Hangman. Das Spiel des Mörders - Daniel Cole - E-Book
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Beschreibung

»Wie fasst man einen Mörder, der längst tot ist?« -
Vom Autor des Spiegel-Bestsellers Ragdoll. Dein letzter Tag

In New York wurde ein Toter von der Decke hängend gefunden, das Wort „Köder“ ist tief in seine Brust geritzt. Das lässt nur einen Schluss zu: Ein Killer kopiert den berühmten Londoner Ragdoll-Fall. Chief Inspector Emily Baxter wird sofort von den US-Ermittlern angefordert.

In den USA ist der Druck der Medien enorm. Als ein zweiter Toter entdeckt wird, diesmal mit dem Wort "Puppe" auf der Brust, dreht die Presse völlig durch und mit ihr die Internet-Communities.

Baxter und ihre Kollegen von FBI und CIA werden zum Spielball des grausamen Mörders – wer kann seinen Irrsinn stoppen? Und wer hält im Hintergrund die Fäden in der Hand?

 

 

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Seitenzahl:0


Das Buch

Ein Killer versetzt London in Angst. Dein Name steht auf seiner Liste. Dein letzter Tag ist nah. und Fliehen zwecklos.

Der Autor

DANIEL COLE

HANGMAN

DAS SPIEL DES MÖRDERS

THRILLER

Aus dem Englischen von

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ISBN 978-3-8437-1698-7

Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Januar 2018

© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018

© 2018 by Daniel Cole

Titel der englischen Originalausgabe: Hangman(Trapeze/Orion, London)

»Und wenn es doch einen Gott gibt?

Und wenn es doch einen Himmel gibt?

Und eine Hölle?

Und was, wenn … was, wenn … wir alle

PROLOG

Mittwoch, 6. Januar 20169.52 Uhr

»Es gibt keinen Gott. Punkt.«

Detective Chief Inspector Emily Baxter betrachtete sich in dem verspiegelten Fenster des Vernehmungsraums, lauschte möglichen Reaktionen ihres Publikums nebenan auf diese unpopuläre Wahrheit.

Nichts.

Sie sah furchtbar aus: eher wie fünfzig als fünfunddreißig. Dicke schwarze Fäden hielten ihre Oberlippe zusammen, spannten beim Sprechen und erinnerten sie an Dinge, die sie lieber vergessen hätte, alte und neue. Die Schürfwunde auf ihrer Stirn wollte nicht heilen, ihre gebrochenen Finger waren geschient, und unter ihrer leicht feuchten Kleidung verbargen sich noch mindestens ein Dutzend weitere Verletzungen.

Demonstrativ gelangweilt drehte sie sich zu den beiden Männern um, die ihr am Tisch gegenübersaßen. Keiner von beiden sagte etwas. Sie gähnte und fuhr sich mit den unversehrten Fingern durch ihr langes braunes, leicht verfilztes Haar, dem die drei Tage Trockenshampoo anzusehen waren. Dass Special Agent Sinclair ihre letzte Antwort ganz offensichtlich nicht gefiel, war ihr egal. Der beeindruckend glatzköpfige Amerikaner notierte etwas auf einem Blatt mit aufwendigem Briefkopf.

Atkins, der Kontaktbeamte von der Metropolitan Police, wirkte neben dem elegant gekleideten Ausländer eher unscheinbar. Baxter hatte die vorangegangenen fünfzig Minuten größtenteils damit verbracht, zu überlegen, welche Farbe sein beiges Hemd ursprünglich einmal gehabt haben mochte. Seine Krawatte saß locker, als hätte ein menschenfreundlicher Henker sie ihm gebunden – leider bedeckte sie nicht den relativ frischen Ketchupfleck.

Atkins verstand das Schweigen als Stichwort und schaltete sich ein:

»Das muss Thema einiger recht interessanter Gespräche mit Special Agent Rouche gewesen sein«, bemerkte er.

Atkins lief Schweiß seitlich am rasierten Schädel herunter. Grund waren die Lampen und die heiße Heizungsluft, die bereits vier Paar verschneite Stiefelabdrücke auf dem Linoleumboden in dreckige Pfützen verwandelt hatte.

»Soll heißen?«, fragte Baxter.

»Das soll heißen, dass laut seiner Akte …«

»Scheiß auf seine Akte!«, unterbrach Sinclair Atkins. »Ich habe mit Rouche zusammengearbeitet und weiß ganz sicher, dass er ein gläubiger Christ ist.«

Der Amerikaner blätterte in einem mit Einlegeblättern fein säuberlich unterteilten Ordner zu seiner Linken und entnahm ihm ein Dokument mit Baxters Handschrift. »Genau wie Sie, jedenfalls geht das aus den Unterlagen hervor, mit denen Sie sich auf Ihre aktuelle Stelle beworben haben.«

Er hielt Baxters Blick stand, kostete es aus, die streitsüchtige Frau eines Widerspruchs überführt zu haben. Jetzt da er bewiesen hatte, dass sie in Wirklichkeit denselben Glauben hatte wie er und ihn lediglich hatte provozieren wollen, war seine Welt wieder im Lot. Baxter jedoch guckte so gelangweilt wie zuvor.

»Ich bin der Überzeugung, dass Menschen im Allgemeinen Idioten sind«, fing sie an, »und viele davon hängen der irrigen Vorstellung an, es gäbe einen Zusammenhang zwischen hirnloser Gutgläubigkeit und einem gefestigten Moralverständnis. Mir ging es eigentlich nur um die Gehaltserhöhung.«

Sinclair schüttelte angewidert den Kopf, als wollte er seinen Ohren nicht trauen.

»Dann haben Sie gelogen? Das spricht allerdings auch nicht gerade für ein gefestigtes Moralverständnis.« Er lächelte dünn, machte sich weiter Notizen.

Baxter zuckte mit den Schultern:

»Sagt aber einiges über hirnlose Gutgläubigkeit.«

Sinclairs Lächeln verschwand.

»Wollen Sie mich bekehren oder was?«, fragte sie, konnte der Versuchung nicht widerstehen, die Geduld ihres Gegenübers weiter zu strapazieren. Plötzlich sprang Sinclair auf und beugte sich über den Tisch.

»Ein Mann ist tot, Chief Inspector!«, brüllte er.

Baxter zuckte nicht mit der Wimper.

»Viele sind tot … nach allem, was passiert ist«, murmelte sie, aber dann wurde auch sie wütend, »und aus unerfindlichen Gründen verschwenden Sie und Ihre Leute Ihre Zeit mit der einzigen Person, die den Tod verdient hat!«

»Wir fragen«, schaltete Atkins sich ein, versuchte die Situa­tion zu entschärfen, »weil neben der Leiche entsprechende Hinweise gefunden wurden … religiöser Art.«

»Die können von jedem x-Beliebigen stammen«, sagte Baxter.

Die beiden Männer warfen sich einen Blick zu, dem sie entnahm, dass es noch mehr gab, das sie ihr nicht mitteilen wollten.

»Haben Sie Informationen darüber, wo Special Agent ­Rouche sich aktuell aufhält?«, fragte Sinclair sie.

Baxter schnaubte: »Soviel ich weiß, ist Agent Rouche tot.«

»Wollen Sie wirklich dabei bleiben?«

»Soviel ich weiß, ist Agent Rouche tot«, wiederholte Baxter.

»Sie haben also seine Lei…«

Die vierte Person an dem kleinen Tisch, die Psychologin Dr. Preston-Hall, bei der Metropolitan Police in beratender Funktion tätig, räusperte sich laut, und Sinclair verstummte, verstand die unausgesprochene Warnung. Er lehnte sich zurück und rollte die Augen in Richtung des verspiegelten Fensters. Atkins kritzelte etwas in sein Notizbuch und schob es Dr. Preston-Hall zu.

Sie war eine gepflegte Frau Anfang sechzig, deren teures Parfüm lediglich eine zarte Blütenduftnote setzte, ohne den überwältigenden Gestank der durchnässten Schuhe zu übertünchen. Sie hatte mit ihrer unangestrengten Autorität bereits deutlich gemacht, dass sie die Vernehmung sofort beenden würde, sollte sie den Eindruck haben, die Befragung sei der Genesung ihrer Patientin abträglich. Langsam nahm sie das mit Kaffee bekleckerte Notizbuch und las die Mitteilung mit der Miene einer Lehrerin, die eine Geheimbotschaft ihrer Schüler abgefangen hat.

Fast die gesamte Stunde über hatte sie geschwiegen und offensichtlich auch jetzt nicht das Bedürfnis, etwas zu sagen, denn sie schüttelte nur den Kopf.

»Was steht da?«, fragte Baxter.

Die Therapeutin ignorierte sie.

»Was steht da?«, fragte Baxter erneut und wandte sich an Sinclair: »Stellen Sie Ihre Frage.«

Sinclair wirkte verunsichert.

»Stellen Sie Ihre Frage«, verlangte Baxter.

»Emily!«, fuhr die Therapeutin sie an. »Kein Wort, Mr. Sinclair.«

»Fragen Sie einfach«, ermunterte Baxter ihn mit raumgreifender Stimme. »Die Station? Sie wollen mich nach der Station fragen.«

»Die Vernehmung ist beendet!«, verkündete Dr. Preston-Hall und erhob sich.

»Fragen Sie!«, fiel Baxter ihr laut ins Wort.

Sinclair beschloss, die Gelegenheit zu ergreifen und sich über die Konsequenzen hinterher Gedanken zu machen:

»Sie haben ausgesagt, dass Sie Special Agent Rouche für tot halten.«

Dr. Preston-Hall riss empört die Hände hoch.

»Das war keine Frage«, sagte Baxter.

»Haben Sie ihn tot gesehen?«

Zum ersten Mal merkte Sinclair, dass Baxter stockte, doch anstatt sich darüber zu freuen, hatte er ein schlechtes Gewissen. Bei der Erinnerung an die U-Bahn-Station wurde ihr Blick glasig.

Als sie flüsternd antwortete, brach ihr die Stimme:

»Ich hätte ihn doch gar nicht erkannt, oder?«

Erneut herrschte angespannte Stille, als den Anwesenden bewusst wurde, wie irritierend dieser schlichte Satz war.

Schließlich platzte Atkins mit einer halbdurchdachten Frage heraus: »Wie kam er Ihnen vor?«

»Wer?«

»Rouche.«

»Inwiefern?«

»In emotionaler Hinsicht.«

»Wann?«

»Als Sie ihn zum letzten Mal gesehen haben.«

Sie dachte kurz über ihre Antwort nach, dann lächelte sie aufrichtig:

»Erleichtert.«

»Erleichtert?«

Baxter nickte.

»Es scheint, als hätten Sie ihn sehr gerngehabt«, fuhr Atkins fort.

»Nicht besonders. Er war intelligent, ein sehr fähiger Kollege … trotz seiner offensichtlichen Macken«, setzte sie hinzu.

Sie beobachtete Sinclairs Reaktion aus ihren großen braunen Augen, die durch das starke Make-up noch betont wurden. Er biss sich auf die Lippen und schaute erneut in den Spiegel, als wollte er denjenigen hinter der Scheibe, der ihm diese Aufgabe zugeschoben hatte, zum Teufel wünschen.

Atkins übernahm jetzt die Vernehmung. Unter seinen Achseln hatten sich dunkle Schweißflecken gebildet. Ohne dass er es gemerkt hatte, waren beide Frauen jeweils einige Zentimeter unauffällig mit ihren Stühlen zurückgerutscht, um dem Geruch halbwegs zu entgehen.

»Sie haben das Haus von Agent Rouche durchsuchen lassen«, sagte er.

»Das ist richtig.«

»Also haben Sie ihm nicht vertraut.«

»Nein.«

»Und auch jetzt fühlen Sie sich ihm gegenüber in keiner Weise zu Loyalität verpflichtet?«

»In keiner Weise.«

»Erinnern Sie sich an das Letzte, das er zu Ihnen gesagt hat?«

Baxter wirkte unruhig: »Sind wir nicht fertig?«

»Fast. Beantworten Sie bitte die Frage.«

Er blieb sitzen, der Stift schwebte über dem Notizbuch.

»Ich möchte jetzt gehen«, sagte Baxter zu ihrer Therapeutin.

»Natürlich«, erwiderte Dr. Preston-Hall scharf.

»Gibt es einen Grund, weshalb Sie diese einfache Frage nicht beantworten können?« Sinclairs Worte durchschnitten den Raum, sie hatten etwas Anklagendes.

»Na schön«, Baxter wirkte wütend. »Ich antworte.« Sie dachte kurz nach, beugte sich dann über den Tisch und fixierte den Amerikaner mit ihrem Blick.

»Es … gibt … keinen … Gott«, sagte sie boshaft grinsend.

Sinclair erhob sich abrupt und ließ dabei seinen Metallstuhl geräuschvoll zu Boden krachen, dann stürmte er aus dem Raum. Atkins schleuderte seinen Stift über den Tisch.

»Toll«, seufzte er müde. »Danke auch für Ihren Einsatz, Detective Chief Inspector. Jetzt sind wir fertig.«

Fünf Wochen zuvor …

KAPITEL 1

Mittwoch, 2. Dezember 20156.56 Uhr

Der zugefrorene Fluss knirschte, als würde er sich unter der funkelnden Metropole im Schlaf umdrehen. Im Eis gefangene und vergessene Schiffe, versanken nach und nach im Schnee. Das Festland war vorübergehend mit der Inselstadt vereint.

Als die Sonne über den überladenen Horizont kroch und die Brücke in orangefarbenes Licht tauchte, fiel ein dunkler Schatten auf das Eis weiter unten: Zwischen einem der imposanten Torbögen hatte sich über Nacht etwas in dem Geflecht aus mit Schnee gepuderten Stahlseilen verfangen.

Verheddert und verdreht, wie eine Fliege nach dem verzweifelten Versuch, sich selbst aus dem Spinnennetz zu befreien, hing der tote Körper von William Fawkes im Gegenlicht der Sonne …

KAPITEL 2

Dienstag, 8. Dezember 201518.39 Uhr

Die Nacht drückte an die Fenster von New Scotland Yard, die Lichter der Stadt verschwammen hinter den beschlagenen Scheiben.

Seit ihrer Ankunft am Morgen hatte Baxter, abgesehen von zwei kurzen Pinkelpausen und einem Gang zur Materialkammer, ihr schrankgroßes Büro in der Abteilung für Mord und Schwerstkriminalität nicht verlassen. Sie starrte den Papierstapel an, der sich bedenklich hoch am Rand ihres Schreibtischs neben dem Papierkorb auftürmte, und musste dabei ihren Impuls unterdrücken, ihm einen kleinen Stups in die richtige Richtung zu geben.

Mit vierunddreißig war sie eine der jüngsten weiblichen Chief Inspectors bei der Metropolitan Police überhaupt, allerdings hatte sie mit dieser rasanten Karriere weder gerechnet noch sich besonders darüber gefreut. Dass eine leitende Position frei geworden und sie auf diese Stelle befördert worden war, lag einzig und allein an dem Ragdoll-Fall und der Festnahme des berüchtigten Serienkillers.

Ihr Vorgänger, Chief Inspector Terrence Simmons, war aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand getreten, wobei allgemein vermutet wurde, dass der Commissioner ihm die Entscheidung mit der Drohung erleichtert hatte, ihn zu feuern, sollte er sich nicht freiwillig aus dem aktiven Dienst verabschieden – eine durchaus übliche Verfahrensweise, um die Öffentlichkeit zu besänftigen: Man opferte Unschuldige.

Baxter schloss sich der Einschätzung ihrer Kollegen an. Sie war entsetzt darüber, ihren Vorgänger als Sündenbock missbraucht zu sehen, letztlich jedoch erleichtert, dass nicht sie selbst hatte dran glauben müssen. Von alleine wäre sie nicht auf die Idee gekommen, sich auf die frei gewordene Stelle zu bewerben, aber der Commissioner hatte ihr gesagt, sie könne den Job haben, wenn sie ihn haben wolle.

Jetzt schaute sie sich in ihrer Spanplattenzelle um, betrachtete den schmutzigen Teppichboden und den verbeulten Aktenschrank (Gott weiß welch wichtige Dokumente für immer in der untersten Schublade, die sich nicht mehr öffnen ließ, begraben lagen), und fragte sich, was zum Teufel sie sich eigentlich dabei gedacht hatte.

Im Hauptbüro wurde gejubelt. Baxter bemerkte es gar nicht, denn inzwischen widmete sie sich einem Beschwerdebrief. Einem gewissen Detective Saunders wurde vorgeworfen, er habe den Sohn des Beschwerdeführenden mit obszönen Begriffen bedacht. Sollte Baxter Zweifel gehabt haben, so höchstens hinsichtlich der Harmlosigkeit des angeblich verwendeten Schimpfworts. Sie begann, eine offizielle Antwort zu formulieren, verlor aber bald die Lust, zerknüllte das Schreiben und warf es Richtung Papierkorb.

Verhalten klopfte es an der Tür, dann kam eine unscheinbare Beamtin hereingehuscht. Sie sammelte Baxters rings um den Papierkorb verstreute Fehlwürfe ein, entsorgte sie und demonstrierte anschließend ihr rekordverdächtiges Jenga-­Talent, indem sie ein weiteres Schreiben oben auf den wackeligen Papierturm legte.

»Tut mir leid, wenn ich störe«, sagte sie, »aber Detective Shaw hält gleich seine Rede. Ich dachte, Sie wollen vielleicht dabei sein.«

Baxter fluchte laut und legte ihren Kopf auf den Schreibtisch.

»Geschenk!«, fiel es ihr mit einem Stöhnen wieder ein.

Die nervöse junge Frau wartete betreten auf weitere Anweisungen. Kurz darauf verließ sie, unsicher, ob Baxter überhaupt noch wach war, leise den Raum.

Baxter erhob sich widerwillig und ging in das Hauptbüro, wo sich eine Gruppe um Detective Sergeant Finlay Shaws Schreibtisch versammelt hatte. Ein zwanzig Jahre altes Plakat, das Finlay irgendwann einmal selbst für einen längst verges­senen Kollegen gekauft hatte, war an der Wand befestigt worden:

»Schade, dass du gehst!«

Neben ihm stapelten sich unappetitliche Donuts aus dem Supermarkt. Die »Reduziert«-Aufkleber auf der Verpackung wiesen darauf hin, dass der Inhalt in weniger als drei Tagen ungenießbar sein würde.

Höfliches Gelächter begleitete die heiser, mit schottischem Akzent vorgetragene Drohung des Detective, Saunders vor seinem Eintritt in den Ruhestand doch noch mal richtig eine reinzuhauen. Jetzt lachten alle, obwohl beim letzten Mal eine Nasen-OP und zwei Disziplinarverfahren die Folge gewesen waren und Baxter stundenlang Formulare hatte ausfüllen müssen.

Sie hasste das: so peinlich, so aufgesetzt, ein so lahmer Abschied nach Jahrzehnten im Dienst, nach so vielen brenzligen Situationen und schrecklichen Erinnerungen, die sich nicht auslöschen ließen. Baxter stand etwas abseits und lächelte ihrem Freund aufmunternd zu. Er war der letzte wahre Verbündete, den sie hier noch hatte, das einzig verbliebene freundliche Gesicht. Jetzt hörte er auf, und sie hatte ihm nicht mal eine Karte gekauft.

In ihrem Büro klingelte das Telefon.

Sie beachtete es nicht, sah zu, wie Finlay kläglich scheiterte, so zu tun, als sei die Flasche Whisky, für die zusammengelegt worden war, seine Lieblingsmarke.

Am liebsten trank er Jameson – genau wie Wolf.

Baxter verlor sich in Gedanken, erinnerte sich daran, wie sie Finlay auf einen Drink eingeladen hatte, als sie sich das letzte Mal nach Feierabend getroffen hatten. Fast ein ganzes Jahr war das her. Er hatte gesagt, er habe es nie bedauert, nicht ehrgeizig zu sein. Er hatte sie gewarnt, dass die Rolle als DCI nicht das Richtige für sie sei und der Job sie langweilen und frustrieren würde. Sie hatte nicht auf ihn gehört. Finlay hatte nicht begriffen, dass sie weniger auf eine Beförderung aus war als auf Ablenkung – Veränderung … ein Entkommen.

Erneut klingelte das Telefon in ihrem Büro, und sie schaute böse zu ihrem Schreibtisch. Finlay las die vielen Varianten von »Schade, dass du gehst« vor, die die Kollegen auf die Gemeinschaftskarte geschrieben hatten. Vorne drauf waren Minions abgebildet, da anscheinend jemand irrtümlich geglaubt hatte, Finlay möge sie.

Baxter sah auf die Uhr, sie wollte zur Abwechslung mal nicht zu spät Feierabend machen.

Finlay legte die Karte schmunzelnd beiseite und begann mit seiner rührenden Abschiedsrede. Er wollte sich so kurz wie möglich fassen, da er nie gerne öffentlich gesprochen hatte.

»Aber mal ganz im Ernst, danke. Ich war schon dabei, als das funkelnagelneue New Scotland Yard eröffnet wurde, die meisten von euch haben da noch in den Windeln gesteckt …«

Er machte eine Pause, hoffte, wenigstens einer würde lachen. Sein Vortrag war schrecklich und er hatte gerade seinen besten Scherz versemmelt. Aber er machte trotzdem weiter, wusste, dass es nur noch bergab gehen konnte.

»Der Laden hier und die Leute waren für mich immer mehr als ein Job, ihr seid so was wie meine zweite Familie.«

Eine Frau in der ersten Reihe fächelte sich Tränen aus den Augen. Finlay versuchte sie anzulächeln und ihr zu signalisieren, dass er ebenso empfand und zumindest eine vage Ahnung davon hatte, wer sie überhaupt war. Er blickte wieder auf, suchte die einzige Person, an die seine Abschiedsrede wirklich gerichtet war.

»Ich hatte das Vergnügen, einige von euch hier reinwachsen zu sehen«, er merkte, das auch seine Augen jetzt brannten, »hab beobachtet, wie aus aufmüpfigen Auszubildenden starke, unabhängige, schöne und tapfere junge Frauen … und Männer wurden«, ergänzte er hastig aus Angst, offenbahrt zu haben, wem seine Rede in Wirklichkeit galt. »Es war mir ein großes Vergnügen, mit euch arbeiten zu dürfen, und ich bin wirklich stolz auf euch … Danke.«

Er räusperte sich und lächelte seine applaudierenden Kollegen an, entdeckte endlich auch Baxter. Sie stand hinter der halbgeschlossenen Tür in ihrem Büro am Schreibtisch und telefonierte wild gestikulierend. Er lächelte erneut, dieses Mal traurig, als sich die Menge auflöste und er seine Sachen alleine packte, um die Räumlichkeiten für immer zu verlassen.

Erinnerungen holten ihn ein, während er die Fotos einpackte, die seit Jahren an seinem Arbeitsplatz gestanden hatten – vor allem ein zerknittertes und vergilbtes Bild nahm seine Gedanken gefangen:

Weihnachtsfeier im Büro. Finlay mit Papierkrone auf dem spärlichen Haar, sehr zur Belustigung seines Freundes Benjamin Chambers, der einen Arm um Baxter gelegt hatte. Wahrscheinlich handelte es sich um das einzige Foto überhaupt, auf dem sie tatsächlich lächelte. Und ebenfalls mit dabei, kläglich gescheitert bei dem Versuch, Finlay hochzuheben, Will … Wolf. Sorgfältig verstaute er das Bild in seiner Jackentasche und packte seine restlichen Sachen ein.

Auf dem Weg nach draußen zögerte Finlay. Er hatte es nicht richtig gefunden, den vergessenen Brief, den er ganz hinten in seiner Schreibtischschublade entdeckt hatte, mitzunehmen. Er überlegte, ob er ihn liegenlassen oder zerreißen sollte, schließlich legte er ihn doch in die Kiste zu den anderen Sachen und ging zu den Aufzügen.

Vermutlich war er ein weiteres Geheimnis, das er würde hüten müssen.

***

Um 19.49 Uhr saß Baxter immer noch an ihrem Schreibtisch. Sie hatte alle zwanzig Minuten eine SMS geschickt, sich für ihre Verspätung entschuldigt und versprochen, so schnell wie möglich Schluss zu machen. Commander Vanita war nicht nur schuld daran, dass sie Finlays Abschiedsrede verpasst hatte, jetzt sabotierte sie auch noch ihre erste echte Abendverabredung seit Monaten. Vanita hatte darauf bestanden, dass Baxter bis zu ihrem Eintreffen bliebe.

Die beiden Kolleginnen hatten nicht viel füreinander übrig. Vanita, das medientaugliche Aushängeschild der Metropolitan Police, hatte sich offen gegen Baxters Beförderung ausgesprochen. Sie hatten bei den Ragdoll-Morden zusammengearbeitet, und Vanita hatte dem Commissioner hinterher erklärt, Baxter sei streitsüchtig, rechthaberisch und habe ein Autoritätsproblem. Ganz zu schweigen davon, dass sie sie immer noch für den Tod eines der Opfer verantwortlich machte. Baxter hielt Vanita im Gegenzug für eine PR-versessene Schlange, die schon beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten nicht gezögert hatte, Simmons als Sündenbock hinzustellen.

Zu allem Überfluss erhielt Baxter jetzt auch noch eine automatische E-Mail aus dem Archiv, die sie zum x-ten Male daran erinnerte, dass Wolf noch immer mehrere Akten zurückzugeben habe. Sie überflog die lange Liste, dachte wieder an ein paar der Fälle.

Bennett, Sarah: die Frau, die ihren Ehemann im Swimmingpool ertränkt hatte. Baxter war ziemlich sicher, dass ihr die Akte im Besprechungsraum hinter den Heizkörper gerutscht war.

Duboid, Leo: Was zunächst nach einer schlichten Messerstecherei ausgesehen hatte, hatte sich allmählich als einer der kompliziertesten, mehrere Abteilungen betreffenden Fälle der vergangenen Jahre entpuppt – Drogenschmuggel, illegaler Waffen- und Menschenhandel.

Wolf und sie hatten viel Spaß damit gehabt.

Sie bemerkte Vanita, die mit zwei anderen Personen im Schlepptau das Hauptbüro betrat, was ihre Hoffnung, vor 20 Uhr gehen zu können, augenblicklich schmälerte. Sie machte sich nicht die Mühe aufzustehen, als Vanita bei ihr hereinspazierte und sie so routiniert freundlich begrüßte, dass sie es ihr beinahe abgekauft hätte.

»DCI Emily Baxter, Special Agent Elliot Curtis vom FBI«, stellte Vanita vor und warf ihr dunkles Haar in den Nacken.

»Ist mir eine Ehre, Ma’am«, sagte die große schwarze Frau und streckte Baxter eine Hand entgegen. Sie trug einen maskulinen Anzug, hatte die Haare so streng zurückgebunden, dass man dachte, sie hätte sich den Schädel rasiert, und war nur minimal geschminkt. Obwohl sie wie Anfang dreißig aussah, vermutete Baxter, dass sie jünger war.

Ohne sich von ihrem Stuhl zu erheben, gab sie Curtis die Hand, während Vanita ihr den anderen Gast vorstellte, der sich scheinbar sehr viel mehr für den verbeulten Aktenschrank interessierte als für die Person, deren Bekanntschaft er machen sollte.

»Und das ist Special Agent …«

»Wie special kann so ein Agent sein, frage ich mich«, fiel Baxter ihr ins Wort, »wenn jetzt schon zwei hier stehen?«

Vanita überging die Bemerkung:

»Wie gesagt … Special Agent Damien Rouche von der CIA.«

»Rooze?«, fragte Baxter.

»Rouch?«, versuchte Vanita es noch einmal, war jetzt aber selbst unsicher geworden.

»Ich denke, es heißt Rouche, wie ›whoosh‹«, fügte Curtis hinzu und wandte sich hilfesuchend an den Betreffenden.

Baxter machte ein verdutztes Gesicht, als der zerstreut wirkende Mann sie höflich lächelnd mit einem Fistbump begrüßte und sich anschließend wortlos auf einen Stuhl pflanzte. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Er war glattrasiert, seine Haut teigig und die Tolle im graumelierten Haar fast schon herausgewachsen. Grinsend warf er einen Blick auf den schiefen Papierturm zwischen ihnen und dann auf den erwartungsfroh darunter harrenden Papierkorb. Die beiden obersten Knöpfe seines weißen Hemdes waren offen, dazu trug er einen abgenutzten, aber gut sitzenden marineblauen Anzug.

Baxter wandte sich an Vanita und wartete.

»Curtis und Rouche sind heute Abend aus den Staaten eingetroffen«, sagte Vanita.

»Alles klar«, erwiderte Baxter geduldiger als beabsichtigt. »Ich hab’s heute Abend allerdings ein bisschen eilig, also …«

»Darf ich, Commander?«, fragte Curtis Vanita höflich, dann wandte sie sich an Baxter. »Chief Inspector, Sie haben natürlich von dem Toten gehört, der vor knapp einer Woche gefunden wurde. Also …«

Baxter zuckte ahnungslos mit den Schultern, noch bevor Curtis richtig losgelegt hatte.

»New York … Brooklyn Bridge?«, fragte Curtis erstaunt. »Hing an den Metallstreben? Der Fall war weltweit in den Nachrichten.«

Baxter musste ein Gähnen unterdrücken.

Rouche kramte in seiner Jackentasche. Curtis erwartete, dass er etwas hervorzog, das ihnen weiterhalf, stattdessen riss er eine Familienpackung Jelly Babies auf. Als er ihren wütenden Gesichtsausdruck sah, bot er ihr welche an.

Curtis beachtete ihn nicht weiter, öffnete ihre Tasche und zog eine Akte hervor. Sie entnahm einige vergrößerte Fotos, die sie vor Baxter auf den Schreibtisch legte.

Plötzlich dämmerte ihr, weshalb die beiden sich auf den weiten Weg gemacht hatten, um mit ihr zu sprechen. Das erste Foto war unten von der Straße aus aufgenommen worden. Vor den Lichtern der Stadt zeichnete sich die Silhouette eines Körpers ab, der dreißig Meter weit oben an den Stahlseilen hing. Die Gliedmaßen waren zu einer unnatürlichen Pose verzerrt.

»Wir haben es noch nicht öffentlich gemacht, aber der Name des Opfers ist … William Fawkes.«

Einen Augenblick lang verschlug es Baxter den Atem. Sie hatte sich sowieso schon ganz elend gefühlt, weil sie nichts gegessen hatte, aber jetzt fürchtete sie, ohnmächtig zu werden. Ihre Hand zitterte, als sie die Umrisse der verzerrten Gestalt berührte. Sie spürte die Blicke der anderen, die sie beobachteten und möglicherweise erneut Zweifel hegten an Baxters ungenauer Darstellung der dramatischen Ereignisse am Ende der Ermittlungen zu den Ragdoll-Morden.

Curtis fuhr mit neugieriger Miene fort.

»Aber nicht der William Fawkes«, sagte sie langsam und zog das oberste Foto vom Stapel. Das Bild eines nackten, übergewichtigen und ihr nicht bekannten Opfers in Großaufnahme war zu sehen.

Baxter hielt sich die Hand vor den Mund, sie war noch zu erschüttert, um etwas zu erwidern.

»Er hat für P. J. Henderson gearbeitet, die Investment Bank, verheiratet, zwei Kinder … anscheinend will uns jemand damit etwas sagen.«

Baxter hatte die Fassung so weit wiedererlangt, dass sie die verbliebenen Fotos durchschauen konnte, auf denen der Tote aus allen möglichen Blickwinkeln zu sehen war. Ein Körper, keine Nähte. Ein nackter Mann Mitte fünfzig. Der linke Arm baumelte herab, das Wort »Köder« war mit tiefen Schnitten in die Brust geritzt. Schließlich gab sie die Fotos Curtis zurück.

»Köder?«, fragte sie und sah von einem Agenten zum anderen.

»Vielleicht verstehen Sie jetzt, dass wir Sie informieren wollten«, sagte Curtis.

»Nicht wirklich«, erwiderte Baxter, die schon fast wieder sie selbst war.

Fassungslos wandte sich Curtis an Vanita:

»Ich hätte eigentlich erwartet, dass Ihre Abteilung, mehr als jede andere, bemüht sein würde …«

»Wissen Sie, mit wie vielen Nachahmungstätern wir es im vergangenen Jahr nach den Ragdoll-Morden in Großbritannien zu tun hatten?«, unterbrach Baxter sie. »Sieben … von denen ich weiß, dabei gebe ich mir wirklich Mühe, möglichst nichts davon mitzubekommen.«

»Und beunruhigt Sie das nicht?«, fragte Curtis.

Baxter sah nicht ein, weshalb ihr diese spezielle Gräueltat größeres Kopfzerbrechen bereiten sollte als die fünf anderen, die sie allein an jenem Vormittag auf den Tisch bekommen hatte.

Sie zuckte mit den Schultern: »Freaks sind Freaks.«

Rouche hätte sich beinahe an einem Jelly Baby mit Orangengeschmack verschluckt.

»Hören Sie, Lethaniel Masse war ein hochintelligenter, einfallsreicher und sehr umtriebiger Serienkiller. Die anderen sind kranke Typen, die Tote verunstalten, bevor sie festgenommen werden.«

Baxter fuhr ihren Computer herunter und packte ihre Tasche, um zu gehen:

»Vor sechs Wochen habe ich einer ein Meter großen Ragdoll Smarties geschenkt, als sie an Halloween vor meiner Haustür stand. Irgend so ein Lackaffe mit Baskenmütze hatte die Idee, ein paar tote Tiere zusammenzuflicken. Das Ding steht jetzt in der Tate Modern und wird täglich von unzähligen Besuchern bewundert und zwar von Lackaffen mit Baskenmütze.«

Rouche lachte.

»Irgendein krankes Arschloch hat sogar eine Fernsehsendung draus gemacht. Die Ragdoll ist Allgemeingut, sie ist überall, und wir müssen lernen, damit zu leben«, schloss sie.

Sie wandte sich an Rouche, der in seine Tüte Jelly Babies stierte.

»Spricht der nicht?«, fragte Baxter Curtis.

»Er hört lieber zu«, erwiderte diese leicht verbittert, als hätte sie nach nur einer Woche der Zusammenarbeit bereits die Nase voll von ihrem exzentrischen Kollegen.

Baxter sah wieder Rouche an.

»Wurden die verändert?«, murmelte er schließlich, den Mund voller Farben, weil ihm bewusst wurde, dass alle drei Frauen auf seinen Gesprächsbeitrag warteten.

Baxter stellte erstaunt fest, dass der CIA-Agent mit makellosem englischem Akzent sprach.

»Wie was verändert?«, fragte sie und hörte genau hin, falls er so gesprochen hatte, um sie zu verarschen.

»Jelly Babies«, sagte er und pulte sich etwas aus den Zähnen. »Die schmecken nicht mehr wie früher.«

Curtis fuhr sich verlegen und frustriert über die Stirn. Baxter hob die Hände und sah Vanita ungeduldig an.

»Ich muss noch wohin«, sagte sie freiheraus.

»Wir haben Anlass zu der Vermutung, dass es sich nicht um einen harmlosen Nachahmungstäter handelt, Chief Inspector«, beharrte Curtis und zeigte auf die Fotos, um das Gespräch wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.

»Da haben Sie recht«, sagte Baxter. »Nicht mal das. Es wurde nichts zusammengeflickt.«

»Es gab aber noch einen zweiten Mord«, blaffte Curtis, um dann wieder in ihren professionellen Tonfall zurückzufallen. »Vor zwei Tagen. Der Tatort war … günstig insofern, als wir verhindern konnten, dass Informationen an die Medien gelangen, zumindest vorläufig. Realistisch betrachtet gehen wir aber nicht davon aus, dass wir in der Lage sind, der Welt einen Fall dieser …« Sie sah Rouche hilfesuchend an.

Nichts.

»… dieser Art länger als einen weiteren Tag vorzuenthalten.«

»Der Welt?«, fragte Baxter skeptisch.

»Wir haben eine kleine Bitte an Sie«, sagte Curtis.

»Und eine große auch«, ergänzte Rouche, der mit leerem Mund noch akzentfreier sprach.

Baxter bedachte Rouche mit einem Stirnrunzeln, Curtis ebenso. Dann sah Vanita Baxter warnend an, bevor diese dazu kam, etwas darauf zu erwidern. Rouche, schon um der Ausgewogenheit willen, sah Vanita warnend an, und Curtis wandte sich erneut an Baxter:

»Wir möchten Lethaniel Masse vernehmen.«

»Deshalb wurden sowohl FBI wie auch CIA eingeschaltet?«, fragte Baxter. »Amerikanischer Mord – britischer Verdächtiger. Na schön, tun Sie, was Sie nicht lassen können«, erwiderte sie schulterzuckend.

»Natürlich in Ihrer Anwesenheit.«

»Ganz bestimmt nicht. Aus welchem Grund sollten Sie mich dort brauchen? Sie können auch alleine Fragen von einer Karte ablesen … ich glaube fest an Sie.«

Der sarkastische Unterton entlockte Rouche ein Grinsen.

»Natürlich werden wir Ihnen, sofern es in unserer Macht steht, sehr gerne behilflich sein, nicht wahr, Chief Inspector?«, sagte Vanita, die Augen vor Wut weit aufgerissen. »Die freundschaftlichen Beziehungen sowohl zum FBI wie auch zur CIA sind uns sehr wichtig und …«

»Herrgott!«, platzte es aus Baxter heraus. »Na schön. Ich komme mit und halte Händchen. Und wie lautet jetzt die kleine Bitte?«

Rouche und Curtis sahen einander an, und selbst Vanita trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, bevor jemand es wagte, erneut das Wort zu ergreifen.

»Das war … die kleine Bitte«, sagte Curtis schließlich leise.

Baxter sah aus, als wollte sie jeden Moment explodieren.

»Wir wollen mit Ihnen den Tatort sondieren«, fuhr Curtis fort.

»Fotos?«, fragte Baxter heiser.

Rouche schob seine Unterlippe vor und schüttelte den Kopf.

»Ich habe Ihre vorübergehende Versetzung nach New York bereits vom Commissioner genehmigen lassen und werde Sie persönlich während Ihrer Abwesenheit vertreten«, teilte Vanita ihr mit.

»Da haben Sie sich aber ganz schön was vorgenommen«, erwiderte Baxter schnippisch.

»Ich komme schon klar … irgendwie«, für einen kurzen, seltenen Moment gewährte Vanita einen Blick hinter ihre professionelle Fassade.

»Das ist lächerlich! Was zum Teufel glauben Sie eigentlich, was ich auf der anderen Seite der Welt zu einem Fall beitragen kann, der in keinerlei Zusammenhang zu meiner sonstigen Arbeit steht?«

»Gar nichts«, erwiderte Rouche ehrlich und entwaffnend. »Das ist absolute Verschwendung unser aller Zeit … unserer Zeit … äh, unser aller Zeiten?«

Curtis übernahm wieder:

»Ich denke, mein Kollege wollte sagen, dass die amerikanische Öffentlichkeit diesen Fall anders sieht als wir. Dort wird man an die Ragdoll-Morde hier denken, die Ähnlichkeit mit den Morden bei uns erkennen und verlangen, dass die Person, die den Ragdoll-Killer überführt hat, sich auch dieses Mal wieder auf die Jagd nach den neuen Monstern macht.«

»Dem Monster … wieso Monstern?«, fragte Baxter.

Diesmal runzelte Rouche die Stirn. Die Kollegin hatte mehr verraten, als zu diesem frühen Zeitpunkt verabredet gewesen war. Der darauffolgenden Stille entnahm Baxter, dass Curtis sich wieder im Griff hatte.

»Dann geht es also nur um PR?«, fragte Baxter.

»Mag sein«, sagte Rouche grinsend, »aber ist das nicht bei allem so, was wir tun, Chief Inspector?«

KAPITEL 3

Dienstag, 8. Dezember 201520.53 Uhr

»Hallo? Tut mir leid, ich bin viel zu spät«, rief Baxter aus dem Flur, trat ihre Stiefel in die Ecke und ging ins Wohnzimmer. Die Küchentür war geöffnet, und zusammen mit der kalten Luft drang eine Vielzahl köstlicher Düfte in den Raum. Aus dem iPod-Lautsprecher in der Ecke dudelte die belanglose Musik des Singer-Songwriters, der in dieser Woche bei Starbucks beworben wurde.

Der Tisch war für vier Personen gedeckt, die flackernden Teelichter tauchten den Raum in orangefarbenes Licht, das Alex Edmunds’ schwer zu bändigende rote Haare noch intensiver leuchten ließ. Ihr schlaksiger ehemaliger Kollege stand verlegen da, eine leere Bierflasche in der Hand.

Obwohl Baxter selbst recht groß war, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihn zu umarmen.

»Wo ist Tia?«, fragte sie ihren Freund.

»Telefoniert mit dem Babysitter … schon wieder«, erwiderte er.

»Em? Bist du das?«, rief eine Stimme aus der Küche.

Baxter schwieg. Sie war viel zu erledigt, um sich für Hilfsdienste in der Küche rekrutieren zu lassen.

»Ich hab Wein hier!«, ergänzte die Stimme gutgelaunt.

Das lockte sie dann doch in die Vorzeigeküche, in der mehrere hochwertige Pfannen und Töpfe bei gedämpftem Licht vor sich hin blubberten. Ein Mann in elegantem Hemd mit langer Schürze wachte über alles, rührte gelegentlich um oder drehte die Temperatur höher. Sie ging zu ihm und drückte ihm ein Küsschen auf die Lippen.

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