Hasgers Hunde 1 - Annette Imort - E-Book

Hasgers Hunde 1 E-Book

Annette Imort

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Beschreibung

Nordhessen im Jahr 503 n. Chr. – Die jähzornige Fränkin Thurudhild ist den Einwohnern ihres Dorfes ein Dorn im Auge. Als ihr Mann bei einem Überfall getötet wird, steht sie vor der Entscheidung, als Außenseiterin im Dorf zu bleiben oder mit der verrufenen Söldnertruppe „Hasgers Hunde“ zu reisen. Thurudhild wagt den Schritt in eine unsichere Zukunft und tritt mit den Söldnern den beschwerlichen Weg nach Trier an, um ein neues Leben als Magd zu beginnen. Sie ahnt nicht, worauf sie sich mit dieser Reise einlässt. Das Bild ihres getöteten Ehemannes lässt sie einfach nicht los; sie wird von Alpträumen und Schuldgefühlen heimgesucht – und auch das Zusammenleben mit Männern, deren Alltag aus Gewalt besteht und deren Beruf das Töten ist, ist alles andere als einfach … Teil 1 von Annette Imorts packender historischer Trilogie um Schicksal, Kampf und Abenteuer.

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EPUB

Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Hasgers Hunde

– Band I –

 

Der Weg nach Treveris

von Annette Imort

 

Historischer Roman

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

ISBN 978-3-943531-52-7

ISBN 978-3-943531-51-0 (Kindle E-Book)

ISBN 978-3-943531-50-3 (Print Ausgabe)

 

© Burgenwelt Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Osterdeich 241 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Juliane Stadler

Umschlaggestaltung | Coverillustration: Detlef Klewer

Satz | Gestaltung: Jana Hoffhenke

Ebook-Realisierung: Eridanus IT-Dienstleistungen

Für den Menschen, der in Grab 12c des frühmittelalterlichen Alamannenfriedhofes von Niederstotzingen lag – du hast vordergründig mit dieser Geschichte wenig zu tun, aber mit dir hat alles angefangen …

Prolog

 

Die Spuren wiesen ihnen den Weg – die Abdrücke von Hufen im trockenen Gras und schließlich der Kadaver, auf dem bereits Krähen hockten und sich um die besten Brocken zankten. Die Vögel flogen mit heiserem Kreischen auf, als die Reiter sich näherten und der vorderste Mann, ein Hüne mit schulterlangem weißblondem Haar, aus dem Sattel seines Schecken glitt und zu dem toten Pferd trat. Während er versuchsweise einen schlaffen Vorderlauf bewegte, den blutigen Schaum am Maul des Kadavers registrierte und schließlich eine Hand unter den Hals des Pferdes schob, zügelten die anderen sieben Männer ihre Reittiere und beobachteten ihn. Der Mann richtete sich auf.

»Ist noch warm«, brummte er. »Vor Erschöpfung umgefallen. Die anderen Pferde sind auch am Ende. Die meisten lahmen inzwischen.«

Er wies mit dem Kinn auf die Hinterhand des Pferdes, aus der große Fleischstücke hastig herausgeschnitten worden waren.

»Und sie haben keinen Proviant mehr.«

Der Anführer der Gruppe, ein mittelgroßer Mann mit fahlem Haar und vernarbtem, stoppelbärtigem Gesicht, nickte.

»Sie haben nicht mehr viel Vorsprung. Wir werden das heute zu Ende bringen. Eure Aufgaben sind klar.« Er blickte kurz in die Runde und erntete zustimmendes Nicken. »Keine Gefangenen. Mit dem Pack wollen wir uns nicht den ganzen Heimweg über herumärgern. Macht euch bereit.«

Die Männer saßen ab, legten ihre Jacken aus dickem gefilzten Wollstoff und die Kettenhemden an, überprüften ihre Waffen und spannten die Bogensehnen.

»Lasst uns jagen«, sagte der narbengesichtige Mann leise, als sie sich wieder auf ihre Pferde schwangen. Bisher ausdruckslose Gesichter verzogen sich zu zähnefletschendem Grinsen, Augen leuchteten gierig auf, als sie losgaloppierten. Jagen und Töten – das war nicht nur ihr Beruf. Es war ihre Berufung.

Hinter ihnen hüpften die Krähen zurück zu dem Kadaver, und bald war die Luft erneut von ihrem krächzenden Streit erfüllt.

Kapitel 1

 

503 n. Chr., irgendwo zwischen den beiden Flüssen Diemel und Eder

Der Wind trug den Geruch von trockenem Gras und das Geschrei spielender Kinder herüber.

»Ich will nicht immer Varus sein und verlieren! Du kämpfst sowieso viel schlechter als ich, du Blödmann!«

Bald würde der Streit wohl in eine ernsthafte Schlägerei ausarten – bis einer heulte und heimrannte.

 

Wie lang ist das her? Mindestens zwanzig Sommer, oder? Damals mussten Ulfwin, Bertrand und ich immer die Römer oder Attilas Hunnenheer spielen, und wir wollten auch nie die Bösen sein und verlieren. Wir hatten Stöcke als Schwerter, und manche hatten hölzerne Topf- und Fassdeckel als Schilde. Einmal hab ich Ulfwin ganz fürchterlich verhauen, weil er was Gemeines zu mir gesagt hat. Er ist heulend zu seiner Mutter gerannt, und die ist daraufhin zu meiner Mutter gegangen, und dann hatte ich nicht mehr so viel Zeit zum Spielen, weil ich zuhause mehr helfen musste.

Ulfwin hatte gesagt: »Wenn ich Attila bin, kannst du Frau Attila sein – aber jetzt gib endlich das Schwert her, Mädchen können sowieso nicht kämpfen.«

 

Thurudhild zupfte die letzten Unkräuter aus dem Zwiebelbeet, richtete sich auf und drückte die Hände in ihr schmerzendes Kreuz. Lächelnd blickte sie den Kindern nach, die unter den Apfelbäumen davontobten, um als geschlossenes und einiges Frankenheer in die Schmiede einzufallen und dort Ulfwin zu fragen, wann er ihnen echte Waffen schmieden würde. Sie strich ihr einfaches Kleid aus ungefärbter Schafwolle glatt, das ihr bis knapp über die Knie reichte, steckte ein paar widerspenstige Haarsträhnen in den Knoten am Hinterkopf zurück und schlenderte ebenfalls zur Schmiede.

Als sie die kleine, verräucherte Werkstatt betrat, erklärte Ulfwin den Kindern gerade, wie schwierig es sei, ein gutes Schwert zu schmieden.

»Ein Schwert ist auch sehr teuer«, sagte er gerade. Beim Anblick der enttäuschten Gesichter holte er einen langen Speer aus einer Ecke. »Ein Ger ist viel billiger und einfacher zu machen, und er ist eine genauso gute Waffe wie ein Schwert, wenn man ihn richtig einsetzt. Wenn ihr alt genug seid, um euch damit nicht gegenseitig die Augen auszustechen, bekommt ihr von mir Gere mit echten Eisenspitzen, ja?«

Die wilde Horde tobte wieder hinaus, um lange Äste zu suchen und Gerschlachten zu veranstalten. Lediglich die kleine Rathgund mit ihren abstehenden Zöpfchen stand noch neben der Esse und schwang grimmig ihr Holzstöckchen. Unter ihrem groben Wollkittel lugten die dünnen, dreckverschmierten Knie heraus.

»Wenn ich groß bin, dann krieg ich einen Ger«, prahlte sie, »und Papas großes Schwert, und dann werde ich ein schrecklicher Krieger und alle haben Angst vor mir.«

Thurudhild lachte und setzte das Mädchen auf ihren Schoß.

»Du bist ein verrücktes Hühnchen! Frauen heiraten und kriegen Kinder, und darum werden sie keine Krieger. Oder sollen sie ihre Kinder mit in die Schlacht nehmen?«

Rathgund baumelte mit den Beinen.

»Aber wenn sie keine haben, so wie du? Tante Thuri, warum hast du keine Kinder?«

Thurudhilds Lächeln verschwand.

»Weil die Götter uns keine geschenkt haben«, sagte sie leise. »Wir hätten gern ein Mädchen wie dich gehabt.«

Rathgund kaute an ihrem linken Zopf und überlegte.

»Ich kann euch ja besuchen. Und wenn ich groß bin, bin ich erst ein Krieger, und dann heirate ich und krieg ganz viele Kinder, und zwei oder drei davon schenke ich dir. Dann hast du auch welche, und mein Mann hat mit den anderen nicht so viel Arbeit, wenn ich kämpfen gehe.«

»Du bist ein raffiniertes Luder«, lachte Ulfwin und zog Rathgund scherzhaft an den Zöpfen. »Welchen armen Kerl willst du denn später mal heiraten?«

»Also, Odoakar heirate ich nicht! Der ist doof; der tut immer so großartig, dabei bin ich viel stärker und schneller als er.«

Thurudhild stellte das Mädchen auf den Boden.

»Jetzt sieh mal zu, dass du nach Hause kommst, Rathgund, bald ist Essenszeit, und deine Mutter muss dich sonst suchen.«

Ulfwin sah dem davonrennenden Kind nach und versuchte ernst zu bleiben, gab es aber bald auf.

»Weißt du, an was ich grad denke?«, lachte er.

Thurudhild begann ebenfalls zu lachen.

»Ja – Herr und Frau Attila! Wetten, dass sie Odoakar später heiratet? Du warst früher genauso doof wie er.«

»Und du warst genauso eine schreckliche Zicke wie Rathgund.«

Und als erwachsene Frau bist du manchmal immer noch schrecklich, dachte Ulfwin.

Als es mehrere Jahre nach ihrer Heirat noch immer keine Anzeichen für Nachwuchs gab, hatten einige Frauen über Thurudhild gespottet, und sie hatte sich wie eine Furie aufgeführt. Auf offener Straße hatte sie der größten Klatschbase Schläge angedroht, das Gesicht zu einer wütenden Fratze verzerrt, die Stimme wie das heisere Knurren eines Hundes, und dann war dieser lächerliche Weiberstreit ausgeartet. Er und Bertrand hatten alle Kraft aufwenden müssen, um Thurudhild von der anderen Frau wegzuzerren, aber die hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine gebrochene Nase, ein zerkratztes Gesicht und unzählige Prellungen. Thurudhild hätte beinahe das Dorf verlassen müssen. Seitdem half sie ihm in der Schmiede und hatte zu den anderen Frauen (dem »Hühnerstall«, wie sie es abfällig nannte) nur den allernötigsten Kontakt. Manchmal fragte er sich, wie es wäre, mit einer Frau zusammenzuleben, die sich etwas – nun, weiblicher benahm. Vielleicht wäre manches einfacher. Aber sie waren ein gutes Gespann, und in der Schmiede half sie ihm so gut wie irgendein Mann.

Er sah, dass Thurudhild zum Langhaus des Drichten1 hinüberblickte, wo Rathgund gerade durch die Tür verschwand. Ihr Gesicht war traurig und verbittert und er wusste sofort, woran sie dachte. Vorsichtig zog er sie an sich.

»Ich weiß«, murmelte er, »ich hab mir genauso sehr ein Kind gewünscht wie du. Wenn die Götter es nicht wollen, müssen wir uns damit abfinden. Bertrand hat drei Kinder, aber drei weitere musste er begraben, bevor sie laufen konnten. Und seine erste Frau ist im Kindbett gestorben. Wir zwei können zusammen alt werden und das ist, was ich mir wünsche.«

Thurudhild lehnte den Kopf gegen seine Schulter und legte die Arme um ihn.

»Wie kannst du es nur mit so einem schrecklichen unzufriedenen alten Weib wie mir aushalten?«, flüsterte sie.

Ulfwin küsste sie auf die Stirn.

»Weil ich dich liebe, darum. Kannst du mir hier noch ein wenig helfen?«

1) Das Amt des Drichten entspricht dem des Dorfvorstehers

Kapitel 2

 

Er hatte den halben Nachmittag oben am Waldrand gelegen, gut hinter einem Busch verborgen, und das kleine Dorf beobachtet. Gerade lief eine Horde Kinder zu den aus Holz und Lehm erbauten und mit Stroh gedeckten Hütten. Ein kleines Mädchen rannte zu dem großen Langhaus am Dorfende, wo wahrscheinlich der Drichten, der Herr des Dorfes, mit seiner Familie wohnte. War wohl Zeit für’s Abendessen.

Sein Magen begann zu knurren. Sie brauchten dringend Proviant und möglichst auch frische Pferde. Ihre Verfolger hatten sich seit zwei Wochen nicht abschütteln lassen und saßen ihnen dicht im Nacken. Er rieb sich kurz die Augen. Einmal eine Nacht durchschlafen, ohne ständig zu fürchten, dass die anderen sich anschlichen, das wäre wunderbar. Hätten sie nur diesen verdammten Schmuckhändler nicht überfallen …

Hinter ihm knackte ein Ast. Er fuhr mit der Hand am Messer herum, erkannte einen seiner Kumpane und entspannte sich wieder.

»Mach nicht so einen Lärm, du Ochse«, zischte er.

Der andere robbte heran.

»Und, wie sieht es aus?«

»Essenszeit. Etwas über zwanzig erwachsene Männer, und ungefähr ebenso viele Frauen und Kinder.«

»Weniger, als ich dachte. Umso besser, dann geht die ganze Sache schnell und einfach. Ich sag den anderen Bescheid, und dann geht es los.«

 

Ulfwin hatte den Schmiedehammer erhoben, schlug aber nicht auf das rotglühende Eisenstück, das Thurudhild mit einer Zange auf dem Amboss hielt.

»Was war das?«

In der plötzlich eingetretenen Ruhe in der Schmiede hörte jetzt auch Thurudhild die Schreie. Sie eilten zur Tür. Beim Langhaus tobte ein wilder Kampf; über ein Dutzend fremde Krieger kämpften gegen die Männer des Dorfes. Thurudhild erkannte Bertrand, der einem Feind gerade seine Axt in den Schädel schlug.

Ulfwin war blass geworden und griff nach dem Ger, der noch neben der Tür lehnte.

»Bleib hier drin, ich gehe und helfe den anderen«, sagte er mit erstickter Stimme. Ohne nachzudenken, fasste Thurudhild die Zange mit dem rotglühenden Eisenstück darin fester.

Ulfwin war noch keine zwei, drei Schritte weit gekommen, als unvermutet ein fremder Mann um die Hütte gerannt kam und ihm einen Ger zwischen die Rippen rammte. Der Schmied ließ seine Waffe fallen, umklammerte den in seiner Brust steckenden Schaft und fiel mit einem Keuchen zu Boden.

Thurudhild sah ihn fallen, und ihr Blick verschwamm. Sie wusste nichts mehr, sie dachte nichts mehr, als sie auf den Fremden zuraste und ihm das Eisenstück gegen den Kopf schlug. Das Metall flog in hohem Bogen aus der Zange und der Mann ging zu Boden. Thurudhild griff nach Ulfwins Ger, ohne zu merken, dass sie die Waffe verkehrt herum hielt. Roter Nebel umfing sie, und nur einzelne Bilder und Bewegungen drangen in ihr Bewusstsein.

»Oho, was haben wir denn hier für eine Walküre?«, erklang eine Stimme hinter ihr und sie fuhr herum.

Ein zweiter Fremder stand dort, fletschte die Zähne zu einem Grinsen und ging einen Schritt zurück. Er redete weiter und blickte dabei an ihr vorbei. Thurudhild fühlte die Bewegung in ihrem Rücken mehr, als dass sie sie sah, stieß den Ger nach hinten, traf auf etwas Weiches, riss ihn wieder nach vorn und rammte dem Mann vor ihr das stumpfe Ende in den Magen. Als er sich zusammenkrümmte, drehte sie den Ger und stach ihm durch den Brustkorb. Sie wirbelte zu dem anderen Mann herum, der sich gerade wieder aufgerappelt hatte und trotz der blutenden Wunde in seiner Seite auf sie zu wankte. Über seine linke Kopfhälfte, wo sie ihn mit dem Eisenstück getroffen hatte, zog sich ein rotbrauner Striemen. Es stank nach verbrannten Haaren und verbranntem Fleisch. Etwas zischte neben ihrem Kopf vorbei. Sie sah, wie ein Pfeil durch den Hals des Mannes fuhr und er zusammenbrach. Wenige Schritte neben ihr galoppierte jemand in den Hof und brachte sein Pferd außer Reichweite ihres Gers abrupt zum Stehen.

»Das war der letzte. Alle Achtung, Weib, du hast dich gut geschlagen!«

Thurudhild hörte nicht zu, sondern kniete stattdessen neben Ulfwin nieder. Aus seinem Mund floss ein dünner Blutfaden, seine Pupillen waren unnatürlich groß und starrten blicklos in die Abendsonne.

Eben hat er doch noch den Hammer geschwungen, eben hat er mich doch noch in den Arm genommen und geküsst!

Sie streichelte Ulfwins Gesicht und flüsterte seinen Namen.

Vorbei …

 

Thurudhild erhob sich mühsam. Alles in ihr war tot. Jede Bewegung wurde zur ungeheuren Anstrengung.

Ich muss ihn begraben. Schaufel holen … Loch graben … nicht nachdenken … Loch graben … im Garten hinten bei den Apfelbäumen …

Der fremde Krieger stand vor ihr und sagte irgendetwas. Sie stieß ihn beiseite, holte einen Spaten aus der Schmiede, ging zu den Bäumen hinter dem Haus und begann zu graben.

 

»Ein Toter, acht Verwundete, den Frauen und Kindern ist, den Göttern sei Dank, nichts passiert.« Rothgar, der Drichten des Dorfes, ging mit Hasger über den Hof vor dem Langhaus und schätzte die Schäden des Überfalls ab.

»Wäret ihr nicht gekommen, würde es weit schlimmer aussehen.«

Hasger zuckte die Schultern. »Wir haben diese Bande von Treveris2 aus schon seit zwei Wochen verfolgt.«

Er drehte sich nicht um, als hinter ihm Hufschlag erklang, sondern fragte nur: »Hraban, was ist los?«

Sein jüngster Krieger, ein schlaksiger Siebzehnjähriger mit leicht schrägstehenden dunklen Augen und schwarzen Haaren, die er zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, kam gerade in den Hof getrabt und sprang von seinem Pferd, den Bogen noch in der Hand.

»Noch ein Toter. Ich hab’s nicht rechtzeitig zur Schmiede geschafft, um die beiden vorher zu erwischen. Die Frau vom Schmied ist aber auch nicht ohne! Hast du gesehen, wie sie die beiden angegriffen hat, Hasger? Und dabei hat sie sich nie weiter als einen halben Schritt von ihrem toten Mann entfernt.« Die Augen des Halbwüchsigen glitzerten, er war offensichtlich begeistert.

»Ja, ich hab’s gesehen«, erwiderte Hasger geistesabwesend, »war nicht schlecht.«

Irgendetwas an der Sache beunruhigte ihn, und er war sich noch nicht sicher, was es war. Diese Frau hatte ihn an ein Raubtier erinnert, das seine Beute oder seinen Wurf um jeden Preis verteidigt.

»Sie ist wahrscheinlich nicht ganz bei sich. Rothgar, du solltest ihre Verwandten oder eine der Frauen zu ihr schicken.« Rothgar schüttelte resigniert den Kopf.

»Sie hat keine Verwandten, und es wird keine andere Frau zu ihr gehen wollen. Sie kann so jähzornig und unberechenbar sein wie ein Bär, den man aus dem Winterschlaf weckt.«

»Kann ich mir vorstellen«, fügte Hraban hinzu. »Du hättest ihre Augen sehen sollen! Und wie sie mich weggestoßen hat – da steckte mehr Kraft dahinter, als man bei einer Frau denken würde.«

Das ungute Gefühl verstärkte sich.

»Was macht sie jetzt?«, fragte Hasger.

»Begräbt wohl ihren Mann«, antwortete Hraban. »Sie hat einen Spaten geholt. Ich hab ihr angeboten zu helfen, aber das hat sie gar nicht mitgekriegt, glaube ich. Die war ganz woanders.«

Hasger seufzte. Er konnte Hraban keinen Vorwurf machen, der Junge hatte mit seinen siebzehn Jahren einfach noch nicht genug Lebenserfahrung, um die Anzeichen zu erkennen. Und bei einer Frau würde man so etwas auch nicht vermuten …

»Hol Regin. Er soll sie im Auge behalten. Sag ihm, er soll vorsichtig sein, möglicherweise geht sie auf andere Menschen los.«

Hraban sah ihn ungläubig an und prustete dann. »Die doch nicht!«

»Was weißt du schon, Junge?«, sagte Hasger leise. »Wenn sie nicht bald aus diesem Zustand rauskommt, wird es vielleicht noch mehr Tote geben. Im Augenblick kann sie für sich selbst und andere eine Gefahr sein. Jetzt geh endlich zu Reg. Er kann mit so etwas umgehen.«

 

Die Sonne ging unter und überzog den Hof der Schmiede, die Obstbäume und die Gemüsebeete mit rotgoldenem Licht. Regin lehnte schweigend an einem der Apfelbäume, kaute auf einem Streifen Trockenfleisch herum und nahm gelegentlich einen Schluck Wasser aus seiner Lederflasche. Die Frau hatte bereits eine knietiefe und mannslange Grube ausgehoben und taumelte inzwischen vor Erschöpfung. Er hatte nicht vor, ihr bei der schweren Arbeit zu helfen. Je mehr sie sich verausgabte, umso geringer wurde die Gefahr, dass sie jemanden angriff.

Er hatte schon öfter Menschen in solch einer Situation erlebt: Von der Todesangst und dem Kampferlebnis regelrecht berauscht, wussten sie nicht, was sie taten, entwickelten enorme Kräfte, spürten keinen Schmerz und wurden zu einer Gefahr für sich und andere, bis die Kampfeswut verebbte und es zum körperlichen und seelischen Zusammenbruch kam. Manche nannten das »Furor« oder »Berserkergang« und verbanden es mit allerlei mythischen Geschichten.

Regin hielt das für Quatsch.

Leute in Ausnahmesituationen drehten durch, fertig. Wenn die Frau das Grundstück verließ und andere angriff, würde er sie töten. Darum stand er hier.

Manche von Hasgers Männern konnten das nicht: eine Frau töten. Regin war es egal, ob ein Angreifer Kleid oder Hosen trug. Manche Dinge mussten getan werden und es hatte keinen Sinn, darüber zu brüten, ob es ehrenhaft war oder nicht.

Er fuhr sich durch die schulterlangen dunklen Haare, die schon einige graue Strähnen zeigten. Hraban hatte ihm, von Hasgers Bemerkung ganz zappelig, den Auftrag überbracht und versucht, ihn mit Fragen zu löchern: Was man denn mit einem Menschen in solch einem Zustand machte, ob dieser Mensch so wie die Berserkerkrieger wirklich keinen Schmerz spürte und derlei Dinge mehr. Regin hatte Hraban die für ihn wichtigen Informationen entlockt und sich die Geschehnisse bei der Schmiedehütte genau beschreiben lassen (»Mensch, Regin, das hättest du sehen müssen! Als ob sie vorn und hinten Augen gehabt hätte! Ein erfahrener Krieger hätte es auch nicht viel besser machen können!«), alle Fragen überhört und den Jungen schließlich zu den anderen zurückgeschickt; da gab es genug Arbeit. Immerhin stand ihnen aller Besitz der von ihnen getöteten Männer zu. Waffen einsammeln, brauchbare Kleidungsstücke von den Toten ziehen, nach versteckten Pferden suchen, die Leichen verscharren …

Regin streckte sich und das Kettenhemd, das er immer noch über seiner Filzjacke trug, klirrte leise. Da hatte er die eindeutig angenehmere Aufgabe. Obwohl, er konnte sich auch ein wenig nützlich machen. Er vergewisserte sich, dass die Frau immer noch grub, ließ seine Wasserflasche neben dem Baum liegen und ging in den kleinen Hof der Schmiede. Bisher hatte niemand die drei Toten angerührt. Routiniert durchsuchte er die beiden Strauchdiebe und legte ihren kargen Besitz, Waffen und Schuhe auf einen ordentlichen Haufen. Flüchtig fragte er sich, wer das wohl als Beute beanspruchen würde.

 

Die Grube war nun hüfttief, und Thurudhild konnte nicht mehr. Der Mann, der die ganze Zeit an einem Baum gelehnt hatte, war gegangen, aber seine Wasserflasche lag noch im Gras. Sie nahm ein paar tiefe Schlucke. Es war bereits Nacht. Im schwachen Licht des aufgehenden Mondes ging sie in die Hütte und tastete dort umher, bis sie eine Decke, die schöne rote Tonschüssel, einen Laib Brot und das neben der Feuerstelle hängende Stück Räucherfleisch gefunden hatte.

Das nehmen wir mit. Wird hoffentlich reichen für die Reise in die Anderswelt.

Sie schleppte alles zu der Grube, legte die Decke hinein und die Speisen an ein Ende.

Ulfwin holen … nicht denken … Bald ist alles wieder gut. Gleich bin ich bei dir.

Keuchend zog sie den schweren, schlaffen Leichnam durch den Hof und bettete ihn schließlich in das Grab. Sie legte seinen Ger neben ihn.

Bald ist alles wieder gut, Ulfwin. Thurudhild zog das Messer aus Ulfwins Gürtel und setzte die Spitze dorthin, wo sie ihr Herz schlagen fühlte – als ihre Handgelenke unvermutet festgehalten und nach oben gerissen wurden.

 

Regin zerrte sie rücklings aus der Grube und verdrehte dabei ihre Hand so, dass sie das Messer fallen lassen musste. Sie schnellte herum, kam auf die Knie und biss ihn mit aller Kraft in den Unterarm. Regin war in diesem Augenblick froh, dass er noch die dicke Filzjacke und das Kettenhemd trug, sonst hätte die Frau ihm ihre Zähne wahrscheinlich bis auf den Knochen ins Fleisch geschlagen. Auch so tat es weh genug. Er schlug sie heftig ins Gesicht.

»Jetzt reicht’s«, knurrte er wütend, »ich schlag mir hier nicht die halbe Nacht um die Ohren, damit du dich am Ende umbringst!« Er spürte, wie die Anspannung in ihrem Kiefer und ihren Unterarmen nachließ und sie in sich zusammensackte. Schnell zog er sie hoch und hielt sie fest. Das Gesicht in die kalten Eisenringe seines Kettenhemdes gedrückt, begann Thurudhild zu weinen.

2) Trier

Kapitel 3

 

Regen fiel auf das Strohdach der Hütte, und der Sonnenaufgang wurde von grauen Wolken verdeckt. Thurudhild vergrub sich tiefer in den Strohsack und die Wolldecken und tastete mit einem Arm nach Ulfwin. Dort, wo er sonst immer lag, war es kalt und leer. Sie setzte sich verwirrt auf und schwang die Beine aus dem Bett. Für einen Augenblick glaubte sie, er sei schon aufgestanden; dann kam die Erinnerung an den vergangenen Tag zurück: Ulfwin, der mit dem Ger in der Brust zusammenbrach. Fremde Gesichter, hinter einem roten Nebel verschwommen. Rasende Wut. Dunkelheit. Ein fremder Mann, der sie festgehalten und unbeholfen getröstet hatte.

Ulfwin ist tot.

Thurudhild kauerte auf dem Bettrand und blickte ins Leere. Was sollte nun aus ihr werden?

Ulfwin ist tot. Ich bin allein.

Die Schmiede und der kleine Garten gehörten Rothgar. Sie würde hier nicht bleiben können. Normalerweise kamen Witwen bei Verwandten unter oder heirateten bald wieder, aber sie hatte es sich in den letzten Jahren mit so ziemlich allen im Dorf gründlich verdorben. Niemand würde sie aufnehmen oder ihr helfen wollen. Wo sollte sie bleiben – ohne Ulfwin?

Ulfwin ist tot.

Ihre Gedanken drehten sich in langsamen, sinnlosen Kreisen, sie saß wie erstarrt und verlor jegliches Zeitgefühl. So ähnlich musste es sein, wenn man gestorben war.

 

Sie fuhr heftig zusammen, als die Tür geöffnet wurde und Rothgar eintrat, begleitet von einem unbekannten Mann. Hinter ihnen folgte der alte Krieger, der sie letzte Nacht aus dem Grab gezerrt hatte.

»Das ist Hasger«, stellt Rothgar seinen Begleiter vor. »Er möchte mit dir reden.« Der Drichten blickte zu Boden. Aus irgendeinem Grund wirkte er verlegen.

»Darf ich mich setzen?«, fragte der Mann, und Thurudhild nickte stumm. Seine Stimme klang rauh und heiser – die Stimme eines Mannes, der zu oft auf dem Schlachtfeld Befehle brüllte.

Das war also Hasger. Der Hasger. Der Söldnerführer. Es gab sonst niemanden, der diesen Namen trug. Seine Truppe – »Hasgers Hunde« – war im halben fränkischen Reich dafür bekannt, dass sie vor keinem Kampf, keiner Schlacht und keinem noch so schmutzigen Auftrag zurückschreckte und fast immer erfolgreich war. Ein wilder Haufen von Irren, der keinen Herrn außer Hasger anerkannte, munkelte man. Umso erstaunter war Thurudhild darüber, dass Hasger sich ihr gegenüber um Höflichkeit bemühte. Sie hatte ihn sich anders vorgestellt. Irgendwie … größer, oder wilder.

Er war nicht mehr jung; Thurudhild schätzte ihn auf Mitte bis Ende dreißig. Mittelgroß, fahles zerzaustes Haar, ein zerfurchtes Gesicht. Gelegentlich versuchte er wohl, sich nach römischer Sitte zu rasieren, aber seine Wochen alten Bartstoppeln zeigten, dass er das öfter vergaß. Viele Krieger schmückten sich mit prächtiger, bunter Kleidung, silberbeschlagenen Gürtelschnallen und verzierten Schwertgriffen, wenn sie es sich leisten konnten. Hasgers Kluft war eher schäbig. Das Schwert mit den durch häufigen Gebrauch glatten beinernen Griffschalen, das in einer mit speckigem Leder überzogenen Scheide an seinem Gürtel hing, wirkte abgenutzt, ebenso wie Hose und Kittel aus dunklem und nachlässig geflicktem Wollstoff. Ein schlichter Ledergürtel mit einer schmucklosen geschwärzten Eisenschnalle, Stoffstreifen von undefinierbarer Farbe, die um die Waden gewickelt waren, und schäbige, ausgelatschte Schuhe vervollständigten seine Ausrüstung, die keinerlei Stammeszugehörigkeit erkennen ließ. Doch obwohl Hasger einen stillen und bescheidenen Eindruck machte und ohne sein Schwert wohl eher wie ein Handwerker oder Familienvater ausgesehen hätte, war in seinen Augen etwas, das einem davon abriet, sich mit ihm anzulegen.

Hasger zog sich einen Schemel heran und versuchte, sich ein Bild von Thurudhild zu machen: Eine unscheinbare Frau Ende Zwanzig, die damit ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte, durch schwere Arbeit auf dem Feld und in der Schmiede stämmig und mit harten, vor der Zeit gealterten Gesichtszügen wie die meisten Dorffrauen. Sie hatte offensichtlich in ihren Kleidern geschlafen, die nun ganz zerknittert waren. Aus dem Haarknoten hatten sich einzelne Strähnen gelöst, dazu die verquollenen, rotgeweinten Augen – all das sah nicht nach einem Menschen aus, der in plötzlicher Raserei blindwütig andere umbrachte. Aber man konnte keinem ansehen, wozu er – oder sie – in einer Ausnahmesituation fähig war, das wusste Hasger durch jahrelange Erfahrung.

Er ließ seinen Blick kurz durch die Hütte schweifen. Nicht gerade luxuriös, aber das konnte man bei einfachen Handwerkern auch nicht erwarten. Ein Bett aus rohen Brettern; an die Lehmwand dahinter hatte jemand einen Mann und eine Frau geritzt, die sich an den Händen hielten und lachten. Die Striche wirkten unbeholfen, aber das Bild berührte ihn. Hier hatten zwei Menschen gelebt, die sich sehr geliebt hatten. Ein Tisch mit drei Schemeln, eine Truhe und ein Wandbord mit Holznäpfen vervollständigten das Inventar der Hütte. Neben der Asche auf der aus Feldsteinen gemauerten Feuerstelle stand ein Tontopf, der Brei aus Getreide und Gemüse darin bereits von einer harten Kruste überzogen. Das unberührte Abendessen vom Vortag.

 

»Ich bin Hasger«, stellte er sich noch einmal vor.

»Regin«, er deutete zu dem Krieger hinüber, der an der Tür lehnte, seine Fingernägel mit einem Messer reinigte und ihr kurz zunickte, »hast du ja gestern bereits kennengelernt.«

Hasger holte Luft und blickte erneut kurz zu Regin hinüber, bevor er weitersprach.

»Was hast du nun vor, da dein Mann tot ist?«

»Ich weiß nicht«, sagte Thurudhild und sah ihn verwirrt an. Warum interessierte ihn das?

»Also«, er zögerte, »wenn du nicht weißt, wo du hingehen sollst … Wir möchten dir anbieten, mit uns zu kommen, falls du nicht hierbleiben willst. Dir wird kein Leid geschehen, weil du unter meinem und Regins Schutz stehst, und wir können dir am Hof unseres Herrn in Treveris Arbeit und eine Unterkunft beschaffen.«

Sie sah zu Regin hinüber und konnte seine Gedanken beinahe hören: Ich habe dich aus einem Grab gezogen und dir das Messer weggenommen, mit dem du dich töten wolltest. Das will ich nicht umsonst getan haben.

Was blieb ihr hier noch außer der Erinnerung an ihren toten Mann? Und hatte irgendeiner der Dorfbewohner sich um sie gekümmert?

»Rothgar?«, fragte sie leise. Die Entscheidung lag bei ihm, er war der Herr des Dorfes und damit auch über sie. Doch Rothgar blickte zu Boden und sagte nur: »Ich kann nicht für dich entscheiden.«

Thurudhild versuchte, sich eine Zukunft im Dorf vorzustellen – eine Zukunft ohne Ulfwin – doch ihr drängte sich ständig das Bild einer buckligen, kopfwackelnden Alten auf, die ihren Krückstock schwang und keifte. Diese Alte hatte es wirklich gegeben. Sie hatte am Rand des Dorfes gewohnt. Als Kinder hatten sie ihr öfter Streiche gespielt, obwohl sie auch Angst vor ihr gehabt hatten. Es war wie eine Mutprobe gewesen, und sie hatten sich nichts Böses dabei gedacht. Irgendwann war die alte Frau gestorben; man hatte es erst gemerkt, als die Kinder im Rahmen eines besonders verwegenen Streiches direkt vor ihrer halb geöffneten Haustür Grimassen schneiden wollten und sie regungslos auf dem Fußboden hatten liegen sehen. Thurudhild sah sich selbst als bucklige, einsame und verbitterte alte Frau, von allen gemieden und von den Kindern mit Steinen beworfen. Alles, nur das nicht!

Ulfwin ist tot. Aber ich lebe noch.

Was auch immer die Zukunft bringen mochte, nichts konnte schlimmer sein als Einsamkeit und Verachtung. Dann war es besser, fortzugehen. Und Regin hatte ihr das Leben gerettet …

Sie sah Hasger in die Augen, entdeckte dort keine Falschheit und sagte entschlossen: »Ich komme mit euch.«

Der Söldnerführer streckte die Hand aus.

»Na dann: Willkommen bei Hasgers Hunden!«, grinste er und Thurudhild schlug ein. Sie hörte, wie Rothgar erleichtert ausatmete und dachte bitter: Ein Problem weniger für dich.

 

»Bist du nun zufrieden?«, fragte Hasger, als sie zum Langhaus zurückgingen. Regin nickte und grinste, was selten genug geschah.

Er hatte Hasger im Morgengrauen geweckt und ihm mitgeteilt, dass »die Frauen sich nun an die Bestie heranwagen« könnten.

Hasger hatte herzhaft gegähnt.

»Das kannst du vergessen«, hatte er schlaftrunken genuschelt. »Zwischen der Frau vom Schmied und den übrigen Weibern herrscht seit Jahren so was wie Krieg. Die Frau ist wohl ziemlich jähzornig und neigt dazu, andere zu verprügeln. Die werden sich nicht um sie kümmern.«

Regin war ärgerlich aufgesprungen.

»Verdammt, wozu hab ich dann die halbe Nacht auf sie aufgepasst und dafür gesorgt, dass sie keine Scheiße baut? Dann nehmen wir sie halt mit!«

Hasgers entsetzte Miene sprach Bände, denn Regin hockte sich wieder neben sein Lager und fuhr etwas ruhiger fort: »Wenn wir sie hier lassen, endet es so, wie es bei Eburhelm geendet hätte, wenn wir ihn nicht mitgenommen hätten.«

Eburhelm, den rundlichen Langobarden, hatten sie vor Jahren nach einer üblen Wirtshausprügelei »mitgenommen« (das heißt, Regin hatte den tobenden Betrunkenen mit einem gut gezielten Fausthieb ins Reich der Träume befördert, dann hatten sie ihn gefesselt und auf eins der Ersatzpferde gebunden. Als Eburhelm aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, lag das Wirtshaus bereits einen halben Tagesritt hinter ihnen).

Damals war Eburhelm ein verlotterter Säufer gewesen. Er hatte Jahre zuvor aus Unachtsamkeit seine eigene Hütte in Brand gesetzt, und seine Frau und die beiden kleinen Töchter waren in den Flammen gestorben. Er war nie darüber hinweggekommen. Und nach ein paar Bechern Met oder Wein drehte er durch. Erst weinte er, dann ging er mit allen erreichbaren Gegenständen auf den Nächstbesten los. Nüchtern war Eburhelm ein guter Kämpfer mit dem Ger und ein besonnener Mensch, den alle aus Hasgers Truppe mochten, aber alle passten auf, dass er nicht zu viel trank.

»Naja, wir könnten sie bis Treveris mitnehmen und ihr dort eine Arbeit auf Guntrams Hof verschaffen«, überlegte Hasger.

»Auf einen Verrückten mehr oder weniger kommt es in unserer Truppe nicht an. Wir könnten direkt nach Treveris reiten und sie dort abliefern, wenn nichts dazwischenkommt. Wieso ist dir eigentlich soviel an ihr gelegen, Reg? Soweit ich das sehen konnte, ist sie doch gar nicht die Art Frau, der du sonst hinterherschaust?«

Das stimmte. Regin bevorzugte dralle, fröhliche Frauen mit ausgeprägten Rundungen. Thurudhild war zwar kräftig, wirkte aber weder vom Körperbau noch vom Verhalten her besonders weiblich.

Regin hob kurz die Schultern.

»Weiß nicht«, brummte er, raffte sich dann aber doch zu einer Erklärung auf: »Sie wollte sich gestern Nacht umbringen, und hier wird ihr niemand beistehen. Wozu rette ich ihr das Leben, wenn wir sie dann im Stich lassen? Du weißt so gut wie ich, dass ein Außenseiter in einem Dorf nicht lange überlebt.«

Er stockte kurz und sagte dann ruppig: »Irgendwie mag ich sie, glaube ich. Nicht, weil sie ’ne Frau ist. Aber sie hat sich gestern beinahe wie ein Krieger verhalten. Und ich denke, sie ist ziemlich zäh. Sie hat’s einfach verdient, dass sie woanders noch mal neu anfangen kann.«

Hasger dachte bereits an näherliegende Probleme.