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Grusel: Zehn unheimlichen Kurzgeschichten aus der Zeit des 2. Weltkriegs. Die Geschichten sind geprägt von einem starken Hang zu Horror und dem Übersinnlichen. Ein unheimliches Vergnügen. "Spinnweben" - Zwei Spezialisten des deutschen Einsatzstabes RR sind zuständig für die "Beschaffung" von Kulturgütern in besetzten Ländern. Informationen über eine fantastische Bildersammlung im französisch besetzen Teil der Ardennen führen die beiden zu einer Bewohnerin eines abgelegenen Hauses ... "Die Hutnadel" - Ein kalt berechnender Mensch kurz vor seinem schauspielerischen Durchbruch. Seine geschasste Geliebte - ermordet. Allerdings nicht von ihm ...
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Seitenzahl: 69
Veröffentlichungsjahr: 2017
Unheimliche Geschichten aus der Zeit des 2.Weltkriegs
von Otto Hilbert Nest, [email protected]
Stalingrad, Ende August 1942. S. Bastian kauerte nun schon seit vier Stunden im obersten Stock eines Wohnhauses im östlichen Bezirk Stalingrads. Die Luft war klar und kalt, er hatte eine perfekte Sicht. Er drückte das Auge gegen das Zielfernrohr und ließ zum wiederholten Male seinen Blick über die Wolga schweifen. Seine Hände steckten in Handschuhen, die das K98 Scharfschützengewehr hielten. Die rechte Seite seines Gewehrkolbens zierten bereits einundneunzig Kerben. Soldaten, Männer, Frauen, Kinder. Er hatte sich eine Pause verdient und ging die Stufen des Hauses hinab. Außerdem musste er dahin, wo der große Führer auch zu Fuß hingeht. Die Wohnhauswände waren durchlöchert und die Männer seiner Einheit betrachteten von unten seinen Abstieg. Er war der wichtigste und beste Mann ihrer Gruppe. Sie begrüßten sich, klatschten die behandschuhten Hände gegeneinander und lachten. Zigaretten und Feuer wurde gezückt. Geschichten von Abschüssen, vergangenen Kämpfen und das baldige Ende der Schlacht gegen die Iwans wurden in dieser kurzen Pause breitgetreten. Noch schnell auf den Abort und dann wieder hinauf. Es war noch lange hell und vielleicht schaffte er heute noch die einhundert. Er ging wieder ins Haus und stieg weitere Stufen hinab. Das Licht fiel spärlich durch ein schmales Kellerfenster. Er öffnete die Tür, nestelte an seiner Hose, setzte sich und zog die Tür zu. Es war auf einmal stockfinster. Wie viele hatte er heute bereits erlegt? Den alten Mann mit einem Kind an der Hand und drei Iwans, die ihnen helfen wollten. Zählte der Knirps vielleicht nur zur Hälfte? Er lachte leise. Nein, halbe Kerben auf seinem Gewehr würde es nicht geben. Tot ist tot, Leiche ist Leiche und jeder tote Iwan war eine gute Leiche. Gab es auch böse Leichen? Er schmunzelte selbstgefällig über seine perfiden Gedankengänge. Die Zigarette tat ihre Wirkung. Nur durch seine gute Arbeit hatten die Männer Handschuhe, Zigaretten und sogar Zeitungen als Klopapier. Das war Luxus in diesem Krieg. Er fasste nach rechts – doch da war nichts. Kein Papier, aber auch keine Wand. Der Raum war eigentlich so eng, dass man normalerweise mit angewinkelten Armen an die Seitenwände stieß. Er langte noch einmal verunsichert nach rechts. Nichts. »Ganz ruhig.«, sagte er halblaut zu sich selbst und tastete nach links. Dort war ebenfalls nichts. Kälte kroch von unten empor und seine Haare an Armen und Beinen stellten sich auf. Den kalten Rand des Klos unter sich spürte er noch, also konnte er sich schlecht woanders befinden. Seine Füße berührten den Boden. Er griff nach vorne Richtung Türklinke, doch auch dort befand sich Leere. »So ein Mist!«, er zog seine Hose hoch, gürtete sich im Dunkeln zu und ging vorsichtig einige Schritte vorwärts. Er blieb stehen, lauschte. Nichts. »Hallo?«, flüsterte er, dann lauter, immer lauter, bis er fast schrie. Seine Stimme wurde von der Dunkelheit verschluckt und hallte nicht wider. Seine Gänsehaut wurde durch einen dünnen Schweißfilm ersetzt und er spürte abwechselnd Hitze und Kälte seinen Rücken herauf und herab kriechen. Er hockte sich auf den Boden und befühlte ihn. Das waren nicht die alten Kacheln des Aborts. Das Zeug da unten war fugenlos, leicht nachgiebig und warm. Er richtete sich auf, drehte sich um und ging in die Richtung, aus der er gekommen war. Etwas hielt seinen Fuß und er stolperte. Er schlug mit dem Kopf hart auf den Rand des Klos und sein rechter Arm versank in einer feuchten Wärme. Reflexartig erschrocken wollte er ihn wieder herausziehen, doch etwas hielt seine rechte Hand im Inneren des Abflusses umklammert. Er zog panisch und stützte sich mit der Linken am Rand des Aborts ab. Doch die Gegenseite verstärkte ihren Zug und sein Arm versank zentimeterweise tiefer in der Kloake. Seine linke Hand rutschte ab und er schlug wieder mit dem Kopf auf den Rand des Klosetts. Halb betäubt schaffte er es nicht, sich nochmals aufzurichten. Der Zug wurde immer stärker und sein Oberkörper sowie seine Schulter wurden derart in die Schüssel gezogen, dass der Schmerz unerträglich wurde. Es knirschte, Haut platzte, der rechte Arm wurde aus dem Gelenk gerissen und verschwand. Er hörte ein Brüllen in seinen Ohren. Als er die klebrigen Tentakel im Gesicht spürte, merkte er, dass er selbst die Ursache dieses Brüllens war. Mit einem Ruck wurde sein Kopf in den Abfluss gezogen. Mit letzter Kraft stemmte er sich noch einmal hoch, schnappte Luft und wurde sogleich wieder in die stinkige Brühe herabgezogen. Bevor seine Sinne gänzlich erstarben sah er die einundneunzig toten Russen an den Tentakeln ziehen.
Als Scharfschütze Bastian nach fünfzehn Minuten immer noch nicht wiederauftauchte, ging ein Kamerad hinunter und rief nach ihm. Er erhielt keine Antwort und öffnete die Tür zum Abort. Der Raum war bis auf die Schüssel leer. Wenige Wasserspritzer bedeckten den Boden.
30. November 1941, französischer Teil der Ardennen. Die zwei SS-Männer klopften ungeduldig an die Tür des Holzblockwohnhauses, das mit seiner Rückseite an der dahinterliegenden Felswand abschloss. Harald und Karl hatten das einsame Haus in der Abenddämmerung nach einer ermüdenden Fahrt mit dem Lastwagen von Paris entlang der Oise erreicht. Die Wegbeschreibung des Einsatzstabes RR war sehr detailliert gewesen, doch hatten sie die ungünstigen Straßenverhältnisse sehr viel Zeit gekostet. Sie würden hier übernachten müssen, ob es der alten Dame nun passte oder nicht.
Karl, der Grobschlächtigere von beiden, donnerte ein zweites Mal mit seiner Riesenfaust an die Pforte, die in ihren Angeln erbebte. »Aufmachen, im Namen des Führers!« Im Inneren des Hauses scharrte ein weggeschobener Stuhl über die Dielen und Trippelschritte näherten sich. Der Holzriegel wurde beiseitegeschoben und Karl stieß die Tür mit einem Tritt auf, dass die betagte Alte fast nach hinten gefallen wäre, wenn Harald sie nicht blitzschnell am Arm gepackt hätte. Karl stapfte mit seinen schweren Stiefeln, an der einzigen Bewohnerin des Hauses vorbei, in die behagliche Wohnstube. Harald lächelte der Frau zu und führte sie behutsam in die Nähe des Kamins, in dem ein Feuer brannte. Karl hatte unterdessen schon fast alle Türen der anliegenden Räume geöffnet. Er lugte in eine Küche sowie in den Schlafraum. »Wo sind die Bilder?«, brüllte er die alte Frau an. »Peinture?« Diese zuckte verängstigt zusammen. Sie stand neben Harald und hielt noch immer seine Hand. Hilflos schaute sie zu ihm, war nicht fähig etwas zu sagen. »Was ist dahinter?« Karl schlug mit der flachen Hand gegen eine Tür, die gegenüber dem Eingang lag.
»Schalte doch mal dein Spatzenhirn ein, der Schlüssel hängt in Schulterhöhe rechts.« Karl schaute Harald mit säuerlicher Miene an, aber der war der Ranghöhere – und auch der Gebildetere. Er hatte schließlich in Berlin Kunsthistorik studiert während Karl der Mann fürs Grobe war. Noch vor dem Krieg absolvierte er ein Sprachenstudium in Frankreich, kehrte nach Deutschland zurück und wurde bald darauf vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg rekrutiert. Als Unterorganisation der NSDAP war der ERR für die Beschaffung von Kulturgütern in besetzen Ländern zuständig. Harald hatte Karl nach Durchsicht der Akten als Mannschaftsmitglied angefordert. Harald war das Hirn, Karl der zupackende Handlanger. Bisher hatten sie schon manch lohnenden Raubzug hinter sich gebracht. Sie waren ein gutes Team und wie erwartet, würde es mit der alten Dame wohl keine Schwierigkeiten geben.
Karl zog den Schlüssel ruckartig vom Haken, so dass die Lederschnur zersprang, die ihn dort hielt. Während ein kleines Staubwölkchen auf seine Uniform wehte, hatte er den Schlüssel schon ins Schloss gesteckt.
»No!« Die bejahrte Frau hob ihre freie Hand und versuchte einen Schritt auf Karl zuzumachen. Harald, der immer noch ihre andere Hand hielt riss sie grob zurück, lächelte sie mit spitzen Zähnen an und drohte ihr spielerisch mit dem Zeigefinger »No, no.« Aus den Augen der Frau kullerten Tränen. Eine tropfte auf seine sie festhaltende Hand. »Jetzt mach mich bloß nicht nass. So schmerzhaft kann das gar nicht gewesen sein, Weib!« Er schubste die Frau auf den Schaukelstuhl, auf dem sie wahrscheinlich schon vor ihrer Ankunft gesessen hatte. Sie fiel in den Stuhl und verbarg das Gesicht in ihren Händen. Es staubte ein wenig und ein muffiger, alter Geruch stieg in seine Nase. Er wischte sich die Hand an seiner Hose ab. Die Stelle, wo ihn die Träne der Frau berührt hatte, fühlte sich seltsam taub an.
