Schreie über dem Stillen Ozean - Manfred Hoffmann - E-Book

Schreie über dem Stillen Ozean E-Book

Manfred Hoffmann

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Beschreibung

Tropisches Südamerika. Claudia, behütete Tochter aus reicher Familie, gerät in die Fänge brutaler Banditen und wird in ein Bordell in der Hafenstadt Buenaventu-ra verschleppt. Traumatische Erlebnisse drohen sie zu vernichten. Gerade noch rechtzeitig erkennt sie, dass sie nur überleben kann, wenn sie bereit ist, dafür zu kämpfen. Wild entschlossen über ihr Schicksal wieder selber zu bestimmen, bricht sie mit ihrer Herkunft und passt sich dem von Gewalt und Begierde geprägten Umfeld an. Skrupel oder Scham scheint sie nicht mehr zu empfinden. Doch bei einem Fluchtversuch in eine Urwaldsiedlung an Kolumbiens einsamer Pazifikküste erlebt sie wieder eine andere, ihr bislang ebenfalls unbekannte Welt. Angezogen von dem anspruchslosen, aber dennoch heiteren Art und der Herzlichkeit der Küstenbewohner stellt sie ihr bisheriges Leben erneut infrage. Ihr Elternhaus ist ihr endgültig fremd geworden, eine Rückkehr undenkbar. Sie muss eigene Wege gehen.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Widmung

Das Buch ist meiner Frau, meinen Söhnen und meinen Enkelkindern gewidmet.

Dank

Für ihre große und geduldige Hilfe und Unterstützung gebührt mein besonderer Dank meiner Schwester, so wie meinen Freunden Dr. Ulrich Mösta und Dr. Reinhold Stapf.

Inhalt

Morgenlicht

Regenzeit

Gewitterwolken

Sturm

Windstille

Schwüle

Brandung

Dschungel

Nebel

Dämmerung

Sternenhimmel

Einband:

Pfahlbauten in Buenaventura, Rückseite: Pazifikküste bei Juanchaco, Kolumbien

Morgenlicht

Guayaquil, Ecuador. Auf der hohen Mauer geht ein Wächter auf und ab. Die Maschinenpistole hängt griffbereit über seiner Schulter. Aufmerksam beobachtet er die Umgebung. Das erste Morgenlicht reicht jedoch noch nicht aus, um alle Einzelheiten erkennen zu können. Dennoch trägt er bereits eine dunkle Sonnenbrille, wie er es bei Polizisten in US-amerikanischen Spielfilmen gesehen hat. Nirgends rührt sich etwas. Nur die hohen Kokospalmen auf dem parkartigen Grundstück hinter ihm wiegen sich in der leichten Brise, die vom nahen Meer herüberweht. Strahlend blauer Himmel verspricht einen schönen Tag, obwohl eigentlich Regenzeit ist. Üppige Blütenpracht umgibt eine stattliche weiße Villa mit weiträumigen Terrassen und einem Pool von nicht gerade bescheidenen Ausmaßen. Jacarandas, Hibiskus und Bougainvilleas wachsen überall im Überfluss. Das Grundstück grenzt an das Ufer eines träge dahinfließenden Mündungsarms des Rio Guayas. Mehrere, ähnlich beeindruckende Villen der reichen Oberschicht säumen hier das Flussufer. Alles wirkt friedlich. Doch der Schein trügt. Weitgehend verdeckt von den Zweigen eines mächtigen Baumes und von der Villa aus nicht zu sehen, stehen zwei weitere schwer bewaffnete Männer und ihre angespannten Gesichter lassen erahnen, dass der Ort keinesfalls so paradiesisch ist, wie es den Anschein hat.

„Señorita Claudia aufwachen, aufwachen. Heute ist Ihr Geburtstag, und es gibt noch viel zu tun, bevor die Gäste kommen.“ Marta, das fürsorgliche Hausmädchen öffnet die Vorhänge. Sonnenstrahlen dringen in den Raum. Trotz der feuchten Hitze in der tropischen Hafenstadt trägt sie eine adrette schwarze Uniform mit weißen Spitzen und einer weißen Schürze, wie es einst für das Hauspersonal im kühlen Europa üblich war. „Ach, lass mich in Ruhe. Arbeiten musst du und nicht ich.“ Gereizt dreht sich Claudia auf die andere Seite, nicht ohne noch einen harschen Befehl zu erteilen: Du kannst mir jedoch einen Kaffee bringen, aber bitte rasch!“ „Wie Sie wünschen.“ Marta verdreht die Augen und wirft einen kurzen Blick zum Himmel. Schicksalsergeben verlässt sie das Zimmer. Sie stammt aus dem Hochland Ecuadors. Wie die meisten Indígenas1 dort, tut sie schweigend ihre Arbeit und ist daran gewöhnt, Befehle widerspruchslos auszuführen. Wenig später wird Claudia von dem Geruch nach frischem Kaffee erneut geweckt. Schlaftrunken wankt sie in ihr Bad und betrachtet sich missmutig im Spiegel. Sie ist schlank und hochgewachsen. Obgleich sie eine helle Haut hat, verraten ihre dunklen Augen den Einfluss ihrer arabischen Vorfahren. Ihr schwarzes Haar hat sie blond gefärbt, wie es viele junge Frauen hier tun, um sich von den einfachen Leuten oder gar den Indígenas deutlich abzugrenzen. Sie gehört nicht zu den besonders herausragenden Schönheiten, ist aber durchaus attraktiv und reizvoll. Ihr Vater, ein strenggläubiger libanesischer Einwanderer, der es in Ecuador als Geschäftsmann zu märchenhaftem Reichtum gebracht hat, achtet allerdings energisch darauf, dass sie sich stets züchtig kleidet und dezent auftritt. Ausschnitte dürfen nicht zu tief und Röcke keinesfalls zu kurz sein. Nicht einmal schminken darf sie sich. So manches Mal wurde sie daher von ihren Kommilitonen auf der Universität als „Klosterschülerin“ geneckt.

Als sie das Frühstückszimmer betritt, sitzen dort bereits ihre Mutter mit einer Tante zusammen, und die beiden besprechen aufgeregt, wie man die vielen Gäste am Nachmittag angemessen betreuen kann. Marta und Rosa, ein weiteres Hausmädchen, sind emsig tätig, um eine endlose Liste von Aufträgen abzuarbeiten. Nicht nur Familienangehörige und Freunde sind eingeladen, sondern vor allem auch wichtige und einflussreiche Persönlichkeiten, die für das Geschäft des Vaters von Bedeutung sind.

Ein kräftiger junger Mann mit einem Strohhut in der Hand betritt zögernd den Raum. Er bekommt ebenfalls eine Reihe von Anweisungen, was er zu tun hat. Aufmerksam sieht er sich um. Dabei bleibt sein Blick für einen Moment an Claudia haften. Doch dann gehört seine Aufmerksamkeit wieder ganz den Befehlen ihrer Mutter. „Si. Como no. A la orden Señora.“ „Ja. Selbstverständlich. Wie Sie wünschen, Señora.“ Gehorsam wiederholt er seine Aufträge. Doch die Art, wie er das sagt, und der Ton seiner Stimme lassen Claudia aufhorchen. Irgendetwas an ihm ist ungewöhnlich. Forschend betrachtet sie ihn sich näher. Sein Gesicht ist braun gebrannt. Wirres Haar und ein schwarzer Bart geben ihm etwas Verwegenes. Lebhafte Augen lassen ihn jung, sympathisch und freundlich erscheinen. Obwohl er deutlich über dreißig ist, erinnern sie fast an die eines neugierigen Kindes. In heftigem Kontrast dazu scheinen manche seiner Gesichtszüge aber einem weit älteren, vom Schicksal gezeichneten Mann zu gehören. Claudia meint in den Falten, um seinen Mund auch Härte, vielleicht sogar Brutalität entdeckt zu haben. Seltsame Widersprüche, die ihn undurchsichtig, fast rätselhaft erscheinen lassen. Als er den Raum verlässt, treffen sich ihre Blicke und unwillkürlich zuckt sie zusammen. „Wer war das?“ „Wer?“ Die Mutter ist mit ihren Gedanken längst bei den nächsten Aufgaben. „Ach so, der neue Gärtner. Er heißt Álvaro und kommt aus Kolumbien. Vater hat ihn vor Kurzem eingestellt. Mehr weiß ich auch nicht.“

Am Spätnachmittag strömen zahllose Gäste in die weiße Villa am Fluss. Große Limousinen fahren am Eingang vor. Ihnen entsteigen meist ältere, distinguierte Herren mit grauem Haar und wichtiger Mine. Nach letzten Instruktionen an ihre Fahrer und der Mahnung, rechtzeitig wieder vorzufahren, wenn das Fest zu Ende geht, betreten sie würdevoll die Villa. Elegant gekleidete Damen mustern mit kritischen Blicken die Aufmachung der anderen weiblichen Gäste, stets höchst besorgt, dass sie selbst womöglich weniger attraktiv wirken könnten. Manche Jüngeren unter den Eingeladenen scheinen Ihre Zugehörigkeit zur feinen Gesellschaft durch besonders ausgeprägte Arroganz beweisen zu wollen. In gewohntem Befehlston ordern sie einen Drink nach dem andern und herrschen die Kellner an, wenn sie ihren Wünschen nicht unverzüglich folgen oder auch nur ihr leeres Glas übersehen haben.

Auf einer der Terrassen müht sich eine Band um den, zu einem solchen Fest gehörenden, musikalischen Rahmen. Doch die Künstler werden kaum beachtet. Der Lärm der Unterhaltungen übertönt weithin ihre durchaus gekonnten Darbietungen klassischer Musik. Die jüngsten Gerüchte und Klatschgeschichten über die das Land beherrschenden Familien, oder der Bericht über ein neues Luxusrestaurant bewegen die meisten der Anwesenden weit mehr, als Mozart oder Strauss. Auch die erregte Erörterung der letzten Fußballergebnisse, genießt bei einer Gruppe von Männern deutlich höhere Priorität. Mit ihrem Glas in der Hand stehen sie wild gestikulierend zusammen und man hat den Eindruck, dass alle gleichzeitig reden. Die Damen haben sich hingegen sehr bald in einer der zahllosen Sitzgruppen im Haus oder auf den Terrassen zusammengefunden, um über die Liebesaffären von - vorzugsweise nicht anwesenden - Mitgliedern aus ihren Kreisen zu tuscheln oder den Sittenverfall der Hausangestellten zu beklagen. Schließlich müssen sie noch ihr Handicap beim letzten Golfspiel in Miami vergleichen. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, man könne sich womöglich die ständigen Trips an den Zweitwohnsitz in Florida nicht mehr leisten. Die meisten dieser Gespräche könnten nicht oberflächlicher sein. Dennoch sind alle hier unerschütterlich davon überzeugt, nicht nur Geld und Macht zu haben, sondern auch zur intellektuellen Oberschicht zu zählen. Kaum einer von ihnen wird nicht von ungehemmter Eitelkeit beherrscht.

Claudias Vater hält eine blumige Ansprache zum Geburtstag seiner Tochter und erntet höflichen Applaus. Wie man es von ihr erwartet steht Claudia brav und schüchtern neben dem Vater und lächelt verlegen über seine Lobeshymnen auf sie. „Die einundzwanzig Jahre sieht man ihr mehr als deutlich an. Es wird Zeit, sich nach einem Bräutigam umzusehen“, raunt eine Frau der neben ihr stehenden Freundin zu. „Als egozentrisches, verwöhntes Töchterchen wird ihr das nicht leichtfallen“, flüstert die Angesprochene zurück.

Aus einem kleinen Pavillon am Fluss tönt das ausgelassene Gelächter einer Gruppe der Jüngeren, die dort bereits reichlich dem Aguardiente2 zugesprochen hat. Offenbar erfreut sich das kolumbianische Nationalgetränk auch bei ihnen hoher Beliebtheit. Unter ihnen befinden sich die wenigen Kommilitonen von Claudia, die eher aus Höflichkeit oder Neugier gekommen sind. Echte Freunde besitzt Claudia so gut wie gar nicht. Nicht nur die strenge Hand des Vaters, sondern auch ihre Hochnäsigkeit und ihr Stolz sorgen für spürbaren Abstand zu anderen Studenten in der Universität. Selbst hier auf ihrer Geburtstagsparty kümmert sie sich kaum um ihre Altersgenossen, sondern zieht es vor, bei den älteren Freunden der Eltern Hof zu halten.

Schließlich brechen die ersten Gäste langsam auf. Haus und Garten leeren sich. Am Pool diskutiert noch eine kleine Gruppe Unermüdlicher temperamentvoll über die neusten politischen Ereignisse. Einer von ihnen ereifert sich so, dass er mit seinen heftigen Gesten einem vorbeigehenden Kellner fast das Tablett aus der Hand geschlagen hätte. Sein Gegenüber zieht genüsslich an einer mächtigen Zigarre und nickt zustimmend. Am Ende sind sich mal wieder alle einig, dass die Aktivitäten der Linken unweigerlich zum Untergang des Landes führen müssen, wenn man ihnen nicht endlich Einhalt gebietet. Keiner von ihnen hat dabei auf den Gärtner in der Nähe geachtet, der mit finsterer Miene aufmerksam zugehört hat. Niemand bemerkt sein versteinertes Gesicht als sie schließlich den Einfluss der kolumbianischen Guerilla als Ursache allen Übels nicht nur in ihrem Nachbarland, sondern auch hier ausmachen und auf das Heftigste verdammen.

Die Musik verstummt und die Kellner räumen die letzten überall herumstehenden Teller und Gläser weg. Fackeln und Lichter werden gelöscht und dann kehrt Ruhe ein. Selbst die Wächter auf den Mauern sind nicht mehr zu sehen. Nur unten am Fluss, verborgen im Schatten der Bäume, steht eine regungslose Gestalt. Es ist Álvaro, der Gärtner, der dort auf die mondbeschienene, silberne Wasserfläche starrt und offenbar unbeobachtet bleiben will.

Am nächsten Morgen wacht Claudia früh auf und beschließt, wieder einmal in die Universität zu gehen. Sie betreibt ihr Studium eigentlich nur, um sich nicht zu langweilen und um Leute kennenzulernen. Außerdem gehört es sich nun einmal für eine junge Frau ihres Standes, an einer Universität gewesen zu sein. Da jedes ernsthafte Interesse fehlt, erscheint sie nur sehr sporadisch in den Vorlesungen und Seminaren. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dabei weit mehr auf ihre Kleidung als auf den Unterrichtsstoff. „Marta hast du meine Jacke gesehen? Ja, die von Chanel, die ich gestern Abend anhatte. Nein? Dann muss ich sie wohl im Garten liegen gelassen haben.“ Sie läuft hinaus und sieht sich um. Auf den Terrassen kann sie sie jedoch nirgends entdecken. So geht sie hinüber zu dem Gebäude hinter der Villa, in dem die Hausangestellten wohnen und sucht nach dem Gärtner.

„Álvaro, Álvaro?“ Sie hat keine Ahnung, wer hier wo wohnt. „Señorita Claudia?“ Álvaro öffnet seine Tür und sieht hinaus. „Sie hier?“ „Ja. Also ich suche meine Jacke, die ich gestern Abend auf einer Terrasse vergessen haben muss. Hast du sie vielleicht gefunden?“ „Ich habe mehrere Sachen aufgesammelt. Kommen Sie doch herein, und wir sehen nach, ob Ihre Jacke dabei ist.“ Zögernd betritt Claudia seinen Wohnraum. Álvaro durchsucht ein Bündel von Kleidung, aber die Jacke ist nicht dabei. „Dann muss sie jemand mitgenommen haben. Schade sie war nicht nur sehr teuer, sondern auch sehr schön. Doch was soll es, dann muss ich eben eine Neue kaufen.“ „Was kostet so eine Jacke?“ „Weit mehr als du vermutlich im Monat verdienst“, antwortet sie gedankenlos und sieht sich um. In den engen Raum passen nur wenige Möbel, aber der Gärtner besitzt sowieso fast keine Sachen. „Viele Menschen, gestern Abend! Kommen immer so viele Gäste zu solchen Feiern?“ Álvaro versucht, das Gespräch wieder aufzunehmen. „Obwohl es Ihre Geburtstagsparty war, gab es aber fast nur ältere Leute. Haben die Sie nicht gelangweilt?“ Die Frage hat ihn ganz offensichtlich ernsthaft beschäftigt. „Die hatten doch nur wenige interessante Themen. Es ging eigentlich fast immer nur darum, zu zeigen, wie wichtig sie sind und wie gut es ihnen geht.“ Unvermittelt fügt er dann noch hitzig und erbittert hinzu: „Dabei schien für sie alle der einzige Maßstab nur das Geld zu sein. Ist das nicht deprimierend?“ Sichtlich verärgert, dass ihm diese Bemerkung herausgerutscht ist, wendet er sich von Claudia ab, als könne er sie damit wieder auslöschen. „Das geht dich gar nichts an“, kommt prompt die harsche Antwort. „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten und deine Arbeit!“

Dann entdeckt sie auf einem Tisch neben seinem Bett ein Buch. „Kannst du etwa lesen“, fragt sie schnippisch und Àlvaro weiß nicht, ob sie das ernst gemeint oder nur so dahingesagt hat, um ihn zu provozieren. Sie nimmt das Buch und liest den Titel. „Das ist ja Englisch“, ruft sie nun wirklich überrascht. „Du kannst Englisch?“ „Ja, ein wenig“, lautet die bescheidene Antwort. Verwirrt verlässt sie sein Zimmer. „Stell dir vor, wir haben einen Gärtner der Englisch spricht “, erzählt sie später einer Freundin. Die beiden jungen Frauen sitzen im Schatten alter Bäume auf einer der Parkbänke im Stadtzentrum und beobachten die vorbeigehenden Leute. Tauben streiten sich um ein Brotstück. Das Seminar in der Universität hatte sie beide angeödet, und so ist Claudia freudig dem Vorschlag ihrer Freundin gefolgt, lieber in der Stadt spazieren zu gehen. „Wie sieht er aus?“ Claudia versucht, ihr den Mann einigermaßen zu beschreiben. „Klingt interessant.“ „Unsinn. Er ist ein kleiner Angestellter von uns. Was soll daran interessant sein?“ Mit gespielter Gleichgültigkeit bemüht sie sich zu verbergen, dass auch sie selbst von dem geheimnisvollen Gärtner gefesselt, immer wieder an ihn denken muss. Sicherheitshalber setzt sie deshalb noch einmal nach. „Er gehört doch in eine andere Welt, oder würdest du dich etwa mit einem Dienstboten einlassen?“ Claudias Freundin sieht das etwas anders, geht aber nicht mehr weiter darauf ein.

„Wusstest du, dass Álvaro Englisch spricht“, fragte Claudia am Abend ihren Vater. „So? Erstaunlich, diese Kolumbianer sorgen immer wieder für Überraschungen. Irgendjemand hat ihn mir empfohlen, und er scheint mir zuverlässig zu sein. Bisher erledigt er seine Arbeiten wohl auch sehr gut.“ Das ist alles, was er dazu zu sagen hat, und er wechselt das Thema. Es liegt ihm fern, sich weitere Gedanken über seinen Angestellten zu machen. Álvaro ist der Gärtner, und wenn der Garten in Ordnung ist, gibt es für ihn keinen Grund, sich mit ihm näher zu befassen. So bleiben ihm die bewegte Vergangenheit seines Gärtners verborgen. Zu keinem Zeitpunkt kommt er auf den Gedanken, dass seine Entscheidung Álvaro anzustellen zu einem fatalen Schicksalsschlag für die Familie führen könnte.

1 Indigene Bevölkerung

2 Anisschnaps

Regenzeit

Es regnet in Strömen. Gewaltige Wassermassen verhüllen die Palmen, ergießen sich rauschend auf den blühenden Hibiskus und trommeln auf die großen Blätter der Bananenstauden. Der Himmel ist von düsteren, fast unheimlich wirkenden Wolken verhangen. Brütende Hitze lässt das dichte Grün am Fluss dampfen. Aufsteigende Nebelschleier ziehen über die Wasserfläche. Das andere Ufer ist nicht mehr zu erkennen.

Juan, einer der Fahrer wartet im Wagen vor dem Eingang auf Claudia. Eigentlich hätten sie längst losfahren müssen, um rechtzeitig zu der großen Abschlussfeier des Jahrganges in der Universität zu sein. Endlich kommt sie. Sie trägt eine elegante, wenn auch etwas altmodische, hochgeschlossene Bluse und einen langen, engen Rock. Eine Perlenkette der Großmutter ziert ihren schlanken Hals. Ungeschminkt und mit hochgestecktem Haar erscheint sie streng und unnahbar, puritanisch. Nur ihre hohen Absätze passen nicht zu diesem Bild. Neben der restlichen Kleidung wirken sie fast obszön.

„Der Regen hört heute überhaupt nicht mehr auf. So ein Pech. Wie soll ich denn trocken in das Universitätsgebäude gelangen?“ Nervös steigt sie in das Auto. „Wir sind spät dran.“ Ein vor Nässe triefender Wächter öffnet das Tor. Juan folgt zügig dem gewohnten Weg, ständig bemüht die großen Pfützen möglichst zu umfahren, da man nie weiß, wie tief sie sind oder ob ein Gullydeckel fehlt. Endlich erreichen sie die Universität. Juan hält im Schutz eines großen Baumes am Straßenrand, nahe dem Eingang. Nur wenige Leute sind hier unterwegs. Die Gäste der Feier sind schon längst im Saal und andere Passanten sind unter das nächste Dach geflüchtet. Mit einem großen Regenschirm eilt er um das Auto und öffnet Claudia die Wagentür. Der lange, enge Rock erweist sich beim Aussteigen als außerordentlich hinderlich. Höflich reicht er ihr deshalb seine Hand und hilft ihr aus dem Fahrzeug. Dabei bemerkt er nicht, dass sich zwei Männer eilig nähern. Plötzlich wird er hochgerissen. Einer von ihnen hält ihm eine Pistole an seine Schläfe. „Keinen Ton“, zischt ihm der Mann ins Ohr. Ehe Claudia begreift, was geschieht, hat sie der andere Mann auf die Straße gezerrt. Ein Auto rast heran, bremst und mit quietschenden Reifen stoppt es direkt neben ihnen. Die Tür wird aufgerissen und mit einem heftigen Stoß schleudert der Mann Claudia auf die Rückbank. Er folgt ihr und drängt sich neben sie. Sein Gefährte verpasst Juan noch einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf bevor er auf den Beifahrersitz springt. Wenige Sekunden später ist das Auto verschwunden. Alles ging so schnell, dass niemand irgendetwas davon mitbekommen hat.

Als Juan wieder zur Besinnung kommt, sieht er sich verwirrt um. Zu spät. Wutschäumend muss er erkennen, dass er nichts mehr tun kann. Er spürt weder den Schmerz am Kopf noch den strömenden Regen. Nur ein einziger Gedanke beherrscht ihn nun: Wie soll er Claudias Vater erklären, was geschehen ist? Immer wieder hatte er ihm vollmundig versprochen, als erfahrener Bodyguard auf Claudia besonders gut aufzupassen. Und nun hat er sich doch überrumpeln lassen und kläglich versagt.

Der Wagen mit Claudia und den drei Männern fährt in die Hafengebiete am Fluss. Schnell hat sie jede Orientierung verloren. Der Regen ist so stark, dass sie kaum etwas erkennen kann. Doch dieser Teil der Stadt ist ihr ohnehin völlig unbekannt. „Lassen Sie mich sofort frei!“ Vom ersten Schreck einigermaßen erholt, hat sie ihren gewohnten Befehlston wiedergefunden. „Du hast uns überhaupt nichts zu sagen, Mädchen. Die Befehle geben wir hier!“, antwortet der Mann neben ihr mit einem zynischen Lächeln. „Wissen Sie eigentlich, wer mein Vater ist? Er hat viele mächtige Freunde bei der Polizei und man wird Sie ziemlich schnell finden.“ „Natürlichwissen wir, wer dein Vater ist und er wird brav zahlen. Wir werden sehen wie viel ihm seine Tochter Wert ist.“ Wütend mustert Claudia den immer noch lächelnden Mann neben sich. Er ist um die Dreißig, braun gebrannt, hat schwarzes Haar und eine eigenartige Narbe am rechten Oberarm. Sein Akzent verrät, dass er aus Kolumbien stammen muss. Der Beifahrer dreht sich um und betrachtet Claudia mit abschätzigem Blick. Er ist unverkennbar ein Indígena aus dem Hochland. „Dir wird das Befehlen schon vergehen, meine Hübsche.“ Es folgt noch eine Bemerkung in seiner eigenen Sprache, die Claudia nicht versteht und er blickt wieder nach vorne. Der Fahrer konzentriert sich schweigend auf die Straße. Sein Gesicht kann sie nicht sehen.

Schließlich stoppt das Auto vor einem alten, halb verfallenen Lagerhaus. Claudia wird über eine schmale eiserne Treppe in ein oberes Geschoss geführt. Immer wieder bleibt sie mit ihren Pfennigabsätzen in dem Gitterboden hängen. Um nicht zu stürzen, muss sie den engen Rock ein gutes Stück hochziehen. „Endlich sieht man etwas von deinen Beinen, Schwester“, amüsiert sich der Indígena vom Beifahrersitz, der dicht hinter ihr folgt. „Schade, dass du nicht mehr davon zeigst!“ Ein Blick voller tiefer Verachtung ist ihre Antwort. Einer der Räume oben ist ganz offensichtlich als Gefängnis vorbereitet worden. Ein schäbiges Bett, ein Tisch, ein Stuhl auf nacktem Betonboden und eine Wasserflasche mit einem schmutzigen Glas daneben ist alles, was es dort gibt. Durch ein vergittertes Fenster sieht man auf eine gegenüberliegende Wand, die wohl auch zu einer Lagerhalle gehört. Der bislang schweigsame Fahrer des Wagens erweist sich jetzt als Anführer der Gruppe. „Du übernimmst die erste Wache Carlos“, befiehlt er dem Mann vom Rücksitz in strengem Ton. „Und du, Rogelio, löst ihn um Mitternacht ab.“ Dann wendet er sich Claudia zu. „Wenn du vernünftig bist, dich an unsere Anweisungen hältst und dein Vater bezahlt, wird dir nichts geschehen.“ Er versucht, dabei einen fast freundlichen Ton zu finden, doch sein Gesicht wirkt hart und entschlossen. „Falls du jedoch auf dumme Gedanken kommst, wirst du es bitter bereuen.“ Die drei verlassen den Raum und verschließen die Tür. Claudia hört noch, wie der Anführer der Bande Rogelio in gereiztem Ton warnt: „Du lässt mir die Finger von dem Mädchen, verstanden!“ Auf Zehenspitzen stehend, kann sie wenig später durch das Fenster beobachten, wie er und Rogelio davonfahren.

Grabesstille. Der Mann mit der Narbe, den sie Carlos genannt haben, hat wohl irgendwo im Gebäude seinen Posten bezogen. Aber auch von ihm ist nichts zu hören. Sie ist allein. Nun ist tatsächlich das geschehen, vor dem sich nicht nur Claudias Familie schon immer gefürchtet hatte: Trotz aller Wächter ist sie entführt worden und der Vater wird ein hohes Lösegeld zahlen müssen, um seine Tochter lebend und wohlbehalten zurückzubekommen. Der Albtraum aller Begüterten im Lande ist ausgerechnet für ihre Familie zur schrecklichen Realität geworden. Es wird schon gut gehen. Nur ruhig bleiben und die Nerven nicht verlieren, sagt sie sich wieder und wieder, doch es will ihr nicht gelingen. Aufgewühlt wälzt sie sich von einer Seite auf die andere und findet keinen Schlaf. Erst weit nach Mitternacht übermannt sie endlich die Müdigkeit.

Der lang gezogene, tiefe Ton einer nahen Schiffssirene weckt sie wenig später wieder auf. Es ist noch früh am Morgen und wird gerade erst hell. Im ersten Augenblick weiß sie nicht, wo sie sich eigentlich befindet, doch schnell kehrt sie in die Wirklichkeit zurück. Sie, die auf jede kleinste Einschränkung ihrer Freiheit ganz besonders empfindlich reagiert, ist nun eine Gefangene. Stets darauf bedacht, sauber und gepflegt zu sein,