Haus mit Meerblick - Günter Tiede - E-Book

Haus mit Meerblick E-Book

Günter Tiede

0,0

Beschreibung

Nachdem die erste Auflage seiner Kurzgeschichtensammlung "Verpasste Gelegenheiten und andere Missverständnisse" schon nach kurzer Zeit vergriffen war, hat der in Graal Müritz lebende Autor Günter Tiede jetzt seinen ersten Roman vorgelegt. In dem Buch "Haus mit Meerblick" schildert Tiede das Leben in der DDR, die Wendewirren und die Probleme im vereinten Deutschland: In der Mitte seines Lebens muss sich Gerald entscheiden: Kann seine Karriere ihn noch glücklich machen? Was erwartet er vom Leben? Dabei hat seine berufliche Laufbahn, nach zunächst unbeschwerten erotischen Abenteuern in der ehemaligen DDR glänzend angefangen. Nach dem Studium wird er angesehener Leiter des größten Kulturhauses des Landes und auch die Frauen sind ihm nie abgeneigt. Mit der Wende kommen Herausforderungen, die er scheinbar spielend meistert. Er könnte sich entspannt zurücklehnen, doch sein innerer Drang, immer etwas Neues zu erschaffen und vorwärtszugehen, führen ihn in eine Sackgasse. Aber es gibt etwas, von dem er schon lange träumt: Es ist das Haus am Meer, in dem er endlich seine künstlerischen Ambitionen verwirklichen kann. Gerald bricht also alle Zelte ab und stürzt sich mit seiner Familie in ein neues Abenteuer an der Ostsee. Dieser Roman erzählt episodenhaft vom Leben des jungen und gereiften Gerald, wie er immer neue Herausforderungen sucht, dass ein oder andere Mal scheitert, und doch nie den Mut verliert, wieder aufzustehen. Immer wieder eckt er bei DDR-Funktionären und Bürokraten im vereinten Deutschland an, übersteht aber die Konsequenzen. Selbst als Corona seine Existenz bedroht und er einen schweren Herzinfarkt erleidet, gibt er nicht auf. Er begreift, dass das wichtigste im Leben nicht Ruhm und Anerkennung ist, sondern die Liebe der Familie. "Haus mit Meerblick" ist nicht unbedingt ein Wende- bzw. Coronaroman. Es ist eher ein Roman über die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, tiefer Freundschaft und Glück, für das es niemals zu spät ist.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meine liebe Familie und gute Freunde

Inhalt

Frivolität und Sexgeschichten

Direktor des Kulturhauses

Haus mit Meerblick

Das Buch ist im Handel

Die Frau am Strand

Die Zeit mit Corona

Epilog

Immer wieder kommt er unzufrieden nach Hause. Was soll er nur tun? Seine Arbeit, die ihn viele Jahre ausgefüllt hat, langweilt ihn. Er vermisst die anfänglichen Erlebnisse und Abenteuer, die beruflichen und privaten Herausforderungen. Das täglich Neue, Unbekannte. Die Neugierde auf jeden neuen Tag.

Er hat genug von den Dingen, die sich unweigerlich wiederholen. Und er fragt sich, was er eigentlich aus seinem Leben gemacht hat. Er ist dann in Gedanken in Oebisfelde, seiner Heimatstadt, sieht die Straßen und Plätze seiner Lehrzeit in Stendal, denkt an bestimmte Begebenheiten und Zusammentreffen, hat aber das beunruhigende Gefühl, dass das alles nicht ganz wirklich war. Dass es an ihm vorbeiglitt, ohne ihn mitzunehmen. Und er sinniert, ob es überhaupt stattgefunden hat, fragt sich, ob er überhaupt gelebt oder nur Leben vorbereitet hat. Im besten Fall hat er vielleicht das Leben geprobt.

Was will er eigentlich? Karriere machen? Noch sensationellere Veranstaltungen, noch speziellere Kongresse organisieren, der größte Kulturmanager der Republik sein? Ruhm, Ehre und Anerkennung, immer noch mehr?

Gerald ist jetzt Mitte vierzig, und er möchte etwas tun, was in sich selbst sinnvoll und nicht nur Mittel zum Zweck ist. Wie gern würde er Gedichte schreiben oder einen Roman verfassen, der den Menschen hilft, das Leben zu meistern und glücklich dabei zu sein. Er würde gern Bilder malen, die die Menschen tief in der Seele berühren.

Mehrmals hat er mit dem Schreiben angefangen, es aber nach einiger Zeit wieder aufgegeben. Aus zeitlichen Gründen, wie er meint. Doch viele Künstler haben neben ihrer harten Arbeit nie aufgehört, sich zu verwirklichen. Gerd Gundermann fällt ihm spontan ein. Der Liedermacher hat im Schichtsystem als Baggerfahrer in einem Braunkohlerevier gearbeitet und dabei ans Herz gehende, bleibende Lieder geschrieben.

Wenn er spät abends den Laubenweg zu seinem Haus hochläuft, schaut er in den Himmel. Und ob der nun sternenklar oder tiefschwarz bewölkt ist, immer legt sich etwas Schweres auf sein Gemüt. Es ist ein Dunkel nach dem Ende eines Lebens, ein Dunkel, in dem die Zeit einfach nicht mehr fließt. Er fühlt ein Ende. Etwas ist vorbei. Er hofft, es ist nicht das Leben.

Er erkennt, dass er keine Zeit zu verlieren hat. Jeder Tag, der ins Dunkle fällt, ist für immer verloren.

Ihm werden nun gewisse Dinge mit schmerzlicher Klarheit bewusst.

Sein Herz krampft sich zusammen und droht, seinen Dienst einzustellen. Er atmet tief durch, um weiter zu funktionieren. Er kann nicht so einfach aussteigen, den Stecker ziehen. Dabei fühlt er sich so leer, so ausgelaugt. Bitterkeit und Verzweiflung machen sich in ihm breit.

Die im Dunkeln liegenden Häuser, in denen schon lange das Licht gelöscht wurde, tragen zu dieser Gemütsverfassung bei. Es gibt keine Straßenlaternen, die seinen Weg etwas aufhellen könnten. Mit dem zu Ende gehenden Tag steigt Schmerz wie Nebel von der Erde auf, und Trübsal versperrt den Blick auf schöne Dinge.

Dabei waren sie voller Optimismus gewesen. Sie träumten von einem Haus am See, schauten sich nach Bauplätzen am Barleber See um. Diesen See liebten Gerald und Silvia. Hier hatten sie nach der Trennung von ihren Ehepartnern ihr erstes Liebesnest in einem Bungalow der Motorenwerke.

Jeden Morgen schauten sie beim Frühstück versonnen auf das Wasser. Doch der See durfte nicht mit einem Wohnsitz bebaut werden.

Nach vielen Besichtigungsterminen fanden sie im Magdeburger Stadtteil Krakow ein Plätzchen.

Wie oft ist Gerald während der Bauphase den Laubenweg entlanggefahren und hat sich, vor dem Bauzaun stehend, euphorisch vorgestellt, wie es wohl sein würde, hier zu leben. Mit eigenem Garten direkt am Haus.

Nach Lust und Laune gärtnern. Die Kräuter, das Gemüse und Obst ins Haus holen, je nach Bedarf. Er wälzte wochenlang Gartenzeitungen und gestaltete in seinen Gedanken sein Gartenparadies.

Er sah sich kniend, umgeben von silbrig glänzendem Salbei, duftender Minze und grasgrünem Rosmarin.

In der Hochhaussiedlung Olvenstedt, in der sie damals wohnten, gab es mehr Beton als Grün. Sie schafften sich einen Garten an und lebten den Sommer über in der kleinen Laube. Sie waren dort glücklich und träumten von einem eigenen Haus. Auf Spaziergängen durch Einfamilienhäuser-Siedlungen schauten sie neidisch über die Zäune und bewunderten das Leben der Eigentümer.

Im Sozialismus ein eigenes Haus – in der Regel unerschwinglich. Häuser hatten in der DDR nur Ärzte, Kombinatsdirektoren, Professoren, bekannte Künstler und die Regierenden.

Die SED-Propaganda lenkte die Wohnwünsche der normalen DDR-Bürger geschickt auf eine Neubauwohnung mit Fernheizung und warmem Wasser aus der Leitung. Die sogenannten Plattenbauwohnungen waren begehrt.

Sie waren damals stolz, als sie eine Vierraum-Neubauwohnung zugewiesen bekamen, und das, obwohl sie zu der Zeit nur ein Kind hatten. Einige Nachbarn, die die kleine Familie lange misstrauisch beäugten, mussten glauben, Gerald hätte Beziehungen spielen lassen. Dabei hatten sie einfach Glück, dass bei einem Ringtausch der Wohnungen aus ihren geschiedenen Ehen eine Vierraumwohnung übrigblieb. Als dann sechs Monate später plötzlich ein Kinderwagen vor ihrer Wohnungstür stand, beruhigten sich die Gemüter.

Erst mit der Wende konnten sie sich ihren Traum vom Haus erfüllen.

Gerald denkt jetzt an seine Kinder, die schon seit Stunden im Bett liegen und die er auch morgen wieder nicht sehen wird. Und er denkt an seine Frau, die mittlerweile nicht mehr aufbleibt, um auf ihn zu warten.

Nach seiner gescheiterten Ehe hatte er seine große Liebe gefunden. Jede Trennung, auch nur für Stunden, empfand er als schmerzvoll, und beide sehnten sich nach dem Augenblick, wieder vereint zu sein. Sie liebten sich dann leidenschaftlich und konnten voneinander nicht genug bekommen.

Und er denkt an seine Freunde, die er wegen seines Fulltimejobs im Kulturhaus nicht wiedergesehen hat.

Nach wiederholten Anrufen hatten sie es aufgegeben, ihn zu kontaktieren. Nie hatte er Zeit, sich mit ihnen zu treffen.

Er steht versonnen vor dem weiß verputzten Einfamilienhaus, und als er durch die schneeweiße Gartentür geht, kommt ihm nur seine Bernhardinerhündin Martha entgegen. Sie wedelt einige Zeit halbherzig mit dem Schwanz, umkreist seine Beine und trottet dann müde zurück in ihre Hütte. Er lächelt dankbar über die treue Seele. Nie hat der Hund schlechte Laune, immer freut er sich, ihn zu sehen.

Er weiß, dass dieses Haus mit seinen Bewohnern und seine Tochter aus erster Ehe, die zwischenzeitlich in Frankreich lebt, das Wichtigste in seinem Leben sind. Er weiß, dass er für seine Familie sorgen muss, der Kredit für das Haus muss zurückgezahlt werden.

Er fühlt sich in einer Zwickmühle gefangen. In seinem Job als Kulturhausleiter kann er nicht kürzertreten. Zu viel hängt allein von ihm ab.

Gerade mit dem Einzug des Kapitalismus gierten Investoren aus den alten Bundesländern nach der Immobilie. Nur wenn er das Haus modernisierte, sich mit attraktiven Veranstaltungen in der Bevölkerung unentbehrlich machte und dabei noch wirtschaftlich arbeitete, hatte die Einrichtung eine Überlebenschance.

Einige Jahre lang liebte er seine Arbeit. Er konnte sich keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen. Die Arbeit, oft rund um die Uhr, belastete ihn nicht. Er tat sie gern. Doch da hatte er noch seine erste Frau, die er nach einiger Zeit nicht mehr liebte und irgendwann auch nicht vermisste.

Das änderte sich, als er seine neue Liebe kennenlernte und mit ihr eine neue Familie gründete. Plötzlich gab es etwas Wichtigeres als das Kulturhaus.

Immer noch läuft das Kultur- und Kongresszentrum gut. Ausverkaufte Veranstaltungen, gut gebuchte Tagungen und Seminare, ein hervorragend laufendes Restaurant, und das alles mit sehr guten betriebswirtschaftlichen Ergebnissen.

Eigentlich könnte er zufrieden sein. Er erledigt seine Aufgaben mittlerweile mit eingespielter Routine.

Über die Jahre wiederholten sich die Abläufe, sodass er das Gefühl hatte, es gehe nicht weiter. Der Zeitaufwand blieb allerdings der Gleiche. Fünfzehn-Stunden-Tage, Wochenendarbeit, von einem Familienleben konnte nicht ansatzweise die Rede sein. Und auch für Freundschaften, die vor diesem Job immer für ihn wichtig waren, hatte er nun keine Zeit mehr.

Wenn er mal frei hatte, versuchte er, alles nachzuholen. Zoobesuche, Ausflüge, essen gehen. Doch er spürte, wie er sich immer weiter von seinen Kindern und auch von seiner Frau entfernte.

Wenn sie sich über Freunde, sportliche Wettkämpfe, Probleme in der Schule unterhielten, spürte er, dass er ausgeschlossen war. Er wurde nicht nach seiner Meinung gefragt, man erwartete von ihm keine Hilfe, er war nur Zuhörer.

Dabei waren die beiden Kinder Katja und Maren und auch seine Frau sehr verständnisvoll. Sie bemühten sich herzlich, mit ihm umzugehen, und bedauerten ihn immer wieder, dass er so viel arbeiten musste. »Papa muss arbeiten« war in dieser Zeit der am meisten gebrauchte Satz.

Nachdem er die Haustür hinter sich geschlossen hat, öffnet er jede Nacht vorsichtig die Kinderzimmertüren und schaut in die schlafenden Gesichter. Er kann sich nicht sattsehen. Er lauscht dem ruhigen Atem und deckt sie behutsam zu. Mehr ist nicht möglich. Wie gern hätte er sie geweckt, um wenigstens ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Er denkt dann auch an seine Tochter aus erster Ehe, die er nur noch selten sehen kann.

Er geht langsam, schwerfällig die Wendeltreppe hinab und legt sich still neben seine Frau. Wenn sie ihn bemerkt, dreht sie sich zu ihm und nimmt schläfrig seufzend seine Hand. Gerald kann dann lange nicht einschlafen.

Ihm ist jammervoll zumute. Es ist leicht, am Tage über alles erhaben zu sein, aber nachts ist alles anders. Die Probleme schieben sich zu Bergen zusammen und erdrücken ihn. Ohne die geringste Hoffnung auf Lösung.

Er denkt dabei auch oft an seine Freunde, deren Rat und aufmunternde Worte er schmerzlich vermisst. Mit ihnen war alles so leicht.

Frivolität und Sexgeschichten

Als er nach dem Studium in Berlin Direktor eines der größten Kulturhäuser der DDR wurde, war er happy. Er konnte es nicht glauben, immer wieder meinte er, zu träumen. Auch als der alte Kulturhausleiter ihn an der Hochschule besuchte und ihm die Nachricht überbrachte, war er misstrauisch. Er sollte hundert Mitarbeiter führen? Und vor dem Schulgebäude stand der Mercedes des Ostens, ein rostbrauner Wartburg nebst Fahrer. Der sollte nur ihm zukünftig zu Diensten stehen?

Unglaublich. Sicher hatte er sich öfter vorgestellt, wie es wäre, nicht nur der Arbeiter oder Angestellte zu sein, sondern den Betrieb zu leiten und zu lenken. Mitarbeiter so zu führen, dass das Unternehmen gedeiht und wächst. In dem Werk, wo er als Schlosser arbeitete, hätte er dafür gesorgt, dass immer genügend Material vorrätig war und der Produktionsprozess nicht ins Stocken gekommen wäre.

Er hätte verhindert, dass Arbeiter einfach Werkzeug und Material mit nach Hause nahmen, und er hätte verboten, dass Kollegen unter Alkoholeinfluss an die Maschinen traten. Er hätte die vielen Versammlungen der Partei-, Gewerkschafts- und FDJ-Gruppe und die vielen Pausen in der Arbeitszeit abgeschafft.

Obwohl er glaubte, dass viele seiner Mitstudenten mit ihren schulischen Leistungen und Erfahrungen viel besser geeignet wären, diese Aufgabe zu übernehmen, sollte das jetzt Realität werden?

Ja, er hatte in seinem bisherigen über dreißigjährigen Leben natürlich auch schon etwas vorzuweisen. Nachdem ihn sein Stendaler Betrieb an die Kulturschule Leipzig delegiert hatte, arbeitete er danach als Mitarbeiter eines Stadtkulturhauses und für kurze Zeit sogar als Stellvertretender Leiter im Kulturhaus eines großen Chemiebetriebes.

Aber das nur für kurze Zeit.

Das sollte reichen, um nun ein so großes Haus zu führen?

Als Wolfgang Schlüter, der das Kulturhaus in Magdeburg bereits über zwanzig Jahre leitete, das Hochschulgelände wieder verließ, brach in Gerald ein Jubel aus, der ihn fast zerriss. Erst als er seinem Kommilitonen und Mitbewohner die Neuigkeit aufgeregt mitteilte, wurde er ruhiger.

Hans, zu dem er während des Studiums ein freundschaftliches, ja fast schon brüderliches Gefühl entwickelte, freute sich mit ihm. Er schaute ihn mit leicht angeschrägtem Kopf verschmitzt an, seine Augen strahlten ehrliche Freude aus.

Sein Zimmerkollege klopfte ihm so fest auf die Schulter, dass es wehtat. Wie viele reizvolle Frauen ihm dann wohl unterstellt werden? Welch ein unerschöpflicher Fundus. »Das muss gefeiert werden«, sagte er begeistert und räumte hastig seinen Schreibtisch auf. Obwohl es erst fünfzehn Uhr war und das von der Schule auferlegte Selbststudium noch nicht zu Ende war, packte auch Gerald zögerlich ein. Immer wieder schaute er auf die Zimmertür, hinter der er das Unheil in Form des Seminarleiters erwartete. In ihm arbeitete das schlechte Gewissen. Die Sonne strahlte an dem Tag aber so auffordernd in das gemeinsame Zimmer, dass auch in ihm ein Hauch von Abenteuerlust erwachte.

Er hörte Hans zwischenzeitlich an der Tür des Nachbarzimmers klopfen, und aus dem leisen Murmeln schloss Gerald, dass Hans die gemeinsamen Freunde Horst und Klaus einweihte. Beide stürmten kurz danach mit feierlichen Mienen in das Zimmer und gratulierten Gerald überschwänglich.

Die Zimmer in den Unterkünften waren schmale Handtücher mit jeweils einem Bett links und rechts. Am Fenster stand für jeden ein Schreibtisch und ein Bücherregal, auf dem vorwiegend die Fachbücher ihren Platz hatten. In allen Zimmern: ein fast identisches Bild. Braun eingebundene Bände von Karl Marx und Lenin wurden vom roten wissenschaftlichen Kommunismus und gelben Geschichtsbüchern der Arbeiterklasse flankiert.

Gleich am Eingang stand links ein Kleiderschrank, den sich beide teilen mussten.

Die Tapete mit großen Ornamenten verkleinerte den Raum optisch erheblich. Auch die Tüllgardinen trugen nicht zur Aufwertung bei.

Das Schönste am Zimmer war der Ausblick. In einem kleinen Park standen mehrere Tannen, in denen Amseln und Meisen fröhlich umherflogen und sie morgens mit ihrem Gesang weckten. Aus diesem Grund waren die Gardinen fast immer zurückgezogen.

Klaus und Horst setzten sich erwartungsvoll mit fröhlichen Mienen auf das Bett von Hans, im Rücken ein Wandteppich mit äsenden Rehen auf einer Waldlichtung. Was haben sie gelacht, als Hans den Teppich vor einigen Wochen stolz vorgeführt hatte.

Teppiche an den Wänden kannte man eigentlich nur von den Russen. In den Kasernen, die im Osten Deutschlands fast flächendeckend nach Kriegsende eingerichtet wurden, fehlten sie in keinem Speisesaal oder Kulturraum. Für die Russen, die mehrere Jahre hier Dienst taten, war das ein kleines Stück Heimat. Einigen Deutschen gefiel das. Auch Hans erlag wohl diesem Charme der russischen Innenarchitektur.

Ein Student aus einer nachbarschaftlichen Seminargruppe, der viele Jahre an der deutsch-sowjetischen Erdgastrasse in Sibirien gearbeitet hatte, lobte ihn dafür begeistert. Nur mit Mühe konnte Hans ihn davon abbringen, mit echtem russischem Wodka darauf anzustoßen.

Gerald kann die Gesichter seiner Freunde nach achtunddreißig Jahren noch heute heraufbeschwören. Es ist ihm, als wenn es gestern war. Wenngleich er nicht mehr in der Lage ist, jeden Einzelnen detailliert zu beschreiben, aber das ist ihm weniger wichtig als das Gemeinschaftsgefühl, eine Atmosphäre von Befriedigung, die nicht an nur eine Person gebunden war, sondern zwischen ihnen entstand. Sie erfreuten sich aneinander, und diese Selbstzufriedenheit ergab sich aus dem richtigen Maß an Selbstbewusstsein, gerade so viel, dass sie sich nicht daran störten, was für eine, für sozialistische Verhältnisse zerzauste, bunt zusammengewürfelte, aufgeweckte Gruppe sie darstellten.

Wenn sie zusammen waren, hatte das, was sie noch nicht getan hatten, aber bestimmt tun würden, eine magische Anziehungskraft.

Eigentlich waren sie damals immer auf der Suche nach Frivolität und Sexgeschichten. Das kam noch vor dem Studium, das im Prinzip nur Mittel zum Zweck war.

Als Gerald die Nachricht bekam, dass er einen Studienplatz in Berlin ergattert hatte, sah er nicht nur rauchende Köpfe über Büchern hockend, sondern ein Meer voll Studentinnen so unendlich und unerschöpflich, so süß und begehrenswert.

Sicher könnten viele Studenten die Stirn runzeln, dass er einen Studienplatz blockierte, weil er sich nur für die Frauen interessierte. Heute wird höhere Bildung nur noch als Sprungbrett für eine lukrative Karriere gesehen, aber damals sahen die Freunde das Leben ein bisschen anders.

Alle vier gingen nicht auf die Uni, um sich primär aufs Arbeitsleben vorzubereiten oder den Grundstein für eine Karriere zu legen. Sie wollten nicht lernen, wie sie einen festen Job ergattern, sondern etwas über die Menschen und die Welt erfahren, sich in Beziehungen stürzen und Liebe und Zuneigung der Frauen und tiefe Freundschaften erleben.

An die Zeit nach dem Abschluss verschwendeten sie keinen Gedanken.

Gerade von Studentinnen wussten sie, dass sie offen waren für alles Schöne, nicht zugeknöpft, ebenfalls auf der Suche nach geeigneten Partnern. Eine bessere Möglichkeit, Triebe zu befriedigen und dabei geistige Ansprüche nicht zu vernachlässigen, gab es nicht.

Damals suchten sie nicht den Sinn des Lebens, sondern dessen Leichtsinn. Sie wollten sich verlieben. Immer und immer wieder.

Schon in der Schulzeit lief Gerald wochenlang einem Mädchen hinterher.

Sie war eine Klassenstufe höher und so lieblich anzusehen, dass er an nichts anderes mehr denken konnte. Ihre Figur war Richtmaß der sexuellen Fantasien der Jungs seiner Klasse. Hübsch und kurvenreich, versprach sie endlose Lust.

Er war ein dreizehnjähriger pubertierender Junge, der gerade lernte, was das Wort Sehnsucht bedeutet. Tagelang stand er vor ihrem Haus hinter einer Hecke, um wenigstens einen Blick auf sie zu ergattern.

Diese Zeit gehörte wahrscheinlich zu den bewegendsten Phasen seines Lebens.

Täglich sah er das entzückende Mädchen auf dem Schulhof und oft auf dem Nachhauseweg. Ihr makelloser Körper schwang vor ihm hin und her. Ihre schönen Beine zogen ihn magisch an. Was für ein Mädchen! Wie glücklich wäre Gerald gewesen, wenn er mit ihr hätte gehen können.

Aber er sprach sie nie an, begnügte sich mit einem Blick, dem sie auch anderen Mitschülern schenkte. Er hatte panische Angst, den Mund aufzumachen, weil er befürchtete, dass Falsche zu sagen oder kein Wort herauszubekommen.

Doch das änderte sich bald, denn in den folgenden Jahren wurde er mutiger. Er suchte gezielt den Kontakt zu Mädchen. Keiner musste Gerald lange bitten, in die FDJ zu gehen. Hier fanden die meisten Tanzveranstaltungen statt und die Mädchen sahen in ihren blauen Blusen zum Anbeißen aus.

Auch dem FDJ-Singeklub der Schule trat Gerald, ohne lange zu überlegen, bei. Tummelten sich dort doch die hübschesten Mädchen aus der Abiturklasse!

Dass er Kampflieder der Arbeiterklasse singen musste, störte ihn keineswegs.

Bei Auftritten zur Einstufung des Klubs wurde allerdings wiederholt kritisiert, dass er auf der Bühne nicht hinter den Texten stand und sein Erscheinungsbild nicht mit den vorgetragenen Liedern übereinstimmte.

Das hatte wohl vorrangig nicht nur mit seinen langen Haaren und den engen Jeans, sondern mit seinem gelangweilten, phlegmatischen Gesichtsausdruck zu tun. Dabei wollte er nichts weiter als besonders cool wirken.

Die Lieder, die vom Alltag der Arbeiter im Sozialismus handelten, sollten aber mit Begeisterung vorgetragen werden. Man empfahl ihm, seine Haltung zur Arbeiterklasse zu überdenken.

Dabei war er zu der Zeit selbst Arbeiter, hatte er doch gerade seine Lehre zum Schienenfahrzeugschlosser beendet und war im Reichsbahnausbesserungswerk in drei Schichten tätig. Das ihm diese Arbeit missfiel und er in den Nächten oft Nasenbluten hatte, konnte ja keiner wissen.

Aber vielleicht verzog er deshalb das Gesicht, wenn er über die Erfolge im Produktionsprozess sang. Er spürte die Diskrepanz zwischen Text und Realität. Fast immer hatten sie in der Werkhalle gerade so viel Material, dass sie wenige Stunden arbeiten konnten und die restliche Arbeitszeit regelrecht vergammelten. In den Nachtschichten legten sie sich dann in die Holzwollkisten und schliefen.

Die Freunde beschlossen, umgehend aufzubrechen und das schöne Wetter bei einem Ausflug in das Zentrum Berlins zu genießen.

Da die gesamte Studiengruppe 1A auf einem Flur wohnte, schlichen sich alle vier aus der barackenähnlichen Unterkunft.

Solche vorzeitigen Abbrüche des Selbststudiums kamen immer mal wieder vor, sie hatten darin also Übung. Lärmpegel wie die Schwingtür am Ende des Flurs und die knarrende Hauseingangstür wurden durch behutsam eingespielte Bewegungen im Keim erstickt.

Der Seminarleiter Helmut Jost, der sie mehrmals dabei ertappte, wie sie das Weite suchten, hatte sie ermahnt, vorsichtig zu sein. Er liebte die junge lebenslustige Truppe offenbar und deckte sie, so gut er konnte. Dass sie in den drei Jahren kein Exmatrikulationsverfahren über sich ergehen lassen mussten, hatten sie wohl ihm zu verdanken.

Alle vier waren liebenswerte Zeitgenossen. Sie sahen nur etwas anders als ihre Mitstudenten aus: lange Haare und westliche Mode.

So trug Klaus eine verwaschene Schimanski-Kutte, Horst einen schwarzen Udo-Lindenberg-Hut und Gerald eine runde Beatles-Brille. Nur Hans mit seiner Nappalederjacke sah etwas seriöser aus.

Sie hatten alle eine sportliche Figur und gut aussehende Gesichter, in denen ein lustiger Schnauzbart die Aufmerksamkeit weckte.

Aus den schwarzen Augen von Horst schaute immer der Schalk, und sein ständiges Lächeln machte ihn nicht nur bei den Frauen unwiderstehlich. Auch der gut gebaute Klaus war charmant, konnte aber bei Ärger auch grimmig dreinschauen. Damit hielt er Störenfriede von der Gruppe fern.

Der schlaksige Gerald war da eher der sanfte Typ. Er liebte die Harmonie und war der Schlichter bei Auseinandersetzungen. Und Hans hatte von allem etwas. Er ging souverän durchs Leben und genoss jeden Tag aus vollen Zügen. Er war immer unruhig, wenn gerade nichts lief.

Sie hatten sich gesucht und gefunden. Schon kurz nach der Immatrikulation war ihnen klar, dass sie diese Zeit nicht nur mit Studieren verbringen würden.

Draußen wehte ihnen warme Luft entgegen und sie wussten, die Entscheidung war richtig. Die Sonne schien ihnen in die aufgeregten Gesichter und stachelte ihre Unternehmenslust noch weiter an.

Und auch die Amseln beglückwünschten sie beim Verlassen des Gebäudes flatternd zu ihrem Entschluss.

Gerald mochte solche überirdischen Zeichen. Immer wartete er auf derartige Hinweise. Sonnenschein und Vogelgezwitscher waren eindeutig. Bei Regen, dunklen Wolken und Sturm hätte er seinen Entschluss noch einmal überdacht.

Das Universitätsgelände war gähnend leer, ein Hauch von Mittagsruhe lag über der Hochschule. Offensichtlich hielten sich alle anderen Studenten an die im Lehrplan festgelegten Zeiten. Nur der Pförtner schaute schläfrig aus seiner Luke, grüßte aber mit einem wissenden, verschwörerischen Lächeln.

Auf dem Hochschulparkplatz setzten sie sich in den Trabi von Horst. Hinter ihnen wurde die Hochschule immer kleiner und verschwand bald darauf aus ihrem Blickwinkel. Sie fühlten sich so frei, dass sie anfingen, lauthals Udo Lindenbergs »Andrea Doria« zu trällern. Klaus, der größte Udo-Fan der Gruppe, ließ wie so oft ein Udo-typisches »Dip Dip Didi« hören. Alle vier liebten den Musiker und seinen Freiheitswillen. Sein Lied »Ich mach mein Ding« war ihre Hymne, ihre Lebenseinstellung.

Die einzige Möglichkeit, diese besondere Art von Zufriedenheit heute wiederzubeleben, gibt es für Gerald nur in seinen Gedanken. Ein Wiedererleben ist, da es auf Erwartungen beruht, heute nicht mehr möglich. Die Erwartungen sind für immer verschwunden.

Schmerzlich musste er erfahren, dass sich Erinnerungen nicht wiederbeleben lassen, als sie sich nach dreißig Jahren bei einem Klassentreffen wiedersahen. Es war traurig zu sehen, was aus den Kommilitonen geworden war. Viele, die in der DDR als Funktionär in der Gewerkschaft oder dem Staatsapparat gearbeitet haben, gingen mit der Wende unter. Sie wurden in dem nun vereinigten Deutschland nicht mehr gebraucht! Viele warteten zunächst ab, waren sie doch daran gewöhnt, dass der Staat sich schon kümmern würde. Doch damit verplemperten sie wertvolle Zeit. Als sie dann merkten, dass keiner kam, um ihnen den weiteren Weg zu weisen, war es oft schon zu spät: Sie hatten den Anschluss verpasst, in der Arbeitslosigkeit starben Träume und Sehnsüchte.

Als Gerald in die stumpfen Gesichter schaute, hätte er heulen können. Das Feuer in den Augen von Horst, der mittlerweile viel Fett angesetzt hatte, war erloschen, und auch Klaus hatte sich schon lange aufgegeben. Sein Bierbauch zeugte nicht von Wohlstand, sondern von Frust.

Gerade die beiden waren immer mit Leidenschaft für neue Abenteuer zu haben gewesen und waren Motor und Inspirator der Umsetzung.

Sie saßen am Fenster im Café unter den Linden. Die nachmittägliche Augustsonne tauchte alles in ein grelles Licht. Fast surreal wie bei Filmaufnahmen im hellen Scheinwerferlicht. Wenn jetzt ein Regisseur »Action« gerufen hätte, wäre keiner von ihnen verwundert gewesen.

Eigentlich passte das Licht perfekt zu ihrer Stimmung. In diesem Café hatten sie Erwin Geschonneck mit seiner jungen blonden Frau in einer Ecke sitzen sehen. Sie konnten es nicht fassen, diesem Star der DDR-Filmkunst so nahe zu sein. In ihren provinziellen Heimatorten war diese Chance gleich null.

Sie fühlten sich wie in einer anderen Welt. Im Laufe ihres Studiums sahen sie noch mehr Idole, die sie zuvor nur im Kino oder Fernsehen bewundern konnten. So saß einmal Ekkehard Schall am Nachbartisch und philosophierte offenbar mit einem Kollegen über ein Theaterstück der Berliner Volksbühne. Da er ihnen öfter wohlwollend zunickte, fühlten sie sich selbst im Kreis der Boheme der DDR angekommen.

Dieses »Wirgefühl« war zeitweilig so stark in ihnen, dass sie sich in ihrer Naivität zutrauten, ebenso künstlerisch überzeugend zu wirken. Es fühlte sich auf einmal so leicht an, künstlerische Werke zu erschaffen und damit Erfolg zu haben. Gerald und auch Klaus glaubten naiv an ein Abfärben, ein Überspringen kreativen Potenzials allein durch die Nähe zu diesen Künstlergrößen.

Dabei gab es damals unendlich viele, die in Kunst machten, um dadurch freier zu sein und nicht im sozialistischen Alltag tagein und tagaus einer regelmäßigen stupiden Arbeit nachgehen zu müssen.

Doch die alleinige Anwesenheit von Kunstschaffenden brachte natürlich in keinem der Freunde ein bedeutendes Werk hervor.

Klaus komponierte wochenlang am Klavier im Jugendklub der Hochschule, in dessen Folge ein Lied entstand, das Hans glaubte, schon einmal gehört zu haben, und Gerald schrieb ein paar Gedichte, die er nie jemandem zeigte.