Hackschnitzel - Bernd Leix - E-Book

Hackschnitzel E-Book

Bernd Leix

4,3

Beschreibung

Fein zerhäckselt finden sich die Einzelteile einer menschlichen Leiche zwischen den Holzhackschnitzeln auf einem Kinderspielplatz. Die Identifizierung des Toten erweist sich als schwierig. Als klar wird, dass es sich um den Direktor einer Ettlinger Baufirma handelt, beginnt für Oskar Lindt, den Chefermittler der Karlsruher Mordkommission, die zähe Suche nach Motiv und Täter. In einem Sumpf aus Verbrechen, Geldgier, Macht und Korruption entgeht er selbst dem Tod nur um Haaresbreite …

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Bernd Leix

Hackschnitzel

Oskar Lindts dritter Fall

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © sxc.hu

ISBN 978-3-8392-3276-7

1

›Ungewöhnlich warm für die Jahreszeit‹ meldete der Wetterbericht im Radio. ›Straßencafés im Januar geöffnet‹, ›Wo bleibt nur der Winter?‹, schrieben die Tageszeitungen in ganz Süddeutschland.

Die Silvesternacht brachte noch klirrende minus acht Grad, doch nun strömte schon seit sieben Tagen angenehm warme Luft aus Nordafrika ein.

Die Schneedecke begann auch in den höheren Schwarzwaldlagen bedenklich zu schwinden und auf den Gesichtern der Wintersport-Organisatoren gruben sich die Sorgenfalten immer tiefer ein.

Im Rheintal jedoch, von Basel bis Mannheim, lockte der Sonnenschein mehr und mehr Menschen ins Freie.

Auch die drei jungen Mütter, die nebeneinander auf der Holzbank saßen und ihre spielenden Kinder beobachteten, zogen die Jacken aus und genossen im T-Shirt und mit Sonnenbrille die Wärmeperiode kurz nach Dreikönig.

Eine Elterninitiative hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um den vormals recht dürftig ausgestatteten Spielplatz attraktiver zu gestalten. Ein neues Klettergerüst mit Tarzanbahn, drei zusätzliche Wipptiere, ein riesiger Sandbereich und eine farbenfroh gestrichene Schaukelanlage waren mit vielen Stunden Arbeitseinsatz und der finanziellen Unterstützung des ortsansässigen Kiesgrubenbetreibers entstanden.

Der Oberbürgermeister von Rheinstetten, einer südlich von Karlsruhe gelegenen Zwanzigtausend-Einwohner-Stadt, hatte bei der Einweihung viele herzliche, lobende und dankende Worte für die aktiven Eltern gefunden und gleichzeitig in mitleiderregender Weise über die katastrophale Finanzsituation seiner Kommune lamentiert. Nicht einmal ein ordentlicher Spielplatz für die jüngsten Mitbürger könne finanziert werden. Umso dankbarer sei er der Elterninitiative für die geleistete Arbeit und hoffe, dass die Anlage ein vielbenutzter Treffpunkt für die Familien des ganzen Wohngebietes würde.

»Wenigstens hält der Bauhof den Platz hier in Schuss«, meinte zufrieden eine der drei jungen Frauen, die gerade beobachtete, wie ihre siebenjährige Tochter in hohem Bogen von der Kettenschaukel flog. »Gut, dass dort alles mit frischem Häcksel-material bestreut ist. So kann sich keines der Kinder wehtun.« Sie wartete darauf, dass sich ihre Sarah-Lisa wieder aufrappeln würde.

Stattdessen aber und zum Schrecken aller begann das Mädchen markerschütternd zu schreien und blieb stocksteif liegen. Es schien zu keiner Bewegung mehr fähig zu sein.

Das Schlimmste vermutend und schon mit einer Hand das Handy für den Notruf aus der Hosentasche ziehend, rannte die schockierte Mutter zur Schaukel, die beiden anderen folgten ihr auf dem Fuß.

Fest davon überzeugt, dass sich das Kind eine schwere Kopfverletzung zugezogen hätte, warf sie sich auf die Knie neben ihre Tochter, die bäuchlings vornüber im Holzhäcksel gelandet war. Ganz auf der Suche nach Blut oder anderen Verletzungsspuren bemerkte sie nur am Rande, dass die knöcheltiefe Unterlage aus Hackschnitzeln eigentlich so weich war, dass jeder Sturz gut abgefedert werden musste.

»Sarah-Lisa, wo tut’s dir weh? Was hast du denn?«, rief die aufgeregte Mutter, nachdem sie auf den ersten Blick nichts erkennen konnte. Das Kind schrie jedoch nur noch lauter starrte wie versteinert nach vorne.

Als die Frau dem Blick folgte und realisierte, was wenige Zentimeter vor dem Kopf des Mädchens aus dem Holzhäcksel ragte, stieß auch sie einen markerschütterten Entsetzensschrei aus und erbleichte.

Wesentlich ruhiger ging es dagegen im Karlsruher Polizeipräsidium zu.

»Im Herbst sterbst!« Mit diesem markigen Spruch brachte Oskar Lindt das Ergebnis der jährlichen Statistik auf einen Nenner.

»Diesen süddeutschen Ausdruck würde aber ein Kollege aus Hamburg nur schwer verstehen«, runzelte sein Mitarbeiter Paul Wellmann die Stirn.

»Für unseren Bericht und insbesondere für Nordlichter müssen wir das auch etwas anders formulieren. Wie wäre es denn so: ›Auffallende Häufung von Tötungsdelikten im letzten Quartal des Jahres!‹ Das begreift man wohl auch dort, wo’s nach Fisch riecht.«

»Also bitte, Oskar, du brauchst mich nicht schon wieder daran zu erinnern, wo meine Wurzeln liegen. Schließlich lebe ich jetzt bereits über vierzig Jahre hier im sonnigen Süden«, schmollte Wellmann, aber eine gelegentliche Stichelei verzieh er gerne.

Seit über zwei Jahrzehnten waren die beiden Hauptkommissare ein eingespieltes Team und bearbeiteten alles, was in und um Karlsruhe mit Mord und Totschlag zu tun hatte.

Kurz nachdem der damalige Polizeipräsident die Leitung der Abteilung für Tötungsdelikte an Oskar Lindt übertragen hatte, war auch Wellmann in diese Ermittlungsgruppe versetzt worden.

»Wenn wir mal viel Zeit haben«, sinnierte Lindt mit qualmender Pfeife im Mund, »also, wenn wir gar nicht wissen, was wir tun sollen, weil alle Fälle gelöst sind und es nur noch natürliche Todesursachen gibt, dann sollten wir doch mal zusammenzählen, wie viele gemeinsame Erfolge wir in diesen vielen Jahren vorweisen können.«

»Ach, mir reicht eigentlich auch die Arbeit für die jährliche Statistik. Was unsere Oberen da wieder alles wissen wollen …« Wellmann raufte sich die Haare. »Unglaublich, jedes Jahr wird es mehr. Da noch eine Sonderauswertung und dort noch eine Spezialerhebung, nach Altersgruppen, Bevölkerungsschichten, Nationalitäten, Zusammenarbeit mit anderen Kripo-Abteilungen und alles noch getrennt nach Stadt- und Landkreis. Ich weiß wirklich nicht, wofür das gut sein soll. Die Presse veröffentlicht doch nur die wichtigsten Entwicklungen und der Rest unserer Arbeit verschwindet auf Nimmerwiedersehen zwischen zwei grauen Aktendeckeln.«

»Aber Paul«, beruhigte ihn sein Kollege, »wir sind doch schon fast fertig damit und außerdem können wir dieses Mal die Besonderheit melden, dass die Tötungsfälle im letzten Viertel des vergangenen Jahres deutlich angestiegen sind. Das hatten wir noch nie. Ob es einen Grund gibt?«

»Reiner Zufall, aber hoffentlich geht das neue Jahr nicht so weiter, wie das alte aufgehört hat.«

Traditionell machten die zwei Kriminalisten von Weihnachten bis zum Dreikönigstag Urlaub und waren nur bei Kapitalverbrechen erreichbar. Die ungeliebte Arbeit, ihre letztjährigen Ermittlungen zusammenzustellen, nahmen sie immer am ersten Arbeitstag des neuen Jahres in Angriff.

Tradition war es auch, dass sie sich am späteren Nachmittag dieses Tages mit ihren engsten ›Verbündeten‹ zum gemeinsamen Kegeln trafen.

Staatsanwalt Conradi gehörte zu diesem Kreis, Ludwig Willms, der Leiter der Kriminaltechnik und seit einigen Jahren auch Jan Sternberg, der dritte Mann in der Ermittlungsgruppe. Überraschenderweise war es Lindt nach langjährigem penetrantem Bohren doch gelungen, bei der Personalverwaltung die dringend notwendige, weitere Stelle für seine Abteilung zu bekommen. Technik- und Computerfreak Sternberg war dem erfahrenen Kommissar schon während der Ausbildungszeit sehr positiv aufgefallen und ergänzte das Team durch seine Spezialkenntnisse jetzt optimal.

Das vergangene Jahr hatte zwar mehr Arbeit gebracht, insgesamt vier Morde und fünfzehn Mal Totschlag, wie die nüchternen Zahlen auf dem Monitor auswiesen, aber das Kommissariat konnte ganz stolz eine Aufklärungsquote von 100 Prozent vermelden. Meistens war schon von vornherein bekannt, wer die Taten begangen hatte, oder die Spuren zeigten ein so eindeutiges Bild, dass die Ermittler mit der Beweisführung nur wenig Mühe hatten.

»Wir können unsere Arbeit wirklich vorzeigen«, lehnte sich Lindt zufrieden zurück und paffte dicke Rauchwolken in den Raum, nachdem er den Bericht abgeschlossen und über das polizeiinterne Datennetz an seinen direkten Vorgesetzten und die Pressestelle gemailt hatte.

»Erstaunlich auch, wie ruhig die Feiertage verlaufen sind«, stimmte ihm Wellmann zu und erinnerte sich daran, dass sie schon öfter wegen weihnachtlichen Beziehungstragödien ihren Urlaub hatten unterbrechen müssen.

»Freu dich nicht zu früh, Paul … du kannst sicher sein, der nächste dicke Fall kommt bestimmt!«

Die Kegelrunden waren voll im Gang. Natürlich lag Ludwig Willms in Führung. Ehrensache für den durchtrainierten, hageren Sportler, die Kollegen stets deutlich zu übertrumpfen und wenn versehentlich seinem alten, aber etwas in die Breite gegangenen Freund Oskar mal ein guter Wurf gelang, quittierte er es nur mit: »Dusel, das war reiner Dusel!«

Die anderen kannten den Ehrgeiz des Marathonläufers und nahmen ihn deswegen gerne auf die Schippe. Besonders, wenn Willms’ Kugel, was aber sehr selten vorkam, die Bande berührte, gab es johlendes Gelächter und schadenfrohe Kommentare.

Manchmal ließ Lindt auch absichtlich beim Wurf seine Pfeife im Mund. Er wusste genau, dass Willms jedes Mal entsetzt das unsportliche Verhalten kommentieren würde und grinste nur erfreut darüber, dass es ihm wieder einmal gelungen war, einen verbohrten Sportler auf den Arm zu nehmen.

Stimmung und Geräuschpegel steigerten sich stetig und fast hätte Oskar Lindt deshalb das schrille und immer lauter werdende Klingeln, das von der Garderobe herkam, überhört.

»Ihr Handy, Chef«, meinte Jan Sternberg, der die Geräte seiner Kollegen problemlos am Ton unterscheiden konnte.

»Carla wartet wohl schon auf dich«, witzelte Willms noch, doch dann verstummte die Unterhaltung schlagartig.

Alle hatten die Gesprächsfetzen aus Lindts Telefonat mitbekommen.

»Wie bitte, ein Finger, was, wo? Wir kommen sofort!«

Der Hauptkommissar wandte sich wieder seinen Kegelbrüdern zu: »Man hat einen Finger gefunden.«

Er machte eine bedeutungsschwere Pause.

»Und den Rest auch.«

Wieder eine Zäsur.

»Gehackt!«

Einige Sekunden lang herrschte völlige Stille im Raum, bis Paul Wellmann zögernd nachfragte: »Du meinst, jemand hat sich einen Finger abgehackt … beim Holzspalten oder so?«

Doch insgeheim wusste er schon, dass er seinen Kollegen richtig verstanden hatte.

»Nein«, antwortete Lindt tonlos und man konnte ihm förmlich ansehen, dass er gerade ein scheußliches Bild vor seinem inneren Auge hatte, »alles gehackt. Nur den Finger kann man noch erkennen.«

»Da müssen wir wohl hin«, konstatierte Wellmann trocken und griff nach seiner Jacke. »Wo?«

»Rheinstetten-Mörsch, auf einem Spielplatz!«

Ein gespenstisches Szenario erwartete die drei Kripo-Beamten, als sie nach einer knappen Viertelstunde über die B 36 ihr Ziel erreicht hatten. Es war erst halb sechs Uhr, aber die frühe Dunkelheit des Januarabends machte eine komplette Ausleuchtung des Spielplatzes notwendig. Die örtliche Feuerwehr war mit zwei Rüstwagen im Einsatz und versorgte aus laut knatternden Stromaggregaten insgesamt sieben Flutlichtstrahler.

Zahlreiche Schaulustige drängten sich hinter dem rot-weißen Plastikband, mit dem die Beamten des zuständigen Polizeireviers Ettlingen den Platz abgesperrt hatten.

Beim Aussteigen schnappte Lindt einige Gesprächsfetzen aus der Menge auf: »… das muss man sich mal vorstellen …«, »… das arme Kind, so ein Schreck …«, »… und die Mutter erst … ist ja fast in Ohnmacht …«

Ein langer schmaler Oberkommissar der Schutzpolizei mit korrekt gestutztem Schnauzbart steuerte auf die Kriminalisten zu, um kurz und knapp das Wesentliche zu berichten.

Ein siebenjähriges Mädchen war von der Kettenschaukel gestürzt und bäuchlings weich im Häckselmaterial gelandet, das die Arbeiter des Städtischen Bauhofes am Vormittag ganz frisch unter den Spielgeräten ausgebracht hatten.

Als es die Augen aufmachte, musste das Kind wohl unmittelbar auf einen menschlichen Finger geblickt haben, der vor ihm aus den Holzhackschnitzeln emporragte. Reflexartig war es stocksteif liegengeblieben und hatte schrill zu schreien begonnen.

Der Uniformierte führte Lindt und Wellmann zur Schaukel, wo die Spurensicherung bereits am Werk war. »Nicht näherkommen, bitte«, rief einer der Beamten im weißen Overall. »Man sieht es auch vom Rasen aus. Da steckt der Finger und hier, da und dort der Rest. Alles, was rot ist.«

Lindt beugte sich vor, um genauer zu sehen und ganz allmählich erkannte auch er zwischen den Holzstückchen die rötlichen Fremdkörper.

»Und das da?« Der Kommissar zeigte auf eine Handvoll undefinierbarer Masse seitlich im Gras.

Der Kriminaltechniker grinste: »Eine der Mütter hat wohl was angefasst und schlagartig gekotzt.«

Panisch hatten dann alle Eltern ihre Kinder vom Spielplatz gezerrt.

Zwei Polizeibeamte des örtlichen Postens waren zuerst eingetroffen. Pflichtgemäß wurde abgeriegelt und die eintreffende Kriminalbereitschaft unterrichtet.

»Die Fotos sind fertig.« Schnell schob der Techniker den Finger in einen durchsichtigen Plastikbeutel und reichte ihn den wartenden Kommissaren.

Lindt hob ihn hoch und drehte ihn ins Licht. Ohne Zweifel ein menschlicher Finger, allerdings nicht vollständig, sondern nur das erste und die Hälfte des zweiten Gliedes – dann Hautfetzen und ein spitz herausstechender Knochensplitter.

»Auf jeden Fall nicht glatt abgetrennt«, waren sich die Kriminalisten einig.

Lindt beobachtete aus einiger Entfernung, wie nach und nach immer mehr weiche, rötlich-weiße Gewebefetzen aus dem gehäckselten Holz aufgesammelt wurden.

Paul Wellmann kam mit einem leitenden Mitarbeiter des Städtischen Bauamtes dazu, der eben eingetroffen war und über die Herkunft des Materials Auskunft geben sollte.

»Ganz frisch alles«, beeilte sich der Tiefbau-Ingenieur zu versichern. »Unsere Bauhofmitarbeiter haben das Hackgut erst heute Vormittag ausgestreut. Wissen Sie, wegen der Unfallgefahr! Dass die Kinder wenigstens weich fallen. Sie glauben ja gar nicht, Herr Kommissar, wie schnell wir von der Stadt eine Klage am Hals haben, wenn sich mal eines beim Spielen den Kopf anschlägt. Die Eltern rennen heutzutage gleich zum Anwalt. Ich könnte ihnen erzählen …«

»Kann ich mir gut vorstellen«, beeilte sich Lindt, den Redeschwall des offensichtlich sehr kommunikativen Menschen abzukürzen, denn ihn interessierte viel mehr, wo das fein gehäckselte Holz herkam.

»Das kann ich ihnen ganz genau sagen«, zeigte der Ingenieur mit der ausgestreckten Hand nach Osten in die Nacht. »Da draußen an dem Feldweg rüber zum Hardtwald. Alte Pappeln haben wir dort fällen lassen. Die waren schon ziemlich abgängig und wenn einem der vielen Radfahrer ein Ast auf den Kopf gefallen wäre – sie können sich ja gar nicht ausmalen, was da wieder für Schadenersatzforderungen auf unsere Stadt …«

Ziemlich genervt unterbrach ihn der Kommissar mit gerunzelter Stirn: »Ist ja schön, dass sie die Verkehrssicherungspflicht so ernst nehmen, aber diese alten Bäume, die wurden gehäckselt?«

»Nein, natürlich nicht die ganzen Stämme, nur die Kronen, die dicken Äste und die feinen Zweige. Irgendwie müssen wir das Zeug ja entsorgen. Fürchterlich teuer alles. Sie glauben nicht, was die Stunde bei so einem Großhacker kostet.«

Irgendwie konnte sich Lindt des Gedankens nicht erwehren, dass Jammern in der Führungsetage der Kommunen wohl zur Hauptaufgabe gehören musste, doch der Mann war nicht zu bremsen: »Geht alles an ein Heizkraftwerk, da bekommen wir wenigstens noch ein paar Euro dafür.«

Das wollte der Kommissar genau wissen: »Wieso wurde dann gerade dieses Material hier nicht zu Strom und Wärme?«

»Bisher ging alles ins Kraftwerk. Fünf große Abrollbehälter waren das vorgestern. Aber vor dem Feiertag sind wir nicht mehr ganz fertig geworden und so gab es heute früh noch mal einen Container voll. Den haben unsere Bauhofmitarbeiter gleich für Eigenbedarf abgezweigt. Da brauchen wir immer mal wieder solches Material. Als Mulchdecke gegen das Unkraut in den Grünanlagen oder um kleine Fußwege damit anzulegen … ja und auch als Fallschutz auf den Spielplätzen.«

Der Ingenieur verzichtete glücklicherweise darauf, abermals über hohe Kosten zu jammern, weshalb Lindt gleich nachlegte: »Dieser Container muss natürlich auch untersucht werden, wo steht der denn?«

»Der Container? Der wird wohl im Bauhof stehen … aber denken sie etwa, dass da noch mehr … bisher hörte ich nur von einem gefundenen Finger?«

»Leider müssen wir davon ausgehen, dass hier nicht nur Holz kleingehackt wurde.«

Sie traten dichter heran. Mittlerweile hatte die Spurensicherung schon einige weitere Klarsichtbeutel mit unförmigen, rötlich–schmierigen Gewebsfetzen gefüllt.

Der Tiefbauer war so schockiert von dem Anblick und auch von dem Gedanken an mögliche Zusammenhänge, dass er verstummte.

»Das würde ja heißen …«, begann er dann doch wieder.

»Ganz genau«, bestätigte Lindt, »und deshalb müssen wir auch noch diese Hackmaschine und den Ort, wo gearbeitet wurde, ganz genau unter die Lupe nehmen.«

Der Vorstellung, dass nicht nur Astwerk, sondern gleich ein ganzer Mensch im Einzugstrichter eines Großhäckslers verschwunden sein könnte, machte dem Mann sichtlich zu schaffen. Das Ganze auch noch im Zusammenhang mit städtischen Arbeiten in seinem Verantwortungsbereich, dieser Gedanke missfiel ihm sehr. Allerdings setzte der Kommissar gleich noch eines drauf: »Sagen Sie, fehlt eigentlich jemand in ihrer schönen Stadt?«

Jetzt hatte es dem sonst so selbstsicheren Bauingenieur endgültig die Sprache verschlagen. Er wandte sich ab und verließ kopfschüttelnd den taghell erleuchteten Spielplatz.

»Ich … ich kümmere mich darum …« drehte er sich nochmals um und schlüpfte schnell unter der Absperrung durch.

Hauptkommissar Lindt informierte seine beiden Mitarbeiter, die sich bisher mit den Beamten des örtlichen Polizeipostens unterhalten hatten.

»Das könnte passen, Chef«, wurde Jan Sternberg ganz eifrig. »Der Kollege hier hat mir gerade was von einem aufgebrochenen Lastwagen erzählt. Mit dem Fall war er heute früh beschäftigt.«

Interessiert hörten die Kommissare sich den Bericht des Postenführers an. Der Fahrer eines über den Dreikönigstag am Waldrand abgestellten LKWs mit aufgebautem Großhacker hatte kurz nach acht Uhr am Morgen Anzeige erstattet. Das Führerhaus des Fahrzeuges war aufgebrochen und zu diesem Zweck ein kleines Seitenfenster eingeschlagen worden. Merkwürdigerweise hatte aber nichts gefehlt und es gab auch keine weiteren Schäden. Allerdings musste jemand in der Kabine gewesen sein, denn einige Gegenstände lagen nicht mehr am gewohnten Platz.

Eine Streifenwagenbesatzung hatte sich der Sache angenommen, Fotos gemacht und versprochen, sich um die Angelegenheit zu kümmern.

»Wird wohl kaum aufgeklärt, so was kommt hier laufend vor«, meinte der Polizist. »Wir waren uns ziemlich sicher, dass da einer mal in einem LKW pennen wollte.«

»Oder vielleicht auch zwei«, grinste Jan Sternberg.

»Nun sieht das Ganze ja wohl etwas anders aus«, überlegte sein Vorgesetzter und beauftragte die Spurensicherung, auch den abgestellten Container, den Großhacker und dessen Arbeitsort genauestens zu untersuchen.

»Allerdings am besten bei Tageslicht«, überlegte er und gab Anweisung, die Örtlichkeiten so lange zu sperren und zu überwachen.

»Wenn auch der letzte Container wie geplant im Heizkraftwerk gelandet wäre«, sinnierte Oskar Lindt, als er am späten Abend zu Hause seiner Frau vom abrupten Ende der Kegelpartie berichtete, »dann hätte die Entsorgung dieses Menschen optimal geklappt.«

»Scheußlich«, antwortete Carla und schüttelte sich angewidert, »das mag ich mir nicht einmal vorstellen. Erst häckseln und dann verbrennen. Ob der oder die denn schon tot war, als …?«

»Hoffentlich kann uns das Labor da weiterhelfen«, meinte der Kommissar zweifelnd, »und außerdem gibt es bisher überhaupt keinen aktuellen Vermisstenfall. Kurz gesagt, wir wissen noch gar nichts.«

Er ahnte auch nicht, dass irgendwo in einer abgeschlossenen Garage im Rheinstettener Stadtteil Forchheim ein für den Winterurlaub fertig gepackter, zweisitziger Mercedes SLK stand. Die Carving-Ski auf der Beifahrerseite ließen keinen Platz für einen Mitfahrer, doch leider wartete der schicke schwarze Sportflitzer auch vergebens auf seinen Fahrer.

2

Nach einer unruhigen Nacht war der Kommissar früh auf den Beinen. Schon kurz nach sieben erschien er im Büro und konnte es kaum erwarten, dass es hell wurde, um die verschiedenen Lokalitäten bei Tageslicht zu betrachten.

»Wenn es kein Unfall war«, überlegte Paul Wellmann auf der Fahrt, »dann haben wir es mit einem fast perfekten Verbrechen zu tun.«

»Rückstandsfreie Beseitigung im Heizkraftwerk, ähnlich wie im Säurebad, mal was Neues.«

»Fast hätte es geklappt. Leider hat der Bauhof dazwischengefunkt.«

Die außergewöhnliche, winterliche Wärmeperiode schien kein Ende nehmen zu wollen.

»Jetzt haben wir Januar und stehen in der leichten Sommerjacke hier rum«, schüttelte Wellmann den Kopf.

Lindt gab ihm recht: »Normalerweise frieren wir um diese Jahreszeit wie die Schneider.«

Er erinnerte sich an verschiedene ›Winter-Fälle‹, wo die Ermittlungen im Freien von schneidendem Ostwind, klirrendem Raureif oder dichtem Schneetreiben begleitet worden waren.

Regen machte ihm nichts aus. Mit Schirm, wasserdichter Jacke und festen Schuhen konnte man sich gut dagegen schützen, aber Kälte mochte er nicht. Zumindest nicht ohne ausreichende Bewegung. Stundenlange Außentermine mit der Staatsanwaltschaft bei Minusgraden und knöcheltiefem Neuschnee …

Er erinnerte sich und war gleichzeitig wieder dankbar, dass im Moment diese absolut untypische Wetterlage vorherrschte. Die Haselsträucher am Waldrand und die Weidenkätzchen gaben schon kräftig stäubend ihre gelben Pollenladungen in die laue Luft ab und die Knospen der Schlehdornen waren so dick geschwollen, dass es schien, als wollten die weißen Blüten jeden Moment hervorbrechen.

›Frühling im Januar‹, dachte der Kommissar und sog mit einem ausgedehnten Rundumblick die Örtlichkeit in sich auf. Den strauchbewachsenen Waldrand auf der südlichen und die landwirtschaftlichen Flächen auf der nördlichen Seite des asphaltierten Feldweges, dazu die dicken Stämme der gefällten Pappeln, aufgestapelt zu drei LKW-Ladungen.

Der Polizist des örtlichen Postens, der die Anzeige wegen des aufgebrochenen Lastwagens bearbeitete, übernahm die weiteren Erklärungen. Er berichtete, wo das Fahrzeug gestanden hatte, daneben der große Haufen mit grobem Astwerk, der noch zu zerkleinern war und dahinter der lange Abrollcontainer, in den die Holzspäne geblasen wurden.

»Ein extra Motor, nur für den schwedischen Hacker, hat mir der Fahrer erklärt, 500 PS, mehr als die LKW-Maschine hat, aber damit können auch Stämme bis 60 Zentimeter Durchmesser völlig mühelos zerkleinert werden.« Die Faszination für die Großtechnik war dem Beamten am Gesicht abzulesen.

»Wo finden wir das Fahrzeug denn im Moment?«, wollte Lindt wissen.

»Um zehn gestern Morgen war der hier fertig und ist dann nach Muggensturm weitergefahren. Dort am Kieswerk hat er noch den ganzen Tag gehackt. Der Firmenchef ist natürlich ziemlich sauer, weil wir seine Maschine am Abend von den Rastatter Kollegen sicherstellen ließen. Kostet immerhin hundert Euro in der Stunde, da kommen die gleich mit Verdienstausfall und drohen mit ihren Anwälten.«

Lindt nickte. Wie Firmen auf polizeiliche Ermittlungen reagierten war für ihn nichts Neues und trotzdem legte er Wert darauf, dass alle nötigen Untersuchungen mit größter Sorgfalt durchgeführt wurden.

»Die Kollegen von der SpuSi Rastatt sind sicherlich bereits dort und wir fahren auch gleich hin, aber etwas Zeit brauche ich hier schon noch«, kratzte sich der Kommissar am Hinterkopf und lehnte in aller Ruhe an seinem Dienstwagen, um die erste Pfeife dieses Morgens zu stopfen.

Es war völlig windstill und so bildete der Rauch des Presstabaks eine regelrechte Nebelwand um Oskar Lindt. Seine Mitarbeiter brauchten den nach nirgendwohin gerichteten, ganz ausdruckslosen Blick des Kommissars nicht weiter zu interpretieren, um zu wissen, dass sie ihren Chef jetzt besser nicht störten. In solchen Situationen bat er immer darum, einige Minuten nicht angesprochen zu werden.

Das Bild eines Tatorts möglichst vollständig im Kopf zu haben, war seiner Meinung nach die wichtigste Voraussetzung, um sich den Ablauf der Geschehnisse mit allen entscheidenden Einzelheiten vorstellen zu können.

Der Kommissar entfernte sich von seinen Kollegen, ging ein Stück entlang des Weges, verschwand im Unterholz und machte einen großen Bogen um die eifrig suchenden Techniker der Spurensicherung. Mehrere hundert Meter weiter hinten tauchte er wieder auf, ging im sandigen Ackerboden durch die grünen Halme des schon knöchelhoch aufgekeimten Winterweizens und blieb dazwischen immer wieder stehen.

Wellmann und Sternberg störten sich nicht an diesem recht unkommunikativen Verhalten ihres Chefs, das man auf den ersten Blick doch für reichlich merkwürdig halten musste. Sie hatten sich schon lange an seine unkonventionellen Methoden gewöhnt, aber auch die Beamten der Schutzpolizei, die den altgedienten Kriminalkommissar nur selten zu Gesicht bekamen, warteten respektvoll bei ihrem Wagen, bis er seinen Rundgang beendet hatte.

Wer Oskar Lindt war und welche erstaunlichen Erfolge die Jahrzehnte seiner Ermittlungsarbeit zierten, das wusste im Umkreis von Karlsruhe selbst jeder neue Streifenpolizist bereits nach wenigen Wochen.

»Wir können dann …« Er hatte seinen von reichlichen Pausen unterbrochenen Spaziergang beendet und war wieder bei den Kollegen eingetroffen.

»Auf jeden Fall ein ungestörter Ort, um mal eben kurz eine Hackmaschine anzuwerfen und einen Menschen in kleinfingerlange Stücke zu zerlegen«, gab Paul Wellmann seine Einschätzung der Lokalität zum Besten und auch Jan Sternberg stimmte ihm zu: »Von der Stadt her nicht einsehbar, auch keine öffentlichen Straßen oder einzelnen Häuser in der Nähe – wenn also nicht gerade ein Bauer mit dem Traktor, ein Radfahrer oder sonst ein Herr ›Zufall‹ daher kommt, ist so eine Leiche hier ruckzuck zerkleinert.«

»Na dann wollen wir mal hoffen, dass es diesen Herrn ›Zufall‹ tatsächlich gibt und er sich auch noch bei uns meldet«, brummte Lindt, ohne weiter auf die Äußerungen seiner Kollegen einzugehen. Er gab Gas und setzte den weinroten Dienstwagen Richtung Muggensturm in Bewegung.

Viel zu sehen gab es dort nicht, außer den Kriminaltechnikern der Rastatter Kripo, die sich gründlich mit dem imposanten, dreiachsigen Lastwagen beschäftigten, der auf dem Gelände eines Kieswerks darauf wartete, sein zerstörerisches Werk wieder aufzunehmen. Da das Fahrzeug jetzt im Nachbarlandkreis stand, leisteten die dortigen Kollegen Amtshilfe und übernahmen die Spurensicherung.

»Wir sind jetzt so weit«, kam einer der Männer im weißen Tyvek-Overall auf die Karlsruher Kriminalisten zu. »Führerhaus und Kran-Kabine können wir schon wieder freigeben. Die Walzen am Einzug, die Schwungscheibe mit den Hackmessern und den Auswurfschacht haben wir auch bearbeitet.«

»Den Greifer vorne am Kran?«, wollte Lindt wissen und zeigte auf die stählernen Zangen. Der Kollege nickte – »Nichts dran, fertig!« – und gab dem ungeduldig wartenden Maschinisten ein Zeichen, dass er seine Arbeit fortsetzen konnte.

Das laute Grollen der startenden Motoren ließ jedes weitere Gespräch verstummen. »Bei 500 PS bebt der Boden«, schrie Jan Sternberg seinem Chef ins Ohr. Es dauerte eine Weile bis die Hackerscheibe im Innern der Maschine die nötige Drehzahl erreicht hatte, doch dann brach das lärmende Inferno erst richtig los.

Mit dem langen Kranausleger wurde ein ganzer Erlenstamm mit sämtlichen Ästen dran von einem seitlichen Stapel aufgehoben und in den stählernen Schlund seiner Maschine geschoben. Die beiden stacheligen Einzugswalzen zerrten den Baum in wenigen Sekunden hinein und mit infernalischem Krach zerhäckselten die scharf geschliffenen Hartmetallmesser das Holz. In hohem Bogen spuckte ein Auswurf die Hackschnitzel in den bereitstehenden Container.

Während der technikbegeisterte Jan Sternberg mit leuchtenden Augen die gewaltige, schwedische Maschine bei der Arbeit betrachtete, schauten sich Lindt und Wellmann nur gegenseitig an. Jeder wusste, was der andere jetzt dachte. Statt eines Baumstammes sahen sie einen menschlichen Körper zwischen den Stacheln der beiden Walzen verschwinden. Wellmann schüttelte seinen Kopf, wie wenn er dieses schreckliche Bild abschütteln wollte.

Oskar Lindt biss fester auf das Mundstück seiner Pfeife, wandte sich ab und als sie wieder im Wagen saßen, meinte er nur tonlos: »Hoffentlich war er schon tot!«

Nach dem möglichen Tatort am Waldrand und der Besichtigung des Großhackers hatten Lindt, Wellmann und Sternberg am späten Vormittag auch noch den großen Stahlcontainer in Augenschein genommen, der im Bauhof der Stadt Rheinstetten abgestellt und noch zu über drei Vierteln mit Holzhackschnitzeln gefüllt war.

Auch hier waren zwei Beamte der Spurensicherung schon seit dem frühen Morgen am Werk und suchten penibel das gesamte Material durch.

»Sieht wirklich sehr nach Nadel im Heuhaufen aus«, war der Kommentar von Jan Sternberg gewesen, doch Paul Wellmann hatte verbessert: »Wenn schon, dann Finger im Holzhaufen! Vielleicht taucht ja noch einer auf. Die Gerichtsmedizin würde es uns auf jeden Fall danken, wenn sie nicht nur lauter unförmige Gewebefetzen untersuchen müsste.«

»Mafia, ganz klar organisierte Kriminalität«, lautete die Einschätzung von Sternberg, als das Dreier-Team gegen Mittag wieder im Karlsruher Polizeipräsidium eingetroffen war, um die bisherigen Fakten zusammenzustellen. »Früher haben die ihre Opfer im Rhein versenkt, aber heute geht es ja viel problemloser. Hacker knacken, kurzschließen, warten bis die Messerscheibe genügend Schwung hat und dann eins-zwei-drei hinein damit.«

»Irgendwie denke ich dabei an Wilhelm Busch«, musste Oskar Lindt, der am Fenster stand, unwillkürlich lächeln. »Wenn ich mich recht erinnere, war das Ende von Max und Moritz doch ganz ähnlich. Rein in den Trichter, ab durch das Mahlwerk und hinten warteten schon die Gänse auf die Brocken.«

»Allerdings hatten die Mühlen damals keine 500 PS«, warf Paul Wellmann grinsend ein. »Aber wir könnten uns ja jetzt SOKO Max & Moritz nennen.«

Lindt stieß dichte Rauchwolken aus und meinte nachdenklich: »Ob auch in unserem Fall ein ›Böser‹ für seine Übeltaten bestraft wurde?«

»Oder vielleicht waren es ja auch zwei?«

»Das wird uns die DNA-Analyse wenigstens sagen können, aber wenn der Gen-Code nirgends gespeichert ist und die Fingerabdrücke genauso wenig, dann sieht es schlecht aus mit der Identifizierung.«

Sternberg nickte und zeigte nach vorne auf den Computermonitor: »Es gibt zwar im Kreis Karlsruhe momentan acht aktuelle Vermisstenfälle, aber ob von denen einer passt …? Das dürfte schwierig werden.«

»… nach den bisherigen Erkenntnissen ist ein Unfall zwar theoretisch denkbar, aber ein Gewaltverbrechen für uns sehr viel wahrscheinlicher«, verkündete Oberstaatsanwalt Wolf bei der Pressekonferenz am späten Nachmittag.

Es war unumgänglich geworden, die Öffentlichkeit zu unterrichten, denn der Fingerfund hatte sich in Rheinstetten wie ein Lauffeuer herumgesprochen und das Großaufgebot der verschiedensten Polizeieinheiten tat ein Übriges, die Gerüchteküche anzuheizen.

Sogar ein privater Fernsehsender war erschienen und hatte Mutter und Kind vor der Kulisse des Spielplatzes und der dort arbeitenden Kriminaltechniker gefilmt. Das Mädchen werde von einem ortsansässigen Psychotherapeuten intensiv betreut, um sein Trauma zu verarbeiten, hatte es im TV-Bericht geheißen.

Was Oskar Lindt von so viel öffentlicher Schaumschlägerei hielt, konnte man unschwer an seinem Gesicht ablesen, aber er gab vor den hungrigen Journalisten dazu lieber keinen Kommentar ab. Die Macht der Medien hasste er, wusste aber auch, dass er auf Tipps aus der Bevölkerung angewiesen war.

»Die Auswertung der Ergebnisse von Spurensicherung und Kriminaltechnik wird noch mehrere Tage dauern«, informierte Ludwig Willms die Presse über den Stand der Untersuchungen in seiner Abteilung und Hauptkommissar Lindt appellierte mit eindringlichem Tonfall: »… sachdienliche Hinweise bitte direkt an uns oder jede andere Polizeidienststelle. Wir gehen allen Spuren nach.«

Die Karlsruher KTU arbeitete zusammen mit den Spezialisten des Landeskriminalamtes unter Hochdruck. Wie ein riesiges Puzzlespiel sortierten vier Gerichtsmediziner in einem taghell erleuchteten Saal auf acht langen Edelstahltischen die wenig appetitlichen Fundstücke, die sie von der Spurensicherung geliefert bekamen. Am ergiebigsten hatte sich der Inhalt des Containers erwiesen, der in zweitägiger Kleinarbeit regelrecht durchgesiebt worden war. Nach und nach wurden von den Kriminaltechnikern insgesamt sechs Kubikmeter Holzhackschnitzel Schaufel für Schaufel auf mehreren, herbeigeschafften Tapeziertischen ausgebreitet und sortiert. Makabere Sprüche wie: »Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen« machten dabei die Runde, wenn sich wieder ein harmlos aussehendes Holzstückchen doch als Knochenfragment von menschlicher Schädeldecke oder Beckenschaufel erwies. Von weitem schon zu erkennen waren die weichen, lappigen Reste der inneren Organe, die der Hackscheibe nicht so viel Widerstand geboten hatten und deshalb weniger stark zerkleinert worden waren. Ein Teil des Dünndarms mit vierundzwanzig Zentimetern Länge war das größte Fundstück. Muskeln und vor allem Knochen waren dagegen auf höchstens fünf Zentimeter zerhackt worden. Fast unversehrt fanden sich neben dem Fingerteil vom Spielplatz noch drei Fingerkuppen, vier Zehen und sechs Zähne.

Gerade davon versprachen sich die Pathologen viel, denn vier wiesen Gold-Inlays auf. Das daraus rekonstruierte Zahnschema wurde zusammen mit hochauflösenden Digitalfotos an über hundertachtzig Zahnärzte in der Region Karlsruhe gemailt und auch als Download ins Internet gestellt.

Weitere körperfremde Metallteile oder Bruchstücke von Schmuck? Fehlanzeige!

Die Abdrücke der Finger ergaben zwar leidlich gute Ergebnisse, aber nach Abgleich mit den Datenbanken war keine Übereinstimmung mit registrierten Personen zu finden.

Die Untersuchungen des möglichen Tatorts und des Großhackers führten auch nicht weiter. Zwar gab es in Führerhaus und Krankabine Fingerabdrücke, die nicht zum Maschinist oder anderen Firmenangehörigen passten, aber keiner der Abdrücke war irgendwo gespeichert.

Schließlich lieferte das LKA nach vier Tagen auch die Ergebnisse der DNA-Untersuchung.

»Leider nichts Konkretes«, zuckte Ludwig Willms