Hasardeure der Wildnis - Manfred Hoffmann - E-Book

Hasardeure der Wildnis E-Book

Manfred Hoffmann

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Beschreibung

Anne und Paul führen ein ruhiges Leben wie unzählige andere auch. Als Pauls Firma ihn jedoch gleich mehrfach nach Kolumbien schickt, soll sich das deutlich ändern. Entsetzt verfolgt Anne, wie er immer begeisterter zurückkehrt. Irritiert beschließt sie, ihn zu begleiten. Zu ihrer eigenen Überraschung verwandelt sich dort ihre Furcht vor der Wildnis in Faszination. Ungeahnte Sehnsüchte erwachen in ihr. Guerilleros, Giftschlangen oder mörderisches Gesindel beeindrucken sie nicht. Ratlos beobachtet Paul die atemberaubende Verwandlung seiner einst biederen Ehefrau in eine ihm fremde Hasardeurin. Doch da ist noch die betörende Kolumbianerin Maria mit ihrer Schenke im Nirgendwo...

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Widmung

Das Buch ist meiner Frau, meinen Kindern und meinen Enkelkindern gewidmet.

Dank

Für ihre große und geduldige Hilfe und Unterstützung gebührt mein besonderer Dank meiner Schwester, sowie meinen Freunden Dr. Ulrich Mösta und Dr. Reinhold Stapf.

Inhalt

Schrecken

Maria

Sehnsucht

Verlockungen

Schicksalsschläge

Eifersucht

Verwandlung

Erfahrungen

Bewährung

Eklat

Irrungen

Alltag

Einband: Typische „Tienda“ an einer Piste in den

Llanos, Kolumbien

Schrecken

Rüttelnd und schwankend folgt der Geländewagen der endlosen Piste durch die einsame tropische Wildnis. Geschickt lenkt ihn Alfonso über Bodenwellen, an Löchern, Termitenhügeln und anderen Hindernissen vorbei. Konzentriert. Schweigend. Paul kämpft auf dem Beifahrersitz vergeblich mit der Müdigkeit. Das monotone Motorgeräusch hat ihn gerade fest einschlafen lassen, als Alfonso ganz plötzlich stoppt. Paul schreckt wieder hoch. Als er die Augen öffnet, glaubt er immer noch zu träumen. Ein Mann mit wirrem Bart und einer langen Narbe im Gesicht blickt ihn durch die Scheibe des Autofensters finster an. Mehrere bewaffnete junge Männer umringen das Fahrzeug. „Ein Retén, eine Straßenkontrolle. Mal sehen, was die von uns wollen.“ Alfonso sieht sich entnervt um. Die Männer tragen zerschlissene Uniformen. Höchst unmilitärisch haben manche Gummistiefel, andere uralte Sportschuhe an. Auch die Kopfbedeckungen variieren offenbar nach persönlichem Geschmack jedes einzelnen von olivfarbigem Tarnhut bis zur Baseballkappe. Ihre Gesichter wirken hart und verschlossen. „Die sind wohl eher von der Guerilla als vom Militär“, murmelt Alfonso nun deutlich besorgter. „In jedem Fall ist mit denen nicht zu spaßen.“ Paul weiß nicht, ob Alfonso Selbstgespräche führt, oder ihn leise warnen will.

Der harsche Ton einer schneidenden Stimme macht jedoch jede Warnung, die Männer ernst zu nehmen, überflüssig. „Stell den Motor ab und steig aus.“ Gehorsam tut Alfonso, wie ihm befohlen. Totenblass stellt sich Paul zu ihm. Drei der Uniformierten überprüfen die Ausweise und durchsuchen das Gepäck. Der Mann mit der Narbe spielt gelangweilt mit seiner Waffe. Beklommen verfolgt Paul, wie ihr Lauf dabei immer wieder genau in seine Richtung zeigt. „Wohin fahrt Ihr?“ „Aufeine Finca1 “, lautet Alfonsos knappe, trockene Antwort. „Welche? Wo?“ Die Miene des Fragers verhärtet sich sichtbar. Während Alfonso beschreibt, wo die Finca liegt, kommt einer der Männer auf Paul zu. „Trägst du eine Waffe, Gringo2?“ „Nein, ich habe keine. “Umdrehen! Beide Hände auf das Auto!“ Nervös befolgt Paul seinen Befehl. Er wird sorgfältig abgetastet. „Euch kann man nicht trauen. Was tust du hier?“ „Ich bin zu Gast.“ Spöttisches Gelächter. „Gast, hier draußen in der Wildnis? Du solltest dir was Besseres einfallen lassen.“ „Ich habe ihn eingeladen, mich zu begleiten, damit er etwas von Kolumbien kennenlernt“, kommt Alfonso Paul zu Hilfe. Doch brutal schneidet der Mann ihm das Wort ab. „Ich rede mit dem Gringo, nicht mit dir! Nach zwei, drei Nachfragen lässt er Paul stehen und schließt sich wieder seinen Kumpanen an. Auch die haben offenbar ihr Interesse an Alfonso und ihm verloren. „Wartet hier, bis wir wissen, was mit euch geschehen soll!“ Die Männer wenden sich anderen Dingen zu und lassen sie unbeachtet zurück.

Paul und Alfonso setzen sich in den Schatten eines Baumes. Selbst dort empfindet Paul die Hitze als unerträglich. Vielleicht ist es aber auch der Angstschweiß, der ihm auf der Stirn steht. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als geduldig auszuharren. Wer immer diese Leute sind, sie sind ihnen schutzlos ausgeliefert. An eine Flucht ist nicht zu denken. Wohin sollten sie sich wenden? Wer sollte ihnen hier helfen? Weit und breit gibt es keine Siedlung. Schon in den letzten zwei, drei Stunden auf dem Weg hierher sind sie an keiner Finca mehr vorbeigekommen. Nicht einmal eine einsame Hütte war zu sehen. Weit und breit nur endlose Wildnis.

„Das sind bestimmt keine Soldaten, auch wenn mir das einer von denen weismachen wollte. Das Militär würde sich anders verhalten und uns nicht ohne Grund hier festhalten“, flüstert Alfonso. Seine Wut ist unüberhörbar. „Wenn das keine Soldaten sind, was dann?“ „Vermutlich Guerilla.“ „Und was können die von uns wollen?“ „Keine Ahnung. Mich macht stutzig, warum die mich so intensiv nach meiner Finca befragt haben, obwohl ich selbstverständlich mit keinem Wort erwähnt habe, dass ich der Eigentümer bin. Vielleicht wollen sie dennoch Geld erpressen.“ „Wie denn?“ „Ganz einfach, sie setzen mich hier irgendwo fest, bis ich bezahlt habe, was sie verlangen. In diesem Falle hoffe ich nur, dass die wenigstens Sie laufen lassen.“ Alfonso zündet sich eine Zigarette an. „Tut mir leid, dass ich Sie in diese Lage gebracht habe.“ „Unsinn. Ich habe doch selber entschieden mitzufahren.“

Die Zeit vergeht und es geschieht nichts. Schweigend sitzen sie da und warten. Alfonso starrt vor sich hin und schlägt immer wieder nach den Mücken, die ihn als besonders begehrtes Opfer auserkoren haben. Ein leichter Windstoß wirbelt den Sand auf und spielt mit einem vertrockneten Zweig. Doch die erhoffte Abkühlung bleibt aus, denn er schläft gleich wieder ein. Paul wird von Minute zu Minute nervöser. In seiner Fantasie malt er sich bereits verschiedene Horrorszenarien aus. Gefangener der Guerilla in der wilden Einöde irgendwo in Kolumbien! Je länger er Zeit zum Nachdenken hat, desto mehr wächst seine Furcht nicht nur vor den Männern, die sie hier festhalten, sondern auch vor der ihm fremden und feindlich wirkenden Umgebung. Doch es gibt kein Entkommen mehr. Er kann jetzt nur noch auf sein Glück vertrauen und hoffen, dass er einigermaßen ungeschoren davonkommt.

Er muss auf einmal an seine Frau denken. „Kolumbien? Das ist doch ein schreckliches Land!“ Bleich und mit weit aufgerissenen Augen hatte Anne ihren Mann angeblickt als er ihr erklärte, dass er für sein Unternehmen ein paar Tage geschäftlich nach Bogotá reisen soll. „Drogenhandel, Guerilla, Kriminalität, Gewalt! Musst du wirklich dorthin?“ Tränen flossen über ihr Gesicht. „Das kann man von dir nicht verlangen. Du kannst dein Leben doch nicht für die Firma aufs Spiel setzen.“ Aufgelöst verließ sie den Raum. Er folgte ihr in die Küche. „Rege dich nicht auf, es wird schon nicht so schlimm werden. Ich bin doch nur ein paar wenige Tage dort“, versuchte er sie zu trösten. Verzweifelt begann sie, ein paar Gläser abzuwaschen. Wie gewohnt hielt sie dabei jedes Glas gegen das Licht, um zu prüfen, ob die letzten Schlieren wirklich verschwunden sind. Noch gründlicher als sonst putzte und wischte sie alles bis in die letzte Ecke blitzblank. Doch was sie auch tat, es gelang ihr nicht, sich abzulenken. Auch als sie zu Bett ging, hörte Paul sie im Bad noch schluchzen. Bis zu seiner Rückkehr wird sie schlaflose Nächte haben.

Schon wenn er ab und zu kurz in Deutschland oder einem Nachbarland unterwegs war, war sie jedes Mal nervös und atmete tief auf, wenn er zurückgekehrt war. Dabei wurde sie nicht nur von der Sorge um das Wohl und Weh ihres Mannes getrieben. Es war auch die Furcht vor allem Ungewohnten, Ungewissen, vor jedem Risiko. Eine Furcht, die schon ihr Elternhaus nachhaltig geprägt und sich daher auch tief in ihr Inneres eingegraben hat. Von klein auf hatte man ihr beigebracht, sich stets eng an die vorgegebene Ordnung oder die gewohnten Regeln zu halten und jede Veränderung der üblichen Abläufe, falls irgend möglich, streng zu vermeiden. Immer wieder hatte man sie ermahnt, sich niemals ohne Not auf etwas Unkalkulierbares einzulassen. Die Vorstellung, dass Paul nun in ein fernes und gefährliches Land reisen sollte, verstieß gegen alle diese Regeln und war ihr daher unerträglich.

Daran gewöhnt nahm Paul das fatalistisch hin, so wie er es mit vielen anderen Geschehnissen um ihn herum auch gerne tut. Wollte man ihn beschreiben, würde es schwerfallen, etwas zu finden, was ihn besonders charakterisiert oder deutlich von anderen unterscheidet. Nicht groß, nicht klein, nicht besonders klug aber auch nicht dumm. Unscheinbar. Er liebt die Geborgenheit. Risiken versucht er zu vermeiden. Konflikten weicht er aus. Kein Held, aber ein netter Kumpel. Ein Durchschnittsmensch. Er selbst ist jedoch von seiner Einmaligkeit fest überzeugt. Sein Leben wird, wie bei so vielen, weitgehend von seiner Arbeit geprägt. Als fleißiger und gewissenhafter Buchhalter hat er es in seiner Firma zu einer anerkannten Position in der Controlling-Abteilung gebracht. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, ab und zu in einer Auslandsniederlassung des Unternehmens nach dem Rechten zu sehen. Bislang war er aber nur in Europa unterwegs. Die Reise nach Kolumbien ist seine erste Reise nach Übersee. Gespannt hatte er daher auf die Reise gewartet.

„Hast du auch wirklich nichts vergessen? Was ist mit deinen Tabletten? Meinst du nicht, dass du noch einen wärmeren Pullover mitnehmen solltest?“ „Liebling, ich fliege doch in die Tropen und nicht nach Alaska.“ „Ich habe gelesen, dass es in Bogotá auch sehr kühl werden kann, und ich möchte nicht, dass du dich auch noch erkältest.“ Wieder und wieder hatte sie besorgt den Koffer durchgesehen, ob auch wirklich nichts fehlt.

Schließlich war es soweit. Das Taxi zum Flughafen stand vor der Tür. Geduldig wartete der Fahrer im Wagen. Hätte er die bewegende Abschiedsszene im Haus miterlebt, wäre er sicherlich zu der Überzeugung gelangt, dass Paul zu einer monatelangen Urwaldexpedition aufbrach und die Wahrscheinlichkeit, lebend zurückzukehren, nur noch äußerst gering war.

Nach seiner Ankunft in Kolumbien hatte Paul einige emsige Arbeitstage im Büro seines Unternehmens in Bogotá verbracht. Aus der Stadt war er nicht herausgekommen. Als Alfonso, der Leiter der Landesgesellschaft, ihm von einer Finca seiner Familie erzählte wuchs sein Wunsch, wenigstens etwas vom Land zu sehen. Er erklärte ihm, sie läge jenseits der Anden in den „Llanos“, der tropischen Steppe, die sich im Osten bis nach Venezuela hinein erstreckt und im Süden in den Urwald des Amazonas übergeht. Weite einsame Wildnis, in der nur wenige Menschen leben. „Ich muss für ein verlängertes Wochenende dorthin. Wenn Sie Lust dazu haben, können Sie mich gerne begleiten. Allerdings ist das mit langer Fahrerei verbunden.” Alfonsos Schilderungen von dem, was ihn dort erwartet, hatten zweifellos nach einem anstrengenden und riskanten Unternehmen geklungen. Dennoch hatte Paul leichtfertig zugesagt. Eine solche Chance, wirklich etwas vom Land zu sehen, wollte er sich nicht entgehen lassen. Er hatte damit eine schicksalhafte Entscheidung getroffen, die sein Leben völlig verändern sollte.

Schon als er nach langem Flug über den Atlantik zum ersten Mal die gebirgige Küste Südamerikas vor sich im Dunst erkennen konnte, war er fest überzeugt, dass ihn dort eine fremde, unheimliche Welt voller Abenteuer und Gefahren erwartet. Doch selbst in seinen kühnsten Träumen hatte er nicht gedacht, jemals in eine solche Situation zu kommen, wie er sie gerade erlebt. Gut, dass Anne nichts davon weiß. Was würde sie wohl tun, wenn sie an seiner Stelle stünde? Sicherlich wäre sie völlig verzweifelt. Angst, nein Panik würde sie lähmen. Sie wäre zu keiner vernünftigen Handlung mehr fähig. Er meint, ihre entsetzten und hilflosen Blicke vor sich zu sehen. Gut, dass nicht sie, sondern er das hier durchstehen muss, geht ihm durch den Kopf und er kommt sich dabei wie ein ritterlicher Held vor. Seltsamerweise nehmen diese Gedanken an seine Frau ihm jedoch ein wenig von seiner eigenen Furcht. Dass er selbst bisher eine kaum weniger jämmerliche Gestalt abgegeben hat, wie er sie seiner Frau andichtet, hat er nicht gemerkt.

In der Ferne ist ein Fahrzeug zu erkennen. Es zieht eine gewaltige Staubwolke hinter sich her. Langsam kommt es näher. Hilfe? Hoffnungsvoll versucht Paul, zu erkennen, ob das vielleicht ein Militärfahrzeug ist. Doch es ist ein Pick-up, wie er auf den Fincas hier oft zu sehen ist. Er hält, zwei Männer springen heraus und werden herzlich begrüßt. Einer von ihnen ist zweifellos der Boss. Jedenfalls deutet man auf die beiden Fremdlinge und berichtet ihm, was man über sie erfahren hat. Etwas abseits, sodass Alfonso und Paul sie nicht mehr verstehen können, wird dann wohl darüber beraten, was man mit ihnen machen will. Dabei sehen sie immer wieder zu Alfonso hinüber. Zu Pauls Verwunderung bleibt der dennoch erstaunlich gelassen. Schließlich scheinen die Männer zu einem Entschluss gelangt zu sein. Der Boss kommt jetzt zu ihnen hinüber. Als Paul seinen eisigen Blick sieht, glaubt er zu spüren, wie sein Herz aufhört zu schlagen. „Alfonso? Alfonso Cano?“ „Ja, der bin ich.“ Auch Alfonso wird sichtbar nervöser. „Ihnen gehört doch die Finca „La Añoranza3?“ Nunmehr totenbleich sucht Alfonso fieberhaft nach einer geeigneten Antwort. Doch ihm fällt nichts ein. „Ja. Warum?“ Keine Antwort. Nachdenklich betrachtet ihn sein Gegenüber eine ganze Weile und sagt kein Wort. Jede Sekunde wird für Alfonso und Paul zu einer quälenden Ewigkeit. Endlich bricht er sein Schweigen. „Eigentlich wollten wir Sie um eine finanzielle Unterstützung bitten und Sie bis das Geld kommt als Gast bei uns behalten. Doch wir haben uns dazu entschlossen, es erst einmal bei einer kleinen Spende zu belassen. Ihr Besucher wird Ihnen dabei sicher helfen.“ Erleichtert ziehen beide rasch ihre Brieftaschen heraus und prüfen, wie viel Geld sie zusammenbekommen. „Ich hoffe das reicht Ihnen?“ „Für den Moment schon.“ Alfonso hebt misstrauisch den Kopf. „Was meinen Sie damit?“ Doch er bekommt wieder keine Antwort. Wortlos nimmt der Boss der Bande das Geld und geht zurück zu seinen Leuten. Er ist schon ein ganzes Stück entfernt, als er sich noch einmal umdreht. „Sie können übrigens weiterfahren!“ Das lässt sich Alfonso nicht zweimal sagen. Bevor der Mann es sich womöglich doch noch anders überlegt, sitzt er wieder im Wagen und startet hastig den Motor. Paul hat seine Tür noch nicht geschlossen, als der Wagen auch schon losrast und in einer Staubwolke verschwindet. „Hijos de puta4 .“ Im Rückspiegel beobachtet Alfonso die Straßensperre noch, bis sie außer Sicht kommt.

„Da haben wir wohl noch einmal Glück gehabt." Erleichtert atmet er auf. „Willkommen in der Wildnis! Um hier zu überleben, muss man immer wieder Glück haben. Sehr viel Glück.“ Schweigsam und in Gedanken versunken starrt er eine Weile auf die Landstraße vor sich. „Ich kannte so manchen, der das nicht hatte und der Wildnis gnadenlos zum Opfer gefallen ist.“ Nach kurzem Schweigen setzt er fatalistisch hinzu: „Si te toca, te toca5, “, „Wenn es dich erwischt, dann erwischt es dich eben“. Das klingt so, als ob er ahne, dass auch er sehr bald zu diesen Glücklosen gehören soll.

1 Kleiner Landbesitz, Bauernhof

2 Etwas despektierlicher Ausdruck für US-Amerikaner, manchmal auch Ausländer

3 Sehnsucht

4 „Hurensöhne“, beleidigende Anrede

5 Kolumbianische Redewendung

Maria

Seit der unfreiwilligen Begegnung mit der Guerilla ist ihnen kein Auto mehr entgegengekommen. Die Piste führt durch die menschenleere tropische Steppe immer weiter nach Süden und sie nähern sich den Urwäldern Amazoniens. Langsam verändert sich die Vegetation. Die Buschgebiete werden häufiger und größer, Palmen und andere Bäume zahlreicher. Manchmal verzweigt sich die Piste und sie rätseln, welche die richtige sein mochte. An anderen Stellen ist sie plötzlich verweht und überhaupt nicht mehr zu erkennen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als nach Kompass zu fahren und zu hoffen, irgendwo erneut auf eine Piste zu stoßen. Immer wieder müssen sie kleinere Flüsse überqueren und dafür eine geeignete flache Stelle suchen.

„Jetzt haben wir es gleich geschafft. Noch ein paar Kilometer und wir sind bei Maria.“ „Wer ist Maria?“ „Eine tolle Frau! Lassen Sie sich überraschen.“ Vor ihnen taucht kurz darauf eine größere Hütte am Straßenrand auf. Sie ist von dichtem Grün umgeben, aus dem mehrere schlanke, hohe Palmen herausragen. Feuerrote Bougainvilleas ranken üppig über eine Mauer. Gesattelte Pferde stehen geduldig im Schatten eines großen Baumes. Die letzten Sonnenstrahlen lassen das idyllische Tropenbild noch ein letztes Mal aufleuchten, bevor alles in der Dämmerung versinkt. Unter einem verrosteten Vordach dienen drei Tische als Schenke. Mehrere Männer haben sich dort niedergelassen. Ganze Batterien von leeren Bierflaschen und Aguardiente6 -Gläsern vor ihnen künden von beachtlichem Alkoholkonsum. Aus einem blechern klingenden Lautsprecher dröhnen weithin hörbar die überall im Lande unvermeidbaren Cumbias oder Vallenatos7.

Alfonso hält am Rande der Piste unweit der Hütte. „Es gibt zwar unzählige solcher Tiendas8 überall an den Fernstraßen in Kolumbien, doch glauben Sie mir, Marias Tienda ist die beste von allen! Außerdem ist es von hier nicht mehr weit bis zur Finca”. Auf der Fahrt hierher hatte Tom immer wieder Hütten am Straßenrand beobachtet, in denen nicht nur Getränke, Speisen und ein paar andere Dinge zum Verkauf angeboten werden, sondern wo auch ein paar Tische stehen an denen man ausruhen kann. In einigen dieser Chozas9 kann man Reifen wechseln oder sogar kleine Reparaturen durchführen lassen. Vor allem solange sie noch die anstrengende Strecke durch die Berge der Anden gefahren sind, hatte Alfonso mehrfach an einer solchen Raststätte angehalten. Es soll jedoch nicht lange dauern bis auch Tom davon überzeugt ist, dass keine von ihnen mit Marias Tienda vergleichbar ist.

Lautes Gelächter und wildes Stimmengewirr empfängt sie. Als die Männer Alfonso sehen, steigt ihre Stimmung noch weiter. Er ist hier kein Unbekannter und wird johlend begrüßt. Durch den Lärm neugierig geworden, tritt nun auch die Inhaberin des Ladens aus der Hütte und schließt ihn freudig in ihre Arme. Paul, der bisher entspannt und amüsiert das Treiben um sich herum beobachtet hat, scheint plötzlich wie elektrisiert. Nun ist es nur noch Maria, die seine Aufmerksamkeit voll und ganz in Anspruch nimmt. Sie merkt das und schenkt ihm ein zauberhaftes Lächeln. Hingerissen kann er sich nicht mehr von ihrem Anblick lösen. Er scheint ihr ebenfalls zu gefallen, denn auch sie dreht sich immer wieder nach ihm um. Man sieht ihr keinesfalls an, dass sie schon bald auf die Fünfzig zugeht. Ihr munterer, lebendiger Gesichtsausdruck, ihre aktiven Bewegungen und die schlanke Figur lassen sie deutlich jünger erscheinen. Ihr langes, schwarzes Haar hängt über nackten, braungebrannten Schultern ungezähmt, wild. Ein kurzes, restlos zerschlissenes Kleid betont ihren reizvollen Körper. Einst verführerische Schuhe sind so ausgetreten, dass es nur einem Wunder zugeschrieben werden kann, warum die zierlichen, hohen Absätze nicht längst abgebrochen sind. Trotz ihrer ärmlichen Kleidung strahlt sie eine geheimnisvolle Würde aus. Ihrer Anziehungskraft kann sich erstaunlicherweise niemand entziehen. Selbst bei den finstersten Gesellen von den Fincas der Umgebung genießt sie hohen Respekt und wird von zahllosen Verehrern unter ihnen umschwärmt.

Mit ihrem kleinen Laden versorgt sie die verstreuten Fincas in der Gegend mit den für den täglichen Gebrauch und zum Überleben notwendigsten Sachen. Reich wird sie davon nicht. Der Erlös genügt gerade für ein höchst bescheidenes Dasein. Das baufällige Gebäude ihrer Tienda besteht nur aus wenigen, dürftigen Lehmwänden. Ein Wellblechdach soll gegen Sonne und Regen schützen, doch wenn die Sonne brennt, wird es innen unerträglich heiß. Stürzen die starken tropischen Wolkenbrüche trommelnd auf das Dach, kann man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, dazu regnet es auch noch überall durch. Neben dem armseligen Verkaufsraum gibt es eine offene Kochstelle, dahinter durch eine morsche, löchrige Holztür notdürftig abgetrennt, Waschbecken, Klo und ein verbogenes Wasserrohr als Dusche. Drei oder vier karg eingerichtete Räume werden als Schlafplatz und Lager genutzt. Über wackligen Bettgestellen hängen verschlissene Moskitonetze.

Das Leben hier spielt sich vor allem vor der Hütte ab. Marias Kunden kommen nicht nur zum Einkaufen. Viel wichtiger ist den meisten, dort bei einem Bier den einen oder anderen von einer benachbarten Finca zu treffen und zu hören, was es Neues gibt. Aber auch für die Fahrer der wenigen Lastwagen, die auf ihren monotonen Reisen durch das endlose Nichts hier vorbeikommen, ist Marias Tienda ein beliebter Rastplatz. Meist sind es Viehtransporter, manche versorgen die Gegend mit allen möglichen Waren oder verdienen ihr Geld als Schmuggler. Andere Fahrzeuge verirren sich kaum hierher.