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Beschreibung

I. SPIEGEL BÖSER SELIGKEIT Der erfolgsverwöhnte Wirtschaftsprüfer mittleren Alters Fedor Rautenberg hat praktisch alles erreicht, was man erreichen kann. Angeregt durch Zeitungsberichte über scheiternde Kidnapper in Amerika plant er aus reinem Nervenkitzel eine Entführung in West-Berlin. Er ist sich sicher, dass er die üblichen operativen Fehler zu umgehen weiß. Statt irgendwo eingesperrt zu werden, wird sich das auserkorene Opfer, ein junges Mädchen, in ihn verlieben und sich für ihn zeitweilig verstecken. Auch für die Übergabe des Lösegeldes hat er eine perfekte Lösung ersonnen. Bei der Ausführung erfährt er jedoch, dass ihm nicht nur der Zufallsfaktor Sand ins Getriebe streut. Er verliebt sich seinerseits in sein Opfer. Bei einem abendlichen Ausflug an die Havel, werden die Liebenden von vier Rockern überfallen. Weil er sich der Vergewaltigung seiner Begleiterin widersetzt, wird Rautenberg brutal zusammengeschlagen. Nur knapp gelingt es dem Paar, sich in seinen Wagen zu retten und zu fliehen. Als er nach Tagen in einer Klinik aufwacht, kann er zwar sehen und hören, aber weder sprechen noch sich bewegen. Der behandelnde Arzt schliesst ein ´Locked-in-Syndrom`nicht aus. Wahrscheinlich für immer gelähmt dämmert es Rautenberg, dass er sein Lebensglück selbstverliebter Überheblichkeit geopfert hat. II. HAVELGRAUEN Mit seiner Trompete im Beiwagen auf dem Motorrad unterwegs zu einem Jazzlokal, vereitelt Hauptkommissar Breitkreuz die Vergewaltigung einer jungen Rollstuhlfahrerin, kommt jedoch anschließend nicht mehr dazu, bei seiner alten Jazzband einzusteigen. Ein Dienstanruf beordert ihn an die Havel, wo außer einem Toten ein Schwerstverletzter und vier verbrannte Motorräder aufgefunden wurden. Der Verletzte ist kein, wie erst angenommen, im Wald streunender Penner, sondern ein als Ornithologe getarnter Professor, der seinen Spannergelüsten nachging. Als ergiebige Spur erweist sich erst eine Tätowierung am Arm des Toten, die in die schwer zugängliche Welt eines Bikerklubs im Brandenburgischen führt. Breitkreuz und sein Kollege Lampe können dort zwar in letzter Minute die Hinrichtung des ´klubehrlosen` Haupttäters von der Havel verhindern, nicht aber, dass dieser entkommt und schliesslich sogar den Prignitzsexpress kapert. Die wilde Flucht endet auf dem Neuruppiner Bahnhof, als Breitkreut nicht zögert, die Mittel der inwischen eingetroffenen Polizeimacht rabiat einzusetzen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

SPIEGEL BÖSER SELIGKEIT

II. HAVELGRAUEN

Impressum

HAVELGRAUEN

KRIMINALROMAN

SPIEGEL BÖSER SELIGKEIT

Kapitel I, 1

'Warum nicht ich?' dachte der große Mann und grübelte, in einem Ohrensessel neben seinem Schreibtisch versunken, in den weiten Garten hinaus, wo die Dämmerung still wie ein Blatt Papier über den Rasen und vereinzelte Baumgruppen fiel. Ganz in der Nähe hockten ein paar düstere Gestalten regungslos auf den Ästen einer Birke. Krähen. 'Warum es nicht einfach mal versuchen? Es immer anderen überlas­sen?'

Berlin-Dahlem, hochherrschaftlicher Villenvorort in den frühen neunziger Jahren. Der Mann ließ die Abendzeitung sinken, in der die Verhaftung eines Kidnappers in den USA geschildert wurde. Das bis zur Zahlung des Lösegeldes in einem alten Tiefbun­ker angekettete Opfer hatte körperlich keinen sichtbaren Schaden davonge­tra­gen. Als Tochter eines wohlbetuchten Getränkemagnaten war es, ungeachtet der zent­nerschwe­ren Eisentür, durch die kein Laut nach draußen drang, relativ zuvorkom­mend behandelt worden.

'So lass ich es mir gefallen. Eine ausgezeichnete Idee, dafür ein entlegenes, längst vergesse­nes Betonverlies mit normalem Komfort einzurichten. Bett, Bücher, Butangashei­zung sowie ein paar Lampen nebst Campingtoilet­te und gereinigtem Entlüftungs­schacht, mehr braucht es nicht. Zusammen mit der kaum verfolgbaren Brieftaube und dem exakten 'timing' beim Transport der Lösegelddiamanten brillant. Aber letzten Endes leider dennoch stümper­haft, mit anderen Worten verbess­erungsfähig'.

Er schüttelte seinen Kopf.

'Ein Jammer, dass der Entführer den Rest so verpatzte. Wie kann man nur schon Wochen später eine nagelneue Motorjacht anschaf­fen? Und hohe Schulden begleichen. Nicht zu fassen. Aber das ist es eben. Einen brauchbaren Gedanken haben sie schon, manchmal sogar eine Superidee. Was danach kommt, ist in der Regel freilich unzulänglich Als ob so ein Spatzenhirn von einem einzigen Geistesblitz eliminiert wird, verbogen zu grenzen­loser Dummheit'.

Nachdenklich betrachtete er seine schlanken Finger. Eigentlich zu wohlgefor­mt für einen Mann, fast fraulich. Er stand auf, legte Schubert in die Stereoanlage und kehrte zu seinem Sessel zurück. Die fünfte Sympho­nie huschte in den Raum. Begnadete Musik. War ein perfekt geplantes und durchgeführtes Verbre­chen ohne Gewalt und Blutvergießen nicht irgendwo der Meisterpartitur eines genialen Komponisten ähnlich, ja vergleich­bar? Natürlich! Er schnipste ein paar Mal mit dem rechten Daumen und Mittelfin­ger, als ob seine Einsicht erst soeben zu einem Ents­chluss gereift war. Dabei spielte er seit Jahren mit dem Gedanken. Yes! Er selbst beabsichtigte, ein ihm würdiges Werk zu komponie­ren und zur Aufführ­ung zu bringen. Seine Instrumente würden Witz, Charme, Intelligenz und technisches Können sein. Nicht des Geldes wegen, beileibe nicht, davon besaß er mittlerweile genug. Nein, nein, aber eine perfekt durchdachte ver­sprach unerhö­rten Nervenkit­zel. Gerade das Medienecho würde ihn ablenken, erregen, seine Schmerzen vergessen lassen. Der von Franz Schubert untermalte Gedanke berauschte ihn, durchströmte sein Inneres, als ob ihn ein unterirdischer Fluss überflutete.

Nach den Augenblicken des Hochgenusses erhob sich der große Mann und schlenderte zu seiner in einen altdeut­schen Bauernschrank eingebauten Bar. Er schenkte sich einen jungen holländischen Jenever ein. Ah, verdammt gutes Zeug. Der eisgekühlte wasserklare Hochprozentige brannte einen Moment lang in seiner Kehle wie Jod in einer Schnittwun­de, dann göttlich. Er genehmigte sich noch einen.

'Yes ... eine Entführung in Berlin, im Westteil der alten Reichshauptstadt!'

Die Berliner Philharmoniker setzten sanft zum romantischen zweiten Satz ein. Mit dem kleinen, noch halbvollen viereckigen Glas in der Rechten sank der Mann in den schweren Sessel zurück und ließ seinen noch jugendlich aussehenden Kopf mit den gestoppelt kurzen grauw­eißen Haaren nach hinten gleiten. Kühles schwarzes Ziegenleder schmiegte sich angenehm an seinen Hals. Er schlug seine langen Beine übereinander. Sie passten zu seiner Größe von einmeter­zweiund­neunzig. Den Ausdruck seines Gesichtes mit den schmalen Lippen prägten vor allem spötti­sche braune Augen und ein breiter Unterkiefer, der von Willens­kraft zeugte, doch auch unbekümmer­tes Lachen nicht ausschloss. Davon zeugten viele kleine Fältchen. Ob er lachte, hing von seinen Stimmungen ab, die er keineswegs immer unter Kontrolle hatte. Ebenso wenig wie leider die bohrenden Kopfsch­merzen, die ihn seit einiger Zeit in Wellen heimsuchten und für die es vorerst keine schlüssige Erklärung zu geben schien.

Überarbei­tung? Schnickschnack, es gab wichtigere Ne­bensächlichkeiten. Dieser Tage unter anderem wieder zum Schneider. Der große Mann bevorzug­te dunkelblaue und stahlgraue Maßanzüge, die er in einem exklusiven Atelier fertigen ließ. Fast immer trug er darunter eine Weste aus feinstem dünnen Wildleder, denn in dieser befand sich neben anderen nützl­ichen Kleinigkeiten auch die altmodi­sche goldene Taschenuhr seines Großvaters. Diese war ihm nach dem frühen Tod seines Vaters feierlich übergeben worden. Er liebte diesen schönen Aspekt der Familientra­dition. Wer den hinteren runden Klappdeckel öffnete, konnte in geschwunge­nen altdeut­schen Buchstaben den Familienleib­spruch lesen: 'Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg'.

Der große Mann veränderte die Stellung seiner Beine so, dass sein rechter Knöchel kurz vor dem linken Knie lag. Wenn er es nur richtig plante, würden diese abgebrochenen Studiker, die sich Kriminalisten nannten, ihm niemals hinter die Schliche kommen. Er lachte auf und ließ den restlichen Inhalt seines Schnapsglases hinunterbrennen. Sein eigenes Studium der Wirtschaftswissenschaften hatte er mit glänzenden Resultaten absolviert, obwohl, na ja, vielleicht nur deswegen, weil ihn seine letzte Klassenlehrerin im Gymnasi­um nicht einmal für die Technische Hochschu­le gut zu finden beliebte. Gerade das hatte seinem Ehrgeiz ungeheueren Auftrieb gegeben.

Später hatte er sich hoch geboxt, seinen Weg in der Nachkriegszeit gemacht als Wirt­schaftsprüfer und Steuerberater. Allen hatte er es gezeigt, sich selbst an erster Stelle. Einige seiner Freunde von damals gingen ihm durch den Kopf.

Da war dieser Herbert, wie war doch gleich sein Spitzname? Ach richtig, Do nannten sie ihn, weiß der Teufel warum. An einem Donner­stag geboren? Nun ja, egal, jedenfalls hatte Do Jura studiert und sich dann zu jedermanns Überraschung vor Abschluss des Referendarexamens bei der Kriminalpolizei beworben. Einfach so. Natürlich nahmen sie ihn, wer ging denn schon zur Kripo? Einen Vollidioten hatte er ihn genannt, er verstand es immer noch nicht. Weshalb schmiss ein halbwegs intelligenter Mensch aus verarmt gutbürg­erlichem Milieu fünf Jahre Studium weg? Über die Gründe, die Do in seinem Freundes­kreis herumstreute, konnte er nur lachen. Hastig zusammengekratzte Vor­dergründigkeiten, seiner Meinung nach. Heili­ger Bimbam! Die juristische Hausarbeit gar nicht erst abzugeben, geschweige denn, sich für die Prüfungen anzumel­den. Schön, sein Vater war nach einem plötzlichen Unfall gestorben, die Familie brauchte Geld. Aber das lächerliche eine Jahr hätte er sich doch noch ans Bein binden können? Wenigstens probieren, notfalls durchfallen und noch mal probieren, ja doch? Nein, es musste die Kripo sein. Als ob ihn bei diesen Jägern menschlichen Versagens der Weisheit höchster Schluss erwartete. Und dann glaubte dieser Dussel einem noch vormachen zu können, dass ihn wegen seiner juristischen Vorkenntnisse eine gehobene Beamtenlaufbahn erwartete. Was hieß denn schon gehoben? Anfangsgehalt achthundert Mark netto und später auf Grund zahlloser kleiner Erhöhungen vielleicht einmal maximal tausend? Er selbst verdiente heute mit zweiundvierzig Jahren schon das Vierfache. Das war eine Menge Kohle, und er hatte gute Aussichten auf mehr. Obertrottel!

Irritiert starrte der große Mann seinen Dreitausenmarkschreibtisch an. Warmes Teak auf Mattstahl. Verdammt noch mal, so durfte er nicht denken und schon gar nicht planen. Mit Vorurteilen und Unterstellungen, noch dazu auf wenig repräsentativen Beispielen fußend, würde er von vornherein auf dünnem Eis wandern. Verdrossen trommelten seine Finger den Takt des dritten Satzes mit. Irgendwie beschlich ihn Unbehagen. Er wusste nicht woher und wieso, wahrscheinlich hing dies mit der geistigen Schwelle zusammen, auf die er eben bei sich selbst gestoßen war. So ging das nicht! Er runzelte seine Stirn. Warum knackte das Kaminfeuer so? Obwohl dieses Geräusch zusammen mit dem gelben Licht seiner alten Schreibtischlampe dem Arbeitszimmer eine anhei­melnde Note abendlichen Fleißes gab, störte es ihn unvermittelt. Das Prasseln der Holzscheite klang dem trockenen Bellen schnell aufeinander folgender Schüsse ähnlich, und gleichzeitig fröstelte ihn bei dem Gedanken, dass der freundliche Schein der Lampe durch den mit sorgfältig bearbeit­eter Menschenhaut bespannten Lampen­schirm verursacht wurde. Vielleicht doch keine so gute Idee, damals dieses exotische Souvenir aus Indonesien mitzunehmen.

Ihn fröstelte unvermittelt. Die Symphonie klang auf einmal kalt und unpersönlich, das fahle Perga­ment grinste ihn höhnisch an. Dunkle Schatten tanzten zwischen den Reihen seiner Bücherregale, krochen hinein und wieder hinaus. Ein gespenstisch anmutender Kringel schien sich auf der Decke über dem knatternden Kamin zu einem Fragezeichen zu formen. Überstei­gerte Phantasie? Der große Mann lachte halblaut in sich hinein und steckte sich eine Zigarette mit weißem Filter zwischen die Lippen. Erst das dritte Streichholz zündete. Den ersten Zug inhalierte er wie immer tief, die Augen halb geschlossen. Was war eigentlich mit ihm los? Er musste aufpassen. Da träumte man von einem perfekt komponierten Verbrechen, malte sich die ersten schönen Noten ins Gehirn und war bereits an der kritischen Grenze der eigenen Mentalität angekommen. Angst und Zweifel setzten wie eine natür­liche Bremse ein, um den Sprung aus kalkulierter Phantasie in nüchterne Realität und Verwir­klichung zu verhindern. Doch nichtsdestotrotz. Es gab immer einen Weg.

Was ihn vermutlich von anderen unterschied, war die bewusste Wahrnehmung von Grenzen. Zu der möglichst objektiven Einschätzung seines Spielraumes gehörte das Einkalkulieren polizeilicher Fehlerlosigkeit. Als solche nicht über die Maßen wahrscheinlich, hahaha, aber theoretisch nicht auszuschließen. Überdies schien nur so eine optimale Plan­durchführ­ung gewähr­lei­stet. Er nickte zufrieden. Mit dem jetzt abklingenden Kopfschmerz war alle Bedrückung von ihm gewichen. Voraussetzung musste eine unterstellte Aufklärungsquote von hundert sein, das heißt Plandatum ein störungsfrei ablaufender Polizeiapparat. Dann besaß er eine echte Chance, nicht 'auf­geklärt' zu werden. Und während die Ermittlungen liefen, würde ihn die Spannung angenehm beschäftigen, als wie groß er die Wahrscheinlichkeit auf unfreiwillige Hilfe durch menschli­che Trägheit, Arroganz und Dämlichkeit hätte berücksichtigen dürfen.

Draußen kam ein scharfer Wind auf, der um die Villa pfiff. Der große Mann achtete nicht auf die Geräusche, die altes Laub und zugige Ecken verursachten, er spann weiter am Netz seiner Selbstsicherheit. Diese lächerli­chen, kleinkarierten Verbrecher. Bildeten sich ein, wenn sie erst das Geld hätten, dann ... dann ...! Alles ordneten sie diesem zweitrangigen Gedanken unter, womöglich noch überlagert von dem Glauben an eigene Unfehlbarkeit. Die überheblichen Toren. Schafsk­öpfe mit einer Masche, Pläne wie eine gekochte, beinahe platzende Blutwurst. Tausend Anhaltspunkte: Piekte man an einer Stelle hinein, dann schoss einem augenblicklich der dünne Planbrei entgegen und blieb das Gerippe manch beachtlicher Idee als sinnlose Pelle zurück.

Er stand auf und griff abermals zur tiefgrünen Jeneverflasche. Nur an dem schmalen Flaschenhals konnte der Beerenbranntwein hinaus. Ähnlich musste er sein Projekt gestalten. Alles würde von ihm selbst abhängen, nur ihm oblag es zu denken, zu planen und zu handeln. Ausschließlich sein Mund würde jemals eine Aufklärung einleiten können, wenn überhaupt. Das war gegebenenfalls dem Grad des bereits ausgekosteten Nervenkitzels anzupassen. Mitwisser? Helfershelfer? Dann lieber Totalverzicht. Es musste ohne diese lästigen Statisten gehen. Alberne Schwachköpfe, von vornherein armselige und daher nutzlose Interpreten seiner Partitur.

Sein Blick glitt durch das Arbeitszimmer. Weilte kurz auf dem schweren Perserteppich mit blaugrünen Figuren, ein wohltuender Kontrast zu den weißen Bücherregalen, blauen Vorhängen und schwarz polierten Steinfliesen des Fußbodens. Außer seiner Schreib­tischlampe brannten nur einige Funktionslichter des Stereomusikapparatur. Die beiden anderen Lampen, eine Deckenleuchte aus matt schimmerndem Aluminium und die Stehlam­pe in Form eines übergroßen weißbläulich geschliffenen Glastropfens, schaltete er selten ein.

Warum eigentlich? Was sollte das alles? Was trieb ihn dazu, die Bahnen seines wohlge­ordneten Lebens zu verlassen? Ein Bedürfnis nach Spannung? Er hatte doch alles. Glückliche Familie, soweit er das einschätzen konnte, zwei schöne Frauen und eine Villa mit großem Grundstück in bester Lage, zwei Autos, wobei ihm einfiel, dass gerade wieder ein von Nancy mit dem Porsche ihrer Mutter verursachter Bußbescheid ins Haus geflattert war. Ferner besaß er zwei weitgehend bezahlte Miethäuser, Aktien und vor allem einige finanzielle Beteiligungen, die ihn in Anlegerkreisen wie in Firmenvorständen bekannt, gefragt und gefürchtet gemacht hatten. Wenn er den Vorsitz führte, wurde konzentriert und ohne Leutseligkeiten durchge­hend gearbeitet. Jeder wusste das, und wer in den Sitzungen zu lange unter einer gewissen Produktivitätsgrenze blieb, durfte damit rechnen, eines Tages wie von einer unsichtbaren Hand von den Hebeln zu Einfluss und Macht entfernt zu werden.

'Wir sind hierhergekommen', pflegte er in der Regel nach knapper Begrüßung zur Tagesordnung überzuge­hen, 'um dem Konzern unsere Tantiemen zu verdienen, meine Herren. Heben Sie ergo uns Witzeleien, überflüssige Selbstdarstellungen und dergleichen für Gelegenheiten auf, denen ich nicht beiwohne. Und nun in medias res - zur Sache'.

Gefürchtet in der Tat, das war er, er selbst sah das als Respekt für seine gekonnte Sitzungsführung. Wie so oft bei hochintelligenten Menschen paarte er ein langfristig eher mäßiges Gedächtnis mit fast genialer Kreativität, die seinem Gehirn bei Bedarf blitzschnell Ideen und Lösungen eingab, ihn auf völlig neue Produktionsvorteile kommen ließ, befreit zunächst von nützlichem Ballast. Den wälzten seine Kollegen, soweit nützlich, ohnehin früher oder später aus dicken Unterlagen ans Tageslicht. Scheinbar trockene Fakten und Zahlenreihen fügte er als erster zu kühnen Kausa­litäten und zog schneller als jeder andere daraus den richtigen Schluss.

Unterlie­fen allerdings anderen Teilnehmern Fehler oder Ungenauigkeiten, wies er ohne zu zögern darauf hin. Manche hätten deswegen gern sein Blut getrunken. Rauchwa­ren und Getränke außer Sprudelwas­ser wurden nicht geduldet, obwohl er, außerhalb der Sitzungen, selbst wenigstens eine Packung Zigaretten täglich rauchte und Liebhaber von holländischem Jenever war. Kaffee und Tee gab es ausschließlich in den knapp bemessenen Pausen, Kekse nie. 'Wen es in unseren Gefilden nach sozialem Umgang gelüstet', lautete sein Motto, 'der begebe sich in den Aufsichtsrat eines Kanin­chenzüchtervereins. Oder in den warmen Schoss eines Da­menkränzchens'. Auf diese Weise zwang er jeden, sich kurz zu fassen, das Wesentliche im Auge zu behalten und ohne Abschweifungen auf das Ende der maximal zweistündigen Zusam­menkünfte hinzuarbeiten. Die Resultate waren über­durchschnittlich, und folglich konnte er sich vor lukrativen Angeboten kaum retten.

Und doch steckten unter dieser Maske aus geschäftlichem Erfolg und geistig überlegener Arroganz weiche Kerne, ja vielleicht sogar Komplexe, die, wenn er es sich recht überlegte, ausschließlich seine Frau kannte und richtig zu interpretieren wusste. Das heißt, in gewissem Umfang auch seine Tochter Nancy. Ah, Ellen und Nancy. Er liebte seine beiden Frauen über alles. Wussten sie, dass sie und nur sie seine Quelle von Energie, Ausdauer und Arbeitslust waren?

Die wiedereinsetzenden Kopfschmerzen überfielen ihn wie ein schlagartiger Gewitterregen. 'Verdammt', dachte er, 'schon wieder'. Seit etwa zwei Jahren schluckte er wegen dieser Anfälle in mehr oder weniger großen Abständen Saridon, eigentlich ein Frauenmittel zur Linderung von Monatsbeschwerden. Diese Pillen halfen ihm komischer­weise blendend, er hatte sie an einem der wenigen Partyabende bei sich zu Hause im Medi­zinschränkchen entdeckt, als ihm die üblichen Kopfschmerztabletten ausgegangen waren. Seitdem trug er ständig eine kleine vergoldete Kapsel in der rechten Westentasche, die genügend Vorrat für zwei Dosierungen beherbergte. Auch jetzt nahm er drei der weißen Pillen. Mit der zum Ritual gewordenen Routine des Gewohnheitsverbrauchers ging er zum Fenster und legte beide Handflächen auf die kühlen Scheiben. Zehn bis fünfzehn Sekun­den ließ er so seine Hände erkalten und presste sie danach auf seine pochenden Schläfen, um sich auf die Betäubung des Schmerzes zu konzentrieren.

Vielleicht doch mal einen praktischen Arzt aufsuchen? Er hatte es wiederholt erwogen, aber immer wieder verworfen. Kranksein gehörte nicht zu ihm. Vielleicht einen Spezialisten? Sein guter Freund Robert, der war doch Internist? Ach was, der lachte immer alles weg. Nein, in seiner Familie, auch väterlicher- und mütterlicher­seits, erkrankten von jeher nur die Frauen bisweilen, er selbst schien aus Beton, an das sich Bakterien und Viren vergeblich heranmachten. So lange es nicht schlimmer wurde, war es auszuhalten. Außerdem ebbte der Schmerz bereits weg.

Andererseits ließen sich Restzweifel nicht so leicht wegwischen. Gab es womöglich einen Zusam­menhang mit seinen sich in letzter Zeit nachdrücklicher Bahn brechenden Phantasien und Plänen? Was, wenn eine physiologische Erkrankung in entsprechender Region des Gehirns Hemmsch­wellen beseitigten, seine Psyche veränder­ten? Insbesondere während der schmerzfreien Zeit schien es ihm, als ob geheimnisvolle, nie gekannte zerstörerische Kräfte nach oben drängten, gerade so lange, bis die Kopfschmerzen wieder anfingen und der Lärm eines monoton klopfenden Hammers ihn mit einem Schutzwall umgab. Was war besser, das aufkommen­de Böse gewähren zu lassen, oder Kopfschmer­zen zu erdulden?

'Ach was, hols der Teufel', entschied der große Mann. Da er eine ärztliche Konsultation vorerst ausschloss, blieb ihm nur letztere Alternative. Er sehnte sich nicht nach der Wahrheit einer gründlichen Untersuchung und schreckte entschieden davor zurück, seine Pläne eines Tages möglicherweise nicht mehr geheim halten zu können. Die moderne Medizin bemühte ja heutzutage Psychologen und Neurologen bis zum geht nicht mehr, alles kam auf den Tisch, wurde getestet, befühlt, durchleuchtet und gefragt, besonders wenn man Geld hatte. Nein und nochmals nein, das durfte er nicht riskieren, dafür war er zu massiv in die gesellschaftliche Ordnung integriert, zumindest nach außen hin. Und na ja, so eine kleine Entführung, was bedeutete das schon? Niemandem würde ein Leid geschehen, höchstens ein paar vergleichsweise unzulänglichen Amtsträgern die Augen geöffnet.

Sich selbst beruhigend schweifte sein Blick in den dunklen Park hinaus. Nicht belegte Ängste ließen sich nun einmal leichter verdrängen. Äste schwangen ihre schwarz belaubten Arme unruhig hin und her. Er musste unwillkürlich an einen Tintenfisch denken, der aus einer finsteren Unterwasserhöhle heraus die letzte Ahnungslosigkeit seines Opfers belauerte. Er liebte diese einsamen Stunden in seinem Refugium, besonders wenn wie jetzt der Regen auf das Haus trommelte. Am liebsten würde er durch die breite Terrassentür hinausgehen und trotz der vom Wind gejagten Nässe durchs Gras stapfen. Früher hatte er dann wichtige Erörterungen mit klatschnassen Haaren in die Schreibmaschine getippt. Aber seine liebe Ellen verstand nicht oder wollte mit Rücksicht auf seine Gesundheit nicht verstehen, dass er sich in solchen Moment wie Gott fühlte, erhaben über menschliche Niederungen. Dazu passte kein Regenschirm. Die wild konzertierende Natur umhüllte ihn mit der Illusion totaler Freiheit, spülte alle Schichten des Alltags in unsichtbare Tiefen. Er hatte sich zu dem Versprechen überreden lasen, bei vorkommenden Gelegenheit wenigstens wetterfeste Kleidung zu tragen, doch gerade diese Beschränkung machte die notwendige Spontaneität zunichte. Also blieb er in der Wärme seines punk­tweise beleucht­eten Arbeitsraums, denn er hielt sich streng an Absprachen, so wie er dies auch von anderen erwartete.

Der große Mann steckte beide Hände tief in die Hosentaschen seines teuren Anzugs und wanderte leicht vorübergebeugt eine Acht auf den Teppich zwischen Schreibtisch und Sitzecke. Die Acht war für ihn das Symbol vollkommener Perfektion und Symmetrie. Vor entscheidenden Sitzungen pflegte er sich so zu sammeln, zu entspannen. Auch Di­plomprüfung und Promotion hatten sich danach als Kinderspiel erwiesen. Und nun würde Do einer seiner Feinde werden.

Kapitel I, 2

Die preisgekrönte Villa des großen Mannes lag in Dahlem, der wahrscheinlich schönsten und daher von Bessergestellten unbedingt bevorzugten Wohngegenden im westlichen Berlin. Einger­ahmt von einem weit über tausend Quadrat­meter umfassenden Grundstück mit reichem Baumbestand und einem geheimnisvollen versteckten Teich, erhob sie sich im Gelände einem exklusi­vem überdimen­sionier­ten Schuhkarton gleich, auf dessen Deckel ein Riese mit der flachen Handkante einen Anfall von Bosheit abreagiert hatte und der als Folge davon mit einem Knick in der Mitte auf dem rechteckigen Gehäuse liegenge­blieben war. Vorder- und Rückseite des modernen Baus bestanden, von Blenden und Verstrebungen in leuchtenden Farben abgesehen, aus Glas, so dass sich das exquisite Innere, jedenfalls bei offenen Vorhängen, dem Auge des Betrachters erschloss wie ein geöffneter Mensch in der Anato­mie. Gesch­macksache natürlich. Kleingeister aus der näheren Umgebung nannten das Haus die Protzvitrine.

Vom Wohnzimmer aus, wo teurer Sitzkom­fort und erlesene Antiquitäten die großzügi­gen Abmessungen akzentuierten, führte eine freitragende Treppe aus afrikani­schem Hartholz in die obere Etage mit vier geräumigen Schlafzimmern nebst Bad und Abstellraum. An dieses zweistöckige Gebilde aus Glas, Eisen, Holz und klinkerverkleidetem Stahlbeton lehnte sich in ab­geschrägter Parallele ein zweiter Kasten, gleichsam als ein zu spät gekommener Zwilling, jedoch einstöck­ig. Dieser beherbergte die Garage, eine große Küche, in der sich die Bewohner zu den Mahlzeiten zusammenfanden sowie die Gästetoi­lette. Das Ganze machte zwar einen kostspieligen Eindruck, ließ aber manche der vorbeispa­zierenden Passanten über diesen 'Alptraum' eines Bauherrn vernehmbar spötteln. ´Möcht­est du auf so'm Präsentierteller hocken?`, war zu hören oder auf Berlinerisch: ´der Architekt muss besoffen jewesen sind`.

Den großen Mann amüsierte es, wenn er beim Rasenmähen in die Nähe der schmiedeeisernen Abschirmung zur Straße kam und solche Abfälligkeiten aufschnappte. Da standen sie nun, diese Affen in ihrem billigen Feiertagsstaat wie nach der Kirche, wo sie vermutlich doch nur falsch sangen. Oder glotzten blöde aus der Wäsche, abgemattet vom morgendlichen Gassi gehen mit irgendeinem vierbeinigen Pfiffi, um sich danach wieder in Zwei­raumbehausun­gen mit Ofenhei­zung oder noch weniger zu verkrie­chen. Um sie zu schockieren, pflegte der große Mann, denn es war jedes Wochenende das gleiche Kreuz, sonntags Punkt zwölf das zweite Mal im Wohnzimmer zu frühstüc­ken, wozu er sich bewusst in einen entsetzlich geschmacklos gestreiften Pyjama hüllte, mit dem ihn einmal Tante Klara bedacht hatte. Damit wollte er vorgeben, dass er jetzt erst aufgestanden war und den lieben Gott einen guten Tag sein ließ. Wie ein Kind freute er sich über die draußen ausgestreckten Zeigefinger, die er, je nachdem, ob sie lang, dünn, dick, kurz oder behaart waren, die Säulen von Bürgerlichkeit und Spießertum, Stumpfsinn und Fernsehintelligenz oder Ähnlichem nannte. Zur Identifi­zie­rung benutzte er manchmal einen Feldstecher, mit dessen Hilfe er Knöpfe auf Popeli­nemänteln aus dem Sonderange­bot zählen konnte. Alle Finger wurden ihm gleich lieb, denn sie enthoben ihn der Pflicht, darüber nachzudenken, warum er überhaupt auf derart verworre­ne Gedanken kam. Die ständige Wiederholung des Rituals barg zu viele Variatio­nen albernen Amüsem­ents in sich, als dass er sich seiner Lächerlichkeit hätte bewusst werden wollen.

'Unvorstellbar, dass diese Finger über die Brust einer Frau krabbeln konnten und mit gleicher Begierde in die eigene Nase fuhren wie sie die Geschlech­tsteile eines Partners liebkosten. Dass sie Nüsse knackten, Mülleimer leerten, ein Fieberther­mometer hantierten und …'

Er unterbrach seine erhabenen Denkspiele und nickte einem Ehepaar zu, das einfach und sauber gekleidet am Zaun stehengeblieben war und auf sein Haus wies, obwohl dieses so deutlich dastand, dass es keines besonderen Hinweises bedurft hätte. Der Mann, den schwieligen Händen nach ein Arbeiter, hatte eine sauber gestopfte Wurst untergehackt, deren Zipfelge­sicht reine Mütterlichkeit ausstrahlte, und fuchtelte mit der anderen Hand in der Luft herum. Provozie­rend richtete der große Mann einen Feldstecherblick auf diese geordneten Verhältnis­se. Das Paar wandte sofort seine Augen ab, als hätte es etwas Unrechtes getan. Verlegen­heit oder gar Scham über offen gezeigte Neugier? Nun entfernten sich die beiden, aber nicht zu schnell, vermutlich um nicht den Schein zu wecken, dass sie irgendetwas falsch gemacht hatten. Der große Mann lachte. Auch Ameisen hatten ihren Stolz. Nun gut, man würde sie an dieser Stelle packen können.

Als er Ellen die Hartholztreppe hinunter kommen hörte, drehte er seinen Kopf herum, das Gesicht voller Freude und Zärtlichkeit.

"Na, meine Kleine, schon wach? Nimm dir einen Kaffee, es ist genug in der Kanne".

Während Ellen auf ihn zukam, um ihren Mund auf seine Wange zu drücken, beglückwünsc­hte er sich zu seinem Entschluss, vor vierzehn Jahren um ihre Hand angehalten zu haben. Wie apart und attraktiv sie mit ihren neununddreißig Jahren noch aussah. Knapp Einmeter­siebzig groß, mit makelloser schlanker Figur und der Neigung ihre dunkelbraunen Haare ab und wann zu blondieren. Ihr anziehendes Gesicht war vielleicht nicht ganz regelmäßig zu nennen, übte aber gerade dadurch unwiderstehlichen Charme aus, dem seelenlose Schönheit nichts entgegenzusetzen vermag. Die tiefblauen Augen mit einem Tupfen Grün konnten verführe­risch locken, zärtlich versprechen, aber auch plumpe Vertraulichkeit eiskalt in ihre Schranken weisen. Vor allem liebte er ihre langen schlanken Hände und Beine, deren formvollendete Proportionen durch die Schwangerschaft nichts eingebüsst hatten, und natürlich ihre entzückende kleine Stupsnase. Wie oft hatten sie nicht bis zur Atemlosigkeit gelacht, wenn Ellen, die ihre Gesichtsmuskeln vollkommen beherrschte, wie ein Nilpferd­baby die Nasenlöcher auf- und zusperrte. Der große Mann genoss den Druck ihrer angenehm kühlen und leicht feuchten Lippen.

"Bleibst du heute Abend zu Hause?" fragte sie und kraulte sein Nackenhaar, "wäre schön".

Er zögerte kurz und sagte dann: "Sei mir nicht böse, ich muss noch die nächste Sitzung vorbereiten. Ich hoffe aber, dass mich der Behnisch nicht allzu lange nervt. Na, werd mir Mühe geben".

Ellen wusste, was das bedeutete. Dr. Arthur Behnisch war ein wichtiger Schlüssel zum Betonkon­zern der Nordgruppe, deshalb blieb Fedor zwecks der von ihm begehrten Steigerung seines Einflusses nichts anderes übrig, als ihn rechtzeitig vor den Konfe­renzen zu bearbeiten. Dazu gingen die Herren auch schon mal auf die Bowlingbahn, wenn abendliche Zweiersit­zungen im Büro keinen Mehrwert mehr versprachen. Nach der Art kleingewachsener Männer war Behnisch sich seiner Macht wohl bewusst und kannte er keinerlei Hemmungen, andere mit seiner unangenehmen Stimme wie ein Gockel hackbe­reit anzukrähen. Und so wurde er in Kreisen der Firma denn auch allgemein der Gift­zwerg genannt. Ellen seufzte und nahm einen Schluck leicht dampfenden Kaffees aus der Tasse ihres Mannes.

"Wenn es nach mir ginge, würdest du endlich aufhören mit dieser Extrabelastung. Wir haben doch genug. Wenn wir …, ja, ja, ich weiß", lenkte sie ein, "die Arbeit ist wichtig für dich, du kannst nicht ohne die ständige Hochspannung leben und so weiter und so fort. Ach, Fedor, ich hab' es ja längst eingesehen".

Der große Mann schloss seinen Mund, der zum hundertsten Male die Argumente eines jeden machtbessenen Arbeitstieres ausspucken wollte. Ellen kannte sie auswendig. Da saß nun ihr größtes Kind, ihr Gatte, und bildete sich ein, dass es ohne ihn nicht gehen würde, bei seinem Fehlen alles schief laufen musste. Als ob er das ewige Leben besaß. Ein Herzinfarkt, dann noch einer und dann? Andere Männer brannten vor Ehrgeiz, seine Positionen einzunehmen, und vor allem waren sie

jünger. Alles würde ohne Fedor genauso perfekt ablaufen. Und genau das war es, was sie ihm nicht vermitteln konnte.

"Wäre es nicht möglich, dass du … wenn …", setzte sie noch einmal mit zaghafter Stimme an.

"Ellen, bitte", fiel der große Mann ein, "wenn ich mich jetzt nicht für eine strikte Formulie­rung des kollektiven Arbeitsvertrages einsetze, haben die Firma bei der nächsten Konjunkturdelle ein Problem. Insbesondere der Preisindex für …".

"Ich hör schon auf", lächelte sie, und er sah die leichte Wehmut in ihrem Gesicht. Er liebte sie in diesem Moment mit einer harten, tierischen Begierde, sie war so vernünfti­g, sie schwieg.

Stunden später setzte der große Mann seinen eleganten silbergrauen Mercedes 300 SL aus der Garage. Ein kurzes Winken, ein paar Mal um die Ecke, und dann reihte er sich in das Ver­kehrsgetümmel auf der Clayallee ein, der breiten Verkehrsader, die ab dem ROSENECK den Südwesten Berlins mit seinem westlichen Zentrum verbindet. Während um ihn herum gepresster Stahl kroch, hupte und bremste, zündete er sich eine Kent an. Die lange Zigarette mit ihrem weißen Filter verstärkte seine gute Laune, verlängerte gleichsam die Wirkung seiner Pillen durch die Illusion, die Ursache der Kopfschmerzen an die Windschutzscheibe blasen zu können. Aus dem Autoradio schluchzte Tom Jones einen seiner Welterfolge. Vergnügt summte der große Mann die Melodie mit. Selbstverständlich fuhr er nicht zu Dr. Behnisch. im Übrigen, so übel war der gar nicht. Ein Anruf, ein Wort unter Männern, verständnisvolles Gequäckel am anderen Ende der Leitung reichten völlig aus. Arme Ellen. Die ungewohnte Empfindung, sie irgendwie zu betrügen, wurde jedoch sofort von dem inneren, unbeirrba­ren Drang überlagert, an die Pläne zu denken, wegen derer er überhaupt nur unterwegs war. Hatte er eigentlich seinen Diplomatenkoffer mit? Ah ja, beruhigt entdeckte er den Behälter seiner Requisiten des ersten Tages hinter dem Beifah­rersitz.

Nachdem er an einer Telefonzelle gehalten und Behnisch angerufen hatte, der in der Tat so rasch begriff, dass er nichts zu erklären brauchte, steuerte er den seinen Wagen über den Kurfürstendamm in Richtung Zooviertel. Zweihundert Meter vor der Joachimstaler­straße stieg er aus, weil sich zufällig ein freier Parkplatz anbot. An sich hätte er den Wagen direkt am Bahnhof Zoologischer Garten abstellen und danach zurücklaufen wollen, aber was soll's. Der Plan, seine Partitur, deren bestimmende Elemente er in der letzten Nacht nach zahllosen Vorüberlegungen zusammengefügt hatte, ließ eine gewisse Elasti­zität in der Auslegung zu. Es schien ohnehin besser, an Hand des roten Fadens die Details von den äußeren Umständen und seiner Inspiration abhängen zu lassen. Er schlenderte gemächlich zwischen den eiligen, vom Wohlstand deutscher Mark- und Marktwirt­schaft gehetzten Menschen hindurch. Am zentralen Zeitungskiosk Ecke Augsburger Straße blieb er einen Moment stehen, weil ihn die dort reichlich an der vom Ku'damm abge­wandten stillen Seite ausgehängten Zeitschriften und Bücher sogenannt künstlerisch motivierter Aktfotografie belustigten. Dort stand er nicht lang allein. Ein unscheinbares Männlein von der Familie graue Maus sprach ihn an.

"Wollen Sie Fotos kaufen, mein Herr?" zischelte es. Zugleich schoss eine dunkelbraune Hand in eine fadenscheinige Manteltasche. Der Kopf des Männleins drehte sich ein paar Mal wie das Periskop eines U-Bootes, um die Umgebung zu peilen und nickte befrie­digt. Niemand, der auf sie achtete. Die Hand kroch mit einem kleinen Bündel Papier aus der Tasche.

"Alle in Farbe und nicht gestellt".

Das Männlein schaute voller Hoffnung zu ihm hoch.

Der große Mann lachte. Sah er so aus? Ihm boten sich verschiedene Möglichkeiten. Die Polizei rufen, denn pornographische Darstellungen waren, weiß Gott warum, in Deutschland immer noch verboten, kam nicht in Frage. Das hätte ihn an displazierter Stelle identifiziert. Dem Männlein eine gewaltige Ohrfeige verabreichen? Wozu den bedauernswerten Teufel quälen? Wie leicht konnte dessen ausgemergeltes Periskopen­haupt davonfliegen. Die Fotos kaufen? Null Bedürfnis. Einfach weitergehen? Er beschloss, seiner Natur gemäß die Formen zu wahren. Schließlich war Vertrau­en in ihn investiert worden, das nicht zu enttäuschen ihn nichts kostete. Außerdem hatte er keine Eile und brauchte er das Männch­en nicht für seinen Irrtum zu strafen, den Falschen angesprochen zu haben, und sei es nur durch kränkende Nichtbeachtung. Also blätterte er die bunten Zeugnis­se menschli­cher Lustsug­gestio­nen schnell durch. Nackte Brüste, Hintern, Scheiden und männliche Genitalien klebten in willkürlicher Reihenfolge an hockenden, liegenden, stehenden, sitzenden und knienden Geschöpfen. Die Kommandos des Fotographen hingen noch in der Luft.

'Jetzt lecken, ja, beiß rein, stoß zu, jawohl, greif dir ihre Titten, jaaaa, das Ganze von vorn". Wie ent­setzlich fade!

"Lauter Müll", fuhr er den Schwarzhändler an. Der fuhr einen Schritt zurück, das andere Bein zur Flucht gespannt.

"Von wegen nicht gestellt, ich werde Ihnen zeigen, was … ". Der große Mann hielt inne, weil sein Gegenüber Anstalten machte, um unterzutauchen. Einige Passanten blickten kurz auf, unterbrachen für Sekunden die Gratwanderung ihres Lebens und setzten ihren Weg gleichgültig fort. Anonymität der Masse, immer in Bewegung, immer sterbend. Er ergriff den Mantelkragen des Männleins. Dann zog er seine Börse und klatschte dem zwischen Furcht und Verblüffung schwankenden Lustvertreter einen Fünfzigmarkschein in die rechte Hand, deren Zeigefinger ein schmutziges Pflaster zierte.

"Und nun hören Sie gut zu, Sie lächerliches Würstchen. Sie zerreißen diesen gottver­dammten Mist auf der Stelle und werden ihn dort in den Papierkasten der BVG, verstan­den? Danach machen Sie einen geölten Abgang und haben mich nie gesehen, klar?"

Das Männlein nickte beflissen. Es konnte nicht verhindern, dass in seinen Gesichtsfalten Erstaunen breitmachte, aber es tat hastig, was ihm geheißen war. Danach hüpfte es wie beim BlindeKuhspiel hastig davon.

Der große Mann ergriff seinen Koffer, den er unter dem Schaukasten des Kiosks abgestellt hatte und spazierte die daneben zur öffentlichen Benutzungsanstalt hinunterführende Treppe hinab.

'Hoffentlich habe ich Glück', murmelte er, 'und hockt da unten nicht eine dieser lästigen Groschentanten'. Was würde sie zetern, wenn er als jemand herauskäme, der gar nicht reingegangen war. Womöglich wie eine Henne, der man morgens das erste Ei stiehlt. Schlimmer noch, ihre an Plumps-, Stöhn- und Plätschergeräusche gewohntes Haupt würde diesen merkwürdigen Vorfall sicher nicht vergessen. In dieser Hinsicht war die Partitur unelas­tisch. Sie begann und endete in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt und zwar vorzugsweise ohne Toilettenfrau. Neben hastete eine Nonne ihr wehendes Gewand vorbei, als ob sie den mittelalterlichen Druck noch erreichen wollte, dem sie gerade entstiegen schien. Tja, auch das waren ganz normale Lebewesen mit Inhalt.

Er verlangsamte seinen Schritt. Sollte er, oder sollte er nicht? Würde er seinem Gewissen dauerhaft vertrauen können? Ach was, wozu rühmte man denn sein Durchset­zungs­vermögen? Einmal begonnen, galt es, die Partitur zu Ende zu spielen. Ob er diese bis zum Schluss durchzog, hing allein von ihm ab.

Die Nonne entschwand hinter einer hässlichen giftgrünen Tür, auf die ein genialer Graphiker einen Rock und zwei Zöpfe geklebt hatte. Entschlos­sen griff der große Mann in seine Westentasche und fischte seine Pillendose heraus. Zwei Tabletten ohne Wasser. Kauen und runter mit Speichel. Danach ging er schnell nach rechts und erreichte den Innenraum der Herren­toilette. Ein Blick nach links. Ebenfalls grässlich grün. Tatsächlich, da gluckte ein weißbekitteltes Muttchen auf dem einzigen vorhandenen Stuhl neben einem Tischchen und sortierte Knöpfe von Groschen. Sie achtete nicht auf ihn. Zu beschä­ftigt mit ihrem steuerfreien Nebenverdiensten, also los. Er huschte durch eine der Türen und schob den Riegel zu. Neben ihm seufzte eine dunkle männliche Stimme mit leichtem Kratzeffekt in der Kehle ergebungsvoll auf. Wie eine Mutter, deren Säugling nach anhaltender Rückenklopferei endlich das ersehnte Bäuerchen produzierte, schickte sein Nachbar dann lang gedehnt Explosionen aus dem bekannten Bereich grenzenlose Erleichterung hinterher. Endlich stand der Mann auf, raschelte bis zu den nächsten Blähungen seine Hosen hoch und pfefferte die Tür hinter sich zu. Der große Mann schmunzelte. Man war in Bahnhofsnähe.

Bisher verlief alles zufriedenstellend. Kein Lauscher mehr unmittelbar neben ihm. Er war unbemerkt hineingekommen, und doch gab es um ihn herum genügend Menschen, die allerlei Sorten Gulaschsuppe fallen ließen, oder ihren Strahl stehend in ein streng riechen­des Becken schickten. In seinem Koffer befanden sich die verschiedensten Utensilien, weitgehend ein Sammelsurium aus früheren Faschingsjahren. Drei verschie­den­farbige Perücken und Bärte, Schuheinlagen, die ihn größer erscheinen ließen, Brillen mit Fensterglas, ein alter Regenmantel und diverse Kleinigkeiten. Manches stammte aus seiner Studienzeit, anderes hatte er nach und nach angeschafft, ohne dass er hätte angeben können, was, wann und wofür. Vermutlich eine Schwäche für scheinbar Sinnloses. Kein Mensch außer Ellen wusste von diesem Kram und überdies: wer sollte schon einen Zusammen­hang zu Späterem erkennen?

Er blickte in den mitgebrachten Handspiegel, den er einem krummen Haken in der Tür anvertraut hatte. Hmmm! Er würde sein Gesicht auf jeden Fall unauffälliger machen müssen. Allerdings ohne zu scharfe Kontraste. Die Tarnung musste zu seinem Kopf passen wie organisch gewachsen. Es kam auf Nuancen an, weitaus effektiver als ein über das Gesicht gezogener Nylonstrumpf. Der große Mann setzte eine graue Perücke auf, nachdem er seine eigenen Haare mit etwas Wasser befeuchtet auf den Kopf gedrückt hatte. Nicht schlecht, bestätigte der Blick in den Spiegel. Er zog einen Scheitel und kämmte sich, bis er nur noch totes Haar sah. 'Ja', nickte er. Ein gewöhnlicher Täter mit ähnlichen Plänen würde wahrscheinlich einen schwarzen oder braunem Haarersatz bevorzu­gen und dabei die Gefahr übersehen, dass dieser nicht zu seinem Gesicht passte. Er dagegen begnügte sich mit einem anderen Grauton und dem Scheitel auf der ungewohnten Seite.

'Wirklich nicht schlecht', murmelte er noch einmal und platzierte zwei armband­uhrgroße Halbkugeln aus weichem Gummi in seine Wangentaschen. An Stelle des etwas hageren Gesichts feixte ihn nun wohlgenährtes Aussehen an. Wahrscheinlich würde diese unscheinbare Vorrichtung, zusammen mit einem flachen Gummikissen am Unterkie­fer im Mundbereich, seiner Stimme einen leicht veränderten Klang geben. Schuhe und Mantel waren ruckzuck gewechselt. Ach ja, die Augenbrauen verlangten noch einen dunkleren Ton, wozu er einen entsprechenden Stift hervorkramte. Ausgezeichnet! Zufrieden bückte er sich und rieb eine Prise Schmutz unter seine Fingernägel. Seine Hände durften keineswegs zu gepflegt wirken, aber auch nicht ungepflegt. Der große Mann mit dem neuen Gesicht klappte den Koffer zu, zog vier, fünf Blatt Papier von der Rolle, wischte damit vernehm­lich über seine Hand und warf es in den Klosettpott. Mit dem Rauschen der Spülung trat er hinaus. Niemand achtete auf den gutaussehenden älteren Herren in dem verschlissenen Mantel. Handelsvertreter oder so was in der Richtung. Wenn es nicht so auffällig wirken würde, hätte er sich die Hände gerieben. Im letzten Moment besann er sich.

Verdammt noch mal! Der Koffer. Das fing ja blendend an, fast hätte er ihn stehenlassen. Er fasste sich an den Kopf, machte quietschend auf dem Absatz kehr, denn er trug nun Kreppsohlen, und eilte in die Kabine zurück. Die Tür fiel ins Schloss. Der Koffer stand wartend da. Wütend auf sich selbst setzte er sich auf die Brille, öffnete den Koffer erneut und holte einen alten, aber heilen Schut­zumschlag heraus, den er um den Koffer hüllte.

Die Toilettenfrau quittierte seine drei auf den Teller gelegten Groschen ohne aufzublicken mit einem gleichmü­tigen Dankeschön, das mehr nach Automatismus klang als nach Dank. Dafür brachte der große Mann durchaus Verständnis auf. Dass sie gleichwohl aufpasste wie ein Schiesshund, erfuhr der uniformierte Buschauf­feur, der im Vorbeigehen einen Groschen dazu warf.

"Halt, Sie da! Sie haben sich doch die Hände gewaschen", zeterte die Alte diesem hinterher, 'das kostet noch einmal zwanzig Pfennige".

Gehorsam trabte der Mann zurück.

'Meine Güte', dachte der große Mann, obwohl er sich nun fast unbemerkt davonstehlen konnte, 'Sauberkeit und Hygiene werden auf diese Art und Weise geradezu bestraft'. Eigentlich unverständlich, dass die ohnehin nur recht spärlich vorhandenen öffentlichen Gelegenheiten sich noch immer dieser wenig volkstümlichen Methode bedienten. Wie viele Men­schen würden deshalb vom Austreten noch feuchte Hände drücken, von anderen Lieblich­keiten ganz abgesehen. Andererseits passte dieses provinziale Gehabe ganz in den Nachkriegsrahmen der ehemaligen Weltstadt, in der zu oft altehrwürdi­ge Fassaden mit geschmacklosem glattbuntem Putz bekleistert und viele durchaus noch restaurationswürdi­ge Gebäude auf Geheiß des Senats ganz abgerissen wurden. Wo man ungerührt die klingenden Namen weltbe­kannter Straßenzüge dem Wahn politischer Aktualität opferte. Einmal hatte, unter seiner Mitwirkung, nur eine Bürgerinitiative die Umbenennung des Kaiserdamms in Adenauerallee vereiteln können. Totaler Schwachsinn! Dennoch liebte er seine Geburtsstadt und die Schnoddrigkeit der in ihr lebenden Men­schen.

Als er die breite Treppe wieder hinaufstieg, war es dunkler geworden, und hatte ein feiner Nieselregen eingesetzt. Die Fußgänger eilten schneller als vorher an Leuchtrekla­men, Kinos und Schaufenstern vorbei. Im nass glänzenden Asphalt spiegelten sich Autoschein­wer­fer, Ampeln und die Schatten irdischen Daseins, Briefträger unserer Ideale: Menschen. Er schlug seinen Mantelkragen hoch und steckte seine freie Hand in die Tasche. Die andere hielt das Köfferchen. Von jetzt an war alles verhältnismäßig unkompliziert, soweit es den heutigen Planabschnitt betraf. Er würde zunächst eine Fahrkarte zur Untergrund­bahn lösen und in Zehlendorf aus­steigen. Die Treppe nach unten erforderte keine Minute. Als die Schaffnerin in der Wanne seine Karte lochte, donnerte gerade ein Zug nach Krumme Lanke zischend herein. Hell erleuchtet, sauber, schnell und fast leer. Na wunderbar! Fast bedauerte er, die gelbe Transportschlan­ge nach kaum zwanzig Minuten wieder verlassen zu müssen. Exakt innerhalb der eingeplanten Zeitmarge kam er am U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte wieder auf die Straße. Kurz vor zwanzig Uhr, also bevor die Bewohner des westlichen Stadtrandes zu irgendwelchen Anlässen in die City zu fahren pflegten. Der Abend noch nicht so alt, dass die Vorhänge schon zugezogen waren, aber schummrig genug für ihn, um durch erleuchtete Fenster ungestört in die Wohnzimmer spähen zu können. Seelenru­hig bummelte der große Mann an einer Reihe von freistehen­den Großfamilienvillen entlang. Alles alte verwinkelte Kästen aus Wilhelminischer Zeit. Der Regen schlief ein. Eine sanfte Briese umschmeichelte ihn wie Samt. Die Luft war sauber und mild. Es gab nur wenige Passanten. Sie liefen vorbei wie Mikroben, vom Mitmen­schen registrierte man allenfalls die Bewegung.

Merkwürdig, dass er nicht öfter in diese Gegend kam. Von seiner eigenen Gegend abgesehen wusste er eigentlich herzlich wenig von den Berliner Außenbezirken? Wenig. Doch was soll's. Vielleicht hatte er schon heute Abend Glück. Ihm war klar, dass die größte Herausforderung darin lag, ein geeignetes Entführungsopfer zu finden. Was ihm vorschw­ebte, war ein hübsches junges Mädchen, dessen Elternhaus keinen allzu sympathi­schen Eindruck machte. Am besten ein unerfahrenes, verliebungs­bereites junges Ding zwischen siebzehn und neunzehn, das vielleicht noch die Schule besuchte, aber hie und da schon, na ja, mehr oder weniger unschuldige Freunde hatte,

weil sich das in Schüler­kreisen kurz vor dem Abitur nun einmal so gehört. Möglichst keinen festen Liebhaber. Dazu sollte es ihn wählen. Und wer weiß? Vielleicht konnte er durch sein Zutun gestörte Bande zwischen Kind und Erzeugern wieder aufleben lassen. Doch das war, wie er sich eingestand, mehr Wunschdenken als Voraus­setzung, mehr Entschuldigung als Triebfeder. In jedem Fall galt es, mit einem Minimum an Drohung, Härte und Gewalt auszukommen, um die in jedem Menschen vorhandenen Kerne von Anständigkeit nicht vollends durch 'erzieherisches Auftreten' zu begraben. Schließlich brach er ungebete­nerweise in fremde Verhältnisse ein. Nun, man würde sehen.

Nachdem er die Onkel-Tom-Straße einige hundert Meter heruntergeschlendert war, gelangte der große Mann über einige Seitenstraßen in die Schweitzer Straße, etwa parallel zu seiner ursprünglichen Laufrichtung. Dort erregte schnell ein behäbiges weißes Einfamilienhaus seine Aufmerksam­keit. Die breite, erhellte Fensterfront zur Straße lag offen vor ihm wie die Leinwand eines Lichtspielhauses. Er ärgerte sich als erstes über die schauderhafte Einrichtung. Alle möglichen Stile und Nichtstile waren mit wahllos angehäuften Ge­genständen vertreten und dumpften ohne jede persönliche Note in der an sich schönen, holzgetäfelten Zimmerf­lucht herum. Ein gedrungener Mann mit kurzem Haarschnitt las im Unterhemd Zeitung an einem altdeut­schen Eichentisch, der von einem hauchdünnen Etwas aus Papier beschienen wurde. An die Wand hinter ihm lümmelte sich eine verschla­fene Kuckucksuhr, wie Touristen sie aus Tirol mitbringen. Der Pappteller mit blau­gefärbtem Zuckergebäck, der gerade hereinschwebte, ruhte in den Händen einer mageren Frau, deren dünne braune Haare sich bemühten, zahllose Lockenwickler festzuhalten.

Als sich der große Mann vom Anblick ihres knallro­ten Mi­niröckchens unter schreiend rosa gefärbtem Pullover erholt hatte, bückte er sich zum Namens­schild am Eingangs­tor herunter. McPherson, aha. Amerikaner! Nicht geeignet. Er hatte mehrfach mit der amerikanischen Besatzungsmacht zu tun gehabt, sowohl privat als auch beruflich, und wusste, dass er vor dem falschen Haus stand. Hier wohnten einfache und durchweg gastfreund­liche Angehörige der amerikanischen Streitkräfte, die zwar, solang die Kredit­karte was hergab, mit ihren Dollars um sich schmis­sen, selten aber nennenswerte Vermögenswer­te mit nach Deutschland gebracht hatten. Und zur Weih­nachtszeit ihre Fenster mit wild flackern­den Lichterketten in allen Farben des Regenbogens schmückten. Hallo, Bauchschmerzen! Und welchen Sinn sollte es zudem haben, der Schutzmacht Berlins und damit auch der eingesessenen Bevölkerung der Stadt auf die Füße zu treten?

Der große Mann ging weiter, die Lichtkegel der wenigen Straßenlaternen vermei­dend. Er lachte lautlos und leicht nervös in sich hinein. Spannung, die an die Minuten vor einem entscheidenden Examen erinnerte, kroch seinen Rücken hoch. In welchem dieser Häuser würde sein ahnungsloses Opfer wohnen? Roulette des Bösen mit einem negativen Hauptpreis? Nach etwa achtzig Metern bog er in die Milinowskistraße ein und überquerte den Fahrdamm. Sein Blick glitt an den Fassaden entlang. Kein Zweifel darüber, dass er in einer sehr wohlhabenden Gegend angelangt war. Fast alle Villen verfügten über Garagen, und vor nahezu jedem Eingang standen Zweit- oder gar Drittwa­gen. Die Vordergärten machten bewusst keinen pathologisch gepflegten Eindruck.

Abrupt hielt er inne und lauschte. Eine polternde Männerstimme quälte seine Ohren. Da wurde jemandem offenbar wenig Erfreuliches mitgeteilt. Interessiert ging er auf den Klang zu. Die Töne schienen ungedämpft aus einer hohen Hecke zu dringen. Der große Mann blickte sich schnell um und verschwand, nachdem er kein Schild, das vor bissigen Hunden warnte, entdeckt hatte, durch die offene Garageneinfahrt im Garten. Dem verdächtigen unter seinen Füßen knirschenden Kies wich er seitlich über den Rasen aus. Noch stets sah er vom Haus wenig, aber hinter einigen Tannen und Kiefern lugte gelbes Licht hervor, dem er sich im Schatten der Bäume näherte. Dort stand ein

Flügel­fen­ster im Erdgeschoss weit auf. Der große Mann lehnte eine Schulter so an einen der Baumstämme, dass er selbst im Verborgenen blieb, die Stimme aber verstehen und ihren dickleibigen Inhaber sehen konnte.

"… ich dir schon tausendmal gesagt, kommt ein für alle Mal nicht in Frage", brüllte es in die Abendluft, "und wenn dir das nicht passt, dann zieh doch aus, bitteschön! Wirst schon sehen, was du davon hast".

'Leere Drohungen', dachte der große Mann, 'warum äußert sich ratlose Autorität häufig in Aggression? Weshalb gesteht sie meistens zu spät oder im falschen Moment ihr Versagen ein?' Von dem Monolog angesprochene Personen konnte er nicht ausmachen, doch es schienen derer zwei zu sein, denn der kahlköpfige Hausherr hatte sich, abwechselnd beifallheischende und vor­wurfsvolle Blicke werfend, an zwei hohe Ohrensessel gewandt, die mit dem Rücken zum Fenster standen. Beide in grüner Kordsamtausführung vermutlich mit holzgeschnitzten Armleh­nen.

Der große Mann nahm sein Gegenüber etwas genauer ins Visier. Ein feister Kerl mit fleischi­gen Händen und brutalem Gesicht. Oder nein, vielleicht war es doch mehr eine gewisse Gerissenheit, die sich, vereint mit Rücksichtslosigkeit, zwischen Kehle, Knubbel­nase und Augenbrauen angesiedelt hatte. Aus seinem braungestreiften glänzen­den Anzug fummelte der Mann jetzt ein kariertes Taschentuch hervor und putzte sich die Spucke von den Lippen. Es wurde wohltuend still. Der Familienvater stopfte das Taschentuch zurück in seine Hosenta­sche und begann mit auf dem Rücken verschränkten Armen einen Rund­marsch durchs Wohnzimmer. Ab und wann nickte er zustimmend, denn jetzt erscholl aus dem Sessel zur Linken eine blasierte weibliche Stimme, die auf den Sessel zur Rechten einsprach. Nicht alles war verständlich, darum beugte der große Man sich vor, um wenigstens andeutungsweise aufzufangen, worum es ging.

"… nicht so undankbar … dein armer Vater … weißt du eigentlich … arbeiten muss, und wenn er nicht …wirklich … wirst du später noch einmal bereuen …", brach die Frauen­stimme unvermittelt ab. Offenbar war das der Sprecherin Wesentliche gesagt.

Verschmolzen mit den hohen dunklen Tannen grinste der große Mann vor sich hin. Von Freud waren dergleichen Einsichten wahrlich nicht. Herrjehminee, dass manchen Eltern auch nichts Besseres einfiel als diese verschlissene Argumentationsschiene. Trotzdem legte er eine Hand hinters Ohr. Vielleicht sah oder erfuhr er noch Wichti­ges. In dem Fall hätte er mit viel Massel bereits einen wichtigen Teil seiner Partitur erfüllt, war sein Opfer schon gefun­den. Hoffentlich ein junges Mädchen, oder war das zuviel verlangt? Gespannt harrte er der Dinge, und schließlich wurde seine Geduld belohnt. Er bog sich auf Zehenspitzen weit vor.

Zuerst erblickte er einen langmähnigen blonden Haarschopf, dann einen roten Schmollmu­nd in einem sorgfältig zurechtgemachten jungen Gesicht, das seiner Meinung nach einer bescheidenen Mahlerpalet­te zur Ehre gereicht hätte. Bläuliche Lidschat­ten, schwarze Augenbrauen und so. Alles vielleicht eine Spur übertrieben. Und doch, Himmelsakrament noch mal! Selbst aus dieser Entfernung traf ihn die Erscheinung des jungen Geschöpfes, als es sich aufstehend räkelte, wie ein Schlag. Ein Gesicht mit fast magischer Anzie­hungs­kraft. Einfach bezau­bernd schön, mit soviel geheimnisvol­ler, sinnlicher Wehmut in den Zügen, dass er sich den Poltergeist unmöglich als Vater vorstellen konnte und schwach in den Knien wurde. Unwiderstehlich zog es ihn näher heran, doch bedachte er sich im letzten Moment. Er sah auch so genug, wenn er die Augen zusammenkniff. Das Mädchen trug einen lila Pullover, der sich leicht nach oben kräuselte. Darunter folgten ein Streifen brauner Haut und eng ansitzende weiße Jeans. 'Mein Gott', gestand er sich ein, 'alles was recht ist, das war wahrhaftig das lebendige Gegenteil von dem, was man schlechten Geschmack und eine unvorteilhafte Figur nennen konnte'. Und ach, die Schminke, na ja, die verstand sich natürlich in dem Alter als eine Art Protestbe­malung. Sei's drum!

Verdammt, war das Stehen anstrengend. Er verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein. Ein dicker Wassertropfen klatschte spürbar auf seine Perücke, dann noch zwei, aber die Nässe drang nicht durch. Das Mädchen musterte seine Eltern mit einem schnippi­schen Ausdruck und schwieg. Vermutlich nicht die erste Unterre­dung dieser Art. Dann zuckte es die Achseln und verließ das Wohnzimmer durch eine mattweiss gestri­chene Holztür mit goldfarbener Klinke. Jammerschade, dass er seine Stimme nicht gehört hatte. Immerhin, der Abend war ein Erfolg. Eine potentielle Entführungsperson gefunden, die blendend aussah und deren Eltern, noch wichtiger, ihn wohl kaum zu Gefühlen spontanen Mitleids zu inspirieren vermochten. Nein, denen gegenüber würde er sich nicht schuldig zu fühlen brauchen. Das heißt, zugegeben, die Mutter musste vor Jahren natürlich eine attraktive Frau gewesen sein. Von nichts kommt nichts. Aber ewig diese Leier eingestaubter Vorwürfe. Erfahrung war nun einmal in einem gewissen Alter selten mitteil­bar, in Reinform vielleicht sogar nie. Arm konnten die Leute nicht sein, davon zeugten Haus und Garten. Gleichwohl würden die tatsächlich­en Vermöge­nsverhältnisse genauer zu klären sein. Fünfzigtausend Mark, auf die Schnelle zu zahlen, waren kein Pappenstiel.

Bevor er den Garten wieder verließ, schaute er sich nach allen Seiten um. Er nahm den Koffer auf und zog wegen möglicher Fußabdrücke sein rechtes Bein ausgestreckt ein paar Mal wie ein Harke über den Fleck Erde, auf dem er gestanden hatte. Wozu einem Gärtner unnötig Kopfzerbre­chen bereiten? Beim Verlassen des Grundstücks nutzte er wie gehabt die schwarze Finsternis unter den Bäumen, vermied möglichst auch den Kiesweg. Draußen auf dem Gehsteig bückte er sich und prägte sich das Namensschild an der nach innen aufstehenden Gartenpforte ein. Konsul Adalbert F. Herbst. Aha, soso, der Autohändler mit dem Riesenladen am Kudamm und eigenem Gestüt im Grünen. Stadtbekannt. Der scheffelte das Geld nur so und fand es angemessen, als Vertreter irgendeiner Republikwinzigkeit seiner Eitelkeit zu frönen. Konsul Herbst, der Lackaffe. Volltreffer! Er beglück­wünschte sich.

In aller Ruhe schritt er dann davon, gerade wie ein alter Freund des Hauses, den man nicht mehr hinauszugeleiten brauchte. Weit und breit war zwar kein Mensch zu sehen, aber früher oder später würde ihn natürlich jemand bewusst wahrnehmen. Deshalb sein Bestreben, ganz normal zu wirken. Man konnte nie sicher sein, vielleicht starrte just in diesem Moment ein schlafloser Nachtgeist zum Fenster hinaus.

---ENDE DER LESEPROBE---