Härte 11 - Eberhard Schmah - E-Book

Härte 11 E-Book

Eberhard Schmah

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Beschreibung

Basierend auf einen Fachaufsatz der irischen Kristallographin Kathleen Lonsdale, in dem sie von einem ganz außergewöhnlichen Mineralienfund berichtete, ist die Idee zum Roman entstanden. Ihr zu Ehren bekam das Mineral den Namen Lonsdaleit, den der Autor in H11-Diamanten erweiterte. Es handelt sich um eine spannungsgeladene fiktive Geschichte, die sich im Diamanten-Handel, eines der schillerndsten Geschäfte der Menschheit, wieder- findet. Als dieser H11-Diamant auftaucht, gerät das den weltweiten Diamantenmarkt beherrschende Syndikat, das der Autor hier De Bakkers nennt, in Panik und versucht alles, um die Kontrolle über diese revolutionären H11-Edelsteine zu erhalten. In die Schusslinie geraten dabei gleich zwei Protagonisten, die den Leser auf eine abenteuerliche Reise von Antwerpen bis zum Fundort nach West-Afrika mitnehmen. Zum einen ist es Jan Engbus, ein ehemaliger Fremdenlegionär und Abenteurer, der nicht nur die H11-Diamanten sondern auch die Liebe seines Lebens findet. Zum anderen Samuel Rosenstein, der missratene Sohn einer jüdischen Diamanten-Dynastie aus Antwerpen. Er ist ein verkappter Künstler, der droht im Rotlichtmilieu unterzugehen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch

Basierend auf einen Fachaufsatz der irischen Kristallographin Kathleen Lonsdale, in dem sie von einem ganz außergewöhnlichen Mineralienfund berichtete, ist die Idee zum Roman entstanden.

Ihr zu Ehren bekam das Mineral den Namen Lonsdaleit, den der Autor in „H11-Diamanten“ erweiterte.

Es handelt sich um eine spannungsgeladene fiktive Geschichte, die sich im Diamanten-Handel, eines der schillerndsten Geschäfte der Menschheit, wiederfindet.

Als dieser H11-Diamant auftaucht, gerät das den weltweiten Diamantenmarkt beherrschende Syndikat, das der Autor hier „De Bakkers“ nennt, in Panik und versucht alles, um die Kontrolle über diese revolutionären H11-Edelsteine zu erhalten.

In die Schusslinie geraten dabei gleich zwei Protagonisten, die den Leser auf eine abenteuerliche Reise von Antwerpen bis zum Fundort nach West-Afrika mitnehmen.

Zum einen ist es Jan Engbus, ein ehemaliger Fremdenlegionär und Abenteurer, der nicht nur die H11-Diamanten sondern auch die Liebe seines Lebens findet. Zum anderen Samuel Rosenstein, der missratene Sohn einer jüdischen Diamanten-Dynastie aus Antwerpen. Er ist ein verkappter Künstler, der droht im Rotlichtmilieu unterzugehen.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Institutionen sind rein zufällig.

Über den Autor

Eberhard Schmah arbeitete 40 Jahre als Berufsschullehrer, 3D-Artist, Moderator und Künstleragent. 2019 veröffentlichte er mit dem Roman “Das Geheimnis des Burgschreibers“ den ersten Band einer Trilogie. Diese Roman-Reihe „Heldenburg Band 1 - 3“ spielt in der Zeit des 30-jährigen Krieges. Mit dem nun veröffentlichten Thriller „Härte 11“ kehrt er zurück in die Gegenwart, genauer gesagt in das Jahr 2003.

Danksagung

Mein Dank gilt Fabian Rehkopf, der sich um Logiklücken und sonstige Fehler gekümmert hat, und Heinrich Sprink, der als Vorleser meine Romanfiguren in unnachahmlicher Weise zum Leben erweckt.

Personenbeschreibung:

Hauptfiguren

Jan Engbus (alias Maxime Fournier) – ist mit seinem Freund, Rudi Schlüter, gleich nach einer Lehre als Kfz-Mechaniker zur Fremdenlegion gegangen. Nach 30 Dienstjahren arbeitete er weitere 12 Jahre als Security-Mann in einem Schweizer Internat. Viel in den Bergen unterwegs, entdeckte er seine Leidenschaft für Bergkristalle und andere Mineralien. Jan Engbus ist ein sehr selbstsicherer Abenteurer.

Samuel Rosenstein – der Sohn von Elias Rosenstein, dem Patriarchen einer über 200 Jahre alten Diamantenhändlerdynastie aus Antwerpen. Nach einer Lehre, die er zusammen mit seinem Bruder Josua im Familienbetrieb absolvierte, studierte er Kunst in Amsterdam. Samuel versucht sich aus den Zwängen der jüdischen Familie zu befreien und liegt dabei dem Vater auf der Tasche. Er rutscht ab ins Rotlichtmilieu, Drogen- und Spielsucht bestimmen sein Leben.

Nebenfiguren

Elias Rosenstein - 80-jähriger Patriarch des Diamantenhandels „Rosenstein und Söhne“ in Antwerpen.

Josua Rosenstein – älterer Bruder von Samuel und Geschäftsführer des Diamantenhandels Rosenstein.

Benjamin Blum – Hausangestellter und Vertrauter von Elias Rosenstein.

Sheva – Tochter von Benjamin Blum und Mitarbeiterin im Diamantenhandel Rosenstein.

Noah – Mitarbeiter im Haus Rosenstein.

David Sternberg – Diamantenschleifer

Wim van de Voorde (alias der Boss) – Unterwelt-Boss im Rotlichtmilieu von Antwerpen. Er ist rücksichtslos und hat nur seinen eigenen Vorteil im Auge.

Luk und Pit – die beiden Handlanger vom Boss. Luk, ehemaliger Seemann, geht keinem Ärger aus dem Weg, ist aber eher das besonnene Muskelpaket. Hingegen ist Pit ohne jegliche Empathie nur darauf aus seinen Mitmenschen Schmerzen zuzufügen.

Eunice und Caro – Gespielinnen vom Boss.

Adriaan – Wasserschutzpolizei

Derk – Wasserschutzpolizei

Paul Rani – junger, indischstämmiger Mitarbeiter der Geschäftsführung des Diamanten-Syndikats „De Bakkers“.

Max Miller (alias „MM“) – hinterhältiger, gewalttätiger Außendienstmitarbeiter von „De Bakkers“, sucht seinen eigenen Vorteil.

Arthur Harrison – Chef von „De Bakkers“.

Bram – Freund von Jan und Hafen-Resort-Besitzer in Terherne, holländisch Friesland.

Fleur – kubanische Schönheit mit Strandbar in Amsterdam.

Vincent de Vries – Studienfreund von Samuel.

Rudi Schlüter – (alias Laurent Faivre) – Jugendfreund von Jan und Fremdenlegion-Kamerad.

Emil Durand – ehemaliger Fremdenlegionär.

Osongo Malabo – Bubi-Fürst auf der Insel Bioko.

Buake Malabo – Sohn des Bubi-Fürsten.

Regen prasselte auf die Dächer und Gassen des Rotlichtviertels von Antwerpen. Samuel torkelte durch die Tür seiner Stammkneipe ins Freie. Gierig sog er die frische Nachtluft in seine verrauchte Lunge. Hustenreiz überkam ihn. Würgend und spukend stolperte er auf das nasse Pflaster. Es war mal wieder viel zu spät geworden.

Seit Tagen versuchte er seine Probleme zu ersäufen, aber was er auch anstellte, dass Kopfkino ließ sich nicht ausschalten. Pleite – kein neues Gefühl, doch immer wieder erschreckend.

Er legte den Kopf in den Nacken und blinzelte in den weinenden Nachthimmel. Mit weit aufgerissenem Mund versuchte er die Regentropfen zu fangen. Da passierte es.

Vier kräftige Hände quetschten die Haut seiner Arme zusammen. Es fühlte sich an, als ob man ihn mit großen Zangen foltern würde.

»Da ist ja die Kanalratte.«

Samuel lief es eiskalt über den Rücken. Er kannte die beiden tätowierten Gestalten. Es waren die brutalen Geldeintreiber von Wim Van de Voorde. Ihm gehörte die Bar mit dem Hinterzimmer, in dem er immer wieder beim Poker sein Glück herausforderte.

»Findest du nicht auch Luk, unser Freund sieht wirklich richtig scheiße aus.«

»Du sagst es Pit, blass wie´ne Wasserleiche.« Hämisches Lachen schallte durch die Gasse.

Luk kniff Samuel in die Wange und schüttelte sie.

»Keine Sorge, der Boss wird dir schon Farbe ins Gesicht zaubern.«

Unvermittelt drückte Pit ihm einen Elektroschocker gegen den Hals. Der starke Stromschlag schüttelte Samuel durch und ließ ihn bewusstlos zusammen sacken.

Langsam kam er wieder zu sich und öffnete seine Augen. Dunkelheit umhüllte seinen schmerzenden Körper.

Wo hatten sie ihn hingebracht? Wie viel Zeit war vergangen? Er versuchte sich zu orientieren.

Plätschern drang an seine Ohren. Er spürte ein leichtes Schaukeln. War er auf einem Boot?

Na klar – die Motoryacht von Van de Voorde. Der Liegeplatz war ganz in der Nähe auf der Schelde. Er erinnerte sich, wie der Boss prahlte, dass er die Yacht beim Poker gewonnen hätte.

Plötzlich Vibrationen und das nagelnde Hämmern des Schiffdiesels. Der Stuhl, auf dem er festgebunden war, fing an zu schaukeln. Unverkennbar setzte sich das Boot in Bewegung.

»Oh nein!«, entfuhr es seinem Mund.

Ein Versuch aufzustehen scheiterte. Fesseln an Fuß- und Handgelenken schnitten ins Fleisch. Ein ungutes Gefühl stieg in ihm auf.

Die Drohung vom Boss schoss ihm in den Kopf.

»Die wollen mich doch nicht etwa tatsächlich ...«

Bevor ihm die letzten Worte über seine zitternden Lippen kamen, blendeten die Deckenstrahler seine Augen.

»So der Herr, jetzt wird's ernst, der Boss will dich sehen.«

Sie fassten den Stuhl und trugen ihn samt Samuel an Deck.

Die Morgendämmerung hatte bereits eingesetzt.

Der stramme Nordwestwind überzog seine nackten Arme mit Gänsehaut.

Mit eingezogenem Kopf schaute Samuel sich um.

Da stand er. Der Boss, wie ihn jeder im Rotlichtviertel ehrfürchtig nannte.

Sein fetter Körper war nur mit einem im Fahrtwind flatternden, locker gebundenen Morgenmantel gekleidet. Dunkelblaue Seide mit goldfarbenen Initialen. Gleich drei hochkarätige Panzerketten zierten seine behaarte Brust. Am Handgelenk eine mit Diamanten besetzte Rolex. Die Finger bestückt mit mehreren goldenen Ludenringen, die er nicht nur protzig zur Schau stellte, sondern gleichermaßen gekonnt als Schlagring einsetzte.

So stand er da – an der Reling gelehnt – in jedem Arm eine kaum bekleidete Gespielin haltend.

Die Damen schlürften Champagner, Wim Van de Voorde zog genüsslich an einer Zigarre.

Aber gerade weil der Boss so anders war als alle die, die er aus der großen jüdischen Gemeinde von Antwerpen kannte, faszinierte ihn dieser Wim Van de Voorde. Sein schillernder Auftritt, seine Art sich Respekt zu verschaffen, sein cleveres Pokerspiel – alles an ihm zog Samuel wie ein Magnet an. Selbst jetzt, wenn es ihm an den Kragen gehen sollte, fühlte er sich ihm nah.

»Seht ihn euch an, was für ein Paradiesvogel. Cowboystiefel, bunte zerrissene Leggins und dazu mitten im Sommer diese abgetragene schwarze Persianerpelzweste. Hast du das alles vom Secondhandshop?«

Hämisches Gelächter schlug Samuel entgegen.

»Samuel Rosenstein – wie konnte es nur so weit kommen, dass du der Sohn einer der reichsten Diamantenhändlerfamilien Antwerpens so rumläufst und obendrein mir auch noch einen Batzen Geld schuldest.«

Mit festem Griff fasste der Boss Samuel am Kinn und bog seinen Kopf zu sich nach oben.

»Meine Geduld ist zu Ende«, brüllte er ihn an.

»Wenn du nicht auf der Stelle mir eine Lösung vorschlägst, wie du deine Schulden begleichen willst, dann füttern wir mit dir die Fische.«

Sein stechender Blick durchbohrte ihn.

»Ist das klar, du ...?«

Vor Wut biss der Boss die Zähne aufeinander und schlug ihn mit der flachen Hand ins Gesicht.

Die Wucht des Schlages ließ Samuel erschrocken zusammenzucken. Stotternd suchte er nach Worten.

»Aber Boss – du, du weißt doch, dass ich bisher meine Spielschulden immer beglichen habe.«

»Beglichen, beglichen – das ich nicht lache. Beim letzten Mal hast du mich vier Wochen hingehalten. Damit ist jetzt Schluss.«

Samuel antwortete mit bebender Stimme.

»Mein alter Herr hat mir bisher immer aus der Patsche geholfen, aber ich kann ihn seit Tagen nicht erreichen. Er ist wie vom Erdboden verschluckt.«

»Ist das alles, was dir dazu einfällt? Schafft ihn nach achtern.«

Pit und Luk griffen ihn mit samt dem Stuhl, schleppten ihn zur hinteren Reling, knoteten ein Tau an die Lehne und warteten auf das Kommando vom Boss.

»Maschinen volle Fahrt voraus«, brüllte er.

Kraftvoll dröhnten die Motoren, der Bug hob sich aus dem Wasser und die Yacht jagte in schneller Gleitfahrt los.

»Auf was wartet ihr? Über Bord mit ihm.«

Samuel wollte Hilfe schreien, doch seine Kehle war wie zugeschnürt, so als ob sie ihm das Tau nicht um die Stuhllehne, sondern um den Hals geschnürt hätten. Wie ein Stein schlug er auf und versank im aufgewirbelten Schraubenwasser des Bootes.

Instinktiv hielt er die Luft an. Das kalte Nass ließ seinen Körper erstarren. Tiefer und tiefer sank er, bis ein kräftiger Ruck das Tau straffte und er wie, von einem Katapult abgeschossen, an die Oberfläche gerissen wurde.

Gierig rang er nach Luft. Wild am langen Tau hin und her pendelnd, klatschte er auf die Wellen. Wie auf einem unförmigen Wakeboard sprang Samuel mit spritzender Gischt über die Fluten.

Rasende 35 Knoten Fahrt machen ihn zum wehrlosen Spielball. Jedes Aufklatschen war wie ein Stoß auf einer harten Buckelpiste und durchzog seinen Körper mit einem Schmerzfeuerwerk.

Dann, ein heftiger Schlag, abruptes Abbremsen und der Stuhl versank auf der Stelle. Die Lehne hatte den rohen Kräften nicht länger standgehalten.

Wasser strömte in seine Luftröhre. Panik – blanke Panik ließ sein Herz rasen. Sein Atem füllte die Lunge nicht mehr mit dem so kostbaren Sauerstoff. So dauerte es nur wenige Augenblicke, bis der Kälte des Wassers eine wohlige Wärme folgte, die Samuels Körper vom Kopf bis in die Zehenspitzen flutete. Dann schwanden ihm die Sinne.

◘ ◘ ◘ ◘ ◘

Nach achteinhalb Stunden Fahrt trennten Jan nur noch wenige Kilometer von seinem Sehnsuchtsort Terherne.

Lächeln zog über sein Gesicht. Er drehte den Blues-Rock Sound seiner eingelegten CD lauter, fing an mitzusingen und rhythmisch auf dem Lenkrad herumzuhämmern. Diese euphorische Stimmung überkam ihn jedes Mal, wenn er sich seinem Ziel näherte.

Nur diesmal war es eine andere Art von Erregung. Es war kein normaler Urlaub, der ihn herführte.

Seit zehn Jahren zog es Jan Engbus immer wieder in die niederländische Provinz Friesland.

Terherne, direkt am Prinzessin-Margriet-Kanal gelegen, um die Ecke das Sneekermeer, über unzählige Kanäle mit anderen Seen verbunden und nicht weit entfernt das große Ijsselmeer.

Ein wahres Wassersportparadies. Kleine Häfen, romantische Liegeplätze mitten in der Natur, gemütliche friesische Städte wie Lemmer, Sneek, Grou, Joure, nicht weit entfernt und alle bequem mit dem Boot zu erreichen.

Terherne, ein Ort mit nur 760 Einwohnern, aber mit mindestens der doppelten Anzahl an Liegeplätzen. Dieses friesische Dorf mit seinem ganz eigenen Charme hatte Jan in seinen Bann gezogen.

An vielen Stellen tauchten unverhohlen die Handlungsplätze der Abenteuergeschichten, aus dem in den Niederlanden berühmten Jugendbuch „De Kameleon“ auf. Manchmal hatte Jan das Gefühl, die kindlichen Romanfiguren huschten leibhaftig an ihm vorüber.

Noch eine Klappbrücke passieren, dann links herum in die „Küpersleantsje“, eine enge Gasse und nach wenigen Metern hörte er die Navistimme sagen: „sie haben ihr Ziel erreicht“

Etwas steif von der Fahrt, stieg er aus und streckte sich. Er sog die vom moorigen Wasser geschwängerte Luft tief ein. Jan stand direkt vor einem kleinen Hafenbecken. An etlichen Liegeplätzen waren die für Friesland typischen Plattbodenschiffe vertäut.

Umgeben von 12 doppelstöckigen Hafenhäuschen ein idealer Ort, um dem Alltag zu entfliehen. Auf dem Balkon sitzen und nur dem Treiben auf dem Wasser zuzuschauen, einfach die Seele baumeln lassen; das gelang ihm hier, wie an keinem anderen Platz der Welt, mit einer Ausnahme, wenn er in den Alpen auf Bergkristall Suche war.

Jan schloss seine Augen und lauschte den ganz eigenen Geräuschen des Hafens. Das leichte Schubbern und quietschen der Fender, das Knarzen der Taue und das Schlagen der Takelage gegen die Masten. Es klang wie eine vertraute Melodie, die ihn alles um sich herum ausblenden ließ.

»Jan Engbus – ich glaube es nicht – sind denn schon wieder Herbstferien?«

Jan öffnete erschrocken seine Augen. Neben ihm stand Bram und klopfte ihm auf die Schulter.

Ihm gehörten sowohl die Hafenanlage, wie auch die Ferienhäuser.

Jan nahm Bram in seine Arme.

»Du hast wohl ganz vergessen, dass ich ab diesem Sommer mit dem Internatsleben durch bin und ab sofort Zeit ohne Ende habe.«

»Na dann herzlich willkommen. Aber sagt mal, solltest du nicht in diesen Wochen auf deiner Abenteuerreise sein?«

»Stimmt, ich bin vor ein paar Tagen zurückgekommen.«

Bram sah ihn mit großen Augen an.

»Kaum zu Hause hat es dich gleich wieder hierher verschlagen. Wenn ich mich richtig erinnere, wolltest du frühstens im Oktober kommen. Hast du überhaupt ein Häuschen gebucht?«

»Ich hoffe, du lässt einen alten Stammgast und Freund nicht im Regen stehen. Notfalls such ich mir einen Platz an Board eines dieser schmucken Plattbodenschiffe.«

Beide lachten herzhaft.

»Aber mal Spaß beiseite. Ich bin nicht ohne Grund außer der Reihe gekommen. Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?«

»Du machst es aber spannend. Komm mit, ins Büro, da sind wir ungestört.«

An den Wänden hingen eine Reihe Fotos von historischen Skûtsjes, die viele Jahre lang als Frachtschiff auf den friesischen Binnengewässern schipperten.

Jan blieb vor den Bildern stehen.

»Na, mein lieber Jan, was macht eigentlich dein Traum vom eigenen Boot? Jetzt wo du im Ruhestand bis, hast du doch Zeit genug.«

»Zeit schon, aber noch muss ich ein bisschen sparen, bis ich mir mein Wunschboot leisten kann.«

Jan drehte sich zu Bram und grinste ihn an.

»Es sei denn ...«

Er griff in die Tasche, holte einen Lederbeutel heraus und schnürte ihn auf.

»Was soll das sein?«, fragte Bram.

»Das, was du hier siehst, sind mit Glück echte Rohdiamanten. Ich habe sie vor zwei Wochen auf meiner Exkursion durch einen Zufall gefunden.«

Bram nahm einen der Steine zwischen die Finger und bewegte ihn im einfallenden Sonnenlicht.

»Du meinst, das dieses unscheinbare Gebilde ein Edelstein ist?«

Bram sah ihn skeptisch an.

»Hast du mir nicht beim letzten Besuch gesagt, dass du zu einem Vulkan wolltest, um dich für deine Steinsammlung umzusehen.«

»Das habe ich auch. Fast eine ganze Woche lang bin ich in dem riesigen, wild überwucherten Vulkankrater herumgeschlichen, bis ich an einem durch Buschwerk verdeckten Grat den Halt verlor und etliche Meter in die Tiefe rutschte. Es war der Meteoritenkrater, nach dem ich Ausschau gehalten hatte. Quasi ein Krater im Krater, in dem ich nach dem seltenen Meteoritengestein suchen wollte.«

»Ach du Schreck, hast du dich verletzt?« Jan winkte ab.

»Gott sei Dank nicht, nur ein paar kleine Abschürfungen. Doch als ich mich abstützte, um wieder auf die Beine zu kommen, da sah ich ihn. Mit meinen Füssen hatte ich beim Rutschen Gestein zur Seite geschoben und direkt am Schuh habe ich dann den Ersten von diesen – nennen wir sie ruhig Diamanten – gefunden.«

»Wie kommst du überhaupt auf die Idee, dass die Steine echt sind? Also ich erkenne Diamanten erst, wenn sie zu Schmuck verarbeitet sind und beim Juwelier im Schaufenster liegen.«

Jan griff in seine Jacke und holte ein handliches Gerät heraus.

»Dies hier ist ein sogenannter Diamant-Selektor. Mit dem messe ich die Wärmeleitfähigkeit. Diamanten haben eine viel höhere Leitfähigkeit als z.B. meine geliebten Bergkristalle.«

Jan hielt die Spitze des Messgerätes an einen der Steine. Die optische Anzeige leuchtete grün und ein Piepton unterstrich akustisch das positive Ergebnis.

»Man merkt doch gleich, dass du dich schon seit Jahren mit Mineralien und Edelsteinen beschäftigst.«

»Und ob, wenn ich da an die vielen Exkursionen denke, für die ich immer meinen ganzen Urlaub geopfert habe, dann sprechen wir schon von einer art Steinsucht.«

»Und warum bist du nun mit den Steinen ausgerechnet zu mir gekommen?«

»Also ein paar Ungereimtheiten gibt es da schon, denn wenn du den Stein ins Licht hältst und ihn etwas bewegst, erscheint, wie aus dem Nichts so ein merkwürdiges Blitzen.«

»Ja aber das ist doch bei Diamanten so, oder?«

»Nein, nein – auf keinen Fall bei Rohdiamanten. Zunächst müssen 57 Facetten geschliffen werden und erst dann verwandelt sich der unscheinbare Rohling in einen funkelnden Brillanten.«

Jan griff nochmals in die Tasche.

»Schau, ich habe mir extra übers Internet einen echten Rohdiamanten gekauft. Wenn du beide nebeneinander ins Licht hältst, siehst du deutlich den Unterschied. Übrigens, dieser hier wiegt 3,2 Karat und kostet in dieser minderen Qualität, die nur als Industriediamant geeignet ist, 284 Euro. Die wenigsten Rohlinge, die auf der Welt gefunden werden, haben die Reinheit, um für einen Schmuckdiamanten in Frage zu kommen.«

Bram schaltete das Licht seiner Schreibtischlampe an, nahm die Steine zwischen seine Finger und bewegte sie langsam hin und her.

»Du hast recht, jetzt sehe ich´s. Aber, so erstaunlich das ist, wie soll ich dir helfen?«

Jan rückte näher an Bram heran.

»Was ich brauche, ist das Urteil eines absoluten Fachmanns, einer, der in der Fachwelt anerkannt ist und der über jeden Zweifel erhaben ist.«

Bram lachte laut los, stellte sich ans Fenster und deutete auf die Plattbodenschiffe.

»Da bin ich eher der Fachmann für historische friesische Boote.«

»Bram, du hast mir doch im Frühjahr bei meinem letzten Kurzurlaub erzählt, dass die kleine Insel im Jentjemeer, inkl. Häuschen über deinen Freund, dem Makler aus Joure, verkauft wurde.«

»Stimmt – ich erinnere mich noch, dass du scharf darauf warst und dass sie dir nun ein Anderer vor der Nase weggeschnappt hat.«

Jan lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf.

»Das wäre´s gewesen – als frisch gebackener Rentner eine eigene Insel mit Haus und einem Boot vor der Tür. Aber 875.000 Euro – für mich leider eine Hausnummer zu groß.«

»Moment mal, du willst doch nicht etwa mit deinen Diamanten dem neuen Eigentümer alles wieder abkaufen.«

»Schöne Idee Bram, aber diesmal geht es ausschließlich um den Besitzer Elias Rosenstein, den Diamantenhändler aus Antwerpen.«

Bram schlug die Hände zusammen.

»Jetzt verstehe ich – nun wird mir alles klar. Aber ich habe dir schon im Frühjahr gesagt, dass der alte Herr Rosenstein dort quasi inkognito lebt. Ich hätte dir gar nicht von ihm erzählen dürfen.«

»Ist schon klar. Ich habe nicht vergessen, was du deinem Makler-Freund versprochen hast, aber in diesem besonderen Fall werde ich ihm wohl einen Besuch abstatten müssen.«

»Jan, lass es mir zuliebe bitte bleiben, ich will es mir mit meinem Freund nicht verscherzen. Ich habe ihm versprochen keinem von dem Käufer zu erzählen. Es gibt doch noch andere Fachleute, die du kontaktieren könntest.«

»Aber genau dieser Elias Rosenstein wird in Fachkreisen, so hab ich`s gelesen, als die graue Eminenz des Diamantenzentrums Antwerpen bezeichnet, der Fachmann schlechthin. Und da es sich hier um einen ausgewöhnlichen Fund handelt, wäre es dumm, ihn nicht aufzusuchen. Ich verspreche dir auch ganz diplomatisch vorzugehen.«

Bram konnte Jan nicht von seinem Vorhaben abhalten. Am nächsten Morgen mietete er sich ein Boot und machte sich auf den Weg.

◘ ◘ ◘ ◘ ◘

Wasserspuckend, hustend und keuchend kam er zu sich. Luk hielt ihn kopfüber und versuchte mit seinen kräftigen Armen jeden verschluckten Tropfen aus Samuel herauszupressen.

»Genug jetzt!«, hörte er die raue Stimme vom Boss.

»Sei froh und dankbar, dass Luk und Pit dich aus den Fluten gezogen und dein jämmerliches Leben gerettet haben.«

Samuel rieb sich das Wasser aus den Augen.

Breitbeinig, die Hände in die Hüften gestützt, stand sein Peiniger lachend vor ihm.

»So, du Wasserratte, ich hoffe, das war dir eine Lehre. Beim nächsten Mal schippern wir noch ein bisschen weiter auf die Nordsee raus und dann ersetzen wir den Stuhl durch einen Betonklotz. Hast du´s endlich begriffen?«

Der Boss zog Samuel an seinem langen, geflochtenen Zopf in die Höhe.

Für einen Moment sah es tatsächlich so aus als hätte er eine triefende Wasserratte am Schwanz erwischt.

»Genug des Schauspiels.«

Er winkte seine Gespielinnen zu sich.

»Eunice, du bringst ihn unter Deck, verpasst ihm ´ne heiße Dusche und dann will ich den Herren Rosenstein in 30 Minuten im Salon sehen.«

Eunice kümmerten sich rührend um Samuel. Dem Tod nur knapp entkommen spürte er wohltuende, fast zärtliche Finger auf der Haut. Was für ein Wahnsinn, dachte er.

»Halt still, ich habe hier eine Wundsalbe. Dein armer Rücken sieht wirklich fürchterlich aus.«, haucht Eunice mit einfühlsamer Stimme.

Samuel kannte die brasilianische Schönheit aus der Bar, seiner Stammkneipe im Rotlichtbezirk. Dort war sie ihm noch nie so nah gekommen. Der Boss sah sie als sein persönliches Eigentum an und jeder war gut beraten sie nicht anzufassen.

Da lag er nun splitterfasernackt vor ihr und ließ sich verwöhnen. Ein bisschen verlegen war er schon, doch Eunice lächelte jede Unsicherheit weg.

Ihre großen dunklen Augen, ihre samtig goldbraune Haut, ihr makelloser Körper und der sie umgebende betörende Duft – Samuel wähnte sich im Paradies.

»Komm, es wird Zeit, der Boss wartet nicht gern.«

Mit diesen Worten half sie Samuel, der immer noch etwas wackelig auf den Beinen stand, in einen weißen Bademantel.

»Wenn ich dir einen Rat geben darf«, sagte sie, während ihre schlanken Finger den Gürtel um seine Hüfte banden, »ich weiß, dass der Boss dir einen Handel vorschlagen wird.«

»Einen Handel?«, Samuel verstand die Welt nicht mehr.

»Gerade noch wollte er mich umbringen und nun will er mit mir Geschäfte machen. Also ich kann da nicht mehr folgen.«

Eunice setzte wieder ihr betörendes Lächeln auf, griff nach Samuels Zopf und strich ihn über ihre vollen Lippen.

»Vielleicht wollte er dich gar nicht töten.«

»Du meinst, das war alles nur ...«

Eunice legte ihm zwei Finger auf den Mund.

»Ich hab´ schon viel zu viel gesagt – auf jeden Fall solltest du auf das, was auch immer der Boss dir vorschlägt, eingehen – sonst war das unser letztes Gespräch und das wäre doch wirklich schade – oder?« Eunice drehte sich um und zog Samuel an seinem langen Zopf hinter sich her. Nach wenigen Schritten öffnete sie die Tür zum Salon der Yacht.

Der Boss hatte es sich auf einem roten Ledersofa bequem gemacht. Über ihm gebückt kniete Mia, die ihn mit einem gehäuften Löffel Kaviar verwöhnte.

»Ah – der Herr Rosenstein ist wieder unter den Lebenden. Setz dich und greif zu. Nach deinem kleinen Abenteuer hast du doch sicherlich Hunger.«

Samuel nickte ihm verhalten zu und ließ sich in die dicken Lederpolster fallen. Es waren edle Chesterfield-Polster im alten englischen Stil. Er drehte seinen Kopf und staunte. Wo er auch hinsah, teuere antike Möbel „made in Great Britain“.

»So viel Geschmack hättest du mir wohl nicht zugetraut. Hat mich ´ne Stange Geld gekostet.«

»Zufällig hat mein alter Herr auch ein Faible für antike Möbel von der Insel. In unserer Villa steht davon jede Menge Krempel rum.«

Der Boss schob Mia zur Seite und richtete sich auf.

»Krempel nennst du meine formvollendeten Edelhölzer? Da hätte ich von dir als Künstler mehr erwartet.«

»Meine Kunst ist nun mal moderne Malerei, die Kraft der Farben und nicht der verstaubte Dunst des Britisch Empires.«

Der Boss funkelte ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

»Wertschätzung ist scheinbar für dich ein Fremdwort. Kein Wunder, dass dein alter Herr nichts mehr mit dir zu tun haben will.«

»Was soll das denn heißen? Ich habe nur gesagt, dass ich ihn seit Tagen nicht erreiche.«

Der Boss lehnte sich wieder zurück und genoss erneut einen Löffel voller Kaviar.

»Kommen wir zum Geschäft – Eunice reich mir das Buch.«

Sie drückte ihm eine schwarze Kladde in die Hand. Er schlug sie auf und blätterte bedächtig.

Mit einem verschmitzten Lächeln sah der Boss Samuel an.

»Du bist nicht der Einzige, der das Zocken nicht lassen kann.«

Er drehte die beschriebenen Seiten zu Samuel.

»Damit ich nicht den Überblick verliere, hab´ ich die Sündiger alle notiert, Name, Datum, Betrag und ganz wichtig, das Zahlungsziel.«

Der Boss sah wieder ins Buch und schüttelte seinen Kopf.

»24.000 Euro stehen hier hinter dem Namen Samuel Rosenstein – Zahlungsziel längst überschritten – wie willst du das je zurückzahlen?«

Samuel zuckte mit den Schultern.

»Du selbst hast mir doch immer mehr Kredit eingeräumt und im Moment habe ich halt eine Pechsträhne.«

»Pechsträhne, dass ich nicht lache. Dein ganzes Leben scheint eine einzige Pechsträhne zu sein.«

»Ich lebe nun mal meinen Traum und liebe die Unabhängigkeit.«

»Ein Traum, in dem du dich vom alten Herren aushalten lässt. Wenn du so weiter lebst, nabelst du dich nie ab.«

Der Boss stand auf und zündete sich eine Zigarre an.

»Die Wohnung an der Schelde, das Atelier, dein monatliches Salär, alles vom Herren Vater. So viel zum Thema Unabhängigkeit.«

Verwundert sah Samuel ihn an.

»Wieso weißt du so gut über mich Bescheid?«

Der Boss setzte sich neben Samuel in den Sessel. Er nahm einen tiefen Zug und blies ihm den Zigarrenrauch ins Gesicht.

»Nehmen wir mal an, dass ich dich bewusst mit dem Geld eingenebelt habe. Vom ersten Tag an, als du in meine Bar kamst, bis du mir aufgefallen. Was für ein Paradiesvogel dachte ich damals – bis ich erfuhr, aus welcher feinen Familie du kommst. Ich brauchte also nur noch eins und eins zusammenzählen, um dich wie ein offenes Buch zu lesen.«

Samuel dämmerte so langsam, dass es dem Boss in erster Linie gar nicht um die ausstehenden Spielschulden ging. Aber was hatte er mit ihm vor?

◘ ◘ ◘ ◘ ◘

Es war genau diese Langweerder Sloep, die es Jan angetan hatte. Zum entspannten Dahingleiten, wie mit einer Harley zum Cruisen auf den friesischen Meeren. Ein Boot in traditioneller Klinkerbauweise, mit umlaufendem dicken Fendertampen und einen Dreizylinder Innenborddiesel. Die 14 Pferdestärken beschleunigten die Sloep auf gemütliche 10 km/h.

So hatte er in den letzten Jahren unzählige Fahrten rund um das Sneekermeer unternommen. Eine Tourenkarte brauchte er schon lange nicht mehr. Jan kannte inzwischen jeden Kanal, jeden See, jede Untiefe und jeden noch so abgelegenen, kostenfreien Liegeplatz.

Um zu seinem Ziel, der kleinen Insel im Jentjemeer, zu gelangen brauchte er rund 40 Minuten.

Genug Zeit sich einen Schlachtplan zurechtzulegen.

Jan hatte in Fachzeitungen und im Internet nach Elias Rosenstein gesucht. Er wollte so viel wie nur möglich über ihn erfahren. Dort war zu lesen, dass er Anfang des Jahres, zu seinem 80. Geburtstag, dem ältesten Sohn Josua den Diamantenhandel übergeben hatte und dass er sich ins zweite Glied zurückziehen wollte.

Die Rosensteins waren seit vielen Generationen eine der angesehensten Familien im Diamantengeschäft und wurden von der Fachwelt in den höchsten Tönen gelobt. Jan war überzeugt, dass Elias Rosenstein begeistert sein würde und dass er ihm mit seinem Fund weiterhelfen könnte.

Gleich war es geschafft. Nur noch das Langstaartenmeer durchkreuzen und direkt dahinter schloss sich über eine enge, von hohem Schilf eingewachsene Durchfahrt, das Jentjemeer an.

Er legte das Ruder etwas Steuerbord, die letzte Kurve wurde genommen und dann tauchte sie auf, die kleine namenlose Insel, von der er seit vielen Jahren träumte. Knapp 1000 Quadratmeter flaches Land, das sich nur zwei Handbreit aus dem Wasser heraushob. Im Schatten einiger imposanter Erlen schmiegte sich ein mit Brettern verkleidetes Häuschen harmonisch in die Natur.

Jan nahm Fahrt heraus. Der Dreizylinder tuckerte kaum hörbar vor sich hin. In Schleichfahrt näherte er sich und umrundete das kleine Eiland. Jan ließ seinen Blick über die Insel streifen. Niemand war zu sehen, nichts regte sich, kein Boot am Anleger.

Sollte er sich umsonst auf den Weg gemacht haben? Er drehte bei, stoppte und sprang mit der Bugleine auf den Bootssteg.

Kaum hatte er seine Sloep vertäut und war die ersten Schritte auf das Grundstück gegangen, öffnete sich die Haustür.

»Können sie nicht lesen, anlegen und betreten verboten. Dies ist Privatbesitz.«

Ein alter Herr, schwarz gekleidet, mit ergrautem Bart und mit einer Kippa auf dem Kopf war im Eingang erschienen. Leicht gebeugt, in der Hand einen Gehstock mit silbernem Knauf, schritt er auf Jan zu.

»Sie sind ein Tourist, wie ich an ihrem Mietboot sehe – aber wenn sie das Haus mieten wollen, muss ich sie enttäuschen.«

Jan stockte für einen Moment der Atem. Er musste es sein. Es gab bei seiner Recherche zwar vom Medienscheuen Patriarchen kein Foto, doch so hatte er sich ihn vorgestellt.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung und nein – ich suche keine Ferienwohnung, denn ich habe bereits ein Ferienhaus in Terherne bezogen.«

»Und weshalb haben sie dann meine Insel betreten?«

Jan hatte sich überlegt, den alten Herren nicht gleich zu verschrecken und nicht sofort mit der Tür ins Haus zu fallen.

»Mein Name ist Engbus, Jan Engbus, und ob sie es glauben oder nicht, diese Insel ist für mich seit Jahren so etwas wie ein kleines Paradies. Ich hätte sie mir am liebsten gekauft, aber als ich dann beim Makler in Joure die Preisvorstellung las, zerplatzte mein Traum wie eine Seifenblase.«

Der alte Mann musterte Jan von oben bis unten.

»Da kann ich ja von Glück reden, dass sie mir meinen Rückzugsort nicht vor der Nase weggeschnappt haben.«

Das Eis schien gebrochen – doch was war das? Nur wenige Meter entfernt hingen vom Eingangsüberdach, auf einen Draht aufgefädelt, Steine herab.

»Ich glaube es nicht – wie kommen die „Hühnergötter“ hierher?«

Der alte Herr drehte sich um.

»Sie kennen diese Lochsteine, die böse Geister vom Haus fernhalten?«

»Ja, vor allem den Hühnerstall vor Fuchs und Marder schützen – so kenne ich zumindest den Aberglauben. Auf der Ostseeinsel Fehmarn habe ich vor Jahren meine ersten Exemplare gesammelt. Steine und Mineralien sind meine große Leidenschaft. Es fasziniert mich jedes Mal ein Stück Erdgeschichte in den Händen zu halten.«

Das Gesicht von Jan´s Gegenüber hellte sich auf.

»So – Steine sind Ihre Leidenschaft, wenn das kein Zufall ist. Dann kommen sie mal mit.«

An den aufgezogenen Hühnergöttern blieb der alte Herr stehen. Behutsam ließ er seine Hand über die bizarren, vom Meer geformten Steine gleiten.

»Ich glaube, dass diese Hühnergötter – wie sie sie nennen – durchaus mehr beschützen, als nur Häuser und Hühnerställe. In Steinen stecken oft Kräfte, die wir Menschen mit unserem rationalen Denken nicht erfassen.«

Was auch immer er mit dem fast philosophisch anmutenden Satz sagen wollte, Jan´s Leidenschaft zu Steinen wirkte offenbar wie ein Türöffner.

Über einen Windfang betraten sie eine geräumige Wohnstube. Jan sah sich um und traute seinen Augen nicht. Wo er auch hinschaute, Regale voller Mineralgestein. Auf den ersten Blick wirkte es wie eine große Verkaufsausstellung. In der Mitte des Raums lagen auf einem massiven Holztisch Fachbücher, Lupen, Pinzetten und einige Mineralien. Mittendrin stand ein hochmodernes Mikroskop mit großem Display und aufgesetzter Digitalkamera.

Obwohl Jan, überwältigt von den Eindrücken, sich kaum mehr zurückhalten konnte, beschloss er weiterhin den alten Herren über den wahren Grund seines Besuchs noch ein wenig im Unklaren zu lassen.

»Unglaublich, ich bin sprachlos – also meine Sammlung umfasst ja auch schon einige hundert Exponate, aber eine solch große Privatsammlung habe ich noch nie gesehen.«

»Ich habe sie nicht gezählt, aber es war Schwerstarbeit, die vielen Steine hier auf die Insel zu transportieren.«

Er gab Jan einen Klaps auf die Schulter.

»Nur zu, gehen sie ruhig näher heran.«

Jan wusste gar nicht, wo er zuerst hinschauen sollte. Das der ergraute Diamantenhändler aus Antwerpen ebenso ein Herz für Nichtedelsteine, ja sogar für Hühnergötter hatte, verwunderte Jan.

»Haben sie die etwa alle selbst gesammelt?«

»Nein, nein, wo denken sie hin. Ich war bis vor kurzem in meinem Berufsleben viel zu sehr eingespannt.«

»Aber sie hätten doch wie ich im Urlaub das Eine mit dem anderen verbinden können.«

»Urlaub? Mein Beruf war meine Leidenschaft. Da war für Urlaub kein Platz.«

»Eigentlich schade, denn das Erlebnis einen schönen Stein selbst zu finden oder sogar ein seltenes Exemplar zu entdecken, das ist schon aufregend. Ich war als Securityverantwortlicher in einem Schweizer Internat beschäftigt und sobald die Sommerferien anfingen, habe ich nur noch Rucksack und Werkzeug gegriffen und dann nichts wie los. In den Alpen habe ich viele Bergkristalle gefunden.«

Jan hielt es nicht mehr aus. Er wollte jetzt endlich wissen, ob seine Fundstücke tatsächlich echte Rohdiamanten waren.

»Am Anfang bin ich nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Steinsuche gegangen, aber in diesem Jahr habe ich mir einen Traum erfüllt. Ich habe einen erloschenen Vulkan besucht.«

Jan merkte, wie er seine Anspannung nicht mehr verbergen konnte.

»Sie haben doch nicht etwa Kimberlit entdeckt?«

Kimberlit war das Stichwort. Der alte Herr hatte mit diesem diamantenhaltigen Gestein die Zündschnur selbst gelegt.

Jan fasst sich ein Herz, holte seinen Lederbeutel aus der Hosentasche und drückte ihn seinem Gastgeber in die Hand. Gespannt wartete er auf seine Reaktion.

Der alte Mann setzte sich an den Tisch, öffnete die Schnürung und breitete das Leder aus. Still, ohne ein Wort zu verlieren, taxierte er bedächtig die Fundstücke. Stumm sah er kurz zu Jan, nahm einen Stein, rückte die hell leuchtende Arbeitslampe zurecht, klemmte sich eine Lupe vor sein Auge und betrachtete ihn.

»Wo, sagen sie, haben sie diese Steine gefunden?«

»Wie ich schon sagte, in einem Vulkankrater, genauer gesagt in einem kleinen Krater innerhalb des Großen, in den ich versehentlich hineingerutscht bin. Ein Meteoriteneinschlag.«

Gründlich begutachtete er auch die anderen Steine. Immer wieder drehte und wendete er sie und hielt sie dabei ins Licht. Als er sie auch noch unter das Mikroskop legte, war für Jan klar, dass das ungewöhnliche Blitzen im Inneren des Rohlings den Fachmann gepackt hatte.

»Und ich, Herr Engbus, soll ihnen abnehmen, dass sie hier rein zufällig vorbeigekommen sind und natürlich rein zufällig diesen Beutel mit Rohdiamanten dabei haben.«

»Jaaa – ich wusste es«, brach es mit einem unterdrückten Aufschrei aus Jan heraus, »es sind also tatsächlich Diamanten.«

»Dann wissen sie sicherlich auch, wen sie hier vor sich haben.«

»Sie sind Elias Rosenstein«, kam es Jan etwas verlegen über seine Lippen, »ich muss mich nochmals entschuldigen, dass ich mich eingeschlichen habe, aber da diese Steine, so glaube ich zumindest, etwas Außergewöhnliches sind, wollte ich sie nur einem vertrauenswürdigen Fachmann zeigen.«

Rosenstein lehnte sich in seinem Sessel zurück.

»Sie halten mich also für vertrauenswürdig? Woher wissen sie überhaupt von mir und wie zum Teufel haben sie mich aufgespürt?«

Jan räusperte sich.

»Es war ein reiner Zufall. Ein Freund hatte mir – zugegebenermaßen etwas unbedarft – von dem neuen Besitzer der Insel, der im Diamantengeschäft das Geld für den Kauf verdient hätte, erzählt. Danach habe ich im Internet und in Fachzeitschriften nach ihnen gesucht und bin halbwegs fündig geworden.«

»Verdammtes Internet, da will man endlich seine Ruhe haben und dann ...«

Elias Rosenstein nahm einen Stein und hielt ihn hoch.

»Und dann kommt da ein gewisser Jan Engbus und bringt mich nach über 60 Jahren im Diamantengeschäft zum Staunen.«

Erneut legte er einen Stein unter das Mikroskop und drehte das Display zu Jan.

»Innere Facetten, so perfekt angeordnet, als ob sie jemand hineingeschliffen hätte. Ich habe durchaus schon viele Varianten bei mir auf den Tisch bekommen, aber so etwas Verrücktes macht mich fast sprachlos.«

»Darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen«, erwiderte Jan.

»Der Vulkan hat doch bestimmt die Diamanten vor vielen Jahrtausenden an die Erdoberfläche, also in den heutigen erkalteten großen Krater transportiert.«

»Möglich, aber das erklärt nicht die inneren Verwerfungen.«

Elias Rosenstein fasste sich grübelnd an sein Kinn.

»sie sagten, sie haben die Steine in einem Krater eines Meteoriteneinschlages gefunden.«

»Genau. Ich habe einen Einheimischen, der zufällig den Einschlag beobachtet hatte und darüber in Internetforen berichtete, kontaktiert. Eigentlich war ich auf der Suche nach Meteoritengestein, aber dieser Fund ... damit hatte ich weiß Gott nicht gerechnet. Übrigens, der Krater hat etwa 80 Meter Durchmesser und ist rund 10 Meter tief.«

»Das, was uns hier zum Erstaunen bringt, muss mit einer ungeheueren Wucht und Hitze passiert sein. Dieser kleine Krater könnte tatsächlich von einem herabgestürzten Meteoriten stammen, der im Augenblick des Auftreffens diese Verformung ausgelöst hat. Also – mir fällt jedenfalls im Moment nichts Besseres ein – oder warten sie, ich hatte doch da vor einiger Zeit einen Fachartikel ...«

Elias Rosenstein stürzte sich auf ein Wirrwarr von Zeitungen. Wild blätternd suchte er nach dem Artikel, der etwas mehr Licht auf das Rätsel werfen sollte.

»Hier hab´ ich´s. Ein bemerkenswerter wissenschaftlicher Aufsatz von der Arizona State University – in dem geht es um Lonsdaleit – da heißt es: „Bei genauer Analyse ähnelt die Kristallstruktur von Lonsdaleit dem eines stark verformten Diamanten“ – und weiter steht hier: „Das aber bedeutet, dass das rätselhafte Mineral Lonsdaleit in Wirklichkeit nichts anderes als ein Diamant ist. Die gewaltigen Kräfte beim Meteoriteneinschlag haben Kohlenstoff enorm komprimiert und so Diamanten entstehen lassen. Gleichzeitig aber sorgten die Schockwellen des Einschlags für die Defekte, die die seltsam deformierte Struktur des Lonsdaleits erzeugten und eine besondere bisher nicht bekannte Härte hervorbrachten.«

Er schien mit einem Schlag wieder jung zu werden. Er sprang auf und packte Jan bei den Schultern. Seine Hände zitterten vor Erregung.

»Wenn die Steine schon jetzt das einfallende Licht zum Funkeln bringen, wie unglaublich stark muss dann erst die Wirkung mit den 57 Außenfacetten des Brillantschliffs sein?«

Rosenstein eilte an den Arbeitstisch und holte eine Feinwaage aus der Schublade.

»3,55 – 8,23 – 6,70 – 4,61 und sogar 10,42 Karat. So lupenrein sie auf den ersten Blick scheinen, dürften wir kaum mehr als 45-50% Schleifverlust haben. Wenn wir Glück haben, kommen dabei ein paar richtig wertvolle Diamanten raus.«

Elias Rosenstein stand auf, faltete die Hände auf dem Rücken und wanderte im Zimmer auf und ab bis er abrupt stehen blieb.

»Die einzige Unbekannte sind dabei die innenliegenden Facetten. Da können wir nur einen wahren.. «, er unterbrach seinen Redeschwall und sah zu Jan herüber, »einen wahren Fachmann wie David Sternberg ranlassen. Dem traue ich das am ehesten zu. Der hat für mich schon die kompliziertesten und wertvollsten Steine geschliffen.«

Er griff Jan bei der Hand und zog ihn auf ein Sofa. Mit gedämpfter Stimme sprach er weiter.

»Wenn das, was ich vermute, dabei herauskommt, dann halten wir hier eine absolute Sensation in den Händen und das wiederum könnte böse Geister auf den Plan rufen.«

Elias Rosenstein rückte näher.

»Gibt es da vielleicht noch mehr von diesen seltenen Exemplaren und können sie mir verraten, wo sie die Steine gefunden haben?«

Jan war sich nicht sicher, wie viel er preisgeben sollte. »Sie müssen entschuldigen, Herr Engbus, es ist

sonst nicht meine Art so neugierig zu sein, aber ich bin einfach zu aufgeregt.«

»Nun ja, ich hoffe auf Ihr Verständnis, dass ich ihnen den Fundort nicht verrate, aber diese fünf Steine sind nicht die Einzigen, die ich mitgebracht habe. Der Größte hat übrigens ein Gewicht von rund 88 Karat.«

Elias Rosenstein wurde mit einem Schlag kreidebleich. Er schien regelrecht unter Schock zu stehen.

»Würden sie mir auf dem weiteren Weg helfen, Herr Rosenstein?«, kam es Jan, der noch immer nicht so recht wusste wie ihm geschah, über die Lippen.

Langsam fasste sich der alte Herr wieder und trank hastig einen Schluck Kaffee.

»Habe ich sie richtig verstanden? Sie sagen, er wiegt 88 Karat – das ist so aufregend, dass ich es gar nicht erwarten kann auch diesen großen Brocken fertig geschliffen zu sehen. Wenn dieser Rohdiamant von ähnlicher Qualität ist, dann sprechen wir über einen Diamanten, der es würdig ist bei Christie’s in London versteigert zu werden. Das heißt, sie Herr Engbus, sind ein wahrer Glückspilz, denn ein solcher Fund ist wie ein Jackpot in der Lotterie.«

Doch dann versteinerte sich sein euphorischer Gesichtsausdruck.

»Um Ihre Frage nun zu beantworten – ja – und ob ich ihnen helfen will. Es gibt da allerdings noch ein paar Bedingungen. Erstens: Sie dürfen auf keinen Fall irgendjemanden von Ihrem Fund erzählen. Zweitens: Erwähnen sie niemals, dass sie mich hier getroffen haben. Und drittens: Sie müssen mir Ihr Vertrauen schenken und mir einen – besser noch - zwei der Steine für Probeschliffe überlassen.«

Jan stutzte.

»Herr Rosenstein, nicht dass sie mich falsch verstehen, ich vertraue ihnen durchaus – aber schon aus reiner Neugier möchte ich Ihrem David Sternberg bei der Arbeit ein wenig über die Schulter schauen.«

»Das wird schwierig. David ist ein Eigenbrötler. Wenn er schleift, riegelt er sich von der Außenwelt komplett ab. Ich erreiche ihn erst heute Abend, denn während seiner Arbeit ist Telefonieren absolut tabu. Wir müssen also noch ein wenig Geduld haben.«

Elias Rosenstein begleitete Jan zu seinem Mietboot, griff nach seiner Hand und schüttelte sie kräftig.

»Ich kann es immer noch nicht fassen, was sie, mein lieber Herr Engbus, da gefunden haben. Am besten sie kommen morgen nach dem Frühstück gleich wieder zu mir, bis dahin habe ich den Sternberg erreicht und dann besprechen wir das weitere Vorgehen.«

Jan stieg ins Boot, legte ab, drehte sich noch einmal winkend um und tuckerte mit seiner Sloep Richtung Terherne.

Wie in Trance nahm er die vielen Touristenboote, die mittlerweile die Kanäle und Seen befuhren, kaum wahr. Elias Rosenstein hatte ihn tief beeindruckt. Seine Hoffnung, mit dem mitgebrachter Fund diesen renommierten Diamantenfachmann zu beeindrucken, war aufgegangen.

Genauso wie Elias Rosenstein konnte Jan es kaum erwarten seine Steine im funkelnden Brilliantschliff in den Händen zu halten.

Überwältigt von den Eindrücken des Tages saß er am Abend auf dem Balkon seiner Ferienwohnung, entkorkte eine Flasche Rotwein und ließ das Erlebte nochmals Revue passieren. Ein berauschendes Gefühl überkam ihn, was zweifelsfrei auch ein wenig am vollmundigen Tropfen lag, aber in erster Line an der Begegnung auf seiner kleinen Sehnsuchtsinsel im Jentjemeer.

◘ ◘ ◘ ◘ ◘

Der Boss rückte seinen seidenen Morgenmantel zurecht, griff zur Champagnerflasche und schenkte sich und Samuel ein Glas der prickelnden Köstlichkeit ein.

»Weißt du, ich bin ein Mann, der ein Auge für die schönen und edlen Dinge im Leben hat.«

Er ging auf Eunice zu, fasste sie bei der Hand und hielt sie Samuel vor sein Gesicht. An ihren schlanken Fingern funkelte ein Diamantring.

»Ist dieser Stein nicht eine herrliche Laune der Natur. Eigentlich nur ein bisschen Kohlenstoff, der im Inneren der Erde geschmolzen und gepresst wurde, um die Schönheit meiner treuen Eunice zu unterstreichen.«

Also das war es – dachte Samuel – Diamanten, es ging die ganze Zeit um die Diamanten seiner Familie.

»Na, dämmert es endlich bei dir, mein lieber Herr Rosenstein, Sohn eines der ältesten Diamantenhandelshäuser in Antwerpen.«

»Soll das etwa heißen ....«

Der Boss schnitt ihm das Wort ab.

»Das soll heißen, dass du für mich der Türöffner zum Tresor im Hause Rosenstein bist.«

Samuel lehnte sich erschrocken zurück.

»Aber so funktioniert das nicht, denn ...«

»Spar dir deine Worte. Funktioniert nicht, gibt es bei mir nicht. Die Alternative für dich wäre, dass wir gleich nochmal auf die Nordsee rausfahren, doch diesmal zieht dich keiner aus dem Wasser.«

Der Boss setzte sich zu Samuel auf die Sessellehne, legte einen Arm um seine Schultern und presste ihn an sich.

»Wenn dir dein Leben lieb ist und du als unabhängiger Mann dastehen willst, gibt es für dich keine andere Möglichkeit.«

Der Boss erhob sich und setzte sich wieder zu seinen Gespielinnen.

»Übrigens ganz nebenbei streiche ich dann für deine Dienste natürlich die Spielschulden.«

Samuel jagten die Gedanken durch den Kopf. Der Ernst der Lage war ihm schon klar, denn die warnenden Worte von Eunice klangen im noch im Ohr. Doch wie sollte er an den Tresor kommen? Um sich Zeit zu verschaffen und die brenzliche Situation zu entschärfen, beschloss Samuel zunächst auf den Boss einzugehen.

»Du meinst, ich brauche dir die 24.000 Euro nicht zurückzahlen?«

»Aber nur, wenn du mir Zugriff auf die edlen Steine verschaffst, und glaub´ ja nicht, du könntest mich an der Nase herumführen. Dir ist hoffentlich klar, dass wir ab sofort jeden deiner Schritte beobachten.«

Der Boss beugte sich drohend nach vorn.

»Spätestens in zwei Tagen will ich dich in der Bar mit einem Plan sehen, wie wir an die Diamanten kommen.«

Seine Gesichtszüge entspannten sich wieder. Er hob sein Glas.

»So, mein Lieber, nun lass uns auf unsere neue Geschäftsbeziehung anstoßen.«

◘ ◘ ◘ ◘ ◘

Samuel rang nach Luft. Vornübergebeugt stützte er sich auf seinen Oberschenkeln ab. Er hasste defekte Fahrstühle. Der Aufstieg in den dritten Stock des Antwerpener Diamantenzentrums hatte ihm den Atem geraubt.

Schwindel überkam ihn. Sein geschundener Körper zeigte ihm die rote Karte. Kondition war ohnehin ein Fremdwort für ihn. Aber wozu auch. Er war schließlich ein Künstler und kein Leistungssportler. Samuel blickte den langen, von Neonlicht gefluteten Flur herunter. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von der dicken Sicherheitstür, die die Arbeitsräume seiner Familie vor ungeladenen Gästen schützte.

Das kleine Schild unter dem Türspion machte deutlich, warum dieser Aufwand betrieben wurde.

„Elias Rosenstein & Sohn Diamond Dealers“ war in goldenen Lettern auf schwarzem Grund zu lesen.

Lang, kurz, kurz, Lang so war das vereinbarte Klingelsignal für Mitarbeiter und Familienangehörige.

Samuel schüttelte seinen Kopf. So ein Schwachsinn, dachte er, durch das Guckloch wurde doch eh jeder beäugt.

Gefühlt verging eine halbe Ewigkeit. Nichts passierte. Er wusste genau, dass ihn jemand durch den kleinen gläsernen Spion anglotzte. Sein Herz hämmerte immer noch. Er spürte förmlich, wie seine Halsschlagader bebte. Samuel riss der Geduldsfaden.

Mit allem, was er noch an Kraft aufzubieten hatte, donnerte er mit beiden Fäusten gegen die Tür.

Dann hörte er, wie endlich die Verriegelungen zurückgeschoben wurden. Durch einen geöffneten Spalt kam ein Kopf zum Vorschein.

»Ach – der junge Herr Samuel«, tönte es ihm entgegen, »du weißt doch, dass dein Bruder ein viel beschäftigter Mann ist und das um so mehr, seitdem euer Vater ihm die volle Verantwortung für den Handel übergeben hat.«

Samuel kniff die Augen zusammen und setzte seinen rechten Fuß in den Türspalt.

»Stell dir vor Noah, genau aus diesem Grund muss ich dringend meinen Bruder sprechen.«

Samuel riss mit beiden Händen die Tür auf, drückte den Angestellten zur Seite und marschierte an ihm vorbei.

»Halt, bleib gefälligst stehen. So geht das nicht!«

Noah eilte ihm hinterher und griff Samuel an der Schulter.

»Dein Bruder will heute auf keinen Fall gestört werden.«

Doch schon im nächsten Moment stürmte Samuel in das Chefarbeitszimmer, während Noah immer noch wie eine Klette an ihm hing.

»Herr Josua, sie müssen verzeihen, aber ich konnte ihren Bruder nicht aufhalten.«

»Schon gut Noah, du kannst gehen.«

Josua Rosenstein hatte noch nicht mal aufgeblickt. Hochkonzentriert saß er über einem gefalteten weißen Blatt Papier, auf dem im Licht einer Arbeitslampe mehrere Dutzend Diamanten funkelten.

Samual ließ sich erschöpft auf das schwarze Ledersofa fallen, das dem großen Eichenschreibtisch gegenüber stand.

»Mach es dir ruhig bequem«, raunte sein Bruder sarkastisch.

»Ja, ja, ich weiß, der Herr Josua spielt mal wieder mit den glitzernden Steinchen.«

Josua schob seine Lupenbrille hoch und hielt einen der wertvollen Einkaräter mit der Pinzette ins Licht.