Gülen im Gespräch - Yasemin Aydin - E-Book

Gülen im Gespräch E-Book

Yasemin Aydin

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Beschreibung

Warum glauben Sie an Gott? Was sagen Sie jemandem, der Sie fragt, weshalb Gott so viel Leiden auf der Welt zulässt? Haben Sie Angst vor dem Sterben? Was erwartet Sie nach dem Tod? Was bereuen Sie in Ihrem Leben am meisten? Wenn Muhammed und Jesus heute leben würden und Sie die Möglichkeit hätten, mit beiden zu sprechen, was wäre Ihre erste Frage an jeden von ihnen? Diese und andere Fragen, darunter auch sehr persönliche, beantwortet der prominente Gelehrte Fethullah Gülen in diesem kleinen, aber bedeutsamen Buch. Dieses Interview ist ein unverzichtbares Standardwerk für Menschen, die sich für den Weltfrieden und für den interreligiösen und kulturellen Dialog einsetzen. Es lädt die Leserschaft ein, über Gott, das Leben, den Menschen und den Frieden nachzudenken.

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Copyright © Main Donau Verlag, Berlin, 2024

Es ist nicht gestattet, Teile dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder in PCs/Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Vorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Interviewer: Mag. Yasemin Aydın, Prof. Dr. Michael LangerVorwort: Prof. Dr. Christoph BultmannNachwort: Dr. Andreas RenzHerausgeber: Dr. Arhan KardaşSatz & Cover Design: Onur Alka

Linemarketing GmbHWilhelmstr. 29 A2 – 13593 Berlinwww.deinbuchshop.de

ISBN: 978-3-946871-74-3 Hardcover

Druck: Finidr

Vorwort

Dieses kleine Bändchen verdankt seine Entstehungsgeschichte einer persönlichen Freundschaft. Wir, die muslimische Sozialwissenschaftlerin Yasemin Aydin und der katholische Theologe Michael Langer, haben uns durch verschiedene Initiativen im Umfeld der Gülen Bewegung in Wien kennen und schätzen gelernt.

Dabei entstand die Idee Fethullah Gülen einmal persönlich zu besuchen und mit ihm über die großen Themenkreise zu sprechen, die sein Lebenswerk ausmachen. Im Januar 2019 waren zwei ganze Tage in Gülens Wohnsitz in Philadelphia anberaumt worden. Die Gespräche wurden simultan übersetzt und drehten sich um Schöpfung und Mensch, Dialog der Religionen, Bildung, Gebet, Gottessuche und Mystik, Gewalt, Leid, Tod, Vorurteile, Zukunft der Welt, um nur einige zu benennen.

Ziel war es, die Ideen Fethullah Gülens einer breiteren Öffentlichkeit in knapper Form authentisch vorzustellen.

Wir haben bei der Transkription des in Türkisch und Englisch geführten Dialogs darauf geachtet, dass der Gesprächscharakter erhalten bleibt. Deshalb wurde auch die inklusive Sprachform nicht immer aufgelöst.

Herr Prof. Dr. Christoph Bultmann, evangelischer Theologe in Erfurt und eine wichtige Stimme im interreligiösen Gespräch der Zeit, analysiert das Gespräch und kontextualisiert es im Gesamt- und Lebenswerk Gülens.

Herr Dr. Andreas Renz, katholischer Theologe in München und ausgewiesener Fachmann im Dialog der Religionen, beschließt das Buch mit eine würdigenden Einschätzung von Gründer und Bewegung.

Wir danken beiden Herren sehr herzlich für ihren kompetenten Beitrag. Wir danken auch jenen, die uns bei unserem USA Aufenthalt logistisch zu Seite gestanden sind: Hüseyin Hurmali, Nuray und Nasuhi Yurt.

Frau Dipl.-Vw. Helga Schiffer, Frau Hilal Akdeniz und Herr Prof. Bultmann haben beim Lesen der Korrekturen geholfen.

Vor allem danken wir Fethullah Gülen sehr herzlich für seine Zeit, seine Geduld und sein Wohlwollen. Ad multos annos!

Frankfurt am Main / Wien, im Juni 2024

Yasemin Aydin/ Michael Langer

Einleitung

Christoph Bultmann

Yasemin Aydin und Michael Langer haben 2018 Fethullah Gülen in seiner geschützten Residenz in Pennsylvania in den USA besucht, in der er seit 1999 lebt, in kleinen Studienkreisen seine Predigt und Lehre des Islam vermittelt und Repräsentanten seiner Anhänger aus zahlreichen Ländern der Welt empfängt.1 Für eine größere Hörerschaft gibt es eine lange Serie von Videoansprachen, für eine größere Leserschaft gibt es eine Ausgabe der Gesammelten Schriften. Beide Quellen verlangen eine gute Kenntnis der türkischen Sprache, einschließlich des differenzierten theologischen Vokabulars in dieser Sprache. Für Leser und Leserinnen des vorliegenden Gesprächs, die sich ein breiteres Bild von Gülens Predigt und Lehre des Islam machen wollen, gibt es aber auch eine Anzahl von Ausgewählten Schriften in Einzelbänden in verschiedenen Übersetzungen. Mir selbst ist als ein erster solcher Band in Übersetzung eine Ausgabe von Aphorismen, also von kurzen Aussprüchen, die zum eigenen Nachdenken provozieren, bekannt. Dieses Werk, das im türkischen Original in vier kleinen Teilbänden zuerst zwischen 1985 und 1992 unter dem Titel Ölçü veya yoldaki ışıklar erschien, wurde 1996 unter dem Titel Criteria or the lights of the way in einer englischen und danach 1998 unter dem Titel Kriterien oder die Lichter auf dem Weg in einer deutschen Übersetzung publiziert. In neuer Bearbeitung und Anordnung erschien 2000 wiederum zuerst eine englische Übersetzung unter dem Titel Pearls of Wisdom und danach 2005 eine deutsche Übersetzung unter dem Titel Perlen der Weisheit. Auf eine zweisprachige Ausgabe mit einer neuen Übersetzung ist noch zu warten. Seitdem ich mich als Bibelwissenschaftler für eine Tagung 2010 zum ersten Mal mit Texten von Fethullah Gülen beschäftigt habe, zitiere ich gerne ein Diktum aus dieser Sentenzensammlung: „Diejenigen, die die Muslime davon abgehalten haben, den Koran zu verstehen und ihn in all seiner Tiefe wahrzunehmen, haben sie des Geistes und der Essenz des Islam beraubt.“2Denn bei der Auslegung der Bibel stellt sich wie bei der Auslegung des Korans die Herausforderung, oberflächliche Vereinfachungen zu vermeiden. Das Christentum kann in seinem Wesen nur erfasst und für glaubende Menschen eröffnet werden, wenn es nicht zu einem banalen religiösen Machtprogramm abgewertet wird, und dasselbe gilt für den Islam. Wenn Gülen den Anspruch formuliert, „den Koran zu verstehen und in all seiner Tiefe wahrzunehmen“, dann ist er sowohl ein Prediger, der diesen Anspruch einlösen will, als auch ein Kritiker, der einen scharfen Blick auf diejenigen wirft, die die Muslime „davon abgehalten haben, den Koran zu verstehen und in seiner Tiefe wahrzunehmen“. In dieser doppelten Hinsicht, als Prediger und als Kritiker, muss auch Gülen überzeugen, wenn man ihn sorgfältig studiert.

Das Gespräch von Yasemin Aydin und Michael Langer ist eine gute Hinführung zum Werk Gülens. In hohem Alter blickt Gülen, der seine Predigttätigkeit um 1958 an der Üç Şerefeli Moschee in Edirne begann, auf sein Wirken zurück und erläutert in einzelnen Punkten, die von den Gesprächspartnern angesprochen werden, sein Verständnis des Islam. Der lange berufliche Weg Gülens, der über Moscheen in Kestanepazarı, einem Stadtteil von Izmir (ab 1966), Edremit (ab 1972) und Bornova (ab 1976) führte, bis mit dem Militärputsch von 1980 ein Einschnitt erreicht wurde, nach dem Gülen sich erst ab 1986 wieder freier bewegen konnte, um in den dann folgenden Jahren eine politisch angesehene Gestalt des öffentlichen Lebens zu werden. 1994 gründeten er und seine Anhänger eine „Journalisten- und Schriftsteller-Stiftung“, die zu einem wichtigen Forum gesellschaftlicher Debatten in der Türkei wurde. Doch die Spannungen in der Türkei nach der erneuten Intervention von militärischer Seite in die Politik 1997 entwickelten sich so, dass Gülen seit März 1999 nicht mehr in der Türkei lebt, sondern im Exil in den USA. In einer einschlägigen Studie zu Gülen von 2004 heißt es zu diesem Wechsel: „Gülen [...] engagierte sich von jetzt ab nicht mehr so stark in der türkischen Öffentlichkeit. Sein Wirken beschränkte sich wieder stärker auf den religiösen Bereich.“3

Das Werk Gülens auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten in einzelnen Punkten seiner Lehre des Islam hin zu untersuchen, könnte nur eine Aufgabe für erfahrene Islamwissenschaftler und Islamwissenschaftlerinnen sein. Bekannt ist, dass für Gülen die Tradition des Sufismus eine große Bedeutung hat. Seine Deutung von Konzepten des Sufismus ist das Thema in einer langen Reihe von Essays, die er für Zeitschriften im Kontext der Bewegung seiner Anhänger geschrieben hat; diese Essays sind auch in Buchform publiziert worden und liegen in englischer und deutscher Übersetzung vor (Smaragdgrüne Hügel des Herzens. Schlüsselkonzepte in der Praxis des Sufismus). Inwiefern diese Deutung schon Gegenstand neuerer Untersuchungen geworden ist, kann an dieser Stelle nur als eine offene Frage angesprochen werden; soweit ich sehe, gibt etwa Alexander Knysh in seiner Geschichte des Sufismus nur einen knappen Hinweis auf Gülen, ohne dessen Schriften direkt in seine Darstellung einzubeziehen.4 Zu einer Ausgabe der gesammelten Schriften von Şefik Can über Rumi (1207–1273) trug Gülen 1999 ein Vorwort bei, in dem er Rumi als einen Dichter herausstellt, „der sein Licht vom Geist des Meisters der Menschheit, dem Propheten Muhammad [...] empfing“ und „auf vielfältige Art und Weise“ an diesem Licht „auch andere Menschen [...] teilhaben“ ließ, der „den Geist der Religion mit dem Herzen erfasste“ und der in seiner mystischen Sprache „ein sorgfältiger Exeget der Wahrheiten des Korans“ war.5 Ein anderer Autor der mystischen Tradition im Islam, der für Gülen wichtig ist und den er in seinen Essays oft nennt, ist Yunus Emre (gest. 1321).6

Als Begründer eines Netzwerks von Anhängern, der sog. Gülen-Bewegung, wird Gülen bisher noch nicht oft in den Diskurs über die Deutung des Islam in der modernen Welt eingeordnet. Seine positive Bezugnahme auf Said Nursi (1877–1960) ist bekannt, so wie auch die Lektüre von Schriften Said Nursis im Kreis der Anhänger Gülens ihr Gewicht hat. In einem kleinen Essay „Die Vorreiter in Denken und Handeln“ führt Gülen eine ganze Reihe von Autoren an, denen seine Hochschätzung gilt, doch wäre wieder zu fragen, inwiefern diese Verbindungslinien in der Islamwissenschaft schon einmal studiert worden sind.7 In einem Gespräch mit der Journalistin Nevval Sevindi 1997 nennt er als einen Autor aus Frankreich, dessen Werk ihn beeindruckt, Henri Bergson (1859–1941).8 Studien zu den intellektuellen Beziehungen Gülens zu Autoren der Tradition in Zustimmung und Abgrenzung dürften ein besonderes Interesse gewinnen, wenn man dem Vorschlag von Arhan Kardas folgt, die Gülen-Bewegung mit dem Begriff „ziviler Islam“ statt mit dem Begriff „politischer Islam“ zu charakterisieren.9

Ein wichtiges Themengebiet, das im Gespräch von Yasemin Aydin und Michael Langer zur Sprache kommt, ist der Dialog zwischen den Religionen, oft „interreligiöser Dialog“ – oder auf Englisch auch „interfaith dialogue“ – genannt. Wenn man sich die bis in die phantasievolle Apokalyptik in der Frühen Neuzeit und die genozidalen Katastrophen der Moderne hineinreichende Beziehungslosigkeit und Feindseligkeit zwischen den Religionen Christentum und Islam und Judentum vergegenwärtigt, wird deutlich, dass hier eine mindestens ebenso große Herausforderung für das Verständnis des Glaubens in der jeweils eigenen Religion liegt wie bei der Konfrontation mit dem mehr oder weniger aggressiven Atheismus der Moderne. In der modernen, menschenrechtsbasierten Gesellschaft muss es sich von selbst verstehen, dass in den Religionen das Recht auf Religionsfreiheit, also das Recht jedes einzelnen Menschen, sich zu einer Religion zu bekennen, das Recht, sein Bekenntnis zu einer Religion zu wechseln oder aufzugeben, und das Recht, sich zu keiner Religion zu bekennen, anerkannt wird. Ebenso muss es sich von selbst verstehen, dass Glaubende sich frei entscheiden können, zu welcher Lehrrichtung in einem Spektrum von unterschiedlichen Lehrrichtungen innerhalb einer Religion sie gehören wollen. Im deutschen Kontext ist das oft nicht leicht zu vermitteln, weil das Finanzamt aus technischen Gründen des Kirchensteuereinzugs für Kirchenmitglieder jedes Jahr neu den Eindruck entstehen lässt, dass es neben „evangelisch“ und „katholisch“ nur „nichts“ gebe, doch wird dieser Eindruck weder der Pluralität der Religionen, noch der Pluralisierung innerhalb der einzelnen Religionen gerecht. Die grundrechtliche Seite der Religionsfreiheit ist indessen nur ein Aspekt. Ein anderer Aspekt ist die Frage der Beziehungen zwischen den Religionen, der interreligiöse Dialog. Hier hat Fethullah Gülen einen starken Akzent gesetzt, indem er den interreligiösen Dialog zu einem Hauptpunkt seiner Predigt und Lehre des Islam gemacht hat, der von seinen Anhängern aufgegriffen wurde.10 Neben der Islamwissenschaft ist in diesem Themengebiet in Zukunft auch die islamische und christliche und jüdische Theologie gefragt, denn eine „Theologie der Religionen“ hat sich in den einzelnen Religionen erst ansatzweise entwickelt. Das Recht auf Religionsfreiheit anzuerkennen und kultivierte Formen von Dialog einzuführen, ist die eine Seite der Medaille, die andere ist es, ein theologisches Verständnis der Vielfalt von Glaubenswegen zu gewinnen, auf denen Menschen Gott als Schöpfer und Erhalter ihres Lebens verehren.

Die öffentliche Debatte über Fethullah Gülen und die Gülen-Bewegung ist zumeist eine theologisch desinteressierte, aber politisch aufgeladene Debatte. Während sich zu der politischen Frage der Rolle der Anhänger Gülens in Gesellschaft und Politik der Türkei die Medienwissenschaft und die Politikwissenschaft äußern müssen – die Medienwissenschaft nicht zuletzt deshalb, weil die Gülen-Bewegung 1986 die Zeitung Zaman gegründet hatte, die bis zu ihrer staatlichen Übernahme im März 2016 eine erfolgreiche und einflussreiche Zeitung war – wird die Frage der Theologie und eines glaubwürdigen frommen Lebens in Zukunft an Gewicht gewinnen. Einerseits wird es dabei um die Selbstdeutung der Anhänger Gülens als Vertreter einer Richtung im Islam gehen, in der es möglich ist, „den Koran zu verstehen und in all seiner Tiefe wahrzunehmen“, und in der die Tradition des Sufismus eine überzeugende Ausdrucksform auch im praktischen Handeln gewinnt. Andererseits wird es um einen Vergleich der Lehre Gülens zum Beispiel mit den Positionen von Autoren gehen, die Suha Taji-Farouki in dem Buch Modern Muslim intellectuals and the Qur’ān (2004) oder Katajun Amirpur in ihrem Buch Reformislam. Der Kampf für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte (2018) vorstellen. Der enorme Grad der Politisierung der Religion in der Türkei, in der die Anhänger Gülens in Kollektivhaftung für eine Militäraktion genommen werden, von der, wenn überhaupt, nur wenige im Vorfeld etwas gewusst haben können,11 lässt nicht erwarten, dass in den kommenden Jahren im türkischen Kontext eine relevante Debatte über die – sowieso von der Regierung verbotenen – Schriften Gülens geführt werden wird. Um so wichtiger ist es, dass Yasemin Aydin und Michael Langer mit ihrem Gespräch mit Fethullah Gülen einen neuen Impuls dafür geben, im interreligiösen Dialog den Zugang Gülens zu einer gegenwartsfähigen und erfahrungsoffenen Deutung des Islam zu studieren.

Für die zentrale Frage der Koraninterpretation lässt sich als Ausgangspunkt z.B. die Studie von Ismail Albayrak „Fethullah Gülens Ansatz der Koranexegese“ nennen, der notiert: „Eine eingehendere Betrachtung seiner Exegese im Lichte des interreligiösen Dialogs wäre ein originärer Beitrag zur Literatur der modernen muslimischen Exegese.“12