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Glaube ist Valerie Schönian fremd. Die junge Journalistin lebt ein typisches Mittzwanziger-Leben in Berlin, als sie gefragt wird, ob sie für ein Projekt der katholischen Kirche einen Priester begleiten möchte. Sie wagt das Experiment und macht sich für ein Jahr auf nach Münster-Roxel, in die Gemeinde von Franziskus von Boeselager. Dort erlebt sie ihn beim Früh-, Mittag- und Abendgebet. Sie begleitet ihn bei Messdienerfahrten, Krankenbesuchen und in den Vatikan. Und vor allem stellt sie Fragen: Wieso wird man heutzutage Priester? Warum sind Frauen vom Priesteramt ausgeschlossen? Und was macht Franziskus eigentlich, wenn nicht Sonntag ist?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
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In diesem Buch verwendet die Autorin die männliche und weibliche Sprachform im Wechsel. Gemeint sind jeweils alle Geschlechter.
ISBN 978-3-492-99053-0
Originalausgabe
© Piper Verlag GmbH, München 2018
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Covermotiv: Can Erdal/Valerie und der Priester
Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
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Motto
Prolog
Orientierungslos
Welten übereinanderlegen
Zwei Menschen, ein Jahr
Franziskus’ spirituelle Matrix
Nicht untergehen im katholischen Flow
Meine Distanz ist dahin
Widerstand
Scheiß Moral
Schleudertrauma
Das Frauenthema
Annähern
Beten in Polen
Im heiligen Rausch
Selbst für katholisch konservativ
Entfernung
Der arme Bileam
Ideale
Der Missbrauchsskandal
Ich verabschiede mich
Wieso Jesus (k)ein Spinner war
Verstehen
Zu Besuch in Franziskus’ Heimat
Es ist wie mit der Liebe
Frau De Palo ist tot
Was in der Bergpredigt über Homosexualität steht
Reiches Rom
Ein Priester in meiner Welt. Oder: Feminismus in Berlin
Trump
Advent, Advent
Drei Gottesdienste und eine heilige Nacht
Glauben
Die volle Distanz
Die Frage
Wenn es Gott gibt
Mein Gott
Mittendrin
Ostern: A-U-F-E-R-S-T-E-H-U-N-G
Der Elefant
If God Was One of Us
Was glaube ich?
Wir
Wo zwei versammelt sind
Das war ein Jahr
20. Mai 2017
Epilog
Nachwort von Franziskus von Boeselager
Dank
Glossar
Als Erinnerung, dass es funktionieren kann.
20. Mai 2017
Franziskus fragt, ob es mir gut geht. Er weiß bestimmt, dass es das nicht tut. Seit etwa einer Stunde kann ich kein vernünftiges Gespräch mehr führen, nur meine Augen aufgerissen halten, nicken und hoffen, dass ich nicht gleich anfange zu heulen. »Ich weiß überhaupt nicht, was in mich gefahren ist«, sage ich. Er hat sich kurz in den Kirchgang neben mich gehockt, um mir Mut zuzuflüstern, bevor es losgeht. Ich sitze in der ersten Reihe. Anscheinend ein Anfall von Wahnsinn. Schade. Mein Kopf hat so lange mitgespielt, jetzt hat er sich auf den letzten Metern verabschiedet.
Vielleicht hundert Leute befinden sich in der Kirche, Gemeindemitglieder, Bekannte, Familie, Freunde von Franziskus und mir. Sie sind uns sicher wohlgesinnt. Aber leider hilft das gerade nichts.
Hinter mir sitzen meine Freunde und Kolleginnen, der unkatholische Teil des Publikums. Sie verlassen sich darauf, von ihren Vorderpersonen abschauen zu können, was sie in den nächsten vierzig Minuten tun müssen. In der ersten Reihe gibt es nur mich, meine Eltern und meine Oma. Keine Katholiken, aber vier Schönians. Toll. »Franziskus, ich mache das sicher falsch mit dem Aufstehen und Hinsetzen«, flüstere ich zurück. Franziskus blickt sich um, sagt: »Moment« und verschwindet. Neheeein! Er soll nicht gehen.
Ich schaue nach vorn, ich muss mich beruhigen. Da ist der Altar, das Kreuz, die Fenster mit den bunten Scheiben, durch die ich so oft das Licht habe fallen sehen. Falls ich eine Kirche habe, dann ist es wohl diese, hier in Roxel, ich habe ja in keiner anderen mehr Zeit verbracht. Links steht der Chor. Franziskus meinte, sie hätten keine Zeit, weil sie gerade so viele Auftritte haben, aber vielleicht kämen ein oder zwei für die Solos. Jetzt sind sie fast alle da, um die Lieder zu singen, die ich für die Messe heute aussuchen durfte.
Mir ist ein bisschen schlecht. Eigentlich ist mir ziemlich schlecht. Und ich muss mich ständig räuspern, um das Schlucken zu verbergen. Das liegt zum Teil an der Aufregung. Ich habe schon öfter vor Leuten gesprochen. Aber noch nie in der Kirche, nie neben Franziskus, nie über meinen Glauben. Aber es liegt auch an dem Bewusstsein, dass es das jetzt war. Dass ich morgen fahren und nicht mehr zurückkommen werde.
Franziskus steht wieder neben mir. »Meine Familie kommt nach vorn«, sagt er. Und da sind sie schon, Wilderich, Maria-Inez und Franziskus’ Schwestern setzen sich rechts neben mich in die erste Reihe. Sie lächeln, ich lächle zurück, schaue zu Franziskus, sage: »Danke.« »Du schaffst das«, sagt er und lächelt, sein Franziskus-Lächeln. Dann geht er, um sich umzuziehen. Als nach ein paar Minuten die Musik zu spielen beginnt, atme ich einmal tief ein, stehe auf, drehe mich um und schaue auf Franziskus, den Priester, der im Mittelgang dem Altar entgegengeht.
April 2016
Wo fängt man ein Verstehen an?
Als ich Franziskus frage, ob er »Deine-Mutter-Witze« kennt, fragt er zurück, ob er schon einmal Witze über seine Mutter gemacht haben soll. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Also frage ich weiter.
»Schaust du Game of Thrones?«
»Kenne ich nicht.«
»Und Serien auf Netflix?«
»Wie?«
»Dem Streamingdienst. Du bezahlst ein paar Euro im Monat und kannst Tausende Serien und Filme sehen.«
»Keine Zeit.«
Man könnte jetzt sagen, es gibt Wichtigeres, was man einen Priester fragen müsste: Wer bin ich, wer sind wir, wo ist Gott, und wo war er eigentlich in Auschwitz. Mach ich auch noch. Aber nachdem mir bewusst wurde, dass ich tatsächlich ein Jahr mit einem katholischen Priester verbringen werde, es also wirklich noch katholische Priester gibt und sie in dieser Welt leben, wollte ich erst mal herausfinden, welche meiner Normalitäten denn auch für ihn normal sind. Ich stelle mir unsere beiden Lebensrealitäten als zwei Schablonen vor, die ich jetzt übereinanderlege, um zu sehen, wo es Überschneidungen gibt. Denn ich habe wirklich keine Ahnung, wie ein Priester lebt. Klar, wir haben in den vergangenen Jahren sonntagvormittags vermutlich nie das Gleiche gemacht. Doch sonst? Es hätte ja sein können, dass auch Priester jeden Abend Filme und Serien streamen, wie jeder. Dass nur keiner darüber spricht, weil es so selbstverständlich ist. Oder nicht? War völlig klar, dass sie es nicht tun – ob wegen fehlender Zeit oder der Gefahr plötzlich aufblitzender nackter Haut –, und nur ich weiß das nicht?
Ich habe mir vorgenommen, Franziskus wirklich alles zu fragen, vom ersten Gedanken morgens bis zum letzten abends, weil meine Selbstverständlichkeiten in Franziskus’ Leben ja nicht greifen. Dann dachte ich, vielleicht tun sie das ja doch. Und ich bin nur voller Vorurteile, weil der Mann einen weißen Plastikstreifen unter seinen Hemdkragen gesteckt hat.
Aber jetzt scheint er nicht einmal zu wissen, was ich meine, wenn ich »Deine-Mutter-Witze« sage.
Franziskus, groß, blond, schlank, glasklare blaue Augen, schaut über das Lenkrad seines Peugeot 1007 in die Landschaft Nordrhein-Westfalens. Er ist 38 Jahre alt, wirkt aber jünger. Auf seiner Nase sitzt eine beinahe rahmenlose Brille, vor seinem Kehlkopf steckt das kleine Stück weißes Plastik, wie man es aus Filmen kennt, das sogenannte Kollar. Es zu tragen ist keine Pflicht für Priester, Franziskus trägt es immer.
Wir sind unterwegs zu seinem Steuerberater, zwei Stunden Fahrt liegen vor uns, Zeit genug für ein bisschen Schablonieren der Welten. Am Rückspiegel zwischen Franziskus und mir baumelt ein Kreuz aus Holz, auf dem Zigarettenanzünder darunter klebt ein Bild von Maria und Jesus mit Heiligenschein. Im Handschuhfach liegen CDs, auf einer davon steht »Dein Reich komme«.
Eben, bevor wir losgefahren sind, hat Franziskus diese CD eingelegt und angefangen, laut mitzusingen. Für ihn war das ein Lobpreis. Für mich klang es nach Kelly Family und »Moonlight Shadow«. Ich habe aus dem Fenster geschaut und versucht zu wirken, als ob ständig Menschen, die ich kaum kenne, anfangen, neben mir zu singen.
Es waren auch Franziskus’ Gebete, die dazu führten, dass wir jetzt hier nebeneinandersitzen. Es ist ein paar Wochen her, dass das Zentrum für Berufungspastoral der katholischen Kirche ihn anrief und fragte, ob er Lust habe, bei dem Projekt »Valerie und der Priester« der zweite Part zu sein. So heißt der Blog, den ich während dieses Jahres schreibe. Die Idee dahinter: zwei Lebensrealitäten einander begegnen lassen. Die Lebensrealität derer, die die katholische Kirche für ein Antiquariat veralteter Ideen halten, und derer, die alles für Gott geben, weil ihnen der Glaube so viel gibt. Bevor Franziskus zusagte, bat er um Bedenkzeit. Bedenkzeit heißt Bet-Zeit. Er hat, so nennt er das, Gott befragt, um herauszufinden, ob er das wirklich tun soll: ein Jahr mit mir, einer Journalistin, einer Frau, verbringen. Gott hat zugestimmt. Mein Bauchgefühl war auch einverstanden. Jetzt ziehe ich jeden Monat für zwei Wochen von Berlin in ein kleines Hotel, eine Minute von Franziskus’ Pfarrhaus entfernt, eine Minute von der Kirche. Ich habe zugesagt, mich auf seine Welt einzulassen, die Welt der katholischen Kirche und des Glaubens. Und Franziskus hat zugesagt, sich nicht nur in seinen Job, sondern auch in sein Leben blicken zu lassen und all meine Fragen zu beantworten. Die jetzt am Anfang noch harmlos sind.
»Wie oft betest du am Tag?«
»Mindestens fünf Mal.«
»Wie oft schaust du aufs Smartphone?«
»Vielleicht alle 20 Minuten.«
»Ist das Verhältnis nicht etwas kritisch für einen Priester?«
»Ich kann ja auch geistliche Dinge mit dem Smartphone tun. Es ist ein Werkzeug im Alltag.«
»Was sind denn Alltagsgegenstände, die jeder Priester braucht?«
»Auto, Telefon, Computer. Gebetbuch …«
»Alltagsgegenstände!«
»Das Gebetbuch ist ein Alltagsgegenstand.«
»Hast du schon mal was kaputt gemacht, als du wütend warst?«
»Nein – manchmal muss ich die Wut schon auch rauslassen, das passiert aber höchstens ein, zwei Mal im Jahr. Dann knalle ich auch mal die Tür zu, stampfe auf oder haue auf den Tisch. Oder schreie, aber nur wenn niemand in der Nähe ist.«
Immerhin. Vor ein paar Tagen stand ich in der Kaffeeschlange beim Bäcker, und einer, der aussah, als mache er das öfter, drängelte sich vor. Ich bin kurz etwas ausgerastet, aber zum Glück nur innerlich. Danach habe ich mich gefragt, ob ein Priester wohl auch dazu fähig ist – zum geräuschlosen Drei-Minuten-Tobsuchtsanfall. Wie ich mich seit ein paar Wochen oft frage, was eigentlich ein Priester jetzt gerade tun oder denken würde.
»Was denkst du denn, wenn du liest, dass wieder Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrunken sind?«
»Hoffentlich hört das bald auf.«
»Denkst du dann nicht an Gott?«
»Na, doch: Hoffentlich hört das bald auf, Gott. Immer wenn ich etwas mit Hoffnung sage, hat das einen Gottesbezug.«
»Wirst du da nicht wütend auf Gott?«
»Ich werde wütend auf die Menschheit. Gott ist daran nicht schuld.«
Gott ist nicht schuld? Wenn Gott der allmächtige Lenker der Welt ist, wieso soll er dann ausgerechnet mit diesen Toten nichts zu tun haben? Und das findet Franziskus nicht einmal erklärungsbedürftig? Ich verkneife mir eine Bemerkung. Diese Aussage ist nicht das Erste, was nicht in meine Lebenswelt-Schablone passt, seit ich vor vier Tagen in Roxel angekommen bin.
Roxel ist die Dorfidylle mit knapp 10 000 Einwohnern, in der Franziskus lebt und arbeitet und die sich Stadt nennt, weil sie zu Münster gehört. Franziskus wohnt in »Pastors Garten«. Das steht tatsächlich auf einem Schild vor seinem Haus; es meint aber das Seniorinnenheim nebenan, das auf demselben Gelände liegt. Pastors Garten ist genau, wie es klingt: gepflasterte Wege, grüne, geradlinige Hecken, zweistöckige rote Backsteinhäuser mit großen Glasfenstern. Keine Graffitis an der Wand, keine Zigarettenstummel auf dem Boden. Franziskus lebt im Pfarrhaus. Direkt daneben steht eine lebensgroße steinerne Marienfigur, die Jesus im Arm hält. Ich hätte es mir nicht besser ausdenken können.
Franziskus arbeitet für die Pfarrei St. Liudger. Zu der gehören neben Roxel die Münsteraner Ortsteile Albachten, Mecklenbeck und Aaseestadt. Die liegen ein paar Kilometer voneinander entfernt, Franziskus fährt mit dem Auto viel hin und her. Er ist der Kaplan der Gemeinde, das heißt eine Art Hilfspfarrer.
Als ich vor ein paar Tagen das erste Mal mit Franziskus die Kirche in Roxel betrat, stand ich plötzlich allein im Mittelgang und führte Selbstgespräche. Weil er einfach am Eingang stehen geblieben war, sich bekreuzigte und auf die Knie fiel. Zuerst wollte ich zurückgehen und es ihm nachmachen, als hätte ich nur kurz meine Manieren vergessen. In der Türkei habe ich in der Moschee ja auch ein Kopftuch umgelegt. Nicht auffallen auf fremdem Terrain. Dann fiel mir ein, dass das bescheuert wäre, schließlich hat das für mich keine Bedeutung, und man lernt schon in der Schule, dass man nicht alles nachmachen soll. Also ließ ich es bleiben. Franziskus stand eh schon wieder neben mir und beantwortete die Frage, als sei nichts gewesen.
Etwas Ähnliches ist mir auch am Mittagstisch mit Franziskus passiert. Ich erzählte gerade, dass ich Ketchup liebe und es für mich als Vegetarierin daher kein Problem sei, wenn es Fleischsoße gebe. Aber mein Redeschwall knallte unangenehm gegen Stille. Franziskus stand hinter seinem Stuhl und wartete geduldig. Ich stellte mich hinter meinen. Er sagte »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, dankte Gott für das Essen, den Tag, den Gast. Ich starrte auf die Salatschüssel, meine Zehen drückten sich gegen meine Schuhe, um das unangenehme Gefühl irgendwohin zu lenken. Er endete mit »Amen«, ich wünschte guten Appetit.
»Hast du ein Tattoo?«, frage ich im Auto.
»Nee.«
»Wenn du eins hättest, welches?«
»Ein Herz mit einem Kreuz vielleicht. Auf jeden Fall was Christliches.«
»Was ist das Highlight deiner Woche?«
»Jeden Morgen mit Freude aufzustehen und zu erwarten, was passiert.«
»Du willst mir sagen, du stehst jeden Morgen mit Freude auf?«
»Zumindest mit einer Erwartung. Aber die hat einen freudigen Charakter.«
»Wann hast du zuletzt gelogen?«
»Ich übertreibe mal oder sage irgendetwas zu schnell, ohne es genau zu wissen. Ich hab neulich das Ladegerät von jemand anderem genommen, ohne zu fragen. Keine Lüge, aber eine klassische kleine Sünde.«
»Beichtest du die beim nächsten Mal?«
»Ja, hab ich schon.«
»Wirklich? Das ist aber doch eine ziemliche Kleinigkeit.«
»Ja, trotzdem ist es eine Unehrlichkeit. Ich hätte ja fragen können. Auf dem Niveau bewegen sich aber auch meine Lügen.«
»Wenn ich jemanden nicht treffen will, darf ich mir dann einen Vorwand ausdenken?«
»Zu sagen, du hast Kopfschmerzen, wäre schon ziemlich platt.«
»Aber wenn ich die Person wirklich nicht sehen will?«
»Dann solltest du die Wahrheit so verpacken, dass es die Person nicht verletzt.«
»Aber das geht ja nicht immer.«
»Okay, dann würde ich sagen, besser eine Notlüge, als jemanden zu verletzen. Aber da muss man dann wirklich aufpassen. Wenn du zu jemandem nicht ehrlich bist und er das mitbekommt, ist das ja noch viel schlimmer.«
Zumindest ist er nicht so dogmatisch, dass er selbst die nett gemeinte Notlüge verbieten würde, das beruhigt mich. Dass mich so etwas schon beruhigt, wiederum nicht.
»Was sind Eigenschaften, die du nicht magst?«
»Wenn jemand Potenzial hat, das aber nicht zur Geltung kommt, weil er so träge ist. Menschen, die sich nicht entfalten, sondern vor dem Fernseher dödeln, die nicht machen, was in ihnen steckt. Wenn Menschen verschlossen sind, skeptisch oder zynisch. Das sind alles Sachen vom Teufel. Sie sind giftig und schädlich für Beziehungen.«
Hat er gerade »Teufel« gesagt? Gott – okay. Aber Teufel? Das klingt, als würde er mir erklären, dass ich artig sein müsse, weil der Weihnachtsmann sonst keine Geschenke bringt.
»Wie sieht der Teufel denn aus?«
»Das weiß keiner.«
»Hat er schon mal zu dir gesprochen? Oder wie läuft das?«
»Das ist keine Stimme. Er führt einen in Versuchung. Er ist der Verdreher, der Verwirrer, das nimmt man schon wahr.«
»Wann hast du das zuletzt wahrgenommen?«
»Gestern zum Beispiel. Da war ich mit zwei Freunden im Theater. Und da zeigten sie eine Sexszene auf der Bühne. Da ist dann die Frage, ob ich hingucke oder nicht.«
»Hast du nicht?«
»Nein, nicht so genau, ich kann mir das ja vorstellen.«
Ich weiß, dass das die Stelle ist, an der man als Journalistin nachhaken sollte. Was hast du dir denn vorgestellt, was macht das mit dir und was hat das mit dem Teufel zu tun? Aber ich bin erst einmal so irritiert von dieser Antwort, dass ich meinen Mund nicht aufbekomme. Vermutlich, weil alle Körperkraft wieder in meinen Zehen steckt, die sich gegen meine Schuhe drücken.
Vor Kurzem war ich in einer feministischen Theaterperformance in Berlin. Hätte ich bei Nacktszenen nach unten geschaut, wären das Einzige, was ich in den neunzig Minuten gesehen hätte, meine Schuhe gewesen. Ich setze das Gespräch über Sex auf meine innere To-do-Liste.
»Weißt du spontan einen Witz?«, frage ich.
Ich will nicht schon wieder nichts sagen und Witze helfen immer.
»Josef von Arimathäa kommt nach Hause zu seiner Frau und sagt: ›Jesus ist gestorben und ich hab ihm unser Grab zur Verfügung gestellt.‹ Die Frau sagt: ›Wie, und was ist, wenn wir mal sterben?‹ Und da sagt er: ›Keine Sorge, Schatz, ist nur für drei Tage‹.«
Wir schweigen. Ich überlege, ob das der richtige Moment ist, Franziskus in die wundersame Welt der »Deine-Mutter-Witze« einzuweihen.
»Hast du verstanden?«, fragt er mich in die Stille hinein.
Hab ich, Jesus ist nach drei Tagen von den Toten auferstanden, aber leider macht es das nicht besser. Ich grinse vielsagend, nicke und lache. Er lacht zum Glück mit.
Überhaupt klappt das mit den Witzen bisher nicht so richtig zwischen uns. Als Franziskus neulich in die Kirche kam und seine Mütze noch aufhatte, sagte er, er begehe ein Sakrileg. In meinem Hirn ratterte es: Sakrileg, das war etwas Schlechtes, das weiß ich aus den Dan-Brown-Verfilmungen mit Tom Hanks. Und so was ist schon ein Sakrileg? »Echt?«, fragte ich. »Nein, war ein Scherz«, sagte Franziskus und grinste. Hätte ich erraten können, kann man sagen. Andererseits: Als Franziskus ein andermal sagte: »Der Herr wird’s richten«, lachte ich, wie man so lacht, wenn einer einen Spruch macht. War aber kein Spruch.
Wir sind da, Franziskus geht mit seiner Kiste voll Zettelchaos zu seinem Steuerberater, ich setze mich in die nächste Bäckerei, um auf ihn zu warten. Und denke an einen anderen Witz: Treffen sich ein Priester und eine Journalistin.
Eigentlich begann dieses Jahr mit einem Missverständnis. Für das Projekt wurde eine Journalistin gesucht, die links sein sollte, feministisch und kirchenfern – weil das alles erst mal wie das Gegenteil von katholisch klingt. Was ich allerdings selbst beinahe vergessen hatte: Komplett kirchenfern bin ich eigentlich nicht. Auch ich habe eine Geschichte mit der Kirche, eine kleine zumindest. Aber wie viel zählt die, wenn ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr daran gedacht habe?
Ich bin in Magdeburg aufgewachsen, in der gottlosen Gegend Sachsen-Anhalt, oder gottverlassenen, je nachdem. Der Katholikenanteil in der Bevölkerung liegt hier 2016 bei 3,5 Prozent. Deutschlandweit sind es 29 Prozent. In Nordrhein-Westfalen, wo Franziskus lebt, sogar 39 Prozent.
Von den 48,4 Millionen Christen, die in Deutschland leben – das sind 59 Prozent der Bevölkerung –, besuchen übrigens nur etwa 10 Prozent der Katholiken und 3,6 Prozent der Evangelischen sonntags einen Gottesdienst.
Trotzdem habe ich in Magdeburg ein katholisches Gymnasium besucht, aber wegen Gymnasium, nicht wegen katholisch. Das »katholisch« hieß vor allem, dass wir in der ersten Stunde öfter Schulgottesdienste hatten. Die waren bis zur siebten Klasse Pflicht, ab der achten gingen wir nicht mehr hin.
Getauft bin ich evangelisch. Ich war elf Jahre alt, und es passierte in einem Schwung mit meinem Bruder und meiner Mutter, weil meine Eltern kirchlich heiraten wollten. Sie sind die Art von Christen, die in der Kirche einmal »Ja« gesagt haben, aber nicht einmal zu Weihnachten wiederkommen. Mit vierzehn Jahren wurde ich konfirmiert. Ich wollte das eigentlich nicht, meine Eltern aber schon. Es ging dabei mehr um die Frage, wer in der Familie das Sagen hat, als um Religion. Aus der Zeit des Konfirmationsunterrichts ist mir die Freundin geblieben, mit der ich das erste Mal an Bieren nippte und zu Zigaretten hustete. Ein Gott nicht. Trotzdem zählt mich die evangelische Kirche noch zu ihren Mitgliedern, weil ich nie ausgetreten bin.
Was sich aber im Laufe dieses Jahres ändern wird.
Als Franziskus fünfzehn Jahre alt war, Pubertätsalter, suchte er Sinn und fand Gott. Er stellte einen Ordner zusammen, wie man das manchmal in dem Alter macht, mit Dingen, die einem wichtig sind. Ich hatte auch so einen, mit Zeitungsausschnitten über meine Lieblingsbands. In Franziskus’ Ordner waren Texte abgeheftet wie »Meine Zeit steht in deinen Händen« und »Laudate omnes gentes«. Gebetslieder. Er wollte Halt und hielt sich am katholischen Glauben fest, samt Traditionen und Regeln.
Ich kam im gleichen Alter zu dem Schluss, dass die meisten Traditionen und Regeln grundsätzlich überdacht gehören. Weil nicht alles gut ist, nur weil es schon immer so war. Auch ich suchte Sinn. Auch ich fühlte mich verloren. Woran ja weniger die Pubertät schuld ist als vielmehr die Welt, deren Ungerechtigkeit man nur zum ersten Mal erkennt. Ich bekam eine Ahnung davon, dass die Welt nicht besser wird, nur weil Mama und Papa das sagen.
Franziskus besann sich auf seinen anderen Papa.
Meine Freunde und ich wurden wütend. Wütend, dass vieles auf der Welt scheiße läuft und nicht nur schlechten Menschen Schlechtes passiert. Wir wollten, dass sich das ändert. Dass sich was ändert. Wir wollten ändern. Wir färbten uns die Haare bunt und klebten uns »Gegen Nazis«-Aufnäher auf die Hosen und Taschen, um der Welt – oder zumindest unserer grauen Heimatstadt – zu zeigen, dass wir nicht alles akzeptieren.
Heute sind meine Haare nicht mehr bunt, aber geblieben ist die Überzeugung, dass vieles auf dieser Welt anders sein sollte, gerechter. Dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten besitzen, egal woher sie kommen, wie sie aussehen, was sie können, was nicht, wie sie leben, wie sie lieben. Wenn jemand anderer Meinung ist, dann versuche ich gewöhnlich, ihn oder sie zu überzeugen. Das klappt manchmal. Wenn nicht, halte ich eine emotionale, wütende Valerie-Predigt – ich schaffe dann bis zu zehn Wörter pro Sekunde – und trinke mein Bier im Zweifel das nächste Mal mit jemand anderem. Weil ich mir ja mal versprochen habe, nicht alles zu akzeptieren.
Daher habe ich bei einigen Fragen Angst, sie Franziskus zu stellen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, wenn er antwortet, was ich befürchte.
Franziskus ist katholisch aufgewachsen, richtig katholisch. Keine bunten Haare, dafür Erstkommunion, Firmung und Sonntagsgottesdienste. Abends saß die Familie – Mutter, Vater, zwei Töchter, zwei Söhne – manchmal zusammen, um in der Bibel zu lesen.
Franziskus erzählt, dass es eine Zeit gab, in der er nicht so viel mit Gott zu tun hatte. Damit wollte er mir wohl sagen, dass er das kirchenferne Leben kennt. Was ich anders sehe. Denn Franziskus war sich immer sicher, dass diese Welt Gottes Werk ist, selbst wenn er nicht regelmäßig gebetet hat. »Glaubst du, du hast eine Vorstellung von meinem Leben?«, frage ich ihn irgendwann einmal. »Ich denke schon. Ich habe ja auch mal studiert.«
Mit 22 begann Franziskus ein duales BWL-Studium bei Hamburg. Vorher war er bei der Bundeswehr und in Neuseeland unterwegs. Nicht einmal seine Mutter fand, dass die Studienwahl zu ihm passte. Den praktischen Teil seines Studiums absolvierte er in Köln, wo er anfing, an Gebetskreisen teilzunehmen. Nach und nach wurde seine Beziehung zu Jesus Christus, so sagt er das, intensiver. Und irgendwann fing er an, sich zu fragen: Wenn Jesus so stark in mein Leben tritt, will er vielleicht mehr von mir? Zwei Jahre lang ging das so. Seinen Freunden und Eltern erzählte Franziskus nichts davon. Auch nicht seiner Freundin. Ja, er hatte eine Freundin. Er sagt, er war verliebt in sie. Aber nach einem halben Jahr machte er mit ihr Schluss. Da stand etwas zwischen ihnen. Ein paar Monate später, im April 2004, saß Franziskus in einem Kloster und betete, und auf einmal war es ihm sonnenklar: Ich werde Priester.
Seit vier Tagen begleite ich Franziskus jetzt. Renne ihm dabei hinterher, wie er durch das Leben von anderen rennt. Ehe, Taufe – für andere ein Lebensereignis, für den Priester ein Vormittagstermin im Kalender. Wir besuchen alte Menschen und junge, ich esse mit den Messdienerinnen das erste Eis des Jahres und lerne in einer Schulstunde um 7.50 Uhr, dass man im Gottesdienst kniet, um sich vor Gott klein zu machen, und dann beim »Halleluja« aufsteht.
Ich war in den ersten vier Tagen in fünf Messen, mehr als in den letzten zehn Jahren zusammen, vielleicht mehr als in meinem ganzen bisherigen Leben. Viele fragen mich schon jetzt, was Priester tun, wenn sie nicht sonntags »Messe feiern«, so heißt es auf Katholisch, wenn Priester Gottesdienste leiten. Unter anderem: jeden Tag eine Messe feiern, was nicht alle Priester tun, Franziskus aber schon. Und er feiert auch dann, wenn unter der Woche nur eine Handvoll Menschen kommen. An sie verteilt er dann die Hostie, die er zuvor gewandelt hat. Und von der die Katholiken glauben, sie sei der Leib Christi. Also, wirklich. Als ich Franziskus dazu einmal etwas fragen wollte und ansetzte mit: »Und das ist jetzt theoretisch der Leib Christi?«, antwortete er: »Auch praktisch.«
Während meiner ersten Messe saß ich allein in einer Kirchenbank hinten links, sonst waren kaum Leute da, es war unter der Woche. Nach vielleicht 30 Minuten, Franziskus sagte gerade etwas hinter dem Altar, ich machte mir Notizen, stand auf einmal eine Frau neben mir. Sie stellte sich vor: »Elfriede« und streckte mir die Hand entgegen. Ich verstand den Nachnamen nicht, griff aber zu, sagte: »Valerie Schönian.« Sie guckte verwirrt, ich lächelte und fragte: »Wie war Ihr Name noch mal?«
Die Dame hatte sich nicht vorgestellt. Ich schaute mich in der Kirche um, alle gaben einander die Hand. Das gehörte zum Gottesdienst, sie sagten »Friede sei mit dir«. Nennt sich Friedensgruß, machen sie in jeder Messe. Die Frau, die wahrscheinlich nicht Elfriede heißt, ließ sich nichts anmerken. Wir gaben uns noch einmal die Hand. Friede sei mit dir.
Mittlerweile ist mein Notizblock schon fast voll. Ich habe furchtbaren Spaß daran, alle Wortspiele aufzuschreiben, die man sonst wegen Floskelhaftigkeit nie benutzen darf: Was zur Hölle. Oh mein Gott. Gott sei Dank. Halleluja. Ansonsten finden sich darin sehr viele x. Immer dann, wenn ich ein Wort nicht verstanden habe, nicht weiß, wie man es schreibt oder wie man es verwendet. Zum Beispiel »die Hostie x« – was macht denn eine Hostie? Steht, liegt, thront sie? Und was tut man mit ihr? Sie essen, zu sich nehmen, verspeisen? Mein theoretischer Sprachschatz stößt hier ganz praktisch an seine Grenzen. Eucharistie oder Kommunion: Was genau das ist? Kein Plan. Genauso bei Katechese, Liturgie. Dass Franziskus’ Priesterkragen »Kollar« heißt, habe ich mir notiert, als ich nicht noch ein drittes Mal nachfragen wollte. Ich fühle mich wie ein grobmaschiges Nudelsieb: Auf den ersten Blick denkt man, alles ist drin, und dann schaut man drunter und sieht, was alles durchgerutscht ist. Jeden Abend liege ich mit Tabernakel-Monstranz-Kopfschmerzen im Bett.
Normalerweise bereite ich mich auf meine Termine vor. Diesmal habe ich nicht mal den Hefter aus dem Religionsunterricht gelesen. Das war die Idee bei diesem Experiment: Die Auftraggeber sagten, lass alles auf dich zukommen, Valerie, wirf dich hinein. Geh mit deinem jetzigen Wissensstand an die Sache, als ob ihr euch zufällig begegnet wärt.
Als ob ich jemals zufällig einem Priester begegnet wäre.
Als wir wieder im Auto sitzen, auf dem Heimweg nach Münster, hat es angefangen zu regnen. Wir müssen uns beeilen, damit Franziskus pünktlich für die Messe um 18 Uhr zurück ist. Gerade haben wir beim Bäcker noch gemeinsam mittaggegessen. Dabei ist eine Stille entstanden, die fast unangenehm war, weil sich unser Zusammensein ohne Frage-Marathon plötzlich so privat anfühlte. Schließlich durchbrach Franziskus das Schweigen und fragte, ob ich einen Führerschein hätte und ob ich schon einmal einen Unfall gehabt hätte, weil ich manchmal so kritisch gucke bei seinen Überholmanövern. Doch das liegt eher daran, dass er 130 fährt, während er auf dem Navi herumtippt, und mein Gottvertrauen dafür wirklich nicht ausreicht.
Jetzt bin ich wieder dran.
»Warum machst du mit bei diesem Experiment, Franziskus?«
»Ich will zeigen, woher diese personale Liebe zu Jesus Christus kommt. Ich hoffe, dass einige vielleicht den Glauben neu entdecken. Dass sie sehen, dass sie unendlich geliebt werden, dass wir zu etwas Großem berufen sind und dass Gott dort mit hineinspielt.«
»Verstehst du Menschen, die nicht glauben?«
»Ich kann das kognitiv und rational erklären. Aber nicht emotional. Ich denke: Hallo, mach doch mal die Augen auf, ist das hier etwa alles Zufall? Ist das hier etwa alles ohne Sinn? Siehst du nicht … Gott? Aber ja, das ist eine meiner großen Fragen.«
»Welche?«
»Warum die Menschen ihn nicht sehen. Wenn man mit Gott noch nie in Berührung gekommen ist, okay. Aber viele kennen die Kirche und sind nah dran am Glauben. Es kommt auch irgendetwas an, aber es verändert nicht viel bei ihnen.«
So, wie ich Franziskus nicht verstehe, versteht er vielleicht auch mich nicht.
»Wann hast du das letzte Mal bereut, Priester zu sein?«
»Noch nie.«
»Gab es nicht mal eine Situation, in der du gern getauscht hättest?«
»Nein.«
Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann. Fragend schaue ich zu ihm rüber und warte.
Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: »Also, klar, es wäre schön gewesen, Familienvater zu sein. Aber was ich als Priester erlebe, kann ich als Vater nicht erfahren. Bereut habe ich meine Entscheidung nie.«
»Könnte ich dich in diesem Jahr irgendwie überzeugen, vom Glauben abzukommen?«
»Klar ist das möglich, aber ich halte es für unwahrscheinlich. Genauso möglich wäre es, dass du zum Glauben findest.«
»Was ist das Wichtigste in deinem Leben?«
»Meine Familie.«
»Und das Schönste?«
»Ich habe nichts zu verlieren, weil Gott mich liebt.«
Franziskus’ Smartphone klingelt, ich schaue aus dem Autofenster. Die Regentropfen ziehen Bahnen über die Scheibe, langsam, als ob wir nicht zu spät dran wären.
Vor ein paar Tagen lag ich gestresst in meinem Bett und dachte: Oh mein Gott. Du verbringst jetzt ein Jahr mit einem Priester. Und alle schauen zu. Was ich alles falsch machen könnte, was alles nicht klappen könnte, wen ich alles enttäuschen könnte. Panik.
Wenn Franziskus mal so im Bett liegen sollte, dann könnte er sich immer damit beruhigen, dass Gott ihn liebt, egal, was passiert. Wie der Schutz des Elternkokons, wenn man klein ist: Sie sagen, es ist gut, und man glaubt es, weil andere Meinungen sowieso nicht zählen. Nur wächst Franziskus da nie heraus. Es kann eigentlich nichts mehr schiefgehen in seinem Leben. Kein Scheitern von Karriere- oder Familienzielen; keine Fragen, wohin mit mir oder woher die Altersvorsorge. Er ist Priester. Die Dinge sind geklärt. Das ist schon beneidenswert. Und es ist leichter. Oder?
Draußen wird der Regen heftiger, Franziskus startet neue Manöver, um 18 Uhr muss er hinter dem Altar stehen. Wie immer. Jeden. Einzelnen. Tag.
Ist das wirklich beneidenswert? Will man das? Wie kann Franziskus das wollen? Genau zu wissen, wie der Rest seines Lebens aussehen wird? Nie wieder mit einer Frau Händchen zu halten? Niemals mehr jemanden bei einem schlechten 80er-Jahre-Hit zum ersten Mal zu küssen? Niemandem abends den letzten Kuss zu geben, bevor man sich umdreht, um in Löffelchenstellung einzuschlafen? Hat er keine Angst, etwas zu verpassen? Dass da mehr sein könnte im Leben?
Ich war nie der Typ, der etwas verpasst. Ich will Erinnerungen sammeln. Weil nicht die Jahre das Leben lang machen, sondern die Erinnerungen, selbst wenn es schlechte sind. Und jeder Moment hat das Potenzial, eine Erinnerung zu werden. Wenn das Leben ein Motto haben müsste, wäre meines vielleicht etwas ganz Banales wie: Schlafen können wir, wenn wir tot sind.
Für einen Priester geht es mit dem Tod vermutlich erst richtig los. Wer für Gott lebt, lebt für das Jenseits. Vielleicht würde mir ein Priester sagen, mein Leben sei zu sehr auf das Diesseits ausgerichtet. Vielleicht haben Menschen, die so etwas sagen, aber auch einfach kein gutes Diesseits.
Mir wird bewusst, wie wenig ich Franziskus’ Entscheidung nachvollziehen kann. Und wie wenig ich ihm glauben kann, dass er sie nie bereut hat. Ich frage mich, was passieren muss, damit man sich für dieses Leben in Verzicht entscheidet, ohne freie Sonntage und Familie, ohne Sex. Es kann ja sein, dass Franziskus’ Leben einfacher ist als meines. Weil man eben nie allein ist und der Herr es schon richten wird. Aber das Leben in der Matrix ist auch leichter. Also, in der aus Matrix, dem gleichnamigen Film: eine schöne Simulation, von anderen gelenkt, eine Traumwelt. Aber will man das? Ein fremdbestimmtes Leben? Warum? Weil man mit den Möglichkeiten, der Komplexität und der Grausamkeit nicht klarkommt? Nicht damit klarkommt, dass Dinge passieren, die keinen Sinn haben, dass wir nicht geschützt sind, dass die geflüchteten Männer und Frauen im Mittelmeer im Moment ihres Todes nicht geborgen waren? Sondern allein? Ist die Entscheidung für ein Priesterleben nicht einfach eine Realitätsflucht?
Wir kommen vor der Kirche in Münster an, in der Franziskus heute die Messe feiert. Ich will eigentlich direkt weiter nach Roxel, weil ich ziemlich erledigt bin. Aber Franziskus sprintet durch den Regen in die Kirche. Ich denke: Wennschon, dennschon, und schleiche hinterher, Messe sechs in Woche eins.
Es sind wieder nur eine Handvoll Leute da, wie immer unter der Woche bin ich die Jüngste. Ich setze mich wie die letzten Male hinter alle anderen. So fällt es nicht auf, dass ich nicht aufstehe oder knie. Die Kirchenkulisse ist schön, da kann man nichts sagen. Eigentlich seltsam, bedenkt man den gefolterten Mann, der hier überall hängt.
Die Messe beginnt pünktlich um 18 Uhr. Von vorne links betritt Franziskus den Altarraum, jetzt im weißen Gewand, der Priester. Er feiert die Messe – hebt die Bibel hoch, nimmt sie wieder runter, liest, nimmt sie hoch, dann die Schale hoch, runter, das Gleiche mit dem Wein. Viel Hoch-und-runter. Sowohl bei Franziskus als auch bei den Gottesdienstteilnehmerinnen in den Bänken: knien, stehen, sitzen, stehen, sitzen, knien. Glaube hält fit.
Franziskus spricht Formeln vor, die ich im nächsten Jahr noch so oft hören werde.
»Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt«, sagt er, und die Gemeinde, eher das Gemeindchen, spricht mit.
»Erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt. Gib uns deinen Frieden.«
Wenn ich versuche, mir klarzumachen, was Franziskus da glaubt, kann ich das eigentlich nur verrückt finden und nicht ernst nehmen. Oder? Würde mir in jeder anderen Situation jemand erzählen, er sehe in einem pappigen Plätzchen den Heiligen Geist, würde ich das Weite suchen. Erst recht, wenn er diesem Plätzchen sein Leben verschreiben würde.
Wieso wird man heutzutage Priester? Als ein vernunftbegabter Mann, der privilegiert ist, weder arm noch ungebildet? Wie kann man sich für ein Leben in Verzicht entscheiden, wenn man alles andere hätte machen können?Franziskus hat sich einer Institution verpflichtet, zu der mir als Erstes Tebartz-van Elst, veraltete Rollenbilder und der Missbrauchsskandal einfallen. Wenn mir Menschen, die über Meere geflüchtet sind, davon erzählen, dass sie trotz allem, was sie erlebt haben, an Gott glauben, denke ich: Ihr habt ja keine Wahl. Was bliebe euch denn sonst? Aber Franziskus – er hatte doch eine?
Es ist kein Geheimnis, dass ich Franziskus’ Entscheidung nicht verstehe, deswegen bin ich ja hier. Aber die Wahrheit ist: Mein Unverständnis ist größer, als ich mich traue, es in Worte zu fassen. Ich halte die Worte zurück, weil ich nicht weiß, wie das alles ausgehen wird. Und weil ich Franziskus nicht vorführen will für das Vertrauen, das er mir entgegenbringt.
Als ich hier in dieser Kirchenbank sitze, ahne ich noch nicht, was im nächsten Jahr passieren wird. Weiß noch nichts von all den Momenten, in denen ich bei Franziskus gegen Wände laufe; von meiner Wut, die manchmal so groß sein wird, dass ich nicht wissen werde, wohin mit mir; oder von den ohnmächtigen Momenten, in denen ich an allem zweifle.
Aber ich rechne auch nicht damit, dass sich Fragen bei mir, ganz persönlich, auftun werden; dass ich ein Jahr später wieder hier sitze, auf alles zurückblicke – und dankbar sein werde; dass ich sagen werde: Ich habe mich geirrt. Ich werde sehen, was ich jetzt nicht sehe.
Eine Ahnung davon bekomme ich vielleicht schon in diesem Moment, während ich Franziskus beobachte. Wie er auf diese Hostie schaut, so, als ob er das zum ersten Mal tun würde. Da liegt Zärtlichkeit in seinem Blick, Liebe.
Ich nehme mir vor, die Welt durch Franziskus’ Augen betrachten zu wollen. Nicht nur die Antworten zu hören, die man nachlesen kann: »Ich bin Priester geworden, weil Gott mich gerufen hat.« Sondern in ihn hineinzuschauen. Ich will ihn verstehen, wirklich verstehen. Ein Jahr habe ich Zeit. Ein Jahr, um herauszufinden, was das mit ihm macht, wenn ich ihm all meine Fragen stelle. Und um zu sehen, was es mit mir macht, wenn ich seine Antworten höre.
Der Weg von meinem Leben in das von Franziskus dauert viereinhalb Stunden. Los mit dem Zug vom Berliner Hauptbahnhof, umsteigen in Hamm/Westfalen, dann vom Hauptbahnhof in Münster mit dem Bus weiter nach Roxel. Mehrmals im Monat mache ich mich auf diesen Weg. Der ständige Wechsel war von Anfang an geplant. In Berlin kann ich zwischendurch kurz sichergehen, dass meine Welt noch existiert. Mein Leben in Münster spielt sich vor allem in Roxel und den Nachbarorten Albachten und Mecklenbeck ab, es fühlt sich manchmal unwirklich an. Wenn meine Freunde samstagabends tanzen gehen, sitze ich jetzt in der Kirche. Wenn sie am Sonntagmorgen nach Hause kommen, sitze ich schon wieder hier. In den großen steinernen Gebäuden, die für sie weiterhin nur Kulisse ihres Alltags sind, verbringe ich jetzt meine Zeit.
Aber es ist ein gutes Unwirklich. Weil ich neugierig bin, diese andere Welt kennenzulernen, und darauf, wie sich dieses Jahr entwickeln wird. Katholikinnen tippen, dass ich Nonne werde. Meine Freunde, dass Franziskus seinen Priesterkragen an den Nagel hängt.
Ich halte mich aus den Wetten raus. Sowieso bin ich in den ersten Wochen weiter viel zu sehr damit beschäftigt, dass mir die katholische Decke unter der Last der ganzen neuen Wörter, Bräuche und Gewohnheiten nicht auf den Kopf fällt. Nicht unterzugehen im katholischen Flow, in Franziskus’ Flow. Sein Tag beginnt um sieben Uhr morgens und endet oft erst nach 24 Uhr. Dazwischen sitzt er zum Beispiel in Kirchen- und Gemeindegremien, am Schreibtisch zum Predigtschreiben oder auf Sofas von Gemeindemitgliedern, um Hochzeiten, Taufen und anderes zu besprechen. Und er betet natürlich. Neben den bereits erwähnten Tischgebeten und der täglichen 18-Uhr-Messe noch drei bis fünf weitere Male am Tag, je nachdem, wie viel Zeit er hat. Das ergibt ein bis drei Stunden täglich. Jeden Morgen geht er für eine Stunde in die hauseigene Kapelle ein Stockwerk unter seiner Wohnung, drei mal drei Meter groß, für eine private Anbetung.
Die Anbetung ist ein wichtiger Bestandteil von Franziskus’ Alltag. Dabei betet er die geweihte Hostie an, für ihn der Leib Christi. Von außen sieht das so aus: Franziskus sitzt vor einer kleinen runden Oblate und schweigt. Seiner Meinung nach tritt er dabei in Kommunikation mit Gott. Das macht Franziskus fast täglich in seiner Kapelle, dazu noch manchmal in der Kirche. Als ich mich anfangs mal dazusetzte, musste ich feststellen, dass ich Stille körperlich unangenehm finde. Ich konnte nicht viel denken außer: Leise atmen, unauffällig bleiben, hoffentlich knurrt mein Magen nicht. Deshalb entschied ich, die Anbetung bleiben zu lassen, zumindest fürs Erste. Ich hatte das Gefühl, mich vor Franziskus rechtfertigen zu müssen, und erklärte ihm, dass die Anbetung wohl nicht sinnvoll sei, wenn alle nur still seien und ich so viel im Kopf hätte. Er antwortete: »Das ist eben die Frage: Willst du mitmachen und dich darauf einlassen, oder willst du von außen schauen?«
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
Zu Franziskus’ Alltag gehört auch das Zusammenleben mit zwei anderen Priestern im Pfarrhaus: Christian Schmitt, 50 Jahre alt, und Timo Weissenberg, 44. Sie sind wie Franziskus Mitglieder der Gemeinschaft »Emmanuel«. Was nicht das Gleiche ist wie eine Gemeinde, wie ich erst lernen musste. Zu welcher Kirchengemeinde man zählt, richtet sich meistens nach dem Wohnort. Gemeinschaften sind Gruppen innerhalb der Kirche, die keinen festen geografischen Bezug haben. So etwas wie Orden, von denen man die Franziskaner oder die Dominikaner kennt. Aber noch mal anders. Geistliche Gemeinschaften entstanden vor allem in den 1960er-Jahren neben dem üblichen Gemeinde- und Ordensleben. Sie sind eine Art katholische Bewegung. Priester, geweihte Schwestern, Brüder und auch Laien, also Nicht-Geweihte, schließen sich, oft international, mit dem Ziel zusammen, ihren Glauben intensiver zu leben und zu gestalten.
Als ich das alles zum ersten Mal hörte, beschäftigte ich mich noch nicht weiter damit. Erst später erfahre ich, dass Gemeinschaften innerhalb der katholischen Kirche umstritten sind. Ihnen wird vorgeworfen, sich vom üblichen Gemeindeleben abzugrenzen. Einen elitären Klub im Klub zu bilden sozusagen. Dadurch würden sie die Kirche spalten. Diese Kritik hat auch mit der großen Debatte innerhalb der katholischen Kirche zu tun: dem Richtungsstreit zwischen liberalen und konservativen Katholikinnen. Von diesem Streit ist bisher kaum etwas bis in meine Welt vorgedrungen, außer dass Papst Franziskus, der Liberale, von Konservativen kritisiert wird. Aber ich wusste nicht, wie bestimmend das Thema für viele Katholiken ist – und damit Millionen von Menschen.
Wie viele geistliche Gemeinschaften es gibt, lässt sich nicht genau sagen. Auf der letzten Liste des Vatikans, die aber mehr als zehn Jahre alt ist, waren es 122. In Deutschland gibt es laut Bischofskonferenz 80 geistliche Gemeinschaften mit insgesamt hunderttausend Mitgliedern. Emmanuel wurde 1972 in Paris gegründet. Laut eigenen Angaben hat sie heute rund 11 500 Mitglieder in 67 Ländern. Die Gemeinschaft soll ziemlich konservativ sein, und damit auch Franziskus. Ich habe zuerst nicht verstanden, was das bedeutet. Weil ich dachte: Natürlich ist Franziskus konservativ. Er ist ja auch katholischer Priester.
Eine der Gemeinschaftsregeln von Emmanuel besagt, dass Mitglieder nicht allein leben sollen. Auch die Priester nicht. Deswegen sitzen wir beim Mittagessen eben oft zu viert am Tisch. Christian Schmitt hat hier in der Gemeinde St. Liudger eine halbe Pfarrstelle und ist daneben zuständig für alle Emmanuel-Priester in Europa. Timo Weissenberg ist der zweite Pfarrer. Das Pfarramt ist etwas Institutionelles, »Pfarrer« nennt man die Leiter einer Pfarrei, im Evangelischen wie im Katholischen. Das Priesteramt ist etwas Spirituelles, man erhält es durch die Weihe vom Bischof, das gibt es nur im Katholischen. In der katholischen Kirche muss jeder Pfarrer auch Priester sein; aber nicht jeder Priester ist Pfarrer. Franziskus als Kaplan zum Beispiel ist zwar Priester, aber (noch) kein Pfarrer.
Das Pfarrhaus nenne ich deshalb jedenfalls »Priesterhaus«, das passt besser. Die ursprüngliche Projektidee war, dass ich dort lebe, aber weil kein Platz für mich ist, wohne ich in meinem Hotel, das eine Minute entfernt liegt.
Bei den Terminen mit Gemeindemitgliedern, zu denen ich Franziskus begleite, setze ich mich neben ihn und versuche, niemanden zu stören. Das heißt lächeln und schweigen und nach unten schauen, wenn Franziskus am Ende eines jeden Termins vorschlägt, gemeinsam das Vaterunser zu beten. Es sind viele Termine, viele Menschen und immer ein bisschen zu wenig Zeit, weil Franziskus sich genauso gerne verquatscht wie ich.
Im Kindergarten sitzen Franziskus und ich in einem Kreis auf etwas zu kleinen Stühlen. Wir besuchen die Igelgruppe. Franziskus hat verschiedene Marienbilder und -statuen dabei. Er erzählt den Kindern, dass Maria, die da auf dem Bild, die Mutter von uns allen ist. Dann holt er ein Kettchen mit Kugeln daran hervor und zeigt ihnen, wie man den Rosenkranz betet: einmal das Vaterunser oder das Ave-Maria bei jeder Kugel; wenn man fertig ist, greift man eine Kugel weiter. Ich frage mich, mit Mühe auf dem kleinen Stuhl das Gleichgewicht haltend, was diese Regeln beim Beten sollen. Wieso kann man nicht einfach so mit Gott sprechen? Was soll das Kettchen? Und sind die Kinder dafür nicht zu jung? Aber ich setze mich auch bei den Bären und Raupen dazu und sage nichts.
Im Haus eines Paares, beide in meinem Alter, sitzen wir auf dem Sofa. Sie wollen heiraten. Ich habe ein Bier in der Hand, das sie mir angeboten haben, vor Franziskus liegt ein sogenanntes Eheprotokoll. Das gehen sie zusammen durch. Das Paar muss Fragen beantworten wie: Tut ihr das freiwillig? Wollt ihr euch ehren? Werdet ihr eure Kinder katholisch erziehen? Und: Seid ihr fähig, Sex miteinander zu haben? (Im Eheprotokoll steht es so: Es solle geprüft werden, ob ein »Ehehindernis« vorliegt, wozu die »Unfähigkeit zum ehelichen Akt« gehört.) Ich lächle und lasse mir nichts anmerken. Als Franziskus dann anfängt, darüber zu sprechen, wie reizvoll es sein kann, eine Zeit lang enthaltsam zu leben, schaue ich auf den Hund des Paares. Schöner Hund. Die beiden lachen und sagen, dass sie »das« sowieso schon ein paarmal gemacht hätten.
Auf einem anderen Sofa in einem anderen Haus geht Franziskus mit einer Familie den Gottesdienstablauf für die Taufe des Sohnes durch, die sogenannte Liturgie. Das heißt, sie suchen Gebete und Bibeltexte aus, Fürbitten und Lieder. Es gibt eine Auswahl für jedes Element der Messe: für Kyrie, Gloria, Lesung, Halleluja, Evangelium, Glaubensbekenntnis, Fürbitten.
Auf die gleiche Art plant Franziskus, wieder auf einem anderen Sofa, eine weitere Hochzeit. Und noch eine auf einer anderen Couch. Im Mai steht der Sommer bereit, da wird viel geheiratet. Bis jetzt hat Franziskus in seinen drei Jahren als Priester dreizehn Paare verheiratet, Taufen waren es mehr als fünfzig.
Knapp achtzig Menschen hat Franziskus bisher beerdigt, also mindestens einen pro Dienstwoche. Dabei begleite ich ihn erst einmal nicht. Einerseits, weil man Menschen, die gerade jemanden verloren haben, nicht mal eben fragt, ob man eine Journalistin mitbringen darf. Andererseits bin ich Mitte zwanzig. Und ich habe das Glück, dass in meiner Umgebung nicht viel gestorben wird. Daher fühle ich mich lieber weiter unsterblich und gehe dem Thema Tod aus dem Weg.
Aber ich werde mich nicht das ganze Jahr davor drücken können, es gehört eben zum Priesterleben dazu. Genauso wie die Besuche bei alten und kranken Menschen.
Franziskus und ich besuchen Margarete De Palo an ihrem 91. Geburtstag. Franziskus hat Blumen dabei. Grazyna Sawczak, 53, öffnet uns die Tür und weist uns sofort an, sie nur Grazyna zu nennen. Sie ist die polnische Pflegekraft von Frau De Palo, aber offensichtlich so viel mehr als das. Frau De Palo liegt in ihrem Zimmer im ersten Stock im Krankenbett. Aufstehen kann sie seit zwei Jahren nicht mehr. Das Kopfende ihres Bettes ist hochgeklappt, sodass sie in den Raum schaut, direkt auf den Fernseher, auf dem ein gerahmtes Bild von ihr und Grazyna steht, von der letzten Kreuzfahrt. Auf dem Tisch darunter liegen Kochsalzlösung, Pflaster und eine Schere. Fünf Jahre leben die beiden Frauen schon gemeinsam in diesem Haus. Zuerst hat Grazyna nur geputzt, jetzt nennt sie Frau De Palo ihre »Oma«.
Frau De Palo reagiert nicht mehr oft, ihre Brust hebt und senkt sich langsam, ihr Mund steht offen. Franziskus hat seine Hand auf ihre gelegt und erzählt von dem schönen Wetter zu ihrem Geburtstag. Sie scheint es nicht zu merken, aber als er seine Hand wegnehmen will, greift sie wieder zu. Irgendwann sagt sie, in einem Atemzug, der eher ein Keuchen ist: »Ist gut« und »danke«.
Am lebendigsten sieht Frau De Palo aus, wenn Grazyna in den Raum kommt. Die gibt ihr etwas zu trinken, mit einem Strohhalm, und sagt strahlend: »Zwölf Jahre lebst du noch, bis zu meiner Rente, ja?« Frau De Palo antwortet wieder in einem Keuchen: »Schau’n wir mal!« Wir lachen.
Franziskus hat Frau De Palo schon einmal besucht, zu ihrem 90. Geburtstag. Ab einem hohen Alter werden Gemeindemitglieder an ihren Geburtstagen oft von jemandem aus der Pfarrei besucht. Grazyna erzählt, seit Franziskus ihrer Oma gesagt habe, dass Gott sie liebe, sei die im Reinen mit sich und habe sich nicht mehr beschwert.
Nach den Geburtstagsglückwünschen setzen wir uns für Kaffee und Kuchen ins Wohnzimmer. Wir wollten 30 Minuten bleiben, Grazyna lässt uns erst nach 90 Minuten, zwei Kaffee und zwei Stück Kuchen gehen. Was aber völlig in Ordnung ist.
Solche Momente mit Menschen gehören zu den besten hier. Weil ich ihnen sonst nie begegnet wäre und kurz in fremde Leben schauen kann, die selbst ein ganzes Buch verdient hätten. Zum Beispiel das von Grazyna, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt, ihre eigenen Söhne und Enkel nur zweimal im Jahr sieht, aber ihre Pflegeomas hier – Frau De Palo ist schon die zweite – mit Liebe überschüttet.
Es ist schön zu sehen, wie Franziskus bei seinen Besuchen die Menschen kurz glücklich macht, einfach dadurch, dass er da ist. Wie auch Erika Kiffmeyer, der Franziskus die Krankenkommunion bringt. »Kommunion« nennt man das Empfangen der geweihten Hostie während der Messe. Krankenkommunion bedeutet, dass Franziskus zu Menschen geht, die es selbst nicht mehr in die Kirche schaffen, und ihnen eine geweihte Hostie bringt. Ein paar Hostien bleiben nach einer Wandlung meist übrig. Sie werden in der Kirche aufbewahrt, in einer Art geweihtem Safe, dem sogenannten Tabernakel.
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