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Was in Pfarrer so alles erleben kann - das sind die Geschichten von Maximilian Hafer, alle auf selbst erlebtem Hintergrund, natürlich so, dass niemand geoutet wird. Humorvoll und rührend, erschütternd und doch doch nicht ohne Komik, so kommt das Leben in ersten und heiteren Situationen daher.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Der pensionierte Pfarrer Maximilian Hafer denkt in seinem Ohrensessel darüber nach, was er in den mehr als 40 Jahren seines Berufslebens so alles an Merkwürdigem und Wunderbarem und Staunenswertem erlebt hat. Er schreibt das für seine Enkelkinder als Geschichten aus dem Leben auf. Und vielleicht macht es ja auch ihnen Spaß, vom Alltag eines ganz normalen Pfarrers zu lesen. Krimis und Liebesgeschichten, Entwicklungsgeschichten und ganz eigener Humor sammeln sich da in den Geschichten des Maximilian Hafer.
Der Wirt zum Goldenen Ochsen
Nichts kann komischer sein als eine Beerdigung. Das liegt daran, dass viele Menschen mit Scheu an so eine Situation herangehen und nicht so recht wissen, wie sie sich am besten verhalten sollen. Ist ja klar. Man macht das nicht jeden Tag und irgendwie betroffen ist man auch. Und aus dieser Unsicherheit heraus passiert es dann. Es wirkt komisch, so ernst es ist. Und eigentlich gibt es nichts Christlicheres als über den Tod zu lachen. Das sogenannte Osterlachen, das den Tod auslacht, weil er am Ende immer gegen die Geschichten des Lebens verliert. Das Leben ist so stets stärker als jeder Tod. Und es ist gut, das immer wieder zu spüren.
Es klingelte an der Tür. Hafer ging zur Tür und öffnete, nachdem er seine Kaffeetasse auf dem Untersetzer am Schreibtisch abgesetzt hatte. Draußen stand Frau Martrer, die Wirtin vom Goldenen Ochsen und Hafer sah gleich, dass etwas nicht stimmte. Sie war blass und die Augen unruhig und sie trug ein merkwürdig dunkles Gewand, was an dieser lebenslustigen Frau so gut wie nie zu sehen war. Sie liebte es bunt und laut daherzukommen, hatte stets einen schlagfertigen Spruch auf der Zunge und war mit einem Gemüt, wie eine Wirtin es braucht, nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Doch das alles war wie weggeblasen.
"Frau Martrer", sagte Hafer, "ich grüße Sie. Aber komme Sie doch herein, sie sehen aus, als ob Donner und Blitz sie auf einmal erwischt haben!"
"Genau so ist es auch, Herr Pfarrer", sagte die Ochsenwirtin. "Der Willi, mein Mann, ist tot!"
"Ach Du liebe Güte!", rief Hafer. "Das ist ja furchtbar! Ich habe doch gestern noch mit ihm gesprochen! Wir sind uns vor der Wirtschaft über den Weg gelaufen und er hat er zählt, dass Sie beide in drei Wochen seit vielen Jahren wieder einmal in Urlaub fahren wollen."
"Ja, das haben wir geplant. Aber da wird nichts mehr draus. Er ist in der Wirtschaft vom Stuhl aufgestanden, umgefallen und war tot!" Sie fängt an zu weinen und zu schluchzen.
"Jetzt kommen Sie erst mal rein und setzen sich hin", redetet Hafner beruhigend auf sie ein. "Ich sag meiner Frau, sie soll ihnen einen Tee machen. Der hilft immer. Und dann erzählen Sie mir in aller Ruhe."
Hafer ging zur Tür und verschwand im Haus. Nach weinigen Minuten kam er zurück.
"Meine Frau bringt den Tee. Frau Martrer das ist ja ganz furchtbar. Haben Sie denn etwas gemerkt, dass es ihm nicht gut ging?"
"Ach wo, Herr Pfarrer, der war grad so wie immer. Mürrisch aber quietsch fidel! Und dann fällt der um ist tot! Also so was! Des geht doch net. Wie steh ich denn jetzt da!"
So ging es noch eine Weile dahin, bis Hafers Frau den Tee brachte. Hafer ließ sie einen Schuck Tee nehmen, der ihre Klage kurz unterbrach. Das nutzte Hafer, um sie nicht in eine Depression abrutschen zu lassen, sondern wieder auf das Leben zu konzentrieren. Das war jetzt wichtig.
"Frau Martrer, jetzt haben wir ein paar Dinge zu besprechen. Wir wollen doch ihren Mann in Würde beisetzen."
"Herr Pfarrer, die Beerdigung wird ganz furchtbar. Haben Sie eine Ahnung wie viele Leute da kommen werden. Schon alle Stammtische von der ganzen Woche und die vielen Stammgäste die
wir haben. Und die alle vom Verband der Gastwirte und die Familie natürlich auch."
Hafer notierte mit großer Geduld, auf was er sich bei der Beerdigung einstellen musste, denn so viele Grabreden wollten ja auch in den Zeitplan eingebaut werden. Und Das was da zehnmal gesagt wurde, musste er nicht ein elftes Mal in seine Beerdigungsansprache einbauen. Darum war das hinhören so wichtig. Die Liste war lang und Hafer ahnte, dass das nicht in einer Stunde zu bewältigen wäre.
Und so kam es dann auch! Der Friedhof war schwarz voller Menschen. Hafer hatte gute Worte gefunden, die Bedeutung des Glaubens im Leben eines Wirtes biblisch fundiert der Trauergemeinde nahezubringen. Bei den Angehörigen waren viele Tränen geflossen, was in den hinteren Reihen die mehrfach geflüsterte Begutachtung hörbar machte: "Eine schöne Leicht!" Oder: "So eine schöne Beerdigung!" Oder auch: "So möchte ich's auch einmal!" Der Beerdigungschor der Gemeinde sang "Näher mein Gott zu Dir…" an der Aussegnungshalle, und dann ging's zum Grab. Es zog sich hin, bis alle sich umorientiert hatten von der Aussegnungshalle Richtung Grab. Hafer wartete geduldig bis er am Grab mit der Liturgie fortfahren konnte. "Erde zur Erde…" und dann zog sich das Vaterunser über den Friedhof. Die Katholiken vorne waren längst fertig, als die Protestanten, die weiter hinten standen erst beim "täglich Brot" waren. Bei dieser Menge an Leuten konnte sich auch Hafer trotz Umhänge-Mikrofon und Lautsprecher an der Stange nicht durchsetzen, weil der Bestattungsordner nicht so recht wusste wohin der den tragbaren Lautsprecher schwenken sollte, damit alle etwas verstehen hätten können. So wartete Hafer, bis die Letzten auch das Amen erreichten und sprach dann den Segen.
Und nun kamen die Nachrufe. Zuerst die Rentner, die zweimal in der Woche zum Stammtisch gekommen waren. Routiniert wie Rentner, die häufiger auf Beerdigungen waren, sprachen sie kurz und die bekannten Floskeln und legten ihren Kranz vorne in die Mitte vor das Grab. Dann kamen die Skatbrüder mit einem Kranz und die Kegler und die Singfrauen und Schafkopferer und die Fußballer und der Männerchor und der Veteranenverein und die Reservisten und noch einige, und alle legten ihre Kränze rund um das Grab, das nun ringsum unzugänglich war, weil so viele niedergelegte Kränze einen regelrechten Wall um das Grab bildeten.
Dann kam der Hubert von den Jägern. Er steckte in einem deutlich zu kleinen Jägerjanker, so eine Art Ausgangsuniform für Jäger, die er sich ganz offensichtlich geliehen hatte oder seit 30 Jahren nicht mehr aus dem Schrank geholt hatte. Auf dem Kopf hatte er einen Filzhut, passend zum Janker, den er vor dem Grab abnahm und umdrehte, weil er dorthinein den Zettel mit seiner Rede geklemmt hatte. Vor lauter Aufregung, weil er das auch nicht jeden Tag machte, hatte er aber so geschwitzt, dass der ziemlich durchfeuchtetet Zettel passgenau im Hut klebte. Also fing er an vorzulesen, etwas stockend, weil einiges schon vom Schweiß verlaufen war, und das in vertrauter Du-Form, wie er halt mit dem Willi, dem Wirt stets geredet hatte.
"Lieber Willi! Auch die Jager aus dem … Bauernwald, die bei Dir stets ihren Schnaps … getrunken haben, wünschen Dir … unser herzlichstes Beileid. Und Dir Maria, natürlich auch. Du bist ja etzet eine Witwe vom Willi. Die Jagergemeinschaft bedauert es sehr, ihren Wirt … auf so tragische Weise verloren zu haben, und …" hier stockte er und wisperte im Hut herum um den Zettel auf seine Rückseite zu drehen, wo offensichtlich der weitere Text verzeichnet stand. Doch das wollte nicht gelingen. Der schweißfeuchte Papierfetzen klebte im Hut und war nicht zu bewegen, ohne vollends zerstört zu werden, was der Hubert ja nicht wollte, er sollte ja den zweiten Teil auch noch vorlesen. Aber er musste einsehen, dass das nicht ging. So fasste er sich ein Herz, lies den Zettel Zettel sein, und blickte ins Grab. "Ach Willi," hob er von Neuem an, "es ist einfach blöd, dass Du nicht mehr da bist. Wir haben Dir auch einen Kranz besorgt … - - Ja wo ist der denn? Hitzelsakra, wo hat denn der Albert den hie'gstellt?"
In den hinteren Reihen hatte sich bereits ein breites Grinsen auf fast allen Gesichter eingestellt und Hafer sah genau in diese Gesichter, biss die Zähne aufeinander, dass sie weh taten, um nicht selbst die Fassung zu verlieren und die Würde des Ortes und der Situation auch gegenüber den Angehörigen aufrecht zu erhalten.
Der 'Jager-Hubert' verließ nun seinen Platz vor dem Grab. Hafer wusste nicht, ob er aufgegeben hatte und ob er nach noch einem Nachruf Ausschau halten sollte, deshalb schaute er gespannt nach dem Hubert. Der suchte verzweifelt in den vielen Ständern, die der Bestatter in einiger Entfernung mit Kränzen behangen aufgestellt hatte, und fand nach kurzer Suche den richtigen unten an einen Ständer angelehnt. Er schleppte ihn zum Grab.
"So, legen wir Jager" fuhr er da fort, "nun an Deinem Grabe diesen Kranz nieder!" In diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass "am Grabe" gar kein Platz mehr war für einen zusätzlichen Kranz. Einen anderen Kranz verdecken wollte er natürlich auch nicht, und so begann er erneut zu schwitzen. Er wusste sich aber zu helfen und sagte nun laut und trotzig: "Also Willi, da ist ja gar kein Platz mehr! Weißt Du was, ich stell ihn wieder da hinter, Du wirst ihn schon sehen von da oben runter!" Sprachs und ging mit seinem Kranz um ihn dahin zurückzubringen, wo er ihn geholt hatte. Dann kam er zurück. Mit großer Ernsthaftigkeit, als ob nun, das die Beerdigung entscheidende Zeremoniell folgen sollte, baute er sich vor dem Grab noch einmal auf, setzte seinen Filzhut auf, der ihm eh in der Hand nichts mehr nützte, der aber von der Kranzaktion total verknautscht war, und sagte, jetzt mit pathetisch getragener Stimme: "Willi, die Jagergemeinde ist stolz auf Dich. Lebe in Frieden! Und mir trinken den nächsten Schnaps auf Dich!" Sprachs und ging schnurstracks von dannen.
Eine atemlose Stille überdeckte im nächsten Moment die ohnehin große Grabesstille und verbreitete eine Atmosphäre der absoluten Lähmung in der auch die kleinste Bewegung der großen Zeh als Sakrileg wirken würde, weshalb es unterblieb. Niemand war sich gerade sicher, ob er schmunzeln oder weinen sollte. Hafer spürte wie es jetzt seine Aufgabe war, die Situation wieder ins Lot zu setzen. Er trat also noch einmal einen Schritt vor und verkündete mit einer Stimme, die er so ruhig hielt, wie es ihm in dieser Situation überhaupt möglich war:
"Die Jäger haben uns daran erinnert, dass wir auch am Grab und gerade da, das Leben verkündigen. Das ist der Kern christlicher Auferstehungshoffnung. So darf ich im Namen von Familie Martrer die Verwandten und Freunde der Familie nun zu einem Abschiedskaffe in die Wirtschaft einladen." Dann drückte Hafer der Witwe stumm die Hand und ging zurück in die Sakristei der Aussegnungshalle. Des Sängers Höflichkeit schweigt, was da in ihm vorging!
Metzgerspielchen
Berufsschule Freitag um 12 Uhr. Es war Religionsunterricht. Berufsethische Fragen und der Umgang mit Menschen aus anderen Religionen standen auf dem Lehrplan. Von den 21 Schülern – es waren nur lauter junge Burschen - waren nur etwa ein Drittel da. Die anderen "verhindert". Wie das Klassenbuch sagte, aber nur für Reli. Vorher waren sie alle da. Das machte Hafer stutzig. Ganz besonders, weil sich das Woche für Woche wiederholte und immer andere fehlten. Das roch nach System. Aber Hafer waren die Hände gebunden. Solange er Schüler hatte, hatte er Aufsichtspflicht. Und andere Kollegen um Hilfe zu bitten war ihm peinlich, das würde das Fach Religion "mal wieder" in ein merkwürdiges Licht rücken. Nein er brauchte einen stärkeren Helfer. Ein Stoßgebet gen Himmel.
Und tatsächlich: Die Woche drauf war KEIN Schüler da. Das war die Chance für Hafer um zu verifizieren, was er länger schon vermutete. Er begann also, hübsch der Reihe nach, alle Wirtshäuser im Umkreis der Schule abzuklappern. Und sieh da. Im dritten Wirtshaus: Volltreffer. Nahezu seine ganze Reli-Klasse saß bei Bier und Schlachtschüssel vergnügt zusammen.
"Einen guten Appetit, die Herren," meldete sich Hafer lautstark zu Wort, da ihn die vergnügte Runde beim Eintreten gar nicht bemerkt hatte. Dann sah er, wie einzelnen Delinquenten förmlich die Wurst im Halse stecken blieb. Mit weit aufgerissenen Augen war es augenblicklich still. Damit hatten die jungen Männer nicht gerechnet. Ihr System war ja gewesen, dass immer ein Teil in Reli saß. Doch die Absprache hatte offensichtlich nicht funktioniert. Und so war die Falle zugeschnappt.
"Okay," sagte Hafer, "das ist ein ganz offensichtlicher Fall von unerlaubtem Fernbleiben vom Unterricht, unerlaubtes Verlassen des Schulgeländes, betrügerische Absprache und Verarschen des Religionslehrers. Das wird für alle deutliche Konsequenzen haben und für manche von Ihnen auch gegenüber dem Lehrherrn und in Bezug auf die Lehrstelle, ganz zu schweigen von den schulischen Disziplinarmaßnahmen und juristischen Folgen." Jetzt machte Hafer eine Kunstpause um die Wirkung seiner Androhung einschätzen zu können. Es war totenstill in der Wirtschaft. Er hatte getroffen.
"Ich mache Ihnen ein Angebot, aber nur dies eine Mal!" fuhr Hafer fort. "Sie essen hier noch fertig, bezahlen ordentlich und begeben sich dann wieder in die Schule, nicht alle auf einmal, damit es nicht so auffällt. Und ab nächsten Freitag sind immer 90% von Ihnen im Reli. Das gilt probeweise bis zum Halbjahreszeugnis, dann sehen wir weiter. Wenn das funktioniert, werde ich nichts gesehen und gehört haben. Andernfalls bin ich nächsten Freitag um 13 Uhr beim Direktor."
Wieder machte er eine Pause und nun sah er eine leichte Bewegung in den Gesichtern. Der Wortführer, Andreas K., der wohl auch auf die Idee des systematischen Schulschwänzens gekommen war, schaute in die Runde der Gesichter. Dann sagte er:"Ist doch ein Angebot! Ich denk, ein besseres kriegen wir nicht!"
"Also gut," sagte Hafer. "Wer einverstanden ist, hebt die Hand."
Es dauerte keine 5 Sekunden bis alle Hände deutlich oben waren.
"Bis nächsten Freitag!" sagte Hafer, drehte sich um und ging.
Beim Hinausgehen musste er am Wirt vorbei, der ein so breites Grinsen auf dem Gesicht hatte, dass Hafer alle Backenzähne bemühen musste um nicht selbst laut und erleichtert in schallendes Lachen auszubrechen. Das hob er sich auf, bis er zwei Straßenecken weiter war, aber dann wars um ihn geschehen. Er hatte zu tun, sich wieder in die Schule zu schleichen, die ja auch er unerlaubt verlassen hatte, um nach Stundenschluss mit Unschuldsmine im Lehrerzimmer aufzutauchen. Zum Glück hatte niemand die Aktion bemerkt, und so schien alles ganz normal.
Der nächste Freitag kam. 11:30 Uhr.
Hafer war in Hochspannung, als er in das Klassenzimmer trat und – traute seinen Augen kaum. Alle waren da! Der Unterricht verlief zunächst ganz normal. Die Mitarbeit war eher mäßig, was sich ziemlich so, wie sonst auch anfühlte. Dann schlug die Uhr vom Kirchturm 12. Das 12-Uhr-Läuten setzte ein und einer der Metzgerlehrlinge fing an unter dem Tisch herumzufingern, legte eine große Wurst auf den Tisch vor sich, zog ein Messer aus der Büchertasche uns spießte selbiges in den Tisch. An diesem so aufgestellten Messer fing er an, genüsslich eine Scheibe seiner Wurst abzuschneiden und dann grinsend zwischen die Zähne zu schieben.
"O, Gott, ich brauche Deinen Beistand!" ging es Hafer durch den Kopf. Jetzt nur keinen Fehler machen! Und da blitzte es durch seinen Kopf. Direkt von oben, als göttliche Eingebung, wie sich herausstellte.
"Ach, das finde ich endlich mal kreativ, dass ein Metzger für uns alle eine Wurst mitbringt zum zwölf Uhr Läuten. Danket dem Herrn für alle seine Gaben! Und nun Leute: Bedient Euch. Vielen Dank an den edlen Spender! Super Idee!"
Die letzten Worte Hafers gingen unter im Aufbruch. Denn das ließ sich keiner zweimal sagen. 20 Mann machten sich über den verblüften Spender her, der von seiner Wurst keinen Schnippel mehr sah, denn bis er zu sich kam, und richtig begriff, was hier ablief, war alles von seiner Wurst bereits in den Mündern und Mägen seiner Mitschüler verschwunden. Zurück blieb ein einsames Messer im Tisch, das so schnell verschwunden war, wie es erschienen war. Spuk-Ende.
Der Rest des Schuljahres verlief in dieser Klasse ohne weitere Zwischenfälle. Und Hafer sprach zu Hause noch zwei drei Dankgebete für die göttliche Hilfe in dieser brenzlichen Situation. Denn an dem Messer hätten sich alle auch leicht eine blutige Nase oder eine sonstige Verletzung holen können. Aber der Ein-Fall kam ja von Gott. Und der sorgt für uns! Und es war ganz klar: Gott liebt auch die Metzger!
Ausgetrickst
Hafer mühte sich gerade mit der Predigt vom kommenden Sonntag, das klingelte es an der Tür. Froh über die willkommene Ablenkung sicherte er das Erarbeitete im Computer und öffnete dann die Tür. Draußen stand ein Mann, etwas zusammengewürfelt gekleidet, aber ordentlich, mit einer Plastiktüte in der Hand. Hafer wusste nach einer Sekunde: Durchreißender Wohnsitzloser.
"Also gut!" stöhnte er, doch nicht so froh über diese Unterbrechung, weil das auch nicht immer schnell und nur ganz selten problemlos abging. "Kommen Sie rein. Was kann ich für Sie tun?"
"Entschuldigen Sie Herr Pfarrer, dass ich einfach so hereinschneie. Ich komme von der Polizei. Ich wurde gerade verständigt, dass mein Vater gestorben ist."
"Das tut mir leid. Setzen Sie sich erst einmal."
"Ja, danke. Wissen Sie, mein Vater stammte von hier und hat verfügt, dass er hier beerdigt wird. Jetzt ist er aber in München gestorben, wo er zuletzt alleine gelebt hat. Das ist ein bisschen viel Bürokratie und Formulare und hin und her. Ich sag Ihnen, die Ämter! Da geht’s einem sowieso nicht so gut, und dann noch dieser ganze Verwaltungskram. Und jetzt soll ich auch noch nach München fahren, weil da irgendwas nicht in Ordnung war, um das zu klären. Und hier soll ich die Beerdigung organisieren. Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht."
"Na gut, wir helfen Ihnen natürlich! Leider müssen wir auch einige Daten erheben und dann erzählen Sie mal ein bisschen."
Der Besucher Hatte einen Ausweis, sowie einen Rentenausweis von seinem Vater dabei, von dem Hafer die Daten auf sein Beisetzungsanmeldungsformular übertrug. Bei der verworrenen Geschichte aus dem Leben des Vaters war es für Hafer keine Frage mehr, warum der Sohn in einer so tippelbrudermäßigen Aufmachung daherkam. Er hatte sicher kein einfaches Leben gehabt und sich nur mühsam vom Chaos seines Vaters losgearbeitet. Hafer hatte sogar etwas Mitleid mit ihm und wollte ihm unbedingt helfen. Hier sollte sich Kirche als das zeigen was es ist: Der menschliche Arm der Barmherzigkeit Gottes.
"Beim Bestatter war ich auch schon, er hat mir diesen Zettel mitgegeben." Er zog ein Schreiben aus der Tasche vom örtlich ansässigen Bestatter, das darum bat, die Beerdigung am Freitag um 15:00 Uhr auf dem Waldfriedhof abzuhalten, bis da sei der Sarg aus München wohl sicher da.
Hafer kramte in seinem Terminkalender. Freitag, 15:00 Uhr, das ging. Er trug es gleich noch ins Anmeldeformular ein. Alles sollte ja auch bei solch einer nicht ganz alltäglichen Beisetzung seine Ordnung haben. Schließlich musste es ja hier mit Nummer in das Kirchbuch eingetragen werden und zum Eintrag ohne Nummer später nach München an das Wohnsitz-Pfarramt gemeldet werden.
Nachdem Hafer glaubte er habe genügend Informationen für einen ordentlichen Lebenslauf und zum Erstellen einer Kasual-Predigt auf dem Friedhof, meldete sich der Besucher noch einmal zu Wort.
"Herr Pfarrer, da ist noch ein kleines Problem, ich tau mich gar nicht davon anzufangen."
"Nur Mut, Herr, K. So schlimm wird’s doch nicht sein!"
"Nun ja, das alles hat mich etwas kalt erwischt. Und nun soll ich heute noch nach München fahren und hab aber kein Geld mehr. Ich weiß gar nicht wie ich das machen soll."
"Das kriegen wir jetzt auch noch hin!" meinte Hafer. "Ich gebe Ihnen ein Schreiben für den Schalter am Bahnhof mit, dass das Pfarramt die Kosten übernimmt, dann müssten Sie eine Fahrkarte bekommen. Herr F, der da Dienst tut, kennt mich auch."
"O, ganz herzlichen Dank, Herr Pfarrer, das ist sehr freundlich von Ihnen. Dann sehen wir uns am Freitag auf dem Friedhof. Ich hoff nur, dass alles klappt!"
"Das wünsch ich Ihnen auch! Und gute Reise!"
Zufrieden über die souveräne Hilfe die Hafer leisten konnte, setzte er sich wieder an den Schreibtisch und konnte nun viel besser arbeiten.
Der Freitag kam.
Hafer hatte die Beerdigung ausgearbeitet, das hatte ihn doch etwas Zeit gekostet, weil das nun wirklich eine verzwickte Geschichte war. Und da wollte er nichts falsch machen und erst recht für die Angehörigen Trost und Zuspruch Gottes verkünden. Und bei solchen Beerdigungen waren in aller Regel auch ein paar Neugierige da.
Seine Frau hatte das Mittagessen etwas zeitiger gerichtet, dass er sich noch eine Viertelstunde ausstrecken konnte, bevor er sich pünktlich und rechtzeitig aufmachte zum Friedhof.
In der Sakristei der Aussegnungshalle kam er zeitgleich mit seinem katholischen Kollegen an. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise ging der eine, wenn der andere kam.
"Was machst den Du da um diese Zeit, Gerald", sagte Hafer. "Das gleiche fragt ich Dich, Maximilian? Ich habe nämlich jetzt eine Beerdigung."
"Wie, Du auch? Ich auch!"
"O, das kann nicht gut sein. Da ist dem Beerdigungsinstitut wohl ein Fehler unterlaufen!"
"Na zum Glück sind wir rechtzeitig da, da lässt sich das ja noch klären. Hast Du Herrn Friededott schon gesehen?" Ich glaub der kam gerade vom Grabausheben mit seiner Mannschaft, der müsste drüben in der Umkleide der Bestatter sein.
Die beiden Geistlichen begaben sich zusammen auf die andere Seite des Flures, wo die Bestatter Arbeits-Räume für Ihre Aufgaben hatten.
"Ah, Herr Friededott!" rief Hafer, gut dass wir sie sehen, da ist wohl irgend etwas schiefgelaufen, weil wir beide jetzt eine Beerdigung haben sollen.
"Also ich warte nur auf EINE Leich!" Die sollte allerdings schon längst da sein. Sie kommt aus München! Das Grab ist auf jeden Fall fertig."
"Aus München, ja."
"Wie? Deine auch?"
"Ja, der Sohn hat das angemeldet."
"Bei mir auch!"
"Herr K.?"
"Ja, Herr K."
"Und der Tote ist noch nicht da?"
"Nein, meine Herrn. Nach Auskunft von Herrn K, der auch bei mir war, sollte die Leichte heute Vormittag um 10.00 Uhr gebracht werden. Bis jetzt noch keine Spur!"
"Und haben sie mal nachgehakt bei den Kollegen in München?"
"Ja, aber da wusste niemand etwas von einem Toten, der zu uns sollte."
"Und ich habe dem noch eine Fahrkarte nach München spendiert!"
"Was Du auch? Ich habe ihm sogar noch etwas Bargeld draufgelegt!"
"Dann hat er die Fahrkarte dreimal gekriegt…" Jammerte nun Herr Friededott.
"Wir sind einem raffinierten Betrüger auf den Leim gegangen!" stellte Hafer ernüchtert fest.
"Sieht ganz so aus! Da haben wir ordentlich Lehrgeld bezahlt!" stimmte sein Amtsbruder zu.
"Herr Friededott, lieber Gerald, dieser Leichenschmaus geht auf meine Kosten. Ich lad Euch zu einem schönen Bier in den Biergarten ein. Die Zeit haben wir schon einkalkuliert und unseren Ärger müssen wir auch runterspülen!"
Und so kam es, dass ein nachdenklich-lustiges Gespann an diesem Freitag im Biergarten saß und sich gegenseitig tröstete, weil sie gutgläubig und gutherzig zum Narren gemacht worden waren.
Der KiTaTeich
Hafer erhielt eine Einladung vom Bürgermeister. Das passierte nicht so oft, besonders nicht mit dem Betreff "Kindergarten", denn die Gemeinde hatte gar keinen. Er war also gespannt, was ihn erwarten würde.
Als er zum anberaumten Termin ins Rathaus kam, saßen da schon ein paar Fachleute aus unterschiedlichen Abteilungen: Finanzresort, städtische Kindergärten, Stadtplanung, Schule usw. Hafer kannte die meisten und wurde den anderen vorgestellt. Dann begann der Bürgermeister:
"Herr Hafer, wir haben sie hierhergebeten, weil wir möchten, dass Sie in unserem ehemaligen 'Ami-Viertel' einen Kindergarten aufbauen", begann der Bürgermeister direkt mit dem Kern der Sache.
Das sogenannte "Ami-Viertel" kannte Hafer gut. Eine ehemalige Kaserne der Amerikaner, die nach dem Abzug als billiger Wohnraum von der Stadt erworben worden war. Dort hatte man Asylbewerber, Flüchtlinge, Russlanddeutsche Heimkehrer und "Gastarbeiter" in bunter Reihenfolge angesiedelt aus mindestens 30 verschiedenen Nationen. Das hatte zur Folge, dass dort ein sozial explosive Mischung aus so verschiedenen Menschen entstanden war, die kaum miteinander leben konnten, Angst voreinander hatten, unverträgliche Kulturelemente planlos aufeinanderprallten, und so ein hohes Maß an Kriminalität entstanden war, das die Polizei und die Politik kaum noch beherrschen konnten. Eigentlich fuhr eine verstärkte Polizeistreife dort ständig im Kreis, und wo sie gerade nicht war, passierte etwas. Drogenhandel, Diebstähle, Prügeleien und Bandenkrieg hatten ein Pulverfass entstehen lassen.
Hafer betreute dort die evangelischen Familien und hatte sich einen guten Ruf als Seelsorger und Helfer erworben, dem viele Menschen dort vertrauten. Deshalb war die Stadt auf ihn aufmerksam geworden.
"Wir haben dort das Gebäude des ehemaligen amerikanischen Kindergartens", sagte der Bürgermeister. "Das ist zwar in keinem besonders guten Zustand. Aber die Stadt würde die Gebäudekosten übernehmen, wenn Sie die Trägerschaft des Kindergartens übernehmen. Natürlich mit den üblichen Zuschüssen für Personal und Sachkosten mit einem Eigenanteil der Kirche und natürlich das Management."
Eine Weile war es nun still. Der Amtsleiter für die Städtischen Kindergärten meldete sich.
"Ich helfe Ihnen gern, wo immer sie Hilfe brauchen. Ich kenne die Gesetze, was nötig und zu beachten ist, daran soll es nicht scheitern." Hafer kannte Herr H. und mochte ihn. Er war ein ehrlicher vertrauenswürdiger Mann, und meinte es sicher genau so, wie er es gesagt hatte.
"Danke für das Angebot, und danke für das Vertrauen. Sie wissen, dass ich das alleine nicht entscheiden kann, ich brauche da einen Beschluss des Kirchenvorstandes und die kirchenaufsichtliche Genehmigung, weil da ja nicht nur zusätzliche Arbeit und Verantwortung, sondern auch nicht unerhebliche Kosten und Verwaltungsarbeit auf uns zukommen. Aber ich werde mit allen Zuständigen reden und ihnen so schnell es möglich ist Bescheid geben."
"Ich schlage vor," mischte sich nun der Finanzressortleiter ein, "dass ich mit Ihnen mal rausfahre und wir uns das Gebäude anschauen. Wann wäre Ihnen das recht, Herr Pfarrer?"
"Ja, gute Idee, ich fahr ja fast täglich dran vorbei, aber drinnen war ich noch nicht. Das würde mich schon interessieren. Wie wäre es gleich morgen? Ich habe von 8 bis 9:30 Uhr Unterricht, dann könnte ich kurz vor 10 draußen sein."
"Das passt bei mir gut. Das machen wir."
Es ging noch eine Weile darum was man sich damit versprach und welches Interesse auch die Schule hatte und dann ging man auseinander, in der Hoffnung, dass es was werden könnte.
Als Hafer am nächsten Tag die Räume sah, sank ihm das Herz in die Knie. Das Innere war eine Müllhalde. Nicht nur Essensreste und Spuren von diversen Lagerfeuern, sondern auch jede Menge Plastikflaschen, Dosen, ja auch Drogenbestecke und Kot und Uringestank ekelten die Besucher und raubten ihnen fast den Atem. Und hier sollte ein Kindergarten entstehen? Eine gewaltige Aufgabe.
Die Aufgabe wurde. Hafer lernte so schnell es ging alles Nötige über Kindergärten. Die Stadt rückte mit ihren Bauhofarbeitern an, die erst mal Klarschiff machten, dann kamen der Architekt der Stadt und verschiedene Handwerker, Vertreter des Kirchenbauamtes und von der diakonischen Aufsicht für Kitas und der kirchliche Verwaltungsstellenleiter und so entstand peu a peu ein Plan und ein Bauzaun und Handwerker im Gebäude und auf dem Dach und aus dem versifften Loch entstand ein Kindergarten.
Hafer stellte mit einem kleinen Ausschuss des Kirchenvorstandes Erzieherinnen ein, schrieb Presseartikel, unterstützt vom Rathaus, und ein Jahr später wurde tatsächlich eine schöne neue Kindertagestätte eröffnet, in der die ersten Kinder Einzug hielten.
Die Freude währte nicht sehr lange. Denn schon in der zweiten Nacht wurden sämtliche Außenleuchten demontiert. Drei Tage später fehlten früh die Regenrinnen komplett. Nach einer Woche waren drei Fenster in der Nacht eingeworfen worden und die Täter hatten in die Gruppenräume gepinkelt. Und so ging das weiter…
Die Erzieherinnen hatten die Aufgabe, jeden früh als erstes das Gartenspiel-Gelände abzusuchen und sammelten in der Regel in den Büschen Spritzen und Tütchen ein, nicht selten Damenunterwäsche und gebrauchte Kondome.
Hafer war verzweifelt. Irgendeine Lösung sollte dem eine Ende machen, denn diese Sisyphosarbeit konnten die Erzieherinnen nicht auf Dauer leisten und er auch nicht. Er berief einen runden Tisch ein: Ein Vertreter der Polizei, einer vom Rathaus, einer von der Schule, die Leiterin der Einrichtung und die Vertrauensfrau vom Kirchenvorstand, Frau B, die Vorsitzende vom Elternbeirat und eine Vertreterin vom Jugendamt. Die Stadt schickte den Architekten.
So saß man zusammen und Hafer versuchte möglichst viele Ideen und Vorschläge auf den Tisch zu bekommen wie möglich, um dem Vandalismus Herr zu werden. Aber alle Vorschläge, die kamen, hatte man im "Ami-Viertel" schon vergeblich ausprobiert, ohne spürbaren Erfolg.
Da meldete sich der Architekt.
