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Eines der rätselhaftesten Gedichte Heinrich Heines ist "Der Asra": ... Und der Sklave sprach: "Ich heiße Mohamet, ich bin aus Jemen, Und mein Stamm sind jene Asra, Welche sterben, wenn sie lieben." Welche sterben, wenn sie lieben? Verständlich wird das nur durch das Leben des Autors. "Tag und Nacht beschäftige ich mich mit meinem großen Buch, dem Roman meines Lebens", schreibt er, "und erst jetzt fühle ich den ganzen Wert dessen, was ich durch den Brand im Haus meiner Mutter an Papieren verloren habe." Der vorliegende Roman ist daher nicht geschichtstreu. Eine geschichtstreue Biografie könnte, da wir zu wenig von ihm wissen, nicht bis in die hintersten Behausungen seines Blutes dringen. Der Mensch lebt nicht nur in der Realität, und ein Dichter schon gar nicht. Der Mensch lebt auch in der Phantasie, und Heines Phantasie ist eminent erotisch. Da die Phantasien immer ausgespart bleiben, gibt es noch keine echten Biografien. Es werden daher erzählerische Lücken überall dort, wo sie auftreten, damit gefüllt, wie es gewesen sein könnte. "Mein wichtigstes Werk sind meine Memoiren, die aber doch nicht so bald erscheinen werden; am liebsten wäre es mir, wenn sie erst nach meinem Tod gedruckt würden!" Sie offenbaren, was hinter den Kulissen vorging, während seine Dichtungen und Werke nur wie die Schauspieler sind, die auf offener Bühne agieren. "Ich arbeite seit Jahren daran. Das Buch wird drei Bände haben, mindestens drei Bände. Keiner fühlt mehr als ich, wie mühsam es ist, etwas Literarisches zu geben, das noch nicht da war, und wie ungenügend es jedem tieferen Geiste sein muss, bloß zum Gefallen des müßigen Haufens zu schreiben. Wenige haben den Mut, alles zu sagen." An diesem Mut soll es hier nicht fehlen!
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Und der Sklave sprach: „Ich heiße
Mohamet, ich bin aus Jemen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.“
Der Asra
Fasziniert ist er nicht minder von den exotischen Erotica seines Onkels Simon aus der Arche Noä. Madame! ich habe Sie belogen. Ich bin nicht der Graf vom Ganges. Niemals im Leben sah ich den heiligen Strom, niemals die Lotosblumen, sich in seinen frommen Wellen bespiegeln. Niemals lag ich träumend unter indischen Palmen, niemals lag ich betend vor dem Diamantengott zu Jagernaut, durch den mir doch leicht geholfen wäre.
Er sei ebensowenig jemals in Kalkutta gewesen wie der Kalkuttenbraten, den er gestern Mittag gegessen. Aber er stamme aus Hindostan, und daher fühle er sich so wohl in den breiten Sangeswäldern Valmikis, die Heldenleiden des göttlichen Ramo bewegen sein Herz wie ein bekanntes Weh, aus den Blumenliedern Kalidasas blühn ihm hervor die süßesten Erinnerungen, und als ihm einmal eine gütige Dame in Berlin die hübschen Bilder zeigt, die ihr Vater, der lange Zeit Gouverneur in Indien war, von dort mitgebracht, scheinen ihm die zartgemalten, heilig-stillen Gesichter so wohlbekannt, und es ist ihm, als beschaute er seine eigene Familiengalerie.
Franz Bopp – Madame, Sie haben gewiss seinen Nalus und sein Konjugationssystem des Sanskrit gelesen – gab mir manche Auskunft über meine Ahnherren, und ich weiß jetzt genau, dass ich aus dem Haupte Brahmas entsprossen bin, und nicht aus seinen Hühneraugen. Er vermute sogar, dass der ganze Mahabharata mit seinen 200.000 Versen bloß ein allegorischer Liebesbrief ist, den sein Urahnherr an seine Urältermutter geschrieben – Oh! sie liebten sich sehr, ihre Seelen küssten sich, sie küssten sich mit den Augen, sie waren beide nur ein einziger Kuss –
Alle Moral scheint ihm relativ: Ja, die Kunstwerke, die in dem einen Land moralisch, würden in einem anderen Land, wo eine andere Religion in die Sitten übergegangen, als unmoralisch betrachtet werden können, z. B. unsere bildenden Künste erregen den Abscheu eines strenggläubigen Moslem, dagegen sind manche Künste, die in den Haremen des Morgenlands für höchst unschuldig gelten, dem Christen ein Greuel. Da in Indien der Stand einer Bajadere durchaus nicht durch die Sitte fletriert ist, so gilt dort das Drama Vasantasena, dessen Heldin ein feiles Freudenmädchen, durchaus nicht für unmoralisch; wagte man es aber einmal im Theater Français aufzuführen, würde das ganze Parterre über Immoralität schreien, dasselbe Parterre, welches täglich mit Vergnügen die Intrigenstücke betrachtet, deren Heldinnen junge Witwen sind, die am Ende lustig heiraten, statt sich, wie die indische Moral es verlangt, mit ihren verstorbenen Gatten zu verbrennen.
Daher die indisch-subkontinentalen Elemente seiner Lyrik. Mein Geist schweift an den Ufern des Ganges und sucht die zartesten und lieblichsten Blumen, um sie damit zu vergleichen. Aber was sind gegen diese Holden alle Reize der Mallika, der Kuwalaya, der Oschadhi, der Nagakesarblüten, der heiligen Lotosblumen, und wie sie alle heißen mögen – Kamalata, Pedma, Kamala, Tamala, Sirischa usw.!
Da sieht man zum Beispiel, hingelagert auf einer breiten gepolsterten Unterlage, einen Maharadscha mit seiner Maharani, oder auch einer botmäßigen Bajadere in ihrem Serail, die gerade im Zentrum des Bildes ihre Yoni von seinen erlauchten Lingam durchpflügen lässt. Die mit Liebe gezeichnete Odaliske, der nur ein roter Schleier den Rücken herab wallt, sitzt rücklings gegen ein üppiges Poster gelehnt und hat die schönen Beine so weit auseinander, dass ihre Oberschenkel fast im rechten Winkel von ihren Hüften abstehen und ihre subtropische Scham sich dem Betrachter üppig entgegenwölbt.
Weitere Einblicke sind dem Betrachter verwehrt, denn vor ihr hält schon der grüngewandete, beturbante Maharadscha den Platz besetzt. Er sitzt, sein grünes Gewand vom Unterleib zurückgeschlagen, so vor ihr in der Hocke, dass seine Fersen sein Hinterteil stützen. Aus seinem Schritt aber ragt, über kräftig gebildeten Hoden, sein steifer Lingam vor, der zur Hälfte in ihre Yoni schlüpft und dem voyeuristischen Betrachter keinen Spalt Freiraum mehr lässt. Dabei liebkost er mit der einen Hand ihre wie kugelförmig aufgeklebt erscheinenden Brüste, während die andere lüstern nach ihrer Schulter grabscht. Sie hält derweil in der Rechten ein Flakon, mit der Linken kredenzt sie ihm ein Glas mit einem exotischen Drink. Die beiden schwelgen sozusagen in allen Dimensionen exotischer Sinnlichkeit. Dabei sehen sie sich, mit tête-à-tête einander zugewandten Gesichtern so zutraulich und verständnisinnig an, als wollten sie sich die Nuancen ihrer Lust von den Zügen ablesen. Harry erlebt einen Orgasmus à la indisches Serail.
Ein anderes Motiv zeigt den Fürsten samt Fürstin, reich mit Juwelen bestückt, auf einer nächtlichen Terrasse unter sternenübersätem indischen Himmel. Diesmal liegt die Bajadere, den Hinterkopf gegen ein Polster gelehnt, mit auseinandergespreizten Schenkeln auf dem Polster, und zwischen ihren, wieder bequem auf seinen Fersen wippend, der glückliche Magnat, mit gespanntem Glied und Eichel voran ihre Yoni enternd oder eben daraus zurückkehrend. Dabei hat die bekleidete Schöne ihren Sari nur vom Unterbauch an, kurz über dem Nabel, so auseinander geschlagen, dass Ali Baba sein Sesam-öffne-dich findet. Sogar ihre übertrieben aufgeplusterten Brüste sind zur oberen Hälfte noch mit farbiger Seide bedeckt, wie wenn sie so plötzlich bedrängt worden wäre, dass sie zum Ablegen keine Zeit mehr fand. Es sei denn, die Inder begatten sich vorzugsweise in Kleidern. Harry spielt die Open-air-Orgie mit und bekleckert eine südostasiatische Terrasse.
Er lernt die Erzählung der reizenden Sita kennen, die die Köpfe ihrer beiden Gatten Schridaman und Nanda vertauscht, aus der als Vet?lapañcavi?śatik? bekannten Sammlung von 25 Geschichten eines Leichengespenstes, die in der Sammlung Kath?sarits?gara „Ozean der Erzählströme“ überliefert ist. Abgebildet sind da die Skulpturen von den berühmten Tempelfriesen von Konarak und Khajuraho, welche die Gläubigen beim rituellen Koitus zeigen. Sie koitieren in allen möglichen Stellungen des Kamasutra, von Harry in Verse gebracht und nachgestellt:
SITA. … wo sich die Liebenden in rauen Scharen
an den Reliefs und Sandsteinfresken paaren
und sich, obschon aus hartem Stein getrieben,
aufs zärtlichste und anschmiegsamste lieben.
SCHRIDAMAN. Hast du von Tempelbildnissen dein Wissen,
bis du im Bilde nicht nur übers Küssen:
es fehlt nichts mehr, die Liebe zu verstehn,
hat man sie in der Tempelkunst gesehn –
wo es, da jeder tut, was ihm beliebt,
es kein Tabu mehr in der Liebe gibt.
SITA. Gepaart zu Paaren – wie gruppiert – allein –,
liebt es sich in erotisiertem Stein.
Körper verdrillen sich zu Arabesken
in Liebeslust an Indiens Tempelfresken:
wie wilde Schlangennester und Mäander
verknäueln sich die Leiber ineinander.
SCHRIDAMAN. Man sieht sie dort in allen Stellungen
wie in Vatsyayanas Erzählungen.
SITA. Das Weib sitzt manchmal auf des Mannes Knie,
reitet auf ihm, und sitzend nimmt er sie;
sie tun es stehend, bis an seine Brust
das Knie gewinkelt, büßt sie ihre Lust.
Die Bajaderen treiben es gar bunt,
nehmen die Lingams sogar in den Mund –
wie, umgekehrt, Gandharven an der Frauen
Geschlechter saugen, ist dort anzuschauen.
SCHRIDAMAN. In Khajuraho sah ich einst ein Bild
des Vishvanatha-Tempels – vogelwild:
Zwei Frauen halten eine dritte schwebend,
dieweil der Yogi, mittlings an ihr klebend,
die Stirn im Kopfstand auf den Grund erniedrigt,
die Karyatiden mit der Hand befriedigt.
Selbst spürte ich an solchen Tempelgiebeln,
wo sie so offen miteinander liebeln,
im eignen Schritt ein unheiliges Kribbeln.
SITA. Ich wollte mich in den lasziven Nischen
schon selbst unter die nackten Steine mischen.
Vor allem Schivas Bild ist hocherregend,
das in Konarak, ganz getreu der Fabel
vier starke Glieder aus den Schultern reckend –
das fünfte senkrecht stehend bis zum Nabel.
Fehlte nicht viel, und ich ergab dem Gotte
mich selber gleich in seiner dunklen Grotte.
SCHRIDAMAN. Ich würde, kann ich mich an dir berauschen,
mein Liebesglück mit keinem Gotte tauschen!
So eine Frau müsste man haben!
Je größer aber seine Lust an den bloßen Kopien, desto größer ist seine Sehnsucht nach dem weiblichen Original. Was kann ein Erdensohn mehr verlangen von einem Weibe?Ist ein solches nicht ein wandelndes Paradies? Er aber muss sich, wie die Weiber im Koran, mit dem bloßen Anblick des Paradieses begnügen. So bleibt als bitterer Bodensatz seiner Lust die Verlustangst und Sehnsucht zurück: Ist schon die Befriedigung durch die Truggebilde der Phantasie so tief, – wie vollkommen wäre sie erst in den Armen eines lebendigen Weibes aus Fleisch und Blut! Bringt ihn bereits das Phantom eines Liebesobjekts in solche Verzückung, – welche Ekstasen hielte dann erst die reale Liebe für ihn bereit? Müsste es ihm da nicht in schier markverzehrender Ekstase das Elixir der Lust aus den Eingeweiden saugen?
Kann der fleischliche weibliche Schoß in der Phantasie doch gar nicht wirksam werden! Die Welt der Bilder ist ja bloß eine Phantasmagorie, eine Fatamorgana, nur das Ding als Erscheinung anstelle des Dings-an-sich, wobei man mit dem Weib in gar keine faktische Berührung kommt. Ist aber schon die Lust in effigie so tief und erschöpfend, laugt ihn schon die bloße Einbildung so aus, – wie unermesslich dann erst die reale Lust im Fleische!
Wie soll er ahnen, dass es in Wahrheit vielleicht gerade umgekehrt ist und er die Lust, die er aus bloßer Vorstellung kennt, im wirklichen Akt der Geschlechter womöglich nicht wiederfindet?
Je intensiver er sich den ipsistischen Orgien ergibt, desto größer ist seine Sehnsucht nach dem Eigentlichen: nach einer wirklichen Frau. Ich war immer der Meinung, dass man in der Liebe besitzen müsste, bekennt er; gemeint ist: körperlich besitzen. Indem diese Sehnsucht unerfüllt bleibt, wächst das Gefühl des Verlustes der Sinnenlust, die, wie er glaubt, ihm dadurch entgeht. Verfehlte Liebe, verfehltes Leben: Da der Sex mit zur Liebe gehört, verfehlt er mit der verfehlten Liebe den Sex, und mit dem verfehlten Sex das Leben. Und wie groß muss dieses Gefühl existenziellen Defizites bei einem wie dem jungen Heine sein, der ganz aus seiner überbordenden Sinnlichkeit heraus lebt! Wann wird er jemals diese Verlustangst los? So begleitet ihn Agostino Carraccis freizügiger Zyklus neben den anderen erotischen Motiven aus der Arche Noä, von denen er sich nicht trennen kann, viele Jahre. Wir vertagen aber die Beschreibung der Nummern elf bis zwanzig auf später.
Einmal betrifft ihn Ohm Simon bei der Betrachtung der Stiche. Ob ihm die schmuddeligen Sachen gefallen? will er wissen. Simon de Geldern, der Bruder der Mutter, ist ein Sonderling von unscheinbarem, gar närrischem Äußern. Nach weltlichen Begriffen ist sein Leben ein verfehltes. Von rastlosem Fleiße, frönt er all seinen gelehrten Liebhabereien und Schnurrpfeifereien, seiner Bibliomanie und besonders seiner Wut des Schriftstellerns, die er besonders in politischen Tagesblättern und obskuren Zeitschriften auslässt. Nebenbei gesagt, kostet ihn nicht bloß das Schreiben, sondern auch das Denken die größte Anstrengung. Simon schreibt einen alten steifen Kanzleistil, wie er in den Jesuitenschulen, wo Latein die Hauptsache, gelehrt wird, und kann sich nicht leicht befreunden mit der Ausdrucksweise des Neffen, die ihm zu leicht, zu spielend, zu irreverenziös vorkommt. Aber sein Eifer, womit er ihm die Hilfsmittel des geistigen Fortschritts zuweist, ist für jenen von größtem Nutzen. Er beschenkt den Knaben mit den schönsten, kostbarsten Werken; er stellt ihm seine eigene Bibliothek zur Verfügung, so reich an klassischen Büchern und wichtigen Tagesbroschüren, und er erlaubt ihm sogar, auf dem Söller der Arche Noä in den Kisten herumzukramen, worin sich die alten Bücher und Skripturen des seligen Großvaters befinden. – Harry verwahrt sich gegen das Wort ,schmuddelig'.
Seine Replik fällt ihm um so leichter, als er sich schon oft Gedanken darüber gemacht und sie sich sprachlich zurechtgelegt hat: Es gibt in der Kunst nichts ,Schmuddeliges'. Schon als Verkleinerungsform von ,schmutzig' – so dass das mit dem ,Schmutz' nicht recht ernst gemeint ist – beweise das niederländische Wort, dass es in der Kunst nichts ,Schmutziges' gibt. Er könne sich noch viel explizitere Darstellungen von Sex vorstellen, die man dennoch nicht als ,Schmutz' verunglimpfen dürfte. Alles Natürliche ist wertfrei. Es gibt nur gute und schlechte Kunst.
Soviel er sehe, sei unter den scheinbar anstößigen Bildern nicht eines, das man nicht auch einem Kind zeigen dürfe; sie seien ganz harmlos; wie er auch das Satirikon des Petron und Goethes römische Elegien den Schülern zeigen würde, wenn er diese Meisterwerke geschrieben hätte. Wie letztere, seien die angefochtenen Motive aber kein Futter für die rohe Menge. Nur vornehme Geister, denen die künstlerische Behandlung eines frevelhaften und allzu natürlichen Stoffes ein geistreiches Vergnügen gewährt, können an diesen Stichen Gefallen finden. Ein eigentliches Urteil könnten nur wenige Deutsche darüber aussprechen, da ihnen der Stoff selbst, die abnormen Amouren in einem Welttollhaus unbekannt sind. Nicht die Moralbedürfnisse irgend eines verheirateten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autonomie der Kunst komme hier in Frage. Sein Wahlspruch bleibe: Kunst ist der Zweck der Kunst, wie Liebe der Zweck der Liebe sei, und gar das Leben selbst der einzige Zweck des Lebens; denn, wie Sie wissen, ich bin für die Autonomie der Kunst; weder der Religion noch der Politik soll sie als Magd dienen, sie ist sich selber letzter Zweck, wie die Welt selbst.
Apropos die eigentliche satirische Intention des Petronius: die sei bis heute von Rätseln umgeben. Von manchen wird das Satyricon für ein „vollkommen amoralisches Sittenbild“ gehalten. Andere könnten die für eine Satire typische Ermahnung nicht erkennen. Auch wurde das Satyricon aufgrund der teils recht eindeutigen Szenen und seiner sexualisierten Symbolik oft als Pornografie oder Päderastie missverstanden. Übergreifendes Thema sei aber tatsächlich das wiederkehrende sexuelle Scheitern der Hauptfigur Encolpius. Die Sexualität im Satyricon sei aber nur ein Bild für das generelle Scheitern der Protagonisten überhaupt. Was ist in der Kunst das Höchste? Das, was auch in allen andern Manifestationen des Lebens das Höchste ist: die selbstbewusste Freiheit des Geistes.
Vor soviel Beredsamkeit verstummt selbst das verwandtschaftliche Gewissen Simons, der in seinem dunklen Sinn übrigens so ähnlich denkt, und muss vor der wortgewandten Beschlagenheit des frühreifen Neffen kapitulieren.
Besucht Simon, um in seinem Junggesellenstand seiner männlichen Potenz versichert zu bleiben, doch ab und zu selbst die so genannten Freudenhäuser, an denen es in der Stadt nicht mangelt. Einmal, als er alt genug ist, darf Harry ihn dabei begleiten. Er folgt ihm mit einem Gefühl ruchlosen Abenteuers eine Weile durch die nächtliche Innenstadt, bevor sie vor einem scheinlosen ebenerdigen Haus anhalten. Im Vestibül paradieren auf fettigen Sofas ein paar dickliche Dirnen mit prallen Schenkeln und Waden, die von einer bejahrteren Puffmutter mit geschäftstüchtiger Miene beaufsichtigt und herumkommandiert werden. Sie mustern den jungen appetitlichen Harry, in dem sie einen neuen Kunden wittern, mit angelegentlicher Miene.
Ganz besonders scheint die Jüngste
Tiefbewegt. In ihrem Herzen
Fühlt sie schon ein sel'ges Jucken,
Ahndet sie die Macht Cupidos.
Er dagegen überfliegt die ausgestellte Ware und kommt zu dem Schluss, dass er mit keiner von ihnen etwas zu tun haben möchte.
Das kann den Dichter Ludwig Büchner nicht vorgeschwebt haben, als er in seinem Danton die Geschichte der mänadisch allesverschlingenden Dirne Marion erzählt: Ein junger Mensch kam zu der Zeit ins Haus; er war hübsch und sprach oft tolles Zeug; ich wusste nicht recht, was er wollte, aber ich musste lachen. Meine Mutter hieß ihn öfters kommen, das war uns beiden recht. Endlich sahen wir nicht ein, warum wir nicht ebensogut zwischen zwei Betttüchern beieinander liegen, als auf zwei Stühlen nebeneinander sitzen durften. Ich fand dabei mehr Vergnügen als bei seiner Unterhaltung und sah nicht ab, warum man mir das Geringere gewähren und das Größere entziehen wollte. Wir taten's heimlich. Das ging so fort. Aber ich wurde wie ein Meer, was alles verschlang und sich tiefer und tiefer wühlte. Es war für mich nur ein Gegensatz da, alle Männer verschmolzen in einen Leib. Meine Natur war einmal so, wer kann da drüber hinaus? … die Leute weisen mit Fingern auf mich. Das ist dumm. Es läuft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat, an Leibern, Christusbildern, Blumen oder Kinderspielsachen; es ist das nämliche Gefühl; wer am meisten genießt, betet am meisten.
Aus der Literatur besinnt er sich wieder auf die Realität. Er tut, als sei er bloß in Begleitung Simons gekommen, der ihm freie Option lässt und nach kurzer Verhandlung mit einer unappetitlichen Dicken ins Hinterzimmer verschwindet. Vermutlich lässt er sich aus Angst vor Geschlechtskrankheiten gerade einen Schafsdarm überziehen. Harry fasst sich in Geduld und weicht mit gleichgültiger Miene den Blicken ein und der anderen Sylphide aus, die die Hoffnung auf das leckere Zubrot nicht aufgeben will. Er spürt aber nicht die Spur einer Lockung, will nicht seine Sinne schänden und seinen Samen für nichts und wieder nichts vergeuden. Für Hekuba!
Er gedenkt des strengen Urteils von Rousseaus Julie ou la nouvelle Héloïse: „Ich weiß nicht, ob Ihre bequeme Philosophie bereits die Grundsätze annimmt, die, wie man sagt, in großen Städten für die Duldung solcher Orte aufgestellt werden; aber wenigstens hoffe ich, dass Sie nicht zu denen gehören, die sich selbst genug verachten, um sich deren Gebrauch unter dem Vorwand irgendeiner – ich weiß nicht, welcher – eingebildeten Notwendigkeit, die nur die Menschen von schlechtem Lebenswandel kennen, zu erlauben. Als ob in diesem Punkte die beiden Geschlechter verschiedener Natur wären und der rechtschaffene Mann zur Zeit der Trennung oder im ehelosen Leben Hilfsquellen haben müsste, deren das rechtschaffene Weib nicht bedürfte! Führt Sie dieser Irrtum auch nicht zu öffentlichen Buhlerinnen, fürcht' ich doch sehr, dass er Sie noch ferner mit sich selbst verwirren werde. Ach! wollen Sie verächtlich sein, so seien Sie es wenigstens ohne Vorwand, seien Sie nicht noch Lügner bei Ihrem wüsten Leben! Alle diese vorgeblichen Bedürfnisse haben ihre Quelle keineswegs in der Natur, sondern in dem freiwilligen Verderbnis der Sinne. Selbst die Täuschungen der Liebe läutern sich in einem keuschen Herzen und verderben nur das schon verdorbene. Die Unschuld hingegen hält sich durch sich selbst aufrecht; die immer wieder zurückgedrängten Begierden gewöhnen sich daran, nicht wieder zu erwachen, und die Versuchungen vervielfältigen sich nur durch öfteres Unterliegen.“
Dein Wort in Gottes Ohr, rousseausche Julie! Simon ist, als er seinen Rotz los geworden, schneller zurück als erwartet, ordnet sein Hemd, entrichtet sein Scherflein und sagt auf baldiges Wiedersehen. Harry ist froh, als sie im Freien erneut in die keusche Tiefe der Nacht eintauchen. Später erinnert er sich an hier und andernorts: Ich habe Weiber gesehen, auf deren Wangen das rote Laster gemalt war, und in ihrem Herzen wohnte himmlische Reinheit. Ich habe Weiber gesehen – ich wollt, ich sähe sie wieder! –
Béatrice – Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden, meine Sünde, meine Seele, wie er es irgendwo las.
Béatrice –
mein arges Glück ...
Seine glücklichste Jugendliebe ist Béatrice – auf der letzten Silbe wie „-trieß“ gesprochen, oder abgekürzt einfach Béa –, auch wenn es nur eine platonische ist. Ich war immer der Meinung, dass man in der Liebe besitzen müsste, und habe immer Opposition gebildet gegen die Entsagungspoesie; aber das Platonische hat auch sein Gutes, es verhindert einen nicht, am Tage zu träumen und des Nachts zu schlafen, und jedenfalls ist es nicht sehr kostspielig. Mit ihr treibt er seine philosophischen Studien weiter, nachdem er Schallmeyerns Kurs seiner wachsenden weltanschaulichen Opposition wegen verließ. Béa teilt seine leidenschaftliche Suche nach der Wahrheit, wie er sie „mit düstern Lippen“ in den Fragen aus dem Zyklus Die Nordsee stellt:
Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:
„O löst mir das Rätsel des Lebens,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andre
Arme, schwitzende Menschenhäupter –
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er kommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?
Es murmeln die Wogen ihr ew'ges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.
Kein Wunder, dass er im Grunde ein Narr bleiben muss, denn die aufgeworfenen Fragen sind zu seiner Zeit wissenschaftlich nur recht unzureichend beantwortbar. Trotzdem ist sein Verhältnis zum jüdischen Glauben seiner Väter, und zur Religion an sich, immer kritischer geworden, – und damit auch das zu seinem Mentor Ägidius Schallmeyer, der aller scheinbaren Intellektualität zum Trotz aus seinen theologisch-rabulistischen Bahnen nicht heraus findet. Harry neigt mehr und mehr dem Atheismus zu und stellt, während die anderen Gruppenmitglieder eher indifferent und meinungsenthaltsam bleiben, die Sinnhaftigkeit selbst seiner avantgardistischen Gottesvorstellung radikal in Frage.
Die abstrakt-paradoxe Logik des intellektuellen Katholiken (– im Grunde ein Widerspruch in sich) ist ihm schlechtweg nicht konsequent genug. Kennt er schon keinen persönlichen Gott mehr, der im Gebet zugänglich und ansprechbar ist, – wieso das widersinnige Konzept dann nicht überhaupt konsequent fallenlassen? Schnurrt ,Gott' nur noch auf ein unpersönlich-anonymes Etwas zusammen, das einmal die Welt wie ein Uhrwerk aufzog und sie dann ihrem Schicksal überließ, – wieso dann nicht gleich so ehrlich sein und sich auf die Natur selbst beschränken? Warum nicht einfach redlich zugeben, dass die Welt ihren Grund geradeso gut auch in sich selber haben kann: Persönlichkeit Gottes als Geistist ebenso absurd wie der rohe Anthropomorphismus, schreibt er später einmal. Denn die geistigen Attribute bedeuten nichts und sind lächerlich ohne die körperlichen. Zum Beispiel, Gott ist die Liebe (er hat ja keine Galle), Gott ist gerecht (er hat keinen Magen, der ihn zwingt, um gefüttert zu werden, Ungerechtigkeiten zu begehen), er ist weise (kein Schnupfen hindert ihn am Nachdenken), er ist die Tugend selbst (er hat ja keine Geschlechtsteile).
Der Gott der besten Spiritualisten, dieser Gott, eine Art von luftleerer Raum im Reich des Gedankens – angestrahlt von der Liebe, die wieder ein Abglanz der Sinnlichkeit –
Warum zum Licherl sollte die Natur ihren Grund denn nicht in sich selber haben und einer höheren Macht durchaus entbehren können? Dann hätten die Materialisten alias Naturalisten wie der Abiturient und Chefredakteur seiner Schülerzeitung, Mühlbauer, Recht, die nur den Naturstoff selber anerkennen und allen ,Geist' als eine organische Wirkung davon ableiten: Der menschliche Geist ist eine Funktion des menschlichen Gehirns; und außer dem menschlichen Geist gibt es sonst auch keinen Geist in der Welt. Es gibt überhaupt keinen ,göttlichen Geist', und der so genannte ,Heilige Geist', der angeblich über den Wassern schwebt, ist ein reines Hirngespinst. Das ist doch so klar wie Kletzenbrühe. Wenn es aber schon so klar ist, dann haben wir auch die Pflicht, es so klar zu sehen.
So weit geht Schallmeyer nun aber gerade nicht, vor dieser letztendlichen Logik zuckt er zurück; auch würde er sich ja dadurch den Ast absägen, auf dem er als so genannter Geistlicher sitzt. Seine fromme Pfründe ist weder Fisch noch Fleisch. Es fehlt ihr die intellektuelle Redlichkeit und damit genau jene Konsequenz, die er selber einmal an Giselle vermisste. Er, Harry, aber wird es an dieser Konsequenz nicht fehlen lassen. Es kommt, so leid es ihm tut, intellektuell zum Bruch, so dass er den Kurs verlässt. Sein Atheismus ist nicht mehr aufzuhalten, und Schallmeyer verliert sein bestes Pferd.
Er hat letzhin viel über sein Verhältnis zur Religion nachgedacht, und wir müssten lügen, zu behaupten, dass seine Liebesenttäuschungen dabei keine Rolle spielten. Die sentimentalen und sexuellen Frustrationen, und alles was damit zusammenhängt. haben ihn schon mit siebzehn so gründlich erschüttert und durchgerüttelt, dass seine ganze sittliche Verfassung ins Wanken kommt und neu wiederhergestellt werden muss. Seine altes Weltbild ist zerbrochen: Er hat seinen religiösen Glauben verloren, spürt die Absurdität des Daseins und ist, was den metaphysisches Sinn der Welt und des Lebens betrifft, zu einem konsequenten Nihilisten geworden. Es ging so schnell, wie wenn ein Damm bricht. Der Boden dazu war lange genug bereitet, er hat vorher schon lange genug gezweifelt. Jetzt ist er ganz von der realistischen Betrachtensweise überzeugt. Auch hat er keinerlei Zweifel am Identismus mehr, an der Identität von Leib und Seele: Ja, unser menschlicher Geist und unsere Seele, unser eigentliches Menschsein, sind eine Funktion unseres menschlichen Gehirns, und das Gehirn ist ein biologisches Organ. Alles aber, was er tut, tut er, wenn er es einmal tut, radikal und erschöpfend. Einen noch konsequenteren Identisten als ihn kann es jetzt gar nicht mehr geben: Nach unserer modernen Identitätslehre ist es ein Naturgesetz, dass der inneren, der geistigen Signatur eines Menschen auch seine äußere, die körperliche Signatur entspricht … dass nämlich der Leib der sichtbare Geist ist und die geistigen Gebresten auch in der Körperlichkeit sich offenbaren. –Der Mensch – so andernorts –, der Aristokrat unter den Tieren, der sich besser dünkt als alle seine Mitgeschöpfe, möchte sich auch dieses Ewigkeitsvorrecht, am Throne des Weltkönigs, durch höfische Lob- und Preisgesänge und kniendes Bitten erwirken. – Alles sieht er so wissenschaftlich wie der naturalistische Materialismus, und insbesondere evolutionistisch: Unser menschliches Gehirn ist ein biologisches Organ und daher wie alle Organe in der Evolution entstanden; und da Geist und Seele eine Funktion unseres Gehirns sind – nichts anderes –, sind auch Geist und Seele in gewisser Weise ein Produkt der Evolution. Er hat am wissenschaftlichen Realismus nicht mehr den geringsten Zweifel.
An diesen Umbruch muss er sich selbst erst gewöhnen. Ging das nicht etwas zu schnell? zu abrupt? und alles innerhalb kürzester Zeit als Folge der seelischen Erschütterung durch sein pubertäres Malheur? Er ist skeptisch sich selbst gegenüber: ist dies wirklich eine legitime Art, sein persönliches Geschick mit der objektiven Erkenntnis der Welt zu vermischen? Ist das nicht eine reichlich indirekte und uneigentliche Art der Wahrheitsfindung? Wird man ein falsches Weltbild doch authentisch nur dadurch los, dass man die Falschheit der Sache als solcher und sein eigenes Wunschdenken als solches durchschaut, und nicht es zum Spielball zufälliger biografischer Wechselfälle macht!
Der Einwand ist aber verfehlt, und Skepsis nicht am Platz. Er ist reflektiert und selbstkritisch genug, die Situation richtig einzuschätzen, Sein erotiches Malheur ist nicht sowohl die Ursache, als vielmehr nur der Anlass dafür, seine überkommenen Anschauungen aufzugeben. Seine Erschütterung gab bloß den Anstoß für sein Denken und weckte ihn, Kantisch gesagt, aus seinem dogmatischen Schlummer; seine Schlüsse aber sind die Frucht reiflicher Reflexion. Er braucht keine Bedenken über die Authentizität seiner Erkenntnis zu haben. Seine Misere hat lediglich den Damm seiner Vorurteile eingerissen – und dadurch den Weg zu nüchternem Denken eröffnet. Kaum aber war die Denkblockade weg, ergab der Rest sich von selbst. Das ist logisch wie psychologisch so plausibel, dass er sich pedantisch vorkäme, wollte er seine Sinnesänderung weiter bezweifeln. – So ist es wohl: Sein persönliches Leben ist zwar kein Grund, seine Überzeugungen zu ändern; es ist aber ein kräftiger Denkanstoß zu größerer Objektivität; und deren Folge ist objektive Erkenntnis. Wo hat er das einmal gelesen: Dass ein Mann darauf wartet, gehängt zu werden, kann seine Klarsicht ungemein fördern. Er war philosophisch immer schon kritisch genug, so dass es sichtlich nur noch eines kleinen Anstoßes brauchte, ihn völlig naturalistisch zu überzeugen. Den Anlass dazu gaben zweifelsohne unter anderem die tragischen Ereignisse seiner Liebe. Sie waren, wofern er zudem genügend Wahrheitsliebe hatte, die kleine Ursache einer großen Wirkung. Hinfort würde man mit ihm als einem ernstzunehmenden Realisten rechnen müssen.
Doch geht der Umbruch auch psychisch nicht spurlos an ihm vorüber. Fast fühlt er sich ein bisschen wie Hamlet nach der Entdeckung des Königsmords – als habe er in letzter Zeit all seine Lebensfreude verloren, all seine gewohnten Übungen aufgegeben, und um seine geistig-seelische Verfassung stehe es dermaßen schlecht, dass dieser ganze treffliche Weltenbau: die Erde, ihm so steril wie ein kahles Vorgebirge erschien. In diesem herrlichen Baldachin, dem Luftraum, diesem prachtvoll überhängenden atmosphärischen Firmament, diesem majestätischen, mit goldenen Lichtern gesprenkelten Dach sehe er nur noch einen faulen, verpesteten Haufen von Brodem. Seine Demoralisation des Prinzen macht auch vor seinem Menschenbild keinen Halt. Denn: „Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch die Vernunft! Wie unbeschränkt in seinen Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie vollendet und bewunderungswürdig! Im Handeln einem Engel ähnlich! Im Erkennen gleich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Muster alles Lebendigen! Im Handeln einem Engel ähnlich! Im Erkennen gleich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Muster alles Lebendigen! Und doch, was ist mir diese Quintessenz des Staubs? Ich habe keine Lust am Manne, und am Weibe auch nicht, auch wenn ihr das durch euer Lächeln zu sagen scheint.“ Am Weibe auch nicht? Nein, so weit will er doch nicht gehen. Am Weibe schon noch!
Da ist ja Béatrice, die Einzige, die ihm dabei folgt, bei der er sich aussprechen kann. Ihrer Solidarität wegen vergleicht er sie mit Elektra, der Schwester des Orestes. Vielleicht besucht sie die Gruppe weiterhin – sie identifiziert die Philosophie nicht so radikal mit dem Leben –, daneben aber ist sie geistig mit ihm solidarisch. Sie lesen zusammen die französischen Materialisten Condillac, Helvetius, Holbach, Destutt de Tracy, Lamettrie. Deren logische Konsequenzen führen sie zwingender Weise zum Naturalismus: die eiserne Überzeugung, dass alles im Universum Materie ist und auch der Geist und die Seele des Menschen nur die Funktionen eines materiellen Organs, ihres Trägers! Betty, eine klassische Deistin, scheut befremdet vor Harrys neuer Lektüre zurück, ist aber liberal genug, sie ihm nicht, so wie früher die romantischen Romane, einfach aus der Hand zu nehmen.
Die meisten Universitätsphilosophen fürchten, damals wie heute, den Materialismus wie der Teufel das Weihwasser, dabei ist er so alt wie das menschliche Denken. Ein anderes Wort dafür ist Naturalismus – der Standpunkt, dass alles in der Welt mit natürlichen Dingen zugeht; und ,natürlich' bedeutet dabei, dass alles, was in der Welt passiert, den Naturgesetzen gehorcht, so wie sie von der Naturwissenschaft ermittelt werden.
Das gilt auch für uns Menschen. Sind wir Menschen nicht als göttliche – theistische oder deistische – Schöpfung vom Himmel gefallen, dann sind wir auf natürliche Weise entstanden. Wir selber gehen, wie alles Leben auf der Erde, allein aus der Natur hervor und sind das Ergebnis einer naturgeschichtlichen Entwicklung. Den Rest erklären im Prinzip die französischen Biologen Jean-Baptiste Lamarck und Geoffroy Saint-Hilaire – jene kosmopolitischen Zoologen, welche den Affen für den Ahnherrn des Menschengeschlechts erklären; die Menschen sind nach ihrer Meinung nur ausgebildete, ja überbildete Affen: Zuerst kam es durch einen natürlichen Übergang von der anorganischen zur organischen Materie auf der Erde zur Entstehung des Lebens; sodann durch organische Höherentwicklung von den niedersten Lebewesen bis herauf zu unserer heutigen Form.
Die deutschnationalen Idealisten dagegen tun alle so, als wäre dies eine ganz unerhörte und unwahrscheinliche Ansicht, dabei ist der Naturalismus auch im Denken das Natürlichste von der Welt. Meist wird dem wissenschaftlichen Naturalismus von seinen Kritikern irgendeine vermeintliche Naivität oder sonst irgendeine Dummheit unterschoben; sie sind dann stolz darauf, ihn damit ,widerlegen' zu können, währenddem sie in Wahrheit nur ihre dummen Unterstellungen widerlegen. Um rechter Wissenschaftler und Philosoph zu sein, schreibt Lamettrie dagegen, genügt es nicht, die Natur zu erforschen und die Wahrheit zu finden. Man muss auch den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, und zwar für die kleine Zahl derer, die denken wollen und können. Den anderen, die willfährige Sklaven von Vorurteilen sind, ist es indes so unmöglich, zur Wahrheit zu gelangen, wie es Fröschen unmöglich ist, zu fliegen. Demnach besteht ein Großteil der herkömmlichen Schulphilosophen aus Fröschen.
Zurück geht die naturalistische Lehre schon auf die alten Griechen: Leukipp, Demokrit, Epikur, die leider sämtlich nur fragmentarisch überliefert sind. Ausführlich referiert wird sie von dem Römer Titus Lucretius Carus. Béa und Harry lesen ihn, wie alle römische Autoren, in der zweisprachigen Ausgabe der Büchnerschen Übersetzung.
Da ist es zumal das fünfte Buch von Lukrez' Die Natur der Dinge, ,Welt aus Atomen', das sie seiner unterschwelligen Modernität wegen frappiert. Der grandiose Autor schreibt in Hexametern:
Drum hat noch und noch die Erde empfangen den Namen
Mutter und trägt ihn mit Recht, da sie selber der Menschen Geschlechter
schuf und fast zugleich in bestimmter Zeit sie die Tiere
aus sich ergoss, ein jedes, das tollt in den mächtigen Bergen
allüberall, und zugleich die Vögel in wechselnden Formen.
Weil sie jedoch einmal zum Schluss kommen muss des Gebärens,
hörte sie auf, wie ein Weib, das erschöpft vom Alter des Lebens.
Wandelt doch die Zeit das Wesen der Welt hier im ganzen,
nacheinander muss Zustand nach Zustand aufnehmen alles,
keines bleibt ähnlich der Dinge sich selber: alles ist fließend,
alles tauscht die Natur und zwingt es, sich zu verwandeln.
Damals hat auch die Erde versucht, in Menge zu schaffen
Ungeheuer, gebildet von seltsamem Aussehn und Gliedern,
Zwitter, mittenin, weder Mann noch Weib und von beiden
weit entfernt, zum Teil der Füße beraubt, ohne Hände,
andre, sich stumm ohne Mund, ohne Blick in Blindheit erfindend
und gefesselt am ganzen Leib durch Anwuchs der Glieder,
dass sie zu tun nichts noch irgendwohin zu weichen vermochten,
noch zu vermeiden Gefahr, noch zu nehmen, was ihnen Bedürfnis.
Und was sonst noch sie schuf an solchen Gebilden und Wundern,
ganz umsonst, da Natur den Wuchs den Wesen versagte,
nicht zu berühren imstand sie waren die Blüte des Alters,
die sie ersehnt, nicht Nahrung zu finden, zu einen sich liebend.
Viel muss, sehen wir doch, zusammenkommen den Dingen,
dass durch Vermehrung imstand sie, hervorzubringen den Nachwuchs;
Nahrung muss sein zuerst, dann wo die erzeugenden Samen
durch die Glieder aus lockerem Leib ergießen sich können,
und dass Mann mit Weib vereinen sich kann, dass beide besitzen
Mittel, mit denen jedes wechselnde Freude sich austauscht.
Nicht einer übernatürlichen Schöpfung verdankt sich mithin das Leben, sondern einem natürlichen organischen Wachstum von den niedersten bis zu den höchsten Lebensformen. Diese natürliche Entstehung und Höherentwicklung von Tier und Mensch heißt neuerdings nach Lamarcks und Saint-Hilaires Lehre Evolution.
Das ist wissenschaftlicher Realismus reinsten Wassers und modernster Façon, der keine göttliche Schöpfung mehr braucht, um die Welt zu erklären. Mal wird es der materialistische Naturalismus, mal der naturalistische Materialismus genannt, immer aber ist es der moderne wissenschaftliche Realismus. Der mythologische Schöpfungsglaube wird vom Kopf auf die Füße gestellt, und das Leben überhaupt erst dadurch rational und naturgesetzlich begreifbar.
Man hört gelegentlich die Behauptung, die Alten hätten für diesen Prozess, zumal für die Gerichtetheit der Entwicklung vom Niederen zum Höheren, noch keine einleuchtende Erklärung gehabt. Das ist aber ziemlich fraglich, denn auch der logische Mechanismus der Evolution ist bei Lukrez bereits angedeutet, wie seine Stelle über die ,Ungeheuer' zeigt. Das ursprüngliche natürliche Wachstum: die ,Phantasie der Natur', führt von sich aus zu allen möglichen organischen Gebilden. Das Meiste davon ist nicht lebensfähig. Das wuchernde Organische allein führt zu heillosem Durcheinander und Chaos. Es fehlt die ordnende Kraft, die das gestaltlos Entstehende in eine ,sinnvolle' Form gießt und in geordnete Bahnen lenkt. Diese ordnende kanalisierende Kraft – die in Wahrheit keine ,Kraft', sondern eine automatisch wirkende Gesetzmäßigkeit ist – ist laut Lukrez der natürliche Wettbewerb zwischen den unterschiedlichen Lebensformen, eine Art natürliche Auswahl. Später wurde es ,Selektion' genannt.
Existieren die diversen Lebensformen doch nicht jede für sich und unabhängig voneinander, sondern stets miteinander und sogar voneinander: Die eine frisst die andere. Die Tiere fressen die Pflanzen und werden wieder von anderen Tieren gefressen. Es ist in der freien Natur ein einziges Werden und Vergehen, Fressen und Gefressenwerden. Zwischen den Tieren herrscht ein ständiger Kampf um die natürlichen Nahrungs- und Energiequellen. Die ,Ungeheuer' des Lukrez sind also keine mythologischen Fratzen, – sondern solche realen organischen Ausgeburten, die ihrer misslungenen Natur wegen zum Überleben nicht taugen. Entweder versagen sie eines angeborenen Defekts und Geburtsfehlers wegen schon im Moment ihrer Entstehung, in statu nascendi, dann überleben sie nicht einmal ihre Geburt; oder sie sind, einmal am Leben, der Konkurrenz der anderen Tiere nicht gewachsen, dann bleiben sie irgendwann im Überlebenskampf auf der Strecke.
Sogar solche Kreaturen, die an sich lebenstauglich wären und im Prinzip existieren könnten, überleben dennoch nicht, wenn sie mit anderen Tieren konkurrieren müssen, die ihnen über sind. Kurz, es fehlt ihnen die notwendige Tüchtigkeit für das Leben, die fitness for life. Überleben kann nur, was sich im Lebenskampf bewährt; und sich bewähren kann nur, was die geeignete Fitness hat. Lukrez spricht von arterhaltenden Eigenschaften, weil sie die Tierart am Leben erhalten:
Und kein Ausweg sonst: verdorben sind viel Geschlechter
damals und waren imstand nicht, Nachwuchs schaffend zu mehren.
Denn was immer du siehst der Lebensluft sich erfreuen,
List hat sie oder Stärke und schließlich auch ihre Schnelle
von ihres Lebens Beginn an geschützt, die Art je erhaltend.
Vieles zudem, was uns auf Grund seines Nutzens ist näher
anempfohlen, bleibt am Leben, vertraut unsrer Obhut.
Erstens: der Löwen feurige Brut und grausame Rotten
schützte Stärke, die Füchse die List, ihr Flüchten die Hirsche.
Stärke, List, Fluchtinstinkt – lauter arterhaltende Eigenschaften, die dem Überleben der Gattung nützen. Schon Lukrez' Lehre von der Evolution scheint damit eine Lehre von der Selektion: Seine Evolutionstheorie ist zugleich eine Selektionstheorie. Das beweist, wir brauchen damit nicht erst bis auf die moderne Biologie zu warten. Die naturgeschichtliche Entwicklung kraft natürlicher Auslese war schon der Antike nicht fremd. Die Alten waren ja nicht dumm, konnten zwei und zwei zusammenzählen und einen naheliegenden Gedanken zuende denken.
Dabei ist die natürliche Auslese – die Selektion – keine intelligent wirkende ,Kraft', welche die je listigeren, stärksten oder schnellsten Tiere bewusst und absichtlich auswählen würde. Es gibt keine solche Absicht in der Natur. Die Selektion wirkt unterderhand und automatisch dadurch, dass im Lebenskampf einfach die je weniger klugen, weniger starken oder weniger schnellen Tiere auf der Strecke – und dadurch die je klügeren, stärkeren oder flinkeren Tiere erhalten und übrig bleiben. Diese pflanzen sich mit den anderen klügeren, stärkeren oder schnelleren Tieren fort, und von deren klugem, starkem oder schnellem Nachwuchs bleiben automatisch wieder die je klügeren, stärkeren oder schnelleren übrig: Die Evolution ist ein organischer Aufrüstungsvorgang, ein sich selber spiralenförmig in die Höhe schaukelnder Optimierungsprozess – und so weiter und so fort zahllose, ungezählte Generationen lang, bis eventuell das bestmögliche ontologische Optimum überhaupt erreicht ist.
Simpson beschreibt das konstruktive Element der Selektion später so: „Die Auslese ist in der Hauptsache kein Vernichtungsvorgang. Sie ist ein aus unterschiedlichen Fortpflanzungsraten resultierender Prozess, der sich im komplizierten, empfindlichen Zusammenspiel jener genetischen Faktoren einer Population auswirkt, die die wesentlichen Grundlagen für Fortdauer und Veränderung in der Evolution sind. Von einzelnen auftretenden Mutationen werden die unvorteilhaften durch die Auslese beseitigt, soweit deren Kraft wirksam ist. (Weder verlangt die Theorie noch weisen die Tatsachen darauf hin, dass die Auslese zu jeder Zeit wirksam ist oder dass sie, wenn sie am wirkungsvollsten ist, alle unvorteilhaften Mutationen sofort vernichtet.) Die vorteilhaften werden sich jedoch unter dem Einfluss der Auslese in steigendem Maße in den folgenden Generationen verbreiten. Bereits das ist eine positive Evolutionsänderung, die auf der natürlichen Auslese beruht.“
Kaum zu glauben, wie gut die Selektion während ihres äonenlangen Wirkens gearbeitet hat: Die Einrichtung unserer Sinnesorgane und Intelligenz ist, wie der Biologe Haeckel sagt, nachgerade „so wunderbar zweckmäßig, dass sie uns zu der irrtümlichen Annahme einer ,Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan' führen könnte.“ Daher ja auch die falsche Annahme eines göttlichen Schöpfers!
Um eine Idee davon zu bekommen, wie gut die Selektion tatsächlich äonenlang gearbeitet hat, brauchen wir nur daran zu denken, wie wir Menschen uns, solange wir nichts von ihr wussten, unsere eigene menschliche Natur erklärten, von deren Vollkommenheit wir ja immer schon überzeugt waren. Geben wir es ruhig zu: Wir Menschen glaubten im Ernst, wir wären von einem höheren Wesen – alias ,Gott' – erschaffen worden. Dieser ,Gott' habe gleich einem allmächtigen Meister sein Bestes gegeben, das Beste, wozu er überhaupt fähig war, – und herausgekommen sind wir, der Mensch. Am Ende hat er uns auch noch seinen eigenen göttlichen Geist eingehaucht: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach seinem Bilde schuf er ihn. Besser konnte er uns so, ohne über den eigenen Schatten zu springen, offenbar gar nicht hinkriegen. Wir waren das Meisterstück, das Opus magnum, das unübertreffliche Produkt seines gottbegnadeten Schöpfungsgenies.
Jetzt dagegen sehen wir: Nichts davon ist wahr. Die Hypothese ,Gott' ist auch bei der Erklärung der belebten Welt so überflüssig wie in Laplace' Himmelsmechanik. So überflüssig wie ein Kropf. ,Gott' war nur eine Art Lückenbüßer, ein Strohmann, eine Leerformel, solange wir nicht die natürliche Zuchtwahl kannten. Das zeigt, wie perfekt die Selektion tatsächlich gearbeitet hat: so gut, dass man ihr geradezu göttliche Fähigkeiten zutraute!
So ist die natürliche Auslese einer der Gründe, warum der Mensch überhaupt ,Gott' erfand: Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, sagt der Philosoph Feuerbach. Das ist typisch für unsere Conditio humana: Als der Urmensch erstmals intelligent genug war, nach seiner eigenen Herkunft zu fragen, da war er bereits seit Jahrzehntausenden im Zustand solch körperlicher und geistiger Fitness, dass er sich seine Existenz nur durch eine höhere Macht erklären konnte. Und da die Evolution: das natürliche organische Wachstum mit Selektion, die Selbstorganisation des Organischen, nicht bekannt war, konnte diese Macht nur von einem übernatürlich ,allmächtigen' Wesen stammen. Dazu musste dieses Wesen aber erst einmal erfunden und mit entsprechenden Qualitäten ausstaffiert werden. Da legten die Mythologien und so genannten ,Religionen' dann ihren ganzen Ehrgeiz hinein und eine unerschöpfliche Phantasie an den Tag. Mit Feuerbach: Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, nach seinem Bilde schuf er ihn.
Heißt es also manchmal, die natürliche Auslese sei eine Art ,Gottesersatz', so ist es in Wahrheit gerade umgekehrt: ,Gott' war der Ersatz für die Wirkung der Selektion, solange man noch nichts von ihr wusste, ein übernatürliches Selektions-Surrogat. Wird ,Gott' heute wieder durch die Selektion ersetzt, ist es also nur ein Ersatz des Ersatzes, und damit die Restitution der Wahrheit. Ehre, wem Ehre gebührt!
Ein derartiger Vorgang der Optimierung ist die Evolution schon bei Lukrez: Indem das je Schwächere im Kampf ums Dasein unterliegt und hinter dem Stärkeren auf der Strecke bleibt – wodurch das je Bessere stets zum Feind des Guten wird –, bleibt automatisch immer das je Bessere übrig und führt auf die Dauer zum unüberbietbaren Nonplusultra der ganzen Entwicklung: Die Evolution ist ein äonenlanger Optimierungsprozess.
Soweit in der freien, wilden, ungezähmten Natur. Aber sogar solche tierischen Fähigkeiten wie Lasten zu ziehen, Wolle zu tragen, oder wachsam zu sein, sind Lukrez zufolge indirekt arterhaltende Eigenschaften: Sie führen nämlich zu einer Auswahl durch den menschlichen Züchter. Der Mensch ersetzt die natürliche Auslese durch die bewusste Auswahl der für ihn vorteilhaften tierischen Eigenschaften. So erklärt er durch den ,Nutzen' der Tiere die Entstehung der Nutztiere – durch menschliche Züchtung:
Doch das schlafwache Herz der Hunde mit treuem Gemüte,
jedes Geschlecht, das aus lastenziehendem Stamme geboren,
wolletragendes Vieh zudem und der Stamm der Behörnten,
alles, o Memmius, ist vertraut der Obhut der Menschen.
Flohen sie doch mit Begier vor wildem Getier und erstrebten
Frieden, wurde doch reichlich Futter mühlos erworben,
das wir ihnen zum Lohn ihrer Nützlichkeit wegen gewähren.
Wem aber nichts die Natur zuteilte von diesem, dass weder
selber von sich aus imstand sie wären, zu leben, noch Nutzen
uns zu gewähren irgendwie, dass dulden wir möchten,
dass ihr Geschlecht sich erfreu' unsres Schutzes und sicher befände,
die lagen freilich da zu Gewinst und Beute für andre,
alle verstrickt in die eignen Fesseln, ihnen Verhängnis,
bis diese Art die Natur zum Untergang schließlich geführt hat.
Auch die Instinkte sind, als Organfunktionen, ein Ergebnis der naturgeschichtlichen Entwicklung. Auch die Liebe. Der Sex ist in der Evolution deswegen entstanden, um die Urtiere überhaupt erst einmal dazu zu bewegen, sich fortzupflanzen und ihre Art zu erhalten, wofür sie gewissermaßen durch die Sexuallust geködert und belohnt wurden. Es ist dieselbe Lustprämie, von der Reitler spricht.
Es gibt in der Evolution auch die geschlechtliche Zuchtwahl: die sexuelle Selektion – nämlich da, wo die Weibchen sexuell besonders attraktive Männchen zur Paarung wählen, wie sie es instinkmäßig tun. Und sogar deliberative Selektion: Wählt ein Menschenweibchen sich einen zwar nicht besonders sexy, dafür aber besonders reichen Mann zur Paarung, dann ist es, könnte man sagen, zwar künstliche, aber nicht eigentlich sexuelle Zuchtwahl. Das Gleiche gilt, wenn sie einen auffällig intelligenten, nicht aber sexuell attraktiven Mann wählt. Letzteres kommt Harrys Meinung nach allerdings seltener vor.
Scharfsinnig vermeidet Lukrez das irreführende teleologische Denken: zu glauben, die Natur verfolge mit der Evolution irgendeinen Zweck oder ein vorgegebenes Ziel, griechisch telos. Doch hat die Evolution keinerlei solches Ziel: Denn nicht, damit die Lebewesen überleben, entstehen ihre arterhaltenden Eigenschaften – das hieße die Ursache mit der Wirkung verwechseln –; sondern nur, falls spontan und zufällig solche Eigenschaften entstanden sind, können sie auch überleben. Nicht deshalb, weil wir Augen zum Sehen brauchen, sind sie entstanden; sondern weil das Sehen und Gesehenwerden ein Überlebensvorteil ist, wurden lichtempfindliche Organe selektiv positiv bewertet. Es lag ein Selektionsdruck darauf. Das Gleiche gilt für die Sinneswahrnehmung. Und nicht, weil die vorteilhafte Fortbewegung ihre Entstehung kausal hätte anleiern können, entstanden die Füße; sondern weil die Beweglichkeit von Vorteil fürs Überleben war, wurden Fortbewegungsorgane selektiv bevorteilt. Nicht, weil wir Arme und Hände brauchten, wuchsen sie uns, sondern weil sie dem Leben dienten und daher ein Selektionsdruck auf ihnen lag.
Und nicht, damit damit die Tiere sich eifriger fortpflanzten, entstand die Sexuallust; sondern je mehr Lust sie dabei hatten, desto eifriger pflanzten sie sich fort. Das gilt insbesondere auch für uns Menschen. Der unbestechliche Naturalist Lukrez verwirft gezielt jede andere Erklärung:
Dass in diesen Dingen sich birgt jener Fehler, mit Nachdruck
müssen wir's sagen …
müssen dem Irrtum entgehn und vorher sorglich ihn meiden,
dass du nicht sein lässt geschaffen die hellen Lichter der Augen,
dass wir ausschauen können, und dass wir zu strecken vermögen
schlanke Schritte, zu diesem Zweck sich vermögen die Spitzen,
fest auf dem Fuß gegründet, von Waden und Schenkeln zu beugen,
und du weiter meinst, die Arme sind drum an die starken
Muskeln gefügt und die Hand als Diener gegeben zu beiden
Seiten, dass wir zu tuen imstand, was nötig zum Leben.
Alles was sonst noch von dieser Art sie suchen zu deuten,
ist verdreht, das Danach vor dem Vor, in verkehrter Erklärung,
da ja nichts darum geboren im Körper ist, dass verwenden
wir es könnten, vielmehr, was geboren, Verwendung ermöglicht.
Und nicht vor der Geburt der Lichter der Augen war Sehen,
nicht, mit Worten zu reden, bevor die Zunge geschaffen,
sondern der Ursprung der Zunge geht weit vorher dem Gespräche,
und viel früher vielmehr sind geschaffen worden die Ohren,
als man hörte den Ton, kurz, alle die Glieder sind vorher,
mein' ich, gewesen, bevor ihr Gebrauch sich konnte entwickeln;
also konnten sie nicht des Gebrauchens wegen erwachsen ...
Jenes ist aber geschieden davon, was vorher von selber
wachsend, hernach hat enthüllt die Kenntnis des eigenen Nutzens.
Und von solcher Art sehen Sinne und Glieder zumal wir;
drum ist es noch und noch davon fern, dass glauben du könntest,
wegen der Leistung des Nutzens hätten entstehen sie können.
Der wissenschaftliche Stoff ist einigermaßen trocken, so dass Harry nicht umhin kann, ihn etwas ironisch-anzüglich aufzulockern. Zur Teleologie, dichtet er zur Ökonomie der Hygiene- und Geschlechtsfunktionen. Er macht Béa zu Teutolinde und belässt es spaßeshalber beim alten Schöpfer:
… Als zur blonden Teutolinde
Ich in solcher Weise sprach,
Seufzte sie und sagte: „Ach!
Grübeln über Gottes Gründe,
Kritisieren unsern Schöpfer,
Ach! das ist, als ob der Topf
Klüger sein wollt als der Töpfer!
Doch der Mensch fragt stets: Warum?
Wenn er sieht, dass etwas dumm.
Freund, ich hab dir zugehört,
Und du hast mir gut erklärt,
Wie zum weisesten Behuf
Gott dem Menschen zwiefach schuf
Augen, Ohren, Arm' und Bein',
Während er ihm gab nur ein
Exemplar von Nas und Mund –
Doch nun sage mir den Grund:
Gott, der Schöpfer der Natur,
Warum schuf er einfach nur
Das skabröse Requisit,
Das der Mann gebraucht, damit
Er fortpflanze seine Rasse
Und zugleich sein Wasser lasse?
Teurer Freund, ein Duplikat
Wäre wahrlich hier vonnöten,
Um Funktionen zu vertreten,
Die so wichtig für den Staat
Wie fürs Individuum,
Kurz, fürs ganze Publikum.
Eine Jungfrau von Gemüt
Muss sich schämen, wenn sie sieht,
Wie ihr höchstes Ideal
Wird entweiht so trivial!
Wie der Hochaltar der Minne
Wird zur ganz gemeinen Rinne!
Psyche schaudert, denn der kleine
Gott Amour der Finsternis,
Er verwandelt sich beim Scheine
Ihrer Lamp – in Mankepiss.“
Also Teutolinde sprach,
Und ich sagte ihr: „Gemach!
Unklug, wie die Weiber sind,
Du verstehst nicht, liebes Kind,
Zwei Funktionen, die so greulich
Und so schimpflich und abscheulich
Miteinander kontrastieren
Und die Menschheit sehr blamieren.
Gottes Nützlichkeitssystem,
Sein Ökonomieproblem
Ist, dass wechselnd die Maschinen
Jeglichem Bedürfnis dienen,
Den profanen wie den heil'gen,
Den pikanten wie langweil'gen –
Alles wird simplifiziert;
Klug ist alles kombiniert:
Was dem Menschen dient zum Seichen,
Damit schafft er seinesgleichen.
Auf demselben Dudelsack
Spielt dasselbe Lumpenpack.
Feine Pfote, derbe Patsche
Fiedelt auf derselben Bratsche.
„Die Natur“, sagte mir einst Hegel, „ist sehr wunderlich: dieselben Werkzeuge, die sie zu den erhabensten Zwecken gebraucht, benutzt sie auch zu den niedrigsten Verrichtungen, z. B. jenes Glied, welchem die höchste Mission, die Fortpflanzung der Menschheit, anvertraut ist, dient auch zum – – –“
Soviel zu Lukrez und seiner Lehre von der organischen Entwicklung vom Molekül zum Menschen. Zwei Jahrtausende später ist es Heines Zeitgenosse, der französische Zoologe Jean-Baptiste Lamarck, wenn nicht Geoffroy Saint-Hilaire, welcher den Affen für den Ahnherrn des Menschengeschlechts erklärt; die Menschen sind nach seiner Meinung nur ausgebildete, ja überbildete Affen. Um 1800 begründet Lamarck in seiner Philosophie zoologique als erster eine wie immer noch fehlerhafte, aber systematische Theorie der Evolution: der Arttransformation, des Transformationismus, der Veränderlichkeit der Arten.
Lamarck zufolge entstehen die einfachsten Organismen durch Urzeugung. Sie entwickeln sich zu immer komplexeren Formen, wobei die Entwicklung eine ganz bestimmte Richtung hat: vom Einfachen zum Komplexen. Pflanzen und Tiere haben sich demnach unabhängig voneinander entwickelt. Diese Transformationslehre behauptet im Gegensatz zur späteren verbesserten Theorie noch keine gemeinsame Abstammung aller Arten. Die einzelnen Tierklassen seien unabhängig voneinander entstanden. Die Klassen haben zwar gleichartige, aber keine gemeinsamen Vorfahren: die durch die Urzeugung entstandenen Formen. Ihre Evolution verlaufe parallel und unabhängig voneinander. Zur Höherentwicklung komme es aufgrund eines im Organismus angelegten determinierten Prozesses. Evolution à la Lamarck ist also gerichtet, wenn auch nicht auf ein vorherbestimmtes Ziel hin.
Seiner Philosophie zoologique 1809 (– Harry ist zwölf) nach entsteht der Mensch aus einer Art Affen: „Wenn in der Tat irgendeine Affenrasse, hauptsächlich die vollkommenste derselben, durch die Verhältnisse oder durch irgendeine andere Ursache gezwungen wurde, die Gewohnheit, auf den Bäumen zu klettern und die Zweige mit den Füßen sowohl als mit den Händen zu erfassen, um sich daran aufzuhängen, aufzugeben, und wenn die Individuen dieser Rasse während einer langen Reihe von Generationen gezwungen waren, ihre Füße nur zum Gehen zu gebrauchen, und aufhörten, von den Füßen denselben Gebrauch wie von den Händen zu machen, so ist es … nicht zweifelhaft, dass die Vierhänder schließlich zu Zweihändern umgebildet wurden und dass die Daumen ihrer Füße, da diese Füße nur noch zum Gehen dienten, die Entgegenstellbarkeit zu den Fingern verloren. Wenn überdies die Individuen, von denen ich spreche, bewegt durch das Bedürfnis, zu herrschen und zugleich weit und breit um sich zu sehen, sich anstrengten, aufrecht zu stehen und an dieser Gewohnheit von Generation zu Generation beständig festhielten, so ist es ferner nicht zweifelhaft, dass ihre Füße unmerklich eine für die aufrechte Haltung geeignete Bildung erlangten, dass ihre Beine Waden bekamen und dass diese Tiere dann nur mühsam auf den Händen und Füßen zugleich gehen konnten.“
Später wurde das nun noch dahingehend korrigiert: dass nicht der Mensch vom Affen abstammt, sondern vielmehr, dass Affe und Mensch einen gemeinsamen tierischen Vorfahren haben!
Die Vielfalt der Arten erklärt Lamarck durch einen eigenen Mechanismus: Veränderte Umweltbedingungen veranlassen die Tiere zu veränderten ,Gewohnheiten' und zu einem anderen Gebrauch von Organen. Der veränderte Gebrauch führe zu Abänderungen des Organs, welche an die Nachkommen vererbt werden. Dies ist im 18ten und auch 19ten Jahrhundert noch ein populärer Irrtum. Allein dieser Teil von Lamarcks Evolutionstheorie: die Vererbung erworbener Eigenschaften, gilt später als Lamarckismus. Korrigiert wurde er in dem Sinn: dass andere Eigenschaften nicht durch individuelle Gewohnheit, sondern allein durch spontane Veränderungen im Erbgut der Arten selbst plus Selektion entstehen. Mit dem Fehler von der Vererbung erworbener Eigenschaften fällt Lamarck noch hinter Lukrez zurück, der die Höherentwicklung bereits durch bloße Selektion erklärte.
Etwas später stellt Darwin die Theorie anhand einer überwältigenden Fülle biologischer Fakten auf eine solide naturwissenschaftliche Basis. Er gilt sogar als der Entdecker der Selektion als der eigentlichen Erklärung der Evolution: des reinen Darwinismus, was angesichts der Lukrezischen Quellen aber nicht unbedingt überzeugend ist.
Heute hat die Forschung die Evolutionstheorie myriadenfach bestätigt und auf alle Bereiche der Welt ausgedehnt, so dass sie angeblich sogar vom Vatikan anerkannt ist. In Wahrheit kann der Vatikan so wenig wie irgendeine Religion, die ein Weiterleben nach dem Tod mit unsterblicher Seele behauptet, die Evolutionstheorie gar nicht anerkennen, die ja auf der Identität von Gehirn und Geist beruht – und damit mit dem Tod des Gehirns auch vom Tod der Seele ausgeht.
Was halten Sie von der Unsterblichkeit der Seele? Wahrhaftig, es ist eine große Erfindung, eine weit größere als das Pulver. Jedoch:
… Wir scheiden heut
Auf immerdar. Kein Wiedersehn
Gibt es für uns in Himmelshöhn.
An eine Unsterblichkeit – berichtet Eduard Wedekind – glaubt er nicht, und tut groß damit, indem er sagt, alle großen Männer hätten an keine Unsterblichkeit geglaubt, Caesar nicht, Shakespeare nicht, Goethe nicht: Jeder Augenblick ist mir ja eine Unendlichkeit; ich messe nicht die Zeit mit der Brabanter oder mit der kleinen Hamburger Elle, und ich brauche mir von keinem Priester ein zweites Leben versprechen zu lassen, da ich schon in diesem Leben genug erleben kann, wenn ich rückwärts lebe, im Leben der Vorfahren, und mir die Ewigkeit erobere im Reiche der Vergangenheit.
