Hasgers Hunde 3 - Annette Imort - E-Book

Hasgers Hunde 3 E-Book

Annette Imort

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Beschreibung

Trier im Spätsommer 504 n. Chr. – Sie nennen sich „Hasgers Hunde“, sie sind Söldner und ihr zweifelhafter Ruf eilt ihnen im gesamten fränkischen Reich voraus. Sie machen die Drecksarbeit für die hohen Herren und werden dafür nicht einmal in den Heldensagen erwähnt. Und sie haben eine zum Söldner ausgebildete Frau in ihren Reihen … Für Thurudhild wird es ernst: Ihre erste Schlacht steht bevor, und die Fränkin erkennt schnell, dass auch die beste Ausbildung sie nicht auf alles vorbereiten kann. Welche selbstgesetzten Grenzen kann und muss sie überschreiten, um am Leben zu bleiben, um zu siegen? Wie weit ist sie bereit zu gehen? Und auch Hasger, der Anführer der Söldnertruppe, steht vor einer schweren Entscheidung … Das grandiose Finale von Annette Imorts packender, historischer Trilogie um die Kriegerin Thurudhild.

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EPUB

Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Hasgers Hunde

– Band III –

 

Die Kriegerin

 

Historischer Roman

von Annette Imort

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

ISBN 978-3-943531-58-9

ISBN 978-3-943531-57-2 (Kindle E-Book)

ISBN 978-3-943531-56-5 (Print Ausgabe)

 

© Burgenwelt Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Osterdeich 241 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Juliane Stadler

Umschlaggestaltung | Coverillustration: Detlef Klewer

Satz | Gestaltung: Jana Hoffhenke

Ebook-Realisierung: Eridanus IT-Dienstleistungen

Kapitel 1

 

Spätsommer 504 n. Chr., Treveris1

Morgen ziehen wir los – meine erste Schlacht – und hoffentlich nicht meine letzte …

Thurudhilds Kopf schwirrte, als sie ihre Ausrüstung überprüfte, ihr Schwert noch einmal schliff und auf dem Übungsplatz den armen »Siggi« mit ihren Holzwaffen malträtierte, wobei sie sich vorstellte, einen wirklichen Menschen statt einer Strohpuppe vor sich zu haben.

Nicht denken, nur töten – schnell töten, bevor er mich tötet.

Gestern Abend hatten Hasger und Wacho, die beiden Anführer von Herrn Guntrams Söldnertruppe, verkündet, dass sie alle zu einer Schlacht aufbrechen würden. Irgendwo im Nordwesten marodierte ein Sachsenheer herum, und sie sollten sie unter Führung von König Chlodwig »zurück ins Meer schmeißen«, wie Wacho es ausgedrückt hatte.

Alle Männer hatten sich gefreut – nur Thurudhild nicht. Sie war erst seit einigen Monaten ein Söldner. Vor einem Jahr hatte sie noch in einem kleinen Dorf weit nordöstlich von Treveris gelebt. Doch dann war ihr Leben aus den Fugen geraten: Ihr Mann Ulfwin war von Räubern getötet worden und die Söldnergruppe »Hasgers Hunde« hatte sie mit nach Treveris genommen. Thurudhild war zunächst in der Küche von Guntrams Hof untergekommen. Dann hatte sie, jähzornig wie sie war, dort einen Knecht zusammengeschlagen und war schließlich wieder bei Hasgers Hunden gelandet – als der wahrscheinlich erste und einzige weibliche Söldner. Die täglichen Kampfübungen waren hart, aber es war viel besser, als mit lauter schnatternden Frauen arbeiten zu müssen. Doch jetzt …

Sie hatte Angst vor dem, was vor ihr lag. Doch solange sie sich bewegte und ihre Waffen benutzte, kam sie zum Glück nicht zum Nachdenken.

»Achte …« – Thurudhild fuhr reflexartig mit erhobenem Ger herum, stieß in Kopfhöhe zu – und bremste gerade noch rechtzeitig ab, um die stumpfe Holzwaffe nicht gegen Hasgers Schild prallen zu lassen, den er vorsichtshalber schon auf Höhe seines Gesichts gehalten hatte – »… mehr auf deine Deckung!«, vollendete der Söldnerführer seinen Satz, während sie ihren Ger erschrocken zurückriss. Seine eigene Gerspitze verharrte neben Thurudhilds Schildrand, und sie blickte verlegen darauf hinab. Ein, zwei Handbreit weiter, und Hasger hätte sie in die Eingeweide getroffen.

»Gut, dass du noch einmal übst.« Er grinste.

Thrudhilds Stimme zitterte, als sie entgegnete: »Glaubst du, dass ich wirklich schon so weit bin?«

Hasgers Antwort kam ohne Zögern.

»Ja. Wenn du nicht allein vor einer Strohpuppe, sondern mit den anderen in der Schlachtreihe stehst, achtest du sehr gut auf deine Sicherheit und auf die deiner Nebenleute. Du versuchst nicht, den großen Krieger und Schlächter zu spielen und um jeden Preis zu töten, und das ist gut so. Du und die Männer neben dir haben gute Chancen zu überleben.«

Er klopfte ihr kurz auf die Schulter, bevor er sich abwandte.

Um nichts in der Welt hätte Hasger Thurudhild oder irgendeinem seiner Männer von den Ängsten und Alpträumen erzählt, die ihn vor jeder Schlacht heimsuchten: Dass einer der Neuen es nicht schaffte. Dass einer seiner Männer tödlich verwundet wurde. Dass letztendlich er, und nur er allein, verantwortlich für jeden Toten in seiner Mannschaft war …

Im Prinzip war Thurudhild soweit, dass er sie in eine Schlacht lassen konnte. Doch niemand konnte vorhersagen, wie sie im Ernstfall reagieren würde – und wieviel Glück ihr die Schlachtgeister gewähren würden.

Hasger biss die Zähne zusammen. Mit diesen Ängsten war er allein – wie immer. Das gehörte dazu, wenn man der Anführer war und in solchen Augenblicken hasste er seinen Beruf aus tiefstem Herzen.

Thurudhild übte beinahe den ganzen Tag über – abgesehen von den Zeiten, wo sie den Rotschimmel versorgte und auf einen längeren Ritt vorbereitete. So sah sie Hasger erst am frühen Abend wieder, als er mit Alfreth in der Schlafkammer beisammen hockte.

Er und der hünenhafte Söldner brüteten über dem Inhalt einer kleinen Tasche aus dickem, hartem Leder.

»Verbände, Wein für offene Wunden, um Entzündungen vorzubeugen …«, sagte Alfreth gerade, »kleines Messer und Nähzeug für größere Wunden – nur benutzen, wenn man die Hände und die Wunde vorher gereinigt und mit Wein gewaschen hat …«

»Nadel und Faden auch in Wein tauchen«, brummte Hasger. Er bemerkte Thurudhild und bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung, sich zu ihnen zu setzen.

»Wundversorgung war bisher Eburhelms Aufgabe«, sagte er knapp. »Alfreth übernimmt das jetzt. Wäre aber gut, wenn du auch Bescheid weißt.«

»In Ordnung.« Thurudhild kauerte sich neben ihn, während Alfreth einige kleine Tiegel und eine kleine verkorkte Flasche aus dickem, trübem Glas aus der Tasche nahm und neben das Verbandzeug stellte.

Der Hüne deutete auf einen der Tiegel und sagte mit einer Stimme, die klang, als ob er etwas auswendig gelernt hätte: »Gemahlene Weidenrinde. In heißem Wasser ziehen lassen und trinken. Hilft gegen Schmerzen und Fieber.« Er blickte kurz zu Hasger, der zustimmend nickte, und fügte hinzu: »Und gegen dicke Köpfe nach einer durchzechten Nacht.«

Die beiden Männer grinsten sich an, und Alfreth griff nach dem zweiten Tiegel.

»Beinwellsalbe. Bei blauen Flecken, Zerrungen, stumpfen Verletzungen, entzündeten Gelenken und Geschwüren.«

Thurudhild kannte beide Heilpflanzen seit ihrer Kindheit. Alle Mütter im Dorf hatten kranke Kinder mit dem schrecklich bitteren Weidenrindenabsud kuriert. Nicht selten gab es bei den Kleinen plötzliche Wunderheilungen, sobald der grässliche Trank ans Krankenlager getragen wurde. Und Beinwellsalbe benutzte Thurudhild regelmäßig, seit sie Söldner bei Hasgers Hunden war. Sonst hätte sie sich gerade in ihren ersten Wochen vor lauter Prellungen und Schmerzen gar nicht mehr an den Übungen beteiligen können.

Kamille, Lindenblüten, Wegerich … auch die anderen Kräuter, die Alfreth aufzählte, waren ihr bekannt, bis er zu der winzigen Flasche kam.

»Eingedickter Saft vom Schlafkraut. Nur im äußersten Notfall und nur wenige Tropfen«, raunte Alfreth, und nur ein aufmerksamer Zuhörer hätte das kurze Stocken in seiner Stimme bemerkt. Thurudhild fiel auf, dass der Korken mit schwarzem Birkenpech abgedichtet war.

Hasger nickte. »Das Zeug ist verdammt teuer, und man muss damit sehr, sehr vorsichtig sein.« Direkt an Thurudhild gewandt fuhr er fort: »Schlafkraut bringt einen sehr tiefen Schlaf. Es wirkt besser gegen alle Arten von Schmerzen als Wein, aber es stellt auch viel mehr im Kopf an. Manche haben dann wirre Träume. Wer zuviel davon nimmt, hört einfach auf zu atmen und stirbt im Schlaf. Wir benutzen das nur, wenn es gar nicht anders geht. Und nur wenige Tropfen. Ein normaler Schluck wäre bereits tödlich. Eigentlich ist das Gift …«

Thurudhild fröstelte. Wie viel waren »wenige Tropfen«? Wie viel war »ein normaler Schluck«? Sie hoffte, dass sie dieses Schlafkraut nie selbst oder bei einem ihrer Waffenbrüder anwenden musste.

 

Am nächsten Morgen ritten sie los, hielten sich nach Nordwesten und trafen nach einigen Tagen schließlich auf ein ungefähr dreihundert Mann starkes Heer, das in die gleiche Richtung zog. Während sie sich der Truppe anschlossen und Wacho an die Spitze des Zuges zu den Heerführern galoppierte, trieb Regin sein Pferd neben Thurudhilds Rotschimmel.

»Irgendwo da vorne reitet Sigibert von Colonia«, erklärte er. »An der Stadt sind wir mit dem Schiff vorbeigefahren, weißt du noch?«

Thurudhhild nickte und Regin fuhr fort: »Sigibert wird uns in dieser Schlacht anführen. Also, er kriegt seine Befehle eigentlich von König Chlodwig und leitet sie dann an unsere Hauptleute weiter. Soweit ich weiß, ist er ganz in Ordnung. Humpelt ein wenig nach einer alten Schlachtverletzung …«, er verstummte und schien mit seinen Gedanken auf einmal sehr weit fort zu sein, bis Luthgar bemerkte: »… und deswegen nennt man ihn auch Sigibert den Lahmen.«

Regin schrak hoch und zischte: »Lass ihn das bloß nicht hören! Sigibert ist ein hervorragender Krieger und ein ehrenhafter Mann, und es gehört sich nicht, über ihn zu spotten.«

Er blickte sich suchend um und galoppierte dann zu Hasger, der etwas abseits mit Gernoth und Hraban ritt. Luthgar schaute ihm nach und hob schließlich die Schultern. »Mann, ist der heute empfindlich! Dabei dauert’s sicher noch Tage, bis wir überhaupt Feindkontakt haben. Na, egal«, wandte er sich an Thurudhild, »ich wollte sowieso allein mit dir reden.«

Thurudhild, die um jede Ablenkung von der bevorstehenden Schlacht froh war, blickte ihn fragend an.

»Also …«, Luthgar kaute auf seiner Unterlippe herum und wurde tatsächlich rot, »ist vielleicht blöd, wenn ausgerechnet ich mit dir drüber rede, aber die anderen denken vielleicht gar nicht dran …« Er holte tief Luft, bevor er fortfuhr: »Wenn in der Schlacht irgendwas schiefgeht und wir verlieren, dann lass es nicht zu, dass du dem Feind lebend in die Hände fällst. Wenn es keinen anderen Ausweg geben sollte, töte dich selbst. Messer hierhin« – er deutete auf einen Punkt in seiner Körpermitte knapp unterhalb des Brustbeins – »und aufwärts stechen. Dann bist du sofort tot.«

Sein Gesicht hatte einen starren, maskenartigen Ausdruck angenommen.

Thurudhild blickte ihn schockiert an, während Bilder, die sie längst verdrängt zu haben glaubte, durch ihren Kopf schossen. Sie begriff auch, dass nicht das wichtig war, was Luthgar gesagt hatte – sondern das, was er nicht gesagt hatte.

Er weiß, was er selbst nach einer Schlacht mit Frauen anstellt. Und er macht sich Sorgen um mich – weil er mich mag.

Schließlich sagte sie langsam: »Da dieser Rat von dir kommt, wird es besser sein, wenn ich ihn im Ernstfall befolge.«

Luthgar nickte, und sie hatte den Verdacht, dass er sich trotz seines harten Gesichtsausdrucks gerade ziemlich kläglich fühlte, doch er erwiderte nur: »Kein Söldner wird fürs Nettsein bezahlt – und die Sachsen sind noch weniger nett als wir.«

»Ich weiß«, antwortete Thurudhild. »Trotzdem danke. Hey«, sie brachte ein Lächeln zustande, »wird schon schiefgehen.«

Luthgar erwiderte ihr Lächeln und knuffte sie kurz gegen den Arm.

»Wir passen alle aufeinander auf, und dann kommen wir auch alle heil nach Hause.«

 

Als sie abends ihr Lager aufgeschlagen hatten und im Nieselregen rund um das Kochfeuer hockten, skizzierte Hasger den Ablauf der folgenden Tage: »Wir reiten in dieser Truppenstärke bis Augusta Suessionum2, wo wir auf König Chlodwig und sein Heer treffen.«

»Da hat Chlodwig ja nicht weit zu reiten, um seine Verstärkung einzusammeln«, brummte Alfreth. Hasger sah ihn fragend an, und Alfreth ergänzte: »Der wohnt da doch.«

»Nee«, korrigierte ihn Geri, »der hat seinen Regierungssitz schon vor ein paar Jahren nach Parisia3 verlegt, der hockt jetzt genauso in irgendeinem Marschlager im Regen wie wir.«

»Wohl eher in einem schicken Zelt«, warf Hraban ein, doch Hasger beendete das Geschwätz mit einem scharfen »Klappe halten und zuhören!«

Die Männer schwiegen, und er fuhr fort: »Wir werden in acht bis zehn Tagen in Augusta Suessionum sein. Wir können von einer Gesamtstärke von eintausend Mann auf unserer Seite ausgehen, denke ich. Mit wie vielen Feinden wir es zu tun bekommen, ist nicht bekannt, nur, dass wohl ein Dutzend seetüchtiger Schiffe mit Sachsen angelandet sind, die jetzt plündernd in die küstennahen Landstriche einfallen und auch flussaufwärts ins Land kommen.

Von Augusta Suessionum aus werden Späher ausgeschickt, die ausforschen, wo die Sachsen sich herumtreiben. Das wird die Aufgabe von Chlodwigs Männern sein. Wir stehen zusammen mit Wachos Männern unter Sigiberts Kommando. Solange wir keine anderslautenden Befehle bekommen, reiten wir einfach mit und halten die Augen offen. Noch Fragen?« Er blickte in die Runde. »Gut. Heute Abend finden keine Kampfübungen statt, und von uns ist auch keiner für die Wache eingeteilt worden. Erholt euch, überprüft eure Sachen. Jeder Mann höchstens zwei Becher Wein.«

Nach diesen knappen Anweisungen erhob Hasger sich und die Männer wandten sich ihren diversen Beschäftigungen zu. Hasger streifte Thurudhild im Vorbeigehen und bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. Der Heerzug war für das Nachtlager in Gruppen von maximal zwanzig Kriegern zerfallen, die um ihre Kochfeuer herumsaßen. Während sie zwischen den einzelnen Lagern hindurchgingen, sagte Hasger: »Es ist noch nicht sicher, ob es überhaupt zu einer Schlacht kommt. Wenn wir Glück haben, scheuchen andere die Sachsen ins Meer. Aber wenn wir kämpfen müssen, bleib bei unseren Männern. Töte, sei gemein und tu all das, was du in unseren Übungskämpfen nicht machst. Und wenn es zum Äußersten kommen sollte …«

Er zögerte, bevor er fortfuhr: »Die Sachsen töten normalerweise alle Feinde, die sie erwischen können. Aber falls sie auf Gefangene aus sein sollten und Flucht nicht möglich ist, wäre es besser, wenn du …«

»Ich weiß«, unterbrach ihn Thurudhild. »Luthgar hat mir schon erklärt, wie man sich am schnellsten selbst tötet.« Ihre Stimme klang sachlicher und härter, als sie gedacht hatte.

»Manchmal denkt unser Warg besser mit, als ich ihm normalerweise zutraue.« Hasger klang etwas überrascht, und seine Hand krampfte sich kurz um Thurudhilds Schulter. »Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Wir sind, soweit ich weiß, in der Überzahl. Also mach keinen Scheiß – ich will im ,Krummen Nagel’ einen ausgeben, wenn wir heimkommen, und es wäre schade, wenn du nicht dabei wärst.«

Hasger setzte sein unnachahmliches schiefes Grinsen auf, wohl, um über seine Verlegenheit hinwegzutäuschen, und Thurudhild dachte wieder einmal: Du hast nicht ausgesprochen, was eigentlich gesagt werden sollte – aber es war alles klar. Du denkst an jeden einzelnen deiner Leute. Und genau darum lieben wir dich und würden für dich überall hin gehen.

Sie fuhr zusammen, als an dem Kochfeuer, das sie gerade passiert hatten, jemand mit lauter, prahlerischer Stimme sagte: »Und dann hab ich dem Kerl eine reingeballert, dass er durch die Rückwand des Stalls gekracht ist.«

Raues Gelächter erklang. Doch das war keine Männerstimme gewesen …

Thurudhild fuhr herum, halb in der Erwartung, an diesem Feuer einen Jungen oder sogar eine Frau zu sehen, doch dort hockten nur lauter Söldner, die vor allem durch hünenhafte Größe auffielen.

Hasger zog sie ein paar Schritte weiter in die Dunkelheit und murmelte dann: »Jetzt kannst du dich umdrehen. Der Große, Bartlose, dem ein Ohr fehlt. Das ist Helgi Einohr. Er wird ziemlich fuchsig, wenn man ihn anstarrt oder ihn fragt, warum er so eine komische Stimme hat. Mit ihm muss man sehr, sehr vorsichtig umgehen.«

Helgi Einohr … Alfreth und Regin hatten diesen Namen auf dem Weg nach Treveris erwähnt, als sie darüber geredet hatten, ob eine Frau überhaupt ein Krieger sein kann, fiel Thurudhild ein.

Aus dem Schutz der Dunkelheit starrte sie Helgi an, versuchte eindeutig männliche oder weibliche Merkmale zu erkennen, soweit das im Flackern des kleinen Feuers überhaupt möglich war. Helgi hatte nicht das geringste Anzeichen von Bartwuchs – und nach mehreren Tagen unterwegs hatten alle Männer wenigstens Bartstoppeln, sogar Hraban, auch wenn es bei ihm in den nächsten Jahren noch nicht für einen Vollbart reichen würde. Andererseits hatte Thurudhild noch nie so eine riesenhafte Frau gesehen. Und Helgi, der (oder die) sich jetzt erhob und vom Feuer wegging, war sicher beinahe so groß und breit wie Alfreth. Aber diese Stimme – das konnte einfach keine Männerstimme sein …

Hasger zog Thurudhild weiter.

»Ich kann mir vorstellen, was du jetzt denkst«, sagte er leise. »Aber Helgi ist keine Frau. Und er ist verdammt humorlos, wenn es um sein Aussehen oder seine Stimme geht. Halt dich besser fern von ihm, sonst denkt er noch, wir hätten extra eine Frau mitgenommen, um ihn zu verarschen.«

Thurudhild folgte ihm zurück zu ihrem Lagerplatz, doch sie prägte sich Helgis Gestalt ein. Und wenn sie nun doch nicht die einzige Kriegerin auf der Welt war? Sie wusste nicht, ob sie sich dann gefreut und etwas weniger einsam gefühlt, oder ob sie sich vielleicht geärgert hätte – eben, weil sie dann nicht mehr die Einzige wäre.

 

In den nächsten Tagen hatte Thurudhild keine Gelegenheit, Helgi weiter zu beobachten. Er und seine Gruppe befanden sich wohl in einem anderen Abschnitt des weiter angewachsenen Heerzugs, und sie konnte sich nicht zu weit von ihren eigenen Leuten entfernen. Hasger und Luthgar waren offensichtlich nicht die Einzigen, die sich Sorgen um Thurudhilds Wohlergehen in der kommenden Schlacht machten und ihr gute Ratschläge geben wollten. Beinahe alle von Hasgers Hunden und auch Wacho und Arpvar tauchten im Lauf der nächsten Tage »rein zufällig« auf, wenn Thurudhild sich etwas abseits von den anderen halten wollte. Eigentlich, dachte sie, hätte sie angesichts dieser allgemeinen Besorgtheit in Panik ausbrechen müssen. Doch seltsamerweise wurde sie immer ruhiger.

Vielleicht würde sie in der bevorstehenden Schlacht sterben – durch die Hand eines anderen oder durch ihre eigene. Aber etwas Schlimmeres würde nicht passieren.

Irgendwann sterbe ich sowieso. Und wer weiß, wie sich ein langsamer, elender Tod durch Krankheit oder Alter anfühlt. Wenn ich in den nächsten Tagen sterbe, dann aufrecht und in meinen Schuhen. Und was danach kommt … wir werden sehen. Wenn meine Eltern und Ulfwin und Eburhelm und tausend andere den Schritt in die Anderswelt geschafft haben, werde ich das ja wohl auch hinkriegen …

Und trotz der bevorstehenden Schlacht, des nicht immer guten Wetters und der kargen Nachtlager freute sie sich, nicht mehr in Treveris herumzusitzen, sondern wieder mit Hasgers Hunden unterwegs zu sein, im Sattel des gutmütigen Rotschimmels zu sitzen und ein neues, noch unbekanntes Stück der Welt kennen zu lernen. Es war nicht mehr so wie im letzten Herbst, als sie widerstrebend mit fremden Söldnern mitgeritten war. Sie hatte nun das sichere Gefühl, mit den richtigen Menschen unterwegs zu sein.

 

Thurudhild fiel auch noch etwas anderes auf: Luthgar war ein Fehler unterlaufen – und bei der ersten Gelegenheit, als sie die Pferde für den Abend versorgten, sprach sie ihn darauf an.

»Wie soll ich eigentlich ein Messer durch mein Kettenhemd hindurchstoßen?« Sie hatte lebhaft den Abend im Räuberlager und ihre Stichübungen am lebenden, nein, toten Objekt in Erinnerung.

Luthgar stieß einen kurzen Fluch aus.

»Daran hab ich Trottel nicht gedacht.«

Er überlegte kurz und schlug dann vor: »Wenn du dein Schwert mit dem Griff auf den Boden stellst und dich einfach in die Klinge fallen lässt, müsste das eigentlich klappen. Oder ein Halsschnitt, an der Seite beginnend, damit du eine der Hauptadern und die Luftröhre erwischst. Das dauert halt etwas länger …« Er zögerte.

Thurudhild nickte. Diese Tötungsmethode kannte sie noch von Sigiberts Schlachtfeld und dem »Aufräumen« danach. Und sie würde es tun können, wenn es sein musste.

Erst jetzt merkte sie, dass Luthgar sie grübelnd anstarrte.

»Du machst dir wirklich Gedanken deswegen. Kalte, sachliche Gedanken ohne Angst«, sagte er leise. »Mann, wenn ich vor meiner ersten Schlacht so gelassen gewesen wäre …«

Thurudhild schüttelte den Kopf und gestand: »Solange wir hier durch die Gegend reiten, ist es einfach, gelassen zu wirken und sich weise Gedanken zu machen. Wenn es losgeht, kack ich mir wahrscheinlich in die Hosen vor lauter Angst.«

Sie biss sich auf die Zunge.

Mist, mal wieder losgeredet, bevor ich nachgedacht habe.

So ehrlich wäre sie – vielleicht – Hasger gegenüber gewesen, aber was würde Luthgar aus diesem Geständnis machen?

Doch der hagere Krieger grinste erleichtert und bemerkte: »Weißt du, eben hast du mir richtig Angst gemacht. So … so hart und kalt war ich nicht vor meiner ersten Schlacht …«

Thurudhild fröstelte.

Gut, Luthgar hatte damals Angst. Und ich werde irgendwann Angst haben. Aber jetzt ist jetzt und morgen … das ist ein anderer Tag. Und ich werde mir erst dann Gedanken darum machen, wenn es soweit ist. Aber jetzt – jetzt lebe ich!

 

Sie erreichten Augusta Suessionum, wo alle Truppen sich sammeln sollten. Thurudhild versuchte abzuschätzen, wie viele Krieger hier ihre Lager aufschlugen, aber sie war mit dieser Menschenmenge schlichtweg überfordert. Es konnten ebenso gut fünfhundert wie fünftausend Kämpfer sein. Wenn man sein Leben in einem kleinen Dorf verbracht hatte, war alles über einhundert Menschen schon verdammt viel …

Jedenfalls sorgten diese Menschenmassen bei dem leichten Nieselregen innerhalb kürzester Zeit dafür, dass der Boden sich in dünnflüssigen, rutschigen Matsch verwandelte. Thurudhild schlitterte mit dem Rotschimmel am Zügel hinter den anderen her und versuchte, nicht in Pferde- oder Menschenexkremente zu treten. Einen Abort gab es hier wohl nicht, jedenfalls roch es überall grässlich. Regin sah, wie sie die Nase rümpfte, und grinste: »Ja, das ist der Geruch des Krieges: Scheiße. Und später kommt noch Blut und Verwesung dazu.«

»Wunderbar. So was wird in den Heldensagen natürlich nie erwähnt«, erwiderte Thurudhild sarkastisch, aber sie bemerkte, dass nicht nur sie den Kothaufen auszuweichen versuchte.

Sie passierten eine Gruppe Söldner, die gerade eine Plane zum Schutz gegen den Nieselregen aufspannte. Dort stand auch Helgi, der einen der langen Zeltpfosten festhielt, während ein anderer Söldner einen Zipfel der Plane darüberzuziehen versuchte.

Thurudhild zog kurz an den Zügeln und der Rotschimmel blieb brav stehen. Während sie so tat, als müsse sie ihre Beinwickel neu befestigen, blickte sie aus dem Augenwinkel zu Helgi hinüber und versuchte alles an seiner Gestalt zu erfassen. Sein Gesicht, bartlos wie es war, schien seltsam geschlechtslos, doch das eckige Kinn wirkte alles andere als weiblich. Kein sichtbarer Kehlkopf, registrierte sie, aber große Hände mit dicken Wurstfingern – solche Hände konnte eigentlich keine Frau haben. Der formlose Kittel ließ nicht erkennen, ob sich darunter vielleicht Brüste verbargen. Ihr Blick glitt tiefer zu dem breiten Gürtel, an dem neben dem Saxmesser ein klobiges Schwert hing. Helgis Gürtel saß ziemlich hoch und sein Gesäß wirkte recht breit. So könnten auch Frauenhintern aussehen …

Helgi drehte sich, um den Söldner, der immer noch mit der Plane herumfuhrwerkte, anzusprechen, und Thurudhild beeilte sich, ihre vorgetäuschte Aktivität zu beenden und zu Hasgers Hunden aufzuschließen.

Regin grinste. »Na, kleines Fräulein Neugier, was meinst du?«

»Was soll ich meinen?«, versuchte Thurudhild sich arglos zu geben, doch Regins Grinsen wurde immer breiter.

»Du hast den Söldner da hinten angestarrt – Helgi Einohr. Und, was meinst du? Mann oder Frau?«

»Ich hab keine Ahnung«, gestand Thurudhild. »Von Hals und Hintern her würde ich auf eine Frau tippen, aber seine Hände und sein Kinn sehen eher nach Mann aus.«

Regin senkte die Stimme. »Also, ich glaube, dass er eine Frau ist. Zu blöd, dass man nicht fragen oder nachgucken kann.«

»Dann würde Helgi dich umbringen«, erwiderte Thurudhild. »Jedenfalls würde ich das machen, wenn einer bei mir nachgucken wollte.«

Regin nickte und sah auf einmal sehr grimmig aus. Thurudhild kannte diesen Gesichtsausdruck und nannte ihn insgeheim sein Beschützergesicht.

»Da hast du auch verdammt recht!«, knurrte er.

 

Sie schlugen ihr Lager auf, versorgten die Pferde, und Hasger verschwand zusammen mit Wacho zur Anführerbesprechung.

Thurudhild half Regin beim Kochen, obwohl es da eigentlich nicht viel zu helfen gab – gekochtes Fleisch und Brotfladen erforderten nicht viel Arbeit, aber die Männer aßen so etwas gern, wenn es nur fett und salzig genug war. Währenddessen fragte sie Regin über König Chlodwig aus.

»Ich bin vor acht oder neun Jahren mal unter seinem Kommando geritten«, erzählte Regin, »kurz nachdem er diese legendäre Schlacht bei Tolbiacum4 gegen die Alamannen gewonnen hat. Angeblich hatte er davor geschworen, zum christlichen Glauben überzutreten, wenn er gewinnt. Klar, der Christenglaube ist grad schwer angesagt, aber wir alten Säcke haben ihm eine Zeitlang übelgenommen, dass er unsere Kriegsgötter verlassen hat und im ersten Eifer sogar wollte, dass wir vor Schlachten nur noch den Christengott anrufen. Naja, er hat sich dann auch wieder eingekriegt, und wenn wir unsere kleinen Rituale vor Schlachten nicht direkt vor seiner Nase abhalten, ist es ihm wurscht, denke ich. Aber so als frischgebackener Christ war er manchmal gräss-lich. Nach der Schlacht, die ich damals mitgemacht habe, hat er alle Kriegsbeute auf einen Haufen legen lassen und jeder durfte sich was aussuchen. Da hatte ein Krieger sich so einen hässlichen Tonkrug ausgesucht. Aber Chlodwig wurde auf einmal ganz sauer, weil auf dem Krug christliche Zauberrunen waren. Er sagte, ein verdammter Heide dürfe diesen Krug nicht besitzen, weil das blöde Ding der Kirche gehöre und deshalb keine Kriegsbeute sein könne.«

Thurudhild nutzte eine Atempause Regins, um zu fragen: »Was ist denn ein Heide?«

Regin machte ein verbittertes Gesicht. »Leute wie wir, die an Wotan und die anderen Götter glauben. Jedenfalls ist der Krieger wütend geworden, als Chlodwig ihn beschimpfte, und hat den blöden Krug kaputtgeschmissen. Etwas später hat Chlodwig ihn hinterrücks erstochen, vor lauter Wut.«

»Ich hab gedacht, die Christen dürfen nicht töten?« Das und noch einiges andere hatte Thurudhild sich von Geris Vortrag über das Christentum gemerkt.

Regin schnaubte nur. »Chlodwig ist der König, der macht, was er will. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Verwandte oder unliebsame Kleinkönige der auf dem Gewissen hat. Aber abgesehen davon ist er ein guter Stratege und versteht es, Leute für sich einzunehmen. Wir sind auf diesem Feldzug bei ihm in guten Händen, denke ich.«

Er hob den Kessel vom Feuer und zauberte aus den Vorratspacken ein kleines Weinfässchen, das er sorgfältig auf einem Baumstumpf aufstellte. Als wäre das ein geheimes Signal gewesen, erschienen Hasgers Hunde innerhalb weniger Minuten vollzählig im Lager und kramten erwartungsvoll Essnäpfe und Trinkbecher aus ihren Satteltaschen.

Kurz darauf kam auch Hasger zurück, der beim Anblick des fertigen Essens ein zufriedenes Gesicht machte und erst einmal seinen Becher füllte.

»Heute lassen wir es uns noch einmal gut gehen«, sagte er nach dem ersten genussvollen Schluck.

»Und morgen?«

Damit sprach Luthgar aus, was alle interessierte. Die Söldner hockten im Kreis um das Feuer und alle Blicke ruhten auf Hasger. Geris Finger glitten liebevoll über den Knauf seines Schwerts, als ob er einen Hund streichelte, der hungrig winselte, und Luthgar und Hraban rutschten unruhig umher wie Kinder, die auf ein versprochenes Geschenk warteten. Regin und Alfreth wirkten vollkommen gelassen, aber Gernoths Hand verkrampfte sich um seinen Weinbecher und Thurudhild spürte auf einmal leichte Übelkeit. Was würde auf sie zukommen?

Hasger drehte seinen Becher bedächtig zwischen den Fingern und sagte: »Wir und Wachos Leute reiten unter Sigiberts Kommando erst einmal in Richtung Küste. Die Sachsen haben sich irgendwo in diesem Gebiet an den Flussufern herumgedrückt, sind aber mit ihren Schiffen auf den Flüssen nicht weit gekommen und dann in Mündungsnähe zu Fuß auf Raubzüge gegangen. Chlodwigs Reiterei soll sie zurück zu ihren Schiffen treiben. Dort suchen wir dann in Abstimmung mit den Spähern einen Platz, wo wir die Sachsen fertigmachen.«

»Na dann«, sagte Luthgar leichthin, doch Hraban fragte sofort: »Kann ich bei den Spähern mitreiten? Das ist doch langweilig hier mit dem ganzen langsamen Volk, wo nichts passiert!«

»Nein«, erwiderte Hasger fest, »ich brauche dich hier.«

»Aber hier ist doch überhaupt nichts los!«, quengelte Hraban, und Thurudhild schüttelte den Kopf. So eine Ungeduld!

Hasger schien etwas Ähnliches zu denken, denn er erhob sich und bedeutete Hraban mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. Außer Hörweite der Gruppe sprachen die beiden miteinander, und Thurudhild konnte beobachten, wie Hrabans Gesichtsausruck von Trotz über Ungläubigkeit schließlich zu beinahe erwachsen wirkender Zustimmung wechselte.

Gernoth hatte ebenso aufmerksam die kleine Szene verfolgt und entspannte sich sichtlich, als Hraban zurückkam und lediglich bemerkte: »Keine Sorge, ich bleib ja da.«

Sie hätte gern gewusst, was Hasger gesagt hatte, um den Trotzkopf umzustimmen. Aber Hraban selbst, der sowieso nur schlecht ein Geheimnis für sich behalten konnte, teilte ihr im nächsten unbeobachteten Augenblick mit wichtiger Miene mit: »Hasger hat gesagt, dass ich ein bisschen auf Gernoth aufpassen soll, weil er noch nicht so viel Schlachterfahrung hat – und dass du dir sicher fürchterliche Sorgen machen würdest, wenn ich nicht bei euch bin.«

»Da hat er auch verdammt recht«, antwortete Thurudhild und schloss Hraban kurz in die Arme, was er sichtlich genoss. Sie vermutete, dass es Hasger um mehr gegangen war, nur hatte er es Hraban nicht gesagt: Wenn Hraban bei den Spähern mitritt, fühlte Gernoth sich als sein bester Freund verpflichtet, dasselbe zu tun – und Gernoth war angesichts der bevorstehenden Schlacht so nervös wie ein Pferd in einem Hornissenschwarm. Außerdem, so vermutete Thurudhild, wollte Hasger sein »Rudel«, die einzige Familie, die er noch hatte, vor einem solchen Kampf zusammenhalten, und sie hatte vollstes Verständnis dafür. Hasgers Argument, dass Hraban Thurudhild sonst unnötig Sorgen bereiten würde, war beileibe nicht aus der Luft gegriffen.

 

Das Heer ritt an einem Fluss entlang nach Nordwesten und sie kamen immer öfter an verlassenen oder gar verwüsteten Dörfern vorbei. Zusammen mit dem ständigen Nieselregen, den tiefhängenden Wolken und dem schwachen fahlgelben Licht der Nachmittagssonne erinnerte der Heerzug Thurudhild an das Bild, das auf Eburhelms Beerdigung vor ihrem inneren Auge entstanden war: Krieger, die in voller Rüstung durch ein düsteres, regenverhangenes Land zogen, von Schlacht zu Schlacht, bis in alle Ewigkeit …

Es fühlte sich seltsamerweise gut an – abgesehen davon, dass in der feuchten Luft die Kettenhemden zu rosten begannen und sie jeden Abend beim Lagern eine Menge Arbeit hatten, die Dinger mit Sand zu reinigen. Aber Thurudhild war froh, dass sie überhaupt ein Kettenhemd besaß, und jedes Mal, wenn sie es überstreifte oder in die Hand nahm, dachte sie voller Dankbarkeit an Eburhelm.

 

Und dann war es soweit. Thurudhild hatte nicht gesehen, dass die Späher zur Spitze des Heerzuges zurückgekehrt waren, doch sie spürte die Anspannung, die innerhalb weniger Augenblicke alle Männer befiel.

»Langsam voran. In dem Waldstück da vorne halten wir«, zischte Hasger, noch bevor irgendein Kommando sie erreicht hatte.

Dann standen sie ziemlich lange im Wald, schwiegen und versuchten die Pferde ruhig zu halten, die ebenfalls die Nervosität ihrer Reiter spürten. Thurudhild war in diesem Augenblick froh, dass ihr Rotschimmel keiner von der feurigen Sorte war; während Geris Rappe dauernd schnaubte und herumtänzelte, stand das zottige Pferd einfach nur da, döste und ließ die Ohren hängen. Sie tätschelte ihm liebevoll den Hals.

»Bevor wir in die Schlacht ziehen, sollten wir alle noch mal scheißen gehen«, unterbrach Regin mit gedämpfter Stimme das Schweigen, »später ist keine Zeit mehr dafür, und ich hab’ keine Lust, mit voller Hose heimzureiten.«

Er rutschte aus dem Sattel und verschwand im Unterholz. Mehrere Krieger schlossen sich ihm an. Auch Thurudhild hielt das für eine gute Idee. Sie wusste, dass die Eingeweide sich gerade bei großer Aufregung dann meldeten, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte …

Sie ging ziemlich tief in den Wald. Es war ihr zwar egal, wenn in ihrer Nähe ein Mann einen Baum begoss, aber es war ihr peinlich, selbst mit heruntergelassenen Hosen dazuhocken, wenn ein anderer an ihr vorbeilief. Und bisher wusste außer Hasgers und Wachos Männern keiner der anderen Krieger, dass Thurudhild eine Frau war – jedenfalls hatte sie bisher keine entsprechenden Bemerkungen gehört.

Während Thurudhild in einem dichten Gebüsch hockte und versuchte, der Natur ihren Lauf zu lassen – warum musste man eigentlich nie, wenn man Zeit dafür hatte? – stapfte ein hünenhafter Krieger an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken. Sie duckte sich. Es war Helgi, der wenige Schritte von ihr entfernt die Hosen herunterließ und sich hinhockte. Zum Glück war er schnell fertig und ging wieder zurück, ohne Thurudhild zu bemerken, denn ihre eigenen Eingeweide wollten inzwischen – wohl vor lauter Schreck – endlich so, wie sie sollten.

Als sie erledigt hatte, weswegen sie gekommen war, schlich Thurudhild vorsichtig zu dem Platz, wo Helgi gehockt hatte. Für ein großes Geschäft wäre er verdammt schnell gewesen … und tatsächlich entdeckte sie nur nasses Laub. War Helgi doch eine Frau? Sie erinnerte sich an Alfreths Bemerkung, dass Helgi als kleiner Junge von einem Hund ins Gemächt gebissen worden war und seitdem wie eine Frau urinieren musste – wenn diese Geschichte denn stimmte. Der Lösung des Helgi-Rätsels keinen Schritt nähergekommen, trottete sie zu den anderen zurück.

 

Die Krieger waren inzwischen alle abgesessen. Hasgers Hunde hatten sich zu Wachos Männern gesellt, wo Wacho das weitere Vorgehen skizzierte.

Eine Einheit von Chlodwigs Soldaten hatte demnach bereits die Schiffe geentert, die auf der anderen Seite des Waldes an einer Flussmündung lagen. Die Sachsen waren, wie die Späher berichtet hatten, landeinwärts auf einem Plünderungszug gewesen und befanden sich nun auf dem Rückweg.

Wacho fuhr fort: »Ihr seht ja, dass dieser Wald sich wie eine Sichel landeinwärts biegt und der kürzeste Weg zu den Schiffen direkt hindurch führt. Wir bleiben als Kampfeinheiten im Wald auf der landwärtigen Seite. Treveris und Colonia stellen unter Sigiberts Befehl die Fußkämpfer in der Mitte, Chlodwig und die anderen Verbündeten stehen mit ihrer Reiterei auf den linken und rechten Flügeln. Wir sehen zu, dass wir so lange wie möglich unsichtbar bleiben. Einige Reitertrupps sind schon unterwegs, um einen Angriff auf die Sachsen vorzutäuschen und sie so in Richtung Wald zu treiben. Wenn die Sachsen ungefähr fünfzig Schritt vor dem Wald sind, kommen wir ihnen entgegen, während die Flügel sie von den Seiten her einkesseln. Stellt euch darauf ein, dass wir rennen müssen, denn die Sachsen werden ein hohes Tempo vorlegen, um in den sicheren Wald zu kommen – und da sollen sie auf keinen Fall rein. Wir wollen eine übersichtliche Feldschlacht, kein Durcheinander im Unterholz. Noch Fragen?«

Es blieb, abgesehen von zustimmendem Gebrumme, still, und Wacho beendete seine Ansprache mit den Worten: »Gut, dann macht euch fertig, es gibt gleich noch ’ne kleine Ansprache, danach in Formation, Ruhe halten und die Ebene beobachten. Das Kommando zum Losschlagen ist ein Pfiff.«

Die Männer zerstreuten sich wieder und überprüften ein letztes Mal ihre Rüstungen und Waffen. Einige Männer führten die Pferde tiefer in den Wald, damit sie nachher nicht im Weg waren.

Es begann leicht zu regnen und Gernoth, der die ganze Zeit seinen großen, gewölbten Schlachtschild nicht aus der Hand gelegt hatte, hielt ihn nun als Regenschutz über den Kopf. Sofort spottete Hraban: »Du siehst aus wie’n Pilz, wenn du so im Wald stehst!«

«Vielleicht, aber wenigstens roste ich nicht«, entgegnete Gernoth gelassen mit einem Blick auf Hrabans Kettenhemd, das wie üblich recht schmuddelig aussah.

Thurudhild grinste, doch dann stutzte sie. Hinter den beiden he-rumalbernden Jungkriegern tauchte jemand auf, den sie hier nicht erwartet hatte: Reynar, der Spielmann aus Treveris.

Er trug seine übliche ärmliche und geflickte Kleidung, hatte sich aber unter die Augen zwei blutrote Striche gemalt. Irgendwie wirkte er unheimlich, so, als würde er ohne Weiteres auch so gegen die Sachsen kämpfen – und gewinnen.

Die unheimliche Aura schien von ihm abzufallen, als er Thurudhild erblickte und ein erfreutes Lächeln auf seinem Gesicht erschien. »Hey, Thuri, dich habe ich gesucht.«

Thurudhild war verblüfft, dass Reynar sich ihren Namen gemerkt hatte und sie nun sogar mit Handschlag begrüßte. »Was machst du denn hier?«, fragte sie und schalt sich im gleichen Augenblick für ihre Unhöflichkeit. »Tut mir leid, ich dachte, du wärst kein Krieger?«

Reynar grinste kurz, wurde dann aber ungewöhnlich ernst. »Irgendwann wirst du wissen, warum ich auf den Schlachtfeldern bin.«

Unvermittelt lächelte er Thurudhild ermutigend an, dann wandte er sich ab und war bald darauf im Gewühl der durcheinanderlaufenden Krieger verschwunden.

Erst nachdem Reynar gegangen war, ging Thurudhild auf, dass er gar nicht gesagt hatte, warum er sie gesucht hatte.

Vielleicht ist er wirklich etwas schusselig und vergesslich, dachte sie. Wahrscheinlich war es nichts Wichtiges. Aber Hasgers Hunde haben ihn schon damals in der Taverne wie jemanden Besonderes behandelt. Warum?

 

Thurudhild suchte ihre Kameraden und fand sie etwas abseits, wo sie einen kleinen Kreis gebildet hatten. Hasger nickte ihr zu und blickte dann in die Runde. Wie auf ein unausgesprochenes Kommando zogen alle ihre Schwerter und stellten sie vor sich.

»Gut, Jungs«, sagte Hasger, während er jeden einzelnen kurz ansah, »alle bereit? Alle hungrig auf den Kampf? Passt auf euch auf, passt aufeinander auf. Wer zuerst nach Walhalla kommt, hält für die anderen Plätze frei und bestellt schon mal Met und ein paar Weiber mit dicken Titten.« Er trat so aus dem Kreis, dass er Thurudhild streifte und sagte leise: »Und einen Kerl mit knackigem Arsch.«

Er zwinkerte ihr kurz zu, und Thurudhild sah ihm verblüfft nach, bis sie schließlich verlegen grinste.

Hasgers Hunde schlossen sich Wachos Männern und den Kriegern von Colonia an.

Thurudhild hatte erwartet, dass sie sich nun um Chlodwig oder wenigstens Sigibert scharten, und dass der Anführer eine flammende, aufstachelnde Rede hielt. Wenigstens passierte das immer in den Heldengeschichten. Doch der oberste Heerführer und seine Getreuen waren gar nicht da. Thurudhild vermutete sie schließlich am Rand des allgemeinen Durcheinanders in einem dichten Knäuel von besonders prächtig gerüsteten Kriegern, zu denen ständig Späher galoppierten, um wenig später wieder davonzupreschen.

Ein dumpf klirrendes Geräusch erklang, und die Krieger formten einen weiten Kreis.

Aus dem Wald heraus trat Reynar in das Rund, das die Krieger gebildet hatten. Diesmal hatte er nicht seine Leier mitgebracht. Während er die Reihen abschritt, schlug er sich mit der geballten Faust vor die Brust, und als die Krieger die Bewegung aufnahmen, erklang dumpfes, rhythmisches Klatschen und leises Klirren, wenn Fäuste auf gehärtetes Leder und Kettenhemden trafen.

Während er weiter im Kreis herumging, warf Reynar den Kopf zurück und stimmte einen aggressiven Sprechgesang an, der nichts mehr mit den epischen Darbietungen oder den Trinkliedern zu tun hatte, mit denen er sich sonst in den Tavernen sein Brot verdiente – und auch nicht mit den fremdartigen Liedern, die er manchmal spielte, wenn sie alle irgendwie nicht mehr sie selbst waren. Die Männer antworteten ihm nach jedem Satz stets mit denselben Worten.

 

»Hey Chlodwig, für dich ziehen wir in den Krieg,

- WIR DÜRSTEN -

und wir bitten die Götter: Schenkt uns den Sieg!

- WIR DÜRSTEN-

Der Feind ist stark, doch wir sind stärker,

- WIR DÜRSTEN -

wer sich mit uns anlegt, kriegt gewaltigen Ärger

- WIR DÜRSTEN -

NACH BLUT!«

 

Er unterbrach seinen Gesang, während alle weiter auf ihre Kettenhemden schlugen, und rief in die Runde: »Wozu seid ihr hier?«, und die Menge antwortete brüllend: »TÖTEN!«

Reynar nahm seinen Sprechgesang wieder auf, inzwischen schrie er beinahe:

 

»Wir fegen sie vom Antlitz der Erde

- WIR DÜRSTEN -

Auf dass unserm Land wieder Frieden werde.

- WIR DÜRSTEN -

Manch einer von uns trinkt heut nacht in Walhalla,

- WIR DÜRSTEN -

doch jetzt zieh’n wir los und …«

»TÖTEN SIE ALLE!«, schrien die Krieger und begannen mit den Schwertknäufen auf ihre Schilde zu schlagen.

Und Thurudhild schrie mit ihnen, angesteckt von der aufgeheizten Atmosphäre. Die Welt begann sich an den Rändern rot zu verfärben – rot wie zu den Zeiten, wenn sie vor lauter Wut nicht mehr wusste, was sie tat – und diesmal hieß sie das Gefühl willkommen. Ihr Herz hämmerte im gleichen Takt wie die Schläge der Männer, die nun schneller wurden.

Ja, sie wollte töten, wollte sich in diesem blutroten Rausch verlieren!

Als sie den Kopf wandte, geriet Hasger in ihr Blickfeld. Er stand neben Regin und die beiden Männer blickten ruhig und kalt in Richtung des zukünftigen Schlachtfeldes. Auf einmal schämte Thurudhild sich dafür, dass sie sich so gehen ließ.

»Na, aufgeregt?« Luthgar war neben ihr aufgetaucht, legte ihr einen Arm um die Schultern und hielt ihr einen Streifen Trockenfleisch hin. Thurudhild verzog das Gesicht.

»Danke«, erwiderte sie, »aber ich mache mir wirklich nichts aus Trockenfleisch.«

»Du kaust das«, befahl Luthgar streng, »das gehört vor jeder Schlacht dazu, genau wie Hasgers Ansprache!«

Etwas versöhnlicher fügte er hinzu: »Du musst es nicht runterschlu­cken. Wenn der Kampf losgeht, kannst du’s meinetwegen ausspucken, aber bis dahin wird gekaut, klar?«

Wenn sein Seelenheil dran hängt, dachte Thurudhild und kaute gehorsam auf dem Fleischstreifen herum, der sich in ihrem Mund schnell in eine matschige, geschmacklose Masse verwandelte. Wenigstens war man so ein wenig beschäftigt, während man wartete.

Ein Stück von ihnen entfernt hockten Wachos Söldner auf ihren Schilden. Der Ruf, der das Bereitmachen zum Kampf ankündigte, war kaum verklungen, als Wacho schon vor seine Männer trat und sie anbrüllte: »Ihr verlausten Hurenböcke, hoch mit euch! Linie!«

Die Männer sprangen auf und hatten innerhalb weniger Augenblicke eine kampfbereite Schlachtreihe gebildet. Die Männer um sie herum rappelten sich ebenfalls auf, allerdings erheblich langsamer. Ein Krieger aus einer Gruppe, die vorher in einer unbekannten Sprache miteinander gesprochen hatte, ein kleiner Mann mit pfiffigem Blick, hatte das Schauspiel interessiert beobachtet und pflanzte sich nun ebenfalls vor seinen Leuten auf.

»Wawawa! Linie!«, brüllte er, während er Wachos Gestik und Mimik sehr treffend nachahmte.

»Wawawa! Trinken!«

Im Schutz ihres Schildes prustete Thurudhild vor Lachen. Während der Krieger weiter vor seinen Kameraden herumstolzierte und mit viel herrischem »Wawawa!« seinen bescheidenen fränkischen Wortschatz ausbreitete, ragte auf einmal Wachos riesige Gestalt hinter ihm auf. Als sein Publikum schlagartig mit Lachen aufhörte, drehte der kleine Krieger sich um und blickte langsam an Wacho empor, der ihn ausgesprochen sauer ansah. Verlegen lächelnd hob der Mann die Schultern.

»Sehr lustig«, sagte Wacho langsam und deutlich, ohne eine Miene zu verziehen.

»Ich lache. Hahaha.«

Doch als er sich umdrehte, sah Thurudhild, dass seine Schultern zuckten, und wusste, dass er ebenfalls das Lachen zu unterdrücken versuchte.

»Herr?«, fragte der schmächtige Krieger vorsichtig, und Wacho drehte sich erneut um.

»Reden vor Kampf? Für uns?«

Wacho warf sich in Positur.

»Ihr kleinen Hosenscheißer! Linie! Da vorne ist der Feind und ich will, dass ihr ihn plattmacht! Wenn ihr das nicht mit euren Waffen schafft, dann springt ihm mit dem nackten Arsch ins Gesicht. Und danach werden wir herumhuren und saufen, bis alle unter dem Tisch liegen und kotzen!«

Er brüllte so laut, dass seine Stimme sich überschlug, und die Männer, die wahrscheinlich kaum ein Wort verstanden hatten, standen stramm, schlugen auf ihre Schilde und zollten ihm johlend Beifall.

Der kleine Krieger trat wieder vor. Er strahlte.

»Danke, Herr. Großes Reden. Heute Abend trinken mit uns – hier oder in Walhalla!«

Wacho nickte ihm grinsend zu.

»Ich werde darauf zurückkommen.«

Er tippte kurz gegen seinen Helm und führte seine Männer zu ihren Plätzen in der Angriffsformation.

 

Als das Kommando kam, nahm Thurudhild ihren Platz zwischen Luthgar und Gernoth im Kampfblock ein – und dann schlug die Angst mit riesigen, kalten Krallen zu, als das Heer der Sachsen am Horizont auftauchte, der Pfiff schrillte und sie selbst losrannten. Ungefähr fünfzig Schritt vor ihnen formierte sich eine breite, brüllende Sachsenfront. Es waren sicher Hunderte – und sie waren richtig sauer. Und jeder einzelne von ihnen war mindestens doppelt so groß wie Thurudhild …

Die bringen uns alle um! Warum bin ich überhaupt hier? Warum bin ich nicht in meinem friedlichen Dorf geblieben? Ich werde hier sterben … nur weil ich so dumm war, mit Hasgers Hunden mitzureiten.

Thurudhilds Eingeweide verkrampften sich, und sie musste alle Willenskraft aufwenden, um nicht sofort ins nächste Gebüsch zu rennen oder sich in die Hosen zu scheißen. Aber Abhauen war sowieso nicht mehr möglich, denn hinter ihr drängten unzählige Krieger nach und schoben sie vorwärts, ob sie wollte oder nicht. Ihr Mund fühlte sich taub und trocken an und ohne nachzudenken begann sie auf dem Rest von Luthgars grässlichem Trockenfleischstreifen herumzukauen. Seltsamerweise schien sie das zu beruhigen – das und die Stimme von Hasger direkt hinter ihr: »Du musst keine Angst haben. Wir sterben hier nicht. Wir kommen immer wieder auf das Schlachtfeld zurück. Wir verbringen unser ganzes Leben im Kampf – und unser Leben danach auch.«

Thurudhild blickte sich verstört um. Hasger war nicht hinter ihr, sondern einige Schritte weiter im Kampfblock. Aber sie hätte schwören können, seine Stimme direkt in ihrem Ohr gehört zu haben …

»… wirst du verstehen, dass wir unsterblich sind – wir werden immer Krieger sein …«, schien es von irgendwoher mit Reynars Stimme zu klingen.

Thurudhild atmete tief durch.

Ich bin hier. Und ich bin jetzt. Und noch lebe ich …

Die Sachsen waren jetzt direkt vor ihnen, der Krieger in der feindlichen Schlachtreihe vor ihr hob seinen Speer und brüllte … und sie stieß zu, betrachtete fasziniert, wie ihr Ger in seinem weit aufgerissenen Mund verschwand, spürte in ihren Fingern, wie das Metall knöchernen Widerstand durchbrach, von ihrer Hand zurückgerissen wurde, während der Mann zusammenbrach, der Ger sich wie von selbst auf den nächsten Gegner richtete …

Die ganze Aktion konnte nur einen Lidschlag lang gedauert haben. In ihren Fingern tobte noch das Gefühl einer Berührung des Rachens und Schädelknochens eines anderen Menschen, als ihr Ger bereits in den Schild eines anderen Gegners fuhr, dort stecken blieb und die beiden Schlachtreihen mit ungeheurer Wucht aufeinander prallten. Thurudhild ließ den Ger los, stabilisierte ihren Stand und riss hinter ihrem erhobenen Schild das Schwert aus der Scheide. Eingeklemmt zwischen ihren Schlachtreihennachbarn hieb und stach sie nach allem, was vor ihr auftauchte.

Später hätte sie nicht mehr sagen können, was genau sie gesehen und getan hatte. Die Welt war zu einem engen Tunnel geschrumpft, an dessen Ende Feinde auftauchten und angriffen. Sie erinnerte sich dumpf, einmal ihren Schild hochgerissen zu haben, als eine Axt direkt auf Gernoths Kopf neben ihr zusauste; die Axt schlug eine tiefe Kerbe in den Schildrand und der Aufprall hatte ihr beinahe den Arm heruntergerissen. Ihr eigenes Schwert hatte einen Hals berührt, und der Sachse vor ihr hatte auf einmal ohne Kopf dagestanden, mit zuckenden Armen wie ein gerade geschlachtetes Huhn. Etwas Heißes war kurz vor ihrem Gesicht vorbeigeschnellt und dann sofort wieder verschwunden.