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Rätselhaftes Asien. Auf der Suche danach, was er in den ihm noch verbleibenden Jahren tun will, reist Neurentner Karl nach Fernost. Getrieben von der Angst, im Leben etwas verpasst zu haben, träumt er von Exotik und Abenteuern. Kaum in Japan angekommen, scheinen Geister mit ihm zu spielen. Anders für ihn nicht zu erklären, verfällt er einer mysteriösen Frau, noch bevor er ein Wort mit ihr gesprochen und sie nicht einmal richtig gesehen hat. Sie stellt sein Leben auf den Kopf. Unter bizarren Umständen folgt er ihr auf ein dubioses Schiff und reist durch die tropischen Gewässer Südostasiens. Menschenhändler nutzen den Seelenverkäufer, um von dort Frauen als Prostituierte illegal nach Japan zu holen. Trotz aller Gefahren hat Karl allerdings nur Augen für seine geheimnisvolle Begleiterin. Er verliert sich in Träumen, doch die Realität holt ihn immer wieder ein. Dabei gelangt er zu überraschenden Erkenntnissen.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Das Buch ist meiner Frau, meinen Söhnen und meinen Enkelkindern gewidmet.
Für ihre große und geduldige Hilfe und Unterstützung gebührt mein besonderer Dank meiner Schwester, sowie meinen Freunden Dr. Ulrich Mösta und Dr. Reinhold Stapf.
Sibirien
Tokyo
Hokkaido
Tokyo
Izu Hanto
Tokyo
Auf See
Mekong-Delta
Auf See
Borneo
Tokyo
Sibirien
Einband: Ahnenfiguren, Höhlen von Nokogiriyama, Japan
Er muss weg! Soweit wie möglich weg von seiner vertrauten Umgebung. Mit seiner Vergangenheit brechen. Alles aufgeben und spurlos verschwinden.
Äußerst angespannt sitzt Karl in seinem Flugzeugsessel. Auf dem Bildschirm vor ihm wird die Reiseroute angezeigt. Als könne er den Flug dadurch beschleunigen starrt er unverwandt auf die dort abgebildete Landkarte und verfolgt, wie sich seine Maschine darüber hinwegbewegt. Doch ihm zum Trotz scheint sie immer langsamer zu fliegen. Seine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Gequält sieht er sich um. Die meisten Passagiere um ihn herum schlafen. Neidisch sucht auch er nach einer bequemeren Haltung und wälzt sich dazu in seinem Sitz unruhig von einer Seite auf die andere. Vergeblich. Kaum eingenickt, dauert es nicht lange bis sein Kopf mit dem Kinn auf die Brust fällt und ihn wieder hochschrecken lässt. Er ist viel zu aufgewühlt, um Schlaf zu finden. Seine Gedanken drehen sich im Kreis. Wieder und wieder tauchen die gleichen Bilder vor ihm auf. „Ruhestand! Sie Glücklicher! Keine drückenden beruflichen Verpflichtungen oder Ärgernisse mehr, keine unaufschiebbaren Geschäftstermine, keine Mails mit lästigen Anweisungen.“ Lächelnd wird Karl von seinem Chef verabschiedet. Begeistert ergänzt seine Frau: „Endlich kannst du nun machen, was du willst!“ Eben noch deutlich vor Augen verschwimmen die ihm allzu vertrauten Gesichter und lösen sich in der Dunkelheit der Flugzeugkabine auf, verhallen ihre Stimmen im monotonen Dröhnen der Triebwerke.
Ruhestand! Grund zur Freude? Zufriedenheit? Genugtuung? Nicht für ihn. Ganz im Gegenteil! Der Gedanke erschreckt ihn, droht ihn zu ersticken. „Endlich kannst du nun machen, was du willst!“ Das klingt zwar gut, doch was will er? Was kann er tun, um sein Leben wieder zu bereichern, bevor es zu Ende ist? Je länger er in den vergangenen Tagen und Wochen seitseinem Ruhestand darüber nachgedacht hatte, desto weniger fand er eine befriedigende Antwort darauf. Soll er sich womöglich damit zufriedengeben, den Rest seines Lebens vor dem Fernsehapparat zu verbringen und mit dem Hund spazieren zu gehen? Eine unerträgliche Vorstellung! Entsetzt hat er die Flucht ergriffen. Nur weg. Soweit wie irgend möglich. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Sein Sitznachbar, ein Mann in mittleren Jahren, der ebenfalls keinen Schlaf findet, aber mit einem Rotwein entspannt zurückgelehnt einen Film ansieht, blickt ihn besorgt an. „Doch, doch. Es ist alles ok.“
Draußen wird es langsam hell. Weit unten kann er die verschneiten Wälder Sibiriens erkennen. Zugefrorene Flüsse verlieren sich in der Weite. Nirgends ist eine Straße, eine Ortschaft oder ein anderes Zeichen menschlichen Lebens zu sehen. Nur dunkle Felsen ragen von Zeit zu Zeit aus dem endlosen Weiß. Gedankenversunken blickt er auf das ferne Land hinab und lässt sein bisheriges Leben an sich genauso vorbeiziehen wie die Landschaft dort unten. Die Bilder ähneln sich: erstarrte, eingefrorene Strukturen. Jede Erinnerung an den einst farbenprächtigen, vor Lebenslust berstenden Aufbruch des sibirischen Frühlings ist längst verblasst und alles in der endlosen Nacht des nordischen Winters versunken. Einzig die flüchtige Dämmerung bewahrt die Hoffnung, dass Licht und Wärme irgendwann einmal zurückkehren werden. Bis dahin gilt es zu überleben. Dabei scheinen die letzten Kräfte von Mensch und Tier allerdings gerade noch auszureichen, bewegungslos in gewohnter, unabänderlich erscheinender Routine zu verharren.
Wie der sibirische Frühling sind auch die Sehnsüchte, Hoffnungen und Illusionen seiner Jugend einem fest gefügten, eintönigen Lebensrhythmus zum Opfer gefallen und in der Dunkelheit eines endlosen Winters verschwunden. Seit vielen Jahren gab es nichts mehr, was die triste Gleichförmigkeit seines Alltags jemals unterbrochen hatte. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, war immer alles seinen ordnungsgemäßen Gang gegangen: Wohnung, Büro, Wohnung, Einkauf, Spaziergang, vielleicht ein Restaurantbesuch oder Kinoabend. Ein normales Leben, wie es viele führen. Selbst die Urlaube folgten eingefahrenen, fantasielosen Ritualen. Europa hatte er nie verlassen. So sehr er auch in seinen Erinnerungen aus vergangenen Jahren oder gar Jahrzehnten danach sucht, er findet nichts, was ungewöhnlich, abenteuerlich oder irgendwie erwähnenswert gewesen wäre.
Wie alles andere ist auch seine Ehe erstarrt. Er hatte seine Frau einmal sehr geliebt. Doch vieles von dem was ihn einst an ihr faszinierte war im Laufe der Jahre zur Gewohnheit geworden und hatte damit seinen Reiz verloren. Ihr ging es nicht anders und so waren ihre Gefühle für einander mit der Zeit immer mehr abgekühlt. Aus einem Leben miteinander wurde nur noch ein auf banale Alltagsthemen reduziertes Nebeneinander. Jeder verfolgte fast nur noch seine eigenen Interessen. Mit zunehmendem Alter war die Bereitschaft Kompromisse einzugehen auf beiden Seiten geringer geworden. Seine sexuellen Wünsche blieben meist unerfüllt. So waren die bewegten Gefühle, die aufregenden Momente, die knisternde Spannung, die sie einst zusammen geführt hatten verblasst. Routine, Langeweile, Gleichgültigkeit traten häufig an ihre Stelle und beide vernachlässigten die Bedürfnisse und Wünsche des anderen. Schwache Versuche Wege zu finden. um das wieder zu ändern, waren kläglich gescheitert.
Nur der Beruf hatte etwas Bewegung in sein Leben gebracht. Solange er zurückdenken kann, wurde sein Dasein auch stets darauf ausgerichtet und maßgeblich davon geprägt. Sein ganzes Streben galt dem Aufstieg, dem Zuwachs an Gehalt und Bedeutung. Dafür musste manches Opfer erbracht werden. Stufe für Stufe erklomm er so die Leiter der Firmenhierarchie. Irgendwann schien dabei das Bemühen um Wachstum und Gewinn des Unternehmens sogar zu seinem eigenen Lebensinhalt und Lebensziel geworden zu sein. Für anderes fehlte ihm daher die Zeit oder mehr noch die Energie. So war die Frage, was er sonst gerne machen würde, schon vor langer Zeit verloren gegangen. Ein hoher Preis für flüchtige berufliche Erfolge.
Und nun der Ruhestand. Auf einmal ist der Beruf weggefallen und hat Karl orientierungslos zurückgelassen. Prüft er wie gewohnt morgens im Terminkalender, was er zu erledigen hat, muss er immer wieder erstaunt feststellen: Nichts! Er hat nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu berichten, kaum noch etwas zu erzählen. Sein Erfolg interessiert niemand mehr. Schon sehr bald wird sich keiner mehr an ihn erinnern, denn etwas Bleibendes hat er nicht geschaffen. Was er zunächst als „Dauerurlaub“ genossen hat, wandelt sich zunehmend in innerliche Leere.
Wenn er doch sein Leben noch einmal neu beginnen könnte! Nichts würde er sich sehnlicher wünschen. Er würde alles in seiner Macht Liegende dafür tun, jedes Opfer bringen, aber leider lässt sich die Vergangenheit nicht mehr zurückholen. Dennoch hat er nicht alle Hoffnung aufgegeben. Vielleicht gelingt es ihm wenigstens in der Zukunft ein neues, anderes Leben zu führen. Nach tagelangem Grübeln ist er zu dem Schluss gekommen, dass das nur gelingen kann, wenn er mit allem Vertrauten bricht, alles Gewohnte aufgibt und seine vertraute heimatliche Umgebung für immer verlässt. Am besten sollte er dazu an einen fernen Ort möglichst auf der anderen Seite der Erde ziehen. Bislang ist er allerdings noch weit davon entfernt, diese schwerwiegende Erkenntnis wirklich umzusetzen.
Je länger er nun wieder darüber nachdenkt, desto vehementer wächst sein Wunsch nach einem Neuanfang. Mit jeder zurückgelegten Meile wird daraus mehr und mehr eine Obsession. Dabei verliert er sich in einer Woge heftiger Emotionen und Fantastereien. Was, wenn er schon diese Reise für einen Neubeginn nutzt, um sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen? Da er bislang noch keine Ahnung hat, was ihn in dieser neuen Welt erwartet ist das Risiko, mit seiner Idee zu scheitern und sich nur lächerlich zu machen gewaltig. Er versucht sich ausmalen was geschehen würde, wenn er von dieser Reise nicht zurückkehrte und für immer spurlos verschwunden bliebe. Darüber was mit seinem Freundes- und Bekanntenkreis geschähe macht er sich keine Illusionen. Ihm ist klar, dass die meisten Menschen, die er kennt das nur mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen würden, bevor sie wieder zur Tagesordnung übergehen. Selbst seine engen Freunde würden nach mehr oder weniger tiefem Bedauern ihn auch recht bald vergessen. Nahe Verwandte hat er nicht mehr. Und seine Frau? Sie wäre vermutlich der einzige Mensch, den sein Verschwinden wirklich träfe. Für einen Moment stockt sein Atem. Schon allein die Vorstellung was geschähe, wenn er ihr das antäte, lässt ihn erschaudern. „Endlich kannst du nun machen, was du willst“, hört er sie erneut freudig rufen. Daran, dass ihr Ausruf für ihn zu einem Albtraum werden und er verschwinden könnte hat sie dabei ganz sicher nicht gedacht.
Das Flugzeug nähert sich Chabarowsk. Deutlich ist die verschneite Stadt an den Ufern des Amur zu erkennen. Eisschollen treiben im Fluss. Fröstelnd zieht Karl seine Decke höher. Was, wenn er bei der Suche nach neuen Lebenszielen feststellen muss, dass es mittlerweile zu spät ist, um seine Sehnsüchteoder Träume noch verwirklichen zu können? Bei dem Gedanken, alle Gelegenheiten dazu möglicherweise bereits verpasst zu haben, läuft es ihm eiskalt über den Rücken. Die Frage danach, was er nicht gemacht hat, ist für ihn vielleicht noch viel besorgniserregender, als die Frage, was er in Zukunft machen will.
Es geht hinaus auf den Pazifik. Sein Blick folgt der Küstenlinie, bis sie sich im Dunst auflöst. Irgendwo dort muss Wladiwostok liegen. Turbulenzen über dem Meer schütteln die Maschine kräftig und erinnern ihn daran, dass das alles kein Traum ist. Diesmal sitzt er wirklich in einem Flugzeug hoch über dem japanischen Meer und nicht daheim im Fernsehsessel. Dort unten, das ist tatsächlich der Ferne Osten und nicht ein Foto auf dem Bildschirm seines PCs. Erst mit dem Wegfall des Berufs war ihm auf einmal bewusst geworden, dass er vermeintlich aufregende Ereignisse und spannende Abenteuer nur im Fernsehen, Kino oder Internet erlebt hatte. Im Laufe der Jahre hatte er sich so sehr daran gewöhnt, dass es ihm immer öfter vorkam, als sei er bei vielem des dort gebotenen Geschehens selber dabei gewesen. Ob TV, Laptop oder Smartphone, in jeder freien Minute saß er vor einem Bildschirm. Ohne, dass er es bis dahin gemerkt hatte, bewegte er sich in seiner Freizeit weithin nur noch in einer virtuellen Welt.
Aufgeschreckt von dieser Erkenntnis hat er sich immer wieder beklommen gefragt, ob das Wenige, was er bislang wirklich selbst erlebt und getan hat, schon alles in seinem Leben gewesen sein soll. Panik kam in ihm auf. Es musste etwas geschehen. Und es musste schnell geschehen. Auch wenn er noch nicht gleich auswandert, hat er beschlossen wenigstens zu reisen. Er will Menschen kennenlernen, die ganz anders denken und leben, als er es bislang gewohnt ist. Endlich Abenteuer tatsächlich selbst erleben. Romantische Bilder vongeschäftigen Häfen, stillen Tempeln und exotischen Frauen tauchen vor ihm auf. Erinnerungen an Geschichten aus seiner Kindheit von Piraten auf tropischen Inseln oder Schatzsucher in undurchdringlichem Dschungel wurden wieder wach.
Dennoch wäre er vielleicht nie aufgebrochen, wenn nicht das Schicksal dabei mitgeholfen hätte. Schon kurz nach seinem Ausscheiden hatte seine ehemalige Firma ein langwieriges Problem in Japan zu lösen und niemand gefunden, der dafür monatelang entbehrlich gewesen wäre. So war man zwar überrascht, aber dankbar, als Karl sich dazu bereit erklärte, den Job zu übernehmen, auch wenn er noch nie im Ausland tätig und sein Englisch mäßig war.
Voller Spannung reist er nun also nach Fernost, auf der Suche nach irgendetwas Geheimnisvollem, was ihm in seinem bisherigen Leben möglicherweise entgangen sein könnte. Eine Reise in eine andere, ihm unbekannte Welt.
„Omatase itashimashita. Nihon ni yokoso.“ „Entschuldigung, dass Sie warten mussten. Willkommen in Japan.“ Höflich reicht der Beamte am Immigration-Schalter Karl den mit dem Visum abgestempelten Pass zurück. Japan! Endlich! Unergründliche Inselwelt im fernen Pazifik. Mystischer Orient. Das Reich der Kami, 神, jener geheimnisvollen Götter und Geister des Schintoismus. Neugierig sieht er sich um. Doch in der Ankunftshalle muss er enttäuscht feststellen, dass es dort nichts anderes zu sehen gibt als auch auf dem Flughafen, von dem er zwölf Stunden zuvor in Deutschland abgeflogen ist. Werbung für dieselben Fast-Food-Ketten, Menschen in der gleichen Kleidung, die gleiche gereizte Ungeduld in den Gesichtern der Wartenden am noch immer leeren Gepäckband. Das soll Japan sein? Enttäuscht vermag er allerdings nicht zu sagen, was er eigentlich erwartet hat. Schwerter schwingende Samurais? Anmutige Frauen im Kimono? Einen Gong schlagenden Mönch?
Einzig der Kauf eines Bustickets in die Stadt bekommt einen Hauch von Abenteuer und Exotik. Hilflos steht er vor einer verwirrenden Fülle von komplizierten Namen ihm unbekannter Ziele. Er hat keine Ahnung, welches er wählen muss. Da die Frau am Counter zwar besonders freundlich lächelt, aber noch weniger Englisch spricht als er, kann er es auch nicht herausfinden. Doch selbst hier bleiben ihm riskante Experimente versagt. „Mister Karl?“ Mit einem verlegenen Lächeln begrüßt ihn schuldbewusst ein lokaler Angestellter seiner Firma, den man zum Flughafen geschickt hat, um ihn abzuholen. „Sorry for being late. Traffic jam, you know…“, „Entschuldigung für die Verspätung. Verkehrsstau, Sie wissen…“ Höflich lächelnd nimmt er Karls Koffer. Lächelnd aber schweigsam wartet er auf den Fahrstuhl zum Parkhaus. Am Auto angekommen, wuchtet er das schwere Gepäck mühsam in den Kofferraum. Noch immer lächelnd, wenn auch diesmal etwas gequält. Verbissen bemüht sich Karl, sein Lächeln stets zu erwidern, ihm fehlt dazu aber die seit Urzeiten praktizierte Übung eines Japaners.
Dicht befahrene, vielspurige Autobahnen führen in die Stadt. Triste Industriebauten, hässliche Wohnsilos, von grauen Wolken verhangener Himmel und immer wieder Regen. Nicht viel anders als in Deutschland, geht es Karl durch den Kopf. Im zentralen Stadtteil Azabu Juban hat man ihm ein kleines Apartment gemietet. Es ist perfekt auf die Bedürfnisse von auswärtigen Managern abgestimmt, die vorübergehend in Tokyo arbeiten müssen.
Am Abend bummelt er durch die engen Straßen in der Umgebung. Exotisch erscheinen ihm nur die japanischen Schriftzeichen an den kleinen Läden und die, in oft winzigen Restaurants angebotenen Köstlichkeiten, von denen er nicht weiß, ob sie zum Essen oder nur zum Ansehen gedacht sind. In den stets reich bebilderten Speisekarten entdeckt er aber immer wieder auch Pizza, Spaghetti oder Curry-Chicken und andere, nicht gerade japanisch klingende Gerichte. Selbst das Bier schmeckt nicht anders als in Deutschland. Doch dann stößt er endlich auf einen kleinen Schrein1. Eingeklemmt zwischen unansehnlichen, mehrstöckigen Gebäuden gleich neben einem Parkplatz, hätte er ihn fast übersehen. In einer Megastadt wie Tokyo wird es selbst für Ahnengeister eng. Wenn auch versteckt und wenig spektakulär, hat er nun aber doch noch ein Stückchen von dem Japan gefunden, wie er es eigentlich in seiner Fantasie ausgemalt hatte.
Auch in den nächsten Tagen vermisst er die erwartete Exotik. Eine Fahrt in der Metro unterscheidet sich im Wesentlichen von der daheim nur dadurch, dass alles sauberer ist, als aus Deutschland gewohnt. Nicht anders als in seiner eigenen Stadt sind die meisten Fahrgäste eifrig mit ihrem Handy beschäftigt. Allerdings fallen viele von ihnen unverzüglich in einen komaähnlichen Tiefschlaf sobald sie einen Sitzplatz ergattert haben. Sein Unternehmen hat sich in einem der großen, modernen Bürokomplexe eingemietet, in denen zahllose Firmen residieren.
Am Morgen strömen Hunderte von Angestellten durch den Eingangsbereich, vorbei an Schnellrestaurants, Cafés und den unvermeidlichen Convenience-Stores2 , in denen man von Aspirin bis zu Zeitungen alles kaufen kann, was man zum täglichen Leben benötigt. Sogar seine Stromrechnung kann man dort bezahlen. Niemand muss unnötig Arbeitszeit verlieren. Selbst an den abgelegensten Orten und abenteuerlichsten Plätzen sorgen sie dafür, dass niemand verdursten oder verhungern muss. Immer wieder staunt Karl, wie vorbildlich Japan überall organisiert ist. Er bewundert, wie man stets bemüht ist, Produkte oder Verfahren zu optimieren. Doch wehe, es muss etwas neu geregelt oder improvisiert werden. Vor allem bei Letzterem überkommt Japanern das pure Grauen. Eisern wird an gewohnten Abläufen festgehalten. Jeder Wandel droht bei seinen Kollegen schwerste, seelische Schäden zu verursachen. Dennoch findet sich Karl im Büro schnell zurecht. Die Mitarbeiter sind freundlich und hilfsbereit. Höflich und fleißig folgen sie seinen Anordnungen. Vor allem stellt er aber erstaunt fest, dass er schon seines Alters wegen besonders respektiert wird; eine für ihn höchst ungewohnte Erfahrung. Seinem Naturell entsprechend, und so, wie er es immer getan hat, schafft er für jede Veränderung sehr bald standardisierte Abläufe, hält sie in umfangreichen Anweisungen akribisch genau fest, lässt sie in die Landessprache übersetzen und sorgt schnell wieder für Routine. Damit hat er offenbar die japanische Seele getroffen. Voller Begeisterung vergessen die Mitarbeiter darüber sogar, dass er ihnen eine ganze Reihe von Erneuerungen zugemutet hat. Schon nach kurzer Zeit läuft alles, wie es bei ihm immer lief. So spürt er kaum, dass er es eigentlich mit Menschen zu tun hat, deren Sprache, Mentalität, Kultur und Tradition ihm völlig fremd sind, Menschen die sonst ganz anders denken, als er.
Nach Büroschluss verlässt er wiederum gemeinsam mit Hunderten von anderen Menschen, die nun aus allen Fahrstühlen quillen, das Gebäude und drängt in die überfüllte Metro. Am Abend sitzt er meist im Starbucks Café nahe dem modernen Einkaufszentrum Roppongi Hills. Dort gibt es auch Zeitschriften, Bücher, Videos oder Musik-CDs zu kaufen. Bis in die späte Nacht belebt, ist es zu einem beliebten Treffpunkt für viele Nachtschwärmer geworden. Vor allem junge Leute verbringen dort Stunden mit ihrem Laptop oder Tablet. Da die üblicherweise winzig kleinen Wohnungen häufig auch noch mit mehreren anderen geteilt werden müssen, finden sie hier den notwendigen Platz, um zu arbeiten, lernen, im Internet zu surfen oder mit Freunden zu chatten. „Latte macchiato“ vor sich, wie aus dem heimatlichen Starbucks gewöhnt, beobachtet Karl das Treiben um sich herum. Dabei kommt er jeden Abend zu derselben, ernüchternden Erkenntnis, dass sich sein Alltag selbst auf einer Insel auf der anderen Seite der Erde von dem in Deutschland eigentlich kaum unterscheidet. Weit und breit sind weder Exotik noch Abenteuer in Sicht.
Dann geschieht aber etwas, was ihn doch aus den gewohnten Bahnen bringen soll. Wieder ist es Abend und wieder sitzt er im Starbucks. Müde von einem anstrengenden Arbeitstag wandert sein Blick über die Menschen an den Tischen um sich. Das übliche Publikum. Er will sich gerade gelangweilt abwenden, um in einer Zeitschrift zu blättern, da entdeckt er weit von sich entfernt, halb verborgen von einer Säule eine Frau, die seine ganze Aufmerksamkeit erregt. Obwohl er sie nur für einen kurzen Moment sehen kann, fühlt er sich von ihr auf unerklärlicherweise magisch angezogen. Plötzlich hellwach, versucht er mehr von ihr zu erkennen. Doch in den Büchern aus den Regalen neben ihrem Tisch blätternde Kunden verstellen ihm ständig die Sicht.
