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Anfang des 17. Jahrhunderts wächst Konrad Gassner als Sohn einer Händlerfamilie in Wetzlar auf. Gerade 14 Jahre alt geworden, verschwindet plötzlich auf rätselhafte Weise sein Vater Robert auf einer Handelsreise: ein Trauma, das ihn nicht mehr loslässt. Nach der Lehre in einer Kunstgießerei im nahe gelegenen Hirzenhain wird Konrad als Söldner angeworben. Er durchlebt im Gefolge des großen Heerführers Tilly, die Wirren des 30-jährigen Krieges. Als er nach vier langen Jahren die Gräueltaten nicht mehr erträgt, desertiert er. Auf der Flucht durch das Ilme- und Leinetal führt ihn sein Weg in den Flecken Salzderhelden und zur Heldenburg. Durch eine glückliche Fügung schlüpft Konrad in eine neue Identität als Burgschreiber. Zunächst froh, dem Albtraum Krieg entkommen zu sein, muss er einige packende Abenteuer bestehen und lernt seine große Liebe kennen. Es ist ein historischer Roman, der aufwendig recherchiert ist und seine Leser auf eine spannungsgeladene, lebendige Zeitreise mitnimmt. Die fiktive Handlung orientiert sich an Originalschauplätzen im geschichtlichen Kontext. Die Heldenburg Reihe wird in drei Bänden veröffentlicht.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2019
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“Wolf von Dohrenberg” arbeitete 40 Jahre als Berufsschullehrer, 3D-Artist und Moderator. Im Jahr 2011 veröffentlichte er einen Film mit dem Titel “Die Heldenburg im Jahr 1652”. Die Dokumentation macht durch fotorealistische
3D-Computeranimationen Geschichte lebendig. Bei dieser Arbeit entstand die Idee zu der Heldenburg Romanreihe.
Viele Menschen haben Anteil daran, das diese Romanreihe enstehen konnte.
Stellvertretend möchte ich folgende Personen nennen:
Meine Frau Brigitte und meine Freunde, die über viele Monate meine Fantasien “ertragen” mussten. Rabea Hartwig, Maik Bode und Steffen Döllerer, ohne die mein Cover blass geblieben wäre. Susanne Gerdes und Wolfgang Lange, die sich um Logiklücken und sonstige Fehler gekümmert haben.
Dr. Elke Heege, die mir mit ihrer professionellen Kompetenz, mit Anregungen und historischen Dokumenten geholfen hat.
Prolog – Goslar 1617
Auf der Heldenburg 1625
Erste Rückblende
Alarm auf der Heldenburg
Zweite Rückblende
Das Amulett
Der Abschied aus Hirzenhain
Die Rückkehr nach Wetzlar
Hauptmann Delgados Plan
Das Soldatenleben
Die Schlacht bei Waidhaus
Flucht aus Tillys Feldlager
Nachwort
Anfang des 17. Jahrhunderts wächst Konrad Gassner als Sohn einer Händlerfamilie in Wetzlar auf. Gerade 14 Jahre alt geworden, verschwindet plötzlich auf rätselhafte Weise sein Vater Robert auf einer Handelsreise: ein Trauma, das ihn nicht mehr loslässt. Nach der Lehre in einer Kunstgießerei im nahe gelegenen Hirzenhain wird Konrad als Söldner angeworben. Er durchlebt im Gefolge des großen Heerführers Tilly die Wirren des 30-jährigen Krieges. Als er nach vier langen Jahren die Gräueltaten nicht mehr erträgt, desertiert er. Auf der Flucht durch das Ilme- und Leinetal führt ihn sein Weg in den Flecken Salzderhelden und zur Heldenburg. Durch eine glückliche Fügung schlüpft Konrad in eine neue Identität als Burgschreiber. Zunächst froh, dem Albtraum Krieg entkommen zu sein, muss er einige packende Abenteuer bestehen und lernt seine große Liebe kennen.
Es ist ein historischer Roman, der aufwendig recherchiert ist und seine Leser auf eine spannungsgeladene, lebendige Zeitreise mitnimmt. Die fiktive Handlung orientiert sich an Originalschauplätzen im geschichtlichen Kontext.
„Das Geheimnis des Burgschreibers“ wird in drei Bänden veröffentlicht.
Die Wolken hingen bedrohlich tief. Wie eine undurchdringliche, dunkle Masse hatten sie die Sonne verdunkelt. Sturzregen prasselte seit Tagen unaufhörlich auf die Erde und verwandelte die Handelswege in eine einzige Schlammlandschaft. Dieses schon viel zu lange anhaltende Unwetter brachte Robert Gassners Zeitplan gänzlich durcheinander. Den Fluten trotzend, saß er zusammengekauert unter einer triefenden Plane auf dem Kutschbock, an seiner Seite sein Knecht Walter, der Robert bei allen Handelsreisen begleitete. Vor Anstrengung schnaufend, legten sich die muskelbepackten Zugtiere kräftig ins Geschirr, doch mehr als ein behäbiges Schritttempo war unter diesen widrigen Bedingungen nicht möglich. In dem aufgewühlten Untergrund fanden die Hufe der Rösser nur mühsam Halt. Die eisenbeschlagenen Räder des schwer beladenen Gefährts versanken bei jeder Umdrehung mehr. Robert setzte all seine Steuerkünste ein, um nicht noch kurz vor dem Ziel vom Weg abzukommen. Er war froh, dass er die Reichsstadt Goslar fast erreicht hatte. Ein deutlich zunehmendes und dichter werdendes Sammelsurium aus Wagen, Karren und Kiepenträgern kündigte die alte Kaiserstadt bereits an. Doch leider führte dieses Getümmel zu immer mehr unwägbaren Hindernissen.
»Schau dir das an! Schon wieder so ein Landei, das uns aufhält!«
Ein Ochsenkarren hatte sich im morastigen Boden regelrecht eingegraben. Erbarmungslos drosch der Bauer mit einer langen Peitsche auf die Zugtiere ein. Gleichzeitig zerrte ein Knecht mit seinem ganzen Körpergewicht an ihren Nasenringen. Robert Gassner übergab Walter die Zügel, nahm die Hände vor den Mund, formte einen Trichter und brüllte aus Leibeskräften: »He, du da vorn, pass´ gefälligst auf, wo du hinschlägst! Lass´ uns erst mal passieren, sonst triffst du womöglich noch eines meiner braven Rösser!«
Der Bauer unterbrach nur kurz sein Treiben, um dann um so heftiger fortzufahren. Dieses ohrenbetäubende Getöse aus schreiendem Fuhrmann und blökenden Ochsen wirkte so bedrohlich auf Roberts Pferde, dass sie zu tänzeln anfingen. Knecht Walter sprang schnell vom Bock, packte die Tiere am Zaumzeug, redete beruhigend auf sie ein und führte sie so am Unglücksort vorbei.
Mit groß aufgerissenen Augen und weit aufgeblähten Nüstern drängten die kräftigen Tiere aufgeregt schnaufend vorwärts. Die Rösser eilten plötzlich so zügig voran, als hätten sie ihre schwere Last und den tiefen Boden total vergessen. „Nur weg von hier!“, schien ihnen eine innere Stimme zuzurufen. Robert Gassner brauchte das letzte Stück der Wegstrecke die Pferde nicht einmal mehr anzutreiben.
Es waren nur noch wenige Pferdelängen, da ertönte vom weithin sichtbaren, hohen Turm der Marktkirche der helle Klang der Mittagsglocke. Just in diesem Moment erreichte Robert Gassner mit seinem Handelswagen das Stadttor. Mit den mächtigen Rundtürmen und einem sich anschließenden Zwinger hatten Goslars Stadtväter schon vor Jahrzehnten das Haupttor ihrer Reichsstadt, ähnlich einer Burganlage, wehrhaft geschützt.
Und als ob das Geläut der Marktkirche die längst verloren geglaubte Sonne ankündigte, riss die seit Tagen alles beherrschende, grauschwarze Wolkendecke unversehens auf. Die wärmenden Sonnenstrahlen bahnten sich unaufhaltsam ihren Weg zur Erde und ließen die letzten Tropfen des Dauerregens auf den erhitzten Körpern der Rösser verdampfen. Man sah den Tieren die hinter ihnen liegende Anstrengung deutlich an. Die Adern der muskelbepackten Beine traten zuckend hervor. Ein tiefes Durchschnaufen füllte ihre Lungen mit frischem Sauerstoff. Robert Gassner parierte die Zugpferde durch und brachte mit einem lang gezogenen »Brrr!« den Wagen unmittelbar vor den gekreuzten Hellebarden der Wachsoldaten zum Stehen.
Einer der Männer umkreiste das Fuhrwerk, hob mit seiner Waffe die Abdeckung und warf einen Blick von hinten auf die Ladefläche. Der zweite sah sich mit erstauntem Gesichtsausdruck die auffällige Zeichnung auf der Seitenfläche der Plane an.
»Außergewöhnlich, sehr außergewöhnlich! So etwas habe ich bisher auf keinem Handelswagen gesehen«, sagte der Wachsoldat erstaunt.
»Nun, das sind Darstellungen meiner Ware. Ich verkaufe kunstvoll hergestellten Eisenguss, wie zum Beispiel Ofenplatten.« »Ofenplatten? Was ist daran Kunst?«
Robert Gassner sah ihn fassungslos an. „Was für ein einfältiger Banause!“, dachte er.
»Na, wie auch immer. Genau solche Ofenplatten liefere ich heute hier bei Eurem ehrenwerten Goldschmied und Ratsherrn Jürgen von Hagen ab.«
»So, so, Ratsherr von Hagen. Das wundert mich nicht, der ist dafür bekannt, dass er sich öfter mal was gönnt.«
Der Wachmann trat näher heran und sprach mit gedämpfter Stimme weiter: »Mit Verlaub, aber es trifft ja auch keinen armen Schlucker. Er führt ein lukratives Geschäft. Nach der Geburt meines Erstgeborenen habe sogar ich schon mal meinem Weib ein kleines Armband aus reinem Silber von ihm anfertigen lassen. Ich hab´ es mir allerdings nur geleistet, weil sich der von Hagen auf Ratenzahlung eingelassen hat.«
Dann streckte er seine Hellebarde in Richtung der vom Tor wegführenden Straße aus.
»Wenn Ihr einfach immer der Nase nach bis ans Ende der Breiten Straße fahrt, dann findet Ihr sein Haus an der rechten Seite, unmittelbar vor unserem Marktplatz. Ihr könnt es nicht übersehen, denn sein Zunftwappen, auf dem ein goldener Pokal und ein Ring mit einem großen Edelstein zu sehen ist, hängt über seiner Tür.«
Einen Augenblick später, Robert Gassner hatte sein Fuhrwerk kaum zum Stehen gebracht, kam ihm schon der freudestrahlende Hausherr mit ausgebreiteten Armen entgegen.
»Endlich ist es so weit! Ihr glaubt gar nicht, wie ich diesen Moment herbeigesehnt habe!«
Robert sprang vom Wagen und wurde vom Goldschmied herzlich umarmt.
»Ihr müsst schon entschuldigen, Herr von Hagen, aber der ständige Regen und die aufgeweichten Wege haben unseren Zeitplan völlig durcheinandergebracht.«
»Mein Herr, nicht dass Ihr mich falsch versteht, ich mache Euch keinen Vorwurf. Es ist nur so, dass ich einfach viel zu gespannt auf Eure Arbeit bin und es kaum erwarten kann, Eure Gießkunst zu sehen.«
Robert Gassner schaute beeindruckt, als ihm der Goldschmied den schon seit Wochen fertig gemauerten, riesigen Kamin zeigte.
»Ohne Zweifel, Herr von Hagen, hier finden die vier großrahmigen Ofenplatten, die Ihr bestellt habt, einen würdigen Platz.«
Als Roberts Knecht Walter die gusseisernen Kunstwerke - eines nach dem anderen - hereintrug und in die dafür vorgesehenen Lücken platzierte, verlor Jürgen von Hagen zusehends die Beherrschung. Er kroch förmlich in die Exponate hinein. Er betrachtete sie wie durch eine Lupe, so als hätte er eine seiner Goldschmiedearbeit vor sich. Nicht das kleinste Detail schien ihm zu entgehen. Jede Kontur des Reliefs betastete er so behutsam, als fühlte er nicht massives Eisen, sondern zerbrechliches Porzellan unter seinen Fingern.
»Robert Gassner ... was soll ich sagen, ich bin begeistert.«
Mit verklärtem Blick drehte er sich zum Handelsmann um. Ein zufriedenes, breites Lächeln überzog sein Gesicht.
»Als ich hörte, dass Ihr im fernen Hirzenhain Kunstwerke aus Eisen herstellt, die ihresgleichen suchen, da habe ich gehofft, dass nur ein Fünkchen Wahrheit daran wäre. Das, was Ihr mir heute mitgebracht habt, übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Von der unglaublich feinen Gussoberfläche bis zu den sauber ausgearbeiteten Motiven: Es stimmt wirklich alles!«
Robert Gassner nickte ihm ein wenig verlegen zu.
»Es freut mich, dass unser guter Ruf bis zu Euch vorgedrungen ist und dass Euch meine Ware gefällt. Als mich die Zeichnungen Eurer Wunschmotive per Boten erreichten, habe ich sie sofort unserem besten Modellschnitzer übergeben. Wie Ihr soeben feststellen konntet, ist der alte Hermann ein wahrer Künstler in seinem Fach. Ja, und Meister Michels ist weit über die Grenzen von Hirzenhain für den feinporigen Guss bekannt. Eine fast samtige Oberfläche zeichnet sein hartes Metall aus. Um dieses Gussgeheimnis beneidet ihn so manches andere Hüttenwerk.«
Herr von Hagen trat wieder näher an die Ofenplatten heran.
»Um Euren Kunstwerken die Krone aufzusetzen, habe ich mir etwas Besonderes ausgedacht. In meiner Profession als Goldschmied werde ich die erhabenen Konturen mit Blattgold verzieren.«
Der Meister sah Robert erwartungsvoll an. »Was haltet Ihr davon?«
Robert legte abwägend den Kopf auf die Seite, dann nickte er zustimmend.
»Zugegebenermaßen eine nicht alltägliche Idee! Nur einige meiner Kunden könnten da mithalten.«
»Nun ja, die wenigsten werden Goldschmiedemeister sein«, fügte Herr von Hagen stolz hinzu.
»Diese perfekt nachgebildeten Silhouetten der wichtigsten Gebäude unserer Reichsstadt: großartig, einfach großartig!«
Herr von Hagen ließ seinen Blick zwischen den Platten hin und her pendeln.
»Als zentralen Blickfang hänge ich die altehrwürdige Kaiserpfalz in die Mitte.«
Der Goldschmiedemeister nahm genau diese Motivplatte in seine Hände. Es wirkte beinahe so, als umarmte er das Kunstwerk; dann schwärmte er weiter: »So etwas findet Ihr im gesamten Harzgebirge in keinem Patrizierhaus!«
Jürgen von Hagen stellte die Ofenplatte wieder auf den für sie vorgesehenen Platz. Er klatschte vor Begeisterung in die Hände und vollführte dabei fast einen kleinen Freudentanz.
»Dank Eurer kunstvollen Ware werden die Ratsherren, die ich als Gäste in einer Woche bei mir begrüße, aus dem Staunen nicht herauskommen! Ach, was sag ich, beneiden werden sie mich!«
Mit einem tiefen Seufzer sah er Robert Gassner an.
»Und so ganz nebenbei könnt Ihr Euch schon darauf einrichten, den ein oder anderen Folgeauftrag ins Harzer Land zu liefern.«
Robert Gassner verbeugte sich tief und deutete einen Kratzfuß an.
»Ich danke Euch, Herr von Hagen, für Eure schmeichelnden Worte. Aber Ihr müsst mich entschuldigen, der nächste Kunde wartet. Wie ich schon eingangs sagte, haben wir durch die aufgeweichte Wegstrecke viel zu viel Zeit verloren, und da das Wetter sich etwas beruhigt hat, werden wir unsere Reise heute noch fortsetzen. Hinzu kommt, dass ich meinem Sohn Konrad versprochen habe, bis zum 28. Juli zurück zu sein. Das ist sein vierzehnter Geburtstag und gleich anschließend beginnt er seine Lehre als Kunstgießer bei Meister Michels in Hirzenhain. Bis dahin führt mich mein Weg über Wolfenbüttel, Braunschweig-Lüneburg bis Hamburg. Ihr seht, da sind noch etliche Meilen, die ich mit meinem Handelswagen zurücklegen muss.«
Jürgen von Hagen sah ihn mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck an.
»Sehr bedauerlich! Ich hätte Euch wahrlich gern als mein Gast über Nacht bei mir beherbergt. Ganz zu schweigen von dem leckeren Tropfen, der für besondere Anlässe in meinem Gewölbekeller lagert und auf den Ihr nun verzichten wollt.«
Der Goldschmiedemeister sah ihn nochmals prüfend an, aber Robert Gassner zuckte nur mit den Schultern und hob bedauernd seine Arme.
»Nun ja, ich möchte Euch nicht bedrängen. Welche Wegstrecke wollt Ihr denn heute Nachmittag noch zurücklegen?«
»Mein nächster Kunde ist der Vogt auf Burg Gebhardshagen.«
»Oh, was für ein Zufall! Ich kenne ihn flüchtig. Er hat sich von mir vor Jahren einen Siegelring anfertigen lassen. Die Streckenführung ist mir durchaus vertraut, denn ich habe das edle Stück selbst ausgeliefert.«
Er schloss seine Augen und fasste sich nachdenklich ans Kinn.
»Wenn ich mich richtig erinnere, dürften es drei Meilen bis zur Burg sein. Beim letzten Wegstück, kurz vor Eurem Ziel, müsst Ihr achtgeben. Dort führt die Landstraße durch ein ausgesprochen düsteres Waldstück. Eine nicht ungefährliche Ecke. Ein schmaler, kurviger Weg mit steilen Hängen erwartet Euch. Erschwerend kommt hinzu, dass Ihr mit Eurem Wagen dort erst bei schon nachlassendem Tageslicht eintreffen werdet. Der Schutz des Handelskonvois bleibt Euch ebenfalls verwehrt, denn der ist bereits in den frühen Morgenstunden aufgebrochen.«
»Ich weiß die wichtigen Hinweise zu schätzen. Ich verlasse mich da ganz auf meine beiden zuverlässigen Vierbeiner. Die braven Rösser werden es mit Gottes Hilfe schon meistern!«
Jürgen von Hagen zuckte mit den Achseln, schüttelte dann aber lächelnd den Kopf.
»Ich sehe schon, Ihr seid wirklich nicht zu bewegen, die Nacht im sicheren Goslar zu verbringen. Na, dann folgt mir mal in mein Arbeitszimmer.«
Dort angekommen, holte er einen Lederbeutel und eine kleine Schachtel aus seinem massiven Schreibtisch.
»Hier habe ich für Eure Ware die versprochenen Silbermünzen und als Ausdruck meiner vollen Zufriedenheit eine kleine Zugabe.«
Robert Gassner steckte den Beutel weg und öffnete erwartungsvoll die Schachtel. Er war sprachlos. In ihr lag ein silbernes Medaillon. Und als ob das noch nicht genug wäre, hatte der Meister auf der Rückseite die Initialen R.G. – für Robert Gassner – eingraviert. Einen so dankbaren Kunden hatte er schon lange nicht mehr erlebt.
Walter, der Knecht, hatte in der Zwischenzeit die Pferde mit Hafer und Wasser versorgt. So setzten sie mit frisch gestärkten Rössern ihre Reise fort. Wenig später passierte der Handelswagen das Rosentor, und schon bald lagen die hohen Mauern der Reichsstadt Goslar hinter ihnen.
Da sie derweilen von der Sonne begleitet wurden, war die Stimmung auf dem Kutschbock deutlich besser als bei der Anreise. Robert erzählte seinem Knecht begeistert von den Eindrücken im Haus des Goldschmieds, und er zeigte stolz das Medaillon, das ihm geschenkt wurde. Sogar die Pferde legten nun, mit den wärmenden Sonnenstrahlen auf dem Fell, ein zügiges Tempo vor.
Aber wie es der Goldschmied prophezeit hatte, setzte schon die Dämmerung ein, als der Handelswagen das ohnehin recht düstere Waldstück – kurz vor ihrem Ziel Burg Gebhardshagen – erreichte. Zu allem Überfluss zog – wie aus dem Nichts – eine gespenstisch wirkende, tiefschwarze Wolke über den Baumwipfeln heran und verdunkelte endgültig den Himmel. Der bis eben still vor sich hinschweigende Wald fing plötzlich an zu atmen. Als ob er wie ein riesiger Organismus zum Leben erweckt wurde, ließen stürmische Böen Blätter und Äste wild tanzen. Die Geräuschkulisse schwoll für einen Moment so mächtig an, dass selbst Robert Gassner, der sich nicht gerade zu den furchtsamen Menschen zählte, beeindruckt ob des tosenden Szenarios, eine Gänsehaut bekam und gleich die Zügel etwas fester aufnahm. Lautes Knacken und wild um sich schlagende Hölzer kündigten nichts Gutes an. Begleitet von einem immer näher kommenden grummeln, bahnten sich mystisch tanzende Lichter den Weg zwischen den hohen, dicht stehenden Bäumen zum Handelsgefährt. Die eben noch braven Pferde wurden zunehmend nervöser. Die beiden Rösser spannten ihre
Muskeln, fingen an zu tänzeln und zerrten immer kräftiger an den Zügeln. Der Knecht wirkte besorgt. Robert war aufgefallen, dass Walter, seitdem sie in das Waldstück eingebogen waren, laufend das Unterholz beobachtete.
»Herr, hab Ihr nicht auch das Gefühl, dass uns jemand heimlich folgt?«
Robert schaute sich um und sah ihn erstaunt an.
»Wie meinst du das? Außer Bäumen, Gestrüpp und diesem merkwürdigen Wetterleuchten vermag ich nichts Außergewöhnliches zu erkennen.«
Walter griff hinter sich, hielt sich am Wagengestell fest, zog sich vom Sitzbrett hoch und sah über die Plane zurück in den Wald. Fast überschlug sich seine Stimme vor Erregung.
»Doch, doch, gerade eben noch, als wieder dieses, dieses Licht aufflackerte, da, da habe ich deutlich ein paar Gestalten im Unterholz gesehen!«
Verängstigt ergriff Walter seinen langen Dolch, den er am Gürtel trug.
»Seht doch ... da, da drüben hinter uns, jetzt auf Eurer Seite!«
Robert drehte seinen Kopf in die Richtung, doch er kam nicht mehr zum Antworten. Im nächsten Moment zerschnitt ein gewaltiger Blitz die Dunkelheit, und unvermittelt krachte der dazugehörige Donner wie eine ohrenbetäubende Kanonensalve auf ihre Trommelfelle und ließ die Männer erschrocken zusammenzucken. Für die ohnehin schon nervösen Pferde wirkte dieses Naturereignis wie ein Signal zur Flucht. Wiehernd sprangen sie mit unbändiger Kraft an und rissen Robert mit den Zügeln von seinem Sitz hoch. Unkontrolliert schwenkten die panischen Rösser auf die steile Böschung zu, gerieten ins Rutschen und zogen dabei das linke Vorderrad über den Rand des Abgrunds. Eine erneute abrupte Richtungsänderung der wild stampfenden Pferde vermochte Robert nicht mehr auszusitzen. Wie von einem Katapult abgeschossen hebelte es ihn aus. Die weit aufgerissenen Augen seines außer Kontrolle geratenen Körpers sahen, wie die steinige Erde rasend näher kam. Mit dem Kopf voran schlug Robert gegen einen dicken Fels und verlor die Besinnung. Walter, der Knecht, hatte sich schon beim ersten Aufbäumen des Wagens mit einem mutigen Sprung zur anderen Seite gerettet. Er landete zwar unsanft im breiigen Schlamm des Weges, blieb aber unverletzt.
Als Walter sich wieder aufrappelte, sah er, wie die beiden aufgebrachten Rösser mit dem Handelswagen davonstürmten. Weit kamen sie jedoch nicht. Schon nach ein paar hundert Schritten sprangen beherzt zupackende Männer den Pferden in den Weg und brachten das Fuhrwerk zum Stehen.
Plötzlich vernahm Walter ein Stöhnen. Er stolperte dem Geräusch entgegen und sah am Fuß der gegenüberliegenden Böschung seinen Herrn. Robert Gassner war wieder zu sich gekommen. Er kniete, sich mit beiden Händen den blutigen Kopf haltend, auf dem steinigen Boden.
»Ich hoffe, Herr, Ihr seid wohl ... «, rief ihm der Knecht zu. Doch mitten in seiner Frage stockte ihm der Atem.
Aus dem Dunkel des Unterholzes tauchten unmittelbar hinter Robert Gassner drei wie Waldgeister wirkende Gestalten auf. Langsam vorwärts schleichend, trennten sie nur noch wenige Schritte von seinem Herrn. Die Gesichter waren mit struppigen Bärten zugewachsen, die Beinkleider verdreckt und verschlissen. Eine angsteinflößende Aura umgab sie und ließ Walter das Blut in den Adern gefrieren.
„Also doch keine Gespenster!“, dachte er. Ihm war sofort klar, was diese verwahrlosten Gesellen im Schilde führten. Der Erste, ein groß gewachsener, stämmiger Bursche mittleren Alters, trug einen Knüppel mit einem dicken, keulenförmigen Ende, das ihn zu einer gefährlichen Schlagwaffe machte. Der Zweite, nicht minder kräftig gebaut, hielt einen mannslangen, mit Eisen beschlagenen Spieß in seinen groben Händen. Der Dritte im Bunde, eine kleine hagere Gestalt, mit einer das Gesicht entstellenden, tiefen Narbe auf der Stirn, hatte eine Armbrust in Anschlag gebracht.
Walter erkannte, dass er das Ziel dieses Strauchdiebes war, und obwohl er nicht zu den Mutigsten gehörte, löste er sich aus der Schockstarre, zog erneut seinen langen Dolch und rannte auf die Männer los.
»Herr, Achtung ... seht hinter Euch, da sind die Gestalt ...«, brachte er noch heraus.
Doch bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte, schwirrte der todbringende Bolzen der Armbrust über Robert Gassners Kopf hinweg und bohrte sich tief in Walters Brust. Ein alles lähmender Schmerz durchfuhr den Körper und der Knecht sank unvermittelt in die Knie. Ungläubig an sich herunterschauend öffnete sich die kraftlos werdende Hand und der Dolch glitt zu Boden. Ein letztes Mal hob er das Haupt, und durch die gebrochenen Augen sah er, wie sich der Bursche mit der Keule wild schreiend von hinten auf seinen Herrn stürzte und ihm mit brachialer Gewalt auf den Kopf schlug. Dann schwanden Walter die Sinne, und eine nicht enden wollende Dunkelheit hüllte ihn ein.
Irgendetwas Feuchtes hatte Roberts Gesicht berührt. Dicht am Ohr vernahm er ein merkwürdiges Geräusch. War es ein Traum? Er versuchte seine Augen zu öffnen, doch so sehr er sich auch anstrengte, es funktionierte nicht. Sie waren wie zugeklebt. Da wieder das Geräusch, ein Grunzen, ganz nah. „Nein, nein“, sagte er sich, „das kann kein Traum sein“. Erneut nahm er alle Willenskraft zusammen. Diesmal gaben die schweren Augenlider nach, und allmählich öffneten sie sich.
Durch einen schmalen Sehschlitz drang Licht in seine Pupillen. Schmerzhaft schoss es bis tief in sein Inneres. Was war nur geschehen? Robert erinnerte sich an nichts. Trotz der pochenden Schmerzen, die seinen Schädel auseinanderzusprengen drohten, zwang er sich die Augen weiter zu öffnen. Ein verschwommenes Bild und umherhuschende Schatten waren alles, was er zunächst sah. In seine Arme kehrte, mit einem anhaltenden Kribbeln, allmählich Leben und Kraft zurück. Langsam hob er die Hände und versuchte den Schleier, der die Sicht trübte, durch reibende Bewegungen zu entfernen.
Es dauerte einen Moment, doch dann endlich gewannen die Konturen langsam an Schärfe. Was er dann sah, ließ ihn ungläubig zusammenzucken. Das Grunzen, der Luftzug am Ohr, die unscharfen Schatten, alles das stammte von einer Rotte ausgewachsener Wildschweine. Diese borstigen Gesellen hatten ihn neugierig beäugt und beschnuppert und suchten nun quiekend das Weite.
Mit aller Kraft stützte Robert sich auf seinen Oberschenkeln ab und streckte vorsichtig den schmerzenden Rücken. Breitbeinig und wackelig dastehend sah er an sich herunter.
»Wo sind meine Schuhe?«, sagte er zu sich selbst, wobei ihm die Worte nur merkwürdig lallend über die Lippen kamen. Seine Zunge wollte ihm nicht mehr gehorchen. Was immer er zu sagen versuchte, alles fühlte sich wie nach einem ausgedehnten Trinkgelage an.
Und genau da, wo sein Kopf gelegen hatte, entdeckte er eine Blutlache. Schwindel überkam ihn. So dauerte es einen Augenblick, bis er realisierte, dass es sein Blut war. Er fasste sich an seinen dröhnenden Schädel. Er fühlte die verklebten Haare und die Kruste, die sich im Gesicht gebildet hatte. Robert befeuchtete die Finger mit Speichel und strich sich erneut über Stirn und Wangen. Wahrhaftig, überall angetrocknetes Blut! Auch über die Augenlider und Wimpern hatte es sich einen Weg gesucht.
Robert starrte fassungslos ins Leere. Wie war das alles passiert? Aber so sehr er auch grübelte, er erinnerte sich nicht. Taumelnd machte er ein paar Ausfallschritte. Sein Gleichgewicht war ihm verloren gegangen. Er torkelte hin und her, und immer wieder spürte er dieses kaum zu ertragene Stechen im Kopf. Dem Schmerz ausweichend, sank er zurück auf die Knie und fing an, auf allen Vieren die Böschung zum Weg hinaufzuklettern, bis er unvermittelt innehielt. Robert erschrak. Vor ihm lag ein Mann. Auch er trug keine Schuhe mehr. In seinen weit aufgerissenen Augen spiegelte sich das blanke Entsetzen wider. Er atmete nicht mehr. Dann entdeckte Robert den Bolzen, der sich tief in die Brust des Toten gebohrt hatte. Das Blut, das aus dem Körper gequollen war, bildete auf seiner Leinenbluse einen großen, fast kreisrunden Fleck. Beleuchtet von einigen Sonnenstrahlen, die durch das dichte Grün des Waldes einen Weg gefunden hatten, wirkte es wie ein tiefroter, zugefrorener See, unter dessen Eis alles Leben erstarrt war. Offensichtlich hatte ein Kampf stattgefunden. Roberts Muskeln verkrampften. Es schauderte ihn. Ihm wurde klar, dass er irgendetwas Unheilvolles überlebt hatte. Er grübelte erneut, versuchte, sich zu konzentrieren, sich zu erinnern. Nichts, absolut nichts, nur Leere! Er wusste weder etwas von einem Kampf, noch kannte er den vor ihm liegenden Mann. „Armer Kerl!“, dachte er, dann rappelte er sich wieder auf und kroch weiter den Hang zum Weg hinauf. Oben angekommen, erforderte es nochmals alle Willensstärke und Kraft, um sich erneut aufzurichten. Robert war ratlos. Und wieder hörte er im Selbstgespräch diese ihm fremd vorkommende, lallende Stimme: »Wo soll ich nur hin?«, sagte sie. Er drehte sich um seine eigene Achse, schaute in alle Richtungen, doch weit und breit war niemand zu sehen. Ziellos stolperte Robert vorwärts und folgte dem Weg, der ihn letztendlich aus dem Wald hinausführte.
Und wieder war eine Woche vergangen, weitere sieben Tage, in denen Konrad sein Glück immer noch nicht fasste. Ob es doch so etwas wie Vorsehung war, die ihn ausgerechnet in diesen Ort, mit dem merkwürdigen Namen Salzderhelden führte? Doch Konrad hatte vor allem – und das nicht zum ersten Mal – durch zielstrebiges Handeln sein Schicksal selbst in die Hand genommen.
Es war auf den Tag genau drei Monate her, als ihn die Blutspur, die Tillys Söldnertruppen durch das ganze Land zogen, auf die Heldenburg spülte. Konrad hatte in einer Kammer im ersten Stock über dem Reisigenstall der Burg, nach fast vier Jahren unsteten Soldatenlebens und schrecklichsten Kriegserlebnissen, seinen Frieden gefunden. Unrecht, Leid und Verzweiflung hatte er ertragen. Immer wieder verfolgten ihn die fest eingebrannten, grausamen Bilder dieses alles zerstörenden Krieges. Tief in der Nacht kroch oft die Kriegsfurie aus den kalten Burgmauern in seine Albträume. Dann war er wieder da, der verzerrte Klang der klagenden Schreie, die wie ein fortwährendes Echo in seinem Kopf widerhallten. Zum Greifen nah schwebten dann die zerfetzten Körper vor ihm. Sie ließen nicht selten den Schlaf zu einem nicht enden wollenden Martyrium werden.
Trotz alledem fühlte er sich – hoch über dem Leinetal, hinter den dicken Mauern der Burg und in seiner neuen Identität als Burgschreiber – zumindest vorerst sicher. Doch Konrad wusste genau, dass es mehr eine trügerische Sicherheit war, die er sich nur allzu gern vorstellte, um endlich den Krieg hinter sich zu lassen. Die immer wieder aufsteigende Angst sagte ihm indes, dass die Heldenburg mit ihrer nur geringen Stammbesatzung einem Sturmlauf eines Söldnerheeres nicht lange standhalten würde.
So saß er, grübelnd seinen Gedanken nachhängend, am derben Holztisch, der direkt unter dem kleinen Kammerfenster stand. Ausgeleuchtet von zwei dicken Kerzen, war es sein Arbeitsplatz, an dem er die Hausbücher und Inventare der Heldenburg führte. Den Kopf auf beide Hände aufgestützt, schweifte sein verträumter Blick durch das Butzenglas in den engen, quadratischen Innenhof der Burg. Es war Oktober geworden. In dieser Jahreszeit wurde der Burghof – mit seinen ihn umgebenden dreistöckigen Gebäuden schon am späten Nachmittag von ausladenden Schatten – eingehüllt. Nur durch das rauchige, flackernde Feuer der Fackeln, angebracht neben den drei Treppenturmeingängen, hellte sich die Szene mit gespenstisch bizarrem Lichtspiel ein wenig auf.
In Erinnerungen entschwebte Konrad tief zurück in die Vergangenheit. Sein bisheriges Leben blätterte sich – wie die Seiten eines nicht vollendeten Buches – vor seinem geistigen Auge auf.
Konrad Gassner hatte das große Glück, dass er im Jahr 1602 in eine Kaufmannsfamilie – und somit in den Bürgerstand – hineingeboren wurde. Sein Elternhaus stand hinter den hohen, schützenden Mauern unweit des alles überragenden Marienstifts in der Freien und Reichsstadt Wetzlar. Zum Hausstand gehörten – neben Mutter Brigitta, Vater Robert und seinen beiden älteren Schwestern Anne und Barbara – die Magd Ursula sowie Walter, der Knecht.
Fast jeden Tag streifte Konrad mit seinen Freunden durch die Gassen. Sein Abenteuerrevier reichte vom Domplatz bis hinunter zur großen Lahnbrücke. Tobend jagten die jungen Burschen über die steilen, steinernen Treppen der auf hügeligem Grund gebauten Altstadt auf und ab. Nicht selten wurden bei diesem übermütigen Treiben brave Bürger angerempelt oder gar von den Beinen geholt. Konrad war, gelinde ausgedrückt, ein äußerst umtriebiges Kind. Größter Beliebtheit erfreuten sich die Ritterspiele. Sie führten die Rasselbande immer wieder im wilden Galopp über die Wehrgänge der 36 Fuß hohen Stadtmauer. Sehr zum Ärger der Stadtsoldaten gab es dabei eine besondere Mutprobe zu bestehen. Sie bestand darin, unbemerkt einen der neun die Stadt umgebenden Wehrtürme zu erobern. Für alle sichtbar, galt es dann eine selbst gebastelte Fahne aus einer Schießscharte zu schwenken. Hier besaß Konrad wegen des aufgebrachten Mutes zwar viel Ansehen bei den Spielgefährten, doch der nachfolgende Ärger ließ nicht lange auf sich warten. Regelmäßig wurde er mit seiner Mutter zum Stadtkommandanten zitiert. Mahnende Worte donnerten dann auf ihn herab. Da aber auch der Sohn des Bürgermeisters zu der verschworenen Gemeinschaft gehörte, drückte die Obrigkeit in den meisten Fällen ein Auge zu.
Konrads Vater Robert war als Kaufmann und Hausbesitzer ein angesehener Vollbürger dieser Stadt. Er hatte sich über die letzten 20 Jahre ein die Familie gut ernährendes Geschäft aufgebaut. Der Handel mit kunstfertigen Gussprodukten war seine Profession. Eisenhandel hatte in Wetzlar eine lange Tradition, sodass Robert Gassner froh war, genau an diesem Ort, in der Schmiedgasse, ein Fachwerkhaus erwerben zu können; ein schmales, zweiachsiges, giebelständiges Gebäude, ohne verzierte Schwellen und Riegel, erbaut aus schlichtem Balkenwerk. Aber zusammen mit einem Hinterhof, groß genug, um der Familie einen gesicherten, eigenständigen Lebensraum zu bieten. Zudem wurde auf einem direkt vor der Stadtmauer gelegenen kleinen Stück Land Obst und Gemüse angebaut, und obendrein fand hier ein Schuppen für Pferd und Kutsche seinen Platz.
Ursprünglich wohnten Konrads Eltern im sieben Meilen entfernten Hirzenhain. Hier absolvierte Robert Gassner im Hüttenwerk des Meister Michels eine Lehre als Kunstgusseisengießer. Auf der sich der Lehrzeit anschließenden Walz traf er nicht nur mit anderen Gesellen der unterschiedlichsten Gewerke zusammen, sondern es kreuzten dazu etliche Wanderhändler seinen Weg. Er war sofort fasziniert, wie eigenständig diese Männer ihr Leben führten.
Die Idee, es ihnen gleich zu tun, ließ ihn nicht mehr los. Er stellte sich vor, die Kunstgussprodukte, die er einst entworfen und hergestellt hatte, in fernen Städten zum Kauf anzubieten. Als Robert nach Hirzenhain zu seinem Lehrherrn Meister Michels zurückkam, fand er für sein Vorhaben offene Ohren und volle Unterstützung. Die Verwandlung vom Handwerksgesellen zum Händler wurde aber erst mit dem wichtigen Wanderhändlerprivileg vollzogen. Dank der Gunst, die sich Meister Michels am Hof des Landesfürsten erworben hatte, konnte er sich dort für Robert verwenden, und den geplanten Handelsreisen stand bald nichts mehr im Weg.
Obwohl Konrads Vater im ersten Jahr nur mit einem eingeschränkten Sortiment kleinerer Kunstgussexponate unterwegs war, fasste er erstaunlich schnell Fuß. Als Transportmittel spendierte ihm Meister Michels fürs Erste einen Maulesel mit zwei Packtaschen. Robert Gassner entwickelte sich auf jeder Reise mehr vom Handwerker zu einem überzeugenden Verkäufer. Er verstand es, die Geheimnisse der Gießkunst den Menschen lebendig und spannend darzulegen. Er hatte das Talent, vor den Augen der Kunden seinen Ideen auf Papier Gestalt zu geben. Skizzenhaft passte er mitgeführte Musterstücke den Wünschen der feinen Herrschaften an.
Hatte er nicht das passende Exponat dabei, so nahm er – gegen eine Anzahlung – zumindest einen Auftrag mit nach Wetzlar. Der Kunstguss wurde dann in Hirzenhain bei Meister Michels hergestellt und das Objekt der Begierde bei der nächsten Reise ausgeliefert.
Da die Geschäfte des Vaters hervorragend gediehen, wurden Konrad und seine beiden älteren Schwestern von einem Privatlehrer aus dem Marienstift zu Wetzlar unterrichtet. Die Lehrgegenstände entsprachen zwar nicht ganz den sieben freien Künsten des Altertums, die in Klosterschulen oft gelehrt wurden, aber neben Rechnen, Schreiben und Lesen – ergänzt durch Latein – wurde speziell Konrad in Rhetorik, Geometrie und Zeichnen unterrichtet. Sein Vater hielt genau diese letzteren Disziplinen für eine später ins Haus stehende Geschäftsfortführung durch seinen Sohn für ausgesprochen wichtig.
Konrad war durchaus ein fleißiger und begabter Schüler, wobei sein hervorstechendes Talent im Zeichenfach schon früh zu erkennen war. Er hatte sich inzwischen, nach dem Vorbild des Vaters, ein eigenes Skizzenbuch angelegt, und wenn er nicht mal wieder über die hügeligen Gassen seiner Heimatstadt tobte, dann traf man ihn immer öfter im Dom auf Motivsuche an. Hier hatten es ihm die ausdrucksstarken Ornamente des reich verzierten romanischen Heidenportals angetan. Es lag etwas versteckt im Inneren der nie ganz fertiggestellten Westseite des Marienstifts. An dieser geheimnisvollen Darstellung übte Konrad seine Freihand Zeichentechnik. Er skizzierte die geschwungenen Linien immer wieder und mit so großer Leidenschaft, als würde er ahnen, dass das Relief in seinem späteren Leben eine bedeutende Rolle spielen sollte.
Mittlerweile waren ein paar Jahre ins Land gegangen. Robert Gassner war inzwischen mit einem zweispännigen Planwagen unterwegs, immer begleitet von seinem Knecht Walter. Es war ein auffälliger Handelswagen. Auf jeder Seite der Plane sah man eine selbstgefertigte Zeichnung, die jeweils eine kunstvoll verzierte Ofenplatte darstellte. Auf der Ladefläche standen drei große, schwere Truhen. Sie waren aus massivem Eichenholz, mit dicken Eisenbändern beschlagen und mit einem aufwändigen Schließmechanismus verriegelt. Im Inneren durch Fächer unterteilt, wurde die Kunstgussware sicher aufbewahrt.
Roberts Angebot konnte sich wahrlich sehen lassen. Es reichte von Figuren, Skulpturen und Büsten bis zu Ofen- und Brunnenplatten. Aber auch Wappenschilde, Kerzenständer sowie Tischgarnituren für Feder und Tinte gehörten genau so dazu wie reich verzierte Namensschilder, Türklopfer und Hausglocken. Für die Damen hielt der Handelsmann sogar filigranen Eisen- und Bronzeschmuck bereit.
Seine Routen führten das Gespann über die traditionellen Fernhandelswege regelmäßig Richtung Norden. Lange, mühsame und abenteuerliche Wegestrecken galt es zurückzulegen. Braunschweig, Lüneburg und Hamburg waren lohnende Ziele. Doch nicht nur die Messen und Märkte in den Städten wurden regelmäßig besucht. Ertragreiche Geschäfte versprachen ebenso die vielen Gutshöfe, Schlösser und Burgen links und rechts der Strecke.
Konrads Vater war ein findiger Kaufmann. Um nach dem Ausliefern der Ware den Laderaum auch auf der Rückfahrt zu nutzen, lud er regelmäßig in Hamburg einige Fässer mit gepökelten Heringen. In seiner Heimatstadt Wetzlar fand er dafür reichlich Abnehmer.
Wenn Robert Gassner und sein Knecht dann endlich nach vielen Wochen wieder gesund mit dem Fuhrwerk zu Hause ankamen, konnte Konrad es kaum erwarten, seinen Vater in die Arme zu schließen. Mit großen Augen saß er dann vor ihm. Gespannt hörte er all die Geschichten, von den fremden Städten, wehrhaften Burgen und von den erlebten Abenteuern. Dann wurde jedes Mal deutlich, dass seine Mutter, obwohl sie sich rührend um ihn kümmerte, ihm den Vater nicht ersetzen konnte. Und so erhoffte sich Konrad bei jedem Abschied, dass er eines Tages mit auf dem
