Grundwissen Konfessionskunde - Gisa Bauer - E-Book

Grundwissen Konfessionskunde E-Book

Gisa Bauer

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Beschreibung

Konfessionskunde leicht gemacht Alle christlichen Kirchen reklamieren für sich, "apostolisch" zu sein und drücken damit den Anspruch aus, den Anfängen des christlichen Glaubens auch heute treu zu sein. Dadurch sind sie in ihrer Selbstwahrnehmung eine oder sogar "die" "wahre" Kirche. Was allerdings unter "Apostolizität" verstanden wird ist in den einzelnen Kirchen unterschiedlich. Im Laufe der Geschichte haben sich drei Grundformen davon entwickelt. Sie bilden die Leitlinie des "Grundwissens Konfessionskunde". Da "Apostolizität" ein zentraler Aspekt kirchlicher Identität ist, ergeben sich daraus organisch weitere konfessionelle Spezifika. Diese sind für die Gestaltung ökumenischer Zusammenarbeit in der Gegenwart von wesentlicher Bedeutung. Mit der Leitlinie "Apostolizität" gelingt es, keine nur aneinanderreihende Beschreibung verschiedener Kirchen zu bieten, sondern eine in der konfessionskundlichen Darstellung singuläre Kohärenz zu erzielen. So wird ein tieferes Verständnis für die einzelnen christlichen Kirchen in ihrer historischen Genese und heutigen theologischen Existenz ermöglicht.

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Seitenzahl: 742

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dr. habil. Gisa Bauer / Dr. Paul Metzger

Grundwissen Konfessionskunde

 

 

© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen www.narr.de • [email protected]

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

 

Print-ISBN 978-3-8252-5254-0

ePub-ISBN 978-3-8463-5254-0

Inhalt

Vorwort1 Einleitung1.1 Einführung in das Fach Konfessionskunde1.2 Konfessionskundliche Systematisierung1.3 Die Realisierung der Apostolizität als Zugang der Konfessionskunde1.4 Die Herausforderung der Konfessionskunde in der GegenwartWeiterführende Literatur2 Die Ausdifferenzierung des Christentums im Überblick2.1 Die ersten vier Jahrhunderte2.2 Die christologischen Auseinandersetzungen und das Konzil von Chalcedon 4512.3 Die Trennung der Ost- und Westkirche2.4 Die orthodoxen Kirchen unter islamischer Herrschaft2.5 Die Kirche des Westens im Mittelalter2.6 Die Reformation2.7 Die Entwicklungen im 16. und 17. Jahrhundert2.8 Konfessionelle Aufbrüche im 18. und 19. JahrhundertWeiterführende Literatur3 Die personelle apostolische Sukzession3.1 Die Römisch-katholische Kirche3.1.1 Die Realisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen3.1.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung3.1.3 Die wichtigsten LebensvollzügeWeiterführende Literatur3.2 Die Altkatholische KircheWeiterführende Literatur3.3 Die Orthodoxe Kirche3.3.1 Die Realisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen3.3.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung3.3.3 Orthodoxe Kirchen3.3.4 Die wichtigsten LebensvollzügeWeiterführende Literatur3.4 Die Anglikanische Gemeinschaft3.4.1 Die Realisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen3.4.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung3.4.3 Die wichtigsten LebensvollzügeWeiterführende Literatur4 Die inhaltliche apostolische Sukzession: Die evangelische Konfessionsfamilie4.1 Die Realisierung der Apostolizität: Theologische Grundlagen4.1.1 Ekklesiologie4.1.2 Amtsverständnis4.1.3 Die geistliche Ordnung der Kirche4.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung4.2.1 Die Wittenberger Reformation4.2.2 Die Zürcher Reformation4.2.3 Die Täuferbewegung4.2.4 Die Genfer Reformation4.2.5 Das Landesherrliche Kirchenregiment und seine konfessionelle Bedeutung4.2.6 Das Verhältnis von Landes- und Freikirchen in Deutschland4.3 Evangelische Kirchen und Bewegungen4.3.1 Kirchen des Landeskirchentums4.3.2 Freie Kirchen und StrömungenWeiterführende Literatur5 Die persönliche Apostolizität: Die Neuapostolische Kirche5.1 Die Realisierung der ApostolizitätEin eigener Typ von Apostolizität5.2 Besonderheiten der historischen Entwicklung5.3 Die wichtigsten LebensvollzügeWeiterführende Literatur6 Ausblick6.1 Die Bedeutung der kirchlichen Positionierung zu Frauenordination, Homosexualität und Schriftverständnis6.1.1 Frauenordination als Thema der Kirchen und Konfessionsfamilien6.1.2 Homosexualität als Thema der Kirchen und Konfessionsfamilien6.1.3 Die Heilige Schrift und ihre (Be-)Deutung6.2 Die Bedeutung ethischer Kontroversen für Ökumene und KonfessionskundeLiteraturverzeichnisSachregister

Vorwort

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.

(J.W. von Goethe, Faust 1, Studierzimmer II, 2039–2040)

Das Leben ist immer größer als die Wissenschaft. Das gilt für die Theologie im Allgemeinen, aber es gilt insbesondere für die KonfessionskundeKonfessionskunde. Denn gerade auf dem Feld der gelebten ReligionReligion gibt es nichts, was es nicht gibt. Das ist uns vollkommen bewusst und es erstaunt uns nicht, dass das, was wir und alle Leserinnen und Leser mit und in den Kirchen erleben, nicht immer dem folgt, wie es die reine Lehre erwarten lässt.

Ein kleines Beispiel mag das verdeutlichen: Auf einer römisch-katholischen Hochzeit, die mit vielen evangelischen Freunden des Paares gefeiert wird, lädt der PriesterPriester im Traugottesdienst ganz selbstverständlich „alle Gäste“ zum AbendmahlAbendmahl ein. Nahezu die gesamte Hochzeitsgesellschaft nimmt daraufhin an einem römisch-katholisch gespendeten Abendmahl teil: neben Katholikinnen und Katholiken evangelisch-landeskirchliche und freikirchliche Christen, aus der Kirche Ausgetretene, sogar einige Atheisten, die den merkwürdigen kirchlichen Ritus „den beiden zuliebe“ über sich ergehen lassen. Die Mitverfasserin dieses Einführungsbandes, ihrer Konfession nach evangelisch-lutherisch, ist eine der wenigen, die sich nicht einreiht und danach während des Festes von einigen Gästen in die Diskussion verwickelt wird, warum sie gerade an einem solchen Tag, an dem „Gemeinschaft und Verbindungen gefeiert werden“, auf theologischen Unterschieden herumreitet und nicht an dem Abendmahl teilgenommen hat. Ihre Argumentation, dass sie sich ja neben einigen anderen Gründen auch an die Maßgabe des römisch-katholischen Kirchenrechts gehalten habe („Katholische Spender spenden die SakramenteSakrament erlaubt nur katholischen Gläubigen; ebenso empfangen diese die Sakramente erlaubt nur von katholischen Spendern.“ [can. 844 § 1CIC]) wird mit Augenrollen abgetan. Die Braut und gleichzeitig enge Freundin der Abendmahlsverweigererin attestiert ihr lachend: „Ihr Protestanten müsst es aber auch so pingelig genau nehmen!“

Dieses Beispiel lässt konfessionelle Lebenswirklichkeit erkennen, die mit der Theorie von Kirchen so gut wie nichts mehr gemein hat.

Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Lektüre unseres an der theologischen Lehre orientierten „Grundwissens KonfessionskundeKonfessionskunde“ vor diesem Hintergrund zuweilen irritieren kann. Dies zeigt, dass die KonfessionskundeKonfessionskunde ein ungemein interessantes Fachgebiet der Theologie ist. Weil die christliche Welt so bunt ist und weil sich die Konfessionskunde mit dieser bunten Welt beschäftigen darf, mag die Theorie grau sein, aber der Gegenstand der Konfessionskunde ist so grün wie des Lebens goldner Baum. Und grau ist bekanntlich auch nicht grau, sondern hat viele unterschiedliche Grautöne.

Das „Grundwissen KonfessionskundeKonfessionskunde“ wählt einen theologischen ZugangZugangTheologisch zu seinem Fachgebiet und ermöglicht damit einen grundlegenden Zugriff auf seinen Gegenstand. In der Einleitung wird dieses Ordnungsprinzip näher erläutert. Ihm liegt die Beobachtung zugrunde, dass alle Konfessionen den Anspruch erheben, apostolisch zu sein, dies aber in ihrer Theologie, ihrer Struktur, ihrer Institution oder Ordnung unterschiedlich umsetzen.

Dieses Prinzip bildet ein Grundgerüst, das es erlaubt, die einzelnen Konfessionen relativ einfach zu klassifizieren. Der Leserin/dem Leser wird so eine erste Orientierung im Fachgebiet ermöglicht. Zudem werden Aufgabe und Gegenstand einer KonfessionskundeKonfessionskunde beschrieben und das ekklesiologische Grundproblem jeder Konfession verdeutlicht.

 

Im Anschluss skizziert das zweite Kapitel einen Überblick über die Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) in seiner Geschichte. Es entlastet damit die historische Darstellung der einzelnen Konfessionen und gibt Auskunft über die wichtigsten Entwicklungen der Kirchengeschichte, die verschiedene Konfessionen hervorbringen.

 

Die einzelnen Konfessionen werden in den folgenden Kapiteln vorgestellt. Jede Kirche wird in drei Perspektiven dargestellt, die je nach Kirche zuweilen voneinander im Detail abweichen können. Grundsätzlich wird zunächst gemäß dem theologischen Zugriff dieser KonfessionskundeKonfessionskunde die konkrete Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität der jeweiligen Kirche vorgeführt. Dies beinhaltet die der Umsetzung inhärenten theologischen Grundsatzentscheidungen. Diese erste Perspektive stellt damit im Ergebnis die wesentlichen dogmatischen Aussagen der jeweiligen Kirche dar.

Die zweite Perspektive skizziert die eigenständige, historische Entwicklung der Kirche und hilft dadurch, deren Eigenheit besser zu verstehen.

Die dritte Perspektive widmet sich den grundsätzlichen Lebensvollzügen der Kirche. Es ist notwendig, hier auszuwählen und dabei gerade die charakteristischen Wesensmerkmale zu erfassen. In der Regel werden die SakramenteSakrament, die Organisationsformen, verschiedene Ausprägungen der Konfessionsfamilie und weitere Wesensmerkmale der Kirchen behandelt. Mittels der dogmatischen, der historischen und der phänomenologischen Perspektive soll also ein möglichst aussagekräftiges Bild der jeweiligen Kirche skizziert werden.

 

Im dritten Kapitel beschreiben wir zunächst die Kirchen, die darauf bestehen, dass ihre höchsten geistlichen Würdenträger in einer personellen Nachfolge der ApostelApostel stehen. Diese Auffassung teilt die römisch-katholische Kirche z.B. mit den orthodoxen und anglikanischen Kirchen.

 

Das vierte Kapitel stellt die Kirchen dar, die ihre ApostolizitätApostolizität in erster Linie durch ihre Treue zum apostolischen Zeugnis realisieren. Dort, wo das Prinzip „Allein die Schrift“ hervorgehoben und zum Kennzeichen der Kirche erklärt wird, gilt die Apostolizität als gegeben. Zu dieser evangelischen Konfessionsfamilie gehören neben den deutschen „Landeskirchen“ vor allem die im deutschen Kontext sogenannten „FreikirchenFreikirchen“, deren problematische Bezeichnung eigens thematisiert werden muss.

 

Das fünfte Kapitel widmet sich der Kirche (und ihrer Vorgängerin), die die ApostolizitätApostolizität der KircheKircheApostolizität der Kirche nur da vollgültig realisiert sieht, wo es lebende ApostelApostel gibt. Dieser Ansatz unterscheidet sich fundamental von den bisher behandelten Kirchen, sodass die Neuapostolische Kirche als eigener Typus von realisierter Apostolizität in den Blick genommen werden muss.

 

Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit den gegenwärtig heftig umstrittenen Themen zwischen und in den Konfessionen. Es gehört zum Erkenntnisgewinn dieser KonfessionskundeKonfessionskunde, dass sich nicht nur zwischen Konfessionen Diskussionen entspinnen, sondern immer mehr auch in den Konfessionen selbst. Die Trennlinien zwischen den Konfessionen verblassen im Alltag des gelebten Glaubens und neue Fronten und Gräben tun sich auf. Was dies für die Konfessionskunde bedeutet, wird zum Abschluss betrachtet.

 

Der Band enthält zudem einige Elemente, die die Lektüre erleichtern und zum Selbststudium anregen sollen: Mit Infokästen werden bestimmte Themen sowie wichtige Theologen hervorgehoben. Literatur, die für die Weiterarbeit an einem speziellen Thema gedacht ist, wird am Ende des jeweiligen Kapitels genannt. Mit dem Symbol → wird auf andere Kapitel im Band verwiesen, die Näheres zum Thema beschreiben. Ein Register erschließt die wichtigsten Personen und Themen, sodass ein rascher Zugriff möglich ist.

 

Ein Buch wie eine KonfessionskundeKonfessionskunde schreibt man zwar auch als Team letztlich allein am Schreibtisch, aber es entsteht aus einem permanenten Dialog. Es speist sich aus dem Gespräch mit Texten, deren Autoren schon vor langer Zeit verstorben sind, es lebt aber auch in einem hohen Maße vom Dialog mit lebenden Vertretern der unterschiedlichen Konfessionen und mit befreundeten Fachleuten.

Einige Kollegen haben verschiedene Teile und Entwürfe des Manuskripts in der Entstehungsphase gelesen und uns wertvolle Rückmeldungen gegeben (wobei wir für evtl. auftretende Fehler selbstverständlich allein verantwortlich sind). Für ihre kollegiale, freundliche Hilfe danken wir herzlich: ApostelApostel Volker Kühnle von der Neuapostolischen Kirche, PD Dr. Burkhard Neumann vom römisch-katholischen Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik, unseren ehemaligen Kolleg/innen Frau Annegret Lingenberg und Herrn Pfarrer i.R. Dr. Walter Fleischmann-Bisten M.A., dem Inhaber der Professur für Kirchen- und Religionsgeschichte des 1. Jahrtausends in Kiel Prof. Dr. Andreas Müller und FeG-Pastor Dr. Jochen Wagner.

 

Die Endfassung haben befreundete Pfarrer und Lehrer Korrektur gelesen: Volker Keller, Alfred Metzger und Wieland Schubing. Auch ihnen herzlichen Dank für diesen Einsatz!

Weiterhin danken wir Frau Corina Popp, M.A., die die Entstehung des Buches von Seiten des Verlags aus kompetent und freundlich unterstützt hat.

Schlussendlich gilt unser großer Dank unseren Frauen, die die Entstehung des Buches teils mit bodenständiger Nüchternheit, teils mit ungläubigem Staunen, aber immer mit wohlwollender Gelassenheit begleitet und manchmal ertragen haben.

 

Gisa Bauer / Paul Metzger

Karlsruhe / Ludwigshafen-Pfingstweide

am 31. Oktober 2019, dem Reformationstag

1 Einleitung

1.1Einführung in das Fach KonfessionskundeKonfessionskunde

Die KonfessionskundeKonfessionskunde betrachtet Leben und Lehre der christlichen Kirchen. Sie ist eine Disziplin der theologischen Wissenschaft, die sich vorwiegend in historischer, systematischer, praktischer und phänomenologischer Perspektive mit den christlichen Kirchen der Gegenwart befasst. Sie arbeitet deskriptiv und ist bestrebt, die wesentlichen Merkmale der jeweiligen Kirchen zu erfassen und darzustellen. Darum wählt sie einen möglichst umfassenden ZugangZugang zu ihrem Gegenstand. Zwar ist es erkenntnistheoretisch unmöglich, einen objektiven Standpunkt „über“ den existierenden Kirchen einzunehmen, doch strebt die Konfessionskunde an, jede Kirche so zu erfassen, dass sich sowohl die beschriebenen Kirchen in ihrem Selbstverständnis wiederfinden können als auch wesentliche Außenwahrnehmungen in die Charakteristik einfließen. Sie gestaltet ihre Darstellung – so gut es geht – neutral und enthält sich jeglicher Wertungen.

Der Begriff KonfessionskundeKonfessionskundeDer Begriff „KonfessionskundeKonfessionskunde“ leitet sich vom Begriff der Konfession (lat.: ‚Anerkennung‘; ‚Eingeständnis‘; im theologischen Sinn: ‚BekenntnisBekenntnis‘) ab. Damit ist die Zustimmung zu einer bestimmten Haltung bezeichnet. Mit einem Bekenntnis legt man Zeugnis ab und bekennt sich zu einem bestimmten Glauben. Dieser Glaube ist dabei in der Regel in bestimmten Texten fixiert, in Glaubensbekenntnissen oder Glaubensgrundsätzen.

Da verschiedene Kirchen verschiedene Glaubensgrundlagen haben, unterscheiden Glaubensaussagen in ihren verschiedenen Wertigkeiten die Kirchen voneinander und haben daher eine integrierende Funktion nach innen und eine ausschließende Funktion nach außen. Wer ein bestimmtes GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis mitsprechen kann und dessen Inhalt „glaubt“, gehört dazu, wer es nicht als einen angemessenen Ausdruck seines Glaubens akzeptiert, gehört nicht zur entsprechenden Gemeinschaft oder BewegungBewegung(en). So bildeten sich innerhalb des Christentums im Laufe der Geschichte bis heute verschiedene Gruppen, die sich in und als „Kirchen“ zusammenfinden.

Da manche Kirchen ihr Selbstverständnis nicht in Bekenntnistexten adäquat ausgedrückt sehen und es ihnen widerstrebt, BekenntnisseBekenntnis zu benennen, die sie von anderen Kirchen unterscheiden (z.B. die → Orthodoxe Kirche), kann der Begriff der Konfession nicht auf alle Kirchen in gleichem Maße angewendet werden. Genuin ist „Konfession“ ein lutherischer Terminus, da sich die → Lutherischen Kirchen durch eine ausweisbare Phase der Bekenntnisbildung im 16. Jahrhundert auszeichnen, die auch durch eine Textsammlung (die lutherischen „BekenntnisschriftenBekenntnisBekenntnisschriften“) abgeschlossen und fixiert wurde.

SymbolikSymbolikVon diesem speziellen ZugangZugang, die BekenntnisseBekenntnis (griech.: SymbolaSymbolaBekenntnis) als Identifikationsmerkmale einer Kirche anzusehen, leitet sich der Begriff der SymbolikSymbolik als Vorläufer des Fachs KonfessionskundeKonfessionskunde ab. Da inzwischen erkannt wurde, dass die Bekenntnisse lediglich (und teilweise unvollständig) die Lehre einer Kirche wiedergeben, aber die Eigenart der Kirche nicht zwingend erfassen, vergrößert die Konfessionskunde im Vergleich zur Symbolik ihren Untersuchungsgegenstand. Weil also nicht nur das Bekenntnis die Konfession beschreibt, scheint der Begriff „KirchenkundeKirchenkunde“ als alternativer Begriff zur Konfessionskunde angeraten. Durch ihn wird die vermeintliche Engführung auf die Lehre einer Kirche vermieden, allerdings wirft dieser Begriff die Frage auf, wie Gruppierungen, die keine Kirche sein wollen, erfasst werden können. Weder „Konfessionskunde“ noch „Kirchenkunde“ sind also in der Lage, jede christliche Gruppe gleichermaßen adäquat zu erfassen.

DenominationDenominationUm christlichen Gruppen gerecht zu werden, die keine Konfession sein oder keine Kirche bilden wollen, hat sich vor allem im englischsprachigen Raum der Begriff DenominationDenomination (‚Benennung‘) bewährt. Durch seine Neutralität kann er im Gegensatz zur Konfession auch BewegungenBewegung(en) (z.B. die ErweckungsbewegungErweckungsbewegung) und Gruppierungen erfassen, die kein gemeinsames BekenntnisBekenntnis ablegen wollen oder können. Er kann auch Kirchen bezeichnen, die keine Kirche im engeren Sinne bilden. Allerdings bleibt er aufgrund seiner Neutralität zwangsläufig inhaltlich wenig bestimmt und wird gegenwärtig deshalb auch dazu verwendet, Gruppierungen in anderen ReligionenReligion (z.B. im Judentum) zu bezeichnen. Im deutschen Sprachraum konnte er sich als Bezeichnung christlicher Gruppierungen bislang nicht durchsetzen. Deshalb gibt es auch keine Derivate wie „Denominationskunde“ o.ä.

Letztlich zeigt sich der Durchgang durch die vorgeschlagenen Bezeichnungen des Fachs wie SymbolikSymbolik oder KirchenkundeKirchenkunde, dass jeder Begriff die Fülle der Ausgestaltungen von Kirche nicht in gleicher Weise zutreffend beschreiben kann, sodass sich die Beibehaltung des traditionellen Begriffs KonfessionskundeKonfessionskunde empfiehlt. Er gibt für den deutschsprachigen Raum die Bemühungen dieses Buches treffend wieder.

Regionale und globale KonfessionskundeKonfessionskundeEine KonfessionskundeKonfessionskunde nimmt alle christlichen Konfessionen weltweit in den Blick. Dieser globale und transkonfessionelle Blick ist allerdings regional verankert und fokussiert, woraus sich wiederum Einschränkungen bei der Betrachtung ergeben. Die hier vorliegende Konfessionskunde richtet sich an eine deutschsprachige Leserschaft, d.h. sie greift die deutsche historische und kirchliche Situation im Besonderen auf. So ist beispielsweise das v.a. in Deutschland präsente und die deutsche protestantische kirchliche Landschaft konstituierende LandeskirchentumLandeskirchentum eine regional-spezifische Erscheinung. Im Falle der hier vorliegenden Konfessionskunde sind das Landeskirchen- und das Freikirchentum strukturgebende Größen für die konfessionelle Gliederung evangelischer Kirchen.

In Nordamerika hat das LandeskirchentumLandeskirchentum keinerlei Relevanz, d.h. eine KonfessionskundeKonfessionskunde Nordamerikas würde konfessionelle Zuordnungen anders vornehmen.

Weiterhin kommen in dieser KonfessionskundeKonfessionskunde Kirchen und Gemeinschaften ausführlich zur Sprache, die in Deutschland und im europäischen Raum Relevanz haben. Kleinere Gemeinschaften anderer Regionen und Länder bleiben außerhalb der Betrachtung.

Das Ziel der KonfessionskundeKonfessionskundeDie KonfessionskundeKonfessionskunde hat in ihrer Geschichte verschiedene Ziele verfolgt. Dies liegt in der NaturNatur des Faches. Ähnlich wie im persönlich-individuellen Kontext gilt: Man kann sich mit jemandem beschäftigen, um ihn kennenzulernen, um ihm näher zu kommen oder um sich abzugrenzen oder zu bekämpfen.

So diente die KonfessionskundeKonfessionskunde und ihre Vorläufer entweder dazu, die verschiedenen Kirchen näher zusammenzubringen (IrenikIrenik), die eigene Identität gegen andere Kirchen zu verteidigen (ApologetikApologetik) oder die eigene Kirche als die überlegene zu erweisen (PolemikPolemik).

KonfessionskundeKonfessionskunde und ÖkumeneÖkumeneGegenwärtig verfolgt die KonfessionskundeKonfessionskunde das Ziel, Wissen über die jeweiligen Kirchen zu erlangen und zu vertiefen. Sie stellt die Grundlage aller zwischenkirchlichen, interkonfessionellen Dialoge dar, da sie es den Gesprächspartnern überhaupt erst ermöglicht, vor ihrer eigentlichen Arbeit, dem Beitrag zu einem besseren Verstehen der verschiedenen christlichen Kirchen, sich über die Identität, die Eigenarten und die Spezifika ihres Gegenübers in Kenntnis zu setzen. So bereitet die Konfessionskunde den Weg für einen gelingenden Dialog und ist deshalb eine unverzichtbare Voraussetzung für die ökumenische Verständigung und die ökumenische Theologie. Sie stellt das Wissen bereit, das es erlaubt, sich in die jeweils andere Kirche einzufinden. Daher hat sie die Aufgabe, die Kirchen kritisch zu begleiten und die jeweiligen Kirchen mit sich selbst zu konfrontieren, ihre geschichtliche Kontingenz im Bewusstsein zu halten und so die stetige Entwicklung der Kirchen nach innen und nach außen zu fördern.

Die KonfessionskundeKonfessionskunde als Fach verfolgt dabei kein Programm, das auf ökumenischen Fortschritt oder ähnliche Zielvorstellungen ausgelegt ist. Insofern unterscheidet sich die Konfessionskunde von der Ökumenik, sofern diese die Aufgabe hat, der ökumenischen BewegungBewegung(en), z.B. durch die Erarbeitung von Konsensdokumenten oder einer gemeinsamen Hermeneutik, zu dienen. Der Konfessionskunde geht es nicht darum, eine – wie auch immer zu definierende – Einheit der KircheKircheEinheit der Kirchen zu suchen, zu fördern und zu erreichen. Sie sucht nicht nach dem „Einheitspotenzial“ in den einzelnen Kirchen, sondern akzeptiert vielmehr die PluralitätPluralität – Pluralisierung der Kirchen und verhält sich dazu weitgehend bewertungsfrei. Dies ist ein grundsätzlicher Unterschied zur ökumenischen Theologie. Insofern registriert die Konfessionskunde das ekklesiologische Grundproblem der ÖkumeneÖkumene und jeder einzelnen Kirche, versucht aber nicht, es aktiv zu beeinflussen.

Das ekklesiologische GrundproblemDie KonfessionskundeKonfessionskunde betrachtet christliche Kirchen. Mit dieser Formulierung ist bereits eine Frage aufgeworfen: Wenn sich Konfessionskunde vom Begriff BekenntnisBekenntnis ableitet, wie oben genannt, und alle Bekenntnisse der Alten Kirche von „der Kirche“ im Singular sprechen ist fraglich, warum das Sujet der Konfessionskunde „die Kirchen“ im Plural sind.

Verschiedene Kirchen haben verschiedene Glaubensbekenntnisse. Ein GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis aber haben alle christlichen Kirchen gemeinsam, sofern sie BekenntnisseBekenntnis anerkennen: das Nicäno-KonstantinopolitanumBekenntnisNicäno-Konstantinopolitanum aus dem Jahr 381. Es ist deshalb das wichtigste Bekenntnis der Christenheit. Nach den Bekenntnisaussagen zu Gott und Jesus ChristusJesus Christus heißt es im Nicäno-Konstantinopolitanum: „Wir glauben an den Heiligen GeistHeiliger Geist […] und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“

Damit sind zwei Punkte deutlich. Erstens: Die Kirche ist ein Gegenstand des Glaubens. Zweitens: Diese geglaubte Kirche hat vier Attribute. Sie ist „eine“ Kirche, sie ist „heilig“, sie ist „katholisch“ und sie ist „apostolisch“.

Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass im GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis von einer Kirche gesprochen wird, an die geglaubt wird. Hieraus ergibt sich das Grundproblem jeder Lehre von der Kirche, der EkklesiologieEkklesiologie, und damit auch implizit der KonfessionskundeKonfessionskunde: Wie ist der Zusammenhang zwischen der geglaubten Kirche (Singular) und den vorfindlichen Kirchen (Plural) zu denken? Jede Kirche muss auf diese Frage eine Antwort finden.

Zwei gegensätzliche Lösungen sind hier denkbar: Die geglaubte Kirche fällt mit der irdischen Kirche zusammen. Beide sind identisch. In diesem Fall gibt es nur die eine wahre Kirche und alle anderen existierenden Kirchen sind Irrtümer der geschichtlich handelnden Personen. Oder das Gegenteil ist der Fall: Die geglaubte Kirche hat nichts mit der realen Kirche zu tun. Diese hat keine Verbindung zur geglaubten Kirche. Dann stellt sich die Frage, wieso die irdische Kirche die geglaubte Kirche sein soll.

Beide Antworten implizieren zahlreiche Probleme, sodass die meisten Kirchen Zwischenpositionen einnehmen.

Grundsätzlich lässt sich also festhalten: Im GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis wird von der einen Kirche gesprochen, an die geglaubt wird. Sobald diese Kirche gemeint ist, muss der Singular verwendet werden. Im Plural muss dagegen von real vorfindlichen Kirchen gesprochen werden.

Es ist für die KonfessionskundeKonfessionskunde eine Herausforderung, diese Beziehung, die die jeweiligen Kirchen für sich bestimmen, nicht von einem als „richtig“ gedachten Standpunkt aus zu beurteilen und somit ein präferiertes oder das eigene Kirchenmodell als Maßstab zu setzen. Während im Rahmen der EkklesiologieEkklesiologie die Diskussion um den Zusammenhang zwischen geglaubter und irdisch vorfindlicher Kirche geführt werden und jede Kirche dies für sich klären muss, belässt es die Konfessionskunde bei dieser Unterscheidung und wendet sich so neutral wie möglich den jeweiligen Lösungen in deskriptiver Absicht zu.

Die Abgrenzung des FachgebietsBetrachtungsfeld der KonfessionskundeKonfessionskunde sind die christlichen Kirchen. Warum von „den Kirchen“ die Rede ist, obwohl das BekenntnisBekenntnis nur von einer Kirche spricht, ist aus evangelischer Sicht geklärt. Was aber zeichnet „christliche Kirchen“ aus?

Um diese Frage fundiert beantworten zu können sind die Bestimmungen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK)) nützlich, die auch in der vorliegenden KonfessionskundeKonfessionskunde als Definition einer „christlichen Kirche“ herangezogen werden.

Der ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) ist der wichtigste Verband der ökumenischen BewegungBewegung(en), in dem sich laut eigener Auskunft 350 Kirchen aus der ganzen Welt zusammengeschlossen haben. Er selbst definiert sich als „eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus ChristusJesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen GeistesHeiliger Geist“ (Was ist der Ökumenische Rat der Kirchen, 2018). Mit dieser Basisformel sind die wesentlichen Bezugspunkte für die Definition einer christlichen Kirche gegeben. Ausführlich sind die Erkennungsmerkmale einer christlichen Kirche in einer 1950 in Toronto verabschiedeten Erklärung des ÖRK ausgeführt.

Bedingungen des „Kirche-Seins“Eine Kirche kann von anderen Kirchen dann als christlich anerkannt werden, wenn sie den Glauben an den dreieinigen Gott bekennt. Dieser Glaube ist im bereits genannten BekenntnisBekenntnisNicäno-KonstantinopolitanumBekenntnisNicäno-Konstantinopolitanum zusammengefasst und grundgelegt in der Heiligen Schrift. Die BibelBibel ist demnach die einzige textuelle Quelle der göttlichen OffenbarungOffenbarung. Andere schriftliche Offenbarungsquellen neben den biblischen Texten werden vom ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) nicht akzeptiert. Daraus folgt, dass eine Glaubensgemeinschaft, die Erkenntnisse aus einer Schrift neben der Heiligen Schrift als gleich- oder höherwertig ansieht, keine christliche Kirche im Sinne des ÖRK sein kann. Dies trifft z.B. auf die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten TageKirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), die Mormonen, zu, die neben der Schrift auch die Texte des Buches „Mormon“ als göttliche Offenbarungsquelle anerkennt. Obwohl sie sich selbst als „Kirche“ versteht, kann sie im Sinne des ÖRK aufgrund der zweiten textuellen Offenbarungsquelle nicht als „christliche“ Kirche angesehen werden. Sie wird daher als Sondergemeinschaft verstanden und ist deshalb kein Gegenstand einer KonfessionskundeKonfessionskunde.

Weiter definiert der ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK), dass eine Kirche die frohe Botschaft verkünden und SakramenteSakrament feiern muss. Eine Kirche tauft auf die Formel aus Mt 28 („auf den Namen des Vaters, des Sohns und des Heiligen GeistHeiliger Geists“) und akzeptiert dergestalt ausgeführte Taufen in anderen Kirchen. Sie strebt weiterhin auch die allgemeine Anerkennung dieser anderen Taufen an. Eine Kirche darf nicht exklusiv das Heil an sich binden. Es soll anerkannt werden, dass der Heilige Geist auch in anderen Kirchen wirken kann. Die Souveränität Gottes, der sich auch anderer Kirchen bedienen kann, um sein Heil zu schaffen, muss akzeptiert werden. Dabei bedarf es keines Abrückens vom eigenen Kirchenverständnis. Eine Kirche sollte lediglich anerkennen, dass es andere Kirchen neben ihr gibt, die für sich gleichfalls in legitimer Weise das Anliegen beanspruchen, Kirche Jesu ChristiJesus Christus zu sein.

Mit der Definition von Kirche durch den ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) ergeben sich eine theologische und eine ekklesiologische Bestimmung, die der KonfessionskundeKonfessionskunde erlauben, ihren Gegenstandsbereich zu konkretisieren. Jede Kirche, die die biblische Gottesoffenbarung als exklusiven Grund ihres Glaubens an den dreieinigen Gott bekennt und die die legitime Existenz anderer Kirchen anerkennt, wird als christlich angesehen. Sonderlehren der verschiedenen Kirchen können insofern akzeptiert werden, solange sie diesen Rahmen nicht verletzen.

1.2Konfessionskundliche Systematisierung

Die christlichen Kirchen sind Gegenstand der KonfessionskundeKonfessionskunde. Da diese versucht, wertneutral vorzugehen, ist bereits die Anordnung des Gegenstands eine zentrale Frage.

Der ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) bezeugt seine Neutralität, indem er seine Mitgliedskirchen in alphabetischer Reihenfolge auflistet. Diesem Beispiel könnte eine KonfessionskundeKonfessionskunde folgen. Allerdings ist dieses lexikalische Vorgehen wenig geeignet, um die Zusammengehörigkeit bestimmter Kirchen zu zeigen, die ein leichteres Verstehen ihrer selbst ermöglicht.

Ein historischer ZugangZugangHistorisch?Konfessionskundliche Darstellungen wählen meist einen historischen ZugangZugangHistorisch, um die gewachsenen Beziehungen zwischen den Kirchen deutlich zu machen. Dieser ZugangZugang hat den Vorteil, eine klare, durch die Chronologie strukturierte Gliederung zu bieten. Problematisch dabei ist allerdings, dass bestimmte Kirchen anderen Kirchen historisch vorgeordnet werden, obwohl dies dem Selbstverständnis der zeitlich nachrangig behandelten Kirchen widerspricht. Werden z.B. die protestantischen Kirchen der Römisch-katholischen Kirche nachgeordnet, erweckt das den Eindruck, dass diese erst seit dem 16. Jahrhundert existierten, während die Römisch-katholische Kirche älter sei. Aber auch die protestantischen Kirchen berufen sich in ihrem Selbstverständnis auf die ersten Zeugen Jesu. Sie wollen gerade keine neue Kirche darstellen, sondern die Überlieferung der alten Kirche bewahren. Umgekehrt hat auch das Argument Gültigkeit, dass die Römisch-katholische Kirche in ihrer heutigen Gestalt das Ergebnis einer Entwicklung des 16. Jahrhunderts ist, da sie ihren Anfang als dezidiert römisch-katholische Kirche auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus von TrientKonzil / KonziliarismusKonzil von Trient nimmt.

Weiterhin ist fraglich, welche Kirche(n) als älteste Kirche(n) angenommen werden sollte(n): die altorientalischen Kirchen oder die (Römisch-)katholische Kirche? Und auf welche Zeit sind deren jeweilige Anfänge zu datieren?

Außerdem steht bei einer historischen Betrachtung meist die Vorstellung im Hintergrund, dass es ältere Kirchen gibt, von denen sich jüngere abgespaltet hätten. Der negativ besetzte Begriff der Spaltung beinhaltet aber eine deutliche Wertung. Deshalb ist es zutreffender, von gelungenen Manifestationen kirchlicher PluralitätPluralität – Pluralisierung zu sprechen.

Der historische ZugangZugangHistorisch beruht letztlich auf der Vorstellung einer Kirche, die sich in verschiedene Zweige ausdifferenziert hat. Dabei wird aber die geglaubte Kirche des BekenntnissesBekenntnis implizit in die Wirklichkeit eingetragen und historisch verrechnet. Die Einsicht in die PluralitätPluralität – Pluralisierungdes Christentums, das von Anfang an so vielfältig wie seine verschiedenen Zeugen und die daraus resultierenden Textcorpora ist, verbietet eine solche Vorstellung. Durch die Akzeptanz der dem Christentum genuin inhärenten Pluralität wird nicht nur die Vorstellung einer linearen Entwicklung und Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) verstellt, sondern auch die Zielvorstellung einer ÖkumeneÖkumene, die glaubt, eine Einheit des Christentums (wieder-)herstellen zu müssen.

Eine historische Anordnung der christlichen Kirchen ist aufgrund der genannten Aspekte für die KonfessionskundeKonfessionskunde schwierig, obwohl sie gleichfalls die historischen Prozesse, die zur Manifestation kirchlicher Gemeinwesen geführt haben, stets in die Betrachtung einbeziehen muss.

Ein quantitativer ZugangZugangQuantitativ?Ein weiterer ZugangZugang zum Gegenstand der KonfessionskundeKonfessionskunde kann anhand der Größe der Kirchen erfolgen. Die Kirche, die die meisten Mitglieder zählt, wäre am Anfang zu behandeln und so ergäbe sich eine Reihenfolge. Allerdings haben manche Kirchen (insbesondere die der → Pfingstbewegung und anderer christlichen BewegungenBewegung(en)) kein Interesse an der Erhebung von Mitgliederzahlen oder verfügen über keine Möglichkeiten, ihre Gläubigen statistisch zu erfassen. Generell können Mitgliederzahlen für viele Kirchen immer nur – mehr oder minder grob – geschätzt werden.

Die bisher besprochenen Varianten von Ordnungssystemen für die Betrachtung der christlichen Kirchen erweisen sich also als zu eng geführt. Unbefriedigend scheinen sie aber vor allem deshalb, weil sie keinen theologischen Zugriff bieten. Im Hinblick auf das Fach KonfessionskundeKonfessionskunde als Disziplin der Theologie ist gerade das bedauerlich. Diesem Mangel will die vorliegende Konfessionskunde abhelfen und ein dezidiert theologisches Kriterium als Ordnungsprinzip des Gegenstands einführen.

Ein theologischer ZugangZugangTheologischWieder ist beim BekenntnisBekenntnis einzusetzen: Es besagt, dass jede Kirche von sich behauptet, apostolisch zu sein. Die ApostolizitätApostolizität ist laut GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis neben der Einheit, der Heiligkeit und der Katholizität ein Merkmal der Kirche.

Die ApostolizitätApostolizität dient der vorliegenden KonfessionskundeKonfessionskunde als Richtschnur, die es erlaubt, die verschiedenen Kirchen in theologischer Perspektive zu verstehen und zu ordnen. Sie bietet sich in besonderer Weise an, da sie im Gegensatz zu den anderen Kennzeichen der Kirche – Einheit, Heiligkeit und Katholizität – unterschiedlich realisiert wird.

Die Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche ist durch ihre Bindung an den einen Gott und einen Herrn Jesus ChristusJesus Christus gegeben (1.Kor 8,6). Die geglaubte Kirche kann demnach nicht geteilt werden. An diesem Punkt ist keine unterschiedliche Realisierung möglich.

Die Heiligkeit der KircheKircheHeiligkeit der Kirche folgt gleichfalls aus der Beziehung der Kirche zu Gott. Die Kirche ist heilig, weil Gott sie berufen und aus der Welt erwählt hat, letztlich weil Gott selbst heilig ist. Die Heiligkeit der Kirche ergibt sich nicht aus ihr selbst, sondern wird durch Gott garantiert. Dies kann daher gleichfalls nicht zu einem Unterscheidungsmerkmal der irdischen Kirchen dienen.

Die Katholizität der KircheKircheKatholizität der Kirche beruht auf der Einsicht in den universellen Auftrag der Kirche. Sie ist nicht beschränkt auf ein bestimmtes Volk oder ein bestimmtes Land. Sie ist ihrem Wesen allumfassend, weil Gott der Gott aller Menschen sein will. Deshalb hat sie einen globalen Anspruch. Durch diesen Wesenscharakter von Kirche kann auch die Katholizität kein Unterscheidungsmerkmal von Kirchen sein.

1.3Die Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität als ZugangZugang der KonfessionskundeKonfessionskunde

Da der Begriff des ApostelsApostel im Neuen TestamentNeues Testament unterschiedlich bestimmt wird, ist eine historische Herleitung des Zusammenhangs von Kirche und Aposteln im Detail schwierig. Klar ist aber, dass die Kirche aufgrund der Verkündigung der ersten Zeugen Jesu entstand. Laut Paulus, der sich selbst als Apostel sah (Röm 1,1), kommt der Glaube aus dem Hören der Verkündigung (Röm 10,17). Diese Verkündigung der ersten Christen war das Fundament jeder christlichen Gruppierung. Deshalb sind die neutestamentlichen Texte als schriftlicher Niederschlag dieser Verkündigungstätigkeit die zentrale Quelle der christlichen Heilserschließung. Laut Eph 2,20 ist die Kirche demnach auf dem Grund der Apostel und ProphetenProphet erbaut. Apostolisch ist die Kirche also, weil sie von den Aposteln abstammt und auf deren Zeugnis aufbaut.

Bei dem Zusammenhang von Kirche und ApostelnApostel lassen sich drei Typen der apostolischen Nachfolge ausmachen, die sich als theologisches Ordnungsmerkmal einer KonfessionskundeKonfessionskunde eignen. Kirchen teilen im Grunde das gleiche Anliegen, ihre ApostolizitätApostolizität realisieren zu wollen, verwirklichen dieses Anliegen aber unterschiedlich.

Das Bemühen um kirchliche KontinuitätKontinuitätDeutlich ist bei jeder Kirche das Bemühen um KontinuitätKontinuität mit den eigenen Ursprüngen. Dass alle Kirchen den ApostelnApostel nachfolgen, ist nicht strittig. So besagt das „Apostolische“ in seinem Kern, dass die Kirchen heute die gleiche Botschaft verkündigen wie die ersten Zeugen des auferstandenen Christus. Dieses Bestreben zeigt sich bereits im Neuen TestamentNeues Testament selbst. Prominent bezeugt der Prolog des Lukasevangeliums, dass die Augenzeugen Jesu und die Diener des Wortes diejenigen sind, auf denen das EvangeliumEvangelium fußt (Lk 1,1–4). Die Dignität der Zeugen der göttlichen OffenbarungOffenbarung in Jesus ChristusJesus Christus verbürgt die Botschaft, die festgehalten werden soll. Es geht um die ,Nachfolge der Apostel‘, um die apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession, und damit um die ApostolizitätApostolizität der KircheKircheApostolizität der Kirche, die verschieden realisiert wird.

Typ 1: Die personelle SukzessionSukzessionPersonelle SukzessionDer erste Typus der Nachfolge bildete sich historisch in den Streitigkeiten der ersten Jahrhunderte heraus. Um die „richtige“ Lehre zu bewahren, die allerdings immer wieder für jede Zeit neu ausgesprochen werden muss, greifen Theologen kein inhaltliches Kriterium der apostolischen Lehre heraus, sondern beziehen sich auf die Träger der Überlieferung. Die personelle Nachfolge wird zum Garant der Wahrheit. Über das, was überliefert wurde und wird, lässt sich streiten, aber nicht über den, der es überliefert. Die Integrität der Zeugen wird zum Kriterium der Wahrheit, die personelle AutoritätAutorität gewährleistet – wie es schon der Begriff Autorität ursprünglich besagt – die Zuverlässigkeit der Botschaft. Hier wird also ein ganz bestimmter Typ der apostolischen Nachfolge etabliert: die personelle Nachfolge im AmtAmtder ApostelApostel. Kirchen, wie die Orthodoxe, die Römisch-katholische und die Anglikanische halten für ihr Kirchenverständnis an diesem Typus fest. Ihr Kirche-Sein wird bedingt – unterschiedlich ausdifferenziert – von dieser NachfolgeNachfolgeSukzession im Amt.

Typ 2: Die inhaltliche SukzessionSukzessionInhaltliche SukzessionDer zweite Typus, der die apostolische SukzessionSukzessionApostolische SukzessionApostolizitätApostolische Sukzession bewahren will, negiert diese personelle Nachfolge nicht gänzlich, macht sie aber nicht zum Kriterium der Wahrheit oder der Funktionsfähigkeit kirchlicher ÄmterAmt. Das Kirche-Sein wird nicht bedingt von einer mehr oder weniger ausweisbaren personellen SukzessionSukzessionPersonelle Sukzession, sondern vom Bleiben in der Wahrheit des EvangeliumsEvangelium. Die Nachfolge bezieht sich also nicht auf die Person eines historisch nur schwer greifbaren ApostelsApostel und seiner vermeintlichen Nachfolger, sondern auf die Lehre der Apostel, konkret: auf den schriftlichen Niederschlag der apostolischen Verkündigung.

Jede Kirche, die sich auf die biblische Überlieferung als den normativen Maßstab ihrer Verkündigung beruft, steht in apostolischer Nachfolge, ohne dass eine personelle Nachfolge im AmtAmt notwendig ist. Die Heilige Schrift bildet die Grundlage der Nachfolge. Wird das EvangeliumEvangelium verkündigt, wie es in ihr bezeugt wird, ist die apostolische Nachfolge gesichert und die ApostolizitätApostolizität der KircheKircheApostolizität der Kirche realisiert. Dieser Typus ist bei der evangelischen Konfessionsfamilie Kernanliegen des Kirche-Seins.

Typ 3: Das lebendige ApostelamtDer dritte Typus hebt sich von beiden beschriebenen Typen ab. Beide setzen voraus, dass es keine ApostelApostel in der Gegenwart mehr gibt. Sie haben andere Modelle entwickelt, die ApostolizitätApostolizität trotzdem zu bewahren. Der dritte Typus realisiert sie, indem er neue Apostel in der Gegenwart erkennt und lebende Personen als Apostel bestimmt. Das AmtAmt der Apostel wird also nicht lediglich „vererbt“, sondern neu belebt und ausgefüllt. Damit ist im Grunde die unmittelbarste Form der Apostolizität buchstäblich verkörpert und das Apostolat „belebt“. Dieser Typus entstand im Rahmen der ErweckungsbewegungErweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Exemplarisch ist er in der „Neu-Apostolischen“ Kirche anzutreffen.

Die Strukturierung der vorliegenden KonfessionskundeKonfessionskunde nach diesen drei Typen der apostolischen Nachfolge ist insofern gewinnbringend, als dass sie das theologische Anliegen der verschiedenen Kirchen sichtbar macht, wirklich die Kirche Jesu ChristiJesus Christus realisieren zu wollen. Es lässt sich zeigen, dass jede Kirche auf ihre Weise versucht, die Kirche des GlaubensbekenntnissesGlaubensbekenntnis in der Gegenwart zu leben. Differenzen zwischen den Kirchen werden damit nicht eingeebnet, aber deutlich gezeigt, dass die Kirchen ein gemeinsames Anliegen verbindet. Es kann so zwischen der Gestalt einer Kirche und ihrer eigentlichen Absicht unterschieden werden. Damit findet sich ein gemeinsames Fundament – die ApostolizitätApostolizitätder KircheKircheApostolizität der Kirche –, das nicht ausschließt, nicht über- oder unterordnet, sondern einen Punkt bietet, an dem das gegenseitige (ökumenische) Verstehen anknüpfen kann.

Konkret ordnet die vorliegende KonfessionskundeKonfessionskunde die Betrachtung der einzelnen Kirchen anhand der vorgeschlagenen Kriterien wie folgt:

Die personelle Nachfolge im AmtAmt als Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität

Die inhaltliche Nachfolge als Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität

Die ApostelApostel als Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität

Kirche, ApostolizitätApostolizität und AmtAmtEkklesiologieEkklesiologie und ApostolizitätApostolizität sind eng miteinander verknüpft und bedingen einander. Eine KonfessionskundeKonfessionskunde, deren Ordnungsprinzip die Realisierung der ApostolizitätApostolizitätRealisierung der Apostolizität ist, dringt dabei folgerichtig zum Kern ekklesiologischer Selbstverortungen vor.

Darüber hinaus wird unmittelbar das mit der ApostolizitätApostolizität verbundene kirchliche Amtsverständnis erfasst. In der Praxis stellen das AmtAmt inkludierende kirchliche Strukturen eine der größten gegenwärtigen Herausforderungen für die ÖkumeneÖkumene dar, im Übrigen bereits seit den 1970er, 1980er Jahren. Die Kenntnis der Verortung des Amtes in den einzelnen Kirchen und Konfessionsfamilien stellt, wie eingangs bereits erwähnt, die Grundlage für den ökumenischen Dialog über das Amt dar. Insofern versteht sich die vorliegende KonfessionskundeKonfessionskunde in Bezug auf EkklesiologieEkklesiologie, Apostolizität und Amt als Vorarbeiterin ökumenischen Denkens und Agierens. Da sie ihren Gegenstandsbereich theologisch aufbereitet, schafft sie gleichermaßen die Grundlage für die Anschlussfähigkeit weiterer Disziplinen der theologischen Wissenschaft.

1.4Die Herausforderung der KonfessionskundeKonfessionskunde in der Gegenwart

In der orthodoxen TraditionTradition ist es wichtig, mit der Kirche zu leben. Wer diese Strömung der Christenheit kennenlernen will, kann sie nach orthodoxer Selbstauskunft nicht am Schreibtisch erfassen, sondern muss in die GottesdiensteGottesdienst gehen und das MysteriumMysterien des Glaubens und der Kirche erleben. Die LiturgieLiturgie ist der wesentliche Faktor, der es erlaubt, diese Kirche kennenzulernen.

Dieses Prinzip gilt wesentlich auch für alle anderen christlichen Kirchen, doch zeigt sich bei diesem Beispiel eine Herausforderung, die für die KonfessionskundeKonfessionskunde in doppelter Weise wichtig ist. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie gewinnt man ZugangZugang zu einer Konfession? Daraus folgt die zweite Frage: Welche Relevanz und welche Bedeutung hat dieser spezielle Zugang, um das Wesen der Konfession zu erfassen?

Der in diesem Buch gewählte Ansatz versucht, einen theologischen ZugangZugangTheologisch zu den Konfessionen zu finden und in dessen Folge möglichst viele Aspekte der einzelnen Kirchen zu beschreiben, in deren Summe die wesentlichen Grundzüge der Kirche erfasst werden können. Dieses Anliegen – abgesehen vom speziellen theologischen Zugriff – verbindet die vorliegende KonfessionskundeKonfessionskunde mit ähnlichen Werken. Allerdings wird bei diesen oft die zweite Frage außer Acht gelassen, die in der Gegenwart vor allem in praktischer Hinsicht wesentlich relevant ist.

Gegenwärtige Grenzen der KonfessionskundeKonfessionskundeWer sich in einer KonfessionskundeKonfessionskunde informiert, „wie eine Kirche ist“, um danach in deren GottesdienstGottesdienst zu gehen und sich dort zurecht zu finden, kann Überraschungen erleben. Innerhalb der Konfessionen – mal mehr, mal minder – herrscht eine PluralitätPluralität – Pluralisierung, die es kaum erlaubt, von der Lehre auf das Leben zu schließen. Man kann römisch-katholische Messen erleben, die in vollem Ornat und mit viel Weihrauch in üppigen Barockkirchen zelebriert werden, man kann aber auch sehr nüchtern gehaltene römisch-katholische Messen in karg eingerichteten modernen Betonkirchen feiern, die lediglich (aber immerhin!) durch die gleiche LiturgieLiturgie geeint sind.

Wer den GottesdienstGottesdienst in einer anglikanischen Kirche besucht, weiß im Vorfeld nicht, was ihn erwartet. Je nachdem, welcher kirchlichen Richtung die Gemeinde angehört, kann der Betreffende einen katholisch wirkenden Gottesdienst erleben oder einen charismatisch ausgerichteten.

Auch bei den Kirchen, die der evangelischen Konfessionsfamilie angehören, kann man im Voraus kaum Aussagen darüber treffen, wie deren GottesdiensteGottesdienst aussehen werden, wenn man sie nicht bereits kennt. Während in der einen Kirche Heilungs-, Salbungs- und Lobpreisgottesdienste aus dem charismatisch-pfingstlerischen Milieu die Sehnsucht nach einem sinnlichen Gottesdienst befriedigen, ist dies für eine reformierte Kirche kaum denkbar und würde dort strikt abgelehnt. Lutherische Gottesdienste wiederum können Formen der Hochkirchlichkeit annehmen, die auf Gläubige anderer evangelischer Prägung wie römisch-katholische Gottesdienste wirken. Die Beispiele ließen sich zahlreich fortführen.

Das Phänomen der interkonfessionellen Vermischung oder der transkonfessionellen Präsentation ist keineswegs nur auf die GottesdiensteGottesdienst beschränkt. Bei öffentlichen Diskussionen zu strittigen, vor allem ethisch relevanten Fragen der Gegenwart kann nur noch der Fachmann sagen, wer zu welcher Konfession gehört, und es muss schon sehr genau beobachtet werden, wer wie argumentiert, um eine konfessionelle Prägung erkennen zu können.

Bezeichnend für die konfessionelle Verwirrung aufgrund von Unkenntnis ist der Befund, dass Christen aller Konfessionen aus ihren Kirchen austreten, wenn beispielsweise ein römisch-katholischer BischofBischof einen medienwirksamen Skandal verursacht oder römisch-katholische PriesterPriester und Bischöfe des Missbrauchs von Kindern überführt werden, auch wenn es Amtsträger einer anderen christlichen Kirche sind. Alle Kirchen werden bei Skandalen, Missmanagement oder gar kriminellen Taten in Mitleidenschaft gezogen, obwohl sie mit den entsprechenden Fällen in anderen Konfessionen nichts zu tun haben. „Die Kirche“ wird in Haftung für alle Konfessionen genommen.

Für die KonfessionskundeKonfessionskunde folgt daraus, dass ihre Beschreibungen einer Kirche lediglich Wegmarken zum besseren Verständnis sein können. Sie können und dürfen keinen Anspruch auf Vollständigkeit und erst recht keinen normativen Anspruch erheben. Konfessionskunde ist die Beschreibung einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft und muss akzeptieren, dass sich ihr Forschungsgegenstand unter Umständen schneller verändert, als sie ihn beobachten und untersuchen kann.

Reale Kirche und kirchliches IdealDie Existenz einer Spannung zwischen dogmatischer Bestimmung und empirischer Wirklichkeit der Kirche ist nicht nur Thema der KonfessionskundeKonfessionskunde, sondern auch der anderen theologischen Fächer. Sie wird z.B. in der Systematischen Theologie als Problemanzeige in ekklesiologische Definitionen einbezogen (vgl. Laube, 2011; Hovorun, 2015). Die Einsicht, dass nur indem dieses Spannungsverhältnis konkret bestimmt und offen benannt wird, die geschichtlich gegebene Wirklichkeit einer Kirche überhaupt theologisch begriffen werden kann, setzt sich zunehmend durch. Es geht nicht mehr darum, ein dogmatisch definiertes Ideal mit einer real vorfindlichen Kirche zu vergleichen und so deren Defizite herauszustellen. Wichtiger ist es von der kirchlichen Wirklichkeit auszugehen und aufzuzeigen, inwiefern jede Kirche über sich selbst hinausweist, um so das Wesen von Kirche zu erfassen (vgl. Laube, 2011, 148). Der Konfessionskunde, die sowohl die ekklesiologisch-dogmatische Selbstbestimmung als auch die empirisch-kirchliche Wirklichkeit in ihre Betrachtung und Untersuchung einbezieht, kommt hierbei die wesentliche Funktion zu, die sich aus dem Spannungsverhältnis ergebenden Widersprüche, Kompensationsversuche und Unverhältnismäßigkeiten zu verarbeiten, ohne sie zu systematisieren, zu bewerten oder normative Schlüsse aus ihnen abzuleiten. Das bedeutet auch, dass paradoxe Phänomene innerhalb von Kirchen nebeneinander stehen bleiben, ohne dass der Spannungsbogen zwischen Ideal und Wirklichkeit aufgelöst wird bzw. aufgelöst werden kann.

Die interne PluralisierungPluralität – Pluralisierung der KonfessionenInnerhalb einer Konfessionsfamilie, zuweilen sogar innerhalb einer einzigen Kirche, sind die faktischen Lebensvollzüge der Kirchen oft sehr unterschiedlich und weisen eine hohe PluralitätPluralität – Pluralisierung auf. Das ist zum einen durch die verschiedenen Inkulturationen, d.h. die konkret vorfindlichen Milieus, historischen Kontexte, Mentalitäten und Frömmigkeitsstile zu erklären, zum anderen aber auch durch die Pluralisierung und Individualisierung der modernen Gesellschaft, die auf die Kirchen ausstrahlt. Weder ein polemisches Klagen, dass jeder (evangelische) Geistliche „macht, was er will“ noch eine Ignoranz der durch die Individualisierung aufgeworfenen Probleme ist dabei angeraten. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Pluralität einer Kirche nicht nur eine Stärke sein kann, sondern die gemeinsame Identität und Erkennbarkeit auch schwächt. Die gegenwärtig große Herausforderung für das Christentum ist der angemessene Umgang mit Pluralität und Pluralismus, ohne in eine oberflächliche Gleich-Gültigkeit oder eine Verteidigungshaltung der absoluten Wahrheit abzugleiten. Die Einübung einer am Anderen interessierten, toleranten und gleichermaßen fest verankerten eigenen Haltung ist eine der aktuell wichtigsten Aufgaben in Theologie und Kirche.

Beispiel: Die „Heilig-Rock-WallfahrtHeilig-Rock-Wallfahrt“Als Beispiel für konfessionsinterne PluralisierungPluralität – Pluralisierung kann die Diskussion um die Heilig-Rock-WallfahrtHeilig-Rock-Wallfahrt2012 in Trier angeführt werden. Progressive römisch-katholische Christen beschwerten sich bezüglich dieser Wallfahrt in evangelischen Pfarrämtern darüber, dass es so etwas wie Wallfahrten überhaupt noch gibt, und hielten evangelischen Geistlichen vor, dass diese keinen Einspruch erheben würden. Gleichzeitig warfen konservativeKonservativ römisch-katholische Christen ihrer Kirchenleitung vor, dass sie durch den Begriff der „Christuswallfahrt“ den speziellen Charakter einer Reliquienwallfahrt verdunkelten und erhoben den Vorwurf, dass der BischofBischof von Trier, Stephan Ackermann$Ackermann, Stephan, geb. 1963, römisch-katholischer Bischof von Trier (geb. 1963), in Rom keinen besonderen AblassAblass, wie es bei einer Heilig-Rock-Wallfahrt möglich ist, erbeten habe und ihnen diesen nun vorenthalte.

Auf evangelischer Seite kam Kritik daran auf, dass evangelische Christen der Einladung zur Wallfahrt folgten, anstatt Martin Luthers$Luther, Martin, 1483–1546, evangelischer Theologe, Reformator, Namensgeber der Lutheraner Einsichten zum Thema Reliquien zu verinnerlichen.

Das Beispiel zeigt, dass in beiden Konfessionen der gleiche Anlass heftigen Streit nach sich zog und dass neue Koalitionen jenseits der Konfessionsgrenzen gesucht und gefunden wurden. Trotz einer klaren theologischen Ablehnung von AblassAblass und Wallfahrt nahmen und nehmen Protestanten an der Heilig-Rock-WallfahrtHeilig-Rock-Wallfahrt teil, während römisch-katholische Christen zum großen Teil problemlos auf einen Ablass verzichten, der ihnen durch ihren BischofBischof aus ökumenischer Rücksichtnahme sowieso vorenthalten wird.

Paradigmatisch wird hier die Schwierigkeit deutlich, in der Moderne die Konfessionsgrenzen klar zu erfassen und dadurch bestimmte Beschreibungen der Realität zu liefern. Aus Sicht der KonfessionskundeKonfessionskunde muss eine Verwischung klassischer Konfessionsgrenzen und die Bildung neuer Koalitionen klar erkannt und benannt werden.

Die Entwicklung jenseits der KonfessionenDie Moderne hat im Umgang mit dem Transzendenten und der ReligionReligion in den westlichen Gesellschaften umwälzende Veränderungen hervorgebracht, u.a. Prozesse der SäkularisierungSäkularisierung, die bis in die Gegenwart den Verlust von Religionsrelevanz zeitigen und TraditionsabbrücheTraditionTraditionsabbruch beschleunigen. Teil solcher Entwicklungen ist das Phänomen der religiösen SelbstermächtigungSelbstermächtigung.

Der postmoderne Mensch lässt sich nicht mehr vorschreiben, was er zu glauben hat, sondern wählt aus, was ihm zu glauben sinnvoll erscheint. Schon das Beispiel der Heilig-Rock-WallfahrtHeilig-Rock-Wallfahrt hat dies klar gezeigt: Wenn ein Protestant zum Heiligen Rock pilgern möchte, dann tut er das ohne Rücksicht auf die Lehren seiner Kirche. Wenn ein evangelischer Christ bei seiner Trauung das klassisch katholische „Ave Maria“ hören will, weil es „einfach so schön ist“, dann kann sich auch ein Pfarrer dem kaum in den Weg stellen. Umgekehrt sind evangelikale Lobpreislieder als Sacropop in römisch-katholischen Jugendmessen keine Seltenheit. Traditionelle Rituale werden ihres Sinnes entleert, z.B. führt ein Vater die Tochter zum Traualtar, weil es romantisch ist, nicht, wie ursprünglich gemeint, als Zeichen der Übergabe des Besitzes, an das (hoffentlich) dabei niemand mehr denkt.

Besonders aus konfessionskundlicher Perspektive lassen sich zwei wesentliche Entwicklungen erheben: Einerseits werden die klassischen ökumenischen Streitfragen, obwohl sie nicht gelöst sind, in der kirchlichen Lebenswelt zunehmend verdrängt und sind in ihren theologischen Begründungen nur noch Fachleuten zugänglich. Auf der anderen Seite bilden sich neue Problemfelder, die die interne PluralisierungPluralität – Pluralisierung in den Konfessionen beschleunigen. Neue transkonfessionelle Koalitionen entstehen, jenseits der traditionellen Abgrenzungen der Konfessionen, und machen sie obsolet. Neue Gruppen finden sich anhand von gemeinsamen Interessen, Themen und gemeinsamen Gegnern in verschiedenen Konfessionen und formulieren gemeinsame Anliegen zu bestimmen kirchlichen Positionen oder theologischen Fragen.

Sackgassen des DialogsIm Allgemeinen wird wenig beachtet, wie umfangreich in den ökumenischen Dialogen der letzten 50 Jahre wesentliche kirchentrennende theologische Sachverhalte aufgenommen, bearbeitet und diskutiert wurden und in vielen Fällen zu Annäherungen geführt haben. Obwohl genügend Brücken zur Verständigung gebaut worden sind, scheint es gegenwärtig in der ÖkumeneÖkumene kaum Schritte aufeinander zu zu geben. Warum ist z.B. das AbendmahlAbendmahl/die EucharistieEucharistie ein Trennungsmerkmal der Konfessionen, obwohl viele Protagonisten der ökumenischen BewegungBewegung(en) der Meinung sind, dass es genügend Möglichkeiten gibt, diese Trennungen aufzuheben und/oder zu umgehen? Unterschiedliche Positionen zur Amtsfrage oder dem Verständnis von Kirche generell verhindern ebenfalls ein Aufeinanderzugehen. Allerdings treten die theologischen Ursachen der Konflikte langsam in den Hintergrund des allgemeinen Interesses. Viele Menschen lassen sich – wie beschrieben – nicht mehr vorschreiben, was sie glauben sollen und fühlen sich nicht mehr gebunden an die Gebote oder Verbote ihrer jeweiligen Konfession.

Evangelische Christen bekommen grundsätzlich von ihren Kirchenleitungen nicht gesagt, was sie glauben sollen, sondern erhalten Orientierungshilfen und Denkschriften. Inwiefern diese rezipiert werden, liegt in der Hand des Einzelnen oder der einzelnen Gemeinde. Römisch-katholische Christen erfahren oft nicht umfassend, welche Verlautbarung vom Vatikan ausgeht bzw. rezipieren Lehrnormen nach individuellem Gutdünken. So nehmen z.B. viele römisch-katholische Christen ohne Gewissensprobleme am AbendmahlAbendmahl in evangelischen Kirchen teil und verzichten damit auf die theologische Klärung des ökumenischen Problems. Umgekehrt partizipieren evangelische Christen gern und ohne theologische Zweifel an besonderen Andachtsformaten der Römisch-katholischen Kirche (z.B. in der Fastenzeit) oder an den sinnlich beeindruckenden, liturgisch opulenten orthodoxen GottesdienstenGottesdienst.

Selbst die Klärung wesentlicher theologischer Fragen vermag in der kirchlichen Praxis der ÖkumeneÖkumene kaum weiterführende Impulse zu setzen. Deutlicher Beleg für diese Erkenntnis ist die „Gemeinsame Erklärung zur RechtfertigungslehreRechtfertigung / Rechtfertigungslehre“, die das zentrale reformatorische Problem der Rechtfertigung allein aus Glauben zum Gegenstand hat. Dieses Konsensdokument, das im Dialog zwischen Lutherischem Weltbund (LWB) und der Römisch-katholischen Kirche entworfen, das 1999 feierlich unterzeichnet wurde und dem 2006 der Weltrat methodistischer Kirchen zustimmte, ist in der Regel nur theologischen Experten zugänglich, die sich darum auch wieder heftig streiten können. Obwohl mit diesem Dokument die zentrale Frage der Reformation nach der Rechtfertigung des Menschen weithin einvernehmlich geklärt wurde, ist deren Relevanz bereits für die kirchliche Praxis gering, von der öffentlichen Wahrnehmung ganz zu schweigen.

Auf der anderen Seite steht eine mitunter ganz erstaunliche Scheu an der kirchlichen Basis, sich nicht in „zivilem Ungehorsam“ über Konfessionsgrenzen hinwegzusetzen, wie es sogar Papst Franziskus (Pontifikat: seit 2013)$Franziskus, Pontifikat seit 2013, römisch-katholischer Papst in der Frage des gemeinsamen AbendmahlsAbendmahl von konfessionsverschiedenen Ehepaaren angeraten hat (vgl. Metzger, 2016, 40–42). Einer Verflachung der Konfessionalität und der konfessionellen Problematik widerspricht darüber hinaus auch das zu beobachtende Interesse von Christen in einer globalisierten Welt an dem, was andere Christen leben und wonach sie sich ausrichten. Gleichfalls ist der Bildungshunger von Christen zu konstatieren, die in Zeiten des Relevanzverlustes des Christentums über ihre eigene Konfession Bescheid wissen möchten. Von daher ist es nach wie vor ein wichtiges und wesentliches Unterfangen, konfessionelles Wissen zu erwerben, ökumenische Diskussionen zu führen und die ökumenische Annäherung zu praktizieren. Besonders scheint es da angeraten, wo praktische Probleme ihrer Lösung harren (vgl. Metzger, 2014).

Streitfelder in und zwischen den KonfessionenWährend sich durch die religiöse SelbstermächtigungSelbstermächtigung und den „zivilen Ungehorsam“ scheinbar mühelos aus den ökumenischen Sackgassen der alten Probleme befreit wird, werden andere Diskussionen in den Konfessionen mit großer Wucht geführt. Dabei verlaufen neue Fronten nicht mehr entlang der Konfessionsgrenzen, sondern durch alle Konfessionen und Kirchen hindurch. Um diese Entwicklung auf den Punkt zu bringen, lässt es sich am ehesten auf die Begriffe liberalLiberal und konservativKonservativ zurückgreifen, ohne dass hier politische Ausrichtungen oder wertende Konnotationen mitschwingen. Auch eine allzu präzise Zuordnung von Haltungen, Charakteristika oder Gruppenzugehörigkeiten ist mit diesen Termini nicht möglich. Liberal meint im weitesten Sinne die progressive Bereitschaft, neue Positionen einzunehmen, konservativ das Bestreben, traditionelle Positionen als zukunftsweisend zu bewahren. Liberale und konservative Gruppen stehen sich gegenüber, ohne dass dabei traditionelle Konfessionsgrenzen ein Hindernis darstellen.

Die wesentlichen Diskussionspunkte, die gegenwärtig liberaleLiberal und konservativeKonservativ Fronten evozieren, sind → FrauenordinationFrauenordination und Frauen in kirchlichen Leitungsämtern, → HomosexualitätHomosexualität von Kirchengliedern und Geistlichen und – mit beidem im Zusammenhang stehend – die Frage nach dem Verständnis der Heiligen Schrift. Auf diese drei Aspekte als konfessionsüberschreitende Frontlinien wird im → Ausblick ausführlich eingegangen werden. An dieser Stelle aber werden kurz die Folgen dieser Frontstellung für die KonfessionskundeKonfessionskunde skizziert.

Konsequenz für die KonfessionskundeKonfessionskundeDie Herausforderung für das Fach KonfessionskundeKonfessionskunde ist, dass sich konfessionelle Grenzen zunehmend schwerer definieren lassen. Sobald bei den transkonfessionellen Frontstellungen die gemeinsamen Ziele der aus verschiedenen Konfessionen zusammengesetzten Gruppen erreicht wurden (oder sie sich eingestehen, dass die Ziele nicht zu erreichen sind), zerfallen die sozialen Einheiten, können sich aber bei einem anderen kontroversen Thema, sogar auf verschiedenen Seiten, wieder begegnen. Die jeweilige konfessionelle Anbindung spielt dabei so gut wie keine Rolle.

In Analogie zur zunehmenden Bedeutungslosigkeit früherer politischer oder sozialer Zuordnungen wie „rechts“ und „links“ oder „oben“ und „unten“ verlieren Bezeichnungen wie „katholisch“ oder „evangelisch“, „orthodox“ oder „anglikanisch“ ihre Deutekraft, wenn es darum geht, konkrete Positionen zu bezeichnen. Somit steht die KonfessionskundeKonfessionskunde zunehmend unter dem Druck des Zerfalls ihrer Beobachtungsfelder in eine konfessionslose Praxis und eine kirchliche Theorie ihrer selbst. Wenn sich Gruppen innerhalb einer Kirche von ihrer „eigentlichen“ Position, d.h. der konfessionellen Bindung ihrer Kirche, kaum noch leiten lassen, dann kann konfessionskundlich nur darauf hingewiesen werden, dass es sich im Folgenden um Darstellungen des theoretischen Selbstbildes handelt, nicht um ein reales Abbild. Dann stehen mitunter konfessionelle Grenzen nur noch unverstanden in nicht gelesenen Büchern – u.a. Papst Franziskus wies darauf hin, dass die Lehre der Kirche in Büchern stehe, die schwer zu lesen seien (vgl. Metzger, 2014) – und werden deshalb vergessen, nicht beachtet oder nur als Verbote erlebt, ohne dass ihre Begründungen und ihr historisches Geworden-Sein verstanden wird.

Eine jede KonfessionskundeKonfessionskunde muss sich ihrer Grenzen bewusst sein, ebenso der Veränderungen, in denen sie selbst steht, und sich darum bemühen, die theologischen Beschreibungen einer Kirche mit der in ihr gelebten Wirklichkeit in Beziehung zu setzen. Phänomenologisch kann es hier zu Überraschungen kommen, die entweder zeigen, wie belastbar konfessionelle Merkmale geworden sind und wie dehnbar oder durchlässig konfessionelle Grenzen geworden sind. Die Konfessionskunde muss die Fähigkeit entwickeln, ohne Scheuklappen kirchlich-plurale, transkonfessionelle und zunehmend auch synkretistische Phänomen zu erfassen. Dann, aber nur dann, gewinnt sie entscheidend an Bedeutung für die Durchdringung und Beschreibung der religiösen Landschaft der Gegenwart.

Weiterführende Literatur

Albrecht, Christian (Hg.) (2011), Kirche, Themen der Theologie 1, Tübingen.

Frieling, Reinhard / Geldbach Erich / Thöle, Reinhard, KonfessionskundeKonfessionskunde. Orientierung im Zeichen der ÖkumeneÖkumene, Grundkurs Theologie 5,2, Stuttgart 1999.

Heyer, Friedrich (Hg.) (1977), KonfessionskundeKonfessionskunde, Berlin/New York.

Körtner, Ulrich H.J. (2018), Ökumenische KirchenkundeKirchenkunde, Lehrwerk Evangelischer Theologie 9, Leipzig.

Mühling, Markus (Hg.) (2009), Kirchen und Konfessionen, Grundwissen Christentum 2, Göttingen.

Oeldemann, Johannes (Hg.) (2015), KonfessionskundeKonfessionskunde, Paderborn/Leipzig.

Pinggéra, Karl (2013) KonfessionskundeKonfessionskundeals Begegnungswissenschaft, Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts 64, 9–13.

2 Die Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) im Überblick

Jesus ChristusJesus ChristusAm Anfang der Kirchengeschichte steht die Interpretation der Person Jesu von Nazareth. Die Anhänger dieses jüdischen ProphetenProphet behaupteten nach dessen Kreuzigung, dass dieser Mensch der erwartete Messias, der Sohn Gottes gewesen sei. In diesem Anfang liegt die Begründung der PluralitätPluralität – Pluralisierung des Christentums. Verschiedene Menschen sahen in Jesus von Nazareth den Christus. Sie fanden sich zusammen und bildeten den Kern dessen, woraus sich verschiedene Kirchen entwickelten.

Vielfalt und AusdifferenzierungAusdifferenzierung (des Christentums)Die historische Entwicklung von den Anfängen in Jerusalem oder Galiläa bis zu den gegenwärtigen Kirchen kann als Ausdifferenzierungsprozess der einzelnen Interpretationen verstanden werden. Weil jeder Mensch partiell anders erkennt und versteht, gibt es zu keiner Zeit eine einzige Kirche, die aufgrund von Spaltungen ihre „gottgegebene“ Einheit und Identität verloren hat, sondern es stehen von Anfang an unterschiedliche Interpretationen nebeneinander, die einmal mehr, einmal minder friedlich koexistieren.

Das Neue Testament, als normatives Zeugnis der frühen Zeit des Christentums, enthält keine homogene Theologie und stellt keine einheitliche Kirchenlehre dar, sondern ist in sich plural und bezeugt das von Anfang an stattfindende Ringen um die Deutung der Person Jesu. Der KanonKanon selbst ist Dokument einer Vielzahl von theologischen Entwürfen. Bereits 1951 stellte der Neutestamentler Ernst Käsemann (1906–1998)$Käsemann, Ernst, 1906–1998, evangelischer Theologe deshalb fest:

Der neutestamentliche KanonKanon begründet als solcher nicht die Einheit der KircheKircheEinheit der Kirche. Er begründet als solcher, d.h. in seiner dem Historiker zugänglichen Vorfindlichkeit dagegen die Vielzahl der Konfessionen. Die Variabilität des Kerygmas im NT ist Ausdruck des Tatbestandes, daß bereits in der Urchristenheit eine Fülle verschiedener Konfessionen nebeneinander vorhanden war, aufeinander folgte, sich miteinander verband und gegeneinander abgrenzte. (Käsemann, 1970, 221)

Deshalb ist es im Rahmen einer KonfessionskundeKonfessionskunde angebracht, stets in Erinnerung zu behalten, dass die Vielzahl von Kirchen an sich keine zu überwindende Illegitimität darstellt, sondern dem Christentum von seinem Ursprung her immanent ist.

Die viel zitierte Bitte des johanneischen Jesus in Joh 17,11.21 („dass sie alle eins seien“) zielt gerade nicht auf die Uniformität einer Einheitskirche, sondern auf das gemeinsame Wirken aller Christen in der Welt Vielfalt und Einheit(so wie Gott und Jesus in johanneischer Perspektive zusammen in der Welt wirken) und die Erkenntnis, dass alle Christen in einer von Gott her gegebenen Wirklichkeit, die über Zeit und Raum hinausgeht, bereits eins sind. Der Vers ist keine Handlungsaufforderung für die ÖkumeneÖkumene, sondern eine Erinnerung an die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen. Diese Bitte ist deshalb so zu verstehen, dass Christen sich ihrer gemeinsamen Identität bewusst sein sollen, um in der Welt gemeinsam agieren zu können. So sollen sie „der Welt“ die Attraktivität und die Heilsmöglichkeit des Christentums zeigen.

Sobald bewusst ist, dass PluralitätPluralität – Pluralisierung kein zu überwindender Mangel der christlichen Kirchen ist, kann auch die historische Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) in verschiedene Kirchen akzeptiert werden, ohne dass dabei von Orthodoxie (‚richtige Lehre‘), von dem „rechten Glauben“ im Gegensatz zu HäresieHäresie im Sinne von ‚Irrlehre‘ oder ‚(Ab-)Spaltung‘ gesprochen werden muss. Kirchen wachsen miteinander, differenzieren sich in ihrem Innern, halten Spannungen entweder aus oder manifestieren sich in neuen Kirchen. Dabei führt sich jede Kirche im Prinzip auf das Ereignis des Anfangs zurück. Es ist demnach verfehlt, „Geburtsstunden“ einzelner Kirchen anzugeben oder eine Kirche als ältere bzw. jüngere zu bestimmen, da dabei übersehen wird, dass jede Kirche sich dem Anfang verpflichtet weiß und von diesem her ableitet. Die Geschichte jeder christlichen Kirche beginnt in dieser Perspektive deshalb mit der Interpretation Jesu als Christus.

2.1Die ersten vier Jahrhunderte

Beginn der christlichen GemeinschaftNach der Kreuzigung Jesu löste sich die von ihm ins Leben gerufene jüdische Erneuerungsbewegung nicht vollständig auf und reintegrierte sich nicht umfänglich in das antike Judentum – obwohl das vorstellbar und zu erwarten gewesen wäre. Stattdessen begann die Verkündigung, die aus der jüdischen BewegungBewegung(en) eine neue ReligionReligion werden ließ.

Mit der Aufnahme von Heiden und den damit verbundenen theologischen Implikationen beschäftigt sich der ApostelApostel Paulus. Seine Briefe zeigen, wie sich die neue ReligionReligion in der Welt zurechtfindet. Rituelle und theologische Fragen, z.B. Beschneidung oder Speisegebote wurden zuweilen kontrovers diskutiert (Gal 2; Apg 15) und mit der Neuinterpretation der TaufeTaufe als InitiationsritualInitiationsritual ging das Christentum schließlich über das Judentum hinaus. Die genauen Entwicklungen dieser Zeit liegen im Dunkeln. Während die Apostelgeschichte die Anfänge des Christentums harmonisierend erzählt und auf Jerusalem konzentriert, deutet der Schluss des Markusevangeliums auf einen Neubeginn der Jesusbewegung in Galiläa hin. Die Texte des Neuen TestamentsNeues Testament zeigen also, dass bereits in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts eine erstaunliche Vielfalt des Christentums präsent war.

Erste LehrentscheidungenVerschiedene Theologien und verschiedene christliche Strukturen an verschiedenen Orten bestimmten die frühen Jahre, in denen sich das Christentum in der Welt nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum organisierte. Zunächst von der herrschenden Macht des Zeitalters, dem römischen Reich, nicht beachtet, dann nicht verstanden und schließlich bekämpft, versuchte das Christentum sich nach der ausgebliebenen Naherwartung einzurichten. Nachdem es im Reich von der verfolgten zur tolerierten ReligionReligion und schließlich sogar zur Staatsreligion (381) aufgestiegen war, mussten wesentliche Glaubensinhalte bestimmt werden. Nach Vorarbeiten, die zum Teil im Westen, zum größeren Teil im Osten des Reichs geleistet wurden, charakterisierten die KonzileKonzil / Konziliarismus von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) die TrinitätslehreTrinitätTrinitätslehre in der Weise, dass auch der Sohn und der Heilige GeistHeiliger Geist eines Wesens mit dem Vater sind und hielten die Göttlichkeit von Sohn und Heiligem Geist fest.

Auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus von Konstantinopel wurde als Ergebnis der Beratungen das wichtigste, weil allen gegenwärtigen Kirchen gemeinsame GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis, das Nicäno-KonstantinopolitanumBekenntnisNicäno-Konstantinopolitanum, verabschiedet. Es ist das einzige Glaubensbekenntnis, das ökumenisch verbindlich für alle christlichen Kirchen gilt. Doch bereits um die Bestimmung Gottes gab es heftige Auseinandersetzungen und Verwerfungen, die die frühe PluralitätPluralität – Pluralisierung des Christentums belegen. Die Gegner der TrinitätslehreTrinitätTrinitätslehre, z.B. die Arianer oder Homöer, zeitigten zwar vereinzelt Nachwirkungen, z.B. bei den Germanen, konnten aber keine bis heute existierende Kirche gründen. Anders sah dies bei den Auswirkungen des nächsten Schritts der dogmatischen Entwicklung aus.

Das Interesse richtete sich nach der Klärung des trinitarischen Gottesbildes nun auf die Person Christi.

2.2Die christologischen Auseinandersetzungen und das KonzilKonzil / Konziliarismus von Chalcedon 451

Das Problem der zwei NaturenDie sogenannten christologischenChristologieAuseinandersetzungen in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts waren ausschlaggebend für die Trennung der altorientalischen Kirchen von den byzantinisch-orthodoxen Kirchen des oströmischen Reichs. Dabei ging es um die zwei Naturen von Jesus ChristusJesus Christus, um das Verhältnis von Göttlichkeit und Menschlichkeit in seiner Person, und wie die Beziehung der beiden Naturen zueinander zu begreifen und zu beschreiben ist. Im 4. und 5. Jahrhundert wurden die christologischen Debatten im Wesentlichen zwischen den beiden theologischen Zentren der damaligen Zeit, Alexandrien und Antiochien, ausgetragen. Die alexandrinischen Theologen hoben besonders die Einheit der menschlichen und göttlichen NaturNatur Jesu Christi hervor. Die antiochenischen Gelehrten unterstrichen dagegen den Unterschied der beiden Naturen.

Ein elementarer Aspekt der christologischenChristologie Fragen ist die soteriologische Implikation: Wie kann Jesus ChristusJesus Christus als ein Mensch, dessen Göttlichkeit nicht präsent ist, die Menschheit erretten? Oder welchen „Wert“ hat die Errettung durch einen Gott, der nicht auch ganz und gar Mensch war?

Die schließlich vom KonzilKonzil / Konziliarismus in Chalcedon 451 verabschiedeten Beschlüsse, die von dem römischen Papst Leo I.$Leo I., Pontifikat 440–461, römischer Bischof, römisch-katholischer Papst (Pontifikat: 440–461) vorbereitet worden waren, gingen von zwei Naturen in einer Person aus. Das Verhältnis der beiden Naturen wurde dogmatisch in der Zwei-Naturen-LehreZwei-Naturen-Lehre festgeschrieben: Christus war vollkommener Gott und gleichermaßen vollkommener Mensch, weder miteinander vermischt noch voneinander getrennt. Die Schlagworte dazu lauteten: unvermischt, unverwandelt, ungeschieden, ungetrennt.

Mono- bzw. miaphysitische AuseinandersetzungenObwohl mit der Charakterisierung unvermischt die Anliegen der Antiochener und mit ungetrennt die Position der Alexandriner aufgenommen wurden, erfuhren die Streitigkeiten in den sogenannten mono-ChristologieMonophysitische oder miaphysitischenChristologieMiaphysitischeAuseinandersetzungen nach dem KonzilKonzil / Konziliarismus ihre Fortführung.