liegt, ausgeschlossen wäre, so können wir uns keine Erklärung denken, erschöpfend genug, um die Frage auszuschliessen: welches ist die Erklärung dieser Erklärung? Wenn wir das Wissen als eine stetsfort wachsende Kugel betrachten, so können wir behaupten, dass jede Yergrösserang ihrer Oberfläche sie nur in noch umfänglichere Berührung mit dem umgebenden Nicht-Wissen bringt. Es müssen deshalb immer zwei entgegengesetzte Ajten von geistiger Thätigkeit bestehen: in allen künftigen Zeiten so gut wie jetzt wird der menschliche Geist sich nicht allein mit sicher ermittelten Erscheinungen und ihren Beziehungen beschäftigen, sondern auch mit jenem unbestimmten Etwas, welches von den Erscheinungen und ihren Beziehungen ausgefüllt wird. Wenn also das Wissen nicht Alleinherrscher im Reiche des Bewusstseins sein kann, wenn für den Geist immer die Möglichkeit vorhanden sein muss, auf jenem Gebiet zu verweilen, welches jenseits des Wissens liegt, dann kann es auch nie an Raum fehlen für ein Ding von der Art der Religion, da eben die Religion unter jeder Form von allen ändern Dingen darin sich unterscheidet, dass ihr Hauptgegenstand dasjenige ist, was den Bereich der Erfahrung überschreitet.
Wie unhaltbar also auch manche oder alle existirenden religiösen Glaubenssätze, wie plump auch die Abgeschmacktheiten sein mögen, die sich mit ihnen verbinden, wie unvernünftig auch die Argumente, die zu ihrer Yertheidigung vorgebracht werden: wir dürfen doch die Wahrheit nicht unbeachtet lassen, welche allem Anschein nach in denselben verborgen liegt. Die allgemeine Wahrscheinlichkeit, dass ein weit verbreiteter Glaube nicht vollkommen grundlos sei, wird in diesem Falle durch die fernere Wahrscheinlichkeit verstärkt, welche aus dem allgemeinen Vorhandensein dieses Glaubens hervorgeht. In der Existenz eines religiösen Gefühls, welches auch sein Ursprung sei, haben wir ein zweites Zeugniss von grossem Gewicht. Und da jenes Nichtwissen, welches stets als Gegensatz zum Wissen bestehen muss, das Gebiet für die Entfaltung dieses Gefühls ist, so finden wir darin eine dritte allgemeine Thatsache von grösser Bedeutung. Demnach können wir sicher sein, dass die Religionen, obgleich auch nicht eine derselben wirklich wahr sein mag, doch alle wenigstens Schattenbilder einer Wahrheit sind.
Wie es der Religiöse für verkehrt hält, die Religion irgendwie rechtfertigen zu wollen, so erscheint dem wissenschaftlich Gebildeten eine Yertheidigung der Wissenschaft absurd. Und doch ist das letztere gewiss ebenso nöthig wie das erstere. Wenn es einerseits eine Klasse von Leuten giebt, die, voll Verachtung für ihre Abgeschmackt heiten und voll Ekel über ihre Verderbniss, gegen die Religion eine feindselige Haltung zu behaupten sich angewöhnt haben, welche sie die fundamentale Wahrheit übersehen lässt, die in derselben steckt; so giebt es anderseits eine Klasse, die sich durch die zerstörende Kritik, welche die Männer der Wissenschaft gegen religiöse Grundsätze ausüben, die sie für wesentlich hält, in solchem Grade beleidigt fühlt, dass sich in ihr ein starkes Vorurtheil gegen die Wissenschaft im Allgemeinen festgesetzt hat. Sie sind nicht mit irgendwelchen anerkannten Gründen für ihren Widerwillen ausgerüstet; sie erinnern sich einfach der harten Schläge, welche die Wissenschaft gegen manche der von ihnen hoch gehaltenen Überzeugungen geführt hat, und hegen den Verdacht, dieselbe möchte vielleicht am Ende noch Alles ausrotten, was sie für heilig ansehen; und so flösst sie ihnen einen sonderbaren geheimen Schrecken ein.
Was ist Wissenschaft? Um das Absurde des Vorurtheils gegen dieselbe einzusehen, bedarf es blos der Bemerkung, dass Wissenschaft einfach eine höhere Entwickelung des alltäglichen Wissens ist, und dass, wenn man die Wissenschaft verwirft, zugleich mit ihr auch alle Kenntnisse verworfen werden müssen. Der bigotteste Mensch wird nichts Verdächtiges hinter der Beobachtung finden, dass die Sonne im Sommer früher auf- und später untergeht, als im Winter; er wird vielmehr eine solche Beobachtung als ein nützliches Mittel zur richtigen Erfüllung der täglichen Pflichten ansehen. Nun denn, die Astronomie ist eine organisirte Sammlung von ähnlichen Beobachtungen, mit grösserer Feinheit angestellt, auf eine grössere Zahl von Objecten ausgedehnt und dergestalt miteinander verbunden, dass sie uns die wirkliche Ordnung der Himmel erkennen lassen und unsere falschen Vorstellungen davon zerstreuen. Dass Eisen in Wasser rostet, dass Holz brennt, dass lange aufbewahrte Speisen faul werden: der ängstlichste Sectirer wird dies ohne Beunruhigung lehren, als Dinge, nützlich zu wissen. Aber das sind chemische Wahrheiten; die Chemie ist eine geordnete Sammlung solcher Thatsachen, die mit Sorgfalt ermittelt und so classificirt und zusammengestellt sind, dass sie uns ermöglichen, mit Bezug auf jede einfache oder zusammengesetzte Substanz mit Gewissheit vorauszusagen, welche Veränderungen unter gegebenen Bedingungen in ihr vor sich gehen werden. Und so verhält es sich mit allen Wissenschaften. Sie entkeimen sämmtlich den Erfahrungen des täglichen Lebens; mit ihrem allmäligen Waclisthum ziehen sie unmerklich immer entferntere, zahlreichere und complicirtere Erfahrungen in ihren Bereich, und unter diesen ermitteln sie Gesetze der gegenseitigen Abhängigkeit, ähnlich denjenigen, welche unsere Kenntniss der gewöhnlichsten Dinge ausmachen. Nirgends vermag man eine Linie zu ziehen und zu sagen: hier beginnt die Wissenschaft. Und wie es die Aufgabe der alltäglichen Beobachtungen ist, als Richtschnur unsers Handelns zu dienen, ebenso ist die Regelung unserer Handlungen die Aufgabe der abgelegensten und abstractesten Untersuchungen der Wissenschaft. Durch die zahllosen industriellen Processe und die mannigfaltigen Möglichkeiten der Ortsveränderung, welche die Physik uns verschafft hat, regulirt sie vollständiger unser sociales Leben, als die Vertrautheit eines Wilden mit den Eigenschaften der umgebenden Dinge sein Leben regelt. Anatomie und Physiologie modificiren durch ihren Einfluss auf die Praxis der Medicin und Gesundheitspflege unsere Handlungen beinah ebensosehr, wie es unsere Bekanntschaft mit den bösen und guten Einflüssen thut, welche die gewöhnlich wirksamen Agentien auf unsern Körper ausüben. Alle Wissenschaft ist Vorhersehen; und alles Vorhersehen verhilft uns schliesslich in höherem oder geringerem Grade dazu, das Gute zu thun und das Böse zu meiden. So gewiss als die Wahrnehmung eines auf unserm Pfade liegenden Gegenstandes uns warnt, darüber zu stolpern, ebenso gewiss warnen uns jene complicirteren und feineren Wahrnehmungen, welche eben die Wissenschaft darstellen, davor, über Hindernisse zu stolpern, welche sich der Verfolgung unserer entfernten Ziele entgegenstellen. Da sie also ihrem Ursprung und ihrer Bedeutung nach eins sind, so müssen die einfachsten und die complicirtesten Formen der Erkenntniss auch auf gleiche Weise beurtheilt werden. Wir sind verpflichtet, entweder auch die höchste Erkenntniss anzuerkennen, welche unsere Fähigkeiten zu erreichen vermögen, oder zugleich mit ihr auch jenes spärliche Wissen, das Gemeingut Aller, zu verwerfen. Es giebt keine andere logische Alternative, als entweder unser Wissen in seinem ganzen Umfange gelten zu lassen, oder selbst jenes unbedeutendste Wissen zurückzuweisen, das uns mit den Wilden gemein ist.
Wenn man aber die Frage aufwirft, welche sich unmittelbar auf unsere Behauptungen bezieht: ob die Wissenschaft ihrem Wesen nach überhaupt wahr sei? — so lautet dies fast, als früge man, ob die Sonne Licht spende. Und gerade weil die theologische Partei sich bewusst ist, wie unerschütterlich fest die meisten Sätze der Wissenschaft stehen, betrachtet sie dieselben mit so grossem heimlichem Bangen. Sie wissen, dass während der zweitausend Jahre des Heranwachsens derselben einige ihrer bedeutenderen Zweige — Mathematik, Physik, Astronomie — der strengen Kritik der aufeinanderfolgenden Generationen unterworfen gewesen sind und dass trotzdem ihre Grundlagen nur immer sicherer befestigt wurden. Sie wissen, dass, sehr im Gegensatz zu manchen ihrer eigenen Lehren, welche einstmals allgemein angenommen waren, aber im Laufe der Zeiten immer häufiger in Zweifel gezogen worden sind, die Lehren der Wissenschaft, anfangs auf wenige vereinzelte Forscher beschränkt, nach und nach zu allgemeiner Verbreitung gelangt sind und gegenwärtig zum grössten Theil für unanfechtbar gelten. Sie wissen, dass die Männer der Wissenschaft auf der ganzen Welt ihre Resultate gegenseitig der genauesten Prüfung unterwerfen, und dass jeder Irrthum unbarmherzig an’s Licht gezogen und, sobald er entdeckt ist, auch zurückgewiesen wird. Sie wissen endlich, dass ein noch entscheidenderes Zeugniss die tägliche Bestätigung der wissenschaftlichen Voraussagungen ist und der nie endende Triumph jener Künste, welche von der Wissenschaft geleitet werden.
Mit Misstrauen anzusehen, was solch gewichtige Beglaubigung aufzuweisen hat, ist thöricht. Obgleich die Vorkämpfer der Religion in dem Tone, welchen manche Herren der Wissenschaft gegen sie anschlagen, einige Entschuldigung für dieses Misstrauen finden mögen, so ist die Entschuldigung doch immerhin eine sehr ungenügende. Für ihre eigene Partei, sowie für diejenige der Wissenschaft, müssen sie zugestehen, dass Fehler der Advocaten nicht eigentlich gegen die Sache zeugen, welche vertheidigt wird. Die Wissenschaft muss für sich beurtheilt werden; und von diesem Gesichtspunkte aus ist nur der verdrehteste Kopf im Stande, nicht einzusehen, dass sie aller Ehrerbietung würdig ist. Mag es nun noch irgendeine andere Offenbarung geben oder nicht, wir haben eine wirkliche Offenbarung in der Wissenschaft, eine fortwährende Enthüllung der gesetzmässigen Ordnung des Universums durch die Vernunft, mit der wir begabt sind. Und die Pflicht eines Jeden ist es, diese Enthüllung zu prüfen, soweit er es vermag, und nachdem er sie wahr erfunden, sie in aller Demuth anzunehmen.
Beiden Parteien in diesem grossen Processe muss also einiges Recht zugesprochen werden. Eine unbefangene Betrachtung der wesentlichen Züge der Religion zwingt uns zu dem Schlüsse, dass dieselbe, überall vorhanden wie ein rother Faden, der sich durch das Gewebe der menschlichen Geschichte hindurchzieht, irgendeine ewige Wahrheit ausdrücken muss; und anderseits ist es beinah ein Gemeinplatz zu nennen, wenn man die Wissenschaft mit einem organisirten Bau von Wahrheiten vergleicht, der immer höher wächst und immer vollständiger von Irrthümern sich reinigt. Und wenn beide in der Wirklichkeit der Dinge ihre Wurzel haben, so muss zwischen ihnen auch eine fundamentale Harmonie bestehen. Es ist eine unannehmbare Hypothese, dass es zwei Arten von Wahrheit gebe, die in absolutem und immerwährendem Gegensatz zu einander stehen. Höchstens in irgendeiner manichäischen Lehre, welche in unsern Kreisen keiner offen zu bekennen wagt, wie sehr auch seine Ansichten davon inficirt sein mögen, ist solch eine Voraussetzung einigermaassen begreiflich. Dass die Religion von Gott und die Wissenschaft vom Teufel sei, ist eine Behauptung, die sich zwar hinter mancher clericalen Philippika versteckt, die aber doch selbst der wüthendste Fanatiker nackt auszusprechen nicht über sich gewinnen kann. Und wer das nicht behauptet, der muss zugeben, dass unter ihrem scheinbaren Widerspruch eine völlige Übereinstimmung verborgen liegt.
Jedes Heerlager hat demnach die Ansprüche des ändern, dass es für Wahrheiten einstehe, die nicht ignorirt werden dürfen, anzuerkennen. Derjenige, welcher die Welt vom religiösen Standpunkt aus ansieht, muss einsehen lernen, dass was wir Wissenschaft nennen einer der wesentlichen Bestandtheile des Ganzen ist und zum mindesten mit einem Gefühl betrachtet werden sollte ähnlich demjenigen, welches die sterblichen Überreste eines Menschen erregen. Während anderseits der, welcher die Welt vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ansieht, einsehen lernen muss, dass was wir Religion nennen gleichfalls ein wesentlicher Bestandtheil des grossen Ganzen ist und als solcher wie ein wissenschaftliches Objekt mit keinem grösseren Vorurtheil betrachtet werden darf, als irgendein anderes Ding. Es geziemt sich für jede Partei, dass sie sich bestrebe, die andere zu verstehen, in der Überzeugung, dass an der ändern Etwas zu finden, was des Verständnisses würdig ist, und in der Überzeugung, dass bei gegenseitiger gerechter Anerkennung dieses Etwas die Grundlage einer vollständigen Versöhnung bilden wird.
Wie ist dies Etwas zu finden? — wie sind jene zu versöhnen? — das ist das Problem, welches wir mit Beharrlichkeit zu lösen versuchen werden. Nicht um einen faulen Frieden zu stiften, nicht um einen jener Compromisse zu finden, wie wir sie von Zeit zu Zeit vorschlagen hören, welche aber von den Urhebern selbst im Geheimen als künstlich und vorübergehend empfunden werden; sondern um zu den Bedingungen einer wirklichen und dauerhaften Versöhnung derselben zu gelangen. Was wir ausfindig machen sollen, ist jene höchste Wahrheit, welche beide mit völliger Aufrichtigkeit, ohne irgendwelchen geistigen Hinterhalt bekennen. Wir wollen keine Concessionen, wollen nicht, dass die eine Partei etwas einräume, was sie nach nnd nach wieder beanspruchen könnte; der gemeinsame Boden, auf dem sie sich begegnen, soll vielmehr derart sein, dass ihn beide als den ihrigen behaupten können. Wir müssen eine Grundwahrheit entdecken, welche die Religion mit dem grössten Nachdruck aussprechen wird in Abwesenheit der Wissenschaft, und welche die Wissenschaft mit dem grössten Nachdruck aussprechen wird in Abwesenheit der Religion, eine Grundwahrheit, bei deren Yertheidigung sie sich beide als Bundesgenossen treffen sollen.
Oder von einem ändern Gesichtspunkt aus betrachtet: unser Ziel muss sein, die scheinbar entgegengesetzten Principien, welche in Religion und Wissenschaft zur Verkörperung gelangt sind, in Einklang zu bringen. Stets hat die Verschmelzung gegensätzlicher Ideen, deren jede ihren Antheil an Wahrheit enthält, eine höhere Entwickelung zur Folge gehabt. Wie in der Geologie ein rascher Fortschritt Platz griff, als die vulcanistischen und die neptunistischen Hypothesen vereinigt wurden; wie wir in der Biologie anfangen vorwärts zu kommen Dank der Fusion der Lehre von den Typen mit der Lehre von der Anpassung; wie in der Psychologie das gehemmte Wachsthum wiederbeginnt, seitdem die Schüler von Kant und die von Locke je ihre eigene Anschauungsweise in der Theorie wiedergefunden haben, dass organisirte Erfahrungen die Formen des Denkens hervorbringen; wie wir in der Sociologie jetzt, wo sie einen bestimmten Charakter anzunehmen beginnt, wahrnehmen, dass die beiden Parteien des Fortschritts und der Ordnung gegenseitig anerkennen, dass jede eine Wahrheit vertheidige, welche die nothwendige Ergänzung der von der ändern Partei verteidigten bilde; so muss es in noch höherem Maasse mit Religion und Wissenschaft der Fall sein. Auch hier müssen wir uns nach einer Darstellung umsehen, welche die Resultate beider combinirt, und auch hier dürfen wir von ihrer Combination wichtige Erfolge erwarten. Zu begreifen, wie Religion und Wissenschaft verschiedene Seiten desselben Dinges darstellen, die eine seine entferntere oder unsichtbare, die andere seine nächstliegende oder sichtbare Seite, das ist’s, was wir anstreben müssen; und die Erreichung dieses Zieles muss unsere allgemeine Theorie von den Dingen bedeutsam verändern.
Schon im Bisherigen haben wir die Methode, wie eine solche Versöhnung zu finden sei, in groben Zügen skizzirt.-Bevor wir aber weiter gehen, möchte es am Platze sein, die Frage wegen der Methode noch bestimmter zu fassen. Um jene Wahrheit zu entdecken, in welcher Religion und Wissenschaft in eins verschmelzen, müssen wir erst wissen, in welcher Richtung wir darnach auszuschauen haben und von welcher Art diese Wahrheit etwa sein könnte.
Wir haben a priori Grund gefunden zu glauben, dass in allen Religionen, selbst den rohesten, eine fundamentale Wahrheit verborgen liege. Wir haben geschlossen, dass diese fundamentale Wahrheit jenes allen Religionen gemeinsame Element sei, welches übrig bleibt, wenn ihre verschiedenen Besonderheiten allseitig gestrichen worden sind. Und wir haben weiter geschlossen, dass das Element beinah nothwendig von abstracterer Natur sein muss, als irgendeine religiöse Lehre. Und jetzt ist uns klar geworden, dass Religion und Wissenschaft wiederum in irgendeinem gründlich abstracten Satze ihren gemeinsamen Boden erblicken können. Weder solche Dogmen, wie diejenigen der Trinitarier und Unitarier, noch irgendein Begriff wie derjenige von der Versöhnung, mag er auch allen Religionen gemeinsam sein, kann die geforderte Grundlage der Verständigung darstellen; denn die Wissenschaft kann derartige Glaubensmeinungen nicht anerkennen, sie liegen jenseits ihrer Sphäre. .Wir ersehen hieraus, dass nicht allein, schon nach einfacher Analogie zu schliessen, die in der Religion enthaltene Grundwahrheit jenes möglichst abstracte Element sein muss, das alle ihre verschiedenen Formen durchdringt, sondern auch, dass dies möglichst abstracte Element wahrscheinlich das einzige ist, worin Religion und Wissenschaft überhaupt übereinstimmen.
Ebenso nun, wenn wir von der ändern Seite anfangen und untersuchen, welche wissenschaftliche Wahrheit Wissenschaft und Religion vereinigen kann. Es leuchtet von selbst ein, dass die Religion von speciell wissenschaftlichen Lehren keine Notiz nehmen kann, sowenig als die Wissenschaft von speciell religiösen Doctrinen Notiz nimmt. Die Wahrheit, auf welche die Wissenschaft einen Wechsel ausstellt, den auch die Religion anerkennt, kann nicht von der Mathematik geliefert werden, auch kann sie keine physikalische Wahrheit sein, noch auch eine aus der Chemie; es kann keine Wahrheit sein, welche einem besondern Wissenschaftszweige angehört. Keine Verallgemeinerung der Erscheinungen des Raumes, der Zeit, des Stoffes oder der Kraft kann je zur religiösen Vorstellung werden. Eine solche Vorstellung, vorausgesetzt, dass sie überhaupt in der Wissenschaft existirt, muss allgemeiner sein als alle jene, muss ihnen allen zu Grunde liegen. Wenn es Etwas gibt, was die Religion gemeinschaftlich mit der Wissenschaft anerkennt, so muss es jene Thatsache sein, von welcher die einzelnen Zweige der Wissenschaft wie von ihrer gemeinsamen Wurzel auseinandergehen.
Da wir also voraussetzen, dass, weil doch diese beiden grossen Realitäten wesentliche Bestandtheile eines und desselben Geistes ausmachen und blos verschiedenen Anschauungsweisen des Universums entsprechen, eine fundamentale Harmonie zwischen ihnen bestehen müsse, so haben wir völlig zureichenden Grund, zu schliessen, dass die abstracteste Wahrheit, die in der Religion, und die abstracteste Walyheit, die in der Wissenschaft enthalten ist, jene Eine sein wird, in welcher beide übereinstimmen. Die allgemeinste Thatsache, die wir im Umkreise unsers geistigen Besitzes entdecken können, muss diejenige sein, welche wir suchen. Da sie diesen positiven und negativen Pol des menschlichen Denkens vereinigen soll, muss sie die höchste und letzte Thatsache unseres Bewusstseins darstellen.
Bevor wir aber zur Aufsuchung dieser gemeinschaftlichen Thatsache übergehen, muss ich den Leser um einige Geduld bitten. Die nächsten drei Capitel, die von verschiedenen Punkten ausgehend auf denselben Schluss hinzielen, werden verhältnissmässig wenig anziehend sein. Wer sich mit Philosophie beschäftigt hat, wird darin Manches finden, was ihm mehr oder weniger geläufig ist; und den meisten von denen, welche mit der Literatur der modernen Metaphysik nicht vertraut sind, wird es einige Schwierigkeit machen, zu folgen.
Der Gang unserer Beweisführung kann aber diese Capitel nicht überspringen, und das Gewicht der Frage, um die es sich handelt, würde auch eine höhere Besteuerung der Aufmerksamkeit des Lesers rechtfertigen. Die Sache ist von der Art, dass sie einen Jeden von uns in höherem Maasse in Mitleidenschaft zieht, als irgendeine andere. Denn obwohl sie uns direct wenig betrifft, so muss doch der Standpunkt, auf den wir gelangen, indirect grossen Einfluss auf alle unsere Beziehungen ausüben, muss unsere Auffassung des Universums, des Lebens, der menschlichen Natur bestimmen, muss unsere Begriffe von Gut und Böse beeinflussen und so unser Handeln modificiren. Die Erreichung jenes Gesichtspunktes, von welchem aus die scheinbare Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft verschwindet und beide in Eines zusammenfliessen, muss eine Revolution unserer Gedanken verursachen, fruchtbar an wohlthätigen Folgen, muss also gewiss einiger Anstrengung werth sein.
Indem wir damit die Vorbemerkungen abschliessen, wollen wir uns nun zu dieser höchst wichtigen Untersuchung selbst wenden.
Wenn wir am Meeresnfer stehen und bemerken, wie der Eumpf von entfernten Schiffen unter dem Horizont verborgen ist, und wie von noch weiter entfernten Schiffen nur die obersten Segel sichtbar sind, so machen wir uns mit erträglicher Klarheit eine Vorstellung von der sanften Krümmung des Theiles der See, welcher gerade vor uns liegt. Aber wenn wir mit unserm inneren Auge diese gekrümmte Oberfläche in ihrer wirklichen Gestalt zu verfolgen versuchen, wie sie sich allmälig rund herumbiegt, bis alle ihre Meridiane sich in einem Punkte schneiden, welcher 8000 (engl.) Meilen unter unsern Füssen liegt, so gerathen wir in ziemliche Verlegenheit. Wir sind nicht im Stande, das kleine Segment unserer Erdkugel, das sich hundert Meilen weit von uns aus nach allen Seiten hin erstreckt, in seiner wirklichen Gestalt und Grösse uns vorzustellen; noch viel weniger natürlich den Erdball als Ganzes. Der Felsblock, auf dem wir stehen, kann mit annähernder Vollständigkeit geistig wiedergegeben werden: wir finden, dass wir fähig sind, zu gleicher Zeit an seine Spitzen, seine Seiten und seine Grundfläche zu denken, oder wenigstens so näherungsweise zu gleicher Zeit, dass sie im Bewusstsein alle zusammen gegenwärtig zu sein scheinen; und so können wir uns bilden, was wir eine Vorstellung von dem Felsen nennen. Aber dasselbe mit der Erde zu thun, stellt sich als unmöglich heraus. Wenn es schon ausser unserer Macht liegt, uns die Antipoden an jener entfernten Stelle des Eaumes zu denken, die sie in Wirklichkeit einnehmen, wie viel mehr muss es ausser unserer Macht liegen, uns alle ändern entfernten Punkte auf der Erdoberfläche an ihren wirklichen Orten vorzustellen! Und doch drücken wir uns gewöhnlich so aus, als hätten wir eine Vorstellung von der Erde, als könnten wir an dieselbe denken in gleicher Weise, wie wir an kleinere Gegenstände denken.
Was für eine Vorstellung machen wir uns denn aber von ihr? wird der Leser fragen. Dass ihr Name einen bestimmten Zustand unseres Bewusstseins verursacht, ist unzweifelhaft; und wenn dieser Zustand des Bewusstseins keine Vorstellung ist, was man so zu bezeichnen pflegt, was ist er dann? Die richtige Antwort scheint folgende zu sein: Wir haben auf indirectem Wege erfahren, dass die Erde eine Kugel ist; wir haben Modelle gemacht, welche annähernd ihre Gestalt und die Yertheilung ihrer einzelnen Theile wiedergeben; — ist nun im Allgemeinen von der Erde die Rede, so denken wir entweder an eine in’s Unbegrenzte ausgedehnte Masse zu unsern Füssen, oder aber wir nehmen von der wirklichen Erde Umgang und denken an einen Körper von der Gestalt eines Erdglobus. Wenn wir uns jedoch die Erde so vorzustellen suchen, wie sie tatsächlich ist, dann vereinigen wir diese beiden Begriffe, so gut wir eben können: die Wahrnehmung, wie sie uns unsre Augen von der Erdoberfläche übermitteln, verschmelzen wir mit der Vorstellung von einer Kugel. Und so bilden wir uns von der Erde nicht eine Vorstellung im eigentlichen Sinne, sondern blos eine symbolische Vorstellung.
Ein grösser Theil unserer Vorstellungen, besonders alle jene von grösser Allgemeinheit, ist von dieser Art. Grosse Räume, grosse Zeiten, grosse Zahlen werden in keinem Falle wirklich vorgestellt, sondern sämmtlich mehr oder weniger symbolisch; und ebenso verhalten sich auch alle jene Classen von Dingen, von denen wir etwas Gemeinsames aussagen. Wenn ein einzelner Mensch erwähnt wird, so machen wir uns eine erträglich vollständige Idee von ihm; wenn von der Familie, welcher er angehört, gesprochen wird, so werden wir uns wahrscheinlich nur einen Theil derselben in Gedanken vorstellen: da wir unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten genöthigt sind, was von der Familie ausgesagt wird, so realisirt unsere Einbildungskraft nur ihre wichtigsten oder bekanntesten Glieder und geht über den Rest hinweg mit einer Art von unentwickeltem Bewusstsein, von dem wir wissen, dass es nöthigenfalls vervollständigt werden könnte. Wird Etwas ausgesagt von der Classe, der Bauern z. B., welcher diese Familie angehört, so zählen wir weder alle die Individuen in Gedanken auf, welche in der Classe enthalten sind, noch glauben wir, dass wir dasselbe, wenn es gefordert würde, zu thun vermöchten, sondern wir begnügen uns damit, einige wenige Beispiele herauszugreifen und uns dabei zu erinnern, dass dieselben ins Unendliche verlnehrt werden könnten. Ist aber das Subject, von welchem Etwas ausgesagt wird, z. B. „die Engländer“, so repräsentirt der demselben entsprechende Bewusstseinszustand mit noch viel geringerer Genauigkeit die Realität. Noch entfernter ist die Aehnlichkeit zwischen Begriff und Ding, wenn von Europäern oder menschlichen Wesen die Bede ist. Und wenn wir zu Behauptungen kommen, welche sich auf die Säugethiere beziehen, oder auf das ganze Reich der Wirbelthiere, oder auf die Thiere im Allgemeinen, oder auf alle organischen Wesen, dann erreicht die Unähnlichkeit zwischen unsern Vorstellungen und den erwähnten Objecten den höchsten Grad. Aus dieser Reihe von Beispielen ersehen wir aber, dass in demselben Verhältnisse, wie die Zahl der in Gedanken zusammengruppirten Objecte an wächst, auch die Skizze, welche sich aus wenigen typischen Beispielen, verbunden mit dem Begriff der Vielheit zusammensetzt, mehr und mehr ein blosses Symbol wird, nicht allein weil sie allmälig aufhört, die Grösse der Gruppe wiederzugeben, sondern auch weil, je verschiedenartiger die Gruppe wird, desto weniger auch die vorgestellten typischen Beispiele der Durchschnittsform der Objecte gleichen, welche die Gruppe enthält.
Dieses Bilden von symbolischen Vorstellungen, welche unausweichlich Platz greift, sobald wir von kleinen und concreten zu grossen und discreten Objecten übergehen, ist zumeist ein sehr nützlicher und in der That notwendiger Process. Wenn wir statt mit Dingen, deren Attribute ziemlich leicht in einem einzigen Bewusstseinszustand vereinigt werden können, mit Dingen zu thun haben, deren Attribute zu ausgedehnt oder zu zahlreich sind, um sich in dieser Weise vereinigen zu lassen, so müssen wir entweder in Gedanken einen Theil ihrer Attribute fallen lassen oder dann gar nicht an sie denken, uns entweder eine mehr oder weniger symbolische Vorstellung oder aber gar keine Vorstellung davon bilden. Wir dürfen von Objecten, die zu gross oder vielzählig sind, um geistig vorgestellt zu werden, gar nichts aussagen, oder aber wir müssen unsere Aussagen machen mit Hülfe von äusserst inadäquaten Vorstellungen solcher Objecte, von blossen Symbolen derselben.
Aber indem wir durch diesen Process allein in den Stand gesetzt sind, allgemeine Urtheile zu bilden und zu allgemeinen Schlüssen zu gelangen, werden wir durch denselben auch fortwährend in Gefahr gebracht und sehr häufig zum Irrthum verführt. Wir pflegen meist unsere symbolischen Vorstellungen für wirkliche anzusehen, und lassen uns so zu zahllosen falschen Schritten verleiten. Nicht genug dass, in demselben Maasse als das Bild, welches wir uns von einem Ding oder einer Classe von Dingen machen, eine falsche Darstellung der Wirklichkeit ist, wir auch Gefahr laufen, über diese Wirklichkeit Falsches auszusagen: wir lassen uns auch zu der Voraussetzung verführen, als hätten wir uns in der Tliat Vorstellungen von einer grossen Mannigfaltigkeit von Dingen gebildet, die wir blos auf diese trügliche Weise wahrgenommen haben; und sogar dazu, mit diesen Dingen gewisse andere zusammenzuwerfen, welche überhaupt nicht vorgestellt werden können. Wie beinah unvermeidlich wir in diesen Fehler verfallen, wird hier auszuführen am Platze sein.
Von Objecten, die leicht in ihrem vollen Umfange vorstellbar sind, bis zu solchen, von denen wir uns selbst nicht eine annähernde Vorstellung machen können, findet ein ganz unmerklicher Uebergang statt. Zwischen einem Kieselstein und der ganzen Erde kann eine Reihe von Grössen eingeschoben werden, deren jede von den benachbarten so wenig differirt, dass es unmöglich wäre, anzugeben, an welcher Stelle in der Reihe unsere Vorstellungen davon inadäquat geworden sind. Ebenso findet ein allmäliges Fortschreiten statt von jenen Gruppen von wenigen Individuen, welche wir mit erträglicher Vollständigkeit als Gruppe zusammenfassen können, bis zu jenen grössern und grössern Gruppen, von welchen wir uns auch nicht die Spur eines richtigen Begriffes zu bilden vermögen. Es ist somit klar, dass wir von den wirklichen zu den symbolischen Vorstellungen auf unendlich kleinen Stufen ansteigen. Dazu kommt nun, dass wir uns verleiten lassen, mit unsern symbolischen Vorstellungen zu verfahren, als wären sie wirkliche, nicht allein weil wir beide nicht deutlich zu trennen vermögen, sondern auch weil in der grossen Mehrzahl der Fälle die ersteren für unsere Zwecke beinah oder ganz eben so gut verwendbar sind wie die letzteren, blos die abgekürzten Zeichen darstellen, welche wir für jene ausführlicheren Zeichen substituiren, die unsere Aequivalente der wirklichen Objecte sind. Jene höchst unvollständigen Vorstellungen von einfachen Dingen, welche wir gewöhnlich beim Denken bilden, sind wir sicher, nötigenfalls in vollgültige umwandeln zu können. Die Vorstellung von beträchtlicheren Grössen aber und von umfänglicheren Classen, welche wir nicht vollgültig zu machen vermögen, lassen sich doch, wie wir uns bewusst sind, leicht durch irgend einen indirecten Process der Messung oder Zählung verificiren. Und selbst wenn es sich um ein so durchaus unvorstellbares Object wie das Sonnensystem handelt, gewinnen wir doch, vermöge des Eintreffens gewisser Voraussagungen, welche wir auf unsere symbolische Vorstellung davon gegründet hatten, die Ueberzeugung, dass diese symbolische Vorstellung eine wirkliche Existenz vertritt und in gewissem Sinne für einige von deren wesentlichen Beziehungen der getreue Ausdruck ist. Da sich also unsere symbolischen Vorstellungen in der Mehrzahl der Fälle zu vollständigen entwickeln lassen und sie in den meisten anderen Fällen als Stufen dienen zu Schlüssen, deren Eichtigkeit durch ihre Uebereinstimmung mit der Beobachtung geprüft wurde, so hat sich bei uns die Gewohnheit ganz festgesetzt, sie als wahre Vorstellungen zu behandeln, als reelle Darstellungen der Wirklichkeit. Indem wir durch lange Erfahrung uns versichert haben, dass sie jederzeit auf Verlangen verificirt werden können, sind wir dazu gekommen, sie gewöhnlich ohne Verification anzunehmen. Und so öffnen wir manchen die Thür, welche vorgeben, bekannte Dinge zu repräsentiren, welche aber in Wirklichkeit Dinge darstellen, die auf keine Weise erkannt werden können.
Fassen wir die Eesultate zusammen: Wir müssen von den Vorstellungen im Allgemeinen sagen, dass sie nur dann vollständig sind, wenn die Attribute des vorgestellten Objects von solcher Zahl und Art sind, dass dieselben im Bewusstsein sämmtlich schnell genug wiedergegeben werden können, um alle zusammen gegenwärtig zu erscheinen; dass, sowie die vorgestellten Objecte grösser und complicirter werden, einige der Attribute, an die zuerst gedacht worden war, aus dem Bewusstsein verschwinden, bevor der Eest vorgestellt werden konnte, und so die Vorstellung unvollständig wird; dass wenn die Grösse, Complicirtheit oder Verschiedenartigkeit des vorgestellten Objectes sehr bedeutend wird, nur ein kleiner Theil seiner Attribute auf einmal gedacht werden kann, also die davon gebildete Vorstellung so inadäquat wird, dass sie nur mehr ein Symbol ist; dass nichtsdestoweniger solche symbolische Vorstellungen, ohne die man überhaupt beim Denken gar nicht auskommt, berechtigt sind, sofern wir durch irgendeinen cumulativen oder indirecten Denkprocess, oder durch die Erfüllung von darauf gegründeten Voraussagungen uns versichern können, dass sie Wirklichkeiten vertreten; dass aber, wenn unsere symbolischen Vorstellungen derart sind, dass weder ein cumulativer oder indirecter Denkprocess uns in den Stand setzen kann, das Vorhandensein von entsprechenden Eealitäten zu bestimmen, noch auch irgendwelche Voraussagungen gemacht werden können, deren Erfüllung dies beweisen würde, dass dieselben dann durchaus mangelhaft und täuschend sind und sich in keiner Weise von blossen Trugbildern unterscheiden.
Und nun zur Betrachtung der Tragweite dieser allgemeinen Wahrheit in Bezug auf unser specielles Thema: Die religiösen Grundbegriffe.
Dem Urmenschen sowohl wie jedem civilisirten Kinde drängt sich das Käthsel des Weltalls von selbst auf. „Was ist es? und woher kommt es?“ — sind Fragen, welche nach Lösung verlangen, so oft der Geist sich hie und da über die alltäglichen Kleinigkeiten erhebt. Um dies Yacuum im Denken zu füllen, erscheint jede beliebige vorgeschlagene Theorie geeigneter als gar keine. Und wenn andere mangeln, so fasst die erste beste vorgeschlagene Theorie leicht Fuss, und von nun an behauptet sie ihren Boden zum Theil in Folge der Geneigtheit der Menschen, die zunächst liegenden Erklärungen anzunehmen, zum Theil in Folge der Autorität, welche sich rasch um solche Erklärungen ansammelt, sobald sie einmal gegeben sind.
Eine kritische Untersuchung wird jedoch zeigen, dass nicht allein keine der gangbaren Hypothesen haltbar ist, sondern dass eine haltbare Hypothese überhaupt nicht gebildet werden kann.
