Heldenburg Band 2 - Eberhard Schmah - E-Book

Heldenburg Band 2 E-Book

Eberhard Schmah

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Beschreibung

Anfang des 17. Jahrhunderts wächst Konrad Gassner als Sohn einer Händlerfamilie in Wetzlar auf. Gerade 14 Jahre alt geworden, verschwindet plötzlich auf rätselhafte Weise sein Vater Robert auf einer Handelsreise: ein Trauma, das ihn nicht mehr loslässt. Nach der Lehre in einer Kunstgießerei im nahe gelegenen Hirzenhain wird Konrad als Söldner angeworben. Er durchlebt im Gefolge des großen Heerführers Tilly, die Wirren des 30-jährigen Krieges. Als er nach vier langen Jahren die Gräueltaten nicht mehr erträgt, desertiert er. Auf der Flucht durch das Ilme- und Leinetal führt ihn sein Weg in den Flecken Salzderhelden und zur Heldenburg. Durch eine glückliche Fügung schlüpft Konrad in eine neue Identität als Burgschreiber. Zunächst froh, dem Albtraum Krieg entkommen zu sein, muss er einige packende Abenteuer bestehen und lernt seine große Liebe kennen. Es ist ein historischer Roman, der aufwendig recherchiert ist und seine Leser auf eine spannungsgeladene, lebendige Zeitreise mitnimmt. Die fiktive Handlung orientiert sich an Originalschauplätzen im geschichtlichen Kontext. Die Heldenburg Reihe wird in drei Bänden veröffentlicht.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über den Autor:

“Wolf von Dohrenberg” arbeitete 40 Jahre als Berufsschullehrer, 3D-Artist und Moderator. Im Jahr 2011 veröffentlichte er einen Film mit dem Titel “Die Heldenburg im Jahr 1652”. Die Dokumentation macht durch fotorealistische 3D-Computeranimationen Geschichte lebendig.

Bei dieser Arbeit entstand die Idee zu der Heldenburg Romanreihe.

Danksagung

Viele Menschen haben Anteil daran, das diese Romanreihe enstehen konnte. Stellvertretend möchte ich folgende Personen nennen:

Meine Frau Brigitte und meine Freunde, die über viele Monate meine Fantasien “ertragen” mussten. Rabea Hartwig, Maik Bode und Steffen Döllerer, ohne die mein Cover blass geblieben wäre. Susanne Gerdes und Wolfgang Lange, die sich um Logiklücken und sonstige Fehler gekümmert haben.

Dr. Elke Heege, die mir mit ihrer professionellen Kompetenz, mit Anregungen und historischen Dokumenten geholfen hat.

Über dieses Buch

Anfang des 17. Jahrhunderts wächst Konrad Gassner als Sohn einer Händlerfamilie in Wetzlar auf. Gerade 14 Jahre alt geworden, verschwindet plötzlich auf rätselhafte Weise sein Vater Robert auf einer Handelsreise: ein Trauma, das ihn nicht mehr loslässt. Nach der Lehre in einer Kunstgießerei im nahe gelegenen Hirzenhain wird Konrad als Söldner angeworben. Er durchlebt im Gefolge des großen Heerführers Tilly die Wirren des 30-jährigen Krieges. Als er nach vier langen Jahren die Gräueltaten nicht mehr erträgt, desertiert er. Auf der Flucht durch das Ilme- und Leinetal führt ihn sein Weg in den Flecken Salzderhelden und zur Heldenburg.

Durch eine glückliche Fügung schlüpft Konrad in eine neue Identität als Burgschreiber. Zunächst froh, dem Albtraum Krieg entkommen zu sein, muss er einige packende Abenteuer bestehen und lernt seine große Liebe kennen.

Es ist ein historischer Roman, der aufwendig recherchiert ist und seine Leser auf eine spannungsgeladene, lebendige Zeitreise mitnimmt. Die fiktive Handlung orientiert sich an Originalschauplätzen im geschichtlichen Kontext. „Das Geheimnis des Burgschreibers“ wird in drei Bänden veröffentlicht.

Inhaltsverzeichnis

Die Ankunft

Die Suche

Die Rückkehr

Die Schatzsuche

Der Schatz aus Schloss Herzberg

Johannas Rettung

Das Münzsilber

Die Anerkennung

Der Abschied

Nachwort

Anhang

1. Die Ankunft

Die Sonne stand schon hoch am Firmament, als Konrad durch das tiefe, brummende Fluggeräusch einer mit Blütenpollen schwer bepackten Erdhummel sanft geweckt wurde. Er spürte die angenehme Wärme der Sonnenstrahlen, die, durch die Kornhalme gefiltert, sein Gesicht streichelten. Blinzelnd öffnete er langsam seine Augen. Noch bewegungsunfähig daliegend, die Arme und Beine weit ausgestreckt, lauschte er nach weiteren Geräuschen. Aber bis auf das Surren umherfliegender Insekten herrschte eine beruhigende, friedliche Stille. Konrad fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr. So nickte er fast wieder ein, bis laute Kinderstimmen an seine Ohren drangen. Vorsichtig reckte er den Kopf nach oben, sodass er geradeso über die Kornähren schaute. Nur 400 Schritte vor ihm tummelte sich eine Horde Jungen auf einer Steinmauer, die sie für sich als Abenteuerspielplatz erobert hatten. Mit lautem Geschrei und wild umherfuchtelnden Stöcken wurden Schwertkämpfe simuliert. Konrad sah einen Augenblick fasziniert zu. Er fühlte sich an seine unbeschwerte Jugendzeit und die Spielkameraden in Wetzlar erinnert. Nach langer Zeit zeigte sich mal wieder ein entspanntes Lächeln auf seinem Gesicht. Oft war auch er, mit einem selbst gebastelten Holzschwert, verbotenerweise über die Stadtmauern gestürmt. Welch großes Leid man mit einer Waffe aus scharfem Eisen anrichten konnte, darüber hatte er sich damals noch keine Gedanken gemacht.

Konrad atmete, begleitet von einem tiefen Seufzer noch einmal durch, schnallte den Schnappsack um, zog sich – auf die Staffelei gestützt – hoch und stand, sich streckend, in voller Lebensgröße mitten im Kornfeld. Zielstrebig schritt er auf die Mauer mit den spielenden Kindern zu. Die waren allerdings so in ihr wildes Treiben vertieft, dass sie Konrad erst im letzten Moment bemerkten. Um die Rasselbande nicht zu erschrecken oder gar zu verscheuchen, beschloss er ihnen mit Witz und Humor zu begegnen. Mit seinem großen Hut machte er eine ausladende Schwenkbewegung, sodass die als Verzierung angebrachten bunten Seidenbänder flatternd die Augen der Kinder auf sich zogen. Dazu vollzog er eine tiefe Verbeugung, und mit gekünstelter Sprache begann er sein kleines Schauspiel: »Seid mir gegrüßt, Ihr edlen Ritter! Man nennt mich Edmund Mengler, den Zeichner aus dem fernen Frankfurt. Ich darf Euch, edle Recken von hoher Geburt, bitten mich untertänigst in eure Burg einzulassen, damit ich euch mit meiner Kunst schmeicheln kann.«

Die Dorfjungen hielten abrupt inne. Regungslos standen die kleinen Abenteurer auf der rund sechs Fuß hohen Mauer und schauten verblüfft auf ihn herab. Mit großen Augen hatten sie aufmerksam den Auftritt beobachtet. Konrad sah ihnen an, dass sie nicht genau wussten, wie sie auf diese so vornehm vorgetragenen Sätze reagieren und antworten sollten. Es waren einfache Burschen aus dem Dorf, und sie hatten bisher nur einmal eine solche Wortwahl gehört.

Das passierte, als sie heimlich durch ein Loch in der Mauer des Amtshauses geschlüpft und von hieraus über den Amtshof hinauf zum Küchengarten der Burg geschlichen waren. Dort belauschten sie zufällig ein Gespräch des Amtmanns mit einer feinen Dame. Und deshalb wussten sie spätestens seit dieser Begegnung, wie vornehme Herrschaften miteinander sprechen.

Aus der angespannten Stille heraus entgleisten dann doch einem der Jungen die Gesichtszüge und er lachte los. Nun konnten sich auch seine Spielkameraden nicht mehr halten, wobei einer, der zu dicht an der vorderen Kante stand, Konrad direkt vor die Füße purzelte. Er schüttelte sich kurz, sprang auf und nahm sofort Reißaus. Nun lachte auch Konrad herzhaft und die Situation entspannte sich zusehends.

»So, so, du willst ein Zeichner sein? Lauft ihr Zeichner immer einfach so durch Kornfelder?«, plapperte frech einer der Burschen los.

»Wenn das der Verwalter vom Vorwerk erfährt, dann gibt’s aber großen Ärger«, mischte sich ein zweiter ein. »Und was heißt hier überhaupt Zeichner aus Frank ..., Frankfurt?«, meldete sich ein dritter zu Wort und hakte gleich noch einmal nach: »Zeichner, was soll das überhaupt sein? Und was treibt dich denn hier, bitteschön, ausgerechnet zu uns nach Salzderhelden?«

Konrad hob beschwichtigend seine linke Hand.

»Langsam, langsam! Ich werde euch schon alles genau erklären! Also - ich zeichne im Auftrag für einen Herren Merian, der in Frankfurt am Main seinen Stammsitz hat, Ansichten von bedeutenden Städten, Klöstern, Schlössern und Burgen. Und der Herr Merian lässt dann, wenn ich genug zusammengetragen habe, daraus ein dickes Buch drucken. Das heißt, natürlich nicht nur eins, sondern gleich viele Dutzend, und wenn man genug Silberlinge besitzt, dann kann man sich solch eine Bildsammlung kaufen.«

Konrad wollte nun durch eine weitere kleine Lüge seinem Erscheinen hier in Salzderhelden noch mehr Glaubwürdigkeit verleihen.

»Und durch das Kornfeld bin ich gelaufen, weil ich von hier aus einen wunderbaren Blick auf eure Burg habe. Denn euer Herzog persönlich hat mich beauftragt dieses mächtige Bauwerk unbedingt in meine Sammlung der schönsten Burgen mit aufzunehmen. Also dürfte ja wohl auch euer Verwalter vom Vorwerk nichts dagegenhaben, dass ich hier gerade ein paar Halme umknicke. Und übrigens, ich glaube kaum, dass er von eurem Spielen auf der Mauer erfahren sollte!«

Mit strenger Miene schaute Konrad den kleinen, selbsternannten Rittern tief in die Augen. Der letzte Satz hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Betretenes Schweigen machte sich breit.

»Aber keine Angst, ich verrate euch nicht! Das heißt, wenn ihr mir jetzt mal langsam über die Mauer helft, bevor ich hier Wurzeln schlage!«

Die Burschen schauten sich kurz an, zuckten mit den Schultern, nahmen Konrad als Erstes die Staffelei und den Schnappsack ab und zogen ihn anschließend mit vereinten Kräften auf die fast zwei Fuß dicke, mannshohe Mauer. Da die etwa zehn- bis zwölfjährigen Dorfjungen sich dabei voll ins Zeug legten und Konrad durchaus ein paar Verbündete, die garantiert jeden Winkel in Salzderhelden kannten, gebrauchen konnte, beschloss er sie mit einem speziellen Dankeschön noch weiter für sich zu gewinnen. Nachdem sie sich, gegenseitig helfend, auf der anderen Mauerseite heruntergelassen hatten, klopfte Konrad jedem Einzelnen von ihnen auf die Schulter.

»Na bitte, das hat ja dank eurer Hilfe prima geklappt! So kräftige junge Männer habe ich schon lange nicht mehr getroffen.«

Ein bisschen verlegen, doch auch ein wenig stolz, schauten sie neugierig zu, wie er eine Ledermappe aus seinem Schnappsack holte.

»Ich zeige euch erst mal ein paar von meinen Zeichnungen, die ich in den letzten Wochen angefertigt habe.«

Konrad stellte die Staffelei auf und legte die Mappe geöffnet auf das Halterungsholz. Dicht gedrängt und mit großen Augen standen die Burschen staunend vor seinen Exponaten. Anerkennendes Raunen machte die Runde, denn so etwas hatten die Dorfjungen vorher noch nie gesehen.

»Und du hast das wirklich alles selbst gezeichnet?«, fragte einer der Burschen und malte fasziniert mit dem Zeigefinger auf einer Skizze die Linien der Burg Polle nach.

»Vorsicht! Diese Zeichnungen dürfen auf keinen Fall beschmutzt werden! Und wenn ich mir deine kleinen Finger so anschaue, dann haben die wahrscheinlich schon länger kein Wasser mehr gesehen, oder?«

Erschrocken zog der Kleine schnell seine Hand zurück. Allerdings nahm ein Lächeln von Konrad den Worten gleich wieder jede Schärfe.

»Ich glaube, ich mache euch allen mal einen Vorschlag.«

Die Spannung war deutlich in ihren Gesichtern abzulesen.

»Da ich beabsichtige, etwas länger an diesem schönen Ort zu bleiben, könnte ich – als kleines Dankeschön für eure Hilfe – für jeden eine Zeichnung anfertigen.«

»Was, das würdest du wirklich? Jeder bekommt ein eigenes Bild gemalt?«, fragte einer der Jungen ungläubig.

»Sagen wir mal, ich zeichne für jeden das Haus, in dem er wohnt. Was sagt ihr dazu?«

Die kleine Bande sah ihn begeistert an, bis auf den Jungen, der schon versucht hatte, die Zeichnung auf der Staffelei mit seinem Finger nachzumalen. Er hatte gleich auch noch einen Sonderwunsch parat.

»Herr Zeichner, ich wohne nur in einer alten, schiefen Hütte. Kann ich vielleicht ein Bild von der Mühle oder vom Brauhaus oder auch von unserer Wasserkunst haben?«

Der kleine Mann lächelte ihn hoffnungsvoll an und zeigte sofort in die Richtung, in der seine Wunschobjekte standen.

»Schau, da drüben, da kannst du dir gleich alles ansehen!«

Konrad schmunzelte. Er hatte sein Ziel, die Dorfjungen für sich zu begeistern, offensichtlich erreicht. Und noch wichtiger, sie nahmen ihm die gespielte Rolle des Zeichners Edmund Mengler ab, und er fühlte sich in seiner neuen Identität schon richtig wohl.

»Na, dann schauen wir uns mal deine Wunschobjekte etwas näher an! Aber danach bringt ihr mich bitte auf dem kürzesten Weg zur nächsten Herberge im Ort. Mein Magen fängt nämlich schon an zu knurren, und Durst auf ein kühles Bier habe ich auch!«

Als Konrad den Schnappsack und die Staffelei aufnehmen wollte, konnte er sich vor lauter Hilfsbereitschaft kaum retten. Alle wollten tragen helfen und prügelten sich fast um diesen freundschaftlichen Dienst. Konrad griff regulierend ein.

»Nun mal langsam, ihr jungen Wilden! Ihr könnt euch ja gern abwechseln, aber macht mir ja nichts kaputt und zeigt mir lieber mal diese eben genannte Wasserkunst!«

Es waren nur 100 Schritte, und sie standen vor einem riesigen Wasserrad von annähernd fünfzehn Fuß Durchmesser und fast fünf Fuß Breite. Stolz fing sofort der Älteste des Trupps an zu erzählen.

»Hier neben uns ist die Kornmühle. Die hat zwei normal große Wasserräder. Aber das da vorn, das alleinstehende Rad ist fast doppelt so groß wie die anderen, und das treibt unsere Wasserkunst an.«

Konrad staunte nicht schlecht. Er hatte bisher nichts Vergleichbares gesehen.

»Du meinst das lange Holzgestänge, das von diesem Monstrum von Rad angetrieben wird, das ist eure sogenannte Wasserkunst?«

»So ist es! Diese Stangen laufen quer durch unseren Ort, bis sie auf der anderen Seite Richtung Einbeck wieder herauskommen, und genau da treiben sie zwei Pumpen an. Mit denen holt mein Vater Salz aus der Erde.«

»Quatsch!«, sagte ein anderer Junge. »Damit holt man die Sole nach oben, und die muss dann noch gekocht werden, bevor daraus Salz wird.«

»Ja, ja, du Schlaumeier«, konterte der erste, »und dann wird das Salz noch getrocknet sowie in Säcke oder Fässer gefüllt, und dann verkaufen wir es und bekommen dafür viele, viele Gulden.«

Bevor der Streit um die richtige Erklärung in die zweite Runde ging, griff Konrad erneut ein.

»Nun lasst mal gut sein! Ihr könnt mir später noch alles zeigen und erklären. Ich brauche jetzt sofort einen leckeren Braten, sonst falle ich auf der Stelle um, und ihr müsst mich noch tragen.«

Dieser letzte Satz verfehlte nicht seine Wirkung. Von allgemeiner Belustigung begleitet, setzte sich der Trupp – am Brauhaus und am Vorwerk der Burg vorbeiwandernd – Richtung Dorfmitte in Bewegung. Unter einem steinernen Torbogen, der Einfahrt zum Vorwerk, stand, misstrauisch dreinschauend, ein dicker, großer Mann. Er nahm gerade den Hut ab und wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von seinem feuerrot glühenden Gesicht und von der in der Sonne glänzenden Glatze.

»Na, ihr kleinen Strolche! Sagt nur nicht, dass ihr schon wieder an der Wasserkunst euer Unwesen getrieben habt! Ihr wisst doch, dass das nicht ungefährlich ist.«

Er senkte drohend den Kopf, und die raue, angsteinflößende Stimme hatte nun noch mehr Schärfe.

»Und wer ist überhaupt diese Gestalt da in eurem Schlepptau?«

Sichtlich eingeschüchtert, nahm ausgerechnet der Kleinste in der Gruppe allen Mut zusammen, und noch bevor Konrad reagieren konnte, plapperte er auch schon munter drauf los.

»Also erstens haben wir diesmal nicht an der Wasserkunst gespielt, und zweitens ist das nicht irgendeine Gestalt, sondern der Herr Zeichner! Der hat einen Auftrag von unserem Herzog bekommen, und wir müssen ihn jetzt schnell zum Gasthof bringen, damit er uns nicht vor Hunger und Durst umfällt.«

Der Mann im Torbogen stand herausfordernd breitbeinig da, doch nachdem Konrad den Hut abnahm und sich zum Gruß tief verbeugte, kam auch in sein kräftiges Gegenüber Bewegung. Auch er versuchte nun, mit seinem Hut eine grüßende Geste hinzubekommen. Unterstützt von einem steifen, angedeuteten Kopfnicken und einem recht merkwürdig anmutenden Wedeln mit seinem Schweißtuch wirkte alles doch sehr unbeholfen.

»Gestattet, dass ich mich Euch vorstelle! Mein Name ist Hubertus Bode. Ich bin der Verwalter dieses Vorwerks und untertänigster Diener unseres hochwohlgeborenen Fürsten.«

Die Kinder hatten es tatsächlich geschafft, Konrad in Verlegenheit zu bringen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass seine Lüge mit dem Herzog noch irgendjemand anders erfahren würde. Konrad wurde plötzlich kalt und warm zugleich. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hoffte inständig, dass man ihm dadurch nicht noch auf die Schliche kommen und seine Tarnung schon jetzt auffliegen würde. Schnelles Handeln war nun geboten. Er musste wohl oder übel sein angefangenes Schauspiel fortführen.

»Seid mir gegrüßt, Herr Verwalter! Vor Euch steht Edmund Mengler, der im Namen des Verlagshauses Merian aus Frankfurt das gesamte Kaiserreich bereist, um herausragende Städte und Bauwerke zeichnerisch festzuhalten, so auch Eure Burg und vielleicht auch Euer Vorwerk, inklusive des Brauhauses, der Mühle und vor allem der bemerkenswerten Wasserkunst.«

Inzwischen kamen Konrad diese gestelzten Sätze erstaunlich locker über seine Lippen. Er erschrak beinahe vor sich selbst und musste kurz an den armen, echten Edmund Mengler denken, der viel zu früh durch diesen unsäglichen Krieg sein Leben gelassen hatte. Er schöpfte neue Hoffnung, dass er nun jedermann von seiner neuen Identität überzeugen konnte. Den Verwalter jedenfalls, den hatte er offensichtlich schon hinters Licht geführt. Der stand plötzlich wie angewurzelt da, den Hut mit seinen mächtigen Händen vor dem fetten, runden Bauch vor Anspannung zerknautschend, suchte er nach Worten: »Ich – ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn Ihr sozusagen auch mein Vorwerk abbilden könntet! Übrigens, für Euer Wohlbefinden kann ich Euch das Gasthaus zum Salze empfehlen, das erste Haus am Platz, sozusagen. Dort werden wir uns bestimmt noch auf ein Bierchen sehen.«

Konrad nickte freundlich hinüber, und der Trupp setzte sich wieder in Bewegung. Ihr Weg führte sie direkt an der 100 Fuß über ihnen thronenden Ostseite der Heldenburg vorbei. Wenige Augenblicke später marschierten die Jungen, mit stolz geschwellter Brust, den Schnappsack und vor allem die Staffelei wie Trophäen tragend, unter den neugierigen Blicken etlicher Dorfbewohner zu ihrem Ziel, dem Gasthaus zum Salze. Dort gab es, so waren sich die Dorfjungen einig, eine gute Küche und den leckeren Braten, den ihr neuer Freund suchte, und dazu auch noch ein paar Betten für Fremde.

Der Wirt hatte durch Zufall das Spektakel, das sich seinem Haus näherte, entdeckt. Er brachte gerade sechs kräftigen Holzfuhrleuten, die im Schankraum Platz genommen hatten, einige große Krüge Bier und konnte dabei durch ein Fenster auf die Straße sehen. Voller Neugier nahm er sein rundes Tablett vom Tisch auf und ging nach draußen. So stand er auf der obersten von fünf Stufen, als Konrad sich bei seinen kleinen Helfern bedankte.

»Wie versprochen, nachdem ich die Burg gezeichnet habe, seid ihr dran!«

»Und wann wird das sein?«, kam es gleich auffordernd zurück.

»Ich denke schon, dass ich etwa eine Woche dafür brauche.«

»Können wir denn wenigstens dabei zuschauen?«, wollte gleich der nächste wissen.

Konrad machte mit dem Kopf eine abwägende Bewegung.

»Ich könnte es mir ja mal überlegen. Das heißt, wenn ihr mich dabei nicht zu sehr stört! Ich muss mich nämlich beim Zeichnen sehr konzentrieren, und somit brauche ich vor Ort absolute Ruhe bei der künstlerischen Arbeit.«

»Dafür sorge ich schon ganz allein!«, kam prompt die Antwort.

Und wieder war es der Kleinste der Gruppe, der sich als Rädelsführer vordrängelte und sich dabei selbstbewusst auf die Brust klopfte. Die Spielgefährten lachten laut los, wobei einige seiner kleinen Freunde vor Belustigung wild auf der Straße herumsprangen. Diese überschwängliche Ausgelassenheit sorgte dann doch für mehr Aufsehen, als es Konrad recht war, denn es zog die verwunderten Blicke der herumstehenden Dorfbewohner auf sich, und so stand er plötzlich im Mittelpunkt des Geschehens. Als Konrad seinen Schnappsack und die Staffelei aufnahm, stürmte der Trupp dann endlich laut jubelnd und wild gestikulierend davon. Konrad wollte nur noch schnell von der Straße verschwinden. Er setzte gerade seinen ersten Fuß auf die Treppe, als er einen kleinen, recht wohlgenährten Mann vor sich auf der obersten Stufe entdeckte.

»Wer seit Ihr, und was führt Euch zu mir?«, tönte es auf Konrad herab.

»Seid Ihr der Wirt?«, fragte Konrad zurück.

»Gut erkannt! Ich bin der Wirt vom Gasthaus zum Salze.«

Ein paar umherstehende Neugierige waren inzwischen noch nähergerückt, was nun auch dem Wirt gar nicht mehr gefiel.

»Und ihr da, habt ihr nichts Besseres zu tun, als hier herumzulungern? Ja, glotzt nicht so blöd, und haltet keine Maulaffen feil! Schaut zu, dass ihr weiterkommt!«

Die plötzlich lospolternde, laute Stimme ließ sogar Konrad erschreckt zusammenzucken. Er fasste sich aber schnell, schwenkte seinen auffälligen Hut und verbarg die ihn überkommende Anspannung gekonnt hinter einem freundlichen Lächeln.

»Seid mir gegrüßt, Herr Wirt! Ich bin der Zeichner Edmund Mengler aus dem fernen Frankfurt am Main, und ich suche für ein paar Tage eine Unterkunft mit Speis und Trank. Euer Haus wurde vom Verwalter des hiesigen Vorwerks in höchsten Tönen gelobt und mir empfohlen.«

Diese wohlformulierten Worte verfehlten nicht ihre Wirkung und schmeichelten dem Wirt sichtlich. Aber sein sich gleich danach einstellender Gesichtsausdruck signalisierte auch eine Portion Misstrauen ob der Liquidität des Fremden. So klopfte er fordernd auf sein Tablett, mit dem er schon die ganze Zeit nervös herumgespielt hatte.

»So, so – Zeichner seid Ihr! Verdient denn so ein Künstler überhaupt genug, um seine Zeche für mehr als eine Nacht bezahlen zu können?«

Konrad legte die Staffelei vor sich auf die Treppe und holte seinen an einem geflochtenen Lederband um den Hals hängenden Geldbeutel hervor. Er öffnete ihn ein wenig und schüttelte ihn so kräftig, dass gleich zwei Münzen über den Rand auf die Stufen polterten. Der bis dahin eher behäbig wirkende Wirt eilte daraufhin so flink die Treppe hinunter, dass er beim Einsammeln des Geldes fast sein Gleichgewicht verlor. »Ist ja gut!«, grinste ihn der Wirt an. »Ich denke, es ist Euch doch recht, wenn ich diese beiden Gulden schon mal als kleine Anzahlung behalte!«

Ein verschmitztes Lächeln zog sich über sein pausbäckiges Gesicht, und in seinen müde wirkenden Augen war plötzlich deutlich ein gieriges Funkeln zu erkennen.

»Steckt schnell Eure Börse weg und kommt herein! Es muss ja nicht gleich jeder mitbekommen, wie viel Münzen Ihr so mit Euch herumtragt!«

Mit diesen Worten schob er Konrad vor sich her die Treppe hoch und durch die massive Eingangstür auf einen Flur. Er öffnete eine weitere Tür und forderte ihn auf, hindurchzugehen. Konrad sah sich erstaunt um, denn er betrat einen recht kleinen Raum, in dem es weder eine Theke noch Stühle und Tische für Gäste gab. Verwundert stellte er fest, dass er mehr in einer Abstellkammer und nicht im Schankraum gelandet war. Konrad sah den Wirt fragend an.

»Was machen wir hier? Was habt Ihr vor?«

Konrad wich instinktiv mit leichter Abwehrhaltung zwei Schritte zurück.

»Keine Sorge, es ist alles in Ordnung! Aber bevor wir in den Schankraum gehen, muss ich Euch noch überprüfen.«

Konrad verstand nun gar nichts mehr.

»Bitte, was müsst Ihr? Mich überprüfen? Was soll das heißen?«

Konrad ließ die Staffelei gegen ein Regal fallen und griff nach seinem Dolch, den er unter der weiten Kutte trug.

»Langsam, langsam – gemach, gemach!«

Der Wirt hob beschwichtigend seine Arme und versuchte Konrad zu beruhigen.

»Zieht bitte keine falschen Schlüsse! Ich werde es Euch erklären. Ich habe von unserem Bürgermeister und vom Amtmann die Aufgabe und Pflicht, jeden fremden Gast auf Pestmerkmale zu begutachten, und zwar bevor ich ihn beherberge.«

Konrad wurde unvermittelt kalt und warm zugleich.

»Was – in Salzderhelden grassiert auch die Pest?«

Konrad taumelte zurück gegen das Regal.

»Nein, nein! Also nicht direkt. Aber im nahegelegenen Einbeck, da geht seit ein paar Monaten der Schwarze Tod von Haus zu Haus.

Ja, und auch hier bei uns im Flecken haben wir schon zwei Pesttote zu beklagen.«

Die bis dahin kleinen Augen des Wirts, die mit dunklen Rändern konturiert aus seinem blassen Gesicht schauten, weiteten sich zusehends.

»Versteht Ihr – wir müssen uns so gut es geht vor dieser Gottesstrafe schützen!«

Konrad war verunsichert und hätte am liebsten den Ort so schnell wie möglich wieder verlassen. Aber auf der anderen Seite brauchte er dringend Essen und Schlaf und einen halbwegs sicheren Unterschlupf. So beschloss er, zunächst seine neue Rolle weiterhin zu spielen.

»Solltet Ihr da nicht lieber jeden Tag in eurer Kirche beten, anstatt ehrenwerte Reisende zu verdächtigen?«

»Glaubt mir, wir beten hier in Salzderhelden schon reichlich, aber nun darf ich Euch bitten, Eure Kleider auszuziehen!«

Konrad senkte den Kopf, schloss seine Augen und überlegte kurz. Er kannte die Pestmerkmale nur zu gut. Ihm wurden während der bisherigen Soldatenzeit die auffälligen äußeren Zeichen mehrfach deutlich vor Augen geführt. Was er damals sah und was ihn sehr betroffen machte, waren Verdickungen und Verfärbungen am Hals, wulstige Beulen unter den Achseln sowie Pestbeulen in der Leistengegend. Konrad hatte nichts zu verbergen. In wenigen Augenblicken stand er fast splitternackt vor dem Wirt. Er hob beinahe automatisch die Arme und gab so den Blick auf seine Achselhöhlen frei.

»Wie ich sehe, kennt Ihr Euch aus, und wie ich mit Beruhigung feststelle, ist Eure Haut makellos.«

Konrad beschlich ein merkwürdiges Gefühl. Ihm war so, als ob er mit den Kleidern ebenfalls sein neues Ich, den Zeichner Edmund Mengler, abgelegt hatte, und dass man ihm nun jederzeit auf die Schliche kommen könnte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie viel Sicherheit er durch die Kluft des Künstlers gewonnen hatte. Sie schien wie eine Tarnkappe zu wirken, mit der er die Menschen täuschen konnte. Ob nackt oder angekleidet, für den Wirt machte es aber offensichtlich keinen Unterschied. Doch plötzlich stutzte und bekreuzigte sich der kleine Mann.

»Was, um Himmels willen, tragt Ihr denn da um den Hals?«, kam es mit Entsetzen aus dem Mund des Wirts. Wie gebannt starrte er auf Konrads Amulett und machte erschrocken einen Schritt zurück: »Ihr seid doch nicht etwa mit dem Teufel im Bund?«

»Keine Angst, Herr Wirt, das ist nur ein Kunstguss, der ein Abbild des sogenannten Heidenportals des Wetzlarer Doms darstellt! Es ist lediglich eine Erinnerung an meine Heimat.«

Erleichtert fasste sich der Wirt wieder, doch vorsichtshalber bekreuzigte er sich trotzdem.

»Na, Ihr könnt einem ja einen Schreck einjagen!«

Etwas verlegen dreinschauend versuchte er die Situation zu entkrampfen.

»Wenn ich es so sagen darf: Ich habe lange nicht einen so kräftigen und makellosen Körper zu Gesicht bekommen!«

Bei den nächsten Wörtern fing der Wirt wieder an zu lachen.

»Also, wenn ich dagegen so meinen Leib betrachte, dann könntet Ihr mir ruhig ein wenig Bauch abnehmen!«

Nun huschte auch bei Konrad ein Lächeln über sein Gesicht.

»Macht schon, zieht Euch wieder an, bevor ich hier vor Neid zerplatze!«

Konrad schlüpfte in seine Kleider, konnte sich jedoch einen guten Rat nicht verkneifen.

»Übrigens, Herr Wirt, wenn Ihr wieder mal einen Fremden untersucht, dann solltet Ihr ruhig ein wenig mehr Abstand einhalten und auf keinen Fall den Verdächtigen anfassen, sonst kommt eines Tages das schwarze Pestkreuz auch an Eure Tür!«

Der Wirt wurde auf einen Schlag noch bleicher, als er es ohnehin schon war. Er faltete die Hände und richtete seinen Blick nach oben.

»Malt den Teufel nicht an die Wand! Gott bewahre dieses Haus und alle Menschen, die hier ein- und ausgehen, vor dem Schwarzen Tod! Aber nun kommt erst mal mit in den Schankraum. Mit etwas mehr im Magen werdet Ihr gleich auf andere Gedanken kommen.«

Nach wenigen Schritten drückte er Konrad auf einen bequemen Armlehnenstuhl, der an einem großen, runden Tisch unweit der Theke stand.

»Der ist zwar normalerweise unseren ehrenwerten Stammgästen, wie dem Herrn Amtmann oder dem Bürgermeister, vorbehalten, aber falls diese Herrschaften noch kommen, möchten sie bestimmt einen weit gereisten Künstler wie Euch kennenlernen.« Mit den letzten Worten war er hinter der Theke verschwunden und holte Konrad einen großen Krug Bier. Er setzte ihn mit so viel Schwung auf den Tisch, dass das kühle Nass überschwappte und sich fast bis auf Konrads Kleider ergoss. Dies störte den Wirt allerdings keinesfalls.

»So, mein Lieber! Damit Ihr mir nicht verdurstet, nehmt erst einmal einen kräftigen Schluck! Und gleich gibt es ein leckeres Stück Fleisch und frisch gebackenes Brot dazu.«

Schon im Weggehen drehte er sich nochmals kurz um.

»Ach ja, ein Zimmer lasse ich für Euch gleich herrichten, es dauert bloß noch einen kurzen Augenblick. Im Moment ist nämlich bei uns der Teufel los! Nebenan im kleinen Saal tagt unsere Salzsiedergemeinschaft, da geht es mal wieder hoch her, und die müssen laufend bedient und bei Laune gehalten werden.«

Und schon verschwand er in der Küche, aus der beim Aufstoßen der Tür ein so leckerer Bratengeruch in Konrads Nase zog, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Die Vorfreude, nach den vielen Strapazen der letzten Tage endlich wieder ein herzhaftes Essen zu bekommen, entlockte seinem Magen ein lautes, offenkundig nicht enden wollendes Knurren. Er blickte an sich herunter und legte schmunzelnd die Hände auf seinen Bauch. Doch im gleichen Moment nahm er ein nicht minder lautes Schmatzen und Rülpsen wahr. Irritiert und erschrocken hob er den Kopf und stellt fest, dass er nicht allein im Schankraum saß. Gleich neben der Eingangstür ließen es sich sechs gestandene Mannsbilder hemmungslos schmecken. Den Mund noch halb voll saftig triefenden Bratens, grinsten sie Konrad an und hoben allesamt ihre Bierkrüge.

»Gleich bekommt dein Magen auch was zu tun! Lass´ dir bis dahin dein Bier munden! Zum Wohl, der Herr!«

Konrad prostete mit einem Lächeln zurück. Er hatte sich schon lange nicht mehr so geborgen und entspannt gefühlt, bis einer der sonnengegerbten Kerle ihn auf seinen bisher zurückgelegten Weg ansprach.

»So allein zu wandern ist in dieser Gegend im Moment nicht ganz ungefährlich. Führte dich dein Weg vom Solling hierher?«

Konrad erlitt ein Wechselbad der Gefühle. Eben noch hatte er den Korporal Gassner schon hinter sich gelassen, doch sogleich wurde er wieder an ihn erinnert.

»Warum fragt Ihr? Gibt es auf dieser Route etwas Besonderes zu entdecken?«

»Das kann man wohl sagen! Wir sind Holzfäller und Fuhrleute aus Sievershausen. Unser Wohnort liegt zweieinhalb Meilen von hier entfernt, genau am Rand des Sollings. Als wir mit unserem Holztransport durchs nächste Dorf Relliehausen fuhren, überholte uns – aus Richtung Uslar kommend – eine große Reitergruppe. Wir waren zunächst schon etwas erschrocken, aber Gott sei Dank hatten sie an uns kein Interesse und preschten weiter.«

Konrad musste sich fassen. Er schnaufte einmal kräftig durch.

»Soldaten habt ihr getroffen?«

»Ja, ja! Brenzlich wurde es allerdings erst kurz vor Einbeck, in Hullersen. Da wurden wir plötzlich von einer Gruppe Söldnerhalunken gestoppt.«

»Und wie seid ihr da wieder herausgekommen?«, wollte Konrad wissen.

»Die suchten nach irgendwelchen Kameraden, die sich auf und davon gemacht haben. Die wollten wissen, ob uns die Deserteure begegnet sind.«

Da sprang ein anderer Holzfäller am Tisch auf und schwang wild seine Axt.

»Aber als die uns dann noch drohen wollten, da haben wir denen erst mal gezeigt, dass sie das mit uns nicht machen können und dass wir uns zu wehren wissen!«

»Genau«, brüllte ein verwegen aussehender Sollingbursche aus der Runde.

»Wir lassen uns nämlich nicht so leicht einschüchtern und tragen unsere Werkzeuge immer am Mann. So mancher wildgewordene Keiler hat im dunklen Wald schon vor uns die Flucht ergriffen!«

»Flucht ergriffen ist gut«, brüllte der nächste durch den Schankraum.

»Die ein oder andere Wildsau hat es leider nicht geschafft und fand sich danach am Spieß über unserem Feuer wieder!«

Nun bogen sich alle vor Lachen und schlugen mit ihren schwielenübersäten Fäusten so kräftig auf die Tischplatte, dass die Bierkrüge gleich ein Stück abhoben. Konrad musste ob der sich vor ihm abspielenden, wilden Szene herzhaft mitlachen. Er hoffte, dass damit das Thema Soldaten und Krieg, zumindest hier im Gasthaus, ein für alle Mal erledigt war, bis dann doch noch eine Frage kam, die sich wie ein spitzer Dolch in ihn hineinbohrte. Vier Jahre mit Tillys Truppen waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen und nicht einfach so vom Tisch zu wischen.

»Ist dir denn keiner von dieser Söldnersaubande auf deinem Weg begegnet?«

Doch bevor Konrad antworten konnte, stürmte der Wirt aus der Küche kommend an ihm vorbei zur Theke und unterbrach das Gespräch.

»Wie ich unschwer auch noch hinter der Tür hören konnte, habt ihr euch ja schon kennengelernt.«

Er blickte hinüber zum Tisch der Fuhrleute und Holzfäller.

»Diese ausgelassenen Burschen da drüben kommen schon seit zehn Jahren regelmäßig, bei Wind und Wetter, aus Sievershausen zu uns und bringen mit ihren drei Fuhrwerken zuverlässig das beste Holz zum Salzsieden.«

Er wandte sich Konrad zu.

»Wie Ihr ja sicherlich bereits selbst festgestellt habt, sind diese Naturburschen allesamt ungehobelte Klötze. Ihr Benehmen ist für den Anspruch meines Haus in keiner Weise angemessen. Aber unser Bürgermeister und Salzgraf hat sie heute ... «, er sah kurz wieder mahnend zum Tisch der Sievershäuser, »in meine gute Stube zum Speisen, ich wiederhole, zum Speisen und nicht zum zügellosen Fressen eingeladen.«

Der Wirt richtete seinen Blick zur Zimmerdecke und faltete die Hände.

»Gott gebe mir die Kraft und die Geduld, dass mein Haus dieses Gelage unbeschadet überstehen möge!«

Die sechs Naturburschen vom Solling konnten die mahnenden Worte gut wegstecken und hatten als Reaktion darauf nur ein schallendes Lachen übrig. Offensichtlich fühlten sie sich in ihrem schon recht angeheiterten Zustand hier im Gasthaus richtig wohl. So forderten sie auch gleich nochmals eine Runde Bier.

Genau in diesem Moment öffnete sich die Küchentür und die Tochter des Wirts kam mit dem für Konrad bestimmten Braten in den Schankraum. Und obwohl das noch dampfende Gericht nicht für die Sollingburschen gedacht war, wurde die junge, äußerst hübsche Frau von ihnen laut und überschwänglich bejubelt. Die dann folgenden obszönen Wortspiele ignorierte sie erstaunlich gelassen.

»Ich hoffe, das Mahl wird für den ersten Hunger reichen?«, wandte sie sich an Konrad und setzte den saftigen Braten und eine Schale mit frisch gebackenem Brot vor ihm auf den Tisch. Konrads Augen wurden plötzlich so groß, als ob sie ihm aus dem Kopf fallen wollten. Sein Blick galt nicht etwa den leckeren Speisen, sondern erfasste ungläubig das Gesicht der jungen Frau.

»Johan....«, die letzte Silbe verschluckte er vor Aufregung.

Ihm stockte der Atem. Sie hatte genau das mit Sommersprossen übersäte Gesicht, die rotblonden Haare und die himmelblauen Augen wie Johanna, die Tochter seines Lehrmeisters aus Hirzenhain. „Was für eine unglaubliche Ähnlichkeit!“, dachte Konrad. Der einzige Unterschied war, dass vor ihm eine gut geformte, fast erwachsene junge Frau stand und kein mit Gießereidreck verschmiertes, freches Mädchen, das noch nicht genau wusste, ob es Männlein oder Weiblein war.

Die Tochter des Wirtes reagierte auf seinen überraschten Blick mit einem aufreizenden Lächeln und verschwand mit kessem Hüftschwung wieder in der Küche. Konrad sah ihr mit offenem Mund fassungslos nach und konnte diese ungeheure Ähnlichkeit kaum fassen.

»Meine Tochter Johanna gefällte Euch wohl?«, rief der Wirt ihm von der Theke zu.

»Nein, es ist nur – Moment, was habt Ihr gerade gesagt, Johanna, sie heißt wirklich Johanna?«

»Ja, so heißt nun mal meine Tochter! Aber eins sage ich Euch gleich, die ist nichts für Leute, die heute hier und morgen dort sind! Johanna hat einen Mann verdient, der sie beschützt und der ein gesichertes Einkommen hat. Also, falls Ihr darüber nachdenkt, dann schlagt sie Euch gleich wieder aus dem Kopf.«

Lautes Lachen kam von den Fuhrleuten und Holzfällern herüber.

»Da hast du Pech, junger Freund! Mir wollt er sie auch nicht geben, obwohl ich so ein unverbrauchter Naturbursche bin und gleich drei Gespanne als Mitgift vorweisen kann!«

Konrad hob beschwichtigend die Hände und drehte sich zum Wirt.

»Nein, nein! Nicht dass Ihr meinen Blick zu Eurer Tochter falsch deutet! Ich habe nur über ihre Ähnlichkeit mit einem jungen Mädchen, das ich einst kannte, gestaunt, und dazu trägt Eure Tochter auch noch den gleichen Namen.«

Der Wirt schüttelte nur seinen Kopf.

»Wie auch immer: Lasst die Finger von meiner Tochter!«

Da stürmte plötzlich der Bürgermeister von der Salzsiederbesprechung in den Schankraum.

»Gustav!«, rief er dem Wirt entgegen, »Gustav, gibt mir sofort einen Krug von deinem Hauswein! Ich muss erst mal meinen Ärger mit diesen Streithammeln runterspülen!«

Dann sah er Konrad und hielt kurz inne.

»Nanu – ein Fremder an unserem Stammtisch? Was macht Ihr hier?«

Der Wirt klärte ihn sofort auf und stellte die beiden Herren einander vor.

»Ach, Gustav, bevor ich es vergesse: Du solltest deine Tochter schnell in Sicherheit bringen, denn eben kam die Nachricht zu uns durchs Fenster geflattert, dass am Ortseingang mal wieder ein paar Soldaten gesichtet wurden.«

Konrad fiel vor Schreck fast der Braten aus der Hand, und sein Gesicht wurde kreidebleich.

»Soldaten sagt Ihr?«

»Ja, ja! Man hat mir gesagt, dass sie hinter fahnenflüchtigen Kameraden her sind und jedes Haus und jeden Schuppen durchsuchen.«

Der Wirt holte sofort seine Johanna aus der Küche und lief mit ihr die aus dem Schankraum in den ersten Stock führende Treppe hinauf. Konrad ließ alles stehen und liegen und eilte mit raumgreifenden Schritten hinterher. Oben angekommen sah er, wie Johanna in einem großen Wandschrank, der am Ende des Flurs stand, verschwand. Er stürmte auf den Wirt zu, der sich erschrocken zu ihm umdrehte.

»Was wollt Ihr denn hier? Macht, dass Ihr wieder in die Gaststube kommt!«

Konrad versperrte ihm den Weg. »Ist das ein Versteck?«

Er sah den Wirt mit panischen Augen an.

»Wenn ja, dann lasst mich bitte auch hier Unterschlupf finden!«

Der Wirt dachte, er traue seinen Ohren nicht.

»So ist das also! Irgendwie hatte ich von Anfang an bei Euch so ein merkwürdiges Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt!«

Der Wirt streckte seine Hände abwehrend Konrad entgegen.

»Werdet Ihr etwa gesucht?«

»Ich flehe Euch an, Ihr müsst mich in das Versteck lassen. Ich verspreche, ich erkläre Euch alles später!«

Der Wirt raufte sich die Haare und schaute Konrad fassungslos aus groß aufgerissenen Augen an.

»Das hat mir gerade noch gefehlt! Aber eins sage ich Euch: Verhaltet Euch ja still! Keinen Laut will ich aus dem Versteck hören, und lasst ja die Finger von meiner Tochter!«

Der Wirt drehte sich geschwind um, öffnete die großen Schranktüren, zog die Regalbretter, die mit Betttüchern bepackt waren, in der Mitte auseinander, drückte gegen die Rückwand, sodass sie sich einen Spalt öffnete, und schob Konrad hindurch. Der große, schwere Schrank nahm die ganze Flurbreite ein. Seine Tiefe konnte man von vorn nicht genau einschätzen. Dahinter befand sich bis zur eigentlichen Hauswand ein schmaler, gerade mal schulterbreiter Hohlraum, in dem Johanna mit angezogenen Beinen auf dem Boden hockte. Konrad tat es ihr gleich und saß ihr nun mit geringem Abstand gegenüber.

Es war fast dunkel, und nur durch einen kleinen Spalt in der Außenwand fiel etwas Licht auf das Gesicht von Johanna. Konrad war angespannt und fasziniert zugleich. Noch einmal wurde ihm die frappierende Ähnlichkeit zu seiner Jugendfreundin aus Hirzenhain bewusst. Konrad überlegte, wie wohl „seine Johanna“ nach all den