Hartmann und der böse Wolf - Michael Frey Dodillet - E-Book
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Hartmann und der böse Wolf E-Book

Michael Frey Dodillet

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Beschreibung

Hartmann, Ex-Kommissar und Privatdetektiv wider Willen, soll Hundetrainer Bert Wolf unter die Lupe nehmen. Der hat seit der Eröffnung seiner Nobel-Hundeschule Alpha Wolf nicht nur einen Berg Schulden, sondern auch sonst ziemlich viel Dreck am Stecken. Aber dann liegt Wolf eines Tages ziemlich tot im Wald. Mit eingeschlagenem Schädel und einem durchs Auge getriebenen Erdanker. Das Rudel der Verdächtigen ist groß. Zusammen mit Schäferhund-Beagle Gitte-Bruno ermittelt Hartmann undercover in der illustren Welt der Hundefreunde - und stößt auf windige Machenschaften, verschrobene Trainer und bissige Frauchen aus der Schickeria ...

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Zitat

01 Ein Bruno namens Gitte

02 Erdanker im Veilchen

03 Gundulalala

04 Das große Heulen

05 Büfükadü

06 Kater und Kangals

07 Bissige Schickeria

08 Das miese Fischbrötchen von Cassis

09 Silikontittenschabracken

10 Tollwut

Über das Buch

Hartmann, Ex-Kommissar und Privatdetektiv wider Willen, soll Hundetrainer Bert Wolf unter die Lupe nehmen. Der hat seit der Eröffnung seiner Nobel-Hundeschule Alpha Wolf nicht nur einen Berg Schulden, sondern auch sonst ziemlich viel Dreck am Stecken. Aber dann liegt Wolf eines Tages ziemlich tot im Wald. Mit eingeschlagenem Schädel und einem durchs Auge getriebenen Erdanker. Das Rudel der Verdächtigen ist groß. Zusammen mit Schäferhund-Beagle Gitte-Bruno ermittelt Hartmann undercover in der illustren Welt der Hundefreunde – und stößt auf windige Machenschaften, verschrobene Trainer und bissige Frauchen aus der Schickeria …

Über den Autor

Michael Frey Dodillet, geboren 1961 in Singen, ist seit Abschluss seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre für diverse Agenturen in Düsseldorf, Hamburg, München und in der Schweiz als Werbetexter tätig. Mit seiner Frau, drei Kindern, Schäferhundrottweilerin Luna und Terriermünstigemisch Wiki lebt er in Erkrath bei Düsseldorf. 2011 erschien sein Bestseller »Herrchenjahre«, dem drei weitere »Herrchen«-Bücher sowie zwei Männer-Unterhaltungsromane folgten.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustrationen:© shutterstock: Konstantin Faraktinov | Ecelop | Vivienstock | Marcin PerkowskiEvgeniia Litovchenko | Stuart Jenner; © Sophie Strodtbeck

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-3987-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

»There’s a hole in my head, where the rain comes in.«Jeff Lynne, »Evil Woman«

01Ein Bruno namens Gitte

Die fette Elster schoss wie ein Torpedo in das Amselnest unter dem Giebel und schmiss die Jungvögel raus. Einer nach dem anderen klatschte acht Meter tief ins Blumenbeet. Darin wuchs nichts, was den Fall dämpfen konnte. Ein paar dürre Ginsterstängel, ein ausgemergelter Bodendecker. Wer ganz großes Pech hatte, landete in einem alten Rosenstock, der außer nadelspitzen Dornen nichts zu bieten hatte. Perfektes Massaker, dachte Hartmann und drückte mit dem Ende seiner Gabel den Korken in die Chardonnayflasche. Später am Abend würde Nachbars Katze kommen und die Opfer beseitigen. So rührend sorgte Mutter Natur für ihre Kinder.

Hartmann nahm einen Schluck Wein und musterte die mickrigen Spaghetti auf seinem Teller. Üppiger als das kalte Katzenbuffet in den Rabatten sah das auch nicht aus. Eine Handvoll Nudeln hatte er noch aufgetrieben, ein paar Oliven, einen Rest Tomatensauce. Es war Samstagabend. Der Supermarkt hatte noch geöffnet. Aber Hartmann hatte die Optionen genau abgewogen und sich gegen Einkaufen entschieden. Sich mühselig aus dem Liegestuhl hebeln und ins Auto schwingen kam auf gar keinen Fall in Frage. Dann schon lieber am Wochenende den Gürtel enger schnallen.

Das Telefon klingelte.

»Vergiss es!«, murmelte Hartmann. Er drehte die Gabel in seinen kümmerlichen Nudeln und schob sie in den Mund. Wenigstens waren sie heiß. Hartmann hasste lauwarme Nudeln. Lauwarme Nudeln waren genauso schlimm wie Körpertemperaturbadewasser, wenn man zu lange drin gelegen hatte, oder Zimmertemperaturbier, wenn man zu langsam trank.

Das Telefon verstummte.

Das letzte Amselküken schlug im Beet auf. Diese Elstern waren ein elendes Dreckspack! Hartmann musste unwillkürlich an die Halunken denken, die jeden Freitagnachmittag aus allen Himmelsrichtungen in Düsseldorf einfielen, um in den ruhigeren Wohnvierteln Häuser auszuräumen. Zu Hartmanns aktiven Kripozeiten hatten er und die Kollegen von der Autobahnpolizei das Gesocks mehr als einmal von der Straße gefischt. Man musste nur nach billigen Lieferwagen Ausschau halten, in denen drei oder vier kräftige, unrasierte Typen saßen. Es war wie Angeln im Forellenpuff. Man hatte kaum Zeit, die Brüder platt zu klopfen, so schnell hintereinander zog man sie raus.

Um sein eigenes Haus am Stadtrand machte sich Hartmann keine Sorgen. Er schloss nicht einmal die Haustür ab, wenn er unterwegs war. Das Haus war um 1850 erbaut worden. Es war nicht groß und wirkte verwahrlost. Die Fensterläden mussten dringend gestrichen werden. Vor lauter Moos sah man kaum noch Dachziegel. Der Garten war ein wild wucherndes Chaos. Neben der Terrassentür rankte sich ein Strauch blutroter Rosen. Hartmann kümmerte sich nicht darum. Er wusste weder, dass die Rose Souvenir du Dr. Jamain hieß, noch war ihm klar, warum sie so prächtig gedieh. Vielleicht war der Regen gut. Vielleicht lag’s an der Sonne. Oder an einer erschlagenen Schwiegermutter aus dem letzten Jahrhundert, die im Beet verweste und ideale Nährstoffe abgab.

Schräg im Hof parkte Hartmanns dunkelblauer Citroën CX. Der Franzose ließ ebenfalls nicht auf unermessliche Reichtümer seines Besitzers schließen. Auf den matten Lack hatte über dreißig Jahre lang die Sonne gebrannt und der Regen getrommelt. Die Kotflügel wiesen eine Handvoll kleinerer Dellen auf. An der Kofferraumkante beleidigte ein respektabler Rostfleck die Augen frankophiler Oldtimerliebhaber. Dort hatte Hartmann noch auf dem Hof des Händlers mit einem Schraubenzieher das Typenschild weggestemmt. CITROËN CX 25 GTI TURBO 2 hatte darauf gestanden. Hartmann konnte Typenschilder, die länger als dreißig Zentimeter waren, nicht ausstehen. Technisch war der CX in Ordnung. Gelegentlich fielen zwei der vier Zylinder aus. In scharfen Kurven öffneten sich die elektrisch betriebenen Seitenfenster von selbst. Fuhr man hart gegen einen Bordstein, schlossen sie sich wieder. Hartmann war zu faul, um sich ein anderes Auto zu besorgen. Außerdem passte der Wagen perfekt zu ihm. An schlechten Tagen sprang er nicht an, an guten rannte er zweihundertzwanzig. Genau wie Hartmann.

Das Telefon klingelte erneut.

Ächzend schälte sich Hartmann aus der Liege und trug den leeren Teller und das Weinglas in die Küche.

Nach dem zehnten Klingeln warf er einen Blick auf das Display. Die Nummer kannte er nicht. Herrfrau Werauchimmer war ganz schön hartnäckig. Hartmann blieb neben dem Telefon stehen, bis es Ruhe gab. Auf dem Rückweg zur Liege holte er drei Eiswürfel aus dem Tiefkühlfach und warf sie in seinen Chardonnay. Für einen Abend im Mai war es viel zu warm. Nur nichts riskieren. Von schlecht gekühltem Weißwein bekam er einen Brummschädel. Und zwar nicht erst nach dem Aufstehen, sondern bereits vor dem Einschlafen.

Hartmann hatte schon bessere Zeiten gesehen. In seinem letzten Jahr bei der Kriminalpolizei hatte er im Alleingang den berüchtigten Karpfenkiller erwischt, einen Mädchenhändlerring gesprengt und einen Korruptionsskandal im Landtag aufgedeckt. Letzterer hatte ihn wegen seiner unkonventionellen Ermittlungsmethoden und einem Bündel diskret abgezweigter Tausender prompt den Job gekostet. Einer der geschmierten Staatssekretäre hatte nicht nur die besseren Beziehungen als Hartmann, sondern auch den felsenfesten Vorsatz gehabt, ihn mit über die Klinge springen zu lassen. Da nützten Hartmann auch seine Popularität und die dreizehn Artikel in der BILD nichts. Der Mann, der den Sumpf trockenlegte war umgehend suspendiert und nach einem langwierigen Disziplinarverfahren aus dem Beamtenverhältnis entfernt worden, wie es so schön hieß.

Seit seinem Rausschmiss hielt sich Hartmann als privater Ermittler mit mehr oder weniger einträglichen Fällen über Wasser. Er war Anfang fünfzig, saß nächtelang fremdgehenden Ehemännern im Nacken oder observierte im Advent Großmütter, die in den Kaufhäusern Karamellbonbons und Küchenschürzen klauten. Aus seiner Laufbahn war eine Rutschbahn geworden. Das beunruhigte Hartmann aber nicht sehr. Immerhin konnte er tun und lassen, was er wollte, und verfügte über ein originelles Auto. Seine Hütte hatte die Bank auch noch nicht gepfändet. Hätte er gewusst, wie erfüllend ein Leben ohne Dienstpläne und Vorgesetzte war, hätte er schon zehn Jahre früher Geld unterschlagen.

Hartmann trank sein Glas leer. Er seufzte behaglich und warf einen Blick auf das stumme Telefon im Wohnzimmer.

»Jetzt klingel schon!«, murmelte er.

Beim ersten Mal nahm Hartmann grundsätzlich nicht ab. Da waren meist Callcenterdeppen mit unschlagbaren Angeboten am Apparat. Beim zweiten Mal erboste Ex-Gefährtinnen, die dringend mit ihm reden mussten und das Gespräch nach zwei Minuten mit dem Hinweis abbrachen, dass man mit ihm nicht reden könne. Beim dritten Mal war es Kundschaft. Wer in kurzen Abständen dreimal hintereinander anrief, hatte etwas auf dem Herzen.

Das Telefon klingelte zum dritten Mal.

Na also, geht doch, dachte Hartmann.

»Hartmann, n’Abend«, meldete er sich.

»Aaahh«, schnaufte es am anderen Ende der Leitung. »Doch jemand da. Ich dachte schon, Sie wären im Urlaub. Oder sonstwo. Das hätte gar nicht gepasst. Andererseits ist es jetzt auch nicht sonderlich eilig. Ich warte ja schon ewig auf die Kohle. Da kommt es auf die paar Tage auch nicht mehr …, hören Sie, Sie müssen einen Hundetrainer für mich überwachen.«

»Einen was überwachen?« Hartmann machte sich im Geiste eine Notiz, dass es beim dritten Mal nicht zwangsläufig Kundschaft sein musste. Es konnte sich auch um Idioten handeln.

»Einen Hundetrainer, Herr Hartmann. Das sind so Typen, die den Hunden von anderen Leuten Benimm beibringen und …«

»Ich weiß, was ein Hundetrainer ist. Hat der was mit Ihrer Frau?«

»Nein!«

»Er hat was mit Ihrem Hund.«

»Erlauben Sie mal!«

»Das war ein Scherz, Herr … äh. Ich weiß im Moment nicht recht, ob ich überhaupt der Richtige für Ihr Anliegen bin. Hunde sind nicht gerade eine Leidenschaft von mir, wissen Sie.«

»Ich habe gar keinen Hund.«

»Sie haben keinen Hund und möchten, dass ich einen Hundetrainer für Sie unter die Lupe nehme?«

Langsam wurde es interessant.

»Nun ja«, räumte der Mann ein. »Es wäre allerdings nichts Spektakuläres. Also nichts mit Beschatten oder Verprügeln oder so.«

»Beschatten und Verprügeln mach ich eh nur gegen Aufpreis.«

»Wieder ein Witz, was? Hehe, gut. Nein, eher so eine Wirtschaftsauskunft.«

»Mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen?«

»Gerber am Apparat«, stellte der Mann sich vor. »Von Gerber Bau. Müssten Sie als Düsseldorfer eigentlich kennen.«

Hartmann nickte. Klar war ihm Gerber ein Begriff. An jedem zweiten Kran in Düsseldorf hingen diese riesigen Logos mit der weißen Schrift auf rotem Grund. Man gewann auf Stadtrundfahrten den Eindruck, der Mann baute und sanierte alles, was nicht bei drei auf dem Baum war. Angesichts seines besorgniserregend niedrigen Kontostandes konnte Hartmann an diesem lauen, vogelbezwitscherten Frühlingsabend nichts Besseres passieren als ein Multimillionär mit hoffentlich sündhaft teuren Problemen.

»Nein, Herr Hartmann, Sie verwechseln das mit Gerken. Gerber Bau ist nicht ganz so groß. Aber man hat sein Auskommen. Beim Stadttor haben wir ein bisschen mitgemischt und bei dem ein oder anderen Objekt im Medienhafen.«

Hartmann seufzte. Es wäre auch zu schön gewesen.

»Na gut«, sagte er. Er warf sich in den Sessel und legte die Füße auf den Tisch. »Dann schießen Sie mal los.«

Um den Hundetrainer Wolf handle es sich, erzählte Gerber. Um Bert Wolf. Wolf sei ein alter Freund von ihm. Gewesen, könne man jetzt sagen, gewesen! Wolf habe sich vor drei Jahren hunderttausend Euro von Gerber geliehen, um die Hundeschule Alpha Wolf zu eröffnen. Zehn Prozent Rendite habe er ihm, Gerber, versprochen. Am Ende des Jahres habe er hundertzehntausend zurückzahlen wollen. Keinen Cent habe Gerber bisher davon gesehen. Keinen einzigen! Angeblich gingen die Geschäfte schlecht. Jedes Mal, wenn er, Gerber, bei Wolf anrufe, hieß es, die Geschäfte gingen schlecht. Aber so schlecht könnten die gar nicht gehen, die Geschäfte. Bei dem Schlitten, den Wolf fahre! Ein ganz fetter Pick-up aus Amerika sei das. Und seine beiden Molosser seien auch nicht gerade auf dem Schnäppchenmarkt erhältlich. Ein paar Tausend koste das Stück mindestens, gar nicht zu reden von der jährlichen Steuer und der Haftpflichtversicherung. Und was die am Tag schluckten!

»Molosser?«, fragte Hartmann irritiert und dachte spontan an ein neues Motorradmodell. »Ducati Molosser? Kenn ich nicht, die Maschine. Warum braucht man zwei davon?«

»Ducati?«, schnappte Bauunternehmer Gerber. »Sie haben keine Ahnung von Viehzeugs, oder?«

»Herr Gerber, mein erstes, letztes und einziges Haustier war eine fünfpfündige Bisamratte im Keller. Wir lebten gerade mal zwei Tage zusammen. Und warum? Weil ich der keine Schnittchen hingestellt, sondern mit der Schaufel eins übergebraten habe. Ich bin nicht so der Tierverhätscheltyp.«

Molosser sei der Oberbegriff für ganz bestimmte Hunderassen, klärte ihn Gerber auf. Massig, muskulös, hundert Pfund schwer, mit bulligen Köpfen. Wolf besitze zwei Fila Brasileiros. Einen Fila müsse sich Hartmann wie einen aufgeblasenen Boxer vorstellen, in zartem Hellbraun. Ganz friedliche Riesen seien das. Wolfs Hunde hätten nie jemandem ein Härchen gekrümmt. Aber aus irgendeinem undurchsichtigen Grund stünden Filas auf der Kampfhundeliste. Wie der Rottweiler und der Pitbull. Das mache den Unterhalt so teuer. Die Stadt Düsseldorf verlange pro Jahr neunhundert Euro Steuer für jeden Hund. Damit könne man gemütlich die Motorradversicherung für drei Jahre begleichen. Das Modell, das Hartmann meine, heiße übrigens Ducati Monster.

»Ducati Molosser! Molosser!«, wieherte Gerber und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. »Darauf muss man auch erst mal kommen. Sie haben heute Morgen einen Clown gefrühstückt, was?«

»Wieso braucht man überhaupt hunderttausend Euro für ein umzäuntes Stückchen Rasen und ein Dixi-Klo?«, fragte Hartmann.

»Stückchen?«, schnaufte Gerber. »Dann gucken Sie sich Wolfs Hundeplatz mal an. Mein lieber Herr Gesangverein! Fünftausend Quadratmeter bei Lörick. Direkt unten am Rhein. Und ein Dixi-Klo steht da auch nicht drauf. Der Laden ist schon eher ein Prosecco-Palast.«

»Wie muss ich mir einen Prosecco-Palast vorstellen?«, fragte Hartmann stirnrunzelnd und kritzelte Prosecco-P auf seinen Block, direkt unter die Stichworte Idiot, Wolf und Molosser.

Offensichtlich hatte Wolf sich von Anfang an vorgenommen, die Düsseldorfer Hundeschickeria zu akquirieren. Zumindest sei das damals der Businessplan gewesen, mit dem er Gerber beeindruckt und ihm das Geld aus dem Kreuz geleiert hatte. Statt dem auf deutschen Schäferhundplätzen üblichen Drahtverhau und einem Bretterverschlag, der optimistisch Vereinsheim genannt wurde, stünden auf Wolfs Gelände, so der erboste Gerber, akkurat geschnittene Buchsbaumhecken, eine tadellos restaurierte alte Scheune, ein Bungalow aus den Sechzigerjahren, zweihundertfünfzig Quadratmeter mindestens, riesig das Teil, einfach riesig, außerdem eine mit exklusivem Bangkirai beplankte Veranda voller sündhaft teurer Loungemöbel und eine Bar, die mit allem ausgestattet war, was die Vorstandsgattin benötigte, um sich ab fünfzehn Uhr das schwere Leben leichter zu saufen.

»Und davor ein mit Kies bestreuter Parkplatz«, schloss Gerber schwer atmend. »Marmorkies für vierhundert Euro die Tonne! Damit die Ladys das gleiche vertraute Knirschen unter ihren fetten Range-Rover-Schlappen hören wie auf ihren Auffahrten zu Hause. Ob Wolfs Plan aufgegangen ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Wolf seit drei Jahren da unten am Rhein sitzt, um sich herum die nobelsten Düsseldorfer Viertel, und den Laden nicht schließen muss. Das heißt, es fließen Einkünfte. Punkt! Ich hätte einfach gerne meine hunderttausend wieder, Herr Hartmann. Plus die versprochenen zehn Prozent. Das muss nicht heute sein und nicht morgen. Aber spätestens Ende August will ich das Geld vor mir auf dem Tisch liegen sehen. Welche Mittel Sie anwenden, ist mir gleichgültig. Machen Sie meinetwegen so viel Druck, wie Bert Wolf braucht, um die Knete rauszurücken. Mir reicht es jedenfalls.«

»Haben Sie sich Wolf denn ordentlich vorgeknöpft?«

»Das habe ich nicht«, sagte Gerber. »Bisher nicht.«

»Ich meine, hunderttausend Euro sind ein Haufen Geld. Da darf man schon mal ungemütlich werden, oder?«

»Ja«, gab Gerber zu. »Aber Vorknöpfen ist nicht so mein Ding, wissen Sie.«

Nur eine klassische Inkassonummer, dachte Hartmann und beschloss augenblicklich, dass er keine Lust dazu hatte. In seinen Anfangszeiten hatte er darüber nachgedacht, ob er diesen Geschäftszweig in sein Angebot aufnehmen sollte, hatte sich aber dagegen entschieden. Inkasso bedeutete nichts anderes, als für ein lächerlich geringes Honorar pausenlos hinter Schuldnern herzujagen, die sich ständig verleugnen ließen, einen mit frisch erlogenen Schicksalsschlägen am Telefon langweilten oder hämisch mit einer eidesstattlichen Versicherung winkten, nachdem sie jeden Cent der Frau überschrieben hatten und offiziell nichts Pfändbares mehr besaßen. Ein derart frustrierendes Alltagsgeschäft kam für Hartmann überhaupt nicht in Frage. Die Sonderformen des Inkasso – großzügig Brandbeschleuniger verteilen, mit dem Schraubenschlüssel Gelenke brechen oder beherzt Augäpfel eindrücken – standen ebenfalls nicht zur Debatte. Dafür war Hartmann nicht geschaffen.

»Anwälte sind bessere Geldeintreiber als ich«, sagte Hartmann. Er warf Block und Blei auf den Wohnzimmertisch und ging mit dem Telefon in den Garten hinaus. Seine Stimmung war im Keller. Er sah gerade noch, wie Nachbars Katze mit der ersten Amselleiche im Maul um die Ecke verschwand.

»Es gibt keine Belege und keinen Vertrag für meine Forderung«, sagte Gerber leise. »Daher gibt es auch keinen Anwalt, der mir helfen kann.«

»Also Schwarzgeld verliehen«, stellte Hartmann fest.

»Fällt halt im Baugewerbe manchmal so an.«

Hartmann schwieg.

»Ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen«, sagte der andere nach einer Pause. »Sie sollen diesbezüglich nicht zimperlich sein.«

»Bezüglich was?«, fragte Hartmann misstrauisch.

»Bezüglich größerer Geldbeträge aus dubiosen Quellen.«

»Kommt darauf an.«

»Zwanzig Prozent wären für Sie.«

Hartmann rechnete im Kopf hundertzehn durch fünf, kam auf zweiundzwanzig und hatte auf der Stelle gute Laune.

»Stimmt«, sagte er. »Ich bin nicht zimperlich.«

Früher hatte es Hartmann zur Verzweiflung getrieben, wenn die Kollegen nicht auf der Stelle aktiv wurden, sondern für ihn völlig unverständliche Bemerkungen absonderten wie Erst mal die Obduktion abwarten oder Mal schauen, was der Chef sagt. Die Kollegen wiederum hatte es schier wahnsinnig gemacht, dass Hartmann immer sofort loslegte. Aber Hartmann war ein Mann der Tat. Lieber blinder Aktionismus, sagte er immer, als rumsitzen und in der Nase bohren. Wenn es Überraschungen gab, musste man nur eine geheimnisvolle Miene aufsetzen und behaupten, alles sei geplant gewesen.

Wie damals, als er die Tür zu einer Gartenlaube eingetreten hatte, ohne auf die Verstärkung zu warten – Gefahr sei im Verzug gewesen, hatte Hartmann später geschwindelt –, und nicht einem Karpfenkiller gegenüberstand, sondern gleich zweien: den Gebrüdern Lubischek! Der Karpfenkiller hatte seit Monaten einen Nachtangler nach dem anderen umgebracht. Immer in den späten Abendstunden, immer mit einem toten Karpfen als Grabbeigabe. Keinem aus der Sonderkommission war damals in den Sinn gekommen, dass es sich bei dem gesuchten Serienmörder um Zwillingsbrüder handeln könnte. Psychopathen traten nicht im Doppelpack auf. Das war eine ganz alte Profilerweisheit.

Am Arsch die Räuber!

Den einen der zwei fetten Lubischeks hatte die Polizei sogar kurz im Visier gehabt, ihn aber schnell wieder laufen lassen müssen. Der hatte nämlich für sämtliche Tatzeiten wasserdichte Alibis aufzuweisen. Dass abwechselnd der eine Bruder für das Alibi sorgte, während der andere die Angler massakrierte, wurde Hartmann erst klar, als er in der Laubentür stand und die Lubischeks mit gezücktem Spalthammer und rostigem Wagenheber auf ihn zuwalzten. Hartmann war saumäßig nervös gewesen, hatte aber vorschriftsmäßig einen Warnschuss abgegeben, wie er hinterher zu Protokoll gab. Genau genommen waren es zwei Warnschüsse. Einer traf Lubischek I direkt ins Auge, der andere zerschmetterte Lubischek II den Hüftknochen.

»Kann in der Aufregung passieren. Sollte in die Laubendecke gehen«, hatte Hartmann nur lakonisch gebrummt.

Der Kriminalrat war ausgeflippt, als ihm Hartmanns Alleingang zu Ohren kam. Aber die BILD war begeistert. Hartmann fand sich recht gut getroffen. Vor allem das Foto auf der Titelseite der Düsseldorfer Regionalausgabe war ganz nach seinem Geschmack. Das mit der Schramme auf dem Wangenknochen. Da wirkte er ein bisschen verwegen. So Sam-Spade-mäßig. Das lag auch daran, dass er damals zehn Pfund weniger auf den Hüften und entschieden mehr Haare auf dem Kopf gehabt hatte.

Sobald ein neuer Fall anlag, hatte Hartmann Hummeln im Hintern. Das war auch heute noch so. Deshalb wartete er gar nicht erst den Montag ab, sondern rief Bert Wolf gleich am Sonntagmorgen an. Noch während des Frühstücks, Rührei und Speck kauend. Der schien überhaupt nicht überrascht zu sein. Offensichtlich waren Hundetrainer auch am Tag des Herrn im Einsatz. Eigentlich logisch, dachte Hartmann, als er Wolf jovial ins Telefon röhren hörte. Unter der Woche hatte die arbeitende Kundschaft keine Zeit. Die Trainerstunden ballten sich am Wochenende.

»… gut besuchte Welpengruppen für große und kleine Rassen, ein Agility-Parcours, Seminarveranstaltungen mit der Crème de la Crème der Referentenszene, Baumann, Ganslosser, Bloch, Miklosi, kennen Sie sicher, geführte Spaziergänge und Einzelstunden bei mir persönlich, die mit achtzig Euro die Stunde natürlich nicht ganz billig sind, andererseits müssen Sie bedenken, dass Sie für diesen Preis natürlich Kompetenz vom Feinsten …«

»Das ist alles ganz wunderbar, Herr Wolf«, unterbrach Hartmann die Werbeveranstaltung. »Wo muss ich denn da hin?«

»Wir sitzen in Düsseldorf-Lörick«, sagte Wolf. »Kurz nach dem Ortsausgang biegen Sie rechts ab und fahren runter an den Rhein. Ist gut ausgeschildert. Alpha Wolf heißen wir. Sie ahnen, warum.«

»Ja, selbstverständlich«, sagte Hartmann und ahnte gar nichts.

»Führung statt Mimimi ist unser Motto«, dröhnte Wolf. »Führung ist das A und O in der Hundeerziehung. Wer nicht führt, der verliert. Der Alpha ist der Chef! Sie brauchen dieses gewisse Etwas, Herr Hartmann, sonst wird das nichts. Sonst macht der Hund den Molli mit Ihnen. Egal wie klein er ist. Ich habe schon Chihuahuas erlebt, die den Vorstand eines Dax-Konzerns fest im Griff hatten. Der schmiss problemlos einen Laden mit hunderttausend Mitarbeitern und wurde zu Hause jedes Mal von seiner Fußhupe ins Bein gebissen, wenn er an den Kühlschrank wollte. Wenn Sie kein Charisma haben, bringe ich es Ihnen bei. Körpersprache, sage ich nur. Sie können Ihrem Hund natürlich auch eine Bratwurst vor die Nase halten. Für Bratwurst machen Hunde alles. Die sind relativ einfach gestrickt, die Viecher. Aber hat man immer, wenn es heikel wird, eine Bratwurst in der Tasche, fragt der Wolf. Nein, sagt der Wolf.«

O Gott, dachte Hartmann. Er redet in der dritten Person von sich. Narzissten mit Stammtischhumor, das sind die schlimmsten aller Nervensägen. Ich sollte Gerber anrufen und ihm den Auftrag um die Ohren hauen.

»Da hat der Wolf aber so was von recht, sagt der Hartmann«, krakeelte er stattdessen ins Telefon.

Am anderen Ende der Leitung schien sich Wolf vor Vergnügen auf die Schenkel zu klopfen.

»Ich sehe schon, wir verstehen uns!«, wieherte er. »Aber um den Gedanken zu Ende zu bringen. Was macht man, wenn man eine Bratwurst braucht und keine hat? Eben. Nichts! Zero! Niente! Da kackt man ab. Direkt neben dem Hund kackt man da ab. Genau darum gibt es beim Wolf keine Erziehung durch Bestechung, kein Konditionieren durch Leckerchen und ähnlichen Unfug. Kristallklare Führung ist angesagt. Trauen Sie sich das zu?«

»Wenn Sie so direkt fragen …«, zögerte Hartmann.

»Komm! Butter bei die Fische«, forderte Wolf.

»Ja, ich meine … ich denke … also doch … ja … irgendwie schon …«, sagte Hartmann und hoffte, dass er damit interessant genug für Wolf wirkte. Er konnte ihm ja schlecht sagen, dass ein Mann, der den doppelten Karpfenkiller im Alleingang ins Nirwana geschossen hatte, nun wirklich keine Lektion in kristallklarer Führung nötig hatte. In den seltenen Fällen, in denen seine Kollegen ihn mit Verdächtigen allein im Verhörraum gelassen hatten, hatten ihm die finsteren Jungs spätestens nach einer Stunde aus der Hand gefressen.

»Ich sehe, da ist noch eine Menge zu tun«, sagte Wolf. »Aber das wird schon.«

»Wenn Sie das sagen«, sagte Hartmann.

»Was für ein Problem haben Sie eigentlich?«, wollte Wolf wissen.

Hartmanns Problem war, dass er gar keinen Hund hatte.

»Ich, äh …«, machte er und schwor sich, den nächsten Job besser vorzubereiten.

»Raus mit der Sprache!«, sagte Wolf munter. »Gibt nichts, wofür man sich schämen muss, wenn man keine Ahnung vom Hund hat.«

»Bruno beißt gelegentlich«, improvisierte Hartmann und dachte im Stillen: Wer zur Hölle ist Bruno?

»Er beißt andere Hunde?«, wollte Wolf wissen.

»Ja«, nickte Hartmann. »Hunde auch.«

»Sie kommen am nächsten Samstag um drei in unsere Raufergruppe!«, schnarrte Wolf. »Mit Bruno. Dann gewöhnen wir ihn an einen Maulkorb und machen Nägel mit Köpfen.«

»Damit helfen Sie mir sehr, Herr Wolf«, sagte Hartmann.

»Dafür bin ich da. Machen Sie ’s gut bis dahin. Ich muss jetzt. Die Schnecken kommen um zehn.«

»Wer?«

»Die feinen Damen mit den Luxusproblemen«, lachte Wolf. »Und nicht vergessen: Führung ist das A und O. In diesem Sinne, Herr Hartmann. Tschö mit ö!«

Weg war er, der Wolf.

Hartmann starrte kopfschüttelnd auf das stumme Telefon in seiner Hand und fragte sich, was er da eigentlich tat. Der Typ hatte offensichtlich einen Dachschaden. Aber geschäftstüchtig klang er, das musste man ihm lassen.

Er setzte sich auf die Terrasse und genoss die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Ein kräftiger, warmer Maiwind wehte. Bei jeder Bö schwankte der Kran auf der anderen Seite der Straße leicht hin und her. Die Steinkreissäge, die gegen Diebstahl gesichert in fünf Metern Höhe am Seil baumelte, schwang sachte mit. Die Kabel knallten gegen den Ausleger, der drohend auf Hartmanns Haus zeigte. Wie oft hatte er dem Vollpfosten von Kranführer schon zugerufen, er solle am Wochenende den Ausleger nach Osten drehen. Wenn das Ding dann einknickte, schlug es wenigstens in die Wiese. Aber der machte das extra. Drecksack! Jedes Wochenende stand der Kran verkehrt herum da und sah aus wie ein riesiger Mittelfinger.

Den Rest des faulen Sonntags trank Hartmann Espresso, aß Erdbeeren und fragte sich, wo in drei Teufels Namen er einen Hund hernehmen sollte.

Die Wupper plätscherte gemächlich durch ihr schattiges Flussbett. Die Luft war voller Vogelgezwitscher. Irgendwo bellten Hunde. Die Sonne gab alles. Es war viel zu heiß für Mai. Hartmann ließ den Citroën leise über die Straße rollen. Er war auf der Suche nach einer scharfen Rechtskurve, um die Fenster öffnen zu können. Bisher hatte er nichts Passendes entdeckt. Die Straße schlängelte sich genauso sanft durch die Landschaft wie der Fluss. Als ein Wanderparkplatz in Sicht kam, packte Hartmann die Gelegenheit beim Schopf. Er fuhr auf den Parkplatz, riss das Lenkrad herum und raste mit voll eingeschlagenen Rädern einmal im Kreis herum. Bei zweihundertsiebzig Grad surrten die Fenster nach unten. Der Meister in der Citroën-Werkstatt hatte diese elektronische Macke als einen zeitweilig auftretenden Fehler bezeichnet und sich keinen Rat gewusst, außer für zweitausend Euro die Blackbox im Fußraum auszutauschen. Hartmann hatte das Angebot dankend abgelehnt. Für zweitausend Euro musste ein privater Ermittler lange stricken. Da fuhr er lieber ab und zu einen flotten Kreis.

Erleichtert ließ sich Hartmann den frischen Wind um die Nase wehen. Das Hundegebell wurde lauter. Er schien auf dem richtigen Weg zu sein. Hartmann bog nach links ab. Die Straße wurde schmaler und führte durch ein Waldstück. Nach ein paar Kilometern öffnete sich eine große Lichtung. Hartmann konnte hinter hohen Hecken die Dächer von drei Gebäuden sehen. Das musste es sein. Er fuhr auf den Parkplatz und suchte eine Lücke mit einem Bordstein. Schwungvoll setzte er den Citroën rückwärts hinein. Der linke Hinterreifen prallte gegen die Bordsteinkante. Prompt schlossen sich die Fenster.

Hartmann hatte die ganze Woche im Internet verbracht und in Hundeangelegenheiten recherchiert. An einen Hund zu kommen, war gar nicht so einfach. In seiner Ahnungslosigkeit hatte Hartmann geglaubt, er könnte sich beim Züchter mal eben auf die Schnelle einen Welpen besorgen, irgendetwas Übriggebliebenes, das schon älter war. Schließlich konnte er keinen aggressiven Beißer ankündigen und dann mit einem acht Wochen alten Schmusemops bei Wolf aufkreuzen. Aber heiliger Bimbam, die Dinger kosteten locker tausendfünfhundert Euro! Selbst Ladenhüter, die schon ein halbes Jahr auf dem Tacho hatten, waren nicht unter neunhundert zu haben. Die Größe schien ebenfalls keine Rolle zu spielen. Für Hartmann war das völlig unverständlich. Ein Einser-BMW war doch auch billiger als ein dicker Siebener. Wieso kostete einer von diesen mexikanischen Minihunden mit dem unaussprechlichen Namen so viel wie ein Rottweiler, der zwanzigmal schwerer war? Eine seltsame Branche war das.

Brunos gab es auch keine. Im Laufe seiner Recherchen hatte Hartmann zwar begriffen, dass Hundewürfe alphabetisch durchnummeriert wurden. Er musste also nach B-Würfen suchen, wenn er einen Bruno wollte. Aber die hatten alle völlig unaussprechliche Namen. Blix vom Haufenstein oder Barnabas von der Spaltenlärche. Was für ein Schwachsinn, hatte Hartmann gedacht. Wie rief man so einen adeligen Hund, ohne sich lächerlich zu machen? Detlev vom Deppendödel, jetzt aber husch husch die Waldfee?

Eines Morgens schließlich war Google so freundlich gewesen und hatte in den Suchergebnissen einen Tierheimlink zwischen die Züchteranzeigen gepackt. BRUNO, EMMAUND COSUCHENEHRENAMTLICHE GASSIGÄNGER hatte da gestanden. Das Tierheim lag in Brunsbüttel. Zu weit weg. Diesen Bruno konnte sich Hartmann abschminken. Aber immerhin tat sich eine neue Möglichkeit auf, an einen Hund zu kommen. Kostenlos noch dazu. Ehrenamtliche Gassigänger wurden ja wohl nicht nur in Brunsbüttel gebraucht, sondern auch hier im Rheinland.

Hartmann stand vor dem Tierheim, die Hände in den Taschen, und studierte die Aushänge in dem staubigen Glaskasten neben der Tür. Futterspenden seien im Büro abzugeben, las er, die nächste Mitgliederversammlung finde in zwei Wochen statt, das Katzenhaus sei voll, man suche dringend Katzen- und Katerfreunde, die einen Freigänger aufnehmen könnten, bitte bei Frau Sowieso melden. Ein mächtiger Vogelschiss auf dem Glas verbarg den oberen Teil einer verblassten Urkunde, die schief an einem rostigen Reißnagel hing. Vor zehn Jahren war man als NRW-Tierheim des Jahres ausgezeichnet worden. Eine Personalliste mit Telefonnummern: Vorstand, Kassenwart, sonstige Vereinsmeier, Frau Willebrandt, zuständig für Hunde-Adoptionen. Na also, dachte Hartmann. Die Dame wird ja hoffentlich auch die Gassigänger managen.

Er öffnete die Tür. Ein scharfer Geruch stieg ihm in die Nase. Eine Melange aus Katzenpisse, Hundefutter und rohem Fleisch älteren Datums.

»Hallo?«, rief Hartmann in den gekachelten Flur.

Hinten öffnete sich eine Tür. Ein verstrubbelter Kopf tauchte zwischen Tür und Rahmen auf, ebenfalls älteren Datums. Er wurde forsch angehoben und abgesenkt, das internationale Zeichen für Was gibt’s?

»Die Frau Willebrandt hätte ich gern gesprochen«, sagte Hartmann.

»Am Apparat«, sagte der Kopf, der Willebrandt hieß.

Hartmann machte große Augen.

»Quatsch, Apparat«, sagte Frau Willebrandt. »Ich meine, Willebrandt, das bin ich. Heute ist wirklich der Teufel los. Ich weiß bald nicht mehr, wo mir der Kopf steht.« Sie wischte die feuchten Hände an ihrem Rock ab und eilte auf Hartmann zu. »Hatten wir telefoniert?«

»Nein, gar nicht«, sagte Hartmann. »Ich habe mir gedacht, ich schau einfach mal spontan vorbei. Auf Ihrer Website habe ich gelesen, dass Sie Leute suchen, die gelegentlich Hunde ausführen oder sie sonstwie beschäftigen.«

»Ja klar. Was meinen Sie, wie die sich immer freuen! Den ganzen Tag im Zwinger, das ist ja nix. Haben Sie denn Erfahrung mit Hunden?«

»Wir haben immer Hunde gehabt«, schwindelte Hartmann. »Nur in den letzten Jahren leider nicht. Unter der Woche bleibt nicht genug Zeit übrig für so ein Tier. Beruflich, wissen Sie. Aber am Wochenende würde es gehen. Mir fehlt einfach die Bewegung und die frische Luft, Frau Willebrandt. Da kam mir die Idee, bevor ich faul in der Stube hocke, kann ich doch mit dem ein oder anderen Tierheimhund ein paar Runden drehen.«

»Das ist eine sehr vernünftige Einstellung, Herr …«

»Hartmann.«

»… Hartmann. Die meisten Leute denken nicht für fünf Pfennig nach, bevor sie sich ein Tier anschaffen. Die holen sich den Hund ins Haus, und wenn sie merken, dass er Arbeit macht, ist Holland in Not. Dann bringen sie ihn zu uns und geben an, sie hätten von heute auf morgen eine Tierhaarallergie bekommen. Glauben Sie mir, nach zwanzig Jahren Tierheim kennen Sie alle faulen Ausreden.« Frau Willebrandt schüttelte gottergeben den Kopf. »Haben Sie an etwas Bestimmtes gedacht?«

»Eigentlich nicht«, sagte Hartmann. »Was Sie so dahaben. Ich bin immer gerne und lange auf den Rheinwiesen unterwegs. Es kann ruhig was Anspruchsvolles sein. Einer, der viel Bewegung braucht oder eine kleine Macke hat. Ein guter Freund von mir ist Hundetrainer. Ist ja nicht das Schlechteste, wenn der Hund noch ein bisschen was lernt, während er einsitzt.«

»Wir nennen das nicht einsitzen, Herr Hartmann.« Frau Willebrandt wackelte mahnend mit dem Zeigefinger. »Wir sprechen von Pensionsgästen.«

Sie musterte ihn wohlwollend.

»Jetzt kommen Sie mal mit. Sie sehen ja aus, als wären Sie ein gestandenes Mannsbild. Da können sie gut einen von unseren Prachtkerlen nehmen.«

Sie hielt ihm die Tür auf. Zusammen traten sie in den Garten hinaus, wo die großen Zwinger untergebracht waren.

»Es sind ja meist Mädchen im Teenie-Alter, die für uns die Hunde ausführen«, erklärte Frau Willebrandt. »Die nehmen lieber die kleinen Süßen. Aber unter uns, was Größeres könnten die auch gar nicht führen. Die sind alle so zart und dünn. Heutzutage sind überhaupt die meisten Mädchen dünn.«

»Es gibt aber auch mordsmäßig viele dicke«, wandte Hartmann ein, während er auf Frau Willebrandts ausladenden Hintern starrte, der vor ihm über die Gehwegplatten wogte.

»Dicke gibt’s auch«, stimmte Frau Willebrandt ihm zu. »Die bekommen wir hier aber nicht zu sehen, Herr Hartmann. Die bewegen sich nämlich nicht gern. So, da wären wir«, sagte sie und zeigte auf einen Freilauf, in dem ein gutes Dutzend Hunde döste, schnüffelte, blinzelte und balgte. »Jetzt gucken wir mal, welcher von den schlimmen Fingern am besten zu Ihnen passt.«

Sie ließ den Blick schweifen.

»Ich darf mal bekanntmachen. Der Dicke da drüben ist ein Kangal. Ali heißt der. Der wäre was für Sie. Sie müssten nur aufpassen, wenn Ihnen Frauen mit Kinderwagen begegnen. Gegen die hat er was. Wir wissen auch nicht, warum. Wahrscheinlich hat er als Welpe schlechte Erfahrungen mit Babys gemacht. Das schlanke Ding da hinten ist unsere Esmeralda. Eine spanische Podenca. Die läuft sehr, sehr gern. Die dürfen Sie nicht ableinen, Herr Hartmann, sonst prescht sie den Rhein runter bis Amsterdam.«

»Rotterdam meinen Sie.«

»Rotterdam, natürlich.« Frau Willebrandt winkte ab. »Ich und Erdkunde, eine einzige Katastrophe, kann ich Ihnen sagen. Wo waren wir? Ah, ja, die zwei halbhohen Terriermischlinge, die sich gerade gegenseitig die Ohren langziehen, sind Laurel und Hardy. Der Besitzer ist unlängst verstorben. Die Erben haben keine Lust auf die Chaoten. Trennen sollte man die nicht mehr. Die leben seit acht Jahren beieinander. Könnten Sie sich vorstellen, auch zwei unter Ihre Fittiche zu nehmen? Wir geben sie nur zusammen ab.«

So weit kommt’s noch, dachte Hartmann.

»Haben Sie zufällig auch einen Bruno im Sortiment?«, erkundigte er sich.

Frau Willebrandt musterte ihn irritiert.

»Merkwürdiger Wunsch. So was hat noch keiner verlangt.«

»So hießen unsere Rüden früher«, sagte Hartmann. »Vergessen Sie’s, Frau Willebrandt. War ein sentimentaler Anfall.«

»Wir hätten auch keinen gehabt. Aber gucken Sie mal dort drüben neben der Birke. Wunderbar, nicht? Der wäre perfekt für Sie.«

Hartmann folgte ihrem Zeigefinger. Sein Blick landete auf einem braunweißen, merkwürdig gewachsenen Riesenetwas, das herzhaft gähnend auf dem einzigen Rasenfleck lag, der im Zwinger überlebt hatte. Das Tier hatte die kompakte Gestalt eines dieser Hunde, die für britische Adelsgesellschaften immer den Fuchs hetzten. Der Name fiel Hartmann nicht mehr ein. Neulich beim Friseur hatte er in der Bunte einen Artikel darüber gelesen. Allerdings waren die viel kleiner gewesen als Frau Willebrandts Schützling. Du liebe Zeit, dieser Hund trug den Kopf ja in Schritthöhe! Hartmann wollte gar nicht wissen, wo man landete, wenn der einen freundschaftlich anstupste. Wahrscheinlich hundert Meter weiter hinten in den Rabatten.

»Das ist unsere Gitte«, schwärmte Frau Willebrandt. »Niedlich, oder? Da hatte ein Beagle wahrscheinlich ein Techtelmechtel mit einer Schäferhündin. Vom Papa die Nase und die Figur, von der Mama die Kraft, die Größe und das Gewicht. Ganz seltenes Exemplar, Herr Hartmann, ganz selten.«

Hartmann starrte in den Zwinger.

»Tut die was?«, fragte er misstrauisch.

»Nein, überhaupt nicht«, beruhigte ihn Frau Willebrandt. »Mit Menschen ist sie ganz wunderbar.«

Sie seufzte.

»Sie würden uns einen ganz großen Gefallen tun, wenn Sie sich um Gitte kümmern könnten, Herr Hartmann. Wirklich! Einen ganz großen. Sie zieht halt so wahnsinnig an der Leine. Keine von den Dürren kann richtig mit ihr spazieren gehen. Sobald ihre Beaglenase was Spannendes schnuppert, geht es mit Gitte durch. Da muss man schon standfest sein, Herr Hartmann. Aber ich meine, einer wie Sie …«

»Warum ist sie denn hier?«, wollte Hartmann wissen.

»Sie ist … na ja, wie soll ich sagen … nicht so freundlich zu anderen Hunden«, druckste Frau Willebrandt herum.

»Aber da sind doch ganz viele andere.«

»Ja, wenn sie an ein Rudel gewöhnt ist und die anderen alle groß sind, ist alles bestens. Aber bei Unbekannten unterwegs, da knallt’s schon mal. Vor allem, wenn die klein sind. Ich sage Ihnen, wie es ist, Herr Hartmann. Wir haben sie vor dem Einschläfern bewahrt. Sie hat in Oberkassel einen Dackel zu hart rangenommen und wurde als gemeingefährlich eingestuft.«

Gitte wurde Hartmann immer sympathischer.

»Wie hart denn?«

»Er hat es nicht überlebt, glaube ich.«

»War das der einzige Vorfall?«

»Es gab wohl noch einen weiteren.«

»Also zwei insgesamt.«

»Oder drei. Nageln Sie mich bitte nicht fest.«

Hartmann war begeistert. Ein Monsterweib, das wegen mehrfachen Dackelmordes im Tierheim einsaß! Das war genau die Herausforderung, die er für Wolf suchte. Mit Gitte konnte er Samstag für Samstag in der Hundeschule verbringen, ohne sich verdächtig zu machen. Morgens abholen, abends zurückbringen, dazwischen unauffällig Wolf ausquetschen. Nach spätestens vier Terminen hätte Hartmann alles, was Gerber wissen wollte, aus Wolf herausgekitzelt, und Gitte würde von ihrer Dackelphobie geheilt sein. Oder auch nicht. Wen kratzte es?

Frau Willebrandt legte Hartmanns Zögern als Feigheit vor dem Feind aus.

»Lassen wir’s gut sein, Herr Hartmann«, lenkte sie ein. »Ich kann verstehen, dass Sie nicht begeistert sind. Die Idee ist vielleicht auch nicht so gut. Mal sehen, wen wir noch …«

»Kann ich mal zu ihr rein?«, unterbrach Hartmann sie.

Eine Stunde später saß Hartmann in Frau Willebrandts Büro und füllte einen Stapel Formulare aus. Mit der Lesbarkeit seiner Angaben war es nicht weit her. Der Kugelschreiber, den ihm Frau Willebrandt zur Verfügung gestellt hatte, pfiff aus dem letzten Loch. Gitte-Bruno lag zu seinen Füßen. Seit sie auf dem Schreibtisch eine schmale Dose mit Hundekeksen entdeckt hatte, sabberte sie ununterbrochen auf Hartmanns Schuhe. Sie trug ein abgewetztes Halsband, eine Leihgabe des Tierheims. Die dazu passende Leine hatte sich Hartmann um den Hals gehängt. Verstohlen blickte er auf seine Armbanduhr. Schon nach halb zwei! Sie mussten hier zum Ende kommen. Um drei waren sie mit Wolf verabredet.

»Jetzt bräuchte ich noch Ihren Personalausweis«, sagte Frau Willebrandt.

»Wenn man ein fremdes Kind aus dem Kindergarten abholt, hat man weniger Papierkram«, stöhnte Hartmann.

»Was sein muss, muss sein«, sagte Frau Willebrandt energisch. »Wir wollen doch sicherstellen, dass unsere Gitte für die nächsten Stunden nicht in Verbrecherhänden ist.«

Wenig später drückte sie Hartmann die Keksdose in die Hand.

»Bis heute Abend dann«, freute sich Frau Willebrandt und tätschelte Gittes Quadratschädel. »Ich wünsche euch beiden ganz viel Spaß.«

Hartmann nahm die Hundeleine fest in die Hand und lief zum Parkplatz hinüber. Gitte trottete kreuzbrav neben ihm her. Hartmann sah verwundert nach unten. Der Hund lief am Knie, als hätten sie das jahrelang geübt. Wahrscheinlich bin ich ein Naturtalent, dachte Hartmann. Die geborene Führungspersönlichkeit. So etwas spüren Hunde.

»Guck, Hund!«, sagte er. »Da drüben steht unser Auto.«

Gitte hob folgsam den Kopf. Allerdings schlug nicht Hartmanns alte Karre die Hündin in ihren Bann, sondern ein Eichhörnchen, das todesmutig über die Straße auf den Parkplatz schoss und zu den Bäumen hinüberwieselte. Gitte jaulte einmal kurz und nahm die Verfolgung auf. Es schien sie nicht im Geringsten zu stören, dass ein hundertachtzig Pfund schwerer Hartmann am anderen Ende der Leine hing. Der gewaltige Ruck kugelte Hartmann beinahe das Schultergelenk aus. Auf den glatten Sohlen seiner Halbschuhe rutschte er ungebremst über den Kies. Ihm blieb nicht einmal Zeit für herzhafte Flüche. Er hatte alle Hände voll zu tun, um die Leine in der Faust und sich selbst auf den Beinen zu halten. Hilflos stolperte er hinter Gitte her und hatte keine Sekunde lang den Eindruck, einen Hund an der Leine zu haben. Es fühlte sich eher an wie eine mit Fell überzogene Mischung aus Diesellok und Kampfpanzer.

Das Gespann kam erst zum Stillstand, als sich das Eichhörnchen mit einem Riesensatz auf den Ahorn rettete, Gitte mit ihrem Bumskopf den Stamm rammte und Hartmann zwischen den Außenspiegeln zweier eng geparkter Mercedes-Limousinen hängen blieb. Die Autos waren so alt, dass die Spiegel nicht wegklappten. Hartmanns Hüftknochen jaulte noch lauter als Gitte, die ihrem Mittagessen nachtrauerte, das hoch über ihnen vergnügt auf den Ästen turnte.

»Was sind denn das für alberne Schühchen?«, johlte Wolf über den Platz. »Hol dir mal ordentliche Wanderstiefel mit Profilsohlen. Am besten aus Yakleder. Hammerzeug das! Marke fällt mir gerade nicht ein. Kannst du aber über mich bestellen. Dreihundertvierzig das Paar. Lohnt sich jeder Cent. Deine Bruno, das ist ein richtiger Hund, den du da hast. Kein Paris-Hilton-Winselmeier, den man in Flipflops auf die Kackwiese trägt. Heiliges Kanonenrohr! Wenn da jetzt ein Eichhörnchen aus dem Busch rennt, gehst du ab wie ein Zäpfchen, Hartmann. Wie ein Zäpfchen!«

Was du nicht sagst, fluchte Hartmann im Stillen, während er sich bemühte, mit Gitte-Bruno wie befohlen ordentliche Kreise auf dem Hundeplatz zu laufen. Damit man erst mal sehen könne, wie es um die Bindung zum Hund bestellt sei, hatte Wolf zur Begrüßung gedröhnt. So ein Vollarsch! Wolf führte sich auf wie ein Rottweiler mit Straußeneiern. Ein zweiter Rüde im Revier?! Schnell in alle Ecken pissen, damit die anwesenden Damen sofort sahen, wer hier der Chef im Ring war. Von denen gab es jede Menge. Sie kauerten auf den Barhockern der Prosecco-Terrasse wie faltige Flamingos und goutierten jedes Wort von Wolf mit vergnügtem Kichern. Der stand mit dem Rücken zu ihnen und erteilte Hartmann Befehle. Ungeliftet und ungewaschen, der harte Wolf, das Alphatier, der erdig riechende Verführer.

So sieht also Wolfs Job aus, dachte Hartmann und lief ziellos hinter Gitte-Bruno her. Umringt und bewundert von maßgeschneidert gekleideter Weiblichkeit, die sich in den Wechseljahren befand und dementsprechend unausgeglichen wirkte, zähmte Wolf täglich das Biest und quatschte männliches Zeug. Nicht die schlechteste aller Tätigkeiten. Wolfs Konto mochte vielleicht die Luft ausgegangen sein, aber sein Ego war aufgepumpt wie ein Medizinball.

»Führung, Hartmann! Führung!«, schnauzte Wolf über den Platz. »Der Hund soll dahin, wo du hinwillst. Nicht umgekehrt!«

Als Hartmann und Gitte-Bruno eine Stunde zuvor Wolfs Hundegelände am Rhein bei Düsseldorf-Lörick erreicht hatten, hatten im Hof unter dem Schild Alpha Wolf – Führung statt Mimimi bereits ein halbes Dutzend schicker Schlitten gestanden. Der Platz ähnelte einer Range-Rover-Niederlassung. Zwei Porsche Cayenne und ein Aston Martin hatten sich dazwischen verirrt. Wo in diesem Auto ein Hund Platz finden sollte, war Hartmann schleierhaft. Als er seinen Blick über die Anlage schweifen ließ, war ihm schnell klar geworden, wofür Wolf hunderttausend Euro gebraucht hatte. Wahrscheinlich war selbst diese Summe nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen, denn Wolf unterrichtete bei Sonnenschein auf dreitausend Quadratmeter Golfrasen und verzog sich bei Regen in eine aufwendig renovierte alte Scheune. Die war so riesig, dass man darin hätte Pferde longieren können. Gegenüber befand sich unter schattigen Bäumen eine geräumige Zwingeranlage aus rostfreiem Edelstahl, daneben der von Gerber beschriebene Bungalow mit Bangkirai-Terrasse und Prosecco-Kühlschrank. Offensichtlich wohnte Wolf auch hier.

»Auf ein Wort!«, rief Wolf und winkte Hartmann zu sich. »Ich habe genug gesehen. Komm her! Machen wir Bestandsaufnahme.«

Wolf schwang sich von der Terrasse und betrat den Platz. Er stelzte breitbeinig auf Hartmann zu, die Hände tief in den zwei größten Taschen seiner olivgrünen Kampfhosen vergraben. Abrupt blieb er stehen, nahm das Kinn hoch und blinzelte in die Sonne. Die letzten zehn Meter ließ er Hartmann kommen.

Gute Technik, dachte Hartmann. Der König bittet zur Audienz.

»Noch mal für Doofe«, sagte Wolf. »Ich habe das vorher nicht so ganz kapiert. Warum heißt deine Hündin Bruno?«

»Wir hatten immer Hunde, die Bruno hießen«, log Hartmann das Blaue vom Düsseldorfer Himmel herunter. »Schon die Schäferhunde meines Großvaters haben alle Bruno geheißen.«

»So eine Art Familientradition, was?«, forschte Wolf.

»Genau«, sagte Hartmann und deutete auf Gitte-Bruno. »Die habe ich mit einem halben Jahr von einem Freund übernommen, der keine Zeit und keinen Platz mehr für einen Hund hatte. Sie ist quasi ein Scheidungsopfer.«

»Und du hast sie einfach Bruno genannt«, sagte Wolf, überzeugt, es bei Hartmann mit einem kynologischen Volltrottel zu tun zu haben.

»Die Macht der Gewohnheit.« Hartmann zuckte mit den Achseln. »Es hat sie nie groß gestört, wie ein Mann gerufen zu werden. So testosterongestört, wie die sich aufführt, ist sie ja auch einer. Irgendwie.«

»Im Grunde ist es wurscht, auf welchen Namen dieser Hund nicht hört«, grinste Wolf und schlug Hartmann auf die Schulter. »Meinetwegen kannst du Käsecracker zu ihr sagen. Die reagiert überhaupt nicht auf dich.«

Wolf kniete sich vor Gitte-Bruno und knetete ihren Bumskopf zwischen seinen Händen. »Aber das bringen wir dir schon bei, was? Zehn Stunden bei Wolf auf dem Platz, und die Welt sieht ganz anders aus.«

Gitte-Bruno fuhr ihre rosa Zunge aus und leckte Wolf die salzigen Schweißtropfen vom Hals. Er ließ es eine Weile zu. Dann schob er sie weg und richtete sich auf. Jetzt kam zu dem erdigen Wolfaroma auch noch der fleischige Duft von Hundesabber, stellte Hartmann fest, als sich Wolf unangenehm dicht vor ihm aufbaute. Die Groupies würden ihm alle Klamotten vom Leib reißen, wenn er die Terrasse das nächste Mal betrat.

Wolf tippte Hartmann mit dem steifen Zeigefinger auf die Brust.

»Zweiter Teil der Anamnese«, schnarrte er. »Jetzt wollen wir mal sehen, wie Bruno mit anderen Hunden klarkommt. Zuerst packen wir einen gestandenen Rüden dazu. SILVIA, BRINGSTDUMALDEINEN HARDYZUUNSRÜBER!!!«

Wolf schrie so laut in Richtung Terrasse, dass Hartmann die Ohren klingelten. Dann senkte er verschwörerisch die Stimme.

»Wahnsinnsrüde«, erklärte er. »Hardy vom Schnesenbesen. Ganz erlesene Weimaranerzucht. Die Moosleitners haben’s dick, sage ich dir, ganz, ganz dick. Er ist Schönheitschirurg, sie gibt das Geld aus.«

Auf der Terrasse erhob sich eine zart gebaute Blondine und ging zu ihrem silbern schimmernden Geländewagen. Sie öffnete die Heckklappe. Ein großer, grauer Hund sprang in den Marmorkies und schüttelte das kurze Fell.

»Sie kommt aber auch aus einem feinen Stall«, grinste Wolf. »Hammerfahrgestell, oder? Ich meine, für fünfundvierzig. Alle Achtung! Wahrscheinlich werkelt der Gatte da immer dran herum. So abends im Hobbykeller.«

Wolf brüllte vor Lachen.

Der Typ ist ein echter Arsch, dachte Hartmann. Der schwatzt ohne Unterlass dummes Zeug. Ein Kneipenabend mit ihm wäre bestimmt ergiebig! So bullig, wie Wolf gebaut war, käme er zwar nach fünfzehn Alt immer noch nicht ins unkontrollierte Plaudern, aber den ein oder anderen Hinweis könnte man ihm mit Sicherheit entlocken. Mal sehen, was sich in nächster Zeit so ergab.

»Frau Professor Moosleitner«, stellte sich die schlanke Silvia vor.

»Angenehm«, murmelte Hartmann und drückte ihre Hand.

»Mach mal den Hardy rein da!«, kommandierte Wolf.

Er öffnete das Tor zum Platz. Hardy stolzierte auf den Rasen und pinkelte an den Zaun. Als Gitte-Bruno den Rüden sah, trabte sie gemächlich zu den Zwingern hinüber, möglichst weit weg von Hardy. Hartmann kniff die Augen zusammen. Was soll das denn, dachte er, ich habe einen Killer gemietet, Frau Willebrandt. Seit wann gehen Killer stiften?

Hardy scharrte mit den Hinterpfoten über seine Pinkelstelle, dass die Grasfetzen flogen. Dann trottete er zu Gitte-Bruno hinüber. Als er sich näherte, fletschte die Hündin die Zähne. Das sah sehr beeindruckend aus, fand Hartmann. Es wird, freute er sich insgeheim, es wird!

»Mein Gott, Bert!«, entfuhr es der besorgten Frau Professor Moosleitner.

»Bert genügt«, lachte Wolf und legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern. »Mach dir mal keine Sorgen um deinen Hardy. Was wir da sehen, ist noch im grünen Bereich.«

Dann ging alles ganz schnell. Hardy steckte Gitte-Bruno respektlos die Nase in den Hintern. Gitte-Bruno drehte sich fauchend um und warf ihre vierzig Kilo auf den schlanken Weimaraner. Der sprang quietschend beiseite. Gitte-Bruno setzte nach, rammte ihn mit ihrer breiten Brust zu Boden und blieb über ihm stehen. Hardy rührte sich nicht mehr. Er stellte das Atmen ein und wartete geduldig, bis dieser merkwürdig verformte Monsterbeagle von ihm abließ.

»Jetzt unternimm doch was, Bert!«, kreischte die Frau Professor.

»Reg dich nicht auf«, brummte Wolf und hielt den Torgriff fest, um sie am Betreten des Platzes zu hindern. »Das ist ganz normale Kommunikation.«

Er wandte sich an Hartmann: »Wie alt ist Bruno jetzt?«

»Wird im September fünf«, riet Hartmann beherzt.

»Hardyyyyyy!« Frau Moosleitner schickte sich an, über den Zaun zu klettern und ihrem Rüden fuchtelnd zu Hilfe zu eilen. Wolf hielt sie zurück.

»Sieh es mal so, Silvia«, sagte er. »Das da drüben ist eine gestandene Hündin im besten Alter, die sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt. Dein Hardy ist ein pubertierender, anderthalb Jahre alter Suppenkasper. Der kriegt gerade eine blitzsaubere Lektion, was höfliche Umgangsformen angeht. Mit Aggression hat das gar nichts zu tun.«

»Mit was denn dann?!«, empörte sich Frau Moosleitner. »Die Dicke da drüben ist total grob. Der arme Hardy, er darf gar nicht mehr aufstehen. Dabei wollte er ihr nur guten Tag sagen.«

»Zwei Dinge, Silvia.« Wolfs Stimme bekam einen ungeduldigen Unterton. »Erstens. Wenn dir ein Dreizehnjähriger beim Guten-Tag-Sagen plötzlich an deinen sagenhaften Arsch packt, dann ist das unhöflich. Sind wir uns einig? Gut. Zweitens. Wenn du ihm daraufhin eins in die Fresse haust, dass er Sternchen sieht, was willst du dann von den Umstehenden hören? Die ist total grob? Mit Sicherheit nicht! Geschieht ihm recht, willst du dann hören. Bravo! Gut gemacht! Nachschlag!«

Er zeigte zu den Hunden hinüber.

»Guck hin, ist schon vorbei. Dein Hardy lebt. Wetten, wenn er diese Hündin das nächste Mal sieht, macht er einen Diener und fragt, ob er frittierte Ochsenziemer servieren soll.«

Hardy rappelte sich auf und torkelte über den Golfrasen zu seinem Frauchen zurück. Die nahm ihn tröstend in Empfang und führte ihn mit säuselnden Sätzen, in denen mehrmals hintereinander die Worte Hasi und schlimme Frauen und armes Pillermännchen vorkamen, zum Auto zurück.

Hartmann war besorgt. Er hatte Wolf eine gewalttätige Bestie angekündigt. Stattdessen stand er mit einem Lämmchen auf dem Platz, das offensichtlich völlig normal und artgerecht auf Reize reagierte. Wenn bloß seine Tarnung nicht aufflog! Er stand gerade mal am Anfang seiner Ermittlungen. Das Beste wäre, eine der Prosecco-Tanten könnte einen Dackel zur Verfügung stellen. Dann würde Gitte-Bruno ordentlich Gas geben und zum Feierabend ein kleines Blutbad anrichten. Vorausgesetzt natürlich, Frau Willebrandt hatte nicht geschwindelt.

»Mit den großen Hunden kommt Bruno eigentlich zurecht«, sagte er zu Wolf. »Die Kleinen sind eher das Problem in unserem Alltag. Wenn du vielleicht einen Dackel im Angebot hättest?«

»Nein«, sagte Wolf bestimmt. »So was unterrichten wie hier nicht.«

Er blickte nachdenklich auf seine Schuhspitzen.

»Komm mal zu mir, Bruno!«, rief er plötzlich dröhnend über den Platz. »Bruno! He, Bruno! BRUUUUNOOOOO!«